Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 58
»Welch ein Unglück, daß ich ein solches Autographon nicht behalten kann,« sagte Balsamo, »und besonders, daß ich es nicht kann durch sichere Hände in die Hände des Königs gelangen lassen!«
Fritz erschien nun vor ihm.
»Wer ist da?« fragte Balsamo.
»Eine Frau und ein Mann.«
»Sind sie schon hier gewesen?«
»Nein.«
»Kennst Du sie?«
»Nein.«
»Ist die Frau jung?«
»Jung und hübsch.«
»Der Mann?«
»Sechzig bis fünfundsechzig Jahre.«
»Wo sind sie?«
»Im Salon.«
Balsamo trat ein.
LXXXIV.
Die Beschwörung
Die Gräfin hatte ihr Gesicht gänzlich unter einem Ueberwurf verborgen; da ihr noch Zeit geblieben war, sich in das Familienhotel zu begeben, so war ihre Tracht die einer gewöhnlichen Bürgerin.
Sie war in einem Fiacre mit dem Marschall gekommen, der sich, noch furchtsamer, grau gekleidet hatte, wie ein höherer Bedienter von gutem Hause.
»Herr Graf,« sprach Madame Dubarry, »erkennen Sie mich?«
»Vollkommen, Frau Gräfin.«
Richelieu blieb zurück.
»Dieser Herr ist mein Intendant,« sagte die Gräfin.
»Sie irren sich, Madame,« entgegnete Balsamo sich verbeugend, »es ist der Herr Marschall Herzog von Richelieu, den ich ganz genau erkenne, und der sehr undankbar wäre, wenn er mich nicht erkennen würde.«
»Wie so?« fragte der Herzog, ganz aus der Fassung gebracht.
»Herr Herzog, ich denke, man ist denjenigen, welche uns das Leben gerettet haben, einige Dankbarkeit schuldig.«
»Ah! ah! Herzog,« rief die Gräfin lachend, »hören Sie, Herzog?«
»Sie haben mir das Leben gerettet, mir, Herr Graf?« fragte Richelieu erstaunt.
»Ja, Monseigneur, in Wien, im Jahr 1725, zur Zeit Ihrer Ambassade.«
»Im Jahr 1725! Damals waren Sie noch nicht geboren, mein lieber Herr.«

Lächelnd erwiederte Balsamo:
»Mir scheint doch, Herr Herzog, da ich Sie sterbend oder vielmehr todt auf einer Tragbahre fand; Sie hatten einen Degenstich durch die Brust bekommen, dergestalt, daß ich Ihnen drei Tropfen von meinem Elixir auf die Wunde goß . . . Hier, sehen Sie, auf der Stelle, wo Sie Ihre, für einen Intendanten etwas reiche Spitze zerkrümpeln.«
»Aber Sie sind höchstens dreißig bis fünfunddreißig Jahre alt, Herr Graf,« unterbrach ihn der Marschall.
»Ah! Herzog,« rief die Gräfin, »Sie stehen nun vor dem Zauberer, glauben Sie es?«
»Ich bin ganz erstaunt, Gräfin. Aber,« fuhr der Herzog sich an Balsamo wendend fort, »aber dann heißen Sie . . .«
»Oh! wir Zauberer verändern, wie Sie wissen, Herr Herzog, den Namen in allen Generationen; 1725 aber waren die Namen in us, in os und in as in der Mode, und ich würde mich nicht wundern, wenn es mir im Jahr eingefallen wäre, meinen Namen gegen einen griechischen oder lateinischen zu vertauschen . . . Hienach bin ich zu Ihren Befehlen. Frau Gräfin, und auch zu den Ihrigen, Herr Herzog.«
»Graf, wir kommen, um Sie um einen Rath zu fragen, der Marschall und ich.«
»Sie erwiesen mir viel Ehre, Madame, besonders wenn Ihnen dieser Gedanke auf einem natürlichen Wege gekommen ist.«
»Auf dem allernatürlichsten der Welt; Ihre Weissagung geht mir durch den Kopf, nur bezweifle ich, daß sie sich verwirklicht.«
»Zweifeln Sie nie an dem, was die Wissenschaft sagt.«
»Oh! oh!« machte Richelieu, »unsere Krone steht auf dem Spiel, Graf . . . Es handelt sich hier nicht um eine Wunde, die man mit drei Tropfen Elixir heilt.«
»Nein, sondern um einen Minister, den man mit drei Worten stürzt,« erwiederte Balsamo; »nun, habe ich errathen? sprechen Sie.«
»Vollkommen,« sprach die Gräfin ganz zitternd.
»In der That, Herzog, was sagen Sie zu dem Allem?«
»Oh! staunen Sie nicht über so wenig, Madame,« rief Balsamo; »wer Madame Dubarry und Richelieu unruhig sieht, muß errathen warum ohne Zauberei.«
»Ich werde Sie auch anbeten, wenn Sie uns das Gegenmittel bezeichnen,« sagte der Marschall.
»Gegen die Krankheit, an der Sie leiden?«
»Ja, wir haben den Choiseul.«
»Und Sie möchten gern von ihm geheilt sein?«
»Ganz richtig, großer Zauberer.«
»Herr Graf,« sprach die Gräfin, »Sie werden uns nicht in dieser Verlegenheit lassen: es handelt sich um Ihre Ehre.«
»Ich bin ganz bereit, Ihnen nach meinen besten Kräften zu dienen, Madame; doch möchte ich gern wissen, ob sich der Herr Herzog nicht auf dem Wege hierher einen festen Gedanken gemacht hat.«
»Ich gestehe es, Herr Graf . . . Meiner Treue, es ist reizend, einen Zauberer zu haben, den man Herr Graf nennen kann man braucht dabei nicht von seinen Gewohnheiten abzugehen.«
Balsamo lächelte.
»Auf denn, seien Sie offenherzig,« sagte er.
»Auf Ehre, ich will nichts Anderes,« rief der Herzog.
»Sie wollen mich um einen Rath fragen?«
»So ist es.«
»Ah! Duckmäuser! davon hat er mir nichts gesagt,« rief die Gräfin.
»Ich konnte das nur dem Herrn Grafen sagen, und dies nur in die geheimsten Höhlen des Ohrs,« erwiederte der Marschall.
»Warum, Herzog?«
»Weil Sie bis unter das Weiße der Augen erröthet wären, Gräfin.«
»Ah! ich bin doch neugierig, Marschall, sprechen Sie immerhin, ich habe Schminke, und man wird nichts sehen.«
»Nun wohl!« sagte Richelieu, »hören Sie, woran ich gedacht habe. Nehmen Sie sich in Acht, Gräfin, Ich setze mich über alle Bedenklichkeiten weg.«
»Immer zu.«
»Oh! Sie werden mich, schlagen, wenn ich sage, was ich sagen will.«
»Sie sind nicht gewohnt, geschlagen zu werden, Herr Herzog,« sagte Balsamo zu dem alten Marschall, der über dieses Compliment entzückt war.
»Wohl also,« sagte er, »hören Sie: möge es Madame nicht mißfallen, Seine Majestät . . . wie soll ich es denn sagen?«
»Er ist doch zum Sterben langsam,« rief die Gräfin.
»Sie wollen es also?«
»Ja.«
»Durchaus?«
»Ja, hundertmal ja.
»Dann wage ich es. Es ist sehr traurig, zu sagen, Herr Graf; aber Seine Majestät ist nicht mehr unterhaltbar. Das Wort ist nicht von mir, Gräfin, es ist von Frau von Maintenon.«
»Darin liegt nichts Verletzendes für mich,« sprach Madame Dubarry.
»Desto besser! desto besser! dann werde ich mich bequemer fühlen. Nun! der Herr Graf, der so gute Elixire findet, müßte . . .«
»Müßte eines finden, das dem König die Fähigkeit, unterhalten zu werden, verleihen würde.«
»Ganz richtig.«
»Ei! Herr Herzog, dies ist eine Kinderei, das ABC des Handwerks. Der erste der beste Charlatan wird einen Liebestrank finden.«
»Dessen Kraft man dem Verdienste von Madame zuschreiben wird,« fügte der Herzog bei.
»Herzog!« rief die Gräfin.
»Ei! ich wußte wohl, Sie würden sich ärgern; doch Sie haben es gewollt.«
»Herr Herzog,« erwiederte Balsamo, »Sie haben Recht gehabt: die Frau Gräfin erröthet, doch wir sagten so eben, es handle sich hier nicht um eine Wunde; nicht um Liebe. Nicht durch einen Liebestrank werden Sie Frankreich von Herr von Choiseul befreien. In der That, liebte der König Madame zehnmal mehr, als er sie liebt, was unmöglich ist, so würde doch Herr von Choiseul den blendenden Einfluß auf seinen Geist behalten, den Madame über sein Herz ausübt.«
»Das ist wahr,« sagte der Marschall, »doch dies war unser einziges Mittel.«
»Sie glauben?«
»Verdammt! finden Sie ein anderes.«
»Oh! mir dünkt, die Sache ist leicht.«
»Leicht, hören Sie, Gräfin! diese Zauberer finden kein Bedenken.«
»Warum ein Bedenken, wenn es sich einfach darum handelt, dem König zu beweisen, daß ihn Herr von Choiseul verräth . . . wohlverstanden, aus dem Gesichtspunkt des Königs, denn Herr von Choiseul glaubt ihn nicht zu verrathen, indem er thut, was er thut.«
»Und was thut er?«’
»Sie wissen das eben so gut als ich, Gräfin; er unterstützt die Empörung des Parlaments gegen das königliche Ansehen.«
»Allerdings, doch man müßte wissen, durch welches Mittel.«
»Durch das Mittel von Agenten, welche diese Leute ermuthigen, indem sie ihnen Straflosigkeit versprechen.«
»Wer sind diese Agenten? Das müßte man wissen.’’
»Glauben Sie zum Beispiel, Frau von Grammont sei aus einem andern Grunde abgereist, als um die Warmen zu exaltiren und die Furchtsamen zu erhitzen?«
»Sicherlich ist sie aus keinem andern Grunde abgereist,« rief die Gräfin.
»Ja, aber der König sieht in dieser Reise nur eine einfache Verbannung.«
»Das ist wahr.«
»Wie ihm beweisen, daß etwas Anderes darin liegt, als das was man sehen läßt?«
»Dadurch, daß man Frau von Grammont anklagt.«
»Ah! wenn es sich nur einfach darum handelte, sie anzuklagen,« sagte der Marschall.
»Es handelt sich leider darum, die Angabe zu beweisen,« sprach die Gräfin.
»Und wenn diese Anklage bewiesen, klar bewiesen würde, glauben Sie, Herr von Choiseul würde Minister beiden?«
»Gewiß nicht!« rief die Gräfin.
»Es handelt sich also nur darum,« fuhr Balsamo mit Sicherheit fort, »es handelt sich nur darum, einen Verrath von Herrn von Choiseul zu finden und ihn klar, scharf und greifbar vor den Augen Seiner Majestät herauszustellen.«
Der Marschall warf sich in seinen Stuhl zurück und brach in ein schallendes Gelächter aus.
»Er ist reizend!« rief er, »er findet kein Bedenken, weicht vor nichts zurück! Herrn von Choiseul bei einem Verrath auf der That ertappen . . . das ist Alles . . . nicht mehr . . .«
Balsamo blieb unempfindlich und wartete, bis der Anfall der Heiterkeit beim Marschall vorüber war.
»Auf,« sagte Balsamo sodann, »sprechen, wir im Ernste, und durchgehen wir die Sache noch einmal.«
»Es sei.«
»Steht Herr von Choiseul nicht im Verdacht, er unterstütze die Rebellion des Parlaments?«
»Das ist abgemacht, doch der Beweis?«
»Nimmt man von Herrn von Choiseul nicht an,« sprach Balsamo, »er führe einen Krieg mit England herbei, um sich die Stelle des unentbehrlichen Mannes zu erhalten?«
»Man glaubt es. doch der Beweis?«
»Ist Herr von Choiseul nicht der erklärte Feind der Frau Gräfin, hier, und sucht er sie nicht durch alle mögliche Mittel von dem Thron zu stoßen, den ich ihr versprochen habe?«
»Ah! das ist sehr wahr,« sagte die Gräfin; »doch man müßte es abermals beweisen . . . Oh! wenn ich das könnte!«
»Was braucht man hiezu? Eine Erbärmlichkeit.«
Der Marschall blies über seine Nägel hin.
»Ja, eine Erbärmlichkeit,« sagte er ironisch.
»Einen vertraulichen Brief zum Beispiel,« sprach Balsamo.
»Mehr nicht . . . das ist nicht viel.«
»Einen Brief von Frau von Grammont, nicht wahr, Herr Marschall?« fuhr der Graf fort.
»Zauberer, mein guter Zauberer, finden Sie doch einen,« rief Madame Dubarry.
»Seit fünf Jahren trachte ich darnach; ich habe jährlich hundert tausend Livres ausgegeben und habe es doch nicht zu Stande gebracht.«
»Weil Sie sich nicht an mich gewendet haben, Madame,« sagte Balsamo.
»Wie so?« versetzte die Gräfin.
»Allerdings, wenn Sie sich an mich gewendet hätten . . .«
»Nun?«
»So hätte ich Sie der Verlegenheit entzogen.«
»Sie?«
»Ja. ich.«
»Graf, ist es zu spät?«
Der Graf lächelte.
»Nie.«
»Oh! mein lieber Graf,« rief Madame Dubarry die Hände faltend.
»Sie wollen also einen Brief?«
»Ja«
»Von Frau von Grammont?«
»Wo möglich.«
»Der Herrn von Choiseul in den genannten Punkten compromittirt?«
»Ich gebe . . . eines meiner Augen, um ihn zu sehen.«
»Oh! Gräfin, das wäre zu theuer, um so mehr, als ich Ihnen diesen Brief . . .«
»Diesen Brief?«
»Umsonst gebe.«
Balsamo zog aus seiner Tasche ein viereckig zusammengefaltetes Papier.
»Was ist das?« fragte die Gräfin das Papier mit den Augen verschlingend.
»Ja, was ist das?« fragte der Herzog.
»Der Brief, den Sie wünschen.«
Und unter dem tiefsten Stillschweigen las der Graf den zwei erstaunten Zuhörern den Brief vor, den unsere Leser schon kennen.
Während er las, riß die Gräfin die Augen immer weiter auf und fing an die Haltung zu verlieren.
»Teufel, das ist eine Verleumdung, nehmen wir uns in Acht,« murmelte der Herzog, als Balsamo geendigt hatte.
»Herr Herzog, es ist die reine, einfache, buchstäbliche Abschrift eines Briefes der Frau Herzogin von Grammont, den ein Courier diesen Morgen in Rouen in Empfang genommen hat und dem Herzog von Choiseul in Versailles zu überbringen im Begriff ist.«
»Oh! mein Gott!« rief der Marschall, »sprechen Sie wahr, Herr Balsamo?«
»Ich spreche immer die Wahrheit, Herr Marschall.«
»Die Herzogin sollte einen solchen Brief geschrieben haben?«
»Ja. Herr Marschall.«
»Sie sollte so unklug gewesen sein?«
»Ich gestehe, es ist unglaublich, aber es ist so.«
Der alte Herzog schaute die Gräfin an, welche nicht mehr die Kraft hatte, ein Wort auszusprechen.
»Nun!« sagte sie endlich, »verzeihen Sie, Herr Graf, ich muß gestehen, es geht mir wie dem Herrn Herzog, ich habe Mühe, zu glauben, daß Frau von Grammont, ein Weiberkopf, ihre ganze Stellung und die ihres Bruders durch einen Brief von dieser Stärke gefährdet haben soll . . . Ueberdies muß man einen solchen Brief, um ihn zu kennen, gelesen haben.«
»Und dann,« fügte der Marschall hastig bei, »wenn der Herr auch diesen Brief gelesen hätte, so würde er ihn behalten haben: das ist ein kostbarer Schatz.«
Balsamo schüttelte sanft den Kopf:
»Oh! mein Herr,« sagte er, »dieses Mittel ist gut für diejenigen, welche die Briefe entsiegeln, um Geheimnisse zu erfahren, und nicht für diejenigen, welche, wie ich, durch die Umschläge lesen . . . Pfui doch . . . Welches Interesse sollte ich übrigens haben, Herrn von Choiseul und Frau von Grammont zu Grunde zu richten? Ich denke, Sie kommen, um mich als Freunde um Rath zu fragen; ich antworte Ihnen auf dieselbe Weise. Sie wünschen, daß ich Ihnen einen Dienst leiste, ich leiste ihn . . . Ich hoffe, Sie wollen mir nicht einen Preis für meine Consultation antragen, wie den Wahrsagern des Quay de la Ferraille.«
»Oh! Graf!« rief die Herzogin.«
»Wohl! ich gebe Ihnen einen Rath, und mir scheint, Sie begreifen ihn nicht. Sie drücken den Wunsch gegen mich aus, Herrn von Choiseul zu stürzen, und suchen die Mittel hiezu; ich führe Ihnen eines an, Sie billigen es, ich gebe es Ihnen in die Hand, Sie glauben nicht daran.«
»Weil . . . weil . . . Graf . . . hören Sie.«
»Der Brief ist vorhanden, sage ich Ihnen, da ich ihn abgeschrieben habe.«
»Aber wer hat Sie benachrichtigt, Herr Graf?« rief Richelieu.
»Ah! das ist das große Wort . . . man hat mich benachrichtigt? In einer Minute wollen Sie Alles so genau wissen, als ich, der Arbeiter, der Gelehrte, der Weise, der drei tausend sieben hundert Jahre gelebt hat.«
»Oh! oh!« sprach Richelieu entmuthigt, »Sie verderben mir die gute Meinung, die ich von Ihnen hatte, Graf.«
»Ich bitte Sie nicht, mir zu glauben, Herr Herzog, und ich bin es nicht, der Sie bei der Jagd des Königs aufgesucht hat.«
»Herzog, er hat Recht,« sagte die Gräfin; »Herr von Balsamo, ich bitte Sie, werden Sie nicht ungeduldig.«
»Nie wird der, welcher Zeit hat, ungeduldig, Madame.«
»Seien Sie gut, fügen Sie diese Gunstbezeugung allen denjenigen bei, die Sie mir gewährt haben, und sagen Sie mir, wie Sie die Offenbarung aller dieser Geheimnisse erhalten?«
»Ich nehme keinen Anstand, Madame,« sprach Balsamo so langsam, als suchte er Sylbe für Sylbe seine Antwort, »diese Offenbarung erhalte ich durch eine Stimme.«
»Durch eine Stimme!« riefen gleichzeitig die Gräfin und der Herzog; »eine Stimme sagt Ihnen Alles?«
»Ja, Alles, was ich zu wissen wünsche.«
»Eine Stimme sagte Ihnen, Frau von Grammont habe an ihren Bruder geschrieben?«
»Ich gebe Ihnen die Versicherung, Madame, daß es mir eine Stimme gesagt hat.«
»Das ist wunderbar.«
»Aber Sie glauben nicht daran.«
»Nein, Graf,« erwiederte der Herzog »wie soll man an solche Dinge glauben?«
»Würden Sie jedoch daran glauben, wenn ich Ihnen sagte, was zu dieser Stunde der Courier thut, der den Brief Herrn von Choiseul überbringt?«
»Bei Gott!« rief die Gräfin.
»Ich,« sprach der Herzog, »ich würde daran glauben, wenn ich die Stimme hörte . . . Aber die Herren Nekromanten oder die Magier haben das Vorrecht, daß sie allein das Uebernatürliche sehen und hören.«
Balsamo heftete seine Augen auf Herrn von Richelieu mit einem seltsamen Ausdruck, wobei der Gräfin ein Schauer durch die Adern lief und dem selbstsüchtigen Skeptiker, den man den Herzog von Richelieu nannte, kalt im Genick und im Herzen wurde.
»Ja ,« sagte er nach einem langen Stillschweigen, »ich allein sehe und höre die übernatürlichen Gegenstände und Wesen; doch wenn ich es mit Leuten von Ihrem Rang, von Ihrem Geist, Herzog, und von Ihrer Schönheit, Gräfin, zu thun habe, so öffne ich meine Schätze und theile sie. Wäre es Ihnen sehr angenehm, die geheimnißvolle Stimme zu hören, die mich in Kenntniß setzt?«
»Ja,« sprach der Herzog, der seine Fäuste schloß, um nicht zu zittern.
»Ja,« stammelte die Gräfin zitternd.
»Wohl! Herr Herzog, wohl! Frau Gräfin, Sie sollen hören. Welche Sprache soll sie sprechen?«
»Die französische,« antwortete die Gräfin . . . »Ich kenne keine andere und eine andere würde mir zu sehr bange machen.«
»Und Sie, Herr Herzog?«
»Wie Madame, Französisch. Es ist mir daran gelegen, zu wiederholen, was mir der Teufel gesagt hat, und zu sehen, ob er gut erzogen ist, und ob er correct die Sprache meines Freundes, des Herrn von Voltaire, spricht.«
Den Kopf auf die Brust geneigt, schritt Balsamo auf die Thüre zu, welche in den kleinen Salon führte, der, wie man weiß, auf die Treppe ging.
»Erlauben Sie mir,« sagte er, »daß ich Sie einschließe, um Sie nicht zu sehr auszusetzen.«
Die Gräfin erbleichte, näherte sich dem Herzog und nahm seinen Arm.
Als Balsamo beinahe die Thüre der Treppe berührte, schritt er gegen den Punkt des Hauses zu, wo sich Lorenza befand, und sprach in arabischer Sprache mit schallender Stimme die Worte, die wir in der Übersetzung wiedergeben:
»Meine Freundin!.. . hört Ihr mich? . . . wenn Ihr mich hört, so zieht an der Klingelschnur und läutet zweimal.«
Balsamo erwartete die Wirkung seiner Worte, während er den Herzog und die Gräfin anschaute, welche die Augen und die Ohren um so mehr öffneten, als sie nicht verstehen konnten, was der Graf sagte.
Das Glöckchen erklang zweimal.
Die Gräfin zuckte auf ihrem Sopha, und der Herzog wischte sich mit dem Sacktuch die Stirne ab.
»Da Ihr mich hört,« fuhr Balsamo in demselben Tone fort, »drückt an dem marmornen Knopf, der das rechte Auge an der Sculptur des Kamins bildet, und die Platte wird sich öffnen; geht durch diese Platte, durchschreitet mein Zimmer, steigt die Treppe hinab und kommt in das Zimmer, welches an das stößt, wo ich mich befinde.«
Einen Augenblick nachher belehrte ein Geräusch, leicht wie ein unfaßbarer Hauch, wie ein Gespensterflug, Balsamo, daß man seine Befehle verstanden und ausgeführt hatte.
»Was für eine Sprache ist das,« fragte Richelieu, Sicherheit heuchelnd, »die kabalistische Sprache?«
»Ja, Herr Herzog, es ist der Dialekt, dessen man sich gewöhnlich bei Beschwörungen bedient.«
»Sie haben gesagt, wir würden verstehen.«
»Was die Stimme sagen würde, ja; aber nicht, was ich sage.«
»Und der Teufel ist gekommen?«
»Wer hat vom Teufel gesprochen, Herr Herzog?«
»Mir scheint, man beschwört nur den Teufel.«
»Alles, was erhabenerer Geist, übernatürliches Wesen ist, läßt sich beschwören.«
»Und der erhabenere Geist, das übernatürliche Wesen . . .«
Balsamo streckte die Hand nach dem Vorhang aus, der die Thüre des anstoßenden Zimmers schloß.
»Steht in unmittelbarer Verbindung mit mir.«
»Ich habe bange,« sagte die Gräfin, »und Sie, Herzog?«
»Meiner Treue, Gräfin, ich gestehe, ich wäre beinahe eben so gern in Mahon oder in Philippsburg.«
»Frau Gräfin, und Sie, Herr Graf, wollen Sie horchen, da Sie durchaus hören wollen,« sprach Balsamo mit strengem Tone.
Und er wandte sich nach der Thüre.
LXXXV.
Die Stimme
Es herrschte einen Augenblick feierliches Stillschweigen. Dann fragte Balsamo französisch: »Seid Ihr da?«
»Ich bin da,« antwortete eine reine, silberne Stimme, welche, die Tapeten und Thürvorhänge durchdringend, zu den Ohren der Anwesenden mehr wie ein metallischer Klang, als wie eine menschliche Stimme tönte.
»Pest! das wird interessant,« sagte der Herzog; »und dies Alles ohne Kerzen, ohne Magie, ohne bengalisches Feuer.«
»Das ist furchtbar,« murmelte die Gräfin.
»Gebt wohl Acht auf meine Fragen,« fuhr Balsamo fort.
»Ich höre mit meinem ganzen Wesen.«
»Sagt mir vor Allem, wie viel Personen in diesem Augenblick bei mir sind?«
»Zwei.«
»Von welchem Geschlecht?«
»Ein Mann und eine Frau.«
»Lest in meinem Geiste den Namen des Manns.«
»Der Herr Herzog von Richelieu.«
»Und den der Frau,«
»Die Frau Gräfin Dubarry.«
»Ah! ah!« murmelte der Herzog, »das ist stark.«
»Ich muß gestehen,« sagte zitternd die Gräfin, »ich habe nichts Aehnliches gesehen.«
»Gut,« sprach Balsamo; »lest nun den ersten Satz des Briefes, den ich in der Hand habe.«
Die Stimme gehorchte.
Die Gräfin und der Herzog schauten sich mit einem Erstaunen an, das an Bewunderung zu grenzen anfing.
»Was ist aus dem Brief, den ich unter Eurem Dictat geschrieben habe, geworden?«
»Er wird fortgetragen.«
»Wohin?«
»Nach Westen.«
»Ist er fern?«
»Oh! ja, sehr fern.«
»Wer trägt ihn?«
»Ein Mensch mit einer grünen Jacke, einer Pelzmütze und Courierstiefeln.«
»Ist er zu Fuß oder zu Pferd?«
»Er ist zu Pferd?«
»Was für ein Pferd reitet er?«
»Einen Schecken.«
»Wo seht Ihr ihn?«
Es trat ein kurzes Stillschweigen ein.
»Schaut,« sprach Balsamo gebieterisch.
»Auf einer mit Bäumen bepflanzten Landstraße.«
»Auf welcher Landstraße?«
»Ich weiß es nicht, alle Straßen gleichen sich.«
»Wie! nichts deutet Euch an, welche Straße es ist, nicht ein Pfosten, eine Inschrift, nichts?«
»Wartet, wartet: es fährt ein Wagen an dem Reiter vorüber, er kreuzt ihn, auf mich zukommend.« »Was für ein Wagen?«
»Ein schwerer Wagen, voll von Geistlichen und Militären.«
»Eine Patsche,« murmelte Richelieu.
»Dieser Wagen hat keine Inschrift?« fragte Balsamo.
»Doch,« antwortete die Stimme.
»Leset.«
»Auf dem Wagen lese ich Versailles mit gelben, beinahe verwischten Buchstaben.«
»Verlaßt den Wagen und folget dem Courier.«
»Ich sehe ihn nicht mehr.«
»Warum seht Ihr ihn nicht mehr?«
»Weil sich die Straße dreht.«
»Dreht Euch mit der Straße und holet ihn wieder ein.«
»Oh! er reitet mit der ganzen Kraft seines Pferdes, er schaut auf seine Uhr.«
»Was seht Ihr vor dem Pferd?«
»Eine lange Allee, herrliche Gebäude, eine große Stadt.«
»Folget immer.«
»Ich folge.«
»Nun?«
»Der Courier schlägt sein Pferd mit verdoppelten Streichen; das Thier ist in Schweiß gebadet; seine Hufeisen machen auf dem Pflaster einen Lärmen, daß sich alle Vorübergehende umwenden. Ah! der Courier reitet in eine lange Straße, welche abwärts geht. Er wendet sich rechts. Er hemmt den Gang seines Pferdes. Er hält vor der Thüre eines großen Hotels an.«
»Hier müßt Ihr ihm aufmerksam folgen, hört Ihr.«
Die Stimme stieß einen Seufzer aus.
»Ihr seid müde, ich begreife das.«
»Oh! gelähmt.«
»Diese Müdigkeit verschwinde, ich will es haben.«
»Ah!«
»Nun?«
»Ich danke.«
»Seid Ihr noch müde?«
»Nein.«
»Seht Ihr den Courier immer noch?«
»Wartet: ja, ja; er steigt eine große steinerne Treppe hinauf. Ein Bedienter in einer blauen Livree mit Gold geht ihm voran. Er durchschreitet große, ganz vergoldete Salons. Er kommt zu einem beleuchteten Cabinet. Der Lackei öffnet die Thüre und entfernt sich.«
»Was seht Ihr?«
»Der Courier verbeugt sich.«
»Vor wem?«
»Wartet. Er verbeugt sich vor einem Mann, der an einem Schreibtisch sitzt und der Thüre den Rücken zuwendet.«
»Wie ist dieser Mann gekleidet?«
»Oh! in großer Toilette und als ginge er auf einen Ball.«
»Hat er eine Decoration?«
»Er trägt ein großes blaues Band über die Brust.«
»Sein Gesicht?«
»Ich sehe es nicht . . . Ah!«
»Was?«
»Er wendet sich um.«
»Was für eine Physiognomie hat er?«
»Einen lebhaften Blick, unregelmäßige Züge, schöne Zähne.«
»Welches Alter?«
»Fünf und fünfzig bis acht und fünfzig Jahre.«
»Der Herzog!« flüsterte die Gräfin dem Marschall zu, »es ist der Herzog.«
Der Marschall machte mit dem Kopf ein Zeichen, welches bedeutete:
»Ja, er ist es; doch hören Sie.«
»Sodann?« befahl Balsamo.
»Der Courier übergibt dem Mann mit dem blauen Band . . .«
»Ihr könnt sagen dem Herzog: es ist ein Herzog.«
»Der Courier,« fuhr die gehorsame Stimme fort, »übergibt dem Herzog einen Brief, den er aus einer ledernen Tasche zieht, welche er auf seinem Rücken trägt. Der Herzog entsiegelt und liest ihn mit großer Aufmerksamkeit.«
»Hernach?«
»Er nimmt eine Feder, ein Blatt Papier und schreibt.«
»Er schreibt!« murmelte Richelieu. »Teufel, wenn man erfahren könnte, was er schreibt, das wäre schön.«
»Sagt mir, was er schreibt,« sprach Balsamo.
»Ich kann nicht.«
»Weil Ihr zu fern seid. Tretet in das Cabinet ein. Seid Ihr dort?«
»Ja.«
»Neigt Euch über seine Schulter.«
»Es ist geschehen.«
»Leset Ihr nun?«
»Die Schrift ist schlecht, fein, hakelig.«
»Leset. ich will es.«
Die Gräfin und Richelieu hielten den Athem an sich.
»Leset,« wiederholte Balsamo mit noch gebieterischerem Tone.
» ‚Meine Schwester,’ « sagte die Stimme zitternd und zögernd.
»Das ist die Antwort,« flüsterten gleichzeitig der Herzog von Richelieu und die Gräfin.
» ‚Meine Schwester,’ « fuhr die Stimme fort, » ‚beruhigen Sie sich: die Krise hat stattgefunden, es ist wahr; sie war schwer, das ist abermals wahr; doch sie ist vorübergegangen. Ich erwarte den morgigen Tag voll Ungeduld, denn morgen gedenke ich meinerseits die Offensive zu ergreifen, und Alles läßt mich auf einen entscheidenden Sieg hoffen. Gut, was das Parlament von Rouen, gut, was Mylord X . . ., gut, was die Petarde betrifft. Morgen, nachdem ich mit dem König gearbeitet habe, werde ich meinem Brief eine Nachschrift beifügen und sie Ihnen durch denselben Courier schicken.’ «
Die linke Hand ausgestreckt, schien Balsamo mühsam der Stimme jedes Wort zu entreißen, während er mit seiner rechten Hand hastig die Zeilen notirte, welche Herr von Choiseul in seinem Cabinet schrieb.
»Ist das Alles?« fragte Balsamo.
»Es ist Alles.«
»Was macht der Herzog nun?«
»Er legt das Papier, auf das er geschrieben hat, zweimal zusammen, und dann noch zweimal, und steckt es in eine kleine rothe Brieftasche, die er aus der linken Seite seines Rockes zieht.«
»Sie hören,« sagte Balsamo zu der in das tiefste Erstaunen versunkenen Gräfin.
»Und sodann verabschiedet er den Courier, mit dem er noch spricht.«
»Was sagt er ihm?«
»Ich habe nur das Ende des Satzes gehört.«
»Und das war?«
» ‚Um ein Uhr am Gitter von Trianon.’ « Der Courier verbeugt sich und geht ab.«
»So ist es,« sprach Richelieu, »er bestellt den Courier auf das Ende der Arbeit, wie er in seinem Briefe gesagt hat.«
Balsamo machte ein Zeichen mit der Hand, um Stillschweigen zu befehlen.
»Was macht nun der Herzog?« fragte er.
»Er steht auf. Er hält in der Hand den Brief, den man ihm übergeben hat. Er geht gerade auf sein Bett zu, schlüpft hinter dasselbe, drückt an einer Feder, die ein eisernes Kästchen öffnet, wirft den Brief hinein, und schließt das Kästchen wieder.«
»Oh!« riefen gleichzeitig der Herzog und die Gräfin ganz bleich, »oh! das ist in der That Zauberei.«
»Wissen Sie nun Alles, was Sie zu wissen wünschen, Madame?« fragte Balsamo.
»Herr Graf,« erwiederte Madame Dubarry, die sich Ihm schauernd näherte, »Sie haben mir einen Dienst geleistet, den ich mit zehn Jahren deines Lebens bezahlen würde, oder den ich vielleicht nie werde bezahlen können. Verlangen Sie, was Sie wollen.«
»Oh! Madame, Sie wissen, daß wir schon in Rechnung stehen.«
»Sagen Sie, was Sie wünschen.«
»Die Zeit ist noch nicht gekommen.«
»Nun, wenn sie gekommen ist, und wäre es eine Million . . .«
Balsamo lächelte.
»Ei! Gräfin,« rief der Marschall, »es wäre eher an Ihnen, eine Million vom Grafen zu verlangen. Ein Mann der weiß, was er weiß, und besonders, der sieht, was er sieht, entdeckt der nicht das Gold und die Diamanten in den Eingeweiden der Erde, wie er den Gedanken im Herzen des Menschen entdeckt?«
»Dann werfe ich mich in meiner Ohnmacht nieder,« sprach die Gräfin.
»Nein, Gräfin, Sie werden sich eines Tags Ihrer Schuld gegen mich entledigen. Ich gebe Ihnen Gelegenheit dazu.«
»Graf,« sprach der Herzog zu Balsamo, »Ich bin unterjocht, besiegt, vernichtet . . . ich glaube.«
»Wie der heilige Thomas geglaubt hat, nicht wahr? Das nennt man nicht glauben, das nennt man sehen.«
»Nennen Sie es, wie Sie wollen; doch Ich thue förmlich Abbitte, und wenn man mir fortan von Zauberern spricht, nun, so werde ich wissen, was ich zu sagen habe.«
Balsamo lächelte,
»Wollen Sie mir nun erlauben?« sagte er zur Gräfin.
»Sprechen Sie.«
»Mein Geist ist ermüdet. Lassen Sie mich ihm seine Freiheit durch eine magische Formel wiedergeben.«
»Thun Sie das, mein Herr.«
»Lorenza,« sagte Balsamo arabisch, »ich danke; ich liebe Dich; kehre auf Dein Zimmer auf demselben Wege zurück, auf dem Du gekommen bist, und erwarte mich. Gehe, meine Vielgeliebte.«
»Ich bin sehr müde,« erwiederte die Stimme in italienischer Sprache, noch sanfter als während der Beschwörung; »beeile Dich, Acharat.«
»Ich gehe.«
Und man hörte die Tritte sich mit demselben Streifen entfernen.
Nach einigen Minuten, als er sich vom Abgang von Lorenza überzeugt hatte, verbeugte sich Balsamo tief, aber mit einer majestätischen Würde vor den zwei Besuchen, welche beide erschrocken, beide überwältigt von der Woge stürmischer Gedanken, die sie überströmte, mehr wie trunkene Leute, als wie mit Vernunft begabte Wesen zu ihrem Fiacre zurückkehrten.
