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Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 62

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Er bot also seine Hand Andrée, diese legte das. äußerste Ende ihrer brennenden Finger auf den Handschuh des Königs, und Beide setzten ihren Gang nach dem Pavillon fort, wo der König, wie man ihm gesagt hatte, die Dauphine mit ihrem Baumeister und mit ihrem Obergärtner finden sollte.

Wir können versichern, daß Ludwig XV., der übrigens nicht gern viel feilschte, den längsten Weg wählte, um Andrée nach Klein-Trianon zu führen. Es ist eine Tatsache, daß die zwei Officiere, welche hinter ihm gingen, den Irrthum Seiner Majestät bemerkten und sich im Stillen darüber beklagten, denn sie waren leicht gekleidet, und das Wetter wurde kalt.

Sie kamen spät an, da sie die Dauphine nicht an dem Punkt fanden, wo man sie zu finden hoffte; Marie Antoinette war weggegangen, um den Dauphin nicht warten zu lassen, der gern zwischen sechs und sieben Uhr Abendbrod nahm.

Ihre königliche Hoheit traf also genau zur bestimmten Stunde ein, und da der Dauphin, der sehr pünktlich war, schon auf der Schwelle des Salon stand, um rascher im Speisesaal zu sein, wenn der Haushofmeister erscheinen würde, so warf die Dauphine ihren Mantel einer Kammerfrau zu, nahm heiter den Arm des Dauphin und zog ihn in den Speisesaal.

Die Tafel war für die zwei erhabenen Wirthe bestellt.

Sie nahmen jedes die Mitte des Tisches ein und ließen so das obere Ende frei, das man seit gewissen Ueberraschungen des Königs nie mehr besetzte, sogar nicht einmal mehr bei einer Tafel voll von Gästen.

An diesem oberen Ende nahm das Couvert des Königs, mit seinem Tafelbesteck, einen großen Raum in Anspruch, aber der Haushofmeister, der nicht mehr auf diesen Gast rechnete, servirte von dieser Seite.

Hinter dem Stuhl der Dauphine, mit dem nothwendigen Raum, daß die Bedienten kreisen konnten, stand mit ihrer ganzen Steifheit Frau von Noailles, welche jedoch Alles, was man an Liebenswürdigkeit auf dem Gesichte, bei Gelegenheit eines Abendbrods, haben muß, angenommen hatte.

Bei Frau von Noailles waren die anderen Damen, denen ihre Stellung bei Hofe das Recht einräumte oder die Gunst gewährte, dem Abendbrod Ihrer königlichen Hoheiten beizuwohnen.

Dreimal in der Woche speiste Frau von Noailles an derselben Tafel mit dem Herrn Dauphin und der Frau Dauphine. Doch an den Tagen, wo sie nicht hier speiste, hätte sie sich wohl gehütet, dem Abendbrod nicht beizuwohnen: es war dies zugleich ein Mittel gegen die Ausschließung an vier Tagen von sieben zu protestiren.

Der Herzogin von Noailles gegenüber hielt sich auf einer ungefähr gleichen Stufe der Herr Herzog von Richelieu.

Auch er war ein strenger Beobachter des Wohlanstands, nur blieb seine Etiquette allen Augen unsichtbar, da sie sich beständig unter der vollkommensten Eleganz und zuweilen sogar unter dem feinsten Spott verbarg.

Aus diesem Gegensatz zwischen dem Kammerherrn und der ersten Ehrendame Ihrer königlichen Hoheit der Frau Dauphine ging hervor, daß das Gespräch, immerwährend von Frau von Noailles verlassen, unablässig von Herrn von Richelieu wieder aufgenommen wurde.

Der Marschall hatte alle Höfe Europas besucht und bei jedem derselben den Ton der Eleganz angenommen, der sich am besten für seine Natur eignete, so daß er, bewunderungswürdig in Takt und Schicklichkeitsgefühl, zugleich alle Anekdoten kannte, die sich an der Tafel junger Infanten und beim kleinen Abendbrod von Madame Dubarry erzählen ließen.

Er bemerkte an diesem Abend, daß die Dauphine mit Appetit speiste und daß der Dauphin schlang. Er dachte, sie würden ihm beim Gespräch nicht Widerpart halten, und man könne ganz wohl Frau von Noailles eine Stunde vorempfangenen Fegefeuers zubringen lassen.

Er fing an von Philosophie, von Theater zu sprechen, ein doppelter Gegenstand der Conversation, der der ehrwürdigen Herzogin doppelt widerwärtig war.

Er erzählte die Veranlassung von einem der letzten philantropischen Einfälle des Philosophen von Ferney, wie man damals schon den Verfasser der Henriade nannte, und als er sah, daß die Herzogin gehörig abgemattet war, veränderte er den Text und setzte Alles auseinander, was er in seiner Eigenschaft als Kammerherr Stachelndes hatte, um die gewöhnlichen Damen Komödiantinnen des Königs mehr oder minder schlecht spielen zu lassen.

Die Dauphine liebte die Künste, sie hatte ein vollständiges Costume der Klytemnestra Mademoiselle Rancourt geschickt; sie hörte also Herrn von Richelieu nicht nur mit Nachsicht, sondern sogar mit Vergnügen an.

Da sah man, wie die arme Ehrendame mit Hintansetzung der Etiquette sich heftig auf ihrer Stufe geberdete, sich laut schneuzte und ihr erhabenes Haupt schüttelte, ohne an die Puderwolke zu denken, welche bei jeder ihrer Bewegungen ihre Stirne umhüllte, wie bei jedem Stoß des Nordostwinds eine Schneewolke den Gipfel des Montblanc umhüllt.

Doch es war nicht Alles damit gethan, daß man die Frau Dauphine belustigte, man mußte auch dem Herrn Dauphin gefallen. Richelieu verließ also die Frage des Theaters, für welche der Erbe der Krone Frankreichs nie eine große Sympathie gehabt hatte, um von humanitärer Philosophie zu sprechen. Er offenbarte in Beziehung auf die Engländer die ganze Wärme, welche Rousseau wie ein lebendiges Fluidum auf die Person von Eduard Bomston wirft.

Frau von Noailles haßte aber die Engländer ebenso sehr als die Philosophen.

Ein neuer Gedanke war eine Anstrengung für sie, und eine Anstrengung störte die Oekonomie ihrer ganzen Person; Frau von Noailles, welche sich zur Erhaltung geschaffen fühlte, heulte bei den neuen Gedanken wie die Hunde bei den Masken.

Richelieu hatte einen doppelten Zweck, indem er dieses Spiel spielte: er folterte Madame l’etiquette, was der Frau Dauphine ein merkliches Vergnügen bereitete, und fand da und dort einige tugendhafte Lehrsprüche, einige Axiome aus der Mathematik, welche vom Herrn Dauphin, einem Prinzen, der die exacten Dinge liebte, freudig aufgenommen wurden.

Er machte also vortrefflich seinen Hof, wobei er mit allen seinen Augen Jemand suchte, den er hier zu sehen hoffte, den er aber nicht fand, als ein Ruf unten von der Treppe in das sonore Gewölbe aufstieg und von zwei anderen Stimmen zuerst auf dem Ruheplatz und dann auf der Treppe selbst wiederholt wurde.

»Der König!«

Bei diesem magischen Wort erhob sich Frau von Noailles, als ob eine Stahlfeder sie von ihrer Stufe aufgeschnellt hätte. Richelieu stand langsam auf, der Dauphin wischte sich hastig den Mund mit seiner Serviette ab. und stellte sich vor seinen Platz, das Gesicht nach der Thüre gewendet.

Die Frau Dauphine eilte dem König auf die Treppe entgegen, um ihm die Honneurs des Hauses zu machen.

XCII.
Die Haare der Königin

Der König hielt Fräulein von Taverney noch bei der Hand, als er auf den Ruheplatz kam, und erst auf diesem Platz grüßte er sie so artig, so lang, daß Richelieu Zeit hatte, den Gruß zu sehen, das Huldvolle desselben zu bewundern und sich zu fragen, an welche glückliche Sterbliche er wohl gerichtet gewesen.

Seine Unwissenheit dauerte nicht lange. Ludwig XV. nahm den Arm der Dauphine, welche Alles gesehen und Andrée schon vollkommen erkannt hatte.

»Meine Tochter,« sagte er, »ich komme ohne Umstände und bitte Sie um Abendbrod. Ich habe den ganzen Park durchwandert und unter Weges Fräulein von Taverney getroffen, die ich mir Gesellschaft zu leisten bat.«

»Fräulein von Taverney,« murmelte Richelieu beinahe betäubt durch diesen unvorhergesehenen Schlag  . . . »Bei meiner Treue! ich habe zu viel Glück!«

»Somit,« sagte anmuthreich die Dauphine, »somit werde ich dem Fräulein, das der Saumseligkeit schuldig war, nicht nur keine Vorwürfe machen, sondern ich werde ihm danken, daß es uns Eure Majestät gebracht hat.«

Roth wie eine von den schönen Kirschen, welche mitten unter Blumen den Tafelaufsatz verzierten, verbeugte sich Andrée, ohne zu antworten.

»Teufel! Teufel! sie ist in der That schön.« sprach Richelieu zu sich selbst; »und der alte Bursche, der Taverney, hat nicht mehr von ihr gesagt, als sie verdient.«

Schon saß der König bei Tische, nachdem er die Begrüßung des Herrn Dauphin entgegengenommen hatte. Wie sein Großvater mit einem gefälligen Appetit ausgerüstet, machte der Monarch dem improvisirten Mahl, das der Haushofmeister wie durch Zauber vor ihm aufstellte, alle Ehre.

Doch während der König, der der Thüre den Rücken zuwandte, speiste, schien er irgend etwas, oder vielmehr irgend Jemand zu suchen.

Fräulein von Taverney, welche kein Vorrecht genoß, da ihre Stellung bei der Frau Dauphine noch nicht fest bestimmt, war nicht in den Speisesaal eingetreten und hatte sich nach einer tiefen Verbeugung in Erwiederung der des Königs in das Zimmer der Frau Dauphine begeben, welche sich von ihr schon einige Male, ehe sie sich zu Bett begeben, hatte vorlesen lassen.

Die Frau Dauphine begriff, daß es seine schöne Reisegefährtin war, was der Blick des Königs suchte.

»Herr von Coigny,« sagte sie zu einem jungen Officier von den Garden, der hinter dem König stand, »ich bitte Sie, lassen Sie, mit der Erlaubniß von Frau von Noailles, Fräulein von Taverney eintreten: wir wollen heute Abend von der Etiquette abgehen.«

Herr von Coigny ging hinaus und kam einen Augenblick nachher mit Andrée zurück, welche diese Reihenfolge ungewöhnlicher Gunstbezeugungen nicht begreifen konnte und ganz zitternd eintrat.

»Nehmen Sie Ihren Platz hier, mein Fräulein,« sagte die Dauphine, »neben der Frau Herzogin.«

Andrée stieg schüchtern auf die Stufe; sie war so verwirrt, daß sie die Keckheit hatte, sich auf nur einen Fuß von der Ehrendame zu setzen.

Sie bekam auch einen so niederschmetternden Blick von dieser, daß die Arme, als wäre sie mit einer stark geladenen Leydner Flasche in Berührung gesetzt worden, mindestens vier Fuß zurückwich.

König Ludwig XV. schaute sie an und lächelte.

»Ah!« dachte der Herzog von Richelieu, »ich brauche mir kaum die Mühe zu machen, mich darein zu mischen, die Dinge gehen beinahe von selbst ihren Gang.«

Der König wandte sich um und erblickte den Marschall, der ganz bereit war, diesen Blick auszuhalten.

»Guten Abend, Herr Herzog,« sagte Ludwig XV., »führen Sie eine friedliche Ehe mit Frau von Noailles?«

»Sire,« erwiederte der Marschall, »die Frau Herzogin erweist mir immer die Ehre, mich wie einen unbesonnenen Burschen zu mißhandeln.«

»Sind Sie auch auf der Straße nach Chanteloup gewesen, Herzog?«

»Ich, Sire! meiner Treue, nein, hiezu bin ich zu glücklich durch die Güte Eurer Majestät für mein Hause.«

Der König erwartete diesen Schlag nicht; er schickte sich an, zu spotten, man kam ihm entgegen.

»Was habe ich denn gethan, Herzog?«

»Sire, Eure Majestät hat das Commando ihrer Chevauxlegers dem Herrn Herzog von Aiguillon übertragen.«

»Ja, das ist wahr, Herzog.«

»Und hiezu bedurfte es der ganzen Energie, der ganzen Gewandtheit Eurer Majestät, denn es ist beinahe ein Staatsstreich.«

Man war am Ende des Mahls; der König wartete einen Augenblick und stand von der Tafel auf.

Das Gespräch hätte ihn in Verlegenheit bringen können, aber Richelieu war entschlossen, seine Beute nicht loszulassen. Als sich der König in eine Plauderei mit der Dauphine, Frau von Noailles und Fräulein von Taverney einließ, manoeuvrirte Richelieu so geschickt, daß er sich bald wieder im Mittelpunkt der Conversation fand, die er nach seinem Belieben lenkte.

»Sire,« sprach der Herzog, »Eure Majestät weiß, daß die glücklichen Erfolge kühn machen.«

»Wollen Sie uns damit sagen, Sie seien kühn, Herzog?«

»Nein, ich will Eure Majestät um eine neue Gnade bitten, nach der, welche mir der König zu erweisen geruht hat; einer meiner Freunde, ein alter Diener Eurer Majestät, hat einen Sohn bei den Gendarmen. Der junge Mann ist voll Verdienst, aber arm. Er hat von einer erhabenen Prinzessin ein Kapitänspatent erhalten, doch es fehlt ihm eine Compagnie.«

»Die Prinzessin ist meine Tochter?« fragte der König sich gegen die Dauphine umwendend.

»Ja, Sire,« erwiederte Richelieu, »und der Vater dieses jungen Mannes heißt Baron von Taverney.«

»Mein Vater!« rief Andrée unwillkührlich, »Philipp! für Philipp, Herr Herzog, bitten Sie um eine Compagnie?«

Dann sich schämend, daß sie so die Etiquette vergessen, machte Andrée einen Schritt rückwärts, mit Purpur übergossen und die Hände gefaltet.

Der König wandte sich, um die Röthe, die Erschütterung des schönen Mädchens zu bewundern; er kehrte auch zu Richelieu mit einem wohlwollenden Blick zurück, der den Höfling belehrte, wie angenehm sein Gesuch war, der Gelegenheit wegen, die es bot.

»In der That,« sagte die Dauphine, »dieser junge Mann ist reizend, und ich hatte die Verbindlichkeit übernommen, sein Glück zu machen  . . . Wie unglücklich sind doch die Fürsten,  . . . wenn Gott ihnen den Willen gibt, so benimmt er ihnen das Gedächtniß oder die Ueberlegung; mußte ich nicht bedenken, daß dieser junge Mann arm, daß es nicht genug war, ihm die Epaulette zu geben, daß man ihm auch die Compagnie geben muß.«

»Ei! Madame, wie hätte Eure Hoheit das wissen sollen?«

»Oh ! ich wußte es,« sagte rasch die Dauphine mit einer Geberde, welche Andrée an das so kahle, so bescheidene und dennoch so glückliche Haus ihrer Kindheit erinnerte; »ja, ich wußte es und glaubte Alles dadurch gethan zu, haben, daß ich Herrn Philipp von Taverney einen Grad gab  . . . Nicht wahr, er heißt Philipp, mein Fräulein?«

»Ja, Madame.«

Der König schaute alle diese so edlen, so offenen Gesichter an; dann heftete er seinen Blick auf das von Richelieu, der sich auch mit einem Reflex von Edelmuth beleuchtete, den er ohne Zweifel von seiner erhabenen Nachbarin entlehnte.

»Ah! Herzog,« sagte er mit halber Stimme, »ich werde mich mit Luciennes entzweien.«

Dann fügte er lebhaft gegen Andrée bei:

»Sagen Sie, es mache Ihnen Vergnügen, mein Fräulein.«

»Ah! Sire,« sprach Andrée, die Hände faltend, »ich flehe Sie an.«

»Bewilligt,« sagte Ludwig XV.; »Sie wählen eine Compagnie für den armen jungen Mann, Herzog, und ich gebe die Mittel, wenn sie nicht schon ganz bezahlt und ganz vacant ist.«

Diese gute Handlung erfreute alle Anwesenden: sie trug dem König ein himmlisches Lächeln von Andrée, sie trug Richelieu einen Dank von diesem schönen Mund ein, von dem er ja seiner Jugend, eitel und habgierig, wie er war, noch mehr verlangt hätte.

Es kamen hinter einander mehrere Besuche; unter ihnen der Cardinal von Rohan, der, seitdem die Dauphine in Trianon wohnte, beständig hier seinen Hof machte.

Aber der König hatte den ganzen Abend hindurch nur Rücksichten und angenehme Worte für Richelieu. Er ließ sich sogar von ihm begleiten, als er von der Dauphine Abschied nahm, um nach seinem Trianon zurückzukehren. Der alte Marschall folgte dem König bebend vor Freude.

Während Seine Majestät mit dem Herzog und seinen zwei Officieren durch die düsteren Alleen wanderte, welche nach dem Palast ausmündeten, wurde Andrée von der Dauphine entlassen.

»Sie müssen diese gute Kunde nach Paris schreiben und können sich zurückziehen, mein Fräulein,« sagte die Prinzessin.

Und einen Bedienten voran, der eine Laterne trug, ging das Mädchen über die Esplanade von hundert schritten, welche Trianon von den Communs trennt.

Vor ihr sprang von Gebüsch zu Gebüsch im Blätterwerk ein Schatten, der jeder Bewegung des Mädchens mit funkelnden Augen folgte: dies war Gilbert.

Als Andrée die Freitreppe erreicht hatte und die steinernen Stufen hinaufzusteigen anfing, kehrte der Bediente in die Vorzimmer von Trianon zurück.

Gilbert schlüpfte seinerseits nun auch in das Vorhaus, kam in die Höfe der Stallungen und kletterte auf einer kleinen Treppe, so steil wie eine Leiter, in seine Mansarde hinauf, welche gegenüber den Fenstern des Zimmers von Andrée in einer Ecke der Gebäude lag.

Er sah, wie Andrée eine Kammerjungfer von Frau Noailles, welche ihr Zimmer in demselben Gange hatte, rief. Als aber dieses Mädchen bei Andrée eintrat, fielen die Fenstervorhänge wie ein undurchdringlicher Schleier zwischen die glühenden Wünsche des jungen Mannes und den Gegenstand seiner Gedanken.

Im Pallast blieb nur noch Herr von Rohan, der seine Galanterie bei der Frau Dauphine verdoppelte, die ihn aber ziemlich kalt behandelte.

Der Prälat befürchtete am Ende unbescheiden zu sein, um so mehr, als sich der Herr Dauphin schon zurückgezogen hatte. Er verabschiedete sich also von Ihrer königlichen Hoheit mit den Merkmalen der tiefsten und zartesten Ehrfurcht.

In dem Augenblick, wo er in seine Carrosse stieg, näherte sich ihm eine Kammerfrau der Dauphine und trat beinahe bis in den Wagen.

»Hier,« sagte sie und steckte dem Prälaten ein seidenes Papierchen in die Hand, dessen Berührung ihn schauern machte.

»Hier,« erwiederte der Cardinal und legte in die Hand dieser Frau eine schwere Börse, welche leer eine anständige Belohnung gewesen wäre.

Ohne Zeit zu verlieren, befahl der Cardinal dem Kutscher, nach Paris zu fahren und an der Barrière neue Befehle einzuholen.

Auf dem ganzen Weg befühlte und küßte er in der Dunkelheit des Wagens wie ein trunkener Verliebter den Inhalt des Papieres.

Sobald er an der Barrière war, rief er:

»Rue Saint-Claude.«

Bald durchschritt er den geheimnißvollen Hof und fand den kleinen Salon wieder, wo sich Fritz, der Einführer mit den schweigsamen Manieren, aufhielt.

Balsamo ließ eine Viertelstunde auf sich warten und gab dem Cardinal als Grund seines Zögerns die vorgerückte Stunde an, die ihm zu glauben gestattete, es würde kein Besuch mehr zu ihm kommen.

Es war in der That beinahe zwölf Uhr.

»Das ist wahr, Herr Baron,« sagte der Cardinal, »und ich bitte um Vergebung, daß ich Sie so störe. Doch erinnern Sie sich, mir eines Tags gesagt zu haben, um gewisser Geheimnisse sicher zu sein  . . .«

»Bedürfe ich der Haare von der Person, von der wir damals sprachen,« unterbrach ihn Balsamo, der schon das Papierchen in den Händen des naiven Prälaten gesehen hatte.

»Ganz richtig, Herr Baron.«

»Und Sie bringen diese Haare, Monseigneur?«

»Hier sind sie. Glauben Sie, daß man sie nach dem Experiment wieder bekommen könnte?«

»Wenn nicht das Feuer nöthig wäre, in welchem Fall . . .«

»Allerdings, allerdings,« sagte der Cardinal; »ich werde mir andere zu verschaffen wissen. Kann ich eine Auflösung haben?«

»Heute?«

»Sie wissen, ich bin ungeduldig.«

»Man muß es zuerst versuchen, Monseigneur.«

Balsamo nahm die Haare und stieg hastig zu Lorenza hinauf.

»Ich werde also das Geheimniß dieser Monarchie erfahren,« sagte er auf dem Wege zu sich selbst, »ich werde also den verborgenen Plan Gottes erfahren!«

Er schläferte von der andern Seite der Wand, ohne nur die geheimnißvolle Thüre geöffnet zu haben, Lorenza ein. Die junge Frau empfing ihn daher mit einer zärtlichen Umarmung.

Balsamo entriß sich mühsam ihren Armen. Es wäre schwierig zu sagen gewesen, was dem armen Baron schmerzlicher war, die Vorwürfe der schönen Italienerin, wenn sie wachte, oder ihre Liebkosungen, wenn sie schlief.

Endlich, als es ihm gelungen war, die Kette zu lösen, welche die schönen Arme der jungen Frau um seinen Hals geschlungen hatten, sprach er, indem er ihr das Papier in die Hand steckte:

»Meine theure Lorenza, kannst Du mir sagen, von wem diese Haare sind?«

Lorenza nahm sie, legte sie auf ihre Brust und sodann auf ihre Stirne; obgleich ihre beiden Augen offen waren, sah sie während ihres Schlafes durch die Brust und durch die Stirne.

»Oh!« sprach sie, »es ist eine erhabene Person, von der man sie entwendet hat.«

»Nicht wahr  . . . Sage, eine glückliche Person?«

»Sie kann es sein.«

»Suche wohl, Lorenza.«

»Ja, sie kann es sein; es ruht noch kein Schatten auf ihrem Leben.«

»Sie ist jedoch verheirathet?«

»Oh!« machte Lorenza mit einem süßen Lächeln.

»Nun! was? was will meine Lorenza damit sagen?«

»Sie ist verheirathet, lieber Balsamo,« fügte die junge Frau bei, »und dennoch  . . .«

»Und dennoch  . . .«

»Und dennoch?  . . .«

Lorenza lächelte abermals.

»Ich bin auch verheirathet,« sagte sie.

»Allerdings.«

»Und dennoch  . . .«

Balsamo schaute Lorenza mit tiefem Erstaunen an; trotz des Schlafes der jungen Frau, breitete sich eine schamhafte Röthe über ihrem Antlitz aus.

»Und dennoch?« wiederholte Balsamo, »vollende.«

Sie schlang abermals ihre Arme um den Hals ihres Geliebten und sprach, ihr Gesicht an seiner Brust verbergend:

»Und dennoch bin ich Jungfrau.«

»Und diese Frau, diese Prinzessin, diese Königin,« rief Balsamo, »obgleich verheirathet?«

»Diese Frau, diese Prinzessin, diese Königin,« wiederholte Lorenza, »ist eben so rein und jungfräulich als ich; reiner und jungfräulicher sogar, denn sie liebt nicht wie ich.«

»Oh! Verhängniß!« murmelte Balsamo. »Ich danke, Lorenza, ich weiß Alles, was ich wissen wollte.«

Er küßte sie, steckte die Haare vorsichtig in seine Tasche, schnitt Lorenza ein kleines Büschel von ihren schwarzen Haaren ab, verbrannte es am Licht und sammelte die Asche in dem Papier, in welchem die Haare der Dauphine enthalten gewesen waren.

Dann stieg er wieder hinab und weckte, während er ging, die junge Frau auf.

Ganz zitternd vor Ungeduld, wartete, zweifelte der Prälat.

»Nun! Herr Baron?« sagte er.

»Nun! Monseigneur.«

»Das Orakel?«

»Das Orakel hat gesagt, Sie könnten hoffen.«

»Es hat dies gesagt?« rief der Prinz entzückt.

»Schließen Sie wenigstens, wie es Ihnen beliebt, Monseigneur, da das Orakel gesagt hat, diese Frau liebe ihren Gemahl nicht.«

»Oh!« machte Herr von Rohan freudetrunken.

»Was die Haare betrifft, so mußte ich sie verbrennen, um die Offenbarung durch die Essenz zu erhalten; hier ist die Asche, die ich Ihnen gewissenhaft zurückgebe, nachdem ich sie gesammelt, als ob jedes Theilchen eine Million werth wäre.«

»Ich danke, mein Herr, ich danke, nie werde ich mich meiner Schuld gegen sie entledigen können.«

»Sprechen wir nicht hievon, Monseigneur; ich empfehle Ihnen nur Eines, verschlucken Sie die Asche nicht im Wein, wie es zuweilen die Verliebten thun, das ist eine so gefährliche Sympathie, daß Ihre Liebe unheilbar würde, während das Herz der Liebenden erkaltete.«

»Ah! ich werde mich wohl hüten,« rief der Prälat beinahe erschrocken. »Gute Nacht, Herr Baron, gute Nacht.«

Zwanzig Minuten nachher kreuzte der Wagen Seiner Eminenz an der Ecke der Rue des Petits-Champ den Wagen von Herrn von Richelieu, den er beinahe in eines von den ungeheuren Löcher geworfen hätte, welche durch die Erbauung eines Hauses ausgehöhlt worden waren.

Die beiden Herren erkannten sich.

»Ei! Prinz!« rief Richelieu mit einem Lächeln.

,Ei Herzog! erwiederte Herr Louis von Rohan einen Finger auf den Mund legend.

Und sie fuhren in entgegengesetzter Richtung weiter.

Türler ve etiketler

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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
1798 s. 15 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain