Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 63
XCIII.
Herr von Richelieu schätzt Nicole
Herr von Richelieu begab sich geraden Wegs nach dem kleinen Hotel von Herrn von Taverney in der Rue Coq-Héron.
Vermöge des Privilegiums, das wir auf halbe Rechnung mit dem hinkenden Teufel besitzen, und das uns die Leichtigkeit gibt, in jedes geschlossene Haus einzudringen, wissen wir vor Herrn von Richelieu, daß der Baron vor seinem Kamin, die Füße auf ungeheuren Feuerblöcken, unter denen ein Rest von Gluth hinstarb, Nicole predigte, wobei er sie zuweilen am Kinn nahm, obgleich das Mädchen immer wieder auf eine Rebellische und verächtliche Weise das Gesicht verzog.
Nicole würde sich in die Liebkosung ohne die Predigt gefügt haben, oder sie hätte vielmehr die Predigt ohne Liebkosung vorgezogen, was wir nicht genau zu behaupten vermögen.
Das Gespräch drehte sich zwischen dem Herrn und der Dienerin um einen wichtigen Punkt, nämlich darum, daß Nicole zu gewissen Stunden des Abends nie pünktlich beim Läuten der Glocke kam, daß sie immer etwas im Garten oder im Treibhaus zu tun hatte, und daß sie überall, mit Ausnahme dieser zwei Orte, den Dienst schlecht versah.
Worauf Nicole, sich mit einer ganz reizenden, ganz wollüstigen Anmuth hin und herdrehend, erwiederte:
»Schlimm genug! . . . ich langweile mich hier: man hatte mir versprochen, ich dürfe mit dem Fräulein nach Trianon gehen.«
Hierauf hatte ihr Herr von Taverney freundlich das Kinn und die Wangen streicheln zu müssen geglaubt, ohne Zweifel, um sie zu zerstreuen.
Nicole aber verfolgte ihr Thema, wies jeden Trost zurück und beklagte ihr unglückliches Schicksal.
»Es ist wahr!« seufzte sie, »ich bin zwischen vier abscheulichen Wänden, ich habe keine Gesellschaft, ich habe beinahe keine Luft, es war mir eine Aussicht auf Unterhaltung und auf eine Zukunft eröffnet.«
»Was denn?« sagte der Baron.
»Trianon!« erwiederte Nicole; »Trianon, wo ich Welt gesehen, wo ich Luxus gesehen, wo ich angeschaut hätte und angeschaut worden wäre.«
»Oh! oh! kleine Nicole,« rief der Baron.
»Ei! mein Herr, ich bin Weib und so viel werth als eine Andere.«
»Bei Gott! das nenne ich sprechen,« sagte halblaut der Baron. »Das lebt, das rührt sich, oh! wenn ich jung, wenn ich reich wäre!«
Und er konnte sich nicht enthalten, einen Blick der Bewunderung und der Gierde auf so viel Jugend, Saft und Schönheit zu werfen.
Nicole träumte und wurde zuweilen ungeduldig.
»Vorwärts, gnädiger Herr,« sagte sie, »gehen Sie zu Bette, daß ich mich auch niederlegen kann.
»Noch ein Wort, Nicole.«
Plötzlich machte die Klingel der Hausthüre Taverney beben und Nicole aufspringen.
»Wer kann noch um halb zwölf Uhr Abends kommen?« sagte der Baron; »sieh nach, meine Kleine.«
Nicole öffnete, fragte nach dem Namen des Besuches und ließ die Hausthüre angelehnt.
Durch diese Oeffnung entschlüpfte ein Schalten, der vom Hof kam, nicht ohne hinreichend Lärmen zu machen, daß der Marschall denn er war es sich umwandte und die Flucht sah.
Nicole ging ihm, die Kerze in der Hand und mit ganz strahlendem Gesicht voran.
»Halt! halt! halt!« sagte der Marschall, der ihr lächelnd in den Salon folgte, »dieser alte Schelm von einem Taverney, sprach nur von seiner Tochter.«
Der Herzog war einer von den Menschen, welche nicht zweimal zu schauen brauchen, um gesehen, und zwar vollständig gesehen zu haben.
Der entfliehende Schalten machte, daß er an Nicole, daß Nicole an den Schatten dachte. Er verrieth aus dem hübschen Gesichte von dieser, was der Schatten hier gemacht hatte, und sobald er das so boshafte Auge, die so weißen Zähne und den so feinen Wuchs der Soubrette gesehen hatte, brauchte er nichts mehr über ihren Charakter und ihren Geschmack zu erfahren.
Nicole meldete nicht ohne Herzklopfen beim Eingang des Salon:
»Der Herr Herzog von Richelieu!«
Dieser Name war bestimmt, an diesem Abend Sensation zu machen. Er brachte auch eine solche Wirkung auf den Baron hervor, daß er sich aus seinem Lehnstuhl erhob und gerade auf die Thüre zuging, ohne seinem Ohr glauben zu können.
Doch ehe er die Thüre erreicht hatte, erblickte er Herrn von Richelieu im Halbschalten der Hausflur.
»Der Herzog! . . .« stammelte er.
»Ja, theurer Freund, der Herzog selbst,« erwiederte Richelieu mit seinem liebenswürdigsten Tone. »Oh! das setzt Dich in Erstaunen, nach dem Besuch von neulich.
Und dennoch kann nichts wahrer sein. Gib mir nun die Hand, wenn es Dir beliebt.«
»Herr Herzog, Sie überhäufen mich . . .«
»Du bist nicht vernünftig, mein Lieber,« sagte der alte Marschall, während er seinen Hut und seinen Stock Nicole reichte, um sich bequemer in ein Fauteuil niederlassen zu können, »Du faselst, Du machst ungereimtes Zeug; es scheint, Du kennst Deine Welt nicht mehr.«
»Mir scheint,« entgegnete Taverney sehr bewegt, »Dein Empfang neulich war so bezeichnend, daß man sich nicht darin täuschen konnte.«
»Höre, mein alter Freund,« sagte Richelieu, »damals hast Du Dich benommen wie ein Schüler, und ich wie ein Pedant. Du willst sprechen, ich werde Dir die Mühe ersparen; Du wärest im Stande, eine Albernheit zu sagen, und ich, Dir mit einer andern zu antworten. Springen wir also von neulich auf heute über. Weißt Du, warum ich diesen Abend komme?«
»Wahrhaftig nicht.«
»Ich bringe Dir die Compagnie, die Da vorgestern von mir verlangtest und die der König Deinem Sohn gegeben hat. Was Teufels, begreife doch die Nuancen; vorgestern war ich Quasiminister, verlangen war eine Ungerechtigkeit; heute, da ich das Portefeuille ausgeschlagen habe und wieder der einfache Richelieu von ehemals bin, wäre es thöricht von mir, nicht zu verlangen. Ich habe verlangt, ich habe erhalten, ich bringe.«
»Herzog, ist das wirklich wahr, diese Güte von Deiner Seite?«
»Ist eine natürliche Wirkung meiner Freundespflicht. Der Minister weigerte sich, Richelieu bittet und gibt.«
»Ah! Herzog, Du bezauberst mich, Du bist also ein wahrer Freund?«
»Bei Gott!«
»Aber der König, der König, der mir eine solche Gunst erzeigt.«
»Wenn mich nicht Alles täuscht, weiß der König nicht nur was er thut, sondern er weiß sogar sehr gut, was er thut.«
»Was willst Du damit sagen?«
»Ich will damit sagen, daß Seine Majestät ohne Zweifel in diesem Augenblick einen Grund hat, Madame Dubarry zu mißfallen, und daß Du mehr diesem Grund, als meinem Einfluß, die Gnade, die er Dir bewilligt, zuschreiben mußt.«
»Du glaubst?«
»Ich bin dessen sicher, ich helfe dabei. Du weißt, daß ich wegen dieser Person das Portefeuille ausgeschlagen habe.«
»Man hat es mir gesagt; aber . . .«
»Aber Du glaubst nicht daran. Immer zu, sprich es gerade aus.«
»Nun! ich muß gestehen . . .«
»Damit willst Du sagen, Du habest mich ohne Bedenklichkeiten gekannt, nicht wahr?«
»Damit will ich wenigstens sagen, daß ich Dich ohne Vorurtheil gekannt habe.«
»Mein Lieber, ich werde alt, und ich liebe die hübschen Frauen nur für mich . . . Und dann habe ich noch andere Gedanken . . . Doch kommen wir auf Deinen Sohn zurück, es ist ein reizender Junge?«
»Er steht sehr schlecht mit Dubarry, der zu Dir kam, als ich mich bei Dir einzufinden so ungeschickt war.«
»Ich weiß es, und deshalb bin ich nicht Minister.«
»Gut.«
»Ganz gewiß, mein Freund.«
»Du hast das Portefeuille ausgeschlagen, um meinem Sohn nicht zu mißfallen?«
»Wenn ich das Dir sagte, würdest Da es nicht glauben; es ist dem nicht so. Ich habe es ausgeschlagen, weil die Forderungen der Dubarry, welche mit der Ausschließung Deines Sohnes anfingen, auf Ungeheuerlichkeiten aller Art hinausgelaufen wären.«
»Du bist also mit diesen Leuten entzweit?«
»Ja oder nein: sie fürchten mich, ich verachte sie, das gleicht sich aus.«
»Das ist heldenmüthig, aber unklug.«
»Warum denn?«
»Die Gräfin hat Ansehen.«
»Bah!« machte Richelieu.
»Wie Du das sagst?«
»Ich sage das wie ein Mensch, der die Schwäche seiner Lage fühlt, und der, wenn es sein müßte, den Minirer an den guten Ort stellen würde, um den Platz zu sprengen.«
»Ich sehe die Wahrheit, Du leistest meinem Sohn einen Dienst, um die Dubarry ein wenig zu reizen.«
»Sehr viel deshalb, und Deine Scharfsichtigkeit irrt sich nicht; Dein Sohn dient mir als Granate, durch ihn zünde ich an . . . Doch sprich, Baron, hast Du nicht auch eine Tochter?«
»Ja . . .«
»Jung?«
»Sechzehn Jahre.«
»Schön?«
»Wie Venus.«
»Sie wohnt in Trianon!«
»Du kennst sie also?«
»Ich habe den Abend mit ihr zugebracht und eine Stunde mit dem König von ihr gesprochen.«
»Mit dem König?« rief Taverney, dessen Wangen sich mit Purpur übergoßen.
»In Person?«
»Der König hat von meiner Tochter gesprochen, von Fräulein Andrée von Taverney?«
»Die er mit den Augen verschlingt, ja, mein Lieber.«
»Ah! wahrhaftig?«
»Ich ärgere Dich, daß ich Dir das sage?«
»Nein, gewiß nicht; der König ehrt mich, wenn er meine Tochter anschaut . . . Aber . . .«
»Was aber?«
»Der König . . .«
»Hat schlechte Sitten, willst Du das sagen?«
»Gott behüte mich, daß ich schlimm von Seiner Majestät spreche, sie hat wohl das Recht, Sitten zu haben, wie es ihr beliebt.«
»Nun! was bedeutet denn dieses Erstaunen? Willst Du etwa machen, daß Fräulein Andrée nicht eine vollkommene Schönheit ist, und daß sie daher der König nicht mit verliebten Augen anschaut?«
Taverney, antwortete nicht, er zuckte nur die Achseln und versank in eine Träumerei, in der ihn der unbarmherzig forschende Blick von Richelieu verfolgte.
»Gut, ich errathe, was Du sagen würdest, wenn Du, statt leise zu denken, laut sprächest,« fuhr der alte Marschall fort, indem er sein Fauteuil näher zu dem des Barons rückte; »Du würdest sagen, der König sei an schlechte Gesellschaft gewöhnt, er encanaillisire sich, wie man bei den Porcherons sagt, und werde sich deshalb wohl hüten, seine Augen diesem edlen Mädchen mit der schamhaften Haltung, mit der keuschen Liebe zuzuwenden, und folglich den Schatz an Anmuth und Reizen aller Art nicht bemerken, er, der nur Geschmack an ausgelassenen Späßen, an lockeren Liebäugeleien und Kammerjungfernwitzen finde.«
»Herzog, Du bist entschieden ein großer Mann.«
»Warum dies?«
»Weil Du richtig errathen hast.«
»Gestehe jedoch, Baron,« fuhr Richelieu fort, »es wäre Zeit, daß unser Herr uns nicht mehr zwänge, uns Edelleute, uns Pairs und Gefährten des Königs von Frankreich, die platte, gemeine Hand einer Courtisane dieser Art zu küssen; es wäre Zelt, daß er uns in unserer Luft versammelte und, nachdem er von der Chateauroux, welche Marquise und von einem Holze war, aus dem man Herzoginnen macht, auf die Pompadour, die Frau und Tochter eines Pächters, und von der Pompadour auf die Dubarry, welche ganz einfach Jeanneton heißt, gefallen war, nicht von der Dubarry auf irgend eine Maritorne aus der Küche, oder auf eine Goton aus dem Bauernvolk fiele; es ist demüthigend für uns, Baron, für uns, die wir eine Krone am Helm haben, das Haupt vor solchen Weibsbildern zu beugen.«
»Oh! das sind gut gesprochene Wahrheiten,« murmelte Taverney; »und wie klar ist es, daß durch die neuen Manieren diese Leere bei Hof entstanden ist!«
»Keine Königin mehr, keine Frauen mehr; keine Frauen mehr, keine Courtisanen mehr; der König unterhält eine Grisette, und das Volk ist auf dem Thron vertreten durch Mademoiselle Jeanne Vaubernier, Wäscherin von Paris.«
»Und das ist doch so . . .«
»Siehst Du, Baron,« unterbrach ihn der Marschall, »es wäre eine schöne Rolle für eine Frau von Geist, welche zu dieser Stunde in Frankreich regieren wollte.«
»Allerdings,« sagte Taverney, dessen Herz gewaltig schlug; »doch leider ist der Platz genommen.«
»Für eine Frau,« fuhr der Marschall fort, »welche, ohne die Laster dieser Buhlerin zu haben, die Kühnheit, die Berechnung und den Blick derselben hätte; für eine Frau, welche ihr Glück so weit emportreiben würde, daß man noch von ihr spräche, selbst wenn die Monarchie nicht mehr bestünde. Weißt Du, ob Deine Tochter Geist hat, Baron?«
»Viel, und besonders gesunden Verstand.«
»Sie ist sehr schön!«
»Nicht wahr?«
»Schön auf jene reizende, wollüstige Welse, die den Männern so sehr gefällt, schön durch jene Reinheit, jene Blüthe der Jungfräulichkeit, die selbst den Frauen Ehrfurcht einflößt . . . Man muß diesen Schatz wohl bewahren, mein alter Freund.«
»Du sprichst mir hierüber mit einem Feuer . . .«
»Ich! ich bin närrisch in sie verliebt und würde sie morgen ohne meine vier und siebzig Jahre heirathen; doch ist sie dort gut gestellt? hat sie wenigstens den Luxus, der einer so schönen Blume gebührt? . . . Bedenke, Baron, diesen Abend ist sie allein nach Hause gegangen, ohne Kammerfrauen, ohne Jäger, mit einem Lackei des Dauphin, der eine Laterne vor ihr hertrug.«
»Was willst Du, Herzog, Du weißt, ich bin nicht reich.«
»Reich oder nicht reich, mein Lieber, Deine Tochter muß wenigstens eine Kammerfrau haben.«
Taverney seufzte.
»Ich weiß es wohl,« sagte er, »sie muß eine haben, oder sie müßte vielmehr eine haben.«
»Wie! hast Du keine?«
Der Baron antwortete nicht.
»Wer war denn das hübsche Mädchen, das Du vorhin bei Dir hattest?« fuhr Richelieu fort; »meiner Treue, hübsch und fein.«
»Ja. aber . . .«
»Was, Baron?«
»Ich kann sie gerade nicht nach Trianon schicken.«
»Warum denn? Mir scheint, sie taugt im Gegentheil vortrefflich zu diesem Geschäft; das wird eine ganz zierliche Soubrette sein.«
»Du hast also ihr Gesicht nicht angeschaut, Herzog?«
»Ich habe nichts Anderes gethan.«
»Du hast sie angeschaut und ihre seltsame Aehnlichkeit nicht herausgefunden?«
»Mit?«
»Mit . . . Suche, sieh einmal! . . . Kommen Sie hierher. Nicole.«
Nicole trat ein; sie hatte als wahre Marton an der Thüre gehorcht.
Der Herzog nahm sie bei beiden Armen und schloß in die seinigen die Kniee des Mädchens, das der freche Blick des vornehmen Herrn durchaus nicht einschüchterte und nicht eine Secunde beengte.
»Ja,« sagte er, »ja, sie hat eine Aehnlichkeit, es ist wahr.«
»Du weißt, mit wem, und Du siehst, daß es folglich unmöglich ist, das Glück unseres Hauses einer solchen Ungeschicklichkeit des Zufalls auszusetzen. Es ist sehr angenehm, daß dieser kleine, schlecht gestickte Strumpf von einer Mademoiselle Nicole der vornehmsten Dame von Frankreich gleicht.«
»Oh! oh!« rief mit spitzigem Tone Nicole, indem sie sich losmachte, um Herrn von Taverney besser widersprechen zu können, »ist es gewiß, daß der kleine, schlecht gestickte Strumpf genau der vornehmen Dame gleicht? Hat die vornehme Dame auch die niedrige Schulter, das lebhafte Auge, das runde Bein und den fleischigen Arm dieses kleinen, schlecht geflickten Strumpfes? In jedem Fall, Herr Baron,« vollendete sie zornig, »wenn Sie mich so herabschätzen, so geschieht es nicht auf eine Probe, wie mir scheint!«
Nicole war roth vor Wuth und folglich von einer glänzenden Schönheit.
Der Herzog drückte abermals ihre schönen Hände, schloß zum zweiten Mal ihre Kniee ein und sagte mit einem Blicke voll von Liebkosungen und Versprechungen:
»Baron, Nicole hat sicherlich nicht ihres Gleichen bei Hofe; ich wenigstens denke das. Was die vornehme Dame betrifft, mit der sie, ich gestehe es, einen Anschein von Aehnlichkeit hat, so wollen wir alle Eitelkeit bei Seite setzen. Sie haben blonde Haare von einer bewunderungswürdigen Farbe, Mademoiselle Nicole, Sie haben Augenbrauen und eine Nase von einer ganz kaiserlichen Zeichnung; nun wohl, setzen Sie sich eine Viertelstunde vor eine Toilette, und diese Unvollkommenheiten, der Herr Baron beurtheilt sie so, werden verschwinden. Nicole, mein Kind, möchten Sie gern in Trianon sein?«
»Oh!« rief Nicole, deren ganze Seele voll Begierde und Verlangen in diese einzige Sylbe überging.
»Sie werden also nach Trianon kommen, meine Liebe, Sie werden dahin kommen und ihr Glück machen, ohne in irgend einer Hinsicht dem Glück Anderer Eintrag zu thun. Baron. ein letztes Wort.«
»Sprich, mein lieber Herzog.«
»Gehe, mein schönes Kind, und laß uns einen Augenblick plaudern,« sagte Richelieu.
Nicole ging hinaus, der Herzog näherte sich dem Baron und sprach zu ihm:
»Wenn ich so in Dich dringe, Deiner Tochter eine Kammerfrau zu schicken, so geschieht es, weil es dem König Vergnügen machen wird. Seine Majestät liebt die Armuth nicht und die hübschen Gesichter jagen ihm keine Angst ein. Kurz, ich verstehe mich darauf.«
»Nicole, gehe also nach Trianon, da Du denkst, es werde dem König Vergnügen machen,« erwiederte der Baron mit seinem Aegipans-Lächeln.
»Wenn Du mir die Erlaubniß dazu gibst, so nehme ich sie mit, sie kann den Wagen benützen.«
»Doch ihre Aehnlichkeit mit der Frau Dauphine! man müßte das überlegen, Herzog.«
»Ich habe es überlegt. Diese Aehnlichkeit wird unter den Händen von Rafté in einer Viertelstunde verschwinden, dafür stehe ich Dir . . . Schreibe also eine Zeile an Deine Tochter, Baron, um ihr zu sagen, welches Gewicht Du darauf legest, daß sie eine Kammerfrau habe, und daß diese Kammerfrau Nicole heiße.« . »Du glaubst, es sei dringend, daß sie Nicole heiße?«
»Ich glaube es.«
»Daß eine andere als Nicole?«
»Den Platz nicht so gut ausfüllen würde; bei meiner Ehre, das glaube ich.«
»Dann schreibe ich auf der Stelle.«
Und der Baron schrieb sogleich einen Brief, den er Richelieu übergab.
»Und die Instructionen, Herzog?«
»Ich übernehme es, sie Nicole zu geben. Sie ist verständig.«
Der Baron lächelte.
»Du willst sie mir also anvertrauen, nicht wahr?« sagte Richelieu.
»Meiner Treue! das ist Deine Sache, Herzog; Du hast sie Dir von mir erbeten, ich gebe sie Dir; mache damit, was Du kannst.«
»Mademoiselle, kommen Sie mit mir,« sagte der Herzog aufstehend, »kommen Sie geschwinde.«
Nicole ließ sich das nicht wiederholen. Ohne den Baron nur um seine Einwilligung zu fragen, machte sie in fünf Minuten ein Päckchen Kleidungsstücke zusammen und eilte mit so leichten Schritten, daß man hätte glauben sollen, sie stiege, zu dem Kutscher von Monseigneur.
Richelieu nahm sodann Abschied von seinem Freund, der ihm seinen Dank für den Dienst wiederholte, den er Philipp von Taverney geleistet hatte.
Von Andrée kein Wort, davon ließ sich jetzt nicht mehr sprechen.
XCIV.
Verwandlung
Nicole fühlte sich unaussprechlich wohlbehaglich; Taverney zu verlassen, um sich nach Paris zu begeben, war für sie kein so großer Triumph gewesen, als Paris gegen Trianon vertauschen zu dürfen.
Sie benahm sich so artig gegen den Kutscher von Herrn von Richelieu, daß der Ruf der neuen Kammerfrau am andern Tag in allen Remisen und in allen etwas aristokratischen Vorzimmern von Versailles und Paris gemacht war.
Als man zum Pavillon de Hanovre kam, nahm Herr von Richelieu die Kleine bei der Hand und führte sie selbst in den ersten Stock, wo ihn Herr Rafté erwartete, der viele Briefe für Rechnung seines gnädigsten Herrn schrieb.
Unter allen Attributen des Herrn Marschalls spielte der Krieg die größte Rolle, und Rafté war wenigstens in der Theorie ein so geschickter Kriegsmann geworden, daß Polybius und der Chevalier von Fobard, wären sie noch am Leben gewesen, sich sehr glücklich geschätzt hätten, einen von den kleinen Aufsätzen über Fortification und Manoeuvres zu erhalten, wie Rafté jede Woche einen schrieb.
Rafté war also mit dem Entwurf eines Kriegsplanes gegen die Engländer auf dem Mittelländischen Meer beschäftigt, als der Marschall eintrat und zu ihm sprach:
»Höre, Rafté, schaue mir dieses Kind an.«
Rafté schaute und erwiederte mit einer äußerst bezeichnenden Bewegung der Lippen:
»Sehr liebenswürdig.«
»Ja, aber die Aehnlichkeit? Rafté, ich spreche von der Aehnlichkeit.«
»Ah! es ist wahr; ah. Teufel!«
»Nicht wahr, Du findest?«
»Das ist außerordentlich, das wird ihr zum Verderben oder zum Glück gereichen.«
»Zuerst zum Verderben; doch wir wollen die Sache in Ordnung bringen; sie hat blonde Haare, wie Du siehst, Rafté; doch nicht wahr, das ist nicht von Bedeutung?«
»Man braucht sie nur schwarz zu machen, Monseigneur,« erwiederte Rafté, der die Gewohnheit angenommen hatte, den Gedanken seines Herrn zu vervollständigen und oft sogar ganz für ihn zu denken.
»Komm an meine Toilette, Kleine,« sprach der Marschall, »dieser Herr ist äußerst geschickt, er wird aus Dir die schönste und unkenntlichste Soubrette Frankreichs machen.«
Zehn Minuten hernach färbte wirklich Rafté mit einer Composition, der sich der Marschall jede Woche bediente. um seine weißen Haare unter seiner Perücke zu schwärzen, so dunkel wie Gagath die schönen aschblonden Haare von Nicole; dann fuhr er über ihre dicken blonden Augenbrauen mit einer am Feuer einer Kerze geschwärzten Nadel; er gab so ihrer munteren Physiognomie eine so phantastische Färbung, ihren lebhaften klagen Augen ein so glühendes und zuweilen so düsteres Feuer. daß man hätte glauben sollen, eine Fee komme durch die Kraft der Beschwörung aus einem magischen Schranke hervor, in dem sie ihr Zauberer gefangen gehalten.
»Nun, meine Schöne,« sprach Richelieu, nachdem er der erstaunten Nicole einen Spiegel gegeben, »schauen Sie, wie reizend und besonders wie wenig Sie die Nicole von vorhin sind, Sie haben keine Königin mehr zu fürchten, sondern nur ein Glück zu machen.«
»Oh! gnädigster Herr,« rief das Mädchen.
»Ja, und man braucht sich zu diesem Ende nur zu verständigen.«
Nicole erröthete und schlug die Augen nieder, die Listige erwartete ohne Zweifel Worte, wie sie Herr von Richelieu so gut zu sagen wußte.
Der Herzog begriff das und sprach, um jedes Mißverständniß kurz abzuschneiden:
»Setzen Sie sich in dieses Fauteuil, mein liebes Kind, hier neben Herrn Rafté; öffnen Sie Ihre Ohren und hören Sie mich. Oh! vor Herrn Rafté brauchen wir uns keinen Zwang anzuthun, seien Sie unbesorgt; er wird uns im Gegentheil seinen Rath geben. Nicht wahr, Sie hören mich?«
»Ja, gnädigster Herr,« stammelte Nicole, die sich schämte, daß sie sich aus Eitelkeit so getäuscht hatte.
Das Gespräch von Herrn von Richelieu mit Rafté und Nicole dauerte eine volle Stunde, wonach der Herzog die kleine Person mit dem Kammermädchen des Hotel schlafen gehen ließ.
Rafté setzte sich wieder an sein militärisches Memoire, Herr von Richelieu legte sich zu Bette, nachdem er Briefe durchblättert hatte, die ihn von allen Schritten der Provinzparlamente gegen Herrn von Aiguillon und die Dubarry Cabale unterrichteten.
Am andern Morgen führte einer seiner Wagen ohne Wappen Nicole nach Trianon, setzte sie vor dem Gitter mit ihrem kleinen Päckchen ab und verschwand.
Die Stirne hoch, den Geist frei und Hoffnung in den Augen, klopfte Nicole, nachdem sie sich zuvor erkundigt hatte, an die Thüre der Commune.
Es war zehn Uhr Morgens; schon aufgestanden und angekleidet, schrieb Andrée an ihren Vater, um ihn von dem glücklichen Ereigniß des vorhergehenden Tags zu unterrichten, zu dessen Bote sich, wie wir gesehen, Herr von Richelieu gemacht hatte.
Unsere Leser haben nicht vergessen, daß eine steinerne Freitreppe von den Gärten nach der Kapelle von Klein-Trianon führt, daß auf dem Ruheplatz dieser Kapelle eine Treppe rechts in den ersten Stock hinaufsteigt, nämlich zu den Zimmern der Damen vom Dienst, welche Zimmer ein langer, von den Gärten aus erleuchteter Corridor wie eine Allee begrenzt.
Das Zimmer von Andrée war das erste rechts in diesem Corridor. Es war ziemlich geräumig, gut beleuchtet vom großen Hof der Ställe, und vor demselben kam ein kleines Zimmer, an dessen Seiten je rechts und links ein Cabinet.
Ungenügend, wenn man die gewöhnlichen Ansprüche der Genossen eines glänzenden Hofes in Betracht zieht, wurde dieses Zimmer eine reizende Zelle, sehr wohnlich und sehr lachend als ein Winkel, um sich dahin nach den Aufregungen der Welt, die den Pallast bevölkerte, zurückzuziehen. Dahin konnte sich auch eine ehrgeizige Seele flüchten, um die Beschimpfungen oder Täuschungen des Tages mit sich zu verzehren; hier konnte auch in der Stille und Einsamkeit, nämlich in der Absonderung von aller Größe, eine demüthige und melancholische Seele ausruhen.
In der That, keine höheren Mächte, keine Pflichten, keine Repräsentation mehr, wenn man einmal diese Freitreppe überschritten und die Treppe der Kapelle erstiegen hatte. Ebenso viel Ruhe als im Kloster, ebenso viel materielle Freiheit als im Leben des Gefängnisses. Der Sklave des Palastes kehrte als Herr in sein Zimmer zurück.
Eine sanfte, stolze Seele wie die von Andrée fand sich befriedigt in allen diesen kleinen Rechnungen, nicht weil sie von einem getäuschten ehrgeizigen Bestreben oder von den Anstrengungen einer ungesättigten Laune ausruhen wollte, sondern Andrée konnte mehr nach ihrer Bequemlichkeit denken in dem engen Gevierte ihres Zimmers, als in den reichen Salons von Trianon, auf diesen Platten, die ihr Fuß mit so großer Schüchternheit betrat, daß man es hätte für Schrecken halten sollen.
Aus diesem dunklen Winkel, wo sie sich an ihrem Platze fühlte, betrachtete das Mädchen ohne Unruhe alle Größen, welche den Tag hindurch ihre Augen geblendet hatten. Inmitten ihrer Blumen, mit ihrem Klavier, umgeben von deutschen Büchern, welche eine so süße Gesellschaft für Leute sind, die mit dem Herzen lesen, forderte Andrée das Schicksal heraus, ihr einen Kummer zu schicken oder eine Freude zu rauben.
»Hier,« sagte sie, wenn sie sich am Abend, nach Erfüllung ihrer Pflichten, in ihr Hausgewand mit den weiten Falten hüllte und mit ihrer ganzen Seele und mit ihrer ganzen Lunge athmete, »hier besitze ich ungefähr Alles, was ich bis zu meinem Tod besitzen werde. Vielleicht bin ich eines Tags reich, aber nie werde ich mich ärmer finden; stets werden Blumen, Musik und ein schönes Blatt vorhanden sein, um die Einsamen zu erquicken.«
Andrée hatte die Erlaubniß erhalten, in ihrem Zimmer zu frühstücken, wenn es ihr gutdünkte. Diese Erlaubniß war ihr sehr kostbar. Sie konnte auf diese Art bis um Mittag zu Hause bleiben, wenn sie die Dauphine nicht zu einer Vorlesung oder zu einem Morgenspaziergang rufen ließ. War sie so an schönen Tagen frei, so ging sie am Morgen mit einem Buche aus und durchwanderte allein die Waldungen, die von Trianon bis Versailles gehen; nachdem sie so zwei Stunden spazieren gegangen war, nachgesonnen und geträumt hatte, kehrte sie zurück, um zu frühstücken, häufig, ohne irgend einen Herrn, irgend einen Lackei, einen Menschen, oder eine Livree gesehen zu haben.
Fing die Wärme an, unter dem dicken Blätterwerk durchzudringen, so hatte Andrée ihr kleines, durch die doppelte Luft des Fensters und der Gangthüre so frisches Zimmer. Ein kleiner mit Kattun überzogener Sopha, vier ähnliche Stühle, ihr keusches Bett mit rundem Himmel, von dem Vorhänge, ebenfalls von Kattun, herabfielen, zwei chinesische Vasen auf dem Kamin, ein viereckiger Tisch mit messingenen Füßen: hieraus bestand dieses kleine Universum, auf dessen Grenzen Andrée alle ihre Hoffnungen, alle ihre Wünsche beschränkte.
Andrée saß, wie gesagt, in ihrem Zimmer und schrieb ihrem Vater, als ein kleines bescheidenes Klopfen an die Thüre des Corridor ihre Aufmerksamkeit erregte.
Sie hob den Kopf in die Höhe, da sie die Thüre sich öffnen sah, und stieß einen leichten Schrei des Erstaunens aus, als das strahlende Gesicht von Nicole, aus dem kleinen Vorzimmer hereinkommend, erschien.
