Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 68
Er zählte drei und dreißig Köpfe in der Versammlung. Ein Schreibtisch, der auf einer Estrade stand, erwartete einen Präsidenten.
CIII.
Die Loge der Rue Plastrière
Rousseau bemerkte, daß die Gespräche der Anwesenden sehr discret und zurückhaltend waren. Viele rührten ihre Lippen nicht. Kaum drei bis vier Paare tauschten einige Worte aus.
Diejenigen, welche nicht sprachen, suchten sogar ihr Gesicht zu verbergen, was nicht schwer zu bewerkstelligen war, in Folge der großen Masse von Schatten, welche die Estrade des Präsidenten warf, den man erwartete.
Die Zufluchtstätte von diesen, welche die Furchtsamen zu sein schienen, war hinter der Estrade.
Dagegen machten sich zwei oder drei Mitglieder der Körperschaft viel Bewegung, um ihre Collegen zu erkennen. Sie gingen hin und her. sprachen mit einander und verschwanden häufig nach und nach durch eine Thüre, welche mittelst eines schwarzen Vorhangs mit rothen Flammen maskirt war.
Bald erklang ein Glöckchen. Ein Mann verließ einfach die Ecke der Bank, wo er bis jetzt mit den andern Maurern vermischt gewesen war, und nahm Platz auf der Estrade ein.
Nachdem er einige Zeichen mit der Hand und mit den Fingern gemacht halte, welche Zeichen von allen Anwesenden wiederholt wurden, und denen er sodann ein noch deutlicheres beifügte, erklärte er die Sitzung als eröffnet.
Dieser Mann war Rousseau durchaus unbekannt: unter dem Aeußeren eines wohlhabenden Handwerksmanns verbarg er viel Geistesgegenwart, unterstützt von einem so leichten Vortrag, als man ihn hätte bei einem Redner finden mögen.
Seine Rede war kurz und bündig. Er erklärte, die Loge habe sich versammelt, um zur Aufnahme eines neuen Bruders zu schreiten.
»Ihr werdet nicht staunen,« sagte er, »daß wir uns in dem Local versammelt haben, wo die gewöhnlichen Proben nicht versucht werden können; die Proben sind den Häuptern als überflüssig erschienen. Der Bruder, um dessen Aufnahme es sich handelt, ist eine von den Fackeln der Philosophie der Zeitgenossen, es ist ein tiefer Geist, der uns durch die Ueberzeugung und nicht durch die Furcht treu sein wird.
»Auf denjenigen, welcher die Geheimnisse der Natur und alle die des menschlichen Herzens erforscht und ergründet hat, vermöchte man nicht auf dieselbe Weise Eindrücke hervorzubringen, wie auf den einfachen Sterblichen, von dem wir die Hülfe seiner Arme, seines Willens und seines Geldes verlangen. Um die Mitwirkung dieses ausgezeichneten Geistes, dieses redlichen und energischen Charakters zu erlangen, werden uns sein Versprechen oder sein Beitritt genügen.«
Der Redner endigte so seinen Antrag, und schaute dann umher, um die Wirkung desselben wahrzunehmen.
Bei Rousseau war die Wirkung eine magische: der Genfer kannte die vorbereitenden Geheimnisse der Maurerei; er hatte sie mit einem für erleuchtete Geister sehr natürlichen Widerwillen angesehen; diese, da sie so unnöthig waren, ganz albernen Concessionen, welche die Häupter von den Aufzunehmenden forderten, daß man nämlich Angst heucheln soll, während man weiß, daß man nichts zu fürchten hat, erschienen ihm als das Uebermaß der Knabenhaftigkeit und müßigen Aberglaubens.
Mehr noch, der schüchterne Philosoph, ein Feind aller individuellen Schaustellung, hätte sich unglücklich gefühlt, seine Person als Schauspiel für Leute, die er nicht kannte, und die ihn, dies war gewiß, mit mehr oder minder gutem Glauben mystificirten, hingeben zu sollen.
Daß er sich von den Proben freigesprochen sah, gereichte ihm deshalb in mehr als einer Hinsicht zur Befriedigung. Er kannte die Strenge der Gleichheit vor den Gesetzen der Maurerei, und eine Ausnahme zu seinen Gunsten bildete somit einen Triumph.
Er war im Begriff, durch einige Worte auf die freundliche Rede des Präsidenten zu antworten, als sich eine Stimme aus der Versammlung erhob.
»Wenn Ihr,« sprach diese Stimme, welche eine scharfe, vibrirende war, »wenn Ihr Euch verpflichtet glaubt, als Fürsten einen Menschen, wie wir sind, zu behandeln, wenn Ihr ihn von der körperlichen Pein freisprecht, als ob das Streben noch Freiheit durch das Leiden des Körpers nicht eines unserer Symbole wäre, so werdet Ihr doch wenigstens, wie wir hoffen, nicht einen kostbaren Titel einem Unbekannten übertragen, ohne ihn nach dem Ritus befragt und sein Glaubensbekenntnis; erhalten zu haben.«
Rousseau drehte sich, um das Gesicht der angreifenden Person zu sehen, die so hart auf den Wagen des Triumphators einschlug.
Er erkannte zu seinem großen Erstaunen den jungen Wundarzt, den er am Morgen auf dem Ouai our Fleurs getroffen hatte.
Das Gefühl seines guten Glaubens, ein Gefühl der Verachtung gegen den kostbaren Titel vielleicht, hinderte ihn, zu antworten.
»Sie haben gehört?« sagte der Präsident, indem er sich an Rousseau wandte.
»Vollkommen,« antwortete der Philosoph, dem seine eigene Stimme einen leichten Schauer bereitete, als er sie unter diesem düsteren Kellergewölke ertönen hörte. »Ich wundere mich indessen viel mehr über diese Aufforderung, da ich sehe, von wem sie gemacht wird. Wie, ein Mensch, dessen Standesaufgabe es ist, das zu bekämpfen, was man das körperliche Leiden nennt, und so seinen Brüdern, welche ebensowohl die gewöhnlichen Menschen, als die Maurer sind, Hülfe zu leisten; wie, dieser Mensch kommt und predigt hier die Nützlichkeit physischer Leiden! . . . Er schlägt einen seltsamen Weg ein, um das Geschöpf zum Glück, den Kranken zur Heilung zu führen.«
»Es handelt sich hier nicht um Diesen oder Jenen,« entgegnete lebhaft der junge Mann. »Ich bin dem Aufzunehmenden unbekannt, wie er mir unbekannt ist. Ich bin logisch und behaupte, daß er Unrecht gehabt hat, das Ansehen der Person geltend zu machen. Ich kannte diesen nicht,« – und er deutete auf Rousseau den Philosophen, – »er wolle in mir den Praktiker nicht erkennen. So sollen wir vielleicht das ganze Leben neben einander gehen, ohne daß je ein Blick, eine Geberde unsere dennoch enge Gemeinschaft verräth. Ich wiederhole also, wenn man dem Aufzunehmenden die Proben ersparen zu müßen geglaubt hat, so ist doch Grund vorhanden, ihm wenigstens die Frage vorzulegen.«
Rousseau antwortete nicht. Der Präsident las auf seinem Gesicht den Ekel, den dieser Streit bei ihm erregte, und sein Bedauern, sich in dieses Unternehmen eingelassen zu haben.
»Bruder,« sprach er mit Würde zu dem jungen Mann, »wollen Sie schweigen, wenn der Chef spricht, und sich nicht herausnehmen, leichthin seine Handlungen zu tadeln, welche unumschränkt sind.«
»Ich habe das Recht zu interpelliren,« erwiederte mit sanfterem Tone der junge Mann.
»Zu interpelliren, ja; zu tadeln, nein. Der Bruder, welcher in den Bund eintritt, ist so bekannt, daß wir nicht in unsere Maurerverhältnisse ein lächerliches und unnützes Geheimniß zu legen brauchen. Alle gegenwärtige Brüder wissen seinen Namen, und sein Name ist eine Gewährschaft. Da er jedoch, dessen bin ich sicher, selbst die Gleichheit liebt, so bitte ich ihn, sich über die Frage zu erklären, die ich einzig der Form wegen an ihn stelle.
»Was suchen Sie in der Verbindung?«
Rousseau machte zwei Schritte, ließ, als er von der Menge getrennt stand, ein träumerisches, schwermüthiges Auge auf der Versammlung umherlaufen und sprach:
»Ich suche darin, was ich nicht darin finde: Wahrheit, nicht Sophismen. Warum würdet Ihr mich mit Dolchen, die nicht eindringen, mit Giften, die nur klares Wasser sind, und mit Fallthüren umgeben, unter denen Matratzen ausgebreitet liegen? Ich kenne die Quelle der menschlichen Kräfte. Ich kenne die Stärke meiner physischen Feder: wenn Ihr sie brecht, so ist es nicht der Mühe werth, daß Ihr mich zum Bruder wählt; todt würde ich Euch nicht dienen: Ihr wollt mich also nicht tödten, verwunden noch weniger, und alle Praktiker der Welt würden es nicht dahin bringen, daß ich die Einweihung gut fände, während welcher man mir ein Glied gebrochen hätte.
»Ich habe mehr als Ihr Alle meine Lehre in den Schmerzen durchgemacht; ich habe den Körper sondirt und die Seele befühlt. Willigte ich ein, zu Euch zu kommen, als man mich darum bat, (er legte einen besonderen Nachdruck auf dieses Wort,) so glaubte ich nützlich sein zu können. Ich gebe also ich empfange nicht.
»Ach! ehe Ihr etwas vermöget, um mich zu vertheidigen, ehe Ihr mir durch Eure eigenen Mittel die Freiheit gebt, wenn man mich einkerkert, Brod, wenn man mich aushungert, Trost, wenn man mich betrübt, ehe Ihr etwas seid, sage ich, wird dieser Bruder, den Ihr heute zulaßt, wenn es der Herr erlaubt,« fügte er, sich gegen Marat umwendend, bei, »wird dieser Bruder seinen Tribut der Natur bezahlt haben, denn der Fortschritt ist hinkend, denn das Licht ist langsam, und aus dem Ort, in den er dann gefallen ist, wird ihn keiner von Euch herausziehen.«
»Sie täuschen sich, erhabener Freund,« sprach eine weiche und zugleich eindringliche Stimme, welche Rousseau sanft anzog: »es ist mehr, als Sie denken, in dem Bündniß, dem Sie beitreten wollen; es ist darin die ganze Zukunft der Welt; die Zukunft, wie Sie wissen, ist die Hoffnung, ist die Wissenschaft; die Zukunft ist Gott, der sein Licht der Welt geben muß, da er es ihr zu geben versprochen hat, Gott aber vermochte nicht zu lügen.
Erstaunt, über diese erhabene Sprache, schaute Rousseau und erkannte den noch jungen Mann, der ihn am Morgen beim Lit de justice hierher beschieden hatte.
Mit einer gewissen Sorgfalt, und besonders mit großer Distinction schwarz gekleidet, hielt er sich an eine Seite der Estrade angelehnt, und durch einen milden Schimmer beleuchtet, glänzte sein Antlitz in seiner ganzen Schönheit, in seiner ganzen Anmuth, in seinem ganzen natürlichen Ausdruck.
»Ah!« sprach Rousseau, »die Wissenschaft, ein bodenloser Abgrund! Sie sprechen mir von Wissenschaft! Trost, Zukunft, Zusage; ein Anderer spricht mir von Materie, Strenge, Gewalt; welchem soll ich glauben? Es wird also in der Versammlung der Brüder sein, wie unter den verzehrenden Wölfen der Welt, die sich unter uns bewegt. Wölfe und Lämmer! Höret also mein Glaubensbekenntnis), da Ihr es nicht in meinen Büchern gelesen habt.«
»Ihre Bücher!« rief Marat, »Ihre Bücher sind erhaben, einverstanden; Sie sind nützlich aus demselben Gesichtspunkt wie Pythagoras, wie Solon, wie Cicero, der Sophist. Sie geben das Gute an, aber ein künstliches, ungreifbares, unzugängliches Gute; Sie gleichen demjenigen, der gern eine ausgehungerte Menge mit Luftblasen füttern möchte, welche die Sonne mehr oder Minder in den Regenbogenfarben schimmern läßt.«
»Haben Sie die großen Erschütterungen der Natur sich ohne Vorbereitungen bewerkstelligen sehen?« fragte Rousseau, die Stirne faltend; »haben Sie den Menschen, dieses gewöhnliche und dennoch erhabene Ereigniß, entstehen sehen? Haben Sie ihn entstehen sehen, ohne daß er neun Monate Substanz und Leben an den Flanken seiner Mutter angehäuft hatte? Ah! Sie wollen, daß ich die Welt durch Handlungen regenerire. Das nenne ich nicht regeneriren, mein Herr, das nenne ich revolutioniren!«
»Also,« entgegnete heftig der junge Wundarzt, »also wollen Sie keine Unabhängigkeit! also wollen Sie keine Freiheit!«
»Im Gegentheil,« erwiederte Rousseau, »denn die Unabhängigkeit ist mein Idol, denn die Freiheit ist meine Göttin. Ich will nur eine sanfte, strahlende Freiheit, welche erwärmt und belebt. Ich will eine Gleichheit, welche die Menschen durch die Freundschaft und nicht durch die Furcht einander näher bringt. Ich will die Erziehung, die Unterweisung jedes Elements des gesellschaftlichen Körpers, wie der Mechaniker die Harmonie, wie der Ebenist41 die Vereinigung, das vollkommene Zusammenhalten, die absolute Vermischung jedes Theiles seiner Arbeit will. Ich wiederhole, ich will das, was ich geschrieben habe: den Fortschritt, den Einklang, die innige, gegenseitige Ergebenheit.«
Marat ließ über seine Lippen ein Lächeln der Verachtung schweben.
»Ja,« sagte er, »die Bäche von Milch und Honig, die elysäischen Felder von Virgil, Träume eines Dichters, aus denen die Philosophie gern eine Wirklichkeit machen möchte.«
Rousseau erwiederte nichts. Es kam ihm zu hart vor, daß er seine Mäßigung vertheidigen sollte, er, den man in ganz Europa einen heftigen Neuerer genannt hatte.
Er setzte sich in der Stille nieder, nachdem er zur Befriedigung seiner schüchternen und naiven Seele mit dem Blick den jungen Mann, der ihn so eben vertheidigt, befragt und dessen stillschweigende Billigung erhalten hatte.
Der Präsident stand auf.
»Sie haben gehört?« sagte er zu Allen.
»Ja,« antwortete die Versammlung, doch mit einer gewissen Zurückhaltung, welche nicht gerade Einhelligkeit bezeichnete.
»Leisten Sie den Schwur,« sprach der Präsident zu Rousseau.
»Es wäre mir unangenehm,« erwiederte der Philosoph mit einem gewissen Stolz, »es wäre mir unangenehm, wenn ich einigen Mitgliedern dieses Bundes mißfiele, und ich muß abermals meine Worte von vorhin wiederholen, sie sind der Ausdruck meiner Ueberzeugung. Wäre ich ein Redner, so würde ich sie auf eine ergreifende Weise entwickeln; aber meine Zunge ist rebellisch und wird stets zur Verrätherin an meinen Gedanken, wenn ich eine unmittelbare Uebersetzung von ihr fordere.
»Ich will sagen, daß ich mehr für die Welt und für Sie fern von dieser Versammlung thue, als ich beständig ihre Gebräuche übend thun würde; überlassen Sie mich also meinen Arbeiten, meiner Schwäche, meiner Vereinzelung. Ich habe es gesagt, ich neige mich zum Grabe, Kummer, Gebrechen, Dürftigkeit treiben mich täglich dahin; Sie können dieses große Werk der Natur nicht verzögern; verlassen Sie mich, ich bin nicht gemacht, um mit den Menschen zu gehen, ich hasse sie und fliehe sie; ich diene ihnen jedoch, weil ich selbst Mensch bin, und weil ich sie mir, indem ich ihnen diene, besser träume, als sie sind. Nun haben Sie meinen ganzen Gedanken; ich werde nicht ein Wort mehr sagen.«
»Sie weigern sich also, den Eid zu leisten?« fragte Marat mit einer gewissen Erschütterung.
»Ich weigere mich durchaus; ich will nicht zum Bund gehören: zu viele Beweise bestätigen mir, daß ich dabei unnütz wäre.«
»Bruder,« sprach der Unbekannte mit der versöhnenden Stimme, »erlauben Sie mir, daß ich Sie so nenne, denn wir sind wirklich Brüder, außerhalb jeder Combination des menschlichen Geistes. Bruder! geben Sie nicht einem Augenblick natürlichen Aergers nach; opfern Sie ein wenig von Ihrem gerechten Stolz; thun Sie für uns, was Ihnen widerstrebt. Ihre Rathschläge, Ihre Ideen, Ihre Gegenwart, das ist das Licht! Versenken Sie uns nicht in die doppelte Nacht Ihrer Abwesenheit und Ihrer Weigerung.«
»Sie täuschen sich,« sprach Rousseau, »ich nehme Ihnen nichts, da ich nie mehr geben werde, als ich aller Welt, dem ersten, dem besten Leser, der ersten Auslegung der Zeitung gegeben habe; wollen Sie den Namen und das Wesen von Rousseau . . .«
»Wir wollen es!« sagten höflich mehrere Stimmen.
»Dann nehmen Sie eine Sammlung meiner Werke, stellen Sie die Bände auf den Tisch Ihres Präsidenten, und wenn Sie zum Abstimmen schreiten, und es ist die Reihe an mir, meine Stimme abzugeben, so öffnen Sie mein Buch, und Sie werden meine Meinung, meine Sentenz finden.«
Rousseau machte einen Schritt, um wegzugehen.
»Einen Augenblick Geduld,« sagte der Wundarzt, »der Wille ist frei und der des erhabenen Philosophen wie jeder andere; doch es wäre durchaus nicht in der Ordnung, Zugang in unser Allerhelligstes einem Profanen gestattet zu haben, der, da er nicht einmal durch eine stillschweigende Bedingung gebunden wäre, ohne ein unehrlicher Mensch zu sein, unsere Geheimnisse enthüllen könnte.«
Rousseau gab ihm sein mitleidiges Lächeln zurück.
»Sie verlangen einen Eid der Verschwiegenheit von mir?« fragte er.
»Sie haben es gesagt.«
»Ich bin bereit.«
»Wollen Sie die Formel vorlesen, ehrwürdiger Bruder,« sprach Marat.
Der ehrwürdige Bruder las in der That folgende Formel:
»Ich schwöre in Gegenwart des großen, ewigen Gottes, des Erbauers des Weltalls, meiner Oberen und der achtenswerthen Versammlung, die mich umgibt, nie etwas von dem, was unter meinen Augen vorgeht, zu enthüllen, bekannt zu machen, oder zu schreiben, indem ich mich selbst dazu verurtheile, daß ich im Falle einer Unklugheit nach den Gesetzen des großen Stifters, aller meiner Oberen und dem Zorn meiner Väter bestraft werde.«
Rousseau streckte schon die Hand aus, als der Unbekannte, der die Debatte mit einem gewissen Ansehen, das ihm Niemand streitig machte, obgleich er unter der Menge verborgen war, angehört und verfolgt hatte, als der Unbekannte, sagen wir, sich dem Präsidenten näherte, und ihm ein paar Worte ins Ohr sagte.
»Das ist wahr,« erwiederte der Ehrwürdige.
Und er fügte bei:
»Sie sind ein Mann, nicht ein Bruder, ein Mann von Ehre, der uns gegenüber nur die Stellung eines Nebenmenschen einnimmt. Wir entsagen also hier unserer Eigenschaft, um einfach Ihr Ehrenwort von Ihnen zu verlangen, daß Sie Alles vergessen, was zwischen uns vorgefallen ist.«
»Wie einen Traum am Morgen, ich schwöre es Ihnen bei meiner Ehre,« erwiederte Rousseau nicht ohne eine gewisse Erschütterung.
Nach diesen Worten ging er hinaus und viele Mitglieder folgten ihm.
CIV.
Rechenschaftsbericht
Nach dem Abgang der Mitglieder zweiten und dritten Rangs blieben sieben Verbündete in der Loge. Es waren die sieben Chefs.
Sie erkannten sich unter einander mittelst der Zeichen, welche ihre Einweihung in einen höhern Grad bewiesen.
Ihre erste Sorge war es, die Thüren zu schließen; als man die Thüren geschlossen hatte, offenbarte sich ihr Präsident durch Vorzeigung eines Ringes, worauf die geheimnißvollen Buchstaben L. P. D. eingegraben waren.
Dieser Präsident war mit der obersten Correspondenz des Ordens beauftragt. Er stand in Verbindung mit den anderen Häuptern, welche die Schweiz, Rußland, Amerika, Schweden, Spanien und Italien bewohnten.
Er brachte einige von den wichtigsten Schreiben, die er von feinen Collegen erhalten hatte, um sie dem Kreise der höheren Eingeweihten mitzutheilen, welche über den Anderen und unter ihm standen.
Wir haben diesen Chef erkannt, es war Balsamo.
Der wichtigste von diesen Briefen, enthielt eine bedrohliche Mittheilung: er kam von Schweden und Swedenborg halte ihn geschrieben.
»Wachet im Süden, Brüder,« sagte er; »unter seinem brennenden Einfluß ist ein Verräther wiedererwärmt worden. Dieser Verräther wird Euch zu Grunde richten.
Wachet in Paris, Brüder, der Verräther wohnt daselbst; die Geheimnisse des Ordens sind in seinen Händen, ein Gefühl des Hasses treibt ihn an.
Ich höre die Anzeige mit dumpfem Flug, mit murmelnder Stimme. Ich sehe eine schreckliche Rache, aber vielleicht wird sie zu spät kommen. Mittlerweile wachet, Brüder, wachet! Zuweilen genügt eine verrätherische, wenn auch schlecht unterrichtete Zunge, unsere so geschickt angesponnenen Pläne von Grund aus zu zerstören.«
Die Brüder schauten sich mit stummem Erstaunen an. Die Sprache des wilden Illuminaten, seine Gabe der Weissagung, der viele auffallende Beispiele ein imposantes Ansehen verliehen, trugen nicht wenig dazu bei, den Ausschuß, bei welchem Balsamo den Vorsitz führte, zu verdüstern.
Er selbst, der Vertrauen zu der Hellsichtigkeit von Swedenborg hatte, vermochte dem ernsten und schmerzlichen Eindruck, der ihn ergriff, nachdem er das Schreiben gelesen, nicht zu widerstehen.
»Brüder,« sprach er, »der inspirirte Prophet täuscht sich selten. Wachet also, wie er es Euch empfiehlt. Ihr wißt es wie ich, der Kampf entspinnt sich. Seien wir nicht besiegt durch die lächerlichen Feinde, deren Macht wir in voller Sicherheit untergraben. Vergeßt es nicht, sie haben zu ihrer Verfügung die Ergebenheit feiler, lohnsüchtiger Leute. Das ist eine mächtige Waffe unter den Seelen, die nicht weiter sehen, als bis zu den Gränzen des irdischen Lebens. Brüder, mißtrauen wir den besoldeten Verräthern.«
»Diese Befürchtungen kommen mir knabenhaft vor.« sprach eine Stimme; »Jeden Tag nehmen wir zu an Stärke, und wir werden geleitet von glänzenden Geistern und kräftigen Händen.«
Balsamo verbeugte sich, um dem Schmeichler für sein Lob zu danken.
»Ja; aber wie es unser erhabener Präsident gesagt hat, der Verrath schleicht sich überall ein,« entgegnete ein Bruder, der kein anderer war, als der Wundarzt Marat, trotz seiner Jugend zu einem höheren Grade vorgerückt, welcher in dieser Eigenschaft zum ersten Mal an der Sitzung des berathenden Ausschusses Theil nahm. »Bedenkt, Brüder, daß man den Köder verdoppelnd den Fang um so bedeutender macht. Kann Herr von Sartines mit einem Sack Thaler die Enthüllung von einem unserer dunklen Brüder erkaufen, so kann der Minister mit einer Million oder der Hoffnung auf eine Würde einen von unseren Oberen erkaufen. Bei uns aber weiß der dunkle Bruder nichts. Er kennt höchstens einige Namen unter seinen Collegen, und diese Namen stellen keine Sache dar. Es ist eine bewunderungswürdige Ordnung, die Ordnung unserer Constitution, aber sie ist ungeheuer aristokratisch: die Unteren wissen nichts, vermögen nichts, man versammelt sie, um ihnen Nichtswürdigkeiten zu sagen oder sie sagen zu lassen; und dennoch tragen sie mit ihrer Zeit, mit ihrem Geld zur Festigkeit und Haltbarkeit unseres Baues bei. Bedenkt wohl, der Handlanger bringt nur den Stein und den Mörtel, aber werdet Ihr ohne Stein und ohne Mörtel das Haus machen? Dieser Handlanger erhält nur einen geringfügigen Lohn, und dennoch betrachte ich ihn als dem Baumeister gleich, dessen Plan das ganze Werk schasst und belebt; und ich betrachte ihn als seines Gleichen, weil er ein Mensch ist, und weil jeder Mensch so viel werth ist, als ein anderer Mensch in den Augen des Philosophen, in Betracht, daß er seinen Antheil an Armuth und Elend trägt wie ein Anderer, und er sogar mehr als ein Anderer dem Fallen eines Steines oder dem Einstürzen eines Gerüstes ausgesetzt ist.«
»Ich unterbreche Sie, Bruder,« sprach Balsamo. »Sie verlassen die Frage, die uns allein beschäftigen muß. Ihr Fehler, Bruder, besteht dann, daß Sie den Eifer übertreiben und die Verhandlungen generalisiren. Es handelt sich heute nicht darum, zu wissen, ob unsere Constitution gut oder schlecht ist, sondern es handelt sich darum, die Festigkeit, die Reinheit dieser Constitution zu erhalten. Wollte ich mit Ihnen streiten, so würde ich Ihnen antworten, nein, das Organ, das die Bewegung empfängt, steht nicht gleich mit dem Genie des Schöpfers; nein, der Arbeiter steht nicht gleich mit dem Baumeister; nein, das Gehirn steht nicht gleich mit dem Arm.«
»Wenn Herr von Sartines einen von unsern Brüdern von den letzten Graden packt,« rief Marat voll Wärme, »wird er ihn minder in der Bastille verfaulen lassen, als Sie und mich?«
»Einverstanden, aber es wird Schade für den einzelnen Menschen und nicht für den Orden sein, der bei uns vor allem Anderem kommen muß; so lange das Haupt eingekerkert ist, macht die Verschwörung einen Stillstand; so lange der General fehlt, verliert die Armee die Schlacht.
»Brüder, wacht also über dem Heile der Führer.«
»Ja, aber sie sollen ihrerseits über dem unsrigen wachen.«
»Das ist ihre Pflicht.«
»Und ihre Fehler sollen doppelt bestraft werden.«
»Noch einmal, mein Bruder, Sie entfernen sich von den Constitutionen des Ordens. Verkennen Sie nicht, daß der Schwur, der die Mitglieder unseres Vereins bindet, einer und derselbe ist und auf Alle dieselben Strafen anwendet.«
»Die Großen werden sich denselben immer entziehen.«
»Das ist nicht die Meinung der Großen, Brüder; höret das Ende des Briefes unseres Propheten Swedenborg, eines der Großen unter uns; er fügt bei:
Das Uebel wird von einem der Großen kommen, von einem der sehr Großen des Ordens, oder wenn es nicht gerade von ihm kommt, so wird darum der Fehler nicht minder ihm zur Last zu legen sein; erinnert Euch, daß das Feuer und das Wasser Schuldgenossen sein können; das eine gibt das Licht, das andere die Offenbarung.
Wacht, Brüder, über Allem und über Allen, wacht!«
»Nun,« sprach Marat, der von der Rede von Balsamo und aus dem Briefe von Swedenborg diejenige Seite nahm, aus welcher er Nutzen ziehen wollte, »nun, so laßt uns den Schwur wiederholen, der uns bindet, wir wollen uns verpflichten, ihn in seiner ganzen Strenge zu halten, wer auch derjenige sein mag, welcher verrathen, oder den Verrath veranlaßt haben wird.«
Balsamo sammelte sich einen’ Augenblick, stand von seinem Sitze auf, und sprach die geheiligten Worte, welche unsere Leser schon einmal gesehen haben, mit langsamer, feierlicher, furchtbarer Stimme:
»Im Namen des gekreuzigten Sohnes schwöre ich, die fleischlichen Bande zu brechen, welche mich an Vater, Mutter, Brüder, Schwestern, Gattin, Verwandte, Freunde, Geliebtin, Könige, Häupter, Wohlthäter oder an irgend ein Wesen binden, dem ich Treue. Gehorsam, Dankbarkeit oder Dienstbarkeit gelobt habe.
Ich schwöre dem Haupte, das ich nach den Statuten des Ordens anerkenne, zu enthüllen, was ich gesehen, gethan, aufgefaßt, gelesen oder gehört, erfahren oder errathen habe, und sogar das, was sich meinen Augen nicht bieten würde, zu erforschen und zu erspähen.
Ich werde das Gift, das Eisen und das Feuer ehren als Mittel, um die Erde durch den Tod oder die Verblendung der Feinde der Wahrheit und der Freiheit zu reinigen.
Ich unterzeichne das Gesetz des Stillschweigens; ich willige ein, wie vom Blitz getroffen zu sterben an dem Tag, wo ich eine Strafe verdient habe, und ich erwarte, ohne mich zu beklagen, den Messerstoß, der mich, an welchem Orte der Erde ich auch sein mag, treffen wird.«
Hienach wiederholten die sieben Männer, aus denen die düstere Versammlung bestand, Wort für Wort diesen Schwur, stehend und mit entblößtem Haupt.
Als aber die sacramentalen Worten erschöpft waren, sprach Balsamo:
»Wir sind nun geschützt und wollen nicht mehr Zwischenfälle in unsere Verhandlungen mischen. Ich habe dem Ausschuß Rechenschaft über die Hauptereignisse des Jahres abzulegen.
Meine Führung der Angelegenheiten Frankreichs wird erleuchteten und eifrigen Geistern, wie Ihr seid, einiges Interesse bieten.
Ich fange an.
Frankreich liegt im Mittelpunkt von Europa, wie das Herz im Mittelpunkte des Körpers liegt. In seinen Bewegungen muß man die Ursache der ganzen Ungemächlichkeit des allgemeinen Organismus sehen. Ich bin also nach Frankreich gekommen und habe mich Paris genähert, wie sich der Arzt dem Herzen nähert: ich habe auscultirt, ich habe befühlt, ich habe Versuche gemacht. Als ich vor einem Jahr zu ihr trat, mattete sich die Monarchie ab; heute tödten sie die Laster. Ich mußte die Wirkung dieser tödtlichen Ausschweifungen beschleunigen und begünstigte sie deshalb.
Ein Hinderniß fand sich auf meinem Wege, dieses Hinderniß war ein Mensch, dieser Mensch war nicht der Erste, wohl aber der Mächtigste des Staats nach dem König.
Er war mit einigen von den Eigenschaften begabt, welche den anderen Menschen gefallen. Er war zu stolz, doch er wandte seinen Stolz auf seine Werke an; er wußte die Knechtschaft des Volkes zu mildern, indem er es glauben, zuweilen sogar sehen ließ, daß es einen Theil des Staats bildet; und indem er es zuweilen über sein eigenes Elend um Rath fragte, pflanzte er eine Standarte auf, um welche sich die Massen stets versammeln, den Nationalgeist.
Er haßte die Engländer die als natürlichen Feinde von Frankreich; er haßte die Favoritin als natürliche Feindin der Arbeiterclassen. Diesen Menschen, wäre er ein Usurpator, wäre er einer der Unseren gewesen, wäre er auf unsern Wegen gegangen, hätte er in unsern Zwecken gehandelt, würde ich geschont, würde ich in der Gewalt erhalten, würde ich mit allen Mitteln, die ich für meine Schützlinge schaffen kann, unterstützt haben, denn statt das wurmstichige Königreich noch einmal zu übertünchen, hätte er es am bestimmten Tag mit uns gestürzt. Doch er gehörte zur aristokratischen Classe, doch er war mit der Ehrfurcht vor dem ersten Rang, den er nicht an sich zu reißen, vor der Monarchie, die er nicht anzugreifen wagte, geboren; er schonte das Königthum, während er den König verachtete; er that mehr, er diente als Schild für dieses Königthum, nach welchem sich unsere Streiche richteten. Voll Achtung vor diesem lebendigem, den Eingriffen der königlichen Prärogative entgegengestellten Damm, erhielten sich das Parlament und das Volk in einem gemäßigten Widerstand, sicher, wie sie waren, einer mächtigen Hülfe, wenn der Augenblick gekommen wäre.
Ich begriff die Lage der Dinge und unternahm den Sturz von Herrn von Choiseul.
Dieses mächtige Werk, an welchem seit zehn Jahren so viel Haß und so viele Interessen arbeiteten, habe ich in wenigen Monaten, durch Mittel, welche Euch zu nennen unnütz wäre, begonnen und beendigt. Durch ein Geheimnis, das eine meiner Kräfte ist, eine um so bedeutendere Kraft, als sie ewig vor den Augen Aller verborgen bleiben und sich nie anders als durch die Wirkung zeigen wird, habe ich Herrn von Choiseul gestürzt, vertrieben, und in sein Gefolge einen langen Zug von Ausbrüchen des Bedauerns, von Enttäuschungen, von Leidwesen, von Weheklagen und Aeußerungen des Zornes angehängt.
Nun trägt die Arbeit ihre Früchte; ganz Frankreich verlangt Choiseul und erhebt sich, um ihn wiederzubekommen, wie die Waisen ihre Arme zum Himmel empor, strecken, wenn ihnen Gott ihren Vater genommen hat.
Die Parlamente bedienen sich des einzigen Rechtes, das sie haben, der Trägheit; sie hören auf zu functioniren. Bei einem wohl organisirten Körper, wie es ein Stand ersten Ranges sein muß, wirkt die Lähmung eines wesentlichen Organs tödtlich; das Parlament ist aber beim gesellschaftlichen Körper das, was der Magen beim menschlichen Körper ist; arbeiten die Parlamente nicht mehr, so wird das Volk, das Eingeweide des Staates, auch nicht mehr arbeiten, und folglich nicht mehr bezahlen, und das Gold, nämlich das Blut, wird ihnen fehlen.
Man wird ohne Zweifel kämpfen wollen; doch wer wird gegen das Volk kämpfen? Nicht die Armee, diese Tochter des Volks, die das Brod des Feldbauers ißt, den Wein des Winzers trinkt. Es werden die Haustruppen, die privilegirten Corps, die Garden, die Schweizer, die Musketiere, kaum fünf bis sechstausend Mann bleiben! Was wird diese Handvoll Pygmäen machen, wenn das Volk sich wie ein Riese erhebt?«
»Es erhebe sich, es erhebe sich!« riefen mehrere Stimmen.
»Ja, ja, ans Werk!« rief Marat.
»Junger Mann, ich habe Sie noch nicht um Rath gefragt,« sprach Balsamo mit kaltem Tone.
