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Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 69

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»Diesen Aufruhr der Massen,« fuhr er fort, »diese Empörung durch ihre Anzahl gegen den vereinzelten Mächtigen stark gewordener Schwacher würden minder solide, minder reife, minder erfahrene Geister auf der Stelle hervorrufen und selbst mit einer Leichtigkeit erlangen, die mich erschreckt. Ich habe überlegt, ich habe studirt. Ich bin in das Volk selbst hinabgestiegen und habe es unter seinen Kleidern mit seiner Beharrlichkeit, mit seiner Plumpheit, die ich entlehnte, so von Nahem gesehen, daß ich mich zum Volk machte. Ich kenne es also heute. Ich werde mich also in Beziehung auf dasselbe nicht mehr täuschen. Es ist stark, aber es ist unwissend; es ist reizbar, doch es ist ohne Groll; mit einem Wort, es ist noch nicht reif für den Aufruhr, so wie ich ihn verstehe, und so wie ich ihn haben will. Es fehlt ihm der Unterricht, der die Ereignisse unter dem doppelten Lichte des Beispiels und der Nützlichkeit erschauen lassen würde: es fehlt ihm das Gedächtnis, seiner eigenen Erfahrung.

Es gleicht jenen kühnen jungen Leuten, die ich in Deutschland bei den öffentlichen Festen voll Eifer zum Gipfel eines Mastbaums, den der Amtmann mit einem Schinken und einem silbernen Becher schmücken ließ, habe hinaufsteigen sehen; sie arbeiteten sich ganz heiß vor Verlangen empor und legten den Weg mit überraschender Geschwindigkeit zurück; wenn sie aber das Ziel erreicht hatten, wenn es sich darum handelte, den Arm auszustrecken, um den Preis zu nehmen, da verließ sie die Kraft, und sie sanken wieder hinab unter dem Gezische der Menge.

Das erste Mal geschah ihnen dies, wie ich gesagt habe; das zweite Mal schonten sie ihre Kräfte und ihren Athem; aber indem sie sich mehr Zeit nahmen, scheiterten sie durch die Langsamkeit, wie ihnen dies durch die Hast widerfahren war: das dritte Mal endlich hielten sie die Mitte zwischen der Hast und der Langsamkeit und diesmal gelang es ihnen. Dies ist der Plan, den ich beabsichtige. Versuche, stets Versuche, welche unabläßig dem Ziele näher bringen, bis zu dem Tage, wo die Unfehlbarkeit des Gelingens dasselbe zu erreichen uns gestatten wird.«

Balsamo hörte auf zu sprechen und schaute, während er aufhörte, die Versammlung an, in der alle Leidenschaften der Jugend und der Unerfahrenheit kochten.

»Sprechen Sie, Bruder,« sagte er zu Marat, der sich mehr als Alle ungestüm geberdete.

»Ich werde kurz sein,« sprach Marat; »die Versuche schläfern die Völker ein, wenn sie dieselben nicht gar entmuthigen. Die Versuche, das ist die Theorie von Herrn Rousseau dem Genfer, einem großen Dichter, aber langsamen und schüchternen Geist, einem unnützen Würger, den Plato aus seiner Republik weggejagt hätte! Warten! immer warten! Seit der Emancipation der Gemeinden, seit der Empörung der Maillotins42 wartet Ihr nun siebenhundert Jahre! Zählt die Generationen, welche in Erwartung gestorben sind, und wagt es noch, als Wahlspruch der Zukunft das unselige Wort: Warten! zu nehmen!

Herr Rousseau spricht uns von Opposition, wie man sie im großen Jahrhundert machte, wie sie bei den Marquisen und zu den Füßen des Königs Molièce mit seinen Komödien, Boileau mit seinen Satyren und Lafontaine mit seinen Fabeln machte.

»Eine armselige, gebrechliche Opposition, welche nicht um eine Sohle breit die Sache der Menschheit vorwärts gebracht hat. Die kleinen Kinder recitiren diese verschleierten Theorien, ohne sie zu begreifen, und schlafen ein, indem sie dieselben recitiren. Rabelais hat auch Politik auf Eure Art getrieben; doch vor dieser Politik lacht man und verbessert sich nicht. Habt Ihr seit dreihundert Jahren einen einzigen Mißbrauch aufheben sehen? Genug mit den Dichtern! genug mit den Theoretikern! Werke, Handlungen! Seit drei Jahrhunderten überlassen wir Frankreich der Medicin und es ist Zeit, daß die Chirurgie nun ebenfalls einschreite, das Skalpiermesser und die Säge in der Hand. Die Gesellschaft ist vom Brand ergriffen, thun wir dem Brand mit dem Eisen Einhalt. Derjenige kann warten, welcher vom Tische aufsteht, um sich auf einen weichen Teppich zu legen, von dem er die Rosenblätter durch den Hauch seiner Sklaven wegschaffen läßt, denn der befriedigte Magen theilt dem Gehirn kitzelnde Dünste mit, die es erquicken und ergötzen; doch der Hunger, doch die Armuth, doch die Verzweiflung stillen sich nicht, erleichtern sich nicht, trösten sich nicht durch Strophen, Sentenzen und kleine Fabeln. Sie erheben ein gewaltiges Geschrei aus ihren großen Leiden; taub ist derjenige, der diese Weheklage nicht hört; verflucht sei der, der nicht darauf antwortet. Eine Empörung, und sollte sie auch erstickt werden, wird die Geister mehr erleuchten, als tausend Jahre von Lehren, mehr als drei Jahrhunderte von Beispielen; sie wird die Könige erleuchten, wenn sie dieselben nicht stürzt; das ist viel, das ist genug!«

Ein schmeichelhaftes Gemurmel entströmte einigen Lippen.

»Wo sind unsere Feinde?« fuhr Marat fort; »über uns: sie bewachen das Thor des Palastes, sie umgeben die Stufen des Throns; auf diesem Thron ist das Palladium , das sie mit mehr Sorgsamkeit und Furcht hüten, als es die Trojaner thaten. Dieses Palladium, das sie allmächtig, reich, unverschämt macht, ist das Königthum. Zu diesem Königthum kann man nicht gelangen, ohne über den Leib derjenigen zu schreiten, welche es hüten, wie man nicht zum General gelangen kann, ohne die Bataillons niederzuwerfen, die ihn beschützen. Nun! viele Bataillons sind niedergeworfen worden, erzählt uns die Geschichte, viele Generale sind gefangen genommen worden, von Darius bis auf König Johann, von Regulus bis Duguesclin.

»Werfen wir die Garde nieder, und wir kommen bis zum Idol. Schlagen wir zuerst die Schildwachen, und wir werden sodann den Anführer schlagen. Gegen die Höflinge, gegen die Adeligen, gegen die Aristokraten sei der erste Angriff gerichtet, gegen die Könige der letzte. Zählt die privilegirten Köpfe: kaum zweimalhunderttausend; geht, ein schneidendes Stäbchen in der Hand, in dem schönen Garten spazieren, den man Frankreich nennt, und schlagt diese zweimalhunderttausend Köpfe ab, wie es Tarquinius mit den Mohnköpfen von Latium that, und Alles wird abgemacht sein, und Ihr werdet nur noch zwei Mächte einander gegenüber haben: Volk und Königthum. Dann versuche es das Königthum, dieses Emblem, mit dem Volk, diesem Riesen, zu kämpfen, und Ihr sollt sehen. Wenn die Zwerge einen Coloß niederwerfen wollen, so beginnen sie mit dem Piedestal; wenn die Holzhauer die Eiche fällen wollen, greifen sie den Fuß an. Holzhauer, Holzhauer! laßt uns die Art nehmen; greifen wir die Eiche bei ihren Wurzeln an, und die alte Eiche mit der stolzen Stirne wird alsbald den Sand küssen.«

»Und auf Sie fallen, Sie zermalmen wie Pygmäen, Unglücklicher!« rief Balsamo mit einer Donnerstimme. »Ah! Sie ziehen gegen die Dichter zu Felde, und Sie sprechen in Metaphern, welche noch poetischer und bilderreicher sind, als die ihrigen! Bruder, Bruder,« fuhr er gegen Marat fort, »Sie haben diese Phrasen, sage ich Ihnen, aus einem Roman genommen, den Sie in Ihrer Mansarde ausarbeiten.«

Marat erröthete.

»Wißt Ihr, was eine Revolution ist?« fuhr Balsamo fort; »ich habe zweihundert gesehen, und kann es Euch sagen; ich habe die Revolution des alten Egypten, ich habe die von Assyrien gesehen, ich habe die Empörungen von Griechenland, von Rom, sowie die der letzten Zeiten des römischen Reiches gesehen. Ich habe die des Mittelalters gesehen, wo sich die Völker auf einander stürzten, Osten auf Westen, Westen auf Osten, und sich erwürgten, ohne sich zu verstehen. Seit den Hirtenkönigen bis auf uns haben ungefähr zweihundert Revolutionen stattgefunden. Und so eben beklagtet Ihr Euch, daß Ihr Sklaven seid, die Revolutionen dienen also zu nichts. Warum dies? Diejenigen, welche die Revolutionen machten, waren alle vom selben Schwindel befallen: sie beeilten sich zu sehr. Beeilt sich Gott, der bei den Revolutionen der Welt den Vorsitz führt, wie das Genie bei den Revolutionen der Menschen präsidirt?

Werft die Eiche nieder, werft sie nieder! ruft Ihr, und Ihr berechnet nicht, daß die Eiche, welche eine Secunde braucht; um zu fallen, ebenso viel Boden, wenn sie gefallen ist, bedeckt, als ein Pferd im Galopp in dreißig Secunden durchliefe. Diejenigen nun, welche die Eiche fällten, waren, da sie nicht Zeit hatten, ihren unvorhergesehenen Sturz zu vermelden, verloren, zerschmettert, vernichtet unter ihrem ungeheuren Astwerk. Das ist es, was Ihr wollt, nicht wahr? Ihr werdet es nicht von mir erhalten. Wie Gott, habe ich zwanzig, dreißig, vierzig Menschenalter zu leben gewußt. Wie Gott, bin ich ewig. Wie Gott, werde ich geduldig sein. Ich trage mein Schicksal, das Eurige, das der Welt in dem hohlen Raume dieser Hand. Niemand wird machen, daß ich diese Hand voll donnernder Wahrheiten öffne, wenn ich nicht sie zu öffnen einwillige. Ich weiß, sie enthält den Blitz; wohl! der Blitz wird darin wohnen, wie in der allmächtigen Rechten Gottes.

Meine Herren, meine Herren! verlassen wir diese zu erhabenen Höhen und steigen wir wieder auf die Erde herab.

Meine Herren, ich sage es Euch einfach und mit Ueberzeugung, es ist noch nicht Zeit: der gegenwärtig regierende König ist ein schwacher Reflex des großen Königs, den das Volk noch verehrt, und es liegt in dieser verschwindenden Majestät etwas, was noch hinreichend blendet, um die Blitze Eures kleinen Hasses, Eurer Rachgier aufzuwiegen. Dieser ist als König geboren, er wird als König sterben; seine Race ist frech, aber rein. Seinen Ursprung könnt Ihr auf seiner Stirne, in einer Geberde, in seiner Stimme lesen. Dieser wird immer der König sein  . . . Schlagt ihm den Kopf ab, und es wird geschehen, was bei Carl I. geschehen ist; seine Henker werden sich vor ihm niederwerfen und die Höflinge seines Unglücks, wie Lord Capell, werden das Beil küssen, das den Kopf ihres Herrn vom Rumpfe getrennt hat.

Ihr wißt aber Alle, meine Herren, England hat sich übereilt. König Carl I. starb auf dem Blutgerüste, das ist wahr, aber König Carl II., sein Sohn, ist auf dem Thron gestorben.

Wartet, wartet, meine Herren, denn die Zeiten werden nun günstig.

Ihr wollt die Lilien zerstören. Das ist unserer Aller Wahlspruch: Lilia pedibus destrue. Doch nicht eine einzige Wurzel darf der Blume des heiligen Ludwig die Hoffnung lassen, noch einmal aufzublühen. Ihr wollt das Königthum zerstören! Damit das Königthum für immer zerstört sei, muß es in seinem äußeren Blendwerk, wie in seinem inneren Wesen geschwächt sein. Ihr wollt das Königthum zerstören! Wartet, bis das Königthum nicht mehr ein Priesterthum, sondern ein Geschäft ist; bis es nicht mehr in einem Tempel, sondern in einer Bude geübt wird. Das, was das Heiligste bei dem Königthum ist, nämlich die seit Jahrhunderten durch Gott und die Völker autorisirte gesetzliche Uebertragung des Throns geht für immer verloren! Hört! hört! diese unüberwindliche, unübersteigliche Schranke, welche zwischen uns, die Leute von Nichts, und diese gleichsam göttlichen Geschöpfe gesetzt ist, diese Gränze, welche die Völker nie zu überspringen wagten, und die man die Legitimität nennt, dieses Wort, so glänzend wie ein Leuchtthurm, das bis heute das Königthum vor einem Schiffbruch geschützt hat, dieses Wort wird erlöschen unter dem Hauch des geheimnißvollen Verhängnisses.

Die Dauphine, nach Frankreich berufen, um das Geschlecht der Könige durch die Mischung mit kaiserlichem Blute fortzupflanzen, die Dauphine, seit einem Jahr mit dem Erben des Thrones von Frankreich verheirathet  . . . Nähert Euch, meine Herren, denn ich befürchte, über Euren Kreis hinaus den Lärmen meiner Worte dringen zu lassen.«

»Nun?« fragten voll Bangigkeit die sechs Häupter.

»Nun, meine Herren, die Dauphine ist noch Jungfrau!«

Ein düsteres Gemurmel, das alle Könige der Welt in die Flucht gejagt hätte, so viel gehässige Freude und rachsüchtigen Triumph enthielt es, entströmte wie ein tödtlicher Dunst diesem engen Kreis von sechs Köpfen, die sich beinahe berührten, beherrscht von dem von Balsamo, der sich von seiner Estrade zu ihnen herabneigte.

»Bei diesem Zustand der Dinge,« fuhr Balsamo fort, »bieten sich zwei Hypothesen, welche unserer Sache gleich günstig sind.

Die erste ist die, daß die Dauphine unfruchtbar bleibt, und dann erlischt das Geschlecht, dann läßt die Zukunft unseren Freunden weder Kämpfe, noch Schwierigkeiten, noch Unruhen. Es wird bei dieser zum Voraus für den Tod bezeichneten Race geschehen, was in Frankreich geschehen ist, so oft sich drei Könige auf dem Thron folgten. Was bei den Söhnen von Philipp dem Schönen: Ludwig dem Zänker, Philipp dem Langen und Carl IV., geschehen ist, welche ohne Nachkommenschaft gestorben sind, nachdem sie alle drei regiert hatten. Was bei den drei Söhnen von Heinrich II.: Franz II., Carl IX. und Heinrich III., geschehen ist, welche ohne Nachkommenschaft gestorben sind, nachdem sie alle drei regiert hatten. Wie sie, werden der Herr Dauphin, der Herr Graf von Provence und der Herr Graf von Artois alle drei regieren, und alle drei ohne Kinder sterben, wie die Andern gestorben sind; das ist das Gesetz des Verhängnisses.

Dann, wie nach Carl IV., dem Letzten von dem Geschlechte Capets, Philipp VI. von Valois, ein Seitenverwandter der vorhergehenden Könige, kam, wie nach Heinrich III., dem Letzten des Geschlechts der Valois, Heinrich VI. von Bourbon, ein Seitenverwandter des vorhergehenden Geschlechtes kam, so wird nach dem Grafen von Artois, der in das Buch des Verhängnisses als der letzte der Könige der älteren Linie eingetragen steht, vielleicht irgendein Cromwell oder ein Wilhelm von Oranien kommen, der dem Geschlecht oder der natürlichen Ordnung der Erbfolge ganz fremd ist.

Dies gibt uns die erste Hypothese.

Die zweite ist die, daß die Frau Dauphine nicht unfruchtbar bleibt. Und das ist die Falle, in die unsere Feinde stürzen werden, während sie uns hineinzuwerfen glauben. Oh! wenn die Dauphine nicht unfruchtbar bleibt, wenn sich dann Alle bei Hofe freuen und das Königthum in Frankreich befestigt wähnen, dann können wir uns auch freuen, denn wir werden ein so furchtbares Geheimniß besitzen, daß kein Blendwerk, keine Macht, keine Anstrengungen Stand halten können gegen die Verbrechen, die dieses Geheimniß enthalten, bei dem Unglück, das für die zukünftige Königin aus dieser Fruchtbarkeit entspringen wird; denn den Erben, den sie dann dem Thron schenkt, werden wir leicht ungesetzlich machen, denn diese Fruchtbarkeit werden wir leicht für ehebrecherisch erklären. So daß im Vergleich mit dem trügerischen Glück, das ihnen der Himmel bewilligt zu haben scheinen wird, die Unfruchtbarkeit noch eine Wohlthat Gottes gewesen wäre. Deshalb enthalte ich mich, meine Herren; deshalb warte ich, meine Brüder, deshalb halte ich es für unnütz, heute schon die Leidenschaften des Volks zu entfesseln, die ich wirksamer anwenden werde, wenn die Zeit gekommen ist.

»Meine Herren, Ihr kennt nun die Arbeit dieses Jahrs; Ihr seht den Fortschritt unserer Minen. Ueberzeugt Euch also, daß es uns nur gelingen wird mit dem Genie und dem Muthe der Einen, welche die Augen und das Gehirn, mit der Ausdauer und der Arbeit der Anderen, welche die Arme, mit dem Glauben und der Ergebenheit wieder Anderer, welche das Herz sein werden.

Seid vor Allem von der Nothwendigkeit eines blinden Gehorsams durchdrungen, welcher bewirkt, daß Euer Chef selbst sich dem Willen und den Statuten des Ordens opfern wird, an dem Tag, wo es die Statuten verlangen.

Hienach, meine Herren und vielgeliebte Brüder, würde ich die Sitzung aufheben, bliebe mir nicht noch ein Gutes zu thun und ein Schlimmes zu bezeichnen.

Der große Schriftsteller, der diesen Abend zu uns gekommen ist und einer der Unsrigen geworden wäre, ohne den unzeitigen Eifer von einem unserer Brüder, der diese schüchterne Seele erschreckt hat, dieser große Schriftsteller hatte Recht vor unserer Versammlung, und ich beklage es als ein Unglück, daß ein Fremder Recht hat vor einer Mehrzahl von Brüdern, welche unsere Vorschriften schlecht und unsern Zweck gar nicht kennen.

Mit den Sophismen seiner Bücher über die Wahrheiten unseres Bundes triumphirend, stellt Rousseau ein Grundlaster dar, das ich mit Feuer und Schwert ausrotten würde, wenn ich nicht hoffen könnte, es durch die Ueberzeugung zu heilen. Die Eitelkeit von einem unserer Brüder hat sich auf eine ärgerliche Weise entwickelt. Durch ihn sind wir im Streite unterlegen; ich hoffe, es wird sich kein ähnlicher Fall mehr ereignen, oder ich mußte zu den Mitteln der Disciplin meine Zuflucht nehmen.

Nun, meine Herren, verbreitet den Glauben durch die Sanftmuth und die Ueberzeugung; verschafft ihm Eingang durch die Lehre, nöthigt ihn nicht auf, treibt ihn nicht in die widerspänstigen Gemüther mit Art und Schlägel ein, wie es die Inquisitoren mit den Keilen der Henker thun. Erinnert Euch, daß wir nur groß sein werden, nachdem wir als gut anerkannt worden sind, und daß man uns nur als gut anerkennen wird, wenn wir besser erscheinen, als Alles, was uns umgibt; erinnert Euch auch, daß unter uns die Großen, die Guten und die Besten nichts sind ohne die Wissenschaft, die Kunst und den Glauben; nichts sind neben denjenigen, welche Gott mit einem besonderen Siegel bezeichnet hat, daß sie den Menschen gebieten und ein Reich regieren.

Meine Herren, die Sitzung ist aufgehoben.«

Nachdem er diese Worte gesprochen, bedeckte Balsamo das Haupt und hüllte sich in seinen Mantel.

Jeder von den übrigen Eingeweihten entfernte sich seinerseits allein und schweigsam, um keinen Verdacht zu erregen.

CV.
Der Leib und die Seele


Der Letzte, welcher bei dem Meister zurückblieb, war Marat, der Wundarzt.

Er näherte sich demüthig und sehr bleich dem furchtbaren Redner, dessen Macht unbegränzt war.

»Meister,« fragte er, »habe ich wirklich einen Fehler begangen?«

»Einen großen, mein Herr,« erwiederte Balsamo, »und das Schlimmste dabei ist, daß Sie ihn nicht begangen zu haben glauben.«

»Ja, ich gestehe es, ich glaube nicht nur keinen Fehler begangen, sondern ich glaube sogar so gesprochen zu haben, wie es sich geziemt.«

»Hochmuth! Hochmuth!« murmelte Balsamo, »Hochmuth, zerstörender Dämon. Die Menschen bekämpfen das Fieber in den Adern der Kranken, die Pest im Wasser und in der Luft; aber sie lassen den Hochmuth so tiefe Wurzeln in ihrem Herzen schlagen, daß es ihnen nicht gelingt, ihn auszurotten.«

,Oh! Meister,« entgegnete Marat, »Sie haben eine sehr traurige Meinung von mir. Bin ich denn wirklich so wenig, daß ich nicht unter meines Gleichen zählen kann? Habe ich die Frucht meiner Arbeiten so schlecht gepflückt, daß ich unfähig bin, ein Wort zu sagen, ohne der Unwissenheit beschuldigt zu werden? Bin ich ein so lauer Adepte, daß man meine Ueberzeugung verdächtigt? Dessen kann ich mir doch wenigstens bewußt sein, daß ich durch eine aufopfernde Ergebenheit für die Sache des Volks lebe.«

»Mein Herr,« erwiederte Balsamo, »weil das Princip des Guten in Ihnen gegen das Princip des Bösen kämpft, das mir eines Tags den Sieg davon tragen zu müssen scheint, werde ich Sie von diesen Fehlern zu säubern suchen. Soll es mir gelingen, hat nicht schon der Hochmuth in Ihnen die Oberhand über jedes andere Gefühl gewonnen, so wird es mir in einer Stunde gelingen.«

»In einer Stunde?« sagte Marat.

»Ja. Wollen Sie mir diese Stunde schenken?«

»Wo werde ich Sie sehen?«

»Meister, es ist an mir, Sie an dem Ort aufzusuchen, den Sie Ihrem Diener bestimmen wollen.«

»Nun wohl!« sprach Balsamo, »ich werde zu Ihnen kommen.«

»Ueberlegen Sie, welche Verbindlichkeit Sie übernehmen; ich bewohne eine Mansarde in der Rue des Cordeliers. Eine Mansarde, verstehen Sie,« sagte Marat mit einer Affectation stolzer Einfachheit, mit einer Prahlerei von Armuth, »während Sie  . . .«

»Während ich?  . . .«

»Während Sie, wie man sagt, einen Pallast bewohnen.«

Balsamo zuckte die Achseln, wie es ein Riese thun würde, der von seiner Höhe herab den Zorn eines Zwerges mäße.

»Gut, es sei,« erwiederte er, »ich werde Sie in Ihrer Mansarde besuchen.«

»Wann dies, mein Herr?«

»Morgen.«

»Um welche Stunde?«

»Am Morgen.«

»Ich gehe bei Tagesanbruch nach meinem Amphitheater und von da ins Hospital.«

»Das ist es gerade, was ich brauche. Ich würde Sie gebeten haben, mich dahin zu führen, hätten Sie es mir nicht vorgeschlagen.«

»Sie verstehen, sehr frühzeitig, ich schlafe wenig,« sagte Marat.

»Und ich schlafe gar nicht,« entgegnete Balsamo. »Bei Tagesanbruch also.«

»Ich werde Sie erwarten.«

Hienach trennten sie sich, denn sie hatten die Thüre erreicht, welche nach der Straße ging, die im Augenblick ihres Abgangs so düster und verödet aussah, als sie im Augenblick ihres Eintritts bevölkert und geräuschvoll gewesen war.

Balsamo schlug den Weg links ein und verschwand bald.

Marat ahmte ihn nach und schritt mit seinen langen, mageren Beinen gegen rechts fort.

Balsamo war pünktlich. Morgens um sechs Uhr klopfte er am andern Tag an der Thüre des Ruheplatzes an, der, der Mittelpunkt eines langen Corridors, auf den sechs Thüren gingen, der letzte Stock eines alten Hauses der Rue des Cordeliers war.

Marat hatte, wie man wohl sah, Alles vorbereitet, um seinen erhabenen Gast würdig zu empfangen. Das magere Bett von Nußbaumholz, die Commode mit hölzernem Aufsatz glänzten vor Reinlichkeit unter dem wollenen Lumpen einer Haushälterin, welche ihre Arme gewaltig auf diesen wurmstichigen Meubles anstrengte.

Marat selbst unterstützte thätig diese Frau und erfrischte in einem blauen Fayencetopf bleiche, verwelkte Blumen, den Hauptschmuck der Mansarde.

Er hielt noch einen linnenen Scheuerlappen unter dem Arm, woraus hervorging, daß er die Blumen erst berührt hatte, nachdem er mit den Meubles beschäftigt gewesen war.

Da der Schlüssel in der Thüre stak und Balsamo ohne anzuklopfen eingetreten war, überraschte er Marat bei seiner Beschäftigung.

Als Marat den Meister erblickte, erröthete er gewaltig und mehr, als es sich für einen wahren Stoiker geziemte.

»Sie sehen, mein Herr,« sagte er, indem er etwas hinterhältisch seinen Scheuerlappen hinter einen Vorhang warf, »ich bin Wirthschafter und helft dieser guten Frau. Ich wähle die Arbeit, welche vielleicht nicht gerade die eines guten Plebejers, aber auch nicht ganz die eines vornehmen Herrn ist.«

»Das ist die Sache eines armen jungen Mannes, der die Reinlichkeit liebt, nichts Anderes,« sprach Balsamo mit kaltem Tone. »Werden Sie bald bereit sein, mein Herr? Sie wissen, daß meine Augenblicke gezählt sind.«

»Ich ziehe meinen Rock an, mein Herr  . . . Frau Grivette, meinen Stock, das ist meine Portière, mein Herr, es ist mein Kammerdiener, es ist meine Köchin, es ist mein Intendant, und sie kostet mich einen Thaler monatlich.«

»Ich lobe die Sparsamkeit,« sprach Balsamo; »es ist der Reichthum der Armen, es ist die Weisheit der Reichen.«

»Meinen Hut, meinen Stock,« sagte Marat.

»Strecken Sie die Hand aus,« versetzte Balsamo; »hier ist Ihr Hut, und ohne Zweifel ist der Stock, der neben Ihrem Hute steht, der Ihrige.«

»Oh! verzeihen Sie, mein Herr, ich bin ganz verwirrt.«

»Sind Sie bereit?«

»Ja, mein Herr; meine Uhr, Frau Grivette.«

Frau Grivette drehte sich um und um, antwortete aber nicht.

»Sie bedürfen keiner Uhr, um nach dem Amphitheater und ins Hospital zu gehen; man würde vielleicht lange brauchen, um sie zu finden, und das würde uns aufhalten.«

»Es liegt mir jedoch viel an meiner Uhr, mein Herr, denn sie ist vortrefflich, und ich habe sie mir nur mit Hülfe vieler Ersparnisse erkauft.«

»In Ihrer Abwesenheit wird sie Frau Grivette suchen,« erwiederte Balsamo lächelnd, »und wenn sie gut sucht, wird die Uhr bei Ihrer Rückkehr gefunden sein.«

»Ah! gewiß,« sprach Frau Grivette, »sie wird wieder gefunden sein, wenn sie der Herr nicht anderswo gelassen hat, denn hier geht nichts verloren.«

»Sie sehen wohl,« sagte Balsamo. »Vorwärts, mein Herr, vorwärts.«

Marat wagte es nicht, länger hiebei zu verharren, und folgte Balsamo brummelnd.

Als sie vor der Thüre waren, sagte Balsamo:

»Wohin gehen wir zuerst?«

»Nach dem Amphitheater, wenn Sie wollen, Meister; ich habe ein Subject bezeichnet, das diese Nacht an einer Gehirnhautentzündung sterben mußte; ich habe Beobachtungen an seinem Gehirn zu machen, und möchte nicht gern, daß meine Kameraden es mir wegnähmen.«

»Gehen wir also nach dem Amphitheater, Herr Marat.«

»Um so mehr, als es nur zwei Schritte von hier ist als das Amphitheater an das Hospital anstoßt, und als wir nur hinein und wieder herausgehen; Sie können mich auch vor der Thüre erwarten.«

»Im Gegentheil, ich wünsche mit hineinzugehen; Sie werden mir Ihre Meinung über das Subject sagen.«

»Als es ein Körper war?«

»Nein, seitdem es ein Leichnam ist.«

»Holla! nehmen Sie sich in Acht.« rief Marat lächelnd; »ich könnte einen Point vor Ihnen voraus bekommen, denn ich kenne diesen Theil meines Gewerbes und bin, wie die Leute sagen, ein ziemlich geschickter Anatomist.«

»Hochmuth, Hochmuth, stets Hochmuth,« murmelte Balsamo.

»Was sagen Sie?« fragte Marat,

»Ich sage, wir werden das sehen, mein Herr. Treten wir ein.«

Marat trat zuerst in den engen Gang, der zu diesem Amphitheater führte, das am Ende der Rue Hautefeuille lag.

Balsamo folgte ihm, ohne zu zögern, bis in den langen, schmalen Saal, wo man auf einem Marmortisch zwei Leichname, einen männlichen und einen weiblichen, ausgestreckt sah.

Die Frau war jung gestorben. Der Mann war alt und kahl; ein abscheuliches Schweißtuch bedeckte den Leib, ließ aber ihre Gesichter halb entblößt.

Beide lagen neben einander auf diesem eisigen Bett, sie, die sich vielleicht nie in der Welt gesehen hatten, und deren Seelen nun, nach der Ewigkeit wandernd, sehr erstaunt sein mußten, wenn sie ihre sterblichen Hüllen in einer solchen Nachbarschaft erblickten.

Mit einer einzigen Bewegung warf Marat das grobe Leintuch ab, das die zwei Unglücklichen bedeckte, welche der Tod vor dem Scalpiermesser des Chirurgen gleich gemacht hatte.

Die zwei Leichname waren nackt.

»Der Anblick der Todten widerstrebt Ihnen nicht?« fragte Marat mit seinem gewöhnlichen Prahlen.

»Er betrübt mich,« erwiederte Balsamo.

»Mangel an Gewohnheit,« sagte Marat. »Ich, der ich dieses Schauspiel alle Tage sehe, empfinde dabei weder Traurigkeit, noch Ekel. Wir Praktiker leben mit den Todten und unterbrechen ihretwegen nicht eine einzige Function unseres Lebens.«

»Das ist ein trauriges Vorrecht Ihres Gewerbes.«

»Und dann,« fügte Marat bei. »warum mich betrüben oder Ekel bekommen? Im ersten Fall habe ich die Ueberzeugung, im zweiten die Gewohnheit.«

»Setzen Sie mir Ihre Ideen auseinander, ich verstehe Sie schlecht.« sagte Balsamo. »Zuerst die Ueberlegung.«

»Es sei. Warum sollte ich erschrecken? warum sollte ich Furcht haben vor einem trägen Körper, vor einer Bildsäule, die von Fleisch ist, statt von Stein, von Marmor oder von Granit zu sein?«

»Nicht wahr, es ist in der That nichts in einem Leichnam?«

»Durchaus nichts.«

»Sie glauben?«

»Ich bin dessen sicher.«

»Aber in einem lebendigen Körper.«

»Darin ist die Bewegung,« sprach Marat mit stolzem Tone.

»Und die Seele, mein Herr, Sie sprechen nicht von der Seele?«

»Ich habe Sie nie in den Körpern gesehen, die ich mit meinem Zergliederungsmesser durchwühlte.«

»Weil Sie nur Leichname durchwühlen.«

»Ah! doch, mein Herr, ich habe viel an lebendigen Körpern operirt.«

»Und Sie haben nicht mehr in ihnen gefunden, als in den Leichnamen?«

»Ja, ich habe den Schmerz gefunden; ist es der Schmerz, was Sie die Seele nennen?«

»Sie glauben also nicht daran?«

»Woran?«

»An die Seele.«

»Ich glaube daran, weil es mir frei steht, sie die Bewegung zu nennen, wenn ich will.«

»Das ist sehr gut; Sie glauben an die Seele, mehr wollte ich nicht wissen; es thut mir wohl, daß Sie daran glauben.«

»Einen Augenblick Geduld, mein Herr, verständigen wir uns,« sagte Marat mit seinem vipernartigen Lächeln. »Wir Praktiker sind ein wenig Materialisten.«

»Diese Körper sind sehr kalt,« sagte Balsamo träumerisch, »und diese Frau war sehr schön.«

»Ja wohl.«

»Gewiß war eine schöne Seele in diesem Körper.«

»Ah! darin beging derjenige, welcher sie schuf, einen Irrthum. Schöne Scheide, gemeine Klinge. Dieser Körper, Meister, war der einer nichtsnutzigen Person, welche von Saint-Lazare herkam, als sie im Hotel-Dieu an einer Hirnentzündung starb. Ihre Chronik ist lang und ziemlich ärgerlich. Wenn Sie Seele die Bewegung nennen, welche dieses Geschöpf handeln machte, so thun Sie unseren Seelen Unrecht, die von demselben Wesen sein müssen, da sie von derselben Quelle ausgegangen sind.«

»Eine Seele, die man hätte heilen müssen,« sprach Balsamo, »eine Seele, welche in Ermangelung des einzigen Arztes, der unentbehrlich, eines Arztes der Seele, zu Grunde gegangen ist.«

»Ah, ah! mein Meister, das ist abermals eine von Ihren Theorien. Es gibt nur Aerzte für den Körper,« entgegnete Marat, mit einem bitteren Lachen. »Und hören Sie, Meister, Sie haben in diesem Augenblick ein Wort auf den Lippen, das Molière oft in seinen Komödien gebraucht hat, und dieses Wort macht Sie lächeln.«

»Nein, Sie täuschen sich und können nicht wissen, worüber ich lächle. Was wir für den Augenblick schließen, ist, daß diese Körper leer sind, nicht wahr?«

»Und unempfindlich,« sprach Marat, der den Kopf der jungen Frau in die Höhe hob und geräuschvoll wieder auf den Marmor fallen ließ, ohne daß der Körper nur sich rührte oder zitterte.

»Sehr gut,« sagte Balsamo, »gehen wir nun ins Hospital.«

»Einen Augenblick Geduld, Meister, ich bitte, nicht ehe ich vom Rumpf diesen Kopf getrennt habe, der mir Lust macht, weil er der Sitz einer merkwürdigen Krankheit gewesen ist. Sie erlauben?«

»Gewiß.«

Marat öffnete sein Behältniß, nahm daraus ein Incisionsmesser und hob aus einer Ecke einen großen hölzernen ganz mit Blutflecken besprengelten Schlägel auf.

Dann machte er mit geübter Hand einen kreisförmigen Einschnitt, der alles Fleisch und alle Muskeln vom Hals trennte; als er den Knochen erreichte, schob er sein Messer zwischen zwei Gelenke der Wirbelsäule und that mit dem Schlägel einen kräftigen Schlag darauf.

Der Kopf rollte auf den Tisch und vom Tisch auf den Boden, und Marat war genöthigt, wieder mit seinen feuchten Händen darnach zu greifen.

Balsamo wandte sich ab, um dem Triumphator nicht zu viel Freude zu gewähren.

»Eines Tages.« sagte Marat, der den Meister bei einer Schwäche zu fassen glaubte, »eines Tages wird sich ein Philanthrop mit dem Tod beschäftigen, wie sich die Andern mit dem Leben beschäftigen, er wird eine Maschine erfinden, welche den Kopf mit einem Schlage ablöst und die Vernichtung augenblicklich macht, was keine von den anderen Todesarten thut; das Rad, die Viertheilung und das Hängen sind Hinrichtungen, welche barbarischen Völkern und nicht gebildeten Nationen gehören. Eine erleuchtete Nation wie Frankreich muß strafen, und nicht sich rächen. Denn die Gesellschaft, welche rädert, henkt oder viertheilt, rächt sich an dem Verbrecher durch das Leiden, ehe sie ihn mit dem Tode bestraft, was nach meiner Ansicht zur Hälfte zu viel ist.«

42.Eine aufrührerische Partei in Paris unter Carl VI.

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06 aralık 2019
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1798 s. 15 illüstrasyon
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