Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 74
CXIII.
Das kleine Abendbrod von König Ludwig XV
Der Marschall fand Seine Majestät in dem kleinen Saal, wohin ihr mehrere Höflinge gefolgt waren, welche lieber das Abendbrod entbehren, als auf Andere den zerstreuten Blick ihres Souverain fallen lassen wollten.
Aber Ludwig XV. hatte, wie es schien, au diesem Abend etwas Anderes zu thun, als diese Herren anzuschauen. Er entließ Jedermann und sagte, er würde nicht zu Nacht speisen, oder wenn er speiste, würde er es allein thun. Alle seine Gäste waren somit verabschiedet, und da sie Monseigneur dem Dauphin zu mißfallen befürchteten, wenn sie der Fäte nicht beiwohnen würden, die er nach der Probe gab, so entflogen sie alsbald, wie eine Schar von Schmarotzertauben, und nahmen ihren Lauf zu demjenigen, welchen man ihnen zu sehen gestattete, bereit, zu versichern, sie seien ihm zu Liebe aus dem Salon Seiner Majestät ausgerissen.
Ludwig XV., den sie mit so großer Eile verließen, war weit entfernt, an sie zu denken. Die Kleinlichkeit dieses ganzen Schwarms von Höflingen hätte ihn unter andern Umständen lächeln gemacht; doch diesmal erweckte sie kein Gefühl bei dem Monarchen, der so spöttisch war, daß er nie eine Schwäche des Geistes oder des Körpers bei seinem besten Freunde schonte, vorausgesetzt, daß Ludwig XV. je einen Freund hatte.
Nein, in diesem Augenblick schenkte Ludwig XV. seine ganze Aufmerksamkeit einem Wagen, der vor der Thüre der Communs in Trianon stand, und dessen Kutscher, um seine Pferde zu peitschen, nur zu warten schien, bis sich das Gewicht des Herrn in dem vergoldeten Kasten fühlbar machte.
Dieser Wagen war der von Madame Dubarry, beleuchtet von Kerzen. Zamore saß beim Kutscher und ließ seine Füße vorwärts und rückwärts gehen, wie es der Sitz einer Strickschaukel thut.
Endlich erschien Madame Dubarry, die sich ohne Zweifel in der Hoffnung, eine Botschaft vom König zu bekommen, länger in den Gängen aufgehalten hatte, am Arm des Herrn Herzogs von Aiguillon. Man konnte ihren Zorn, oder wenigstens ihren Aerger an der Raschheit ihres Ganges wahrnehmen. Sie heuchelte zu viel Entschlossenheit, um nicht den Kopf verloren zu haben.
Jean kam, sehr verdrießlich und den Hut ganz unter dem zerstreuten Druck seines Armes geplattet, hinter der Gräfin; er hatte diesem Schauspiel nicht beigewohnt, Monseigneur der Dauphin hatte ihn einzuladen vergessen; aber er war ein wenig wie ein Lackei in das Vorzimmer gegangen und kam wenigstens eben so nachdenkend als Hippolyt zurück; er ließ seinen Jabot auf einer silbernen Weste mit rosa Blumen flattern und schaute nicht einmal seine zerfetzten Manchetten an, welche sich mit seinen traurigen Gedanken in Einklang zu setzen schienen.
Jean hatte seine Schwägerin bleich und bestürzt gesehen und daraus geschlossen, die Gefahr sei groß. Jean war in der Diplomatie nur muthig gegen die Körper, nie gegen die Gespenster.
Der König sah von seinem Fenster aus und hinter einem Vorhang verborgen, diese ganze traurige Procession, welche sich in den Wagen der Gräfin versenkte; dann, als der Schlag geschlossen, als der Lackei hinten auf den Wagen gestiegen war, schüttelte der Kutscher seine Zügel und die Pferde eilten im Galopp fort.
»Oh! oh!« sagte der König, »ohne daß sie mich zu sehen, ohne daß sie mich zu sprechen sucht, die Gräfin ist wüthend.«
Und er wiederholte laut:
»Ja, die Gräfin ist wüthend!«
Richelieu, der ins Zimmer geschlüpft war, wie ein erwarteter Mensch, griff diese Worte auf und sprach:
»Wüthend, Sire, und worüber? Darüber, daß Eure Majestät sich einen Augenblick belustigt, oh! das ist schlimm von der Gräfin.«
»Herzog,« erwiederte Ludwig XV., »ich belustige mich nicht, im Gegentheil, ich bin müde und suche auszuruhen. Die Musik greift meine Nerven an; würde ich auf die Gräfin gehört haben, so hätte ich mit ihr in Luciennes soupiren, essen und besonders trinken müssen. Die Weine der Gräfin sind abscheulich, ich weiß nicht, aus welchen Trauben sie fabricirt sind, aber es wird einem übel dabei; meiner Treue, ich will lieber hier meiner Gemächlichkeit pflegen.«
»Und Eure Majestät hat hundertmal Recht,« sagte der Herzog.
»Die Gräfin wird sich überdies zerstreuen! Bin ich ein so liebenswürdiger Gesellschafter? Sie mag es immerhin sagen, ich glaube es nicht.«
»Ah! diesmal hat Ihre Majestät Unrecht,« entgegnete der Marschall.
»Nein, Herzog, in der That, nein, ich zähle meine Tage und denke nach.«
»Sire, die Frau Gräfin begreift, daß sie in keiner Hinsicht eine bessere Gesellschaft haben könnte, und das ist es, was sie wüthend macht.«
»Wahrhaftig, Herzog, ich weiß nicht, wie Sie es anstellen, Sie behandeln die Frauen immer, wie wenn Sie noch zwanzig Jahre alt wären. In diesem Alter wählt der Mann; aber in den Jahren, in denen ich bin . . .«
»Nun, Sire?«
»Ist es die Frau, welche ihre Berechnung macht.«
Der Marschall brach in ein Gelächter aus.
»Ah! Sire,« sagte er, »ein Grund mehr, und wenn Ihre Majestät glaubt, die Gräfin zerstreue sich, so wollen wir uns trösten.«
»Ich sage nicht, sie zerstreue sich, Herzog; ich sage sie werde am Ende Zerstreuung suchen.«
»Ah! ich möchte nicht gegen Eure Majestät behaupten, das habe man nie gesehen.«
Der König stand sehr unruhig auf.
»Wen habe ich noch da?« fragte er.
»Ihren ganzen Dienst, Sire.«
Der König dachte einen Augenblick nach.
»Aber Sie,« sagte er, »haben Sie Jemand?«
»Ich habe Rafté.«
»Gut.«
»Was soll er thun, Sire?«
»Herzog, er sollte sich erkundigen, ob Madame Dubarry wirklich nach Luciennes zurückkehrt.«
»Die Gräfin ist weggefahren, wie mir scheint.«
»Scheinbar, ja.«
»Aber wohin soll sie denn gehen, Sire?«
»Wer weiß, die Eifersucht macht sie toll, Herzog.«
»Sire, sollte es nicht vielmehr Eure Majestät sein?«
»Wie, was?«
»Eifersüchtig.«
»Herzog!«
»In der That, das wäre demüthigend für uns Alle, Sire.«
»Ich, eifersüchtig?« rief Ludwig XV. mit einem gezwungenen Gelächter; »wahrhaftig, Herzog, sprechen Sie im Ernst?«
Richelieu glaubte in der That nicht. Man muß sogar gestehen, daß er der Wahrheit sehr nahe kam, denn er dachte im Gegentheil, der König wünsche nur zu wissen, ob sich Madame Dubarry wirklich in Luciennes befinde, um sicher zu sein, sie würde nicht mehr nach Trianon zurückkehren.
»Es ist also beschloßen, Sire,« sagte er laut; »ich schicke Rafté auf Entdeckung aus?«
»Schicken Sie ihn, Herzog.«
»Was macht nun Eure Majestät vor dem Abendbrod?«
»Nichts, wir speisen sogleich zu Nacht. Haben Sie die fragliche Person benachrichtigt?«
»Ja, sie ist im Vorzimmer Eurer Majestät«
»Was hat sie gesagt?«
»Sie hat unterthänigst gedankt.«
»Und die Tochter?«
»Man hat noch nicht mit ihr gesprochen.«
»Herzog, Madame Dubarry ist eifersüchtig und sie könnte wohl zurückkommen.«
»Ah! Sire, das wäre zu schlechter Geschmack und ich halte sie einer solchen Ungeheuerlichkeit nicht fähig.«
»Herzog sie ist zu Allem in solchen Augenblicken fähig, und besonders, wenn sich der Haß mit der Eifersucht verbindet, Sie verwünscht Sie; ich weiß nicht, ob Sie hievon in Kenntniß gesetzt sind?«
Richelieu verbeugte sich.
»Ich weiß, daß sie mir diese Ehre erweist. Sire.«
»Sie verwünscht auch Herrn von Taverney.«
»Wenn Eure Majestät gut zählen wollte, so würde sie sicherlich eine dritte Person finden, die sie noch mehr als mich, mehr als Herrn von Taverney verwünscht.«
»Wen denn?«
»Fräulein Andrée.«
»Ah!« sagte der König; »das finde ich ganz natürlich.«
»Dann . . .«
»Ja, aber dessen ungeachtet muß man darüber wachen, daß Madame Dubarry heute Nacht nicht irgend einen Scandal macht.«
»Im Gegentheil, und das beweist gerade die Nothwenigkeit dieser Maßregel.«
»Hier kommt der Haushofmeister; stille! geben Sie Rafté Ihre Befehle, und kommen Sie mit dem Bewußten zu mir ins Speisezimmer.«
Ludwig XV. stand auf und ging in den Speisesaal, während sich Richelieu durch die entgegengesetzte Thüre entfernte.
Fünf Minuten nachher kehrte er in Begleitung des Barons zum König zurück.
Der König wünschte Taverney freundlich einen guten Abend. Der Baron war ein Mann von Geist; er antwortete auf jene gewissen Leuten eigenthümliche Weise, welche bewirkt, daß es den Königen und Fürsten bei diesen, indem sie erkennen, daß sie zu ihrer Welt gehören, behaglich ist.
Man setzte sich zu Tisch und speiste.
Ludwig XV. war ein schlechter König, aber ein sehr angenehmer Mann; seine Gesellschaft war, wenn er wollte, voll Reiz für die Trinker, für die Plauderer und für die Wollüstlinge.
Der König hatte endlich das Leben viel unter seinen erfreulichen Seiten studirt.
Er aß mit gutem Appetit, befahl, daß man seinen Gästen gehörig zu trinken einschenke, und brachte das Gespräch auf die Musik.
Richelieu faßte den Ball im Fluge auf.
»Sire,« sprach er, »wenn die Musik die Männer in Einklang setzt, wie unser Balletmeister behauptet, und wie Eure Majestät zu denken scheint, wird sie dasselbe von den Frauen sagen?«
»Oh! Herzog,« erwiederte der König, »sprechen wir nicht von den Frauen. Seit dem trojanischen Krieg bis auf unsere Tage haben die Frauen stets eine der Musik entgegengesetzte Wirkung hervorgebracht; Sie besonders, Sie haben zu große Rechnungen mit ihnen zu bereinigen, um ein solches Gespräch auf das Tapet zu bringen: da ist Eine unter Anderen, und das ist nicht die am mindesten gefährlichste von Allen, mit der Sie in offener Fehde stehen.«
»Die Gräfin, Sire! ist das meine Schuld?«
»Ganz gewiß.«
»Ah! Eure Majestät wird mir wohl erklären . . .«
»Mit zwei Worten und mit großem Vergnügen,« sagte der König spöttisch.
»Ich höre, Sire.«
»Sie bietet Ihnen das Portefeuille von ich weiß nicht welchem Departement an, und Sie schlagen es aus, weil sie, wie Sie sagen, nicht durchaus beim Volk beliebt ist.«
»Ich?« versetzte Richelieu ziemlich verlegen über die Richtung, die daß Gespräch nahm.
»Bei Gott! so behauptet das öffentliche Gerücht,« sagte der König mit der ihm eigenthümlichen geheuchelten Treuherzigkeit. »Ich weiß nicht mehr, wer mir das mitgetheilt hat . . . Die Zeitung ohne Zweifel.«
»Wohl! Sire,« sprach Richelieu, die Freiheit benützend, die den Gästen die ungewöhnliche Heiterkeit des erhabenen Wirthes gestattete, »ich gestehe, daß diesmal das öffentliche Gerücht und die Zeitungen etwas minder Albernes berichtet haben, als sie sonst zu berichten pflegen.«
»Wie!« rief der König, »Sie haben wirklich ein Ministerium ausgeschlagen?«
Richelieu befand sich, wie man leicht begreift, in einer sehr delicaten Stellung. Der König wußte besser als irgend Jemand, daß er gar nichts ausgeschlagen hatte. Aber Taverney sollte fortwährend glauben, was ihm Richelieu gesagt hatte; es handelte sich also bei dem Herzog darum, sehr geschickt zu antworten, um der Mystification des Königs zu entgehen, ohne sich dem Vorwurf der Lüge auszusetzen, den der Baron schon in seinem Lächeln und auf den Lippen hatte.
»Sire,´« sagte Richelieu, »halten wir uns nicht an die Wirkungen, sondern an die Ursache. Ob ich ein Portefeuille ausgeschlagen oder nicht ausgeschlagen habe, ist ein Staatsgeheimniß, das Eure Majestät nicht unter Gläsern bekannt zu machen braucht, aber die Ursache, aus der ich das Portefeuille ausgeschlagen hätte, wenn mir ein Portefeuille angeboten worden wäre: das ist das Wesentliche.«
»Oh! oh! Herzog, und diese Ursache ist kein Staatsgeheimniß, wie es scheint,« rief der König lachend.
»Nein, Sire, und besonders nicht für Eure Majestät, die für mich und meinen Freund, den Baron von Taverney, in diesem Augenblick, ich bitte die Gottheit um Verzeihung, der liebenswürdigste sterbliche Amphytrion ist, den man sehen kann; ich habe also keine Geheimnisse für meinen König. Ich gebe ihm meine ganze Seele hin, denn ich möchte nicht, daß man sagen würde, der König von Frankreich habe nicht einen Diener, der die ganze Wahrheit gegen ihn ausspreche.«
»Lassen Sie hören,« erwiederte der König, während Taverney ziemlich unruhig, weil er befürchtete, Richelieu könnte zu viel sagen, sich die Lippen biss und sein Gesicht ängstlich nach dem des Königs componirte, »die Wahrheit, Herzog.«
»Sire, es sind in Ihren Staaten zwei Mächte, denen ein Minister gehorchen müßte: die erste ist Ihr Wille, die zweite ist der der vertrautesten Freunde, welche Eure Majestät zu wählen geruht; die erste Macht ist unwiderstehlich, Niemand darf daran denken, sich derselben zu entziehen; die zweite ist noch heiliger, weil sie Pflichten des Herzens Jedem auferlegt, der Ihnen dient, Sire. Sie heißt Ihr Vertrauen; ein Minister muß, um ihm zu gehorchen, den Günstling oder die Favoritin des Königs lieben.«
»Herzog,« sagte der König lachend, »das ist eine sehr schöne Maxime, die ich gern aus Ihrem Munde kommen sehe; aber ich fordere Sie auf, dies mit zwei Trompetern auf dem Pont-Neuf auszurufen.«
»Ah! Sire,« erwiederte Richelieu, »ich weiß wohl, daß die Philosophen darüber die Waffen ergreifen würden; doch ich glaube nicht, daß ihr Geschrei von einigem Gewicht bei Eurer Majestät und bei mir sein dürfte. Die Hauptsache ist, daß die zwei überwiegenden Willen des Reichs zufriedengestellt werden. Nun! einer gewissen Person, Sire, – ich sage es Eurer Majestät, und sollte auch meine Ungnade, das heißt mein Tod daraus erfolgen, – den Willen von Madame Dubarry vermöchte ich nicht zu unterzeichnen.«
Ludwig XV. schwieg.
»Es war mir ein Gedanke gekommen,« fuhr Richelieu fort; »ich schaute eines Tags am Hofe Eurer Majestät umher, und sah wahrhaftig so viele schöne adelige Fräulein, so viele strahlende Frauen von Stand, daß mir, wäre ich König von Frankreich gewesen, eine Wahl zu treffen unmöglich geschienen hätte.«
Der König wandte sich gegen Taverney, der, da er fühlte, daß er ganz sachte in die Sache hereingezogen wurde, vor Angst und Hoffnung zitterte, während er mit seinen Augen und mit seinem Hauche die Beredtsamkeit des Marschalls unterstützte, als hätte er das mit seinem Glück befrachtete Schiff gegen den Hafen getrieben.
»Sagen Sie, ist das auch Ihre Ansicht, Baron?« fragte der König.
»Sire,« antwortete Taverney, das Herz ganz angeschwollen, »der Marschall scheint mir seit einigen Augenblicken Eurer Majestät vortreffliche Dinge zu sagen.«
»Sie sind also seiner Meinung bei dem, was er von den schönen Mädchen spricht?«
»Sire, mir dünkt, daß es wirklich sehr schöne am Hofe von Frankreich gibt.«
»Sie sind also seiner Meinung, Baron?«
»Ja. Sire.«
»Und Sie würden mich wie er ermahnen, eine Wahl unter den Schönheiten des Hofes zu treffen.«
»Ich würde es wagen, zu gestehen, daß ich der Ansicht des Marschalls bin, Sire, wenn ich glauben dürfte, daß es auch die Ansicht Eurer Majestät ist.«
Es trat ein Augenblick des Stillschweigens ein, während dessen der König Taverney wohlgefällig anschaute.
»Meine Herren,« sagte er, »es unterliegt keinem Zweifel, daß ich Ihrem Rathe folgen würde, wenn ich erst dreißig Jahre zählte. Ich hätte eine leicht begreifliche Neigung dazu; aber ich bin jetzt ein wenig zu alt, um leichtgläubig zu sein.«
»Leichtgläubig! ich bitte, erklären Sie mir das Wort, Sire.«
»Leichtgläubig sein, mein lieber Herzog, bedeutet glauben; nichts aber würde mich gewisse Dinge glauben machen.«
»Welche?«
»Daß man in meinem Alter Liebe einflößen könne.«
»Ah! Sire,!« rief Richelieu, »bis jetzt dachte ich, Eure Majestät sei der artigste Edelmann ihres Reiches, aber mit tiefem Schmerz sehe ich, daß ich mich getäuscht habe.«
»Worin?« fragte der König lachend.
»Darin, daß ich alt bin wie Methusalem, ich, der ich 94 geboren bin. Bedenken Sie wohl, Sire, daß ich sechzehn Jahre mehr zähle, als Eure Majestät.«
Das war eine geschickte Schmeichelei vom Herzog. Ludwig XV. bewunderte stets das Alter dieses Mannes, der so viel Jugend in seinem Dienst getödtet hatte; denn mit diesem Beispiel vor Augen konnte er dasselbe Alter wie er zu erreichen hoffen.
»Es mag sein,« sagte Ludwig XV., aber ich hoffe, Sie werden nicht so eitel sein, zu glauben, man liebe Sie um Ihretwillen. Herzog?«
»Wenn ich das glaubte, Sire, so würde ich mich auf der Stelle mit zwei Frauen entzweien, die mir noch diesen Morgen das Gegentheil gesagt haben.«
»Nun!« sprach Ludwig XV., »wir werden sehen; wir werden sehen, Herr von Taverney; die Jugend verjüngt, das ist wahr . . .«
»Ja, Sire, und das edle Blut ist eine heilsame Infusion , abgesehen davon, daß bei einer Veränderung ein reicher Geist wie der Eurer Majestät immer gewinnt und nie verliert.«
»Ich erinnere mich jedoch,« bemerkte Ludwig XV., »daß mein Großvater, als er alt wurde, den Frauen nicht mehr mit derselben Kühnheit und Entschiedenheit den Hof machte.«
»Ah! ah! Sire.« sagte Richelieu. »Eure Majestät weiß, welche Achtung ich für den seligen König hege, der mich zweimal in die Bastille geschickt hat; doch dies kann mich nicht abhalten, zu bemerken, daß sich zwischen dem reifen Alter von Ludwig XIV. und dem reifen Alter von Ludwig XV. keine Vergleichung machen läßt. Was Teufels! Eure allerchristlichste Majestät treibt, während sie ihren Titel als ältester Sohn der Kirche ehrt, den Ascetismus nicht so weit, daß sie darüber ihre Menschlichkeit vergißt.«
»Meiner Treue! nein,« rief Ludwig XV., »ich gestehe das, da ich weder meinen Arzt, noch meinen Beichtvater hier habe.«
»Wohl, Sire, der König, Ihr Großvater, setzte oft durch sein Uebermaß religiösen Eifers und durch seine zahllosen Kasteiungen Frau von Maintenon, welche doch älter war, als er, in Erstaunen. Ich wiederhole, Sire, läßt sich der Mensch mit dem Menschen vergleichen, wenn man von Ihren beiden Majestäten spricht?«
Der König war an diesem Abend sehr guter Laune; die Worte von Richelieu waren eben so viele Wassertropfen, welche aus der Verjüngungsquelle herabfielen.
Richelieu dachte, der Augenblick sei gekommen; er stieß mit seinem Knie an das Knie von Taverney.
»Sire,« sprach dieser. »Eure Majestät geruhe, meinen Dank für das prächtige Geschenk anzunehmen, das sie meiner Tochter gemacht hat.«
»Sie brauchen mir hierfür nicht zu danken,« erwiederte der König; »Fräulein von Taverney gefällt mir wegen ihrer bescheidenen, anstandsvollen Grazie . . . Ich wollte, meine Töchter hätten noch ihre Häuser zu besetzen; gewiß, Fräulein Andrée, – nicht wahr, so heißt sie?«
»Ja, Sire,« antwortete Taverney entzückt, daß der König den Taufnamen seiner Tochter wußte.
»Ein hübscher Name. Gewiß. Fräulein Andrée wäre die erste auf der Liste gewesen. Mittlerweile halten Sie sich versichert, Baron, daß Ihre Tochter meine ganze Protection genießen wird . . . ich glaube, sie ist nicht reich ausgestattet!«
»Leider, nein, Sire.«
»Wohl! ich werde mich mit ihrer Verheirathung beschäftigen.«
Taverney verbeugte sich sehr tief.
»Eure Majestät wird also die Güte haben, einen Gatten für sie zu suchen, denn ich gestehe, daß bei unsere r Armuth, welche beinahe Elend ist . . .«
»Ja. ja, seien Sie hierüber unbesorgt,« sagte Ludwig XV.; »aber sie ist sehr jung, wie mir scheint, und das hat keine Eile.«
»Um so weniger, Sire, als Eure Majestät das Heirathen verabscheut.«
»Sehen Sie das . . .« sprach Ludwig XV., indem er sich die Hände rieb und Richelieu anschaute. »Nun! halten Sie sich in jedem Fall an mich, wenn Sie in Verlegenheit sind, mein lieber Herr von Taverney.«
Nach diesen Worten stand Ludwig XV. auf und sagte, sich an den Herzog wendend:
»Marschall!«
Der Herzog näherte sich dem König.
»Ist die Kleine zufrieden gewesen?«
»Womit?«
»Mit dem Schmuckkästchen.«
»Eure Majestät verzeihe mir, daß ich leise spreche; doch der Vater horcht, und er soll nicht hören, was ich Ihnen sage, Sire.«
»Nein.«
»Sprechen Sie also.«
»Sire, es ist wahr, die Kleine hat einen wahren Abscheu vor dem Heirathen; einer Sache bin ich aber sicher: vor Eurer Majestät hat sie keinen Abscheu.«
Nachdem er dies mit einer Vertraulichkeit gesagt, die dem König gerade durch das Uebermaß der Offenherzigkeit gefiel, lief der Marschall mit seinen kleinen Schritten wieder zu Taverney, der sich aus Ehrfurcht auf die Schwelle der Gallerie zurückgezogen halte.
Beide entfernten sich durch die Gärten.
Der Abend war herrlich. Zwei Lackeien gingen ihnen voran; sie hielten in einer Hand Fackeln, während sie mit der andern die blühenden Sträuche auf die Seite schoben; man sah die Fenster von Trianon noch im Feuer durch den Schweiß der von der Trunkenheit der fünfzig Gäste der Frau Dauphine entflammten Scheiben.
Die Musik Seiner Majestät belebte den Menuet, denn nach dem Abendbrod hatte man getanzt und man tanzte noch.
In einem dichten Gebüsche von Flieder und Schneeballen kniete Gilbert auf der Erde und betrachtete das Spiel der Schatten hinter den durchsichtigen Vorhängen.
Wäre der Himmel auf die Erde gefallen, er würde diesen Beschauer, welcher ganz und gar von der Schönheit berauscht war, der er in allen Krümmungen und Biegungen des Tanzes folgte, nicht zerstreut haben.
Als jedoch Richelieu und Taverney an dem Gebüsch hinstreiften, in welchem dieser Nachtvogel verborgen war, veranlaßte Gilbert der Ton ihrer Stimmen und ein gewisses Wort besonders, den Kopf in die Höhe zu heben.
Dieses Wort war für ihn unendlich wichtig und bezeichnend.
Der Marschall, der sich auf den Arm seines Freundes stützte und sich an sein Ohr neigte, sagte zu ihm:
»Alles wohl überlegt, Alles wohl erwogen, Baron, es ist hart, dies Dir zu sagen, doch Du mußt Deine Tochter schnell in ein Kloster abgehen lassen.«
»Und warum dies?« fragte der Baron.
»Weil der König,« antwortete der Marschall, »weil der König, darauf wollte ich wetten, sterblich in Fräulein von Taverney verliebt ist.«
Bei diesen Worten wurde Gilbert bleicher als die stockigen Schneeballen, die auf seine Schulter und auf seine Stirne fielen.
