Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 73
Er wollte fliehen.
»Herr Rousseau,« sagte der Prinz, indem er ihm den Weg versperrte, »Sie sollen mich die Rolle von Colin lehren.«
»Ich würde es nicht wagen, den Herrn zu bitten, mir seinen Rath für die von Colette zu geben,« sagte die Gräfin, welche eine Schüchternheit heuchelte, die den Philosophen vollends niederschlug.
Die Augen des Letzteren fragten indessen warum.
»Der Herr haßt mich,« sagte sie zu dem Prinzen mit ihrer bezaubernden Stimme.
»Gehen Sie doch,« rief der Graf von Artois, »Sie! wer kann Sie hassen, Madame?«
»Sie sehen es wohl,« sprach die Gräfin.
»Herr Rousseau ist ein zu anständiger Mann und macht zu hübsche Sachen, um eine so reizende Frau zu fliehen,« sagte der Graf von Artois.
Rousseau stieß einen gewaltigen Seufzer aus, als wäre er den Geist aufzugeben im Begriff gewesen, und er entfloh durch die schmale Oeffnung, die der Graf von Artois unvorsichtiger Weise zwischen ihm und der Wand ließ.
Doch Rousseau hatte kein Glück an diesem Abend; er machte nicht vier Schritte, ohne auf eine neue Gruppe zu stoßen.
Diesmal bestand die Gruppe aus zwei Männern, einem alten und einem jungen. Der eine trug das blaue Band, dies war der jüngere; der andere, der ungefähr fünf und fünfzig Jahre alt sein mochte, war roth gekleidet und ganz bleich von strenger Lebensart.
Diese zwei Männer hörten den lustigen Grafen von Artois schreien und aus Leibeskräften lachen.
»Ah! Herr Rousseau, Herr Rousseau, ich werde sagen, die Frau Gräfin habe Sie in die Flucht geschlagen, und in der That, Niemand wird es glauben wollen.«
»Rousseau!« sagten die zwei Männer.
»Halte ihn auf, mein Bruder!« rief der Prinz immer noch lachend; »halten Sie ihn auf, Herr de la Vauguyon.«
Rousseau sah ein, an welcher Klippe sein Unstern ihn scheitern gemacht hatte.
»Der Herr Graf von Provence und der Hofmeister der Kinder von Frankreich!«
Der Graf von Provence versperrte Rousseau auch den Weg.
»Guten Abend, mein Herr,« sagte er mit seiner pedantischen Stimme.
Rousseau verbeugte sich ganz verwirrt und murmelte:
»Ich werde nicht hinauskommen.«
»Ah! es ist mir sehr lieb, daß ich Sie finde,« sprach der Prinz mit dem Ton eines Lehrers, der einen fehlenden Schüler suchte und ihn nun wieder findet.
»Abermals alberne Complimente,« dachte Rousseau. »Was diese Großen doch fad sind!«
»Ich habe Ihre Uebersetzung des Tacitus gelesen, mein Herr.«
»Ah! es ist wahr,« sagte Rousseau zu sich selbst, »dieser ist ein Gelehrter, ein Pedant.«
»Wissen Sie, daß Tacitus sehr schwer zu übersetzen ist?«
»Monseigneur, ich habe dies in einer kleinen Vorrede geschrieben.«
»Ich weiß es wohl; Sie sagen dort, Sie verstehen das Lateinische nur mittelmäßig.«
»Monseigneur, das ist wahr.«
»Warum übersetzen Sie dann den Tacitus, Herr Rousseau?«
»Monseigneur, es ist eine Stylübung.«
»Ah! Herr Rousseau, Sie haben Unrecht gehabt, imperatoria brevitate mit: eine ernste und bündige Rede, zu übersetzen.
Rousseau suchte unruhig in seinem Gedächtniß.
»Ja,« sagte der junge Prinz mit der Wichtigkeit eines alten Gelehrten, der einen Fehler in Saumaire hervorhebt; »ja, Sie haben so übersetzt. Es ist in dem Paragraphen, wo Tacitus erzählt, Piso habe eine Rede an seine Soldaten gehalten . . .«
»Nun, Monseigneur?«
»Herr Rousseau, imperatoria brevitate bedeutet mit der Bündigkeit eines Generals, oder eines Mannes, der zu befehlen gewohnt ist. Die Bündigkeit des Befehlens . . . das ist der Ausdruck, nicht wahr, Herr de la Vauguyon?«
»Ja, Monseigneur,« antwortete der Hofmeister.
Rousseau antwortete nichts. Der Prinz fügte bei:
»Das ist ein schöner Widersinn, Herr Rousseau . . . Oh! ich werde noch einen andern finden.«
Rousseau erbleichte.
»Ah! Herr Rousseau, es ist in dem Paragraphen, der sich auf Cecina bezieht. Er fängt also an: At in superiore Germania. Sie wissen, man entwirft das Portrait von Cecina und Tacitus sagt: cito sermone.«
»Ich erinnere mich vollkommen, Monseigneur.«
»Sie haben das übersetzt: gut sprechend.«
»Allerdings, Monseigneur, und ich glaube . . .«
»Cito sermone besagt: der schnell spricht, nämlich leicht spricht.«
»Habe ich gesagt: gut sprechend?«
»Dann hätte es heißen müssen decoro, oder ornato oder eleganti sermone; cito ist ein malerisches Beiwort, mein Herr! Es ist wie bei der Schilderung der Sittenveränderung von Otto. Tacitus sagt: Delata voluptate, dissimulata luxuria, cunetaque ad imperii decorem composita.«
»Ich habe übersetzt durch: auf andere Zeiten das Gepränge und die Schwelgerei verschiebend, setzte er Jedermann dadurch in Erstaunen, daß er den Ruhm des Reiches wiederherzustellen bemüht war.«
»Mit Unrecht, Herr Rousseau, mit Unrecht. Einmal haben Sie eine einzige Phrase aus drei kleinen Phrasen gemacht, was Sie nöthigte, dissimulate luxuria schlecht zu übersetzen; sodann haben Sie einen Widersinn in dem letzten Gliede der Phrase gemacht. Tacitus wollte nicht sagen, der Kaiser Otto habe sich bemüht, den Ruhm des Reiches wiederherzustellen, er wollte sagen, seine Leidenschaften nicht mehr befriedigend und seine schwelgerischen Gewohnheiten verstellend, habe er Alles geschlichtet, Alles zu ordnen sich beeifert, Allem eine neue Wendung gegeben; Sie verstehen, Herr Rousseau? er habe Alles zum Ruhm des Reiches angewendet. Das ist der Sinn, er ist zusammengesetzt; der Ihrige ist zu beschränkt, nicht wahr, Herr de la Vauguyon?«
Rousseau schwitzte und keuchte unter diesem unbarmherzigen Druck.
Der Prinz ließ ihn einen Augenblick athmen und sagte dann:
»Sie sind in der Philosophie viel größer.«
Rousseau verbeugte sich.
»Nur ist Ihr Emile ein gefährlicher Löwe.«
»Gefährlich, Monseigneur?«
»Ja, durch die Menge falscher Ideen, die er den kleinen Bürgern geben wird.«
»Monseigneur, sobald ein Mensch Vater ist, entspricht er den Bedingungen meines Buches, mag er der Größte, mag er der Letzte des Königreiches sein . . . Vater sein . . . ist . . .«
»Sagen Sie, Herr Rousseau,« fragte plötzlich der boshafte Prinz, »Ihre Bekenntnisse sind ein sehr unterhaltendes Buch . . . Wie viel haben Sie denn im Ganzen Kinder gehabt?«
Rousseau erbleichte, wankte und schaute den jungen Henker mit einem Auge voll Zorn und Verwunderung an, dessen Ausdruck die boshafte Laune des Grafen von Provence verdoppelte.
Der Prinz entfernte sich, ohne die Antwort abzuwarten; er hielt seinen Lehrer am Arm und verfolgte seine Commentare über die Werke des Mannes, den er durch seinen scharfen Tadel niedergeschmettert hatte.
Rousseau, der allein geblieben war, erwachte allmälig aus seiner Betäubung, als er die ersten Takte seiner Ouverture vom Orchester spielen hörte.
Schwankend wandte er sich nach dieser Seite, und als er seinen Sitz erreicht hatte, sagte er zu sich selbst:
»Ich Narr, ich Dummkopf, ich Feiger, der ich bin, nun habe ich die Antwort gefunden, die ich diesem grausamen kleinen Pedanten hätte geben sollen.
,Monseigneur,’ hätte ich zu ihm sagen sollen, ,es ist von einem jungen Mann nicht liebreich, einen armen Greis so zu plagen.’ «
Er war so weit und ganz zufrieden mit seiner Phrase, als die Frau Dauphine und Herr von Coigny ihr Duett begannen. Der Philosoph wurde von seinen peinlichen Gedanken durch das Leiden des Musikers abgebracht; nach dem Herzen hatte das Ohr seine Folter auszustehen.
CXI.
Die Probe
Sobald die Probe begonnen hatte und die Aufmerksamkeit durch das Schauspiel selbst erregt war, hörte Rousseau auf, bemerkt zu werden.
Er war es, der um sich her beobachtete. Er hörte vornehme Herren, die unter der Kleidung von Landleuten falsch sangen, und sah Damen, welche wie Schäferinnen unter Hofgewändern coquettirten.
Die Frau Dauphine sang richtig, aber sie war eine schlechte Schauspielerin; sie hatte überdies so wenig Stimme, daß man sie kaum hörte. Der König hatte sich, um Niemand einzuschüchtern, in eine dunkle Loge geflüchtet, wo er mit den Damen plauderte.
Der Herr Dauphin soufflirte die Worte der Oper, welche königlich schlecht ging.
Rousseau faßte den Entschluß, nicht mehr. zu horchen, aber es war ihm schwer, nicht mehr zu hören. Es wurde ihm jedoch ein Trost zu Theil: er erblickte ein köstliches Gesicht unter den erhabenen Comparsen, und das Landmädchen, das der Himmel mit diesem schönen Gesicht ausgestattet hatte, sang mit der schönsten Stimme von der ganzen Truppe.
Rousseau drängte also seine ganze Aufmerksamkeit wieder in einem Punkte zusammen, betrachtete gierig über sein Pult die reizende Figurantin und öffnete seine beiden Ohren, um die ganze Melodie ihrer Stimme in sich zu ziehen.
Die Dauphine, welche den Autor so aufmerksam sah, überredete sich leicht durch sein Lächeln, durch seine sterbenden Augen, er finde die Ausführung der guten Stücke befriedigend, neigte sich, um ein Compliment zu bekommen, denn sie war Weib, gegen das Pult und sagte:
»Ist es schlecht so, Herr Rousseau?«
Ganz erstarrt, erwiederte Rousseau nichts.
»Ah! wir haben gefehlt, und Herr Rousseau wagt es nicht, es zu sagen,« sprach die Dauphine. »Ich bitte, sagen Sie es gerade heraus.«
Die Blicke von Rousseau verließen die schöne Person nicht mehr, welche die Aufmerksamkeit nicht bemerkte, deren Gegenstand sie war.
»Ah!« sagte die Dauphine, indem sie der Richtung des Blickes unseres Philosophen folgte, »Fräulein von Taverney hat einen Fehler gemacht! . . .«
Andrée erröthete, sie sah, wie sich Aller Augen auf sie richteten.
»Nein! nein!« rief Rousseau, »nicht das Fräulein, denn das Fräulein singt wie ein Engel.«
Madame Dubarry schoß auf den Philosophen einen Blick ab, der spitziger war als ein Wurfspieß.
»Finden Sie, daß dieses Mädchen gut singt?« fragte Madame Dubarry den König, den die Worte von Rousseau sichtbar betroffen hatten.
»Ich höre es nicht,« sagte Ludwig XV.; »bei einem Ensemble muß man hierzu Musiker sein.«
Indessen bewegte sich Rousseau in seinem Orchester, um den Chor
singen zu lassen.
Als er sich nach einem Versuch umwandte, gewahrte er Herrn von Jussieu, der ihn äußerst freundlich grüßte.
Es war kein geringes Vergnügen für den Genfer, daß ihn den Hof ein Mann von Hof dirigiren sah, der ihn durch die Ueberlegenheit seiner Stellung ein wenig gedemüthigt hatte.
Er erwiederte seinen Gruß auf eine ceremoniöse Weise und schaute wieder Andrée an, welche das Lob noch schöner gemacht hatte.
Die Probe nahm ihren Fortgang und Madame Dubarry ward von einer gräßlichen Laune; sie hatte zweimal Ludwig XV. ertappt, wie er durch das Schauspiel bei den schönen Dingen, die sie ihm sagte, zerstreut war.
Das Schauspiel war nothwendig für die Eifersüchtige nur Andrée, was die Frau Dauphine nicht abhielt, viele Complimente einzuernten und sich von einer reizenden Heiterkeit zu zeigen.
Der Herr Herzog von Richelieu umflatterte sie mit der Leichtigkeit eines Jünglings, und es war ihm gelungen, im Hintergrund des Theaters einen Kreis von Lachern zu bilden, dessen Mittelpunkt die Dauphine war, und der die Partei Dubarry wüthend beunruhigte.
»Es scheint, Fräulein von Taverney hat eine sehr hübsche Stimme,« sagte er ganz laut.
»Reizend,« versetzte die Dauphine, »und ohne meinen Egoismus hätte ich sie die Colette spielen lassen, da ich aber diese Rolle zu meiner Belustigung gewählt habe, so überlasse ich sie Niemand.«
»Ah! Fräulein von Taverney, würde sie nicht besser singen, als Eure königliche Hoheit,« sprach Richelieu, »und . . .«
»Das Fräulein ist eine vortreffliche Tonkünstlerin,« sprach Rousseau tief durchdrungen.
»Vortrefflich,« sagte die Dauphine, »und sie ist es, wenn ich es gestehen soll, die mich meine Rolle lehrt . . . und dann tanzt sie zum Entzücken, und ich tanze sehr schlecht.«
Man kann sich denken, welche Wirkung diese Gespräche auf Madame Dubarry und auf dieses ganze Volk von Neugierigen, von Neuigkeitskrämern, von Intriganten und Neidischen hervorbrachte; Jeder erntete ein Vergnügen , indem er eine Wunde machte, oder empfing den Schlag mit Schmerz und Scham. Es gab keine Gleichgültige, Andrée vielleicht ausgenommen.
Von Richelieu angestachelt, ließ die Dauphine am Ende Andrée die Romanze:
singen.
Man sah, wie der König mit seinem Kopf mit so lebhaften Bewegungen des Vergnügens den Takt gab, daß alle Schminke von Madame Dubarry in kleinen Schuppen. abfiel, wie dies die Malerei in der Feuchtigkeit thut.
Boshafter als ein Weib, weidete sich Richelieu an seiner Rache. Er näherte sich Taverney, dem Vater, und diese zwei Greise bildeten eine Gruppe von Statuen, die man die Heuchelei und die Sittenverderbniß, ein Verbindungsprojekt ausheckend, hätte nennen können.
Ihre Freude wurde um so lebhafter, je mehr sich die Stirne von Madame Dubarry allmälig verdüsterte. Sie füllte das Maß derselben bis zum Rand, als sie mit einer Art von Zorn aufstand, was ganz gegen die Regeln war, da der König noch saß.
Die Höflinge fühlten den Sturm wie die Ameisen und sie beeilten sich, Schutz bei den Stärkeren zu suchen. Man sah auch die Dauphine mehr von ihren Freunden umgeben, Madame Dubarry mehr von den ihrigen umschmeichelt.
Allmälig ging das Interesse der Probe von seiner natürlichen Linie ab und zu einer andern Ideenordnung über. Es handelte sich nicht mehr um Colette oder Colin, und viele Zuschauer dachten, es wäre vielleicht bald an Madame Dubarry zu singen:
J’ai perdu mon serviteur,
Colin me delaisse
»Siehst Du,« sagte Richelieu leise zu Taverney, »siehst Du den betäubenden Sieg Deiner Tochter?«
Und er zog ihn in den Corridor und stieß eine Glasthüre auf, von der er einen Neugierigen herabfallen machte, welcher sich an das Fenster gehängt hatte, um in den Saal zu sehen.
»Die Pest über diesen Burschen,« brummte Herr von Richelieu, während er seinen Aermel abstäubte, den der Gegenschlag der Thüre getroffen hatte, und besonders, als er sah, daß der Neugierige wie die Arbeiter des Schlosses gekleidet war.
Es war in der That einer, der sich, einen Blumenkorb unter dem Arm, hinter den Glasscheiben aufgehißt hatte, um seine Augen in den Saal zu tauchen, wo er das ganze Schauspiel gesehen.
Er wurde in den Gang zurückgestoßen und wäre beinahe rücklings gefallen; aber wenn er nicht fiel, so wurde doch wenigstens sein Korb umgeworfen.
»Ah! ich kenne diesen Burschen,« sagte Taverney mit einem zornigen Blick.
»Wer ist es?« fragte der Herzog.
»Was machst Du hier, Schuft?« fragte Taverney.
Gilbert, denn er war es, und der Leser hat ihn auch schon erkannt, erwiederte stolz:
»Sie sehen, ich schaue.«
»Statt Deine Arbeit zu verrichten?« rief Richelieu.
»Meine Arbeit ist schon verrichtet,« sagte Gilbert demüthig zum Herzog, jedoch ohne Taverney eines Blickes zu würdigen.
»Ich soll also diesen Taugenichts überall finden,« rief Taverney.
»Stille! stille! mein Herr,« unterbrach ihn eine sanfte Stimme . . . »mein kleiner Gilbert ist ein guter Arbeiter und ein sehr anstelliger Botaniker.«
Taverney wandte sich um und sah Herrn von Jussieu, der Gilbert die Wangen streichelte.
Er erröthete vor Zorn und entfernte sich.
»Die Bedienten hier,« murmelte er.
»St!« sagte Richelieu zu ihm, »Nicole ist auch wohl da . . . schau’ . . . in der Ecke jener Thüre, dort, die kleine muntere Dirne verliert keinen Blick.«
Nicole erhob in der That hinter zwanzig andern Bedienten von Trianon ihren reizenden Kopf, und ihre durch das Erstaunen und die Bewunderung weit aufgerissenen Augen schienen Alles doppelt zu sehen.
Gilbert erblickte sie und wandte sich auf eine andere Seite.
»Komm, komm,« sagte der Herzog zu Taverney. »ich glaube, daß Dich der König sprechen will, er sucht.«
Und die zwei Freunde entfernten sich in der Richtung der Loge des Königs.
Völlig aufrecht stehend, correspondirte Madame Dubarry mit Herrn von Aiguillon, welcher ebenfalls stand.
Dieser verlor mit seinem Auge keine Bewegung seines Oheims.
Rousseau, der allein geblieben war, bewunderte Andrée; er war, wenn man uns diesen Ausdruck gestatten will, damit beschäftigt, sich in sie zu verlieben.
Die erhabenen Schauspieler kleideten sich in ihren Logen aus, wo Gilbert die Blumen erneuert hatte.
Taverney, der im Gang allein geblieben war, seitdem sich Herr von Richelieu wieder zum König zurückbegeben hatte, fühlte, wie sein Herz in der Erwartung bald erstarrte, bald in heißen Flammen aufloderte. Endlich kam der Herzog zurück und legte einen Finger auf seine Lippen.
Taverney erbleichte vor Freude und ging seinem Freund entgegen, der ihn unter die königliche Loge fortzog.
Hier hörten sie, was wenige Menschen hören konnten.
Madame Dubarry sagte zum König:
»Darf ich Eure Majestät beim Abendbrod erwarten?«
Und der König antwortete:
»Ich fühle mich ermüdet, entschuldigen Sie mich,Gräfin.«
In demselben Augenblick kam der Dauphin, er trat beinahe auf die Füße der Gräfin, ohne daß er sie zu sehen schien, und fragte den König:
»Sire, wird uns Eure Majestät die Ehre erweisen, in Trianon zu Nacht zu speisen.«
»Nein, mein Sohn; ich sagte es so eben Madame; ich fühle mich ermüdet; Eure ganze Jugend würde mich betäuben . . . Ich werde allein zu Nacht speisen.«
Der Dauphin verbeugte sich und kehrte zurück, Madame Dubarry bückte sich bis an den Gürtel und ging ganz zitternd vor Zorn weg.
Der König machte nun Richelieu ein Zeichen.
»Herzog,« sagte er, »ich habe von einer gewissen Angelegenheit mit Ihnen zu sprechen. die Sie angeht.«
»Sire.«
»Ich bin nicht zufrieden gewesen . . . Sie sollen mir Aufklärung geben . . . hören Sie . . . ich speise allein zu Nacht, Sie werden mir Gesellschaft leisten.«
Und der König schaute Taverney an.
»Sie kennen, glaube ich, diesen Edelmann, Herzog?«
»Herrn von Taverney? Ja, Sire.«
»Ah! der Vater der reizenden Sängerin?«
»Ja, Sire.«
»Hören Sie mich, Herzog.«
Der König bückte sich, um Richelieu ins Ohr zu sprechen.
Taverney preßte sich die Nagel in die Haut, um keine Aufregung zu verrathen.
Einen Augenblick nachher ging Richelieu an Taverney vorbei und sagte zu ihm:
»Folge mir, ohne daß es den Anschein hat, als geschähe es absichtlich.«
»Wohin?« fragte Taverney.
»Komm immerhin.«
Der Herzog entfernte sich.
Taverney folgte ihm auf zwanzig Schritte bis in die Gemächer des Könige.
Der Herzog trat in das Zimmer ein; Taverney blieb im Vorzimmer.
CXII.
Das Schmuckkästchen
Herr von Taverney wartete nicht lange. Richelieu fragte den Kammerdiener Seiner Majestät nach dem, was der König auf seiner Toilette zurückgelassen, und kam bald wieder mit einem Gegenstand heraus, den der Baron Anfangs unter der seidenen Hülle, die ihn bedeckte, nicht unterscheiden konnte.
Aber der Marschall benahm seinem Freunde die Unruhe, er führte ihn gegen die Gallerie.
»Baron,« sagte er, sobald er sich mit ihm allein sah, »Du scheinst mir zuweilen an meiner Freundschaft für Dich zu zweifeln?«
»Seit unserer Aussöhnung nicht mehr,« erwiederte Taverney.
»Dann hast Du an Deinem Glück und an dem Deiner Kinder gezweifelt?«
»Oh! was das betrifft, ja.«
»Nun! Du hattest Unrecht. Dein Glück und das Deiner Kinder macht sich mit einer Schnelligkeit, die Dir den Schwindel bereiten müßte,«
»Bah!« versetzte Taverney, welcher einen Theil der Wahrheit im Helldunkel erblickte, der sich aber Gott nicht anvertraut hätte, und sich folglich vor dem Teufel wohl hütete; »wie macht sich das Glück meines Kindes so schnell?«
»Haben wir nicht schon Herrn Philipp als Kapitän einer vom König bezahlten Compagnie?«
»Ah! das ist wahr, und das habe ich Dir zu verdanken.«
»Keines Wegs. Dann werden wir Fräulein von Taverney vielleicht als Marquise haben . . .«
»Ah! ich bitte Dich!« rief Taverney, »wie, meine Tochter . . .«
»Höre, Taverney, der König ist voll Geschmack; die Schönheit, die Anmuth und die Tugend, wenn sie vom Talent begleitet sind, entzücken Seine Majestät t . . . Fräulein von Taverney vereinigt aber nun alle diese Vorzüge in sehr hohem Grade . . . Der König ist also entzückt von Fräulein von Taverney.«
»Herzog,« erwiederte Taverney, indem er eine für den Marschall mehr als groteske Miene der Würde annahm. »Herzog, wie erklärst Du das Wort: entzückt?«
Richelieu liebte die Anmaßung nicht, er erwiederte also seinem Freund ganz trocken:
»Baron, ich bin nicht stark in der Linguistik, ich kenne sogar die Orthographie sehr wenig. Entzückt bedeutete für mich immer übermäßig zufrieden, hörst Du . . . Bist Du übermäßig unwillig darüber, daß Du den König mit der Schönheit, mit dem Talent, mit dem Verdienst Deiner Kinder übermäßig zufrieden siehst, so brauchst Du nur zu sprechen . . . Ich kehre zu Seiner Majestät zurück.«
Hiebei drehte sich Richelieu mit einer ganz jugendlichen Leichtigkeit auf den Absätzen um.
»Herzog, Du hast mich nicht wohl verstanden,« rief der Baron, indem er ihn zurückhielt. »Alle Teufel! Du bist lebhaft.«
»Warum sagst Da mir, Du seist nicht zufrieden.«
»Ei! ich habe das nicht gesagt.«
»Du verlangst von mir Erläuterungen über das Belieben Seiner Majestät . . . Die Pest über den Dummkopf!«
»Ich wiederhole, Herzog, ich habe den Mund hierüber nicht geöffnet. Ich bin ganz gewiß zufrieden.«
»Ah! Du . . . Nun, wer wird unzufrieden sein? . . . Deine Tochter?«
»Ei! ei!«
»Mein Lieber, Du hast Deine Tochter wie eine Wilde erzogen.«
. »Mein Lieber, das Fräulein, meine Tochter, hat sich ganz allein erzogen; Du begreifst wohl, daß ich mich zu diesem Ende nicht übermäßig angestrengt habe . . . Ich halte genug, daß ich in meinem Loch Taverney leben mußte; die Tugend ist bei ihr ganz allein gewachsen.«
»Und man sagt, die Leute vom Lande verstehen es, das Unkraut auszureißen. Kurz, Deine Tochter ist ein Zierasse.«
»Du täuschest Dich, es ist eine Taube.«
Richelieu machte eine Grimasse.
»Nun! Dein armes Kind braucht nur einen guten Gatten zu suchen, denn die Gelegenheiten, Glück zu machen, werden bei einem solchen Mangel sehr selten sein.«
Taverney schaute den Herzog unruhig an.
»Gut für sie,« fuhr dieser fort, »daß der König so sterblich in Madame Dubarry verliebt ist, und daher nie im Ernst auf Andere aufmerksam sein wird.«
Die Unruhe von Taverney verwandelte sich in Angst.
»Ihr könnt also ruhig sein, Du und Deine Tochter,« sprach Richelieu. »Ich werde Seiner Majestät die nöthigen Vorstellungen machen, und der König wird nicht entfernt darauf beharren.«
»Auf was denn, guter Gott!« rief Taverney ganz blaß und den Arm seines Freundes schüttelnd.
»Fräulein Andrée ein kleines Geschenk zu machen, mein lieber Baron.«
»Ein kleines Geschenk! Was ist es denn?« fragte Taverney voll Gierde und Hoffnung.
»Oh! beinahe nichts,« versetzte Richelieu mit nachlässigem Tone; »sieh, dies . . .«
Und er enthüllte ein Schmuckkästchen aus der Seide.
»Ein Schmuckkästchen!«
»Einige Erbärmlichkeiten . . . ein Halsband von einigen tausend Livres, das Seine Majestät, erfreut dadurch, daß sie ihr Lieblingslied singen hörte, der Sängerin schenken wollte . . . Doch da Deine Tochter so scheu ist, sprechen wir nicht mehr davon.«
»Herzog, Du denkst das nicht, das hieße den König beleidigen!«
»Allerdings hieße das den König beleidigen: aber ist das nicht immer die Eigenschaft der Jugend, daß sie irgend Jemand oder irgend Etwas beleidigt?«
»Oh! Herzog, sei ruhig,« sagte Taverney, »das Kind ist nicht so unvernünftig.«
»So sprichst Du, aber nicht sie.«
»Ja, aber ich weiß wohl, was sie sagen oder thun wird.«
»Die Chinesen sind sehr glücklich,« sagte Richelieu.
»Warum?« fragte Taverney erstaunt.
»Weil sie viele Canäle und Flüsse in ihrem Land haben.«
»Herzog, Du veränderst das Gespräch, bring’ mich nicht in Verzweiflung, rede mit mir.«
»Ich rede mit Dir, Baron, und verändere das Gespräch durchaus nicht.«
»Wie kommst Du auf die Chinesen, welche Beziehung haben ihre Flüsse zu meiner Tochter?«
»Eine sehr große . . . Die Chinesen, sage ich Dir, haben das Glück, daß sie, ohne daß man ihnen den geringsten Vorhalt darüber macht, ihre Töchter, die zu tugendhaft sind, ertränken können.«
»Oh! Herzog, man muß auch billig sein. Denke Dir, Du habest eine Tochter.«
»Bei Gott! ich habe eine; und wollte man mir sagen, sie sei zu tugendhaft, so wäre das sehr boshaft.«
»Du würdest sie lieber anders haben, nicht wahr?«
»Oh! ich, ich mische mich nicht in die Angelegenheiten meiner Kinder, wenn sie einmal acht Jahre vorüber sind.«
»Höre mich wenigstens. Wenn der König mich beauftragte, Deiner Tochter ein Halsband anzubieten, und Deine Tochter würde sich bei Dir beklagen?«
»Oh! mein Freund, keine Vergleichungen. Ich habe beständig bei Hofe gelebt; Du hast als Hurone gelebt, das läßt sich nicht vergleichen . . . Was Tugend für Dich ist, ist für mich Albernheit; siehst Du, – erfahre dies, um Dich darnach zu richten, nichts ist widerwärtiger, als den Leuten zu sagen: ,Was hätten Sie unter diesen oder jenen Umständen gethan?’ Und dann täuschst Du Dich in Deinen Vergleichungen, mein Lieber, es handelt sich keines Wegs darum, daß ich Deiner Tochter ein Halsband anbieten soll.«
»Du hast es mir gesagt.«
»Ich, ich habe kein Wort davon gesagt. Ich äußerte nur, der König habe mir befohlen, ein Schmuckkästchen für Fräulein von Taverney, deren Stimme ihm gefallen, in seinem Zimmer zu holen; aber ich sagte nicht ein einziges Mal, Seine Majestät habe mich beauftragt, es der jungen Person anzubieten.«
»Dann weiß ich wahrhaftig nicht mehr, wo mir der Kopf steht,« rief der Baron in Verzweiflung. »Ich begreife nicht ein Wort. Du sprichst in Räthseln. Warum sollte der König dieses Halsband geben, wenn nicht, um ein Geschenk damit zu machen, warum sollte er Dich damit beauftragen, wenn nicht, daß Du es überreichst?«
Richelieu stieß einen gewaltigen Schrei aus, als ob er eine Spinne erblickte.
»Ah!« machte er, »puh! puh! der Hurone . . . pfui, das häßliche Thier.«
»Wer dies?«
»Du, mein guter Freund, Du, mein Getreuer; Du fällst aus dem Mond, mein armer Baron.«
»Ich weiß nicht mehr . . .«
»Nein, Du weißt nichts. Mein Lieber, wenn ein König einer Frau ein Geschenk macht und er ertheilt Herrn von Richelieu diesen Auftrag, so ist dieses Geschenk nobel und der Auftrag wird gut besorgt, erinnere Dich dessen. Ich übergebe dieses Schmuckkästchen nicht, mein Lieber; das war das Geschäft von Herrn Lebel. Hast Du Herrn Lebel gekannt?«
»Wen beauftragst Du denn damit?«
»Mein Freund,« sagte Richelieu, indem er Taverney auf die Schulter klopfte und diese Geberde mit einem teuflischen Lächeln begleitete, »wenn ich es mit einer so bewunderungswürdigen Tugend wie Fräulein Andrée zu thun habe, so bin ich so moralisch als nicht Einer; wenn ich mich einer Taube nähere, wie Du sagst, so riecht nichts bei mir nach dem Raben; wenn ich zu einer Jungfrau abgesandt werde, so spreche ich mit dem Vater . . . Ich spreche mit Dir, Taverney, und händige Dir das Schmuckkästchen ein, damit Du es Deiner Tochter gibst . . . Willst Du nun . . .«
Er reichte ihm das Kästchen.
»Oder willst Du nicht?«
Es zog es zurück.
»Oh! sage doch dies Alles auf der Stelle,« rief der Baron; »sage, ich sei von Seiner Majestät beauftragt, dieses Geschenk zu übergeben: es ist ganz legitim und wird ganz väterlich, es reinigt sich . . .«
»Um dies zu denken, müßtest Du Seine Majestät im Verdacht haben, sie hege schlimme Absichten,« sprach Richelieu mit ernstem Tone. »Das würdest Du aber nie wagen, nicht wahr?«
»Gott behüte mich! Doch die Welt . . . nämlich meine Tochter.«
Richelieu zuckte die Achseln.
»Nimmst Du, ja oder nein?« sagte er.
Taverney streckte rasch seine Hand aus.
»So bist Du moralisch?« sagte er zu dem Herzog mit einem Lächeln, das ein Zwilling von dem war, welches Richelieu an ihn gerichtet hatte.
»Findest Du nicht, Baron, daß es eine reine Moralität ist, den Vater, der Alles reinigt, wie Du sagtest, zwischen dem Entzücken des Monarchen und dem Zauber Deiner Tochter ins Mittel treten zu lassen? . . . Herr Jean Jacques Rousseau von Genf, der vorhin hier umher schweifte, mag sein Urtheil über uns fällen; er wird Dir sagen, daß der selige Joseph unlauter gegen mich war.«
Richelieu sprach diese wenigen Worte mit einem Phlegma, mit einer Vornehmheit, mit einer Geziertheit, die Taverney mit seinen Einwendungen zum Schweigen brachten und ihm glauben halfen, er müßte überzeugt sein.
Er ergriff die Hand seines erhabenen Freundes, drückte sie und sprach:
»Durch Deine zarte Behandlung der Sache wird meine Tochter in den Stand gesetzt, das Geschenk anzunehmen.«
»Quelle und Ursprung des Glücks, von dem ich Dir am Anfang unserer langweiligen Abhandlung über die Tugend sagte.«
»Ich danke, lieber Herzog, ich danke von ganzem Herzen.«
»Noch ein Wort . . .; verbirg sorgfältig vor den Freunden von Dubarry die Kunde von dieser Gunst. Madame Dubarry wäre fähig, den König zu verlassen und zu entfliehen.«
»Der König würde uns deshalb grollen!«
»Ich kann Dir das nicht sagen; doch die Gräfin wüßte uns keinen Dank dafür. Ich, was mich betrifft, wäre verloren . . . sei also verschwiegen.«
»Fürchte nichts. Ueberbringe aber dem König meinen unterthänigsten Dank.«
»Und den Deiner Tochter . . . ich werde es nicht versäumen . . . Doch die Gunstbezeigungen haben damit noch nicht ihr Ende erreicht . . . Du wirst dem König selbst danken, mein Freund; Seine Majestät ladet Dich zum Abendbrod ein.«
»Mich?«
»Dich, Taverney, wir sind unter uns. Seine Majestät, Du und ich, wir werden mit einander von der Tugend Deiner Tochter plaudern. Gott befohlen, Taverney, ich sehe Dubarry mit Herrn von Aiguillon; man soll uns nicht beisammen erblicken.«
Er sprach es und verschwand leicht wie ein Page am Ende der Gallerie und ließ Taverney mit seinem Kästchen zurück, wie ein deutsches Kind, das mit dem Spielzeug erwacht, welches ihm während seines Schlafes am Weihnachtsabend das Christkind in die Hand gesteckt hat.
