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Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 88

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CXXXVIII.
Der Doctor Louis

Ein paar Schritte von dem Ort, wo Andrée ohnmächtig geworden war, arbeiteten zwei Gärtnergehülfen, welche auf das Geschrei von Gilbert herbeiliefen und gemäß dem Befehl von Herrn von Jussieu Andrée nach ihrer Wohnung trugen, während Gilbert von fern und den Kopf gesenkt diesem trägen, schlaffen Körper folgte, wie der Mörder hinter dem Leichnam seines Opfers geht.

Als Herr von Jussieu an die Freitreppe der Communs gelangte, nahm er den Gärtnern ihre Last ab; Andrée hatte die Augen aufgeschlagen.

Der Lärmen der Stimmen und das bezeichnende eifrige Treiben, das um jeden Unfall her stattfindet, lockte Herrn von Taverney aus dem Zimmer: er sah, wie sich seine Tochter, noch schwankend, zu erheben suchte, um unterstützt von Herrn von Jussieu die Treppe hinaufsteigen.

Er lief hinzu und fragte wie der König:

»Was gibt es? was gibt es?« ,

»Nichts, mein Vater,« erwiederte Andrée noch schwach, »ein Unwohlsein, eine Migräne.«

»Das Fräulein ist Ihre Tochter, mein Herr?« sagte Herr von Jussieu, den Baron grüßend.

»Ja, mein Herr.«

»Ich kann also das Fräulein in keinen besseren Händen lassen; doch in des Himmels Namen, fragen Sie einen Arzt um Rath.«

»Oh! es ist nichts,« sprach Andrée.

Und Taverney wiederholte:

»Gewiß, es ist nichts.«

»Ich wünsche es,« sagte Herr von Jussieu; »doch in der That, das Fräulein ist sehr bleich.«

Und nachdem er Andrée bis oben auf die Freitreppe die Hand gegeben hatte, verabschiedete sich Herr von Jussieu.

Der Vater und die Tochter blieben allein. Taverney, der während der Abwesenheit von Andrée sicherlich die Zeit zu guten Betrachtungen benützt hatte, nahm Andrée, welche stehen geblieben war, bei der Hand, führte sie zu einem Sopha, ließ sie niedersitzen und setzte sich neben sie.

»Verzeihen Sie, mein Herr,« sagte Andrée, »haben Sie die Güte, das Fenster zu öffnen, es fehlt mir an Luft.«

»Ich wollte ein wenig ernst mit Dir sprechen, Andrée, und in diesem Käfig, den man Dir als Wohnung gegeben hat, hört man einen Hauch von allen Seiten; doch gleichviel, ich werde leise reden.«

Und er öffnete das Fenster.

Dann setzte er sich wieder den Kopf schüttelnd zu seiner Tochter und sprach:

»Man muß gestehen, der König, der uns Anfangs so viel Theilnahme bezeigte, legt keinen Beweis von Galanterie dadurch ab, daß er Dich in einer solchen Keiche53 wohnen läßt.«

»Mein Vater,« erwiederte Andrée, »es gibt keine Wohnung in Trianon; Sie wissen, daß hierin der große Mangel dieser Residenz liegt.«

»Wenn es keine Wohnung für Andere gäbe, so würde ich das am Ende begreifen, meine Tochter,« sagte der Baron mit einem einschmeichelnden Lächeln, »aber für Dich  . . . das begreife ich in der That nicht.«

»Sie haben eine zu gute Meinung von mir, und leider ist nicht Jedermann wie Sie,« erwiederte Andrée lächelnd.

»Im Gegentheil, Alle, die Dich kennen, sind wie ich.«

Andrée verneigte sich, wie sie es gethan hätte, um einem Fremden zu danken; denn diese Complimente von Seiten ihres Vaters fingen an sie zu beunruhigen.

»Und,« fuhr Taverney mit demselben süßlichen Ton fort, »und der König kennt Dich?«

Während er dies sagte, schoß er auf das Mädchen einen ganz unerträglich forschenden Blick.

»Der König kennt mich kaum,« entgegnete Andrée auf das Allernatürlichste, »ich glaube, ich bin wenig für ihn.«

Diese Worte machten den Baron aufspringen.

»Wenig!« rief er; »in der That. ich begreife nicht, was Du da sagst: wenig! ei! Du schlägst Deine Person wahrhaftig zu einem geringen Preis an.«

Andrée schaute ihrem Vater ganz erstaunt ins Gesicht.

»Ja, ja,« fuhr der Baron fort, »ich sage und wiederhole es, Du bist von einer Bescheidenheit, welche bis zum Vergessen der persönlichen Würde geht.«

»Oh! mein Herr, Sie übertreiben Alles: es ist wahr, der König hat an dem Unglück Ihrer Familie Theil genommen! der König hat die Gnade gehabt, etwas für uns zu thun; doch es gibt so viel Unglück um den Thron Seiner Majestät, seiner königlichen Hand entströmt so viel Freigebigkeit, daß uns das Vergessen nothwendig nach der Wohlthat treffen mußte.«

Taverney schaute seine Tochter fest und nicht ohne eine gewisse Bewunderung für ihre Zurückhaltung und ihre undurchdringliche Discretion an.

»Höre,« sagte er, indem er sich ihr näherte, »Dein Vater wird der erste Bittsteller sein, der sich an Dich wendet, und unter diesem Titel hoffe ich, daß Du ihn nicht zurückweisest.

Andrée schaute nun ihren Vater an wie eine Frau, die eine Erklärung verlangt..

»Höre,« fuhr er fort, »wir bitten Dich Alle, vermittle für uns, thue etwas für unsere Familie.«

»In welcher Hinsicht sagen Sie mir denn das? Was soll ich denn thun?« rief Andrée ganz verwundert über den Ton und den Sinn dieser Worte.

»Bist Du geneigt, ja oder nein, etwas für mich und Deinen Bruder zu verlangen?«

»Mein Herr,« antwortete Andrée, »ich werde Alles thun, was Sie mir zu thun befehlen; doch fürchten Sie in der That nicht, wir dürften zu gierig erscheinen? Schon hat mir der König einen Schmuck zum Geschenk gemacht, der, wie Sie sagen, mehr als hundert tausend Livres Werth ist. Seine Majestät hat überdies meinem Bruder ein Regiment versprochen; wir verschlingen auf diese Art einen beträchtlichen Theil der Wohlthaten des Hofes.«

Taverney konnte sich eines scharfen, verächtlichen Gelächters nicht erwehren.

»Sie finden also, das sei hinreichend bezahlt, mein Fräulein?« sagte er.

»Ich weiß, mein Herr, daß Ihre Dienste großen Werth haben,« antwortete Andrée.

»Ei! wer Teufels spricht denn von meinen Diensten?« rief Taverney ungeduldig.

»Aber wovon sprechen Sie denn?«

»In der That, Du spielst mit mir ein Spiel alberner Verstellung!«

»Mein Gott! was habe ich denn zu verstellen?« fragte Andrée.

»Ich weiß Alles, meine Tochter.«

»Was wissen Sie?«

»Alles, sage ich Dir.«

»Was Alles, mein Herr?«

Und das Gesicht von Andrée bedeckte sich mit einer instinctartigen Röthe in Folge dieses plumpen Angriffs auf das schamhafteste Gewissen.

Die Achtung des Vaters vor der Tochter hielt Taverney auf dem so jähe gewordenen Abhang seines Verhöres zurück.

»Immerhin! so lange es Dir beliebt,« sagte er; »Du willst, wie es scheint, die Zurückhaltende, die Geheimnißvolle spielen! Es sei. Du laßt Deinen Vater und Deinen Bruder in der Dunkelheit, in der Vergessenheit versumpfen, gut: doch erinnere Dich meiner Worte: wenn man die Herrschaft nicht von Anfang an an sich reißt, so setzt man sich der Gefahr aus, sie nie zu bekommen,« sprach Taverney und machte eine Pirouette auf dem Absatz.

»Ich verstehe Sie nicht, mein Vater,« sagte Andrée.

»Doch ich verstehe mich,« erwiederte Taverney.

»Das ist nicht hinreichend, wenn man zu zwei spricht.«

»Wohl! ich werde klarer reden; wende die ganze Diplomatie an, mit der Du von der Natur, als mit einer Familientugend, ausgestattet bist, um, während sich die Gelegenheit bietet, das Glück Deiner Familie und das Deinige zu machen, und das erste Mal, wo Du den König siehst, sage ihm, Dein Bruder erwarte das Patent, und Du verwelkest in einer Wohnung ohne Luft und ohne Licht. Mit einem Wort, sei nicht so lächerlich, zu viel Liebe oder zu viel Uneigennützigkeit zu haben.«

»Aber, mein Herr  . . .«

»Sage dies dem König schon diesen Abend.«

»Wo soll ich es denn dem König sagen?«

»Und füge bei, es sei nicht einmal schicklich für Seine Majestät, hierher  . . .«

In dem Augenblick, wo Taverncy ohne Zweifel im Begriff war, den Sturm, der sich dumpf in der Brust von Andrée anhäufte, zum Ausbruch zu bringen und die Erklärung hervorzurufen, die das Geheimniß enthüllt hätte, hörte man Tritte auf der Treppe.

Der Baron unterbrach sich sogleich und lief an’s Geländer, um nachzuschauen, wer zu seiner Tochter käme.

Andrée sah zu ihrem Staunen, daß ihr Vater sich nahe an die Wand zurückzog.

Beinahe in demselben Augenblick trat die Dauphine, gefolgt von einem schwarz gekleideten Mann, der sich auf einen langen Stock stützte, in das kleine Gemach.

»Eure Hoheit!« rief Andrée, alle ihre Kräfte zusammenraffend, um der Dauphine entgegen zu gehen.

»Ja, kleine Kranke,« erwiederte die Prinzessin, »ich bringe Ihnen den Trost und den Arzt. Kommen Sie, Doctor. Ah! Herr von Taverney,« fuhr die Prinzessin fort, als sie den Baron erkannte, »Ihre Tochter ist leidend und Sie sorgen nicht für das Kind.«

»Madame,« stammelte Taverney.

»Kommen Sie, Doctor,« wiederholte die Prinzessin mit jener bezaubernden Güte, die nur ihr eigenthümlich war; »kommen Sie, befühlen Sie den Puls, fragen Sie diese matten Augen und nennen Sie mir die Krankheit meines Schützlings.«

»O Madame, wie viel Güte!« flüsterte das Mädchen. »Wie hätte ich es gewagt, Eure königliche Hoheit zu empfangen  . . .«

»In diesem elenden Nest, wollen Sie sagen, liebes Kind; schlimm genug für mich, die ich Sie so schlecht untergebracht habe, doch ich werde hierauf bedacht sein. Auf, mein Kind, geben Sie Ihre Hand Herrn Louis, meinem Arzt, und nehmen Sie sich in Acht: er ist ein Philosoph, der erräth, während er zugleich als Gelehrter sieht.«

Lächelnd reichte Andrée ihre Hand dem Doctor.

Dieser, ein noch junger Mann, dessen verständige Physiognomie Alles hielt, was die Dauphine von ihm versprach, hatte seit seinem Eintritt in das Zimmer ohne Unterlaß zuerst die Kranke, dann die Oertlichkeit, dann das seltsame Vatergesicht betrachtet, das Verlegenheit, aber keineswegs Unruhe verrieth.

Der Gelehrte wollte sehen, der Philosoph hatte vielleicht schon errathen.

Der Doctor Louis studirte lange den Puls von Andrée und befragte sie über das, was sie fühle.

»Einen tiefen Ekel vor jeder Speise,« antwortete Andrée, »plötzliche Zuckungen, rasch in den Kopf steigende Hitze, Krämpfe, Zittern, Ohnmachten.«

Während Andrée so sprach, wurde der Doctor immer düsterer.

Er ließ am Ende die Hand des Mädchens los und wandte die Augen ab.

»Nun, Doctor?« fragte die Prinzessin den Arzt, »quid? wie die Consultanten sagen. Ist das Kind krank, und verurtheilen Sie es zum Tod?«

Der Doctor richtete seine Augen wieder auf Andrée und schaute sie noch einmal stille prüfend an.

»Madame,« sagte er, »die Krankheit des Fräuleins ist eine äußerst natürliche.«

»Und gefährlich?«

»Gewöhnlich nicht,« antwortete der Doctor lächelnd.

»Ah! sehr gut,« sagte die Prinzessin, die nun wieder freier athmete, »quälen Sie die Arme nicht zu sehr.«

»Oh! ich werde sie gar nicht quälen, Madame.«

»Wie! Sie verordnen nichts?«

»Es ist bei der Krankheit des Fräuleins durchaus nichts zu machen.«

»Wahrhaftig?«

»Nein, Madame.«

»Nichts?«

»Nichts.«

Um eine längere Erklärung zu vermeiden, verabschiedete sich der Doctor von der Prinzessin unter dem Vorwand, seine Kranken warten auf ihn.

»Doctor, Doctor,« sprach die Prinzessin, »wenn Sie mir das nicht nur, um mich zu beruhigen, sagen, so bin ich mehr krank als Fräulein von Taverney; bringen Sie mir also bei Ihrem Besuch diesen Abend unfehlbar das Zuckerwerk, das Sie mir versprochen haben, um mich schlafen zu machen.«

»Madame, ich werde es selbst bereiten, sobald ich nach Hause komme.«

Und er ging ab.

Die Dauphine blieb bei ihrer Vorleserin und sprach mit einem wohlwollenden Lächeln:

»Seien Sie unbesorgt, meine liebe Andrée, Ihre Krankheit bietet nichts Beunruhigendes, da der Doctor Louis geht, ohne Ihnen etwas zu verschreiben.«

»Desto besser, Madame,« erwiederte Andrée, »denn nichts wird dann meinen Dienst bei Eurer königlichen Hoheit unterbrechen, und diese Unterbrechung war es, was ich über Alles befürchtete; möge es indessen dem gelehrten Doctor nicht mißfallen, ich leide sehr, Madame, das schwöre ich Ihnen.«

»Ein Uebel, über das der Arzt lacht, kann nicht wohl ein großes Leiden sein. Schlafen Sie also, mein Kind; ich will Ihnen Jemand zu Ihrer Bedienung schicken, denn ich sehe, daß Sie allein sind. Wollen Sie mich begleiten, Herr von Taverney.«

Und sie reichte Andrée die Hand und entfernte sich, nachdem sie die Kranke ihrem Versprechen gemäß getröstet hatte.

CXXXIX.
Die Wortspiele von Herrn von Richelieu

Der Herr Herzog von Richelieu hatte sich, wie wir gesehen, nach Luciennes mit jener raschen Entschlossenheit und mit jener Sicherheit des Geistes begeben, welche den Botschafter in Wien und den Sieger von Mahon charakterisirten.

Er kam mit freudiger, freier Miene an, stieg wie ein junger Mensch die Stufen der Freitreppe hinauf, zerrte Zamore an den Ohren, wie in den schönen Tagen ihres guten Einvernehmens, und erzwang gleichsam die Thüre des bekannten Boudoir von blauem Atlaß, wo die arme Lorenza Madame Dubarry hatte Befehle zu ihrer Fahrt nach der Rue Saint-Claude geben sehen.

Die Gräfin lag auf ihrem Sopha und ertheilte Herrn von Aiguillon ihre Morgenbefehle.

Beide wandten sich bei dem Geräusch um und waren nicht wenig erstaunt, als sie den Marschall erblickten.

»Ah! Herr Herzog,« rief die Gräfin.

»Ah! mein Oheim,« sagte Herr von Aiguillon.

»Ja wohl, Madame; ja wohl, mein Neffe.«

»Wie, Sie sind es?«

»Ich bin es, ich selbst in Person.«

»Besser spät, als gar nicht,« sagte die Gräfin.

»Madame,« sprach der Marschall, »wenn man altert, wird man launenhaft.«

»Damit wollen Sie sagen, Sie seien wieder für Luciennes eingenommen?«

»Mit einer großen Liebe, die mich nur aus Laune verlassen hatte. Es ist ganz so und Sie haben meinen Gedanken vortrefflich vollendet.«

»Somit kommen Sie zurück  . . .«

»Somit komme ich zurück; so ist es,« sagte Herr von Richelieu, indem er sich mit aller Bequemlichkeit in das beste Fauteuil niederließ, das er mit dem ersten Blick unterschieden hatte.

»Oh! oh!« rief die Gräfin, »es gibt vielleicht noch etwas Anderes, was Sie nicht sagen; die Laune ist nicht für einen Mann wie Sie.«

»Gräfin, Sie haben Unrecht, mich zu schmähen, ich bin besser als mein Ruf; und wenn ich zurückkehre, sehen Sie, so geschieht es  . . .«

»Es geschieht?« fragte die Gräfin.

»Von ganzem Herzen.«

Herr von Aiguillon und die Gräfin brachen in ein Gelächter aus.

»Wie glücklich sind wir, daß wir ein wenig Geist haben, um allen Geist zu begreifen, den Sie besitzen.«

»Wie so?«

»Ja, ich schwöre Ihnen, daß Schwachköpfe nicht begreifen, völlig verblüfft bleiben und ganz anderswo die Ursache dieser Rückkehr suchen würden; in der That, so wahr ich Dubarry heiße, nur Sie, mein lieber Herzog, verstehen es, Eintritte und Abgänge zu machen; Molé, Molé selbst ist ein hölzerner Schauspieler in Vergleichung mit Ihnen.«

»Sie glauben also nicht, daß mich das Herz zurückführt,« rief Richelieu. »Gräfin, Gräfin, nehmen Sie sich in Acht, Sie geben mir eine schlimme Meinung von Ihnen; oh! lachen Sie nicht, mein Neffe, oder ich nenne Sie Pierre54 und baue nichts auf Sie.«

»Nicht einmal ein kleines Ministerium?« fragte die Gräfin.

Und zum zweiten Mal brach die Gräfin mit einer Treuherzigkeit, die sie nicht einmal zu verkleiden suchte, in ein Gelächter aus.

»Gut, schlagen Sie, schlagen Sie,« sprach Richelieu, »ich werde es Ihnen nicht zurückgeben, ich bin leider zu alt und habe keine Wehr mehr; mißhandeln Sie mich, Gräfin, das ist nun ein gefahrloses Vergnügen.«

»Nehmen Sie sich im Gegentheil in Acht, Gräfin,« sagte Herr von Aiguillon: »wenn mein Oheim noch einmal von seiner Schwäche spricht, sind wir verloren. Nein, Herr Herzog, wir werden uns nicht schlagen, denn so schwach Sie sind oder zu sein behaupten, würden Sie die Stöße mit Wucher zurückgeben; nein, hören Sie die volle Wahrheit, man sieht Sie mit Freude zurückkommen.«

»Ja,« rief die tolle Gräfin, »und zu Ehren dieser Rückkehr schießt man Böller los, läßt man Raketen steigen, und Sie wissen, Herzog  . . .«

»Ich weiß nichts, Madame,« erwiederte der Marschall mit der Naivetät eines Kindes.

»Nun wohl! bei den Feuerwerken wird immer eine Perücke durch die Funken versenkt, werden immer einige Hüte durch die Stäbe durchlöchert.«

Der Herzog fuhr mit der Hand nach seiner Perücke und schaute seinen Hut an.

»So ist es, so ist es,« sagte die Gräfin; »doch Sie kommen zu uns zurück, und Alles steht auf’s Beste; ich für meine Person bin, wie Ihnen Herr von Aiguillon sagte, von einer tollen Heiterkeit; wissen Sie warum?«

»Gräfin, Gräfin, Sie werden mir abermals eine Bosheit sagen?«

»Ja, doch das wird die letzte sein.«

»Sprechen Sie.«

»Ich bin heiter, Marschall, weil Ihre Rückkehr schönes Wetter verkündigt.«

Richelieu verbeugte sich.

»Ja,« fuhr die Gräfin fort, »Sie sind wie die poetischen Vögel, welche die Ruhe vorhersagen; wie heißt man diese Vögel? Sie müssen es wissen, Herr von Aiguillon, Sie, der Sie Verse machen.«

»Alcyons55, Madame.«

»Ganz richtig! Ah! Marschall, ich hoffe, Sie werden sich nicht ärgern, ich vergleiche Sie mit einem Vogel, der einen sehr hübschen Namen hat.«

»Ich werde mich um so weniger ärgern, Madame,« erwiederte Richelieu mit seiner kleinen Grimasse, welche die Zufriedenheit bezeichnete, und die Zufriedenheit von Richelieu weissagte immer irgend eine gute Abscheulichkeit, »ich werde mich um so weniger ärgern, als die Vergleichung genau ist.«

»Sehen Sie!«

»Ja, ich bringe gute, vortreffliche Nachrichten.«

»Ah!« machte die Gräfin.

»Welche?« fragte Aiguillon.

»Teufel! mein lieber Herzog, Sie sind sehr eilig,« sagte die Gräfin; »lassen Sie doch dem Marschall Zeit, sie zu machen.«

»Nein, der Teufel soll mich holen, ich kann sie Ihnen sogleich sagen; sie sind völlig gemacht und sogar von altem Datum.«

»Marschall, wenn Sie abgedroschene Dinge vorbringen  . . .«

»Ah! man kann das nehmen oder lassen, Gräfin.«

»Wohl! es sei, nehmen wir.«

»Gräfin, es scheint, der König ist in die Falle gegangen.«

»In die Falle?«

»Ja, vollkommen.«

»In welche Falle?«

»In die, welche Sie ihm gestellt haben.«

»Ich,« versetzte die Gräfin, »ich habe dem König eine Falle gestellt?«

»Bei Gott! Sie wissen es wohl.«

»Nein, bei meinem Wort, ich weiß es nicht.«

»Ah! Gräfin, es ist nicht liebenswürdig von Ihnen, mich so zu mystificiren.«

»Wahrhaftig, Marschall, ich verstehe Sie nicht; ich bitte, erklären Sie sich.«

»Ja, mein Oheim, erklären Sie sich,« sprach Herr von Aiguillon, der irgend eine boshafte Absicht unter dem zweideutigen Lächeln des Marschalls errieth; »die Frau Gräfin wartet und ist ganz unruhig.«

Der alte Herzog wandte sich gegen seinen Neffen um.

»Bei Gott!« sagte er, »es wäre drollig, wenn Sie die Frau Gräfin nicht in’s Vertrauen gezogen hätten, mein lieber Aiguillon; ah! in diesem Fall wäre es noch viel tiefer, als ich glaubte.«

»Mich, mein Oheim?«

»Ihn?«

»Allerdings Dich; allerdings ihn! Lassen Sie uns offenherzig sein, Gräfin: ist er von Ihnen bei Ihren kleinen Verschwörungen gegen Seine Majestät beigezogen worden  . . . dieser arme Herzog, der eine so große Rolle dabei gespielt hat?«

Madame Dubarry erröthete: es war so frühe, daß sie weder Schminke, noch Schönpflästerchen aufgelegt hatte; erröthen war also möglich.

Doch erröthen war sehr gefährlich.

»Sie schauen mich Beide mit Ihren schönen, großen, erstaunten Augen an,« sagte Richelieu; »ich muß Sie also über Ihre eigenen Angelegenheiten unterrichten.«

»Unterrichten Sie immerhin,« riefen gleichzeitig der Herzog und die Gräfin.

»Wohl, der König wird mit seinem wunderbaren Scharfsinn Alles ergründet und Angst bekommen haben.«

»Was wird er ergründet Haben?« fragte die Gräfin; »wahrhaftig, Marschall, Sie machen mich vor Ungeduld sterben.«

»Ihr scheinbar gutes Einvernehmen mit meinem schönen Neffen hier.«

Herr von Aiguillon erbleichte und schien mit seinem Blick zur Gräfin zu sagen:

»Sehen Sie, ich war sicher, es würde eine Bosheit zu Tage kommen.«

Die Frauen sind muthiger in solchen Fällen, viel muthiger als die Männer. Die Gräfin ging sogleich in den Kampf ein.

»Herzog,« sprach sie, »ich fürchte die Räthsel, wenn Sie die Rolle des Sphinx spielen; denn mir scheint, ich werde dann, etwas früher, etwas später, unfehlbar verschlungen werden; benehmen Sie mir die Unruhe, und wenn es ein Scherz ist, erlauben Sie mir, ihn schlecht zu finden.«

»Schlecht, Gräfin. Er ist im Gegentheil vortrefflich,« rief Richelieu; »wohl verstanden, nicht der meinige, sondern der Ihrige.«

»Ich verstehe durchaus nicht, Marschall,« sagte Madame Dubarry, indem sie sich die Lippen mit einer Ungeduld kniff, die ihr muthwilliger kleiner Fuß noch viel sichtbarer offenbarte.

»Oh! keine Eitelkeit, Gräfin.« fuhr Richelieu fort. »Gut, gut, Sie befürchteten, der König könnte seine Neigung Fräulein von Taverney zuwenden. Ah! bestreiten Sie das nicht, das ist für mich bis zur Unleugbarkeit nachgewiesen.«

»Oh! es ist wahr, ich verstelle mich nicht.«

»Nun, da Sie das befürchteten, so wollten Sie so viel als möglich Seine Majestät stacheln.«

»Ich will es nicht in Abrede ziehen. Hernach?«

»Wir kommen zur Sache, Gräfin, wir kommen zur Sache; doch um Seine Majestät, deren Haut etwas zähe ist, zu reizen, bedurfte es eines sehr feinen Stachels … 56 Ah! ah! da ist mir meiner Treue ein boshaftes Wortspiel entschlüpft. Verstehen Sie?«

Und der Marschall schlug ein Gelächter auf, oder stellte sich, als lachte er, um während dieser krampfhaften Heiterkeit die ängstliche Physiognomie seiner zwei Opfer besser zu beobachten.

»Welches Wortspiel finden Sie hierin, mein Oheim?« fragte Aiguillon, der sich zuerst wieder faßte und eine gewisse Naivetät heuchelte.

»Du hast es nicht verstanden?« sagte der Marschall; »ah! desto besser, es war abscheulich. Nun wohl! die Frau Gräfin beabsichtigte also, den König eifersüchtig zu machen, und hatte hiezu einen vornehmen Herrn von gutem Aussehen, von Geist, kurz ein Wunder der Natur gewählt.«

»Wer sagt das?« rief die Gräfin wüthend, wie alle diejenigen, welche mächtig sind und Unrecht haben.

»Wer das sagt? Alle Welt, Madame.«

»Alle Welt ist Niemand, Sie wissen das wohl, Herzog.«

»Im Gegentheil, Madame; alle Welt sind hunderttausend Seelen für Versailles allein; es sind sechsmal hundert tausend für Paris; es sind fünf und zwanzig Millionen für Frankreich; und bemerken Sie wohl, ich rechne das Haag, Hamburg, Rotterdam, London, Berlin nicht, wo so viele Zeitungen geschrieben, als in Paris Witze gemacht werden.«

»Und man sagt in Versailles, in Paris, in Frankreich, in Rotterdam, im Haag, in Hamburg, in London und in Berlin?  . . .«

»Man sagt, Sie seien die geistreichste, die reizendste Frau Europas; man sagt, in Folge der vortrefflich ausgedachten Kriegslist, mit der Sie dem Anscheine nach einen Liebhaber angenommen  . . .«

»Einen Liebhaber! ich bitte, worauf gründet man diese alberne Anschuldigung?«

»Anschuldigung! was sagen Sie, Gräfin, Bewunderung. Man weiß, daß im Grunde nichts daran ist, aber man bewundert die Kriegslist. Worauf man diese Bewunderung, diese Begeisterung gründe? Man gründet sie auf Ihr von Geist funkelndes Benehmen, auf Ihre gescheite Taktik; man gründet sie darauf, daß Sie sich mit einer wunderbaren Kunst stellten, als blieben Sie die Nacht allein, Sie wissen, die Nacht, wo ich bei Ihnen war, wo der König bei Ihnen war und wo Herr von Aiguillon bei Ihnen war, die Nacht, wo ich mich als der erste entfernte, wo der König als der zweite und Herr von Aiguillon als der dritte wegging  . . .

»Vollenden Sie.«

»Darauf, daß Sie sich stellten, als blieben Sie allein mit Aiguillon, wie wenn er Ihr Liebhaber wäre, als ob Sie ihn am Morgen geräuschlos weggehen ließen, immer wie wenn er Ihr Liebhaber wäre; und dies auf eine Art, daß ein paar Dummköpfe, ein paar Fliegenschnapper, wie ich zum Beispiel, es sehen sollten, um es von den Dächern herabzuschreien: so daß es der König erfahren, Angst bekommen und schnell, schnell, um Sie nicht zu verlieren, die kleine Taverney verlassen haben wird.«

Madame Dubarry und Herr von Aiguillon wußten nicht mehr, welche Haltung sie annehmen sollten.

Richelieu beengte sie indessen weder durch seine Blicke, noch durch seine Geberden; seine Tabaksdose und sein Jabot schienen im Gegentheil seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen.

»Denn,« fuhr der Marschall fort, während er zugleich seinem Jabot Schneller gab, »es scheint gewiß, daß der König die Kleine verlassen hat.«

»Herzog,« sprach Madame Dubarry, »ich erkläre Ihnen, daß ich nicht ein Wort von allen Ihren Phantasien verstehe, und ich bin von Einem fest überzeugt, davon, daß der König, wenn man hievon mit ihm spräche, eben so wenig davon verstehen würde.«

»Wahrhaftig!« rief der Herzog.

»Ja, wahrhaftig; und Sie schreiben mir und die Welt schreibt mir viel mehr Einbildungskraft zu, als ich habe; nie wollte ich die Eifersucht Seiner Majestät durch die von Ihnen genannten Mittel reizen.«

»Gräfin!«

»Ich schwöre es Ihnen.«

»Gräfin, die vollkommene Diplomatie, und es gibt keine besseren Diplomaten als die Frauen, die vollkommene Diplomatie gesteht nie, welche List sie gebraucht hat; denn es findet sich ein Axiom in der Politik, ich kenne es, ich, der ich Botschafter war, ein Axiom, welches sagt: Nenne Niemand das Mittel, mit dem es dir einmal gelungen ist, denn es kann dir zweimal mit demselben gelingen.«

»Aber Herzog  . . .«

»Es ist mit dem Mittel gelungen und der König steht ganz schlecht mit allen Taverney.«

»In der That, Herzog,« rief Madame Dubarry, »Sie haben ein Art und Weise, die Dinge vorauszusetzen, die nur Ihnen eigenthümlich ist.«

»Ah! Sie glauben nicht, der König sei mit den Taverney entzweit?« versetzte Richelieu, den Streit umgehend.

»Das ist es nicht, was ich sagen will.«

Richelieu suchte die Hand der Gräfin zu nehmen.

»Sie sind ein Vogel,« rief er.

»Und Sie eine Schlange.«

»Ah! es ist gut, ein andermal wird man sich beeilen, Ihnen angenehme Nachrichten zu bringen, um so belohnt zu werden.«

»Mein Oheim, täuschen Sie sich nicht,« erwiederte rasch Herr von Aiguillon, der das ganze Gewicht des Manoeuvre von Richelieu gefühlt hatte, »Niemand schätzt Sie so sehr, als die Frau Gräfin, und sie sagte mir das noch in dem Augenblick, wo man Sie meldete.«

»Es ist wahr,« sprach der Marschall, »ich liebe meine Freunde ungemein; ich wollte Ihnen auch zuerst die Versicherung Ihres Sieges bringen, Gräfin. Wissen Sie, daß Vater Taverney seine Tochter an den König zu verkaufen beabsichtigte?«

»Ich denke, das ist geschehen,« entgegnete Madame Dubarry.

»Oh! Gräfin, wie gewandt ist dieser Mensch! Er ist eine Schlange; stellen Sie sich vor, daß ich mich durch seine Mährchen von Freundschaft, von alter Waffenbrüderschaft hatte einschläfern lassen. Man faßt mich immer beim Herzen, und dann, wie sollte man in der That glauben, dieser Provinz-Aristides werde absichtlich nach Paris kommen, um Jean Dubarry, das heißt, dem geistreichsten der Männer das Gras unter dem Fuß abzuschneiden? In der That, nur meine Ergebenheit für Ihre Interessen, Gräfin, konnte mir ein wenig gesunden Verstand und Hellsichtigkeit geben: auf Ehre, ich war blind  . . .«

»Und das ist vorüber, wenigstens wie Sie sagen?« fragte Madame Dubarry.

»Oh! ganz und gar vorüber, dafür stehe ich Ihnen. Ich habe diesen würdigen Lieferanten so ablaufen lassen, daß er nun seinen Entschluß gefaßt haben muß, und daß wir Herren des Gebietes sind.«

»Aber der König?«

»Der König?«

»Ja,«

»Ueber drei Punkte habe ich Seine Majestät Beichte gehört.«

»Der erste Punkt ist?«

»Der Vater.«

»Der zweite?«

»Die Tochter.«

»Und der dritte?«

»Der Sohn. Seine Majestät geruhte den Vater einen  . . . Wohldiener, seine Tochter einen Zieraffen zu nennen; den Sohn aber hat Seine Majestät gar nicht genannt, denn sie erinnerte sich seiner durchaus nicht mehr.«

»Sehr gut, wir sind also von dieser ganzen Race befreit?«

»Ich glaube wohl.«

»Ist es der Mühe werth, das in sein Loch zurückzuschicken?«

»Ich denke nicht: denn damit ist es vorbei.«

»Und Sie sagen, dieser Sohn, dem der König ein Regiment versprochen  . . .«

»Ah! Sie haben ein besseres Gedächtniß als der König, Gräfin. Es ist wahr, Herr Philipp ist ein sehr hübscher Junge, der Ihnen viele und zwar sehr mörderische Liebesblicke zusandte. Er ist nun zwar weder mehr Oberster, noch Kapitän, noch Bruder der Favoritin; aber es bleibt ihm noch übrig, daß er von Ihnen ausgezeichnet worden ist.«

Indem der alte Herzog dies sagte, wollte er seinen Neffen mit den Nägeln der Eifersucht am Herzen wund kratzen.

Doch Herr von Aiguillon dachte in diesem Augenblick nicht an Eifersucht.

Er suchte sich von dem Schritt des alten Herzogs Rechenschaft zu geben und die wahre Ursache seiner Rückkehr zu ergründen.

Nach einigem Ueberlegen hoffte er, der Wind der Gunst habe Richelieu allein nach Luciennes getrieben.

Er machte Madame Dubarry ein Zeichen, das der alte Herzog in einem Spiegel bemerkte, während er seine Perücke zurecht richtete, und sogleich lud die Gräfin Richelieu ein, die Chocolade mit ihr zu nehmen.

Herr von Aiguillon verabschiedete sich unter tausend an seinen Oheim gerichteten und von diesem erwiederten Artigkeiten.

Der Marschall blieb allein mit der Gräfin an dem Guéridon, das Zamore beladen hatte.

Der alte Herzog schaute diesem ganzen Treiben der Favoritin zu und murmelte dabei ganz leise:

»Vor zwanzig Jahren hätte ich nach der Uhr gesehen und gesagt: in einer Stunde muß ich Minister sein, und ich wäre es gewesen.

»Welch ein albernes Ding ist es doch um das Leben,« fuhr er immer mit sich selbst sprechend fort: »während des ersten Theils stellt man den Körper in den Dienst des Geistes; während des zweiten wird der Geist, der allein überlebt hat, der Knecht des Körpers: das ist einfältig.«

»Lieber Marschall,« unterbrach die Gräfin den inneren Monolog ihres Gastes, »nun, da wir wohl Freunde, da wir besonders unter vier Augen sind, sagen Sie mir, warum Sie sich so viel Mühe gegeben haben, um diesen kleinen Zieraffen in das Bett des Königs zu bringen?«

»Meiner Treue, Gräfin,« antwortete Richelieu, während er mit dem Ende seiner Lippen an seiner Tasse Chocolade nippte, »das habe ich mich selbst gefragt: ich weiß es nicht.«

53.Verwahrungsort für Straffällige bei kleineren Delikten.
54.Das Wortspiel Pierre – Peter und Pierre – Stein ist unübersetzbar.
55.Eisvögel.
56.Abermals ein unübersetzbares Wortspiel: Auguillon bedeutet der Stachel.)

Türler ve etiketler

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06 aralık 2019
Hacim:
1798 s. 15 illüstrasyon
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