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Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 87

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CXXXVI.
Das Gedächtniß der Könige

Richelieu hatte sich, seinem Versprechen gemäß, muthig unter dem Blick Seiner Majestät in dem Moment aufgestellt, wo ihr Herr von Condé das Hemd reichte.

Als der König den Marschall erblickte, machte er eine so ungestüme Bewegung, um sich abzuwenden, daß das Hemd beinahe auf den Boden gefallen wäre und daß der Prinz erstaunt zurückwich.

»Verzeihen Sie, mein Vetter,« sagte Ludwig XV., um dem Prinzen zu beweisen, diese ungestüme Bewegung habe nichts Persönliches gegen ihn.

Richelieu begriff auch vollkommen, daß der Zorn seiner Person galt.

Doch da er mit dem festen Entschlusse, diesen ganzen Zorn, wenn es nöthig wäre, hervorzurufen, um dadurch eine ernste Erklärung herbeizuführen, gekommen war, so machte er eine Frontveränderung wie bei Fontenoy und stellte sich an den Ort, wo der König, wenn er in sein Cabinet ging, vorüberkommen mußte.

Als der König den Marschall nicht mehr sah, plauderte er wieder frei und freundlich fort; er kleidete sich an, entwarf den Plan zu einer Jagd in Marly und berieth sich lange mit seinem Vetter, denn die Herren von Condé standen stets im Ruf, gute Jäger zu sein.

Doch in dem Augenblick, wo er in sein Cabinet gehen wollte, und als sich schon Alles entfernt hatte, erblickte er Richelieu, der mit einer ihm eigenthümlichen Anmuth die reizendste Verbeugung machte, welche seit Lauzun, – bekanntlich wußte dieser so gut zu grüßen, – gemacht worden war.

Ludwig XV. blieb, beinahe aus der Fassung gebracht, stehen.

»Immer noch hier, Herr von Richelieu?« fragte er.

»Zu den Befehlen Eurer Majestät, ja, Sire.«

»Sie verlassen also Versailles nicht?«

»Seit vierzig Jahren, Sire, habe ich mich selten durch etwas Anderes, als durch den Dienst Eurer Majestät bewogen entfernt.«

Der König blieb vor dem Marschall stehen und sagte:

»Lassen Sie hören, Sie wollen etwas von mir, nicht wahr?«

»Ich, Sire,« entgegnete Richelieu lächelnd, »ei! was denn?«

»Aber Sie verfolgen mich, Herzog, ich muß das doch, bei Gott! wohl bemerken.«

»Ja. Sire, mit meiner Liebe und mit meiner Ehrfurcht. Ich danke, Sire.«

»Oh! Sie geben sich den Anschein, als verstünden Sie mich nicht; doch Sie verstehen mich vortrefflich. Nun, so wissen Sie es denn, Herr Marschall, ich habe Ihnen nichts zu sagen.«

»Nichts. Sire?«

»Durchaus nichts.«

Richelieu bewaffnete sich mit einer völligen Gleichgültigkeit und sprach:

»Sire, ich habe stets das Glück gehabt, mir in meinem Gewissen sagen zu können, meine Beharrlichkeit beim König sei uneigennützig gewesen, und das ist ein großer Punkt in den vierzig Jahren, deren ich gegen Eure Majestät erwähnte; selbst die Neidischen werden nie behaupten, der König habe mir je irgend Etwas bewilligt. Mein Ruf ist glücklicher Weise in dieser Hinsicht gegründet.«

»Ei! Herzog, verlangen Sie für sich, wenn Sie etwas brauchen, aber verlangen Sie rasch.«

»Sire, ich brauche durchaus nichts, und für den Augenblick beschränke ich mich darauf, daß ich Eure Majestät bitte  . . .«

»Was?«

»Gnädigst zur Danksagung einen Mann zulassen zu wollen …«

»Wen denn?«

»Sire, einen Mann, der eine große Verpflichtung gegen den König hat.«

»Aber sprechen Sie doch!«

»Sire, einen Mann, dem von Eurer Majestät die außerordentliche Ehre zu Theil geworden ist  . . . Ah! wenn man die Ehre gehabt hat, sich an den Tisch Eurer Majestät zu setzen, wenn man die so delicate Conversation, die so reizende Heiterkeit, welche aus Eurer Majestät den göttlichsten Tischgenossen macht, einmal gekostet hat, dann Sire, vergißt man nie mehr, und man nimmt rasch eine so süße Gewohnheit an.«

»Sie sind ein Schönredner, Herr von Richelieu.«

»Oh! Sire!«

»Kurz, von wem sprechen Sie?«

»Von meinem Freunde Taverney.«

»Von Ihrem Freunde!« rief der König.

»Verzeihen Sie, Sire.«

»Taverney!« sprach der König mit einem gewissen Schrecken, der den Herzog sehr in Erstaunen setzte.

»Warum nicht, Sire, es ist ein alter Kriegskamerad.«

Er hielt einen Augenblick inne.

»Ein Mann, der unter Viliars mit mir gedient hat.«

Er hielt abermals inne.

»Sie wissen wohl, Sire, man nennt Freund in dieser Welt Alles, was man kennt, Alles, was nicht feindlich ist; es ist ein artiges Wort, das häufig keine Bedeutung hat.«

»Ein gefährdendes Wort, Herzog,« entgegnete der König mit verdrießlicher Miene, »ein Wort, dessen man sich mit Vorsicht bedienen muß.«

»Die Rathschläge Eurer Majestät sind Weisheitslehren. Herr von Taverney also  . . .«

»Herr von Taverney ist ein unsittlicher Mensch.«

»Ah! Sire, ich vermuthete es, so wahr ich ein Edelmann bin.«

»Ein Mensch ohne Zartgefühl, Herr Marschall.«

»Was sein Zartgefühl betrifft, Sire, so werde ich vor Eurer Majestät nicht davon sprechen; ich verbürge mich nur für das, was ich kenne.«

»Wie! Sie verbürgen sich nicht für das Zartgefühl Ihres Freundes, eines alten Dieners, eines Mannes, der mit Ihnen unter Villars diente, eines Mannes, den Sie mir vorgestellt haben? Sie kennen ihn doch wohl?«

»Ihn, gewiß, Sire; doch sein Zartgefühl nicht. Sully sagte zu Ihrem Ahnherrn, Heinrich IV., er habe sein Fieber in einen grünen Rock gekleidet herauskommen sehen; ich gestehe in Demuth, daß ich nie wußte, wie das Zartgefühl von Taverney sich kleidete.«

»Nun wohl, Marschall, ich sage Ihnen, daß es ein garstiger Mensch ist, der eine garstige Rolle gespielt hat.«

»Oh! wenn mir Eure Majestät das sagt  . . .«

»Ja, mein Herr, ich sage es!«

»Wohl!« sprach Richelieu, »es ist mir unendlich lieb, wenn Eure Majestät sich so äußert. Nein, ich gestehe, Taverney ist keine Blüthe des Zartgefühls, und ich habe das wohl bemerkt; doch, Sire, so lange Eure Majestät nicht die Gnade hatte, mich mit ihrer Meinung hierüber bekannt zu machen  . . .«

»Hören Sie diese Meinung, mein Herr, ich verabscheue ihn.«

»Ah! der Spruch ist gefällt, Sire? zum Glück hat dieser Unglückliche eine mächtige Fürsprache bei Eurer Majestät für sich.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Hat der Vater das Unglück gehabt, dem König zu mißfallen  . . .«

»Und zwar sehr.«

»Ich sage nicht nein, Sire.«

»Was sagen Sie denn?«

»Ich sage, daß ein gewisser Engel mit blauen Augen und blonden Haaren  . . .«

»Ich verstehe Sie nicht, Herzog.«

»Das ist begreiflich, Sire.«

»Ich wünschte Sie aber zu verstehen.«

»Ein Profaner wie ich, Sire, zittert bei dem Gedanken, eine Ecke des Schleiers zu lüften, unter welchem so viele reizende Liebesgeheimnisse verborgen sind; doch ich wiederhole, welchen Dank ist Taverney derjenigen schuldig, die zu seinen Gunsten die königliche Entrüstung mildert! Oh! ja! ja, Fräulein Andrée muß ein Engel sein.«

»Fräulein Andrée ist ein kleines Ungeheuer in physischer Hinsicht, wie ihr Vater eines in moralischer ist!« rief der König.

»Bah!« rief Richelieu im höchsten Maße erstaunt, »wir täuschten uns alle, und dieser schöne Anschein  . . .«

»Sprechen Sie mir nie mehr von diesem Mädchen, Herzog, ein Schauer überläuft mich, wenn ich nur daran denke.«

Richelieu faltete heuchlerisch seine Hände.

»Oh! mein Gott, wie kann doch das Aeußere trügen. Wenn Eure Majestät, der erste Kenner und Schätzer des Königreichs, wenn Eure Majestät, die Unfehlbarkeit in Person, mich nicht dessen versichern würde, wie könnte ich es glauben?  . . . Wie! Sire, in diesem Grade mißstaltet?«

»Mehr als dies, mein Herr, von einer gräßlichen Krankheit befallen;  . . . ein Hinterhalt, Herzog. Doch um Gottes willen, kein Wort mehr über sie, Sie machen mich sterben.«

»Oh! Himmel!« rief Richelieu, »ich werde den Mund nicht mehr öffnen, Sire. Eure Majestät sterben machen! Oh! welcher Jammer! Welche Familie! Wie unglücklich muß der arme Junge sein!«

»Von wem sprechen Sie?«

»Oh! diesmal von einem getreuen, von einem aufrichtigen, von einem ergebenen Diener Eurer Majestät. Oh! das ist ein wahres Muster, Sire, und diesen haben Sie gut beurtheilt. Diesmal, dafür stehe ich, diesmal ist Ihre Gnade nicht falsch angebracht gewesen.«

»Aber von wem reden Sie denn, Herzog? Vollenden Sie, ich habe Eile.«

»Ich spreche von dem Sohn des Einen, Sire, und von dem Bruder der Andern. Ich spreche von Philipp von Taverney, von dem braven jungen Mann, dem Eure Majestät ein Regiment geschenkt hat.«

»Ich habe Jemand ein Regiment geschenkt?«

»Ja, Sire, ein Regiment, das Philipp von Taverney allerdings noch erwartet, das Sie ihm aber immerhin geschenkt haben.«

»Ich?«

»Ich glaube wohl, Sire.

»Sie sind ein Narr!«

»Bah!«

»Ich habe gar nichts geschenkt, Marschall!«

»Wahrhaftig?«

»In was des Teufels mischen Sie sich denn?«

»Aber, Sire  . . .«

»Geht das Sie an?«

»Entfernt nicht.«

»Sie haben also geschworen, mich mit diesem einfältigen Burschen in Verzweiflung zu bringen!«

»Entschuldigen Sie, Sire; es kam mir vor, doch ich sehe nun, daß ich mich getäuscht habe, es kam mir vor, als hätte Eure Majestät versprochen  . . .«

»Das ist nicht meine Sache, Herzog. Ich habe einen Kriegsminister. Ich verschenke kein Regiment. Ein Regiment! Da hat man Ihnen einen schönen Bären aufgebunden. Ah! Sie sind der Advocat dieser Brut und haben mir mit Ihrem Geschwätz alles Blut in Aufruhr gebracht.«

»Oh! Sire.«

»Ja, in Aufruhr. Der Teufel hole den Advocaten, ich werde den ganzen Tag nicht verdauen.«

Nach diesen Worten wandte der König dem Herzog den Rücken zu, flüchtete sich ganz wüthend in sein Cabinet und ließ Richelieu unglücklicher zurück, als man es zu sagen vermöchte.

»Ah! diesmal weiß man, woran man sich zu halten hat,« brummte der Marschall.

Und er stäubte sich mit seinem Sacktuch ab, denn in der Hitze des Gefechts hatte er sich ganz bepudert, und wandte sich nach der Gallerie, in deren Ecke sein Freund mit verzehrender Ungeduld wartete.

Kaum erschien der Marschall, als der Baron einer Spinne ähnlich, welche auf ihre Beute losstürzt, den frischen Neuigkeiten entgegenlief.

»Nun, wie steht es?« fragte er, die Augen und das Herz in gespannter Erwartung.

»Wie es stehe, mein Herr?« erwiederte Richelieu, indem er sich mit hochmüthigem Munde und mit einem verächtlichen Angriff auf seinen Jabot aufrichtete; »es steht so, daß ich Sie bitte, mich nicht mehr anzureden.«

Taverney schaute den Herzog ganz bestürzt an.

»Ja,« fuhr Richelieu fort, »Sie haben dem König sehr mißfallen, und wer dem König mißfällt, beleidigt mich.«

Taverney blieb unbeweglich in seinem Erstaunen, als ob seine Füße im Marmor Wurzel gefaßt hätten.

Richelieu ging indessen weiter.

Sobald er an die Thüre der Spiegelgallerie kam, wo ihn sein Kammerdiener erwartete, rief er:

»Nach Luciennes.«

Und er verschwand.

CXXXVII.
Die Ohnmachten von Andrée

Als Taverney wieder zu sich gekommen war und das erkannt hatte, was er sein Unglück nannte, begriff er, es sei der Augenblick gekommen, eine ernste Erklärung mit der ersten Ursache so vieler Besorgnisse herbeizuführen.

Kochend vor Zorn und Entrüstung, wandte er sich dem zu Folge nach der Wohnung von Andrée.

Andrée legte eben die letzte Hand an ihre Toilette und hob ihre gerundeten Arme in die Höhe, um hinter dem Ohr zwei widerspänstige Haarflechten zu befestigen.


Sie hörte den Tritt ihres Vaters ins Vorzimmer in dem Augenblick, wo sie, ihr Buch unter dem Arm, über die Schwelle ihres Zimmers zu schreiten im Begriff war.

»Ah! guten Morgen Andrée,« sagte Herr von Taverney, »Du gehst aus?«

»Ja, mein Vater.«

»Allein?«

»Wie Sie sehen.«

»Du bist also immer noch allein?«

»Seit dem Verschwinden von Nicole habe ich kein Kammermädchen mehr angenommen.«

»Aber Du kannst Dich nicht ankleiden, Andrée, das schadet Dir; ein Frauenzimmer, das so angezogen ist, macht kein Glück bei Hofe; ich hatte Dir etwas ganz Anderes empfohlen, Andrée.«

»Verzeihen Sie, mein Vater, die Frau Dauphine erwartet mich.«

»Ich versichere Dich, Andrée,« fuhr Taverney fort, der sich, während er sprach, immer mehr erhitzte, »ich versichere Dich, daß Du mit dieser Einfachheit am Ende hier lächerlich wirst.«

»Mein Vater  . . .«

»Die Lächerlichkeit tödtet überall, und mehr noch, als anderswo, bei Hofe.«

»Ich werde auf das, was Sie sagen, bedacht sein. Doch in Rücksicht auf den Eifer, mit dem ich mich zu ihr begebe, weiß mir die Frau Dauphine für den Augenblick sicherlich Dank, wenn ich mich minder elegant kleide.«

»Gehe also und komm, ich bitte Dich, sobald Du frei wirst, zurück, denn ich habe in einer wichtigen Angelegenheit mit Dir zu reden.«

»Ja, mein Vater,« sagte Andrée.

Und sie suchte wegzugehen.

Der Baron betrachtete sie von allen Seiten und rief:

»Warte doch, Du kannst nicht so weggehen; Du hast Deine Schminke vergessen und bist von einer zurückstoßenden Bläße.«

»Ich, mein Vater?« versetzte Andrée stille stehend.

»In der That, an was denkst Du denn, wenn Du nicht in den Spiegel schaust? Deine Wangen sind weiß wie Wachs, Deine Augen sind einen halben Fuß umkreist. Man geht nicht so aus, wenn man nicht gar den Leuten bange machen will.«

»Ich habe nicht mehr Zeit, irgend etwas an meiner Toilette zu ändern.«

»Wahrlich, das ist abscheulich,« rief Tavernay die Achseln zuckend; »es gibt nur ein solches Frauenzimmer in der Welt, und das ist meine Tochter: welch ein Unglück! Andrée! Andrée!«

Doch Andrée war schon unten an der Treppe.

Sie wandte sich um.

»Sage wenigstens,« rief Taverney, »sage wenigstens, Du seist krank; mache Dich interessant, alle Teufel! wenn Du Dich nicht schön machen willst.«

»Oh! was das betrifft, mein Vater  . . . das wird mir leicht sein; ich kann sagen, ich sei krank, ohne zu lügen, denn ich fühle mich wirklich in diesem Augenblick leidend.«

»Gut.« brummte der Baron, »das fehlte uns nur noch, krank!«

Dann fügte er zwischen den Zähnen bei:

»Die Pest komme über diesen Zieraffen.«

Und er kehrte in das Zimmer seiner Tochter zurück, wo er sich ängstlich damit beschäftigte, Alles aufzusuchen, was ihn in seinen Muthmaßungen unterstützen und eine bestimmte Ansicht bei ihm feststellen könnte.

Während dieser Zeit ging Andrée über die Esplanade und längs den Blumenbeeten hin. Sie hob zuweilen den Kopf in die Höhe, um in der Lust kräftigeren Athem zu holen, denn der Duft der Blüthen stieg ihr zu gewaltig ins Gehirn und erschütterte jede Fiber desselben.

So angegriffen, schwankend unter der Sonne und nach einem Stützpunkte um sich her suchend, kam Andrée, indem sie ein unbekanntes Uebel bekämpfte, bis in die Vorzimmer von Trianon, wo Frau von Noailles, welche auf der Schwelle des Cabinets der Dauphine stand, Andrée mit dem ersten Worte begreiflich machte, es sei die Stunde und man erwarte sie.

Der Abbé ***, der Titularvorleser der Prinzessin, frühstückte in der That mit Ihrer königlichen Hoheit, welche häufig den Personen ihres vertrauteren Umgangs eine solche Gnade erwies.

Der Abbé rühmte die Vortrefflichkeit jener Butterbrode, welche die deutschen Hausfrauen so geschickt um eine Tasse Kaffee mit Sahne aufzuhäufen wissen.

Der Abbé sprach, statt zu lesen, und erzählte der Dauphine alle Neuigkeiten von Wien, die er bei den Zeitungsschreibern und den Diplomaten gesammelt hatte, denn in jener Zeit trieb man die Politik in der freien Luft ebenso gut, als in den geheimsten Winkeln der Kanzleien, und es kam nicht selten vor, daß man im Ministerium Neuigkeiten erfuhr, welche diese Herren vom Palais Royal oder von den Alleen von Versailles errathen, wenn nicht geschaffen hatten.

Der Abbé sprach besonders von den letzten Gerüchten über eine heimliche Meuterei in Beziehung auf die Fruchttheurung, eine Meuterei, welche, wie er sagte, von Herrn von Sartines ganz kurz dadurch gehemmt worden sei, daß er fünf von den bedeutendsten Wucherern habe in die Bastille bringen lassen.

Andrée trat ein: die Dauphine hatte auch ihre Tage der Laune und der Migräne; der Abbé hatte sie interessirt: das Buch von Andrée, das nach der Plauderei kam, langweilte sie.

Dem zu Folge sagte sie zu ihrer Vorleserin, sie möge in Zukunft pünktlicher sein und nicht mehr auf sich warten lassen; sie fügte bei, was an und für sich gut sei, sei es hauptsächlich zur geeigneten Zeit.

Verwirrt durch diesen Vorwurf und besonders durchdrungen von der Ungerechtigkeit desselben, erwiederte Andrée nichts, obgleich sie hätte sagen können, sie sei durch ihren Vater aufgehalten worden und sie habe langsam gehen müssen, weil sie sich leidend fühle.

Doch nein, beängstigt, bedrückt, neigte sie das Haupt, schloß, als ob sie sterben wollte, die Augen und verlor das Gleichgewicht.

Ohne Frau von Noailles wäre sie gefallen.

»Wie wenig Haltung haben Sie doch, mein Fräulein!« flüsterte ihr Frau Etiquette zu.

Andrée antwortete nicht.

»Aber Herzogin, es ist ihr unwohl,« rief die Dauphine, rasch aufstehend und auf Andrée zueilend.

»Nein, nein,« entgegnete Andrée lebhaft, die Augen voll Thränen, »nein, Eure Hoheit, ich befinde mich wohl oder wenigstens besser.«

»Aber sie ist weiß wie ihr Sacktuch, sehen Sie doch, Herzogin. Das ist mein Fehler, ich habe Sie gezankt; armes Kind, setzen Sie sich, ich will es haben.«

»Madame  . . .

»Wenn ich es befehle  . . . Geben Sie dem Fräulein Ihren Sessel, Abbé.«

Andrée setzte sich und unter dem sanften Einfluß dieser Güte erheiterte sich ihr Geist, färbten sich ihre Wangen wieder.

»Können Sie nun lesen, mein Fräulein?« fragte die Dauphine.

»Oh! ja, gewiß; ich hoffe es wenigstens.«

Andrée öffnete das Buch an der Stelle, wo sie am Tag zuvor zu lesen aufgehört hatte, und begann mit einer Stimme, der sie Ruhe zu verleihen suchte, um sie so verständlich und angenehm, als möglich, zu machen.

Doch kaum hatten ihre Augen zwei bis drei Seiten durchlaufen, als die kleinen schwarzen Atome vor ihren Blicken zu hüpfen, zu wirbeln, zu zittern anfingen und völlig unentzifferbar wurden.

Andrée erbleichte abermals; ein kalter Schweiß stieg aus ihrer Brust auf ihre Stirne, und der schwarze Kreis, den Taverney den Augenlidern seiner Tochter so bitter zum Vorwurf gemacht hatte, vergrößerte sich dergestalt, daß die Dauphine, welche bei dem Zögern von Andrée aufgeschaut hatte, ausrief:

»Abermals!  . . . sehen Sie, Herzogin, in der That, das Kind ist krank, es verliert das Bewußtsein.«

Und diesmal nahm die Dauphine selbst ihre Zuflucht zu einem Fläschchen mit Riechsalz, das sie ihrer Vorleserin an die Nase hielt. So wiederbelebt, wollte Andrée das Buch aufzuheben suchen, aber vergebens; ihren Händen war ein Nervenzittern geblieben, das einige Minuten nichts zu beschwichtigen vermochte.

»Herzogin,« sagte die Dauphine, »Andrée ist entschieden leidend, und sie soll ihr Uebel nicht dadurch erschweren, daß sie hier bleibt.«

»Dann muß das Fräulein rasch nach Hause zurückkehren,« sprach die Herzogin.

»Und warum dies, Madame?«

»Weil so die Pocken anfangen,« antwortete die Ehrendame mit einer tiefen Verbeugung.

»Die Pocken?«

»Ja, plötzliche Ohnmachten, Schauer  . . .«

Der Abbé glaubte sich wesentlich betheiligt bei der Gefahr, welche Frau von Noailles bezeichnete, denn er hob die Sitzung auf und machte sich, begünstigt durch die Freiheit, die ihm das Unwohlsein einer Frau gestattete, auf den Fußspitzen so geschickt davon, daß Niemand sein Verschwinden bemerkte.

Als Andres sich gleichsam in den Armen der Dauphine sah, gab ihr die Scham, daß sie in diesem Grad eine so hohe Prinzessin beunruhigt habe, wieder Kräfte, oder vielmehr Muth; sie näherte sich dem Fenster, um zu athmen.

»Sie müssen nicht so Luft schöpfen, mein liebes Fräulein,« sagte die Frau Dauphine; »kehren Sie in Ihre Wohnung zurück, ich werde Sie begleiten lassen.«

»Oh! ich versichere Sie, Madame, ich habe mich völlig erholt,« erwiederte Andrée; »ich werde wohl allein nach Hause gehen, da mir Eure Hoheit gnädigst erlaubt, mich entfernen zu dürfen.«

»Ja, ja, und seien Sie unbesorgt,« sagte die Dauphine, »man wird Sie nicht mehr zanken, da Sie so empfindlich sind, liebes Mädchen!«

Gerührt von dieser Güte, welche einer schwesterlichen Freundschaft glich, küßte Andrée ihrer Beschützerin die Hand und verließ das Gemach, während ihr die Dauphine unruhig mit den Augen folgte.

Als sie unten an den Stufen war, rief ihr die Dauphine aus dem Fenster zu:

»Kehren Sie nicht sogleich nach Hause zurück, mein Fräulein; gehen Sie ein wenig unter den Blumenbeeten spazieren, die Sonne wird Ihnen wohl thun.«

»Oh! mein Gott, Madame, wie viel Huld und Gnade!« sagte Andrée.

»Und dann haben Sie die Güte, mir den Abbé zurückzuschicken, der dort in einem Gevierte von holländischen Tulpen einen Cursus der Botanik macht.«

Um zu dem Abbé zu gelangen, sah sich Andrée zu einem Umweg genöthigt; sie durchschritt das Blumenbeet.

Sie ging gesenkten Hauptes, noch ein wenig beschwert vom Gewicht der seltsamen Betäubungen, welche sie seit dem Morgen leiden machten; sie schenkte weder den Vögeln, die sich scheu auf den Hecken und blühenden Gesträuchen verfolgten, noch den Bienen, die auf dem Thymian und den Fliederbüschen summten, irgend eine Aufmerksamkeit.

Sie gewahrte nicht einmal zwanzig Schritte von sich zwei Männer, welche mit einander sprachen, und von denen der eine ihr mit einem unruhigen, ängstlichen Blick folgte.

Diese zwei Männer waren Gilbert und Herr von Jussieu.

Der erstere stützte sich auf seinen Spaten und horchte auf den gelehrten Professor, der ihm erläuterte, wie die leichten Pflanzen so zu begießen wären, daß das Wasser nur die Erde durchdränge, ohne darin stehen zu bleiben.

Gilbert schien die Auseinandersetzung gierig anzuhören und Herr von Jussieu fand diesen Eifer für die Wissenschaft ganz natürlich, denn die Erläuterung war eine von denjenigen, welche bei einem öffentlichen Cursus den lauten Beifall auf den Bänken der Schüler hervorrufen; war nun aber nicht vollends für einen armen Gärtnergehülfen die Lection eines so großen Lehrers, in Gegenwart der Natur selbst gegeben, ein unschätzbares Glück?

»Sehen Sie, mein Kind,« sagte Herr von Jussieu, »Sie haben hier vier Erdarten, und wenn ich wollte, würde ich noch zehn andere entdecken, welche mit den Haupterdarten vermischt sind. Aber für den Gärtnerlehrling wäre die Unterscheidung etwas zu fein. Doch immerhin ist es gewiß, daß der Blumist die Erde kosten muß, wie der Gärtner die Früchte zu kosten hat. Sie verstehen mich, nicht wahr, Gilbert?«

»Ja, mein Herr,« antwortete Gilbert, die Augen starr, den Mund halb geöffnet, denn er hatte Andrée gesehen, und so, wie er stand, konnte er ihr nachschauen, ohne bei dem Professor den Verdacht zuzulassen, seine Erläuterung werde nicht andächtig gehört und begriffen.

Getäuscht durch das gespannte Gesicht von Gilbert fuhr Herr von Jussieu fort:

»Um die Erde zu kosten, schließen Sie eine Hand voll in ein geflochtenes Körbchen ein, gießen Sie sachte ein paar Tropfen Wasser darauf und kosten Sie dieses Wasser, wenn es, filtrirt durch die Erde selbst, unter dem Körbchen herauskommt. Der salzige, oder herbe, oder fade, oder wohlriechende Geschmack gewisser natürlicher Essenzen wird sich vortrefflich den Säften der Pflanzen aneignen, die sie darin wachsen lassen wollen, denn in der Natur, sagt Herr Rousseau, Ihr ehemaliger Patron, ist Alles nur Analogie, Verähnlichung, Anstreben zur Gleichartigkeit.«

»Oh! mein Gott!« rief Gilbert, indem er die Arme vor sich ausstreckte. »Was gibt es denn?«

»Sie wird ohnmächtig, mein Herr, sie wird ohnmächtig!«

»Wer denn? Sind Sie ein Narr?«

»Sie, sie.«

»Sie?«

»Ja, eine Dame,« antwortete Gilbert rasch.

Und sein Schrecken und seine Bläße würden ihn ebenso sehr verrathen haben, als das Wort sie, hätte Herr von Jussieu nicht die Augen von ihm abgewendet, um der Richtung seiner Hand zu folgen.

Und als er dieser Richtung folgte, sah Herr von Jussieu wirklich Andrée, welche sich hinter eine Hagenbuchenlaube geschleppt hatte, und als sie sich hier befand, auf eine Bank gefallen war, wo sie unbeweglich und nahe daran, den letzten Hauch von Gefühl, den sie noch übrig hatte, zu verlieren, liegen blieb.

Dies war die Stunde, in der der König der Frau Dauphine seinen Besuch zu machen pflegte und, vom großen Trianon nach dem kleinen gehend, aus dem Obstgarten hervorkam.

Seine Majestät trat also plötzlich hervor.

Sie hielt in der Hand eine blutrothe Pfirsich und fragte sich als wahrer selbstsüchtiger König, ob es nicht für das Glück Frankreichs besser wäre, wenn diese Pfirsich von Seiner Majestät, statt von der Frau Dauphine verzehrt würde.

Der Eifer, mit dem Herr von Jussieu auf Andrée zulief, welche der König mit seinem, schwachen Gesicht kaum unterschied und gar nicht erkannte, das erstickte Geschrei von Gilbert, das den tiefsten Schrecken andeutete, beschleunigten die Schritte Seiner Majestät.

»Was gibt es denn?« fragte Ludwig XV., der sich der Hagenbuchenlaube näherte, von welcher er nur noch durch die Breite einer Allee getrennt war.

»Der König!« rief Herr von Jussieu, während er das Mädchen mit seinen Armen unterstützte.

»Der König!« murmelte Andrée, völlig in Ohnmacht sinkend.

»Aber wer ist denn das?« wiederholte Ludwig XV., »eine Frau? was begegnet denn dieser Frau?«

»Sire, eine Ohnmacht.«

»Ah! ah!« machte Ludwig XV.

»Sie ist ohne Bewußtsein, Sire,« fügte Herr von Jussieu bei und deutete auf das Mädchen, das starr und unbeweglich auf der Bank ausgestreckt war, auf die er es niedergelegt hatte.

Der König trat näher hinzu, erkannte Andrée und rief schauernd:

»Abermals!  . . . Oh! das ist erschrecklich, wenn man solche Krankheiten hat, bleibt man zu Hause; es ist nicht anständig, jeden Tag so vor den Leuten zu sterben.«

Und hienach kehrte Ludwig XV. um und eilte nach dem Pavillon von Klein-Trianon, während er tausend unangenehme Dinge gegen Andrée murmelte.

Herr von Jussieu, der die Vorgänge nicht kannte, blieb einen Augenblick ganz erstaunt, dann wandte er sich um und rief, als er Gilbert zehn Schritte von sich in der Stellung des Schreckens und der Furcht sah:

»Komm hierher, Gilbert; Du bist stark; Du wirst Fräulein von Taverney, nach Hause tragen.«

»Ich!« rief Gilbert schauernd, »ich sie tragen, sie berühren! Nein! nein, sie würde mir das nie verzeihen; nein, nie.«

Und er entfloh ganz verwirrt und schrie um Hülfe.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
1798 s. 15 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain