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Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 92

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Und dann war Philipp der furchtbarste Rächer, den Fräulein von Taverney hätte herbeirufen können; Philipp, der einzige der Familie, der für Gilbert Gefühle eines Menschen, und beinahe eines Gleichgestellten geäußert hatte, würde Philipp den Schuldigen nicht ebenso sicher mit einem Wort, als mit dem Eisen tödten, wäre dieses Wort:

»Gilbert, Du hast unser Brod gegessen, und Du entehrst uns!«

Wir haben auch Gilbert bei der ersten Erscheinung von Philipp entweichen sehen; als er zurückkehrte, gehorchte er nur seinem Instinkt, um sich nicht selbst anzuklagen, und von diesem Augenblick drängte er alle seine Kräfte nach einem Ziele zusammen: nach dem Widerstand.

Er folgte Philipp, sah ihn zu Andrée hinaufgehen und mit dem Doctor Louis sprechen; er bespähte Alles, er beurtheilte Alles, er begriff die Verzweiflung von Philipp, Er sah diesen Schmerz wachsen und größer werden: seine furchtbare Scene mit Andrée errieth er aus dem Spiel der Schatten hinter dem Vorhang.

»Ich bin verloren,« dachte er; seine Vernunft verwirrte sich; er ergriff ein Messer, um Philipp zu tödten, den er an seiner Thür? erscheinen zu sehen erwartete  . . . oder um sich selbst zu tödten, wenn es sein müßte.

Philipp söhnte sich im Gegentheil mit seiner Schwester aus. Gilbert sah ihn auf den Knieen, die Hände von Andrée küssend. Dies war eine neue Hoffnung, ein Hafen der Rettung. War Philipp noch nicht mit einem Wuthgeschrei heraufgekommen, so war dies der Fall, weil Andrée den Namen des Schuldigen durchaus nicht kannte. Wußte sie, der einzige Zeuge, der einzige Ankläger, nichts, so wußte Niemand etwas. Wenn Andrée  . . . tolle Hoffnung!  . . . wußte und nichts gesagt hatte, so war es mehr als Rettung, es war Glück, es war Triumph.

Von diesem Augenblick schwang sich Gilbert entschlossen bis zum Niveau der Lage der Dinge empor. Nichts hielt ihn mehr in seinem Gange auf, sobald er seinen Scharfblick wieder erlangt hatte.

»Wo sind die Spuren, wenn Fräulein von Taverney mich nicht anklagt?« sagte er; »und ich Narr, der ich bin, würde sie mich des Erfolges, oder des Verbrechens anschuldigen? Sie hat mir das Verbrechen nicht vorgeworfen, nichts hat mir seit drei Wochen angedeutet, sie hasse oder vermeide mich mehr als früher.

Wenn sie also die Ursache nicht gekannt hat, so verräth nichts in der Wirkung mehr mich, als einen Andern. Ich habe den König selbst im Zimmer von Fräulein Andrée gesehen. Ich würde es im Nothfall vor dem Bruder bezeugen, und trotz alles Leugnens Seiner Majestät würde man mir glauben  . . . Ja, doch dies wäre ein sehr gefährliches Spiel  . . . Ich werde schweigen; der König hat zu viele Mittel, um seine Unschuld zu beweisen, oder meine Zeugschaft niederzuschlagen. Doch habe ich nicht in Ermanglung des Königs, dessen Name bei dem Allem nur unter der Gefahr eines ewigen Gefängnisses oder des Todes angerufen werden kann, den unbekannten Mann, der Fräulein von Taverney in derselben Nacht in den Garten hinabsteigen machte?  . . . Wie wird sich dieser vertheidigen? Wie sollte man ihn errathen, wie sollte man ihn wiederfinden, wenn man ihn erriethe? Dieser ist nur ein gewöhnlicher Mensch, ich bin so viel werth als er und werde mich stets gut gegen ihn vertheidigen. Uebrigens denkt man nicht an mich. Gott allein hat mich gesehen.« fügte er voll Bitterkeit lachend bei. »Doch dieser Gott, der so oft meine Thränen und meine Schmerzen sah, ohne etwas zu sagen, warum sollte er die Ungerechtigkeit begehen, mich bei dieser Gelegenheit zu verrathen, der ersten, die er mir glücklich zu sein geboten hat?

»Ueberdies, wenn das Verbrechen besteht, ist es ihm zuzuschreiben und nicht mir, und Herr von Voltaire beweist auf das Klarste, daß es keine Wunder mehr gibt. Ich bin gerettet, ich bin ruhig, mein Geheimniß gehört mir, die Zukunft gehört mir.

Nach diesen Betrachtungen, oder vielmehr nach dieser Uebereinkunft mit seinem Selbstvertrauen, packte Gilbert seine Gartengeräthschaften zusammen und nahm sein Abendbrod mit seinen Kameraden. Er war heiter, sorglos, herausfordernd sogar. Er hatte Reue, er hatte Angst gehabt, das ist eine Schwäche, die ein Mann, ein Philosoph, schleunigst tilgen mußte. Nur rechnete er ohne sein Gewissen. Gilbert schlief nicht.

CXLVI.
Zwei Schmerzen

Gilbert hatte die Lage der Dinge vernünftig beurtheilt, als er von dem Unbekannten sprechend, den er im Garten an dem Abend wahrgenommen, der so unselig für Fräulein von Taverney gewesen war, sagte:

»Wird man ihn wiederfinden?«

Philipp wußte in der That durchaus nicht, wo Joseph Balsamo, Graf von Fönix, wohnte.

Aber er erinnerte sich jener Dame von Stand, der Marquise von Savigny, zu der Andrée am 31. Mai, um eine Pflege zu erhalten, geführt worden war.

Die Stunde war nicht so vorgerückt, daß man nicht bei dieser Dame erscheinen konnte, welche in der Rue Saint-Honoré wohnte. Philipp bewältigte alle Aufregung seines Geistes und seiner Sinne; er ging zu der Dame hinauf, und die Kammerfrau gab ihm sogleich und ohne alles Zögern die Adresse von Balsamo in der Rue Saint-Claude im Marais.

Philipp folgte auf der Stelle der angegebenen Adresse.

Aber nicht ohne eine tiefe Bewegung berührte er den Klopfer dieses verdächtigen Hauses, worin seiner Vermuthung nach auf ewig die Ruhe und die Ehre der armen Andrée begraben waren. Doch seinen Willen zu Hülfe rufend, hatte er bald die Entrüstung, die Empfindlichkeit überwunden, um sich unversehrt die Kräfte zu erhalten, deren er zu bedürfen glaubte.

Er klopfte an das Haus mit ziemlich sicherer Hand, und die Thüre öffnete sich nach der Sitte des Ortes.

Philipp trat, sein Pferd am Zügel führend, in den Hof ein. Doch er hatte nicht vier Schritte gemacht, als Fritz, aus dem Vorhause hervortretend, auf der Schwelle erschien und ihn mit der Frage:

»Was will der Herr?« aufhielt.

Philipp bebte wie bei einem unvorhergesehenen Hindernis Er schaute den Deutschen die Stirne faltend an, als hätte er nicht einfach die Pflicht eines Dieners erfüllt.

»Ich will mit dem Herrn vom Hause, mit dem Grafen von Fönix sprechen,« antwortete Philipp, während er den Zaum seines Pferdes durch einen Ring schlang und auf das Haus zuging, in das er sogleich eintrat.

»Der Herr ist nicht zu Hause,« sagte Fritz, der jedoch Philipp mit jener Höflichkeit des gut gezogenen Dieners vorüberließ.

Philipp schien Alles vorhergesehen zu haben, nur diese einfache Antwort nicht.

Er blieb einen Augenblick verblüfft und fragte dann:

»Wo werde ich ihn finden?«

»Ich weiß es nicht, mein Herr.«

»Ihr müßt es aber wissen?«

»Ich bitte um Verzeihung, mein Herr legt mir keine Rechenschaft ab.«

»Mein Freund, ich muß Euren Herrn diesen Abend sprechen.«

»Ich bezweifle, daß dies möglich ist.«

»Es betrifft eine höchst wichtige Angelegenheit.«

Fritz verbeugte sich, ohne zu antworten.

»Er ist also ausgegangen?« fragte Philipp.

»Ja, mein Herr.«

»Er wird ohne Zweifel nach Hause kommen?«

»Ich glaube nicht, mein Herr.«

»Ah! Ihr glaubt nicht?«

»Nein.«

»Sehr gut,« rief Philipp mit einem Anfang von Fieber; »mittlerweile meldet Eurem Herrn  . . .«

»Ich habe schon die Ehre gehabt, Ihnen zu sagen der Herr sei nicht hier,« erwiederte Fritz mit einer unstörbaren Ruhe.

»Ich weiß, was Verbote werth sind, mein Freund, und das Eurige ist achtbar; doch es läßt sich in der That nicht auf mich anwenden, dessen Besuch Euer Herr nicht vorhersehen konnte, und der ich ausnahmsweise komme.«

»Das Verbot dehnt sich auf Jedermann aus, mein Herr,« entgegnete Fritz unbesonnener Weise.

»Ah! da man Euch ein Verbot gegeben hat, so ist Euer Herr zu Hause.«

»Nun, und hernach?« sagte Fritz, den so viel Zudringlichkeit ungeduldig zu machen anfing.

»Nun! ich werde warten.«

»Der Herr ist nicht hier, sage ich Ihnen, das Haus ist vor einiger Zeit in Brand gerathen und in Folge davon unbewohnbar geworden.«

»Du bewohnst es doch, Du,« entgegnete Philipp, ebenfalls ungeschickt.

»Ich bewohne es als Wächter.«

Philipp zuckte die Achseln wie ein Mensch, der nicht ein Wort von dem, was man ihm sagt, glaubt.

Fritz fing an zornig zu werden und rief:

»Ob übrigens der Herr Graf zu Hause oder nicht zu Hause ist, pflegt man doch weder in seiner Abwesenheit, noch in seiner Anwesenheit mit Gewalt bei ihm einzudringen, und wenn Sie sich nicht in die Gewohnheiten des Hauses fügen, so werde ich gezwungen sein  . . .«

Fritz hielt inne.

»Wozu?« fragte Philipp sich vergessend.

»Sie hinauszuwerfen,« antwortete Fritz ruhig.

»Du?« rief Philipp, das Auge funkelnd.

»Ich,« erwiederte Fritz, der mit dem seiner Nation eigenthümlichen Charakter in demselben Maß, in welchem sein Zorn stieg, allen Anschein der Kaltblütigkeit wiedererlangte.

Und er machte einen Schritt gegen den jungen Mann, der ganz außer sich nach seinem Degen griff.

Ohne sich durch den Anblick des Eisens einschüchtern zu lassen, ohne um Hülfe zu rufen (vielleicht war er auch allein), nahm er von der Wand, woran eine Trophäe aufgehängt war, einen Spieß, an der ein kurzes, aber spitziges Eisen, stürzte auf Philipp, mehr als Stockschwinger, denn als Fechter, los und machte mit dem ersten Schlag den kleinen Degen in Stücke zerspringen.

Philipp stieß einen Schrei des Grimms aus, eilte auch nach der Trophäe und suchte irgend eine Waffe zu ergreifen.

In diesem Augenblick öffnete sich die Geheimthüre der Hausflur, und der Graf hob sich aus dem dunklen Rahmen hervor.

»Was gibt es denn, Fritz?« fragte er.

»Nichts, mein Herr,« erwiederte der Diener, indem er den Spieß senkte, aber sich wie eine Barriere vor seinen Herrn stellte, der ihn, auf den Stufen der Geheimtreppe stehend, um den halben Leib überragte.

»Herr Graf von Fönix,« sprach Philipp, »ist es eine Sitte Ihres Landes, daß die Lackeien einen Edelmann mit dem Spieß in der Hand empfangen, oder ist das eine besondere Vorschrift in Ihrem edlen Hause?«

»Zurück, Fritz,« sagte Balsamo.

Fritz senkte seinen Spieß und stellte ihn auf ein Zeichen seines Herrn in eine Ecke der Flur.

»Wer sind Sie, mein Herr?« fragte der Graf, der Philipp bei dem Schein der Lampe, die das Vorhaus beleuchtete, nicht gut zu erkennen vermochte.

»Einer, der Sie durchaus sprechen will.«

»Der will?«

»Ja.«

»Das ist ein Wort, das Fritz entschuldigt, mein Herr, denn ich will Niemand sprechen, und wenn ich in meinem Hause bin, gestehe ich Niemand das Recht zu, mich sprechen zu wollen; aber,« fügte Balsamo mit einem Seufzer bei, »ich verzeihe Ihnen, unter der Bedingung jedoch, daß Sie sich entfernen und nicht langer meine Ruhe stören.«

»In der That,« rief Philipp, »es steht Ihnen gut an, Ruhe zu verlangen, Ihnen, der Sie mir die meinige geraubt haben.«

»Ich habe Ihnen Ihre Ruhe geraubt?« fragte der Graf.

»Ich bin Philipp von Taverney!« rief der junge Mann, im Glauben, riefe Erwiederung würde für das Gewissen des Grafen Alles beantworten.

»Philipp von Taverney?« sagte der Graf. »Mein Herr, ich bin bei Ihrem Vater gut aufgenommen worden, Sie sollen auch bei mir gut aufgenommen werden.«

»Das ist ein Glück,« murmelte Philipp.

»Wollen Sie die Güte, haben, mir zu folgen, mein Herr.«

Balsamo schloß die Thüre der Geheimtreppe, ging Philipp voran und führte ihn in den Salon, wo wir nothwendiger Weise einige Scenen von dieser Geschichte, und besonders die neuste von allen, die hier vorgefallen, die mit den fünf Meistern, sich entwickeln sahen.

Der Salon war beleuchtet, als ob man Jemand erwartet hätte; doch dies war offenbar in Folge von einer der verschwenderischen Gewohnheiten des Hauses der Fall.

»Guten Abend, Herr von Taverney,« sagte Balsamo mit einem sanften und verschleierten Ton, der Philipp die Augen zu ihm aufzuschlagen veranlaßte.

Doch bei dem Anblick von Balsamo machte Philipp einen Schritt rückwärts.

Der Graf war in der That nur noch ein Schatten von sich selbst; seine hohlen Augen hatten kein Licht mehr; abmagernd hatten seine Wangen den Mund mit zwei Falten umgeben, und kahl und knochig verlieh der Gesichtswinkel dem ganzen Kopf eine Aehnlichkeit mit einem Todtenkopf.

Philipp war ganz bestürzt. Balsamo gewahrte seine Verwunderung, und ein Lächeln von einer tödtlichen Traurigkeit schwebte über seine bleichen Lippen hin.

»Mein Herr,« sagte er, »ich habe mich wegen meines Dieners zu entschuldigen; doch er befolgte in der That nur die ihm ertheilte Vorschrift, und Sie, erlauben Sie mir diese Bemerkung, Sie waren im Unrecht, daß Sie Zwang anwenden wollten.«

»Mein Herr,« entgegnete Philipp, »Sie wissen wohl, es gibt im Menschenleben außerordentliche Lagen, und ich befinde mich in einer dieser Lagen.«

Balsamo antwortete nicht.

»Ich wollte Sie sehen,« fuhr Philipp fort, »ich wollte Sie sprechen; um bis zu Ihnen zu dringen, würde ich dem Tod getrotzt haben.«

Balsamo schaute Philipp fortwährend stillschweigend an und schien eine Aufklärung über die Worte des jungen Mannes zu erwarten, ohne daß er die Kraft oder die Neugierde hatte, eine solche zu fordern.

»Ich habe Sie,« fügte Philipp bei, »ich habe Sie endlich, und wir werden uns erklären, wenn es Ihnen beliebt; doch wollen Sie zuerst diesen Menschen entlassen.«

Und er bezeichnete mit dem Finger Fritz, der den Thürvorhang aufgehoben hatte, als wollte er seinen Herrn nach seinen letzten Befehlen in Beziehung auf den überlästigen Besuch fragen.

Balsamo heftete auf Philipp einen Blick, mit dem er seine Absichten durchdringen wollte; doch da er sich nun einem Mann gegenüberfand, der ihm an Rang und Würde gleichkam, so hatte Philipp seine Ruhe und seine Stärke wieder gewonnen; er war undurchdringlich.

Mit einer einfachen Bewegung des Kopfes oder der Augenbrauen vielmehr entließ Balsamo Fritz, und die zwei Männer setzten sich einander gegenüber, Philipp den Rücken dem Kamin zugewendet, Balsamo den Ellenbogen auf ein Tischchen gestützt.

»Sprechen Sie rasch und klar, wenn es Ihnen beliebt, mein Herr,« sagte Balsamo, »denn ich höre Sie nur aus Wohlwollen an!, und ich bemerke Ihnen zum Voraus, daß ich bald müde sein werde.«

»Ich werde sprechen, wie ich muß, und so, wie ich es für geeignet erachte,« erwiederte Philipp, »und ohne Ihr Belieben werde ich mit einem Verhör beginnen.«

Bei diesen Worten machte ein furchtbares Stirnefalten einen elektrischen Blitz aus den Augen von Balsamo hervorspringen.

Dieses Wort erweckte solche Erinnerungen in ihm, daß Philipp gebebt haben würde, wenn er gewußt hätte, was sich tief in dem Herzen dieses Mannes bewegte.

Nach einem Augenblick des Stillschweigens, den er dazu anwandte, seine Selbstbeherrschung wieder zu gewinnen, sagte Balsamo!

»Fragen Sie.«

»Mein Herr,« sprach Philipp, »nie erklärten Sie mir genau die Verwendung Ihrer Zeit in der bekannten Nacht vom 31. Mai, von dem Augenblick an, wo Sie meine Schwester mitten aus den Sterbenden und Todten, mit denen der ganze Platz gefüllt war, fortschleppten.«

»Was soll das bedeuten?« fragte Balsamo.

»Das soll bedeuten, daß mir Ihr Benehmen in jener Nacht stets verdächtig gewesen, und daß es mir jetzt mehr als je verdächtig ist.«

»Verdächtig?«

»Ja, und daß es aller Wahrscheinlichkeit nicht das eines Mannes von Ehre gewesen ist.«

»Mein Herr, ich verstehe Sie nicht; Sie müssen bemerken, daß mein Kopf angegriffen, geschwächt ist, und daß mich diese Schwäche natürlich ungeduldig macht.«

»Mein Herr!« rief Philipp aufgebracht über den Ton voll Stolz und Ruhe, den Balsamo gegen ihn behauptete.

»Mein Herr!« fuhr Balsamo in demselben Ton fort, »seitdem ich die Ehre gehabt habe, Sie zu sehen, ist mir großes Unglück widerfahren; mein Haus ist theil weise abgebrannt und verschiedene kostbare, hören Sie wohl, sehr kostbare Gegenstände sind mir verloren gegangen: in Folge des Kummers bin ich etwas verwirrt geblieben; ich bitte Sie also, seien Sie sehr klar, oder ich werde sogleich von Ihnen Abschied nehmen.«

»Oh! nein, mein Herr, nein; Sie werden nicht so leicht von mir Abschied nehmen, wie Sie sagen; ich werde Ihren Kummer ehren, wenn Sie sich gegen den meinen mitleidig zeigen; auch mir ist Unglück widerfahren, größeres als Ihnen, dessen bin ich sicher.«

»Balsamo lächelte mit jenem verzweifelten Lächeln, das Philipp schon über seine Lippen hatte schweben sehen.

»Ich, mein Herr,« fuhr Philipp fort, »ich habe die Ehre meiner Familie verloren.«

»Nun, mein Herr, was vermag ich bei diesem Unglück?« fragte Balsamo.

»Was Sie dabei vermögen?« rief Philipp mit funkelnden Augen.

»Ja.«

»Sie können mir wiedergeben, was ich verloren habe.«

»Ah! Sie sind verrückt, mein Herr,« rief Balsamo.

Und er streckte die Hand nach der Glocke aus.

Doch er machte diese Geberde auf eine so gelassene Weise und mit so wenig Zorn, daß ihn Philipp sogleich zurückhielt.

»Ich soll verrückt sein?« rief Philipp mit stockender Stimme; »aber begreifen Sie denn nicht, daß es sich um meine Schwester handelt, um meine Schwester, die Sie am 31. Mai ohnmächtig in Ihren Armen gehalten, die Sie in ein Ihrer Behauptung nach ehrenhaftes, nach meiner Ansicht schändliches Haus geführt haben  . . . kurz um meine Schwester, deren Ehre ich mit dem Degen in der Hand von Ihnen fordere.«

Balsamo zuckte die Achseln.

»Ei! guter Gott!« murmelte er, »wie viel Umwege, um zu einer so einfachen Sache zu kommen.«

»Unglücklicher!« rief Philipp.

»Was für eine bejammernswürdige Stimme haben Sie,« sprach Balsamo mit derselben traurigen Ungeduld. »Sie betäuben mich: wollen Sie mir nicht sagen, ich habe Ihre Schwester beleidigt?«

»Ja. Feiger.«

»Abermals ein unnützer Schrei und eine unnütze Schmähung; wer Teufels sagt Ihnen denn, ich habe Ihre Schwester beleidigt?«

Philipp zögerte; der Ton, mit dem Balsamo diese Worte gesprochen hatte, setzte ihn in Erstaunen. Es war der höchste Grad von Unverschämtheit oder der Schrei eines reinen Gewissens.

»Wer es mir gesagt habe?« versetzte der junge Mann.

»Ja, das frage ich Sie.«

»Meine Schwester selbst, mein Herr.«

»Ei! mein Herr, Ihre Schwester  . . .«

»Was wollten Sie sagen?« rief Philipp mit einer drohenden Geberde.

»Ich wollte sagen, mein Herr, Sie geben mir wahrhaftig einen sehr traurigen Begriff von Ihnen und von Ihrer Schwester. Wissen Sie, es ist die häßlichste Speculation der Welt, die Speculation, welche gewisse Frauen mit ihrer Unehre machen. Sie aber sind, die Drohung auf den Lippen, gekommen, wie die großmäuligen Brüder der italienischen Komödie, um mich, den Degen in der Hand, zu zwingen, entweder Ihre Schwester zu heirathen, was beweist, daß sie sehr eines Gatten bedarf, oder Ihnen Geld zu geben, weil Sie wissen, daß ich Gold mache; mein Herr, Sie haben sich getäuscht: Sie bekommen kein Geld und Ihre Schwester bleibt unverheirathet.«

»Dann werde ich von Ihnen das Blut bekommen, das Sie in den Adern haben, wenn Sie haben,« rief Philipp.

»Nein, nicht einmal dieses, mein Herr.«

»Wie?«

»Das Blut, das ich habe, bewahre ich, und ich hätte, wenn ich wollte, um es zu vergießen, ein ernsteres Geschäft, als das, welches Sie mir anbieten. Thun Sie mir also den Gefallen, mein Herr, kehren Sie ruhig zurück, und wenn Sie Lärmen machen, werde ich, da mir dieser Lärmen im Kopf wehe thut, Fritz rufen; Fritz wird kommen, und auf ein Zeichen von mir bricht er Sie entzwei wie ein Rohr. Sie haben mich verstanden.«

Diesmal läutete Balsamo, und als ihn Philipp daran verhindern wollte, öffnete er ein Kästchen von Ebenholz , das auf dem Guéridon stand, nahm daraus eine Doppelpistole und spannte.

»Das ist mir ganz lieb,« rief Philipp, »tödten Sie mich.«

»Warum sollte ich Sie todten?«

»Weil Sie mich entehrt haben.«

Der junge Mann sprach diese Worte mit einem solchen Ausdruck von Wahrheit, daß ihn Balsamo mit einem Auge voll Sanftmuth anschaute und sagte:

»Wäre es möglich, sollten Sie in gutem Glauben handeln?«

»Sie zweifeln? Sie zweifeln an dem Wort eines Edelmanns?«

»Ich will annehmen,« fuhr Balsamo fort, »Fräulein von Taverney allein habe den unwürdigen Gedanken gefaßt, sie habe Sie angetrieben: ich will Ihnen also eine Genugthuung geben. Ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre, daß mein Benehmen gegen Ihre Schwester in der Nacht vom 31. Mai tadellos gewesen ist, daß weder das Ehrgefühl, noch ein menschliches Tribunal, noch die göttliche Gerechtigkeit irgend etwas der vollkommenen Biederkeit Entgegengesetztes daran zu finden vermöchten; glauben Sie mir.«

»Mein Herr!« rief der junge Mann erstaunt.

»Sie wissen, daß ich ein Duell nicht fürchte, nicht wahr, das liest sich in den Augen? Was meine Schwäche betrifft, so täuschen Sie sich hierin nicht, sie ist nur scheinbar. Ich habe allerdings wenig Blut im Gesicht, doch meine Muskeln haben nichts von ihrer Stärke verloren. Wollen Sie einen Beweis sehen?«

Und Balsamo hob mit einer Hand und ohne alle Anstrengung eine ungeheure Vase von Bronze auf, welche auf einem Meuble von Boule stand.

»Wohl! es sei, mein Herr,« sagte Philipp, »ich glaube Ihnen, was den 31. Mai betrifft; doch das ist eine Ausflucht, die Sie anwenden, Sie geben Ihr Wort unter der Garantie eines Irrthums in Beziehung auf den Tag, Sie haben meine Schwester seitdem wiedergesehen!«

Balsamo zögerte ebenfalls.

»Es ist wahr,« sagte er, »ich habe sie wiedergesehen.«

Und einen Augenblick aufgeklärt, verdüsterte sich seine Stirne wieder auf eine furchtbare Weise.

»Ah! Sie bemerken wohl.« rief Philipp.

»Nun! was beweist es gegen mich, daß ich Ihre Schwester wiedergesehen habe?«

»Dies beweist, daß Sie dieselbe in den unerklärlichen Schlaf versetzt haben, von dem sie sich schon dreimal bei Ihrer Annäherung befallen fühlte, und daß Sie diese Unempfindlichkeit benützten, um die Geheimhaltung des Verbrechens zu erlangen.«

»Ich frage Sie noch einmal, wer sagt dies?« rief Balsamo.

»Meine Schwester.«

»Woher weiß sie es, da sie schlief?«

»Ah! Sie gestehen also, sie eingeschläfert zu haben?«

»Mehr noch, ich gestehe, sie selbst eingeschläfert zu haben.«

»Eingeschläfert?«

»Ja,«

»Und in welcher Absicht, wenn nicht um sie zu entehren?«

..Ach! in welcher Absicht!« sagte Balsamo und ließ sein Haupt auf seine Brust sinken.

»Sprechen Sie. sprechen Sie.«

»In der Absicht, sie ein Geheimniß enthüllen zu lassen, das mir theurer war, als das Leben.«

»Oh! List, Ausflucht!«

»Und in jener Nacht,« fuhr Balsamo fort, der mehr seinen eigenen Gedanken verfolgte, als das beleidigende Verhör von Philipp beantwortete, »in jener Nacht ist Ihre Schwester?  . . .«

»Entehrt worden, ja, mein Herr.«

»Entehrt?«

»Meine Schwester ist Mutter!«

Balsamo stieß einen Schrei aus.

»Oh! es ist wahr, es ist wahr,« sagte er, »ich erinnere mich, ich bin weggegangen, ohne sie aufzuwecken.«

»Sie gestehen, Sie gestehen!« rief Philipp.

»Ja, und irgend ein Schändlicher wird in dieser gräßlichen Nacht, oh! für uns Alle gräßlichen Nacht, ihren Schlaf benützt haben.«

»Ah! wollen Sie meiner spotten, mein Herr?«

»Nein, ich will Sie überzeugen.«

»Das wird schwierig sein.«

»Wo befindet sich in diesem Augenblick Ihre Schwester?«

»Da, wo Sie dieselbe entdeckt haben.«

»In Trianan?«

»Ja.«

»Ich werde mit Ihnen nach Trianon gehen, mein Herr.«

Philipp blieb unbeweglich vor Erstaunen.

»Mein Herr,« sprach Balsamo, »ich habe einen Fehler begangen, doch ich bin rein von jedem Verbrechen; ich habe das Kind im magnetischen Schlaf gelassen. Wohl, zur Entschädigung für diesen Fehler, den Sie mir gerechter Weise vergeben müssen, werde ich Sie mit dem Namen des Schuldigen bekannt machen.«

»Sagen Sie ihn, sagen Sie ihn!«

»Ich weiß ihn nicht.«

»Wer weiß ihn denn?«

»Ihre Schwester.«

»Aber sie hat sich geweigert, ihn mir zu nennen.«

»Vielleicht, doch sie wird ihn mir sagen.«

»Meine Schwester?«

»Werden Sie Ihres Schwester glauben, wenn Sie Jemand anklagt?«

»Ja, denn meine Schwester ist ein Engel der Reinheit.«

Balsamo läutete.

»Fritz, einen Wagen,« sagte er, als er den Deutschen erscheinen sah.

Philipp schritt wie ein Wahnsinniger im Salon auf und ab.

»Sie versprechen mir, mich den Schuldigen wissen zu lassen?« rief er.

»Mein Herr,« sagte Balsamo, »Ihr Degen ist im Streit zerbrochen, wollen Sie mir erlauben, Ihnen einen andern anzubieten?«

Und er nahm von einem Stuhl einen herrlichen Degen mit einem Griff von Vermeil und steckte ihn in die Kuppel von Philipp.

»Aber Sie?« sagte der junge Mann.

»Ich, mein Herr,« erwiederte Balsamo, »ich brauche keine Waffen; meine Vertheidigung ist in Trianon, und mein Vertheidiger werden Sie sein, wenn Ihre Schwester gesprochen hat.«

Eine Viertelstunde nachher stiegen sie in den Wagen, und Fritz führte sie im scharfen Galopp zweier vortrefflicher Pferde auf der Straße nach Versailles fort.

Türler ve etiketler

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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
1798 s. 15 illüstrasyon
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