Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 93
CXLVII.
Der Weg nach Trianon
Alle diese Gänge und diese ganze Erklärung hatten Zeit weggenommen, so daß es beinahe zwei Uhr Morgens war, als man aus der Rue Saint-Claude wegfuhr.
Man brauchte eine und eine Viertelstunde, um Versailles zu erreichen, und zehn Minuten, um von da nach Trianon zu gelangen, so daß die zwei Männer erst um halb vier Uhr am Orte ihrer Bestimmung ankamen.
Während des zweiten Theils der Fahrt übergoß schon die Morgenröthe mit ihrer rosenrothen Tinte die frischen Waldungen und Hügel von Sèvres. Als ob ein Schleier langsam vor ihren Augen aufgehoben worden wäre, hatten sich die Teiche von Ville-d’Avray und die entfernteren von Buc, Spiegeln ähnlich, beleuchtet.
Dann waren endlich vor ihren Blicken die Colonnaden und die Dächer schon bepurpurt von den Strahlen einer noch unsichtbaren Sonne erschienen.
Eine Scheibe, worauf sich ein Flammenstrahl spiegelte, funkelte von Zeit zu Zeit und durchbohrte mit seinem Licht den bläulich gefärbten Morgennebel.
Als sie zu dem Ende der Allee gelangten, welche von Versailles nach Trianon führt, ließ Philipp den Wagen halten und sagte, sich an Balsamo wendend, der auf der ganzen Fahrt ein düsteres Stillschweigen beobachtet hatte:
»Mein Herr, ich befürchte, wir werden genöthigt sein, hier einen Augenblick zu warten. Man öffnet die Thore von Trianon nicht vor fünf Uhr Morgens, und wenn ich dem Befehl zuwider handelte, dürfte unsere Ankunft den Aufsehern und Wächtern verdächtig erscheinen.
Balsamo antwortete nicht, bewies aber durch eine Bewegung des Kopfes, daß er dem Vorschlag beitrat.
»Ueberdies,« fuhr Philipp fort, »überdies wird mir dieser Verzug Zeit lassen, Ihnen einige Betrachtungen mitzutheilen, die ich während der Fahrt angestellt habe.«
Balsamo schaute Philipp mit einem ganz von Ueberdruß und Gleichgültigkeit beladenen Blick an und erwiederte:
»Ganz wie es Ihnen beliebt, mein Herr, sprechen Sie, ich höre.«
»Sie sagten mir, mein Herr,« fuhr Philipp fort, »Sie haben in der Nacht vom 31. Mai meine Schwester bei der Frau Marquise von Savigny niedergelegt.«
»Sie haben sich selbst hievon versichert, da Sie dieser Dame einen Danksagungsbesuch machten.«
»Sie fügten bei, da ein Diener aus den Ställen des Königs Sie von der Wohnung der Marquise zu uns, nämlich nach der Rue Coq-Héron, begleitet habe, so seien Sie nicht mit ihr allein gewesen; ich habe Ihnen dies auf Ihr Ehrenwort geglaubt.«
»Und Sie haben wohl daran gethan, mein Herr.«
»Doch indem ich meine Gedanken auf neuere Umstände lenkte, war ich genöthigt, mir zu sagen, daß Sie vor einem Monat in Trianon, um mit ihr in jener Nacht zu sprechen, wo Sie sich in den Garten einzuschleichen Mittel fanden, in ihr Zimmer haben kommen müssen?«
»Ich bin nie in Trianon in das Zimmer Ihrer Schwester gekommen, mein Herr.«
»Hören Sie doch! . . . Sehen Sie, ehe wir vor das Antlitz von Andrée treten, müssen alle Dinge klar sein.«
»Klären Sie die Dinge auf, Herr Chevalier, das ist mir ganz lieb, denn wir sind zu diesem Behufe gekommen.
»Nun wohl, an jenem Abend, überlegen Sie Ihre Antwort, denn das, was ich Ihnen sagen werde, ist positiv, da ich es aus dem Munde meiner Schwester habe, an jenem Abend, sage ich, hatte sich meine Schwester frühzeitig niedergelegt; Sie haben sie also im Bett überrascht.«
Balsamo schüttelte verneinend den Kopf.
»Sie leugnen; nehmen Sie sich in Acht,« rief Philipp.
»Ich leugne nicht, mein Herr; Sie fragen, und ich antworte.«
»Ich fahre fort zu fragen, fahren Sie fort zu antworten.«
Balsamo wurde nicht ärgerlich, sondern machte im Gegentheil Philipp ein Zeichen, daß er warte.
»Als Sie zu meiner Schwester hinaufgingen,« fuhr Philipp sich immer mehr erhitzend fort, »als Sie dieselbe überraschten und durch Ihre höllische Macht einschläferten, lag Andrée im Bett und las; sie fühlte den Ueberfall jener Schlafsucht, welche Ihre Gegenwart immer über sie verhängt, und verlor das Bewußtsein. Sie sagen aber, Sie haben nichts gethan, als sie befragt, nur, fügen Sie bei, nur haben Sie bei Ihrem Abgang sie aufzuwecken vergessen, und dennoch,« sprach Philipp, Balsamo am Faustgelenk fassend und es krampfhaft pressend, »und dennoch lag meine Schwester, als sie am andern Tag wieder zum Bewußtsein kam, nicht mehr in ihrem Bett, sondern halb nackt am Fuß ihres Sopha . . . Antworten Sie auf diese Anschuldigung und nehmen Sie keine Ausflüchte.«
Während dieser Aufforderung vertrieb Balsamo wie ein Mensch, den man sich selbst erweckt, einen nach dem andern die schwarzen Gedanken, welche seinen Geist verdüsterten.
»In der That, mein Herr,« sagte er, »Sie hätten nicht auf diesen Gegenstand zurückkommen und so einen ewigen Streit mit mir suchen müssen. Ich habe mich aus Nachgiebigkeit und aus Theilnahme für Sie hierher begeben; mir scheint, Sie vergessen das. Sie sind jung, Sie sind Officier, Sie haben die Gewohnheit, von oben herab und die Hand auf einem Degenknopf zu sprechen: dies Alls läßt Sie bei ernsten Umständen falsch schließen. Ich habe dort bei mir mehr gethan, als ich hätte thun müssen, um Sie zu überzeugen und ein wenig Ruhe von Ihnen zu erlangen. Sie fangen wieder an, nehmen Sie sich in Acht; denn wenn Sie mich ermüden, werde ich entschlummern in der Tiefe meines Kummers, gegen den der Ihrige, das schwöre ich Ihnen, nur toller Zeitvertreib ist; und wenn ich so schlafe, mein Herr, dann wehe dem, der mich erweckt! Ich bin nicht in das Zimmer Ihrer Schwester eingetreten, das ist Alles, was ich Ihnen sagen kann; Ihre Schwester hat mich aus eigenem Antrieb, woran, ich gestehe es, mein Wille einen großen Antheil hatte, Ihre Schwester, sage ich, hat mich im Garten aufgesucht.«
Philipp machte eine Bewegung, doch Balsamo hielt ihn zurück.
»Ich habe Ihnen einen Beweis versprochen,« fuhr er fort, »ich werde Ihnen denselben geben. Wollen Sie ihn sogleich haben? Gut. Gehen wir lieber nach Trianon hinein, als daß wir die Zeit mit unnützen Worten verlieren. Ziehen Sie es vor, zu warten, so warten wir, doch schweigend und ohne Aufregung, wenn es Ihnen beliebt?«
Nachdem Balsamo dies mit der unsern Lesern bekannten Miene gesagt hatte, löschte er den flüchtigen Blitz seines Blickes aus und versank wieder in sein Nachsinnen.
Philipp gab ein dumpfes Brüllen von sich, wie es das wilde Thier thut, das sich zu beißen anschickt; dann plötzlich die Haltung und den Gedanken wechselnd, sagte er:
»Diesen Menschen muß man überreden, oder durch irgend eine Ueberlegenheit beherrschen; fassen wir Geduld.«
Doch da es ihm unmöglich war, bei Balsamo geduldig zu bleiben, so fing er an, in der grünen Allee auf und ab zu gehen, in der der Wagen angehalten hatte.
Nach zehn Minuten fühlte Philipp, daß es ihm unmöglich war, länger zu warten.
Er zog es daher vor, sich das Gitter vor der Stunde öffnen zu lassen, auf die Gefahr, Verdacht zu erregen.
»Ueberdies,« murmelte Philipp, einen Gedanken fortspinnend, der sich wiederholt seinem Geist dargeboten hatte, »welchen Verdacht kann überdies der Portier schöpfen, wenn ich sage, ich sei durch die Gesundheitsumstände meiner Schwester so sehr beunruhigt worden, daß ich in Paris einen Arzt geholt habe und diesen schon bei Sonnenaufgang hierherbringe?«
Sich für diese Idee entscheidend, die durch sein Verlangen, sie in Ausführung zu bringen, allmälig alle ihre Gefahren verloren hatte, lief er nach dem Wagen.
»Ja, mein Herr,« sagte er, »Sie hatten Recht, es ist unnütz, länger zu warten, kommen Sie, kommen Sie.«
Doch er mußte diese Aufforderung wiederholen; erst das zweite Mal legte Balsamo den Mantel ab, in den er gehüllt war, schloß seinen Ueberrock mit den Knöpfen von polirtem Stahl und verließ den Wagen.
.Philipp schlug einen Fußpfad ein, der ihn mit aller Ersparung schräger Linien an das Gitter des Parkes führte.
»Gehen wir geschwinde,« sagte er zu Balsamo.
Und sein Schritt wurde in der That so rasch, daß Balsamo Mühe hatte, ihm zu folgen.
Das Gitter öffnete sich; Philipp gab dem Portier seine Erklärung, und die zwei Männer traten ein.
Als das Gitter wieder hinter ihnen geschloßen war, blieb Philipp abermals stehen und sagte:
»Mein Herr, ein letztes Wort. Wir sind an Ort und Stelle; ich weiß nicht, welche Fragen Sie meiner Schwester vorlegen werden; ersparen Sie ihr wenigstens die Einzelnheit der furchtbaren Scene, welche während ihres Schlafes hat vorfallen können. Schonen Sie die Reinheit der Seele, da es um die Jungfräulichkeit des Leibes geschehen ist.«
»Mein Herr,« erwiederte Balsamo, »hören Sie mich an: Ich bin im Park nie weiter gekommen, als bis zu jener Gruppe hochstämmiger Bäume, welche Sie dort gegenüber von den Gebäuden sehen, wo Ihre Schwester wohnt. Ich bin folglich nie in das Zimmer von Fräulein von Taverney eingedrungen, wie ich Ihnen schon zu sagen die Ehre gehabt habe. Was die Scene betrifft, deren Wirkung auf den Geist Ihrer Fräulein Schwester Sie befürchten, so wird diese Wirkung nur durch Sie, und zwar auf eine entschlummerte Person hervorgebracht werden, denn jetzt schon und auf dieser Stelle werde ich dem Fräulein befehlen, in den magnetischen Schlaf zu versinken.«
Balsamo blieb stehen, kreuzte die Arme, wandte sich nach dem Pavillon, den Andrée bewohnte, und verharrte einen Augenblick in völliger Unbeweglichkeit, die Stirne gefaltet und mit dem über seinem ganzen Antlitz verbreiteten Ausdruck des allmächtigen Willens.
»Hören Sie,« sagte er, indem er seine Arme wieder fallen ließ, »Fräulein Andrée muß zu dieser Stunde eingeschlafen sein.«
Das Gesicht von Philipp drückte Zweifel aus.
»Ah! Sie glauben mir nicht,« fuhr Balsamo fort, »gut! warten Sie. Um Ihnen zu beweisen, daß ich nicht nöthig gehabt habe, bei ihr einzutreten, will ich ihr befehlen, ganz eingeschlafen, wie sie ist, zu uns unten an die Stufen zu kommen, gerade an die Stelle, wo ich sie bei unserem letzten Zusammensein gesprochen habe.«
»Es sei,« sagte Philipp; »wenn ich dies sehe, werde ich Ihnen glauben.«
»Treten wir noch näher hinzu und warten wir hinter jenen Hagenbuchen.«
Philipp und Balsamo stellten sich an den bezeichneten Platz.
Balsamo streckte die Hand nach dem Zimmer von Andrée aus.
Doch er hatte kaum diese Haltung angenommen, als sich ein leichtes Geräusch in den nahen Hagenbuchen hörbar machte.
»Ein Mensch,« sagte Balsamo, »nehmen wir uns in Acht.«
»Wo dies?« fragte Philipp, während er mit den Augen denjenigen suchte, welchen ihm der Graf bezeichnete. »Dort, im Gebüsch links,« antwortete dieser. »Ah! ja, es ist Gilbert, ein ehemaliger Diener von uns.«
»Haben Sie etwas von diesem jungen Menschen zu befürchten?«
»Nein, ich glaube nicht, doch gleichviel, halten Sie inne, mein Herr, wenn Gilbert aufgestanden ist, können auch Andere aufgestanden sein.«
Mittlerweile entfernte sich Gilbert, der, als er Philipp und Balsamo beisammen sah, instinctartig begriff, daß er verloren war.
»Nun, mein Herr,« fragte Balsamo, »wozu entscheiden Sie sich?«
»Mein Herr,« sagte Philipp, der unwillkührlich jenen magnetischen Zauber empfand, den dieser Mann um sich her verbreitete, »wenn Ihre Macht wirklich so groß ist, daß Sie Fräulein von Taverney bis zu uns führen können, so offenbaren Sie dieselbe durch irgend ein Zeichen; doch führen Sie meine Schwester nicht an einen freien Ort, wie dieser ist, wo der Erste der Beste Ihre Fragen und die Antworten des Fräuleins hören kann.«
»Es war Zeit,« sagte Balsamo, indem er den jungen Mann am Arm ergriff und ihm am Fenster der Flur der Communs Andrée zeigte, welche schon weiß und ernst aus ihrem Zimmer heraustrat und, dem Befehle von Balsamo gehorchend, die Treppe herabzusteigen sich anschickte.
»Halten Sie sie auf,« sagte Philipp, zu gleicher Zeit erstaunt und verblüfft.
»Es sei,« sprach Balsamo.
Der Graf streckte den Arm in der Richtung von Fräulein von Taverney aus und, diese blieb sogleich stehen.
Dann, nach einem Halt von einem Augenblick, drehte sie sich um, wie der steinerne Gast, und kehrte in ihr Zimmer zurück.
Philipp stürzte ihr nach; Balsamo folgte ihm.
Philipp trat beinahe gleichzeitig mit seiner Schwester in ihr Zimmer; er nahm das Mädchen in seine Arme und setzte es nieder.
Einige Augenblicke nach Philipp trat Balsamo ein und schloß die Thüre hinter sich.
Doch so rasch auch der Zwischenraum, der diese Eintritte trennte, gewesen war, so hatte doch ein dritter Mensch Zeit gehabt, sich zwischen den zwei Männern einzuschleichen und das Cabinet von Nicole zu erreichen, wo er sich, wohl begreifend, daß sein Leben von dieser Unterredung abhing, verbarg.
Dieser Dritte war Gilbert.
CXLVIII.
Offenbarung
Balsamo schloß die Thüre hinter sich und fragte in dem Augenblick, wo Philipp seine Schwester mit einer Mischung von Neugierde und Angst betrachtete, auf der Schwelle erscheinend:
»Sind Sie bereit, Chevalier?«
»Ja, mein Herr, ja,« stammelte Philipp ganz zitternd.
»Wir können also anfangen, Ihre Schwester zu befragen?«
»Wenn es Ihnen beliebt,« antwortete Philipp, der mit seinem Athem das Gewicht, das seine Brust bedrückte, aufzuheben suchte.
»Doch vor Allem schauen Sie Ihre Schwester an,« sprach Balsamo.
»Ich schaue sie an, mein Herr.«
»Nicht wahr. Sie glauben, daß sie schläft?«
»Ja.«
»Und daß sie folglich kein Bewußtsein von dem hat, was hier vorgeht.«
Philipp antwortete nicht; er machte nur eine Geberde des Zweifels.
Da ging Balsamo auf den Herd zu und zündete eine Kerze an, mit der er an den Augen von Andrée vorüberfuhr, ohne daß sie ihre Lider durch die Wirkung der Flamme senkte.
»Ja, ja, sie schläft, das ist sichtbar,« sprach Philipp, »doch, mein Gott! welch einen seltsamen Schlaf!«
»Nun, so will ich sie befragen,« fuhr Balsamo fort, »oder vielmehr, da Sie eine Furcht äußerten, ich könnte irgend eine indiscrete Frage an Ihre Schwester richten, so fragen Sie selbst, Chevalier.«
»Aber ich habe sie so eben angeredet. ich habe sie berührt: sie schien mich nicht zu hören, sie schien mich nicht zu fühlen.«
»Sie waren nicht im Rapport mit ihr; ich will dies bewerkstelligen.«
Balsamo nahm die Hand von Philipp und legte sie in die von Andrée.
Sogleich lächelte das Mädchen und murmelte:
»Ah! Du bist es, mein Bruder.«
»Sie sehen,« sagte Balsamo, »sie erkennt Sie nun.«
»Ja, das ist seltsam.«
»Fragen Sie, sie wird antworten.«
»Aber wenn sie sich wach nicht erinnerte, wie wird sie sich entschlummert erinnern?«
»Das ist eines der Geheimnisse der Wissenschaft,& quot; antwortete Balsamo. Und er stieß einen Seufzer aus und setzte sich in einen Lehnstuhl, der in einer Ecke stand.
Philipp blieb unbeweglich, seine Hand in der Hand von Andrée. Wie sollte er seine Fragen beginnen, deren Resultat für ihn die Gewißheit seiner Schande und die Offenbarung eines Schuldigen wäre, nach dem seine Rache vielleicht nicht greifen könnte?
Audrée befand sich in einem Zustand der Ruhe, der der Extase nahe kam, und ihre Physiognomie deutete eher Sorglosigkeit, als jedes andere Gefühl an.
Ganz bebend gehorchte Philipp nichtsdestoweniger dem ausdrucksvollen Blick von Balsamo, der ihm sagte, er möge sich bereit halten.
Doch in demselben Maß, in dem er an sein Unglück dachte, in dem sein Gesicht sich verdüsterte, bedeckte sich das von Andrée mit einer Wolke, und sie fing damit an, daß sie ihm sagte:
»Ja, Du hast Recht, Bruder, das ist ein großes Unglück für die Familie.«
Andrée übersetzte so den Gedanken, den sie im Geist ihres Bruders las.
Philipp war auf diesen Eingang nicht gefaßt: er schauerte und fragte, ohne genau zu wissen, was er sagte:
»Welches Unglück?«
»Ah! Du weißt es wohl, mein Bruder.«
»Zwingen Sie Ihre Schwester, zu sprechen, und sie wird sprechen.«
»Wie kann ich sie zwingen?«
»Sie brauchen nur zu wollen, daß sie spricht.«
Philipp schaute seine Schwester an, während er einen inneren Willen bildete.
Andrée erröthete.
»Oh!« sagte das Mädchen, »wie schlimm ist es von Dir. Philipp, daß Du glaubst, Andrée habe Dich getäuscht.«
»Du liebst also Niemand?« fragte Philipp.
»Niemand.«
»Dann ist es also kein Mitschuldiger, sondern ein Schuldiger, den man zu bestrafen hat.«
»Ich verstehe Dich nicht, mein Bruder.«
Philipp schaute den Grafen an, als wollte er ihn um Rath fragen.
»Dringen Sie schärfer in sie,« sagte Balsamo,
»Ich soll in sie dringen?«
»Ja, fragen Sie unumwunden.«
»Ohne Achtung vor dem Schamgefühl dieses Kindes?«
»Oh! seien Sie unbesorgt, bei ihrem Erwachen wird sie sich keines Umstandes mehr erinnern.«
»Aber wird sie meine Frage beantworten können?«
»Sehen Sie gut?« fragte Balsamo Andrée.
Andrée bebte beim Ton dieser Stimme; sie wandte ihren Blick ohne Strahl gegen Balsamo und erwiederte:
»Minder gut, als wenn Sie mich fragen würden; doch ich sehe.«
»Wohl, meine Schwester,« fragte Philipp, »wenn Du siehst, so erzähle mir in ihren einzelnen Umständen die Nacht Deiner Ohnmacht.«
»Fangen Sie nicht mit der Nacht vom 31. Mai an, mein Herr?« sagte Balsamo; »Ihr Verdacht ging, wie mir scheint, zu jener Nacht zurück, und die Stunde, Alles zugleich aufzuklären, ist gekommen.«
»Nein, mein Herr,« erwiederte Philipp, »das ist unnöthig, und seit einem Augenblick glaube ich an Ihr Wort. Derjenige, welcher über eine Macht wie die Ihrige verfügt, macht nicht davon Gebrauch, um zu einem gemeinen Ziele zu gelangen. Meine Schwester,« wiederholte Philipp, »erzähle mir Alles, was in jener Nacht Deiner Ohnmacht vorgefallen ist.«
»Ich erinnere mich nicht mehr,« sagte Andrée.
»Sie hören, Herr Graf?«
»Sie muß sich erinnern, sie muß sprechen; befehlen Sie es ihr.«
»Aber wenn sie im Schlaf begriffen war?«
»Die Seele wachte.«
Da stand Balsamo auf, streckte die Hand gegen Andrée aus und sprach mit einem Falten der Stirne, das eine Verdopplung des Willens und der Thätigkeit andeutete:
»Erinnern Sie sich, ich will es.«
»Ich erinnere mich.«
»Oh!« machte Philipp, seine Stirne abwischend.
»Was wollen Sie wissen?«
»Alles.«
»Von welchem Augenblick an?«
»Von dem Augenblick, wo Sie sich niederlegten.
»Sie sehen sich selbst?« fragte Balsamo.
»Ja, ich sehe mich; ich halte in der Hand das von Nicole bereitete Glas . . . Oh! mein Sott!«
»Was? was gibt es?«
»Oh! die Elende!«
»Sprich, meine Schwester, sprich!«
»Dieses Glas enthält ein Gebräu; wenn ich es trinke, bin ich verloren.«
»Ein Gebräu!« rief Philipp, »in welcher Absicht?«
»Warte! warte!«
»Zuerst das Gebräu.«
»Ich wollte es an die Lippen setzen; doch in diesem Augenblick . . .«
»Nun?«
»Erschien der Graf.«
»Welcher Graf?«
»Er,« sprach Andrée, ihre Hand nach Balsamo ausstreckend.
»Und dann?«
»Dann setzte ich das Glas nieder und entschlief.«
»Hernach, hernach?« fragte Philipp.
»Ich stand auf und begab mich zu ihm.«
»Wo war der Graf?«
»Unter den Linden, meinem Fenster gegenüber.«
»Und der Graf ist nie in Dein Zimmer gekommen, meine Schwester?«
»Nie.«
Ein Blick von Balsamo an Philipp gerichtet sagte diesem klar:
»Sie sehen, ob ich Sie täuschte, mein Herr?«
»Und Du sagst, Du habest Dich zu dem Grafen begeben?«
»Ja, ich gehorche ihm, wann er mich ruft.«
»Was wollte der Graf von Dir?«
Andrée zögerte.
»Sprechen Sie, sprechen Sie,« rief Balsamo, »ich werde nicht horchen.«
Und er sank in seinen Lehnstuhl zurück und begrub seinen Kopf in seinen Händen, als wollte er es verhindern, daß der Schall der Worte von Andrée zu ihm gelangte.
»Sprich, was wollte der Graf von Dir?« wiederholte Philipp.
»Er wollte eine Auskunft von mir verlangen . . .«
Sie hielt abermals inne; es war, als befürchtete sie das Herz des Grafen zu brechen.
»Fahre fort, meine Schwester, fahre fort,« sprach Philipp.
»Ueber eine Person, die aus seinem Hause entwichen war, und —« Andrée dämpfte die Stimme – »und die seitdem gestorben ist.«
So leise Andrée diese Worte aussprach, so hörte sie Balsamo doch, oder er errieth sie wenigstens, denn er gab einen schwermüthigen Seufzer von sich.
Philipp schwieg einen Augenblick und sagte dann abermals:
»Fahren Sie fort, fahren Sie fort, Ihr Bruder will Alles wissen; Ihr Bruder muß Alles wissen. Was that dieser Mann, als er die Auskunft von Ihnen erhalten hatte, die er zu haben wünschte?«
»Er entfloh.«
»Und ließ Dich im Garten?« fragte Philipp.
»Ja.«
»Was machtest Du sodann?«
»Da er sich von mir entfernte, da sich die Kraft entfernte, die mich unterstützt hatte, fiel ich nieder.« »Ohnmächtig?«
»Nein, immer in einen Schlaf versunken, jedoch in einen bleiernen Schlaf.«
»Kannst Du Dich erinnern, was während dieses Schlafes geschah?«
»Ich werde mich bemühen.«
»Nun, was ist geschehen, sprich?«
»Ein Mensch kam aus einem Gebüsch hervor, nahm mich in seine Arme und trug mich fort.«
»Wohin?«
»Hierher, in mein Zimmer.«
»Ah! . . . Und siehst Du diesen Menschen?«
»Warte . . . ja . . . ja . . . oh!« fuhr Andrée mit einem Gefühl des Mißbehagens und des Ekels fort, »oh! es ist abermals der kleine Gilbert.«
»Gilbert?«
»Ja«
»Was machte er?«
»Er legte mich auf diesen Sopha.«
»Hernach?«
»Warte.«
»Siehe, siehe, ich will, daß Du siehst.«
»Er horcht . . . er geht ins andere Zimmer . . . er weicht wie erschrocken zurück . . . er tritt in das Cabinet von Nicole . . . Mein Gott! mein Gott!«
»Was?«
»Ein Mann folgt ihm; und ich kann nicht aufstehen, kann mich nicht vertheidtgen, schreien, ich schlafe!«
»Wer ist dieser Mann?«
»Mein Bruder! mein Bruder!« stammelte Andrée, und ihr Gesicht drückte den tiefsten Schmerz aus.
»Sagen Sie, wer ist dieser Mann,« befahl Balsamo, »ich will es!«
»Der König,« flüsterte Andrée, »es ist der König.«
Philipp schauerte.
»Ah!« murmelte Balsamo, »ich vermuthete es.«
»Er nähert sich mir,« fuhr Andrée fort, »er spricht mich an, er nimmt mich in seine Arme, er küßt mich. Oh! mein Bruder! mein Bruder!«
Schwere Thränen entstürzten den Augen von Philipp, während seine Hand krampfhaft den Griff des Degens preßte, den ihm Balsamo gegeben hatte.
»Sprechen Sie, sprechen Sie!« fuhr der Graf mit immer mehr gebieterischem Tone fort.
»Oh! welch ein Glück! er wird unruhig . . . er hält inne . . . er schaut mich an . . . er hat Angst . . . Andrée ist gerettet.«
Philipp athmete keuchend jedes Wort ein, das aus dem Mund seiner Schwester kam.
»Gerettet! Andrée ist gerettet!« wiederholte er maschinenmäßig.
»Warte, mein Bruder, warte!« sprach Andrée. Und als wollte sie sich daran aufrecht halten, suchte Andrée die Unterstützung des Armes von Philipp.
»Hernach! hernach!« fragte Philipp.
»Ich hatte vergessen.«
»Was?«
»Dort, dort, im Cabinet von Nicole, ein Messer in der Hand . . .«
»Ein Messer in der Hand?«
»Ich sehe ihn, er ist bleich wie der Tod . . .«
»Wer?«
»Gilbert.«
Philipp hielt den Athem an sich.
»Er folgt dem König,« fuhr Andrée fort, »er schließt die Thüre hinter ihm; er setzt den Fuß auf die Kerze, die auf dem Teppich brennt; er schreitet auf mich zu. Oh!«
Andrée richtete sich im Arm ihres Bruders auf. Jede Muskel ihres Körpers erstarrte, als ob sie hätte brechen sollen.
»Oh! der Elende,« sagte sie endlich.
Und sie sank kraftlos zurück.
»Mein Gott! mein Gott;« rief Philipp.
»Er ist es, er ist es!« murmelte Andrée.
Dann erhob sie sich bis an das Ohr ihres Bruders und sprach, das Auge funkelnd, die Hand bebend:
»Nicht wahr, Philipp, Du wirst ihn tödten?«
»Ah, ja!« rief der junge Mann aufspringend.
Und er stieß hinter sich an einen mit Porzellangefäßen beladenen Tisch, den er umwarf.
Die Gefäße zerbrachen.
Mit dem Lärmen dieses Sturzes vermischten sich ein dumpfes Geräusch und eine plötzliche Erschütterung der Scheidewände, dann stieß Andrée einen Schrei aus, der Alles beherrschte.
»Was ist das?« fragte Balsamo, »eine Thüre ist geöffnet worden?«
»Behorchte man uns?« rief Philipp, nach seinem Degen greifend.
»Er war es,« sprach Andrée, »abermals er.«
»Wer denn?«
»Gilbert, immer Gilbert. Ah! Du wirst ihn tödten, nicht wahr, Philipp, Du wirst ihn tödten?«
»Oh! ja, ja, ja,« rief der junge Mann.
Und er stürzte, den Degen in der Faust, in’s Vorzimmer, während Andrée auf den Sopha zurücksank.
Balsamo eilte dem jungen Mann nach, hielt ihn am Arm zurück und sagte:
»Nehmen Sie sich in Acht, mein Herr: was ein Geheimniß ist, würde öffentlich werden; es ist Tag und das Echo der königlichen Häuser ist geräuschvoll.«
»Oh! Gilbert, Gilbert,« murmelte Philipp; »und er war hier verborgen, er hörte uns, ich konnte ihn tödten! Oh! wehe dem Unglücklichen.«
»Ja, doch stillgeschwiegen; Sie werden diesen jungen Mann wiederfinden, mein Herr; mit Ihrer Schwester müssen Sie sich beschäftigen, mein Herr. Sie sehen, sie fängt an so vieler Erschütterungen müde zu werden.«
»Oh! ja, ich begreife, was sie leidet, nach dem, was ich selbst leide; dieses Unglück ist so gräßlich, so wenig wieder gut zu machen! Oh! ich werde daran sterben!«
»Sie werden im Gegentheil für sie leben, Chevalier, denn sie bedarf Ihrer, da sie nur Sie hat: lieben Sie das unglückliche Mädchen, beklagen Sie es, erhalten Sie es. Und nun,« fügte er bei, nachdem er einige Secunden geschwiegen hatte, »und nun bedürfen Sie meiner wohl nicht mehr?«
»Nein, mein Herr; verzeihen Sie mir meinen Verdacht; verzeihen Sie mir meine Beleidigungen; und dennoch kommt das ganze Uebel von Ihnen her.«
»Ich entschuldige mich nicht, Chevalier; doch Sie vergessen, was Ihre Schwester gesagt hat.«
»Was hat sie gesagt? mein Kopf verwirrt sich.«
»Wäre ich nicht gekommen, so hätte sie den von Nicole bereiteten Trank getrunken, und dann wäre es der König gewesen. Hätten Sie das Unglück minder groß gefunden?«
»Nein, mein Herr, es wäre immer gleich groß gewesen, und ich sehe, wir waren verdammt . . . Wecken Sie meine Schwester auf, mein Herr.«
»Aber sie wird mich sehen, sie wird vielleicht begreifen, was vorgefallen; es ist besser, ich wecke sie auf, wie ich sie eingeschläfert habe, aus der Entfernung.«
»Dank! Dank!«
»Dann sage ich Ihnen Lebewohl, mein Herr.«
»Noch ein Wort, Graf. Sie sind ein Mann von Ehre?«
»Oh! die Gehelmhaltung, meinen Sie?«
»Graf . . .«
»Oh! das ist eine überflüßige Ermahnung; einmal weil ich ein Mann von Ehre bin; sodann weil ich entschloßen bin, nichts mehr mit den Menschen gemein zu haben; ich will die Menschen und ihre Geheimnisse vergessen; zählen Sie indessen auf mich, wenn ich Ihnen je nützlich sein kann. Doch nein, nein, ich kann Ihnen zu nichts nützen, ich habe keine Bedeutung mehr auf Erden. Gott befohlen, mein Herr, Gott befohlen.«
Nachdem Balsamo so gesprochen, verbeugte er sich vor Philipp, schaute noch einmal Andrée an, deren Kopf sich mit allen Symptomen des Schmerzes und der Müdigkeit rückwärts neigte, und murmelte:
»O Wissenschaft, wie viele Opfer für ein werthloses Resultat!«
Er verschwand.
Je mehr er sich entfernte, desto mehr belebte sich Andrée; sie hob ihren bleischweren Kopf in die Höhe, schaute ihren Bruder mit erstaunten Augen an und flüsterte:
»Oh Philipp! was ist denn vorgefallen?«
Philipp unterdrückte das Schluchzen, das ihn beinahe erstickte, lächelte heldenmüthig und antwortete:
»Nichts, meine Schwester.«
»Nichts?«
»Nein.«
»Und dennoch ist es mir, als hätte ich geträumt.«
»Geträumt? Und was hast Du geträumt, theure, gute Andrée?«
»Oh! der Doctor Louis, der Doctor Louis, mein Bruder!«
»Andrée!« rief Philipp, indem er ihr die Hand drückte, »Andrée! Du bist rein wie das Licht des Tages; doch Du klagst Dich an, Du stürzest Dich ins Verderben; ein furchtbares Geheimniß ist uns Beiden auferlegt. Ich will den Doctor Louis aufsuchen, daß er der Frau Dauphine sagt, das unerbittliche Heimweh habe Dich befallen, nur der Aufenthalt in Taverney vermöge Dich zu heilen, und dann reisen wir ab, sei es nach Taverney, sei es nach irgend einem andern Ort der Welt; Beide hienieden vereinzelt, uns liebend, uns tröstend . . .«
»Ader, mein Bruder,« sprach Andrée, »wenn ich rein bin, wie Du sagst?«
»Liebe Andrée, ich werde Dir dies Alles erklären; mittlerweile halte Dich zur Abreise bereit.«
»Aber mein Vater?«
»Mein Vater,« erwiederte Philipp mit düsterer Miene, »mein Vater, das ist meine Sache, ich werde ihn vorbereiten.«
»Er wird uns also begleiten?«
»Mein Vater, oh! unmöglich, unmöglich: wir zwei, Andrée, wir zwei allein, sage ich Dir.«
»Oh! wie erschreckst Du mich, Freund; wie machst Du mir bange, mein Bruder; wie leide ich, Philipp!«
»Gott ist am Ziele von Allem, Andrée,« sprach der junge Mann; »Muth also: ich laufe zum Doctor; was Dich krank macht, Andrée, ist der Kummer, Taverney verlassen zu haben, ein Kummer, den Du der Frau Dauphin? zu Liebe verbargst. Auf! auf! sei stark, meine Schwester: es handelt sich um unserer Beider Ehre.«
Und er küßte hastig seine Schwester, denn es erstickte ihn beinahe.
Dann hob er seinen Degen auf, den er hatte fallen lassen, steckte ihn mit einer zitternden Hand in die Scheide und stürzte nach der Treppe.
Eine Viertelstunde nachher klopfte er an die Thüre des Doctor Louis, der, so lange sich der Hof in Trianon aufhielt, in Versailles wohnte.
