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Kitabı oku: «Memoiren einer Favorite», sayfa 14

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Elftes Capitel

Ich hatte mir bereits gesagt, daß in Romneys Gegenwart nur eine große Unbefangenheit meine schiefe Stellung einigermaßen decken konnte. Hätte ich nach dem, was er am Abend zuvor gesehen, eine zurückhaltende Miene annehmen wollen, so wäre ich sehr töricht gewesen.

Ich erhob mich daher bei seinem Eintritt, ging ihm entgegen, bot ihm mit dem Lächeln einer alten Bekannten die Hand und hieß ihn willkommen.

»Meiner Treu, liebe Emma,« sagte er, »Sie bereiten mir fortwährend Überraschungen. Schon dreimal habe ich Sie gesehen. Zweimal glaubte ich, ich könnte Sie niemals schöner wiederfinden. Schon zweimal habe ich mich getäuscht und wahrscheinlich bin ich bestimmt, mich auch ein drittes Mal zu täuschen.«

»Wollen Sie mir eine Liebeserklärung machen?« fragte ich ihn. »Dann knien Sie gefälligst nieder. Wollen Sie aber bloß als Freund mit mir sprechen, so nehmen Sie gefälligst an meiner Seite Platz.«

»Da Sie die Sache so nehmen,« entgegnete Romney, »so erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß ich die Stellung eines Freundes erst dann einnehmen will, wenn ich die Hoffnung auf eine noch beneidenswertere verloren haben werde. Sehen Sie mich demgemäß zu Ihren Füßen, teure Emma. Ich sage Ihnen, daß Sie in der Tat das Schönste sind, was ich je auf Erden gesehen, und daß es in meinem Leben nur einen glücklicheren Tag geben wird, als den, wo ich Ihnen sage: Emma, gestatten Sie mir, Sie zu lieben, nämlich den, wo Sie zu mir sagen werden: Romney, ich liebe Sie.«

»Ich habe nichts dagegen, daß Sie mich lieben, mein bester Romney,« entgegnete ich. »Kommen Sie aber und lassen Sie uns plaudern. Ich muß nämlich von Ihnen selbst wissen, ob Sie mich noch würdig finden, Sie zu lieben, wenn ich Ihnen alles gesagt haben werde, was geschehen ist, seitdem mir uns gesehen.«

»Ah!« sagte er, »Sie begnügen sich nicht bloß damit, schön zu sein, sondern Sie besitzen auch Welt und Geist. Wollen Sie denn, daß ich geradezu den Verstand verliere?«

»Wenn dies der Fall wäre, so würde ich wahrscheinlich bloß die Hälfte der Arbeit zu verrichten haben, die andere Hälfte ist jedenfalls von Miß Arabella schon besorgt.«

»Haben Sie Miß Arabella wieder einmal gesehen?«

»Ich sage Ihnen ja, daß ich Ihnen eine ganze Beichte abzulegen habe. Hören Sie mich daher an.«

Und halb ernst, halb traurig, immer aber kokett, denn ich wollte ihm gefallen, erzählte ich Romney alles, was in meinem Leben seit dem Tage geschehen, wo ich ihn zum ersten Mal gesehen wie ich ganz besonders in der Hoffnung, ihn wiederzusehen, nach London gekommen, wie ich, da ich ihn abgereist gefunden, Mr. Hawarden aufgesucht.

Dann entrollte ich ihm die ganze seltsame Kette der Ereignisse meines Lebens und wunderte mich unaufhörlich, daß ich ihn nicht ein einziges Mal in jener Welt von Gentlemen und Künstlern begegnet war, die ich während der vierzehn oder fünfzehn Monate gesehen, welche ich bei Sir John und Sir Harry verlebt.

Romney hatte seinerseits viel von mir sprechen gehört, ohne zu ahnen, daß die Rede von mir sei. Mein Auftreten als Ophelia und Julia hatte in der künstlerischen Welt Aufsehen gemacht und er hatte auch gewünscht, mich zusehen. Sein ganz der Kunst und den Vergnügungen gewidmetes Leben hatte ihn jedoch nach andern Richtungen hingelockt, und waren wir uns auf diese Weise nicht begegnet.

»Jetzt,« sagte Romney zu mir, »sind Sie zu reich, als daß ich mich erböte, Ihnen jede Sitzung mit fünf Guineen zu bezahlen, und Sie sind an der Reihe mir Almosen zu spenden. Sind Sie in Bezug auf Ihr Herz und Ihre Person noch frei?«

»Ja, frei wie die Luft!«

»Und der Doktor Graham?«

»Dieser ist mein Impresario, weiter nichts. Ich stehe jedoch in einem Ehrenkontrakt mit ihm. Er hat mich dem Mangel und was noch schlimmer ist als dieser, der Schande entrissen und ich habe ihn dafür reich gemacht.«

»Wohlan,« sagte Romney, »es kann sich alles arrangieren. Sie werden Graham reich und mich berühmt machen. Später werden Sie in Ihren weichherzigen Augenblicken überlegen, ob Sie nicht gleichzeitig mein Glück machen können. Es würde dann wenig Existenzen geben, welche besser angewendet wären, wie die Ihrige.«

Wir verabredeten, daß ich schon den nächstfolgenden Tag auf eine Stunde nach Cavendish Square in Romneys Atelier gehen und dieser eine Reihe Studien nach mir beginnen sollte.

Wir verließen einander als zwei zärtliche Freunde, die nur noch einen Schritt zu tun haben, um ein Liebespaar zu werden.

Es war lange her, daß mein armes Herz seine Beschäftigung gehabt hatte. Ich hatte für Romney stets große Sympathie gehegt, und ich war, wie ich ihm gesagt, von allen Verbindlichkeiten frei.

Obschon er beinahe fünfundvierzig Jahre alt war, so besaß er doch die dreifache Jugend der Kraft, der Eleganz und des Rufes.

Mehr konnte selbst eine Dame, die größere Ansprüche als ich hätte machen können, nicht wünschen. Ich konnte einen Augenblick glauben, daß ich Romney liebte, oder vielmehr ihn lieben würde.

Am nächstfolgenden Tag ging ich zu der verabredeten Stunde zu ihm. Er erwartete mich mit allen jenen kleinen Vorbereitungen, die man trifft, wenn man eine ersehnte Dame erwartet. Das Zimmer war mit Blumen und weichen Teppichen geschmückt. Ein prachtvolles Tigerfell war in eine Estrade gearbeitet, welche der glich, die ich bei dem Doktor Graham einnahm. Ein Kranz von Weinlaub erwartete augenscheinlich eine Erigone.

Von dem Augenblicke an, wo ich bei Romney war, von dem Augenblicke an, wo ich nicht bloß freiwillig, sondern auf einen von mir selbst ausgesprochenen Wunsch hierherkam, wäre es lächerlich von mir gewesen, ihm etwas von dem, was er von mir erwartete, zu verweigern.

Gleich am ersten Tage und innerhalb zwei Stunden entwarf er eine prachtvolle Skizze. Wir haben in England wenig Maler, beinahe alle aber, die wir haben, verstehen sich trefflich auf das Kolorit und Romney nimmt unter diesen den ersten Rang ein.

Als ich wieder nach Hause kam, fand ich den armen Doktor Graham ein wenig unruhig. Seitdem er mich aus dem Hause in Haymarket mit in das seine genommen, war es das erstemal gewesen, daß ich letzteres verlassen.

Ich beruhigte ihn über das, was ihn vor allen Dingen interessierte, das heißt über die Gewißheit, die ich ihm gab, daß ich mein verpfändetes Wort halten würde. Ich sagte ihm, was er schon wußte, weil Romney es ihm schon vor mir gesagt, nämlich, daß ich den berühmten Künstler seit langer Zeit kannte. Auch verschwieg ich ihm nicht die Herzensverbindlichkeiten, welche ich soeben mit ihm eingegangen war.

So verlebte ich drei Monate und schenkte dem Doktor Graham einen Monat mehr, als er von mir verlangte.

Während dieser drei Monate machte Romney eine ganze Reihe Studien nach mir. Er beendigte die angefangene Erigone und fertigte eine Venus, eine Kalypso, eine Helena, eine Judith und eine Rebekka.

Gegen die Mitte des vierten Monats verkündete der Doktor das Ende seiner Vorlesungen. Er hatte beinahe hunderttausend Pfund Sterling verdient. Die letzten Sitzungen waren auf so wahnsinnige Weise besucht, daß die Zuhörer einander fast erdrückten.

Ich selbst hatte auf diese Weise acht- bis zehntausend Pfund Sterling erworben. Graham bot mir die Hälfte der Einnahme, wenn ich ihm auch noch ferner meine Mitwirkung leihen wollte.

Ich weigerte mich. Ich ward dieser Schaustellungen müde; ich sehnte mich, wieder ein wenig dem Vergnügen zu leben. Noch nie war ich so reich gewesen, und ich glaubte mein Reichtum könne nie ein Ende nehmen.

Romney erbot sich, mich in seine Wohnung aufzunehmen und ich ging auf sein Anerbieten ein.

So verbrachten wir drei Monate in der vollkommensten Eintracht.

Romney empfing die ganze elegante Jugend von London in seinem Hause.

Unter der Zahl seiner vornehmsten Gäste befand sich Lord Greenville, ein Nachkomme des alten edlen Geschlechts Warwick und derselbe, welchem Sir Harry bei den Wettrennen in Epsom zweitausend Pfund abgewonnen.

Mitten unter den Huldigungen, die mir von allen Seiten dargebracht wurden, waren die seinigen die eifrigsten und, wie ich nicht umhin kann zu sagen, die ehrerbietigsten.

Als leidenschaftlicher Bewunderer der Formen hatte Romney mich in allen Stellungen der Antike reproduziert. Lord Greenville blieb ganze Stunden vor diesen Gemälden sitzen. Einige Monate lang gab seine Liebe sich nur durch die Bewunderung der Kopien und den Beifall kund, welche er dem Originale schenkte, wenn ich irgendeine historische Attitüde nachahmte, oder wenn ich eine Szene von Shakespeare deklamierte.

Eines Abends, als ich den Monolog gesprochen, welchen Julia hält, ehe sie den betäubenden Trank zu sich nimmt, näherte er sich mir und sagte, indem er den Augenblick benützte, wo man ihn weder sehen noch hören konnte.

»Sie müssen mein werden, Emma, oder ich verliere den Verstand.«

Ich sah ihn an und lachte.

»Bei meiner Ehre,« fuhr er fort, »ich spreche in allem Ernste.«

»Auf Ihr Wort als Edelmann?«

»Ja, auf mein Wort als Edelmann.«

»Nun, dann kommen Sie in einem Augenblicke, wo ich allein bin,« antwortete ich ihm.

»Dann wollen wir weiter darüber sprechen.«

»Und zu welcher Stunde soll ich kommen, um Sie allein zu finden?«

»Das ist nicht meine Sache. An Ihnen ist es, aufzupassen, wenn Romney das Haus verläßt, und dann diesen Umstand zu benützen.«

»Gut,« sagte er. »Mehr verlange ich nicht von Ihnen.«

Am drittnächsten Tage sah ich ihn in dem Augenblicke in das Haus kommen, wo Romney dasselbe verlassen.

»Da bin ich,« sagte er zu mir mit bewegter Stimme, indem er sich mir zu Füßen warf.

»Mylord,« sagte ich zu ihm, »wenn Sie mir zu Füßen liegen, dann können wir nicht über eine Angelegenheit sprechen die so wichtig ist wie die, über welche wir verhandeln wollen. Setzen Sie sich daher neben mich und lassen Sie uns plaudern.«

Lord Greenville sah mich mit erstauntem Blicke an.

»O, Miß Emma, ich glaubte von Ihnen weniger kalt empfangen zu werden.«

»Warum aber sollte ich Sie anders empfangen?« entgegnete ich. »Ich liebe Romney, aber nicht Sie, wenigstens nicht in der Bedeutung, welche ich Ihrem Wunsche gemäß diesem Wort geben soll.«

»Und werden Sie mich niemals lieben?«

»Das will ich nicht gerade gesagt haben, Mylord. Die Liebe besteht aus zwei Elementen oder vielmehr ich sollte sagen, sie besteht aus zwei Arten von Liebe aus der Liebe, welche sich der Sinne eines Weibes auf den ersten Blick bemächtigt und welche der Schlag des sympathischen Funkens ist, und der Liebe, welche das Herz eines Weibes allmählich erfüllt und die das Ergebnis angenehmer Beziehungen und guten Einvernehmens ist. Wie jung ich auch bin, Mylord, so habe ich schon diese beiden Gattungen Liebe kennengelernt, und der Mann, welcher auf die zweite Weise geliebt worden, ist nicht der gewesen, der sich über seinen Anteil am meisten zu beklagen gehabt hätte. Wenn ich Sie auf die erste Weise hätte lieben sollen, so wäre es schon geschehen und ich würde es Ihnen sagen. Ich würde selbst Romney augenblicklich um Ihretwillen verlassen, denn die Sehnsucht eines Weibes nach einem andern Manne ist schon eine Untreue. Sie sind jedoch jung, schön, reich, von vornehmer Familie ich kann Sie daher lieben, nicht wie ich Harry Featherson geliebt habe, sondern wie Sir John Payne und Romney von mir geliebt worden sind.«

»Ich glaube,« entgegnete Sir Charles Greenville, »es gibt ein französisches Sprichwort, welches sagt: Von einem bösen Schuldner muß man nehmen, was man kriegen kann. Ich werde mich diesem Sprichwort unterwerfen.«

»Nur, Sir Charles,« hob ich wieder an, »will ich Ihnen eins bemerklich machen, nämlich, daß ein Schuldner etwas schuldet, während ich dagegen nichts schulde.«

»Sie haben viel Witz, Miß Emma, und ich habe unglücklicherweise immer sagen hören, daß allzuviel Witz dem Herzen schade.«

»Ich weiß nicht, ob ich Witz habe, denn es hat mir noch niemand etwas darüber gesagt, daß ich aber ein Herz habe, dies weiß ich, denn unglücklicherweise hat dieses Herz gesprochen. Ich habe daher bis jetzt mehr meinem Herzen als meinem Witz zu mißtrauen gehabt. Erlauben Sie, daß diesmal mein Herz meinen Witz beauftrage, seine Angelegenheiten zu besorgen.«

»Ich höre, Miß Emma, ich gestehe aber, daß ich schaudere, indem ich Ihnen zuhöre.«

»Noch ist's Zeit. Machen Sie es wie Ulysses. Entweder vermeiden Sie das Vorgebirge der Circe, indem Sie Ihren Lotsen: ›Hinaus ins hohe Meer!‹ zurufen oder verstopfen Sie die Ohren mit Wachs.«

»Nein, ich will lieber Ihre Stimme hören und es auf die Gefahr, in ein Tier verwandelt zu werden, ankommen lassen. Übrigens sehen Sie, da ich Sie nach dem, was Sie mir gesagt haben, immer noch anhöre, so ist die Metamorphose schon halb bewirkt.«

»Nicht übel! Sie sind auch ein Mann von Witz, Mylord. Ich sehe, daß wir uns verstehen werden. Jetzt lassen Sie mich ausreden.«

»Ich höre Sie.«

»Ich bin beinahe zwanzig Jahre alt. Ich bin in einem Dorfe geboren und habe die Instinkte meiner Geburt überwunden. Ich habe keine Erziehung erhalten, Intelligenz, Lektüre und ein gutes Gedächtnis haben jedoch diesem Mangel abgeholfen. Ich habe Fehltritte begangen, ich bin gefallen, aber ich habe mich wieder erhoben. Ich bin arm und elend gewesen, ich habe Hunger und Durst gelitten; ich habe kein Obdach gegen Regen, Wind und Kälte gehabt, und jetzt bin ich in Sammt gekleidet, ich wohne umgeben von Meisterwerken der Kunst und ohne reich zu sein, kann ich, wenn ich bloß tausend Francs monatlich ausgebe, auf mein ganzes noch übriges Leben gegen Mangel geschützt sein. Wenn ich dem Doktor Graham noch drei Monate Sitzungen bewilligen wollte, so würde ich Millionärin. Ich habe aber nicht gewollt. Romney gefiel mir, und ich zog es vor, mich ihm zu geben.«

»Haben Sie bloß, um mir zu sagen, daß Romney so glücklich ist, von Ihnen geliebt zu werden, mich eingeladen, Sie zu besuchen, wenn er nicht zu Hause sein würde?«

»Ja wohl, sehr richtig! Da ich mit Ihnen von ernsthaften Dingen zu sprechen habe, denn es wird davon Ihre Zukunft oder die meinige abhängen, so muß ich mich gegen Sie mit aller Freimütigkeit aussprechen.«

Sir Charles stieß einen Seufzer aus.

»Wollen Sie lieber den Verstand verlieren?« fuhr ich fort.

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Haben Sie mir nicht gesagt: Sie müssen mein werden, Emma, oder ich verliere den Verstand?«

»Ja, das ist wahr.«

»Nun, da ich nur unter gewissen Bedingungen Ihnen gehören kann, so muß ich Sie von diesen Bedingungen in Kenntnis setzen.«

»Nun, dann nennen Sie dieselben.«

»Meine Situation ist, wie ich Ihnen bereits angedeutet, folgende: Ich habe Romney ohne große Liebe genommen, aber wie man einen liebenswürdigen Mann nimmt um nicht mehr allein im Leben zu stehen, um mich auf etwas zu stützen. Romney liebt mich und ich hänge mit großer Zuneigung an ihm. Unser Leben ist angenehm, ich habe keinen Grund, es aufzugeben, ich müßte es denn hören Sie wohl um einer sozialen Stellung willen tun. Ich meine damit nicht in pekuniärer, sondern eben nur in sozialer Beziehung. Lieben Sie mich wirklich hinreichend, um den Verstand zu verlieren? Wenn dies der Fall, so lieben Sie mich auch hinreichend, um mich zu heiraten.«

Sir Charles Greenville hüpfte auf seinem Stuhl empor.

»Sie zu heiraten?« rief er.

Ich erhob mich und machte ihm eine tiefe Verbeugung.

»Mylord,« sagte ich zu ihm, »wenn Sie geneigt sein werden, diesen Antrag anders als dadurch zu beantworten, daß Sie vor Überraschung auf dem Stuhle emporhüpfen, so werde ich die Ehre haben, Sie zu empfangen. Bis dahin gestatten Sie, daß ich mich der Ehre Ihrer Unterhaltung und des Vergnügens Ihrer Gegenwart beraube.«

Hierauf verneigte ich mich abermals und begab mich in mein Zimmer, indem ich den Lord allein in dem Atelier zurückließ.

Es vergingen drei oder vier Tage, ohne daß ich ihn wiedersah.

Zwölftes Capitel

Romney fuhr fort vollkommen gut und freundlich gegen mich sein. Ich befriedigte als Geliebte seine Eigenliebe und als Modell seinen Kunstsinn, denn seine ausgezeichnetsten Leistungen auf dem Gebiete der Malerei datierten aus der Zeit unseres Verhältnisses. Er war zu jener Zeit so sehr in Aufnahme, daß er, so verschwenderisch er auch war, doch sich selbst zum Trotz jeden Tag zwanzig bis fünfundzwanzig Guineen auf die Seite legte, obschon er vier Pferde im Stalle, zwei schöne Equipagen und drei oder vier Diener hielt.

Dreimal wöchentlich empfingen wir Gesellschaft. Die drei andern Abende fuhren wir spazieren oder ins Theater.

Unser Verhältnis besaß alle Reize der Sympathie ohne die Stürme der Liebe.

Am vierten Tage, nachdem ich die Erklärung mit Lord Greenville gehabt, erschien er bei mir wieder. Ich empfing ihn gerade so, als ob nichts zwischen uns vorgefallen wäre. Ich fühlte mich von ihm weder angezogen noch abgestoßen. Ich hatte ihm Bedingungen gestellt, ohne zu wünschen, daß er sie annähme. Ich hatte es mehr getan, um ihm gegenüber einen klar bestimmten Standpunkt einzunehmen, als weil ich von dem Wunsche beseelt gewesen wäre, wirklich Lady Greenville zu werden.

Er näherte sich mir mehrmals und sprach leise mit mir, da er aber die Frage nicht mit dürren Worten anregte, so konnte er mir kein Wort entlocken, welches Bezug auf den Zustand seines Herzens gehabt hätte.

Mochte Romney nun einsehen, daß Eifersucht von seiner Seite lächerlich gewesen wäre, oder mochte er mir vertrauen, mir, die ich bei ihm blieb, ohne etwas von ihm zu verlangen und ohne etwas von ihm zu empfangen, oder mochte er endlich unser Verhältnis, so wie ich selbst tat, als etwas betrachten, was für keinen von beiden Teilen verbindlich wäre, und was nicht länger dauern dürfe, als es uns beiden angenehm sein würde kurz, er schien durch die Aufmerksamkeiten, die man mir bewies, niemals beunruhigt zu weiden.

Einmal hatte er zu mir gesagt:

»Nicht wahr, darüber sind wir einverstanden, daß wir beide nicht so töricht sind, uns zu hintergehen? Ich bin als Liebender und als Maler doppelt glücklich, Sie zu besitzen; aber ich dränge mich durchaus nicht auf. Sie verstehen mich, nicht wahr? Ich werde wahrscheinlich nicht der erste sein, der unseres Verhältnisses überdrüssig wird; sollte dies jedoch geschehen, so würde ich es Ihnen sagen, überzeugt, daß Sie mir meine Freimütigkeit verzeihen, und daß mir gute Freunde bleiben würden. Von Ihrer Seite verlange ich dasselbe.«

Ich hatte ihm hierauf die Hand geboten und damit war alles gesagt. Ich war fest entschlossen, ihn von Lord Greenvilles Liebe zu mir zu unterrichten, sobald nämlich diese Liebe sich auf bestimmtere Weise kundgeben würde.

Um mir keinen Vorwurf zu machen zu haben, hatte ich mir dabei fest vorgenommen, von den Künsten der Koketterie in Bezug auf Lord Greenville keinerlei Gebrauch zu machen.

Mit dem Instinkt des Weibes fühlte ich, daß ihm gegenüber gerade in dem Mangel an Koketterie meine hauptsächliche Macht bestünde und meinen Triumph über ihn sichern würde.

Am nächstfolgenden Tage, als Romney sich zu Lady Craven, welche später die bekannte Marquise von Anspach ward, begeben hatte, weil sie ihm zu ihrem Porträt sitzen wollte, meldete der Diener Lord Greenville.

Ich antwortete, daß ich bereit sei, ihn zu empfangen.

Sehr bleich und sehr aufgeregt trat er ein.

Ich lud ihn lächelnd durch eine Gebärde ein, neben mir Platz zu nehmen.

»Teure Emma,« sagte er zu mir, »es ist mir unmöglich noch länger in der Ungewißheit zu verharren, in welcher ich mich befinde.«

»Ungewißheit?« wiederholte ich. »Ich sollte im Gegenteile meinen, daß es in der Welt keine bestimmtere Situation geben könnte, als die, welche ich Ihnen bereitet.«

»Wenn ich frei wäre, so würde ich nicht in Ungewißheit leben. Beinahe hätten Sie mich nicht wieder gesehen.«

»Wieso? Sollten Sie mit dem Gedanken umgegangen sein, sich das Leben zu nehmen? Warten Sie dann wenigstens bis zum Monat Oktober – dies ist die Zeit der Selbstmorde.«

»Nein, ich will mich in Ihren Augen nicht so verdient oder lächerlich machen. Hören Sie die einfache Wahrheit. Sie wissen, oder Sie wissen nicht, daß ich einen sehr reichen Onkel habe. Er ist mein Onkel, weil er in erster Ehe mit einer Schwester meiner Mutter vermählt gewesen ist. Er ist von Geburt Schotte und Milchbruder des Königs Georg des Dritten, ein alter Gelehrter, Archäolog, Geolog und was weiß ich sonst noch alles. Er heißt Sir William Hamilton, und ich erwarte von ihm mein ganzes Vermögen, denn an väterlichem Erbteil besitze ich nichts oder doch nur sehr wenig.«

»Aber, Mylord, wovon bestreiten Sie dann Ihre Ausgaben?«

»Von dem Gehalte des Amtes, welches ich im Ministerium bekleide. Sobald aber das Ministerium wechselt und Mr. Fox, der mein Universitätsfreund ist und mir wohlwill, nicht mehr Minister ist, so verliere ich die fünfzehnhundert Pfund Sterling Gehalt, welche mein Posten mir einbringt, und ich habe dann weiter keine Zuflucht, als eben meinen Onkel. Wohlan, liebe Emma, dieser Onkel hat mir geschrieben, um mir zu sagen, was ich Ihnen eben mitteile, und mir das Amt eines ersten Gesandtschaftssekretärs in Neapel und später nicht bloß die Nachfolge auf seinem Posten, sondern auch die Aussicht auf sein unermeßliches Vermögen zu bieten. Einen Augenblick lang bin ich unschlüssig gewesen, ob ich annehmen oder ablehnen soll. Ich habe aber gefühlt, daß es mir unmöglich sein würde, fern von Ihnen zu leben, und deshalb habe ich abgelehnt.«

»Da haben Sie sehr unrecht daran getan.«

»Und Sie haben den Mut, mir das zu sagen?«

»Ja. Durch Ihre Weigerung haben Sie eine erste Torheit begangen, und wenn Sie mich heiraten denn, wenn es wirklich wahr ist, daß Sie um meinetwillen geblieben sind, so werden Sie mich heiraten und wenn Sie mich heiraten, sage ich, werden Sie eine zweite begehen.«

»Sie sprechen nicht sonderlich trostreich, Emma.«

»Ich spreche die Wahrheit. Glauben Sie mir, Mylord; wenn der Brief an Ihren Onkel noch nicht fort ist, so zerreißen Sie denselben; ist er fort, so schicken Sie einen zweiten nach, welcher den ersten widerruft. Wenn wir einander heiraten, so würden wir beide ein schlechtes Geschäft machen. Ich würde vielleicht höhersteigen, Sie aber würden ganz gewiß sich tiefergestellt sehen.«

»Soll dies heißen, daß Sie das Versprechen, welches Sie mir gegeben, wieder zurücknehmen und daß ich, selbst wenn ich mich erbiete, Sie zu heiraten, von Ihnen nichts zu hoffen habe?«

»Davon sage ich kein Wort, Mylord. Mein Versprechen ist gegeben, und ich werde es halten.«

»Ach,« sagte Lord Greenville, »das Unglück ist, daß es mir nicht einmal freisteht, eine Torheit, wie Sie es nennen zu begehen. Mein Vater wird, ehe ich volljährig bin, mir niemals erlauben, daß ich eine andere heirate, als die, welche er mir selbst gewählt haben wird, und selbst wenn ich volljährig bin, werde ich, wenn ich nach meinem Gutdünken heiraten will, einen harten Stand mit ihm haben und das Gesetz zu Hilfe rufen müssen.«

»Wie alt sind Sie jetzt?«

»Erst zweiundzwanzig und ein halbes Jahr.«

»Aber, Mylord,« entgegnete ich lachend, »ich für meine Person finde im Gegenteile, daß sich dies sehr glücklich trifft. Während der dritthalb Jahre, die Sie noch bis zu Ihrer Volljährigkeit zurückzulegen haben, werden Sie Zeit haben, sich zu überzeugen, ob Sie mich wirklich lieben, und dann in dritthalb Jahren wird sich das Weitere finden.«

»Wie, Sie sehen, welche Qualen ich leide und können auf diese Weise über mich spotten?«

»Ich sehe gar nicht, daß Sie Qualen leiden. Ich höre, was Sie mir sagen; dies ist alles.«

»Und Sie glauben meinen Worten nicht.«

»Erinnern Sie sich dessen, was Hamlet zu Polonius sagte: Worte! Worte! Worte!«

»Glauben Sie an meine Ehre, Miß Emma?« fragte Lord Greenville in ernstem Tone.

»Mehr als an Ihre Liebe, Mylord.«

»Glauben Sie an mein Wort als Edelmann?«

»Auf so lange als nötig ist, um einem Schwure Zeit zum Verdunsten zu geben.«

»Dann glauben Sie also an gar nichts?«

»O doch, ich glaube an die Unbeständigkeit der menschlichen Dinge.«

»Gesetzt, Miß Emma, ich machte mich positiv verbindlich, Sie, sobald ich volljährig bin, zu heiraten —«

»Dies würde allerdings etwas ernsthafter sein, ohne jedoch positiver zu werden.«

»Wieso?«

»Weil eine Person in meiner Stellung keinen gerichtlichen Prozeß anhängig macht, wenn ein ihr gegebenes Eheversprechen unerfüllt bleibt.«

»Wenn ich aber mein Versprechen nun so abfaßte, daß ich ehrlos würde, wenn ich es nicht erfüllte?«

»Dann könnte man sich die Sache weiter überlegen.«

»Würden Sie dies tun?«

»Wenn ich das Versprechen hätte, vielleicht.«

»Gut, noch heute abend sollen sie es haben.«

»Führen Sie mich nicht in Versuchung, Mylord.«

»Miß Emma,« sagte Sir Charles, indem er sich erhob, »ich liebe Sie mehr als irgend etwas auf der Welt, und wenn Sie nur durch eine Heirat die Meine werden können, wohlan, so sollen Sie mein Weib werden.«

»Ich will Ihnen noch einen letzten Gefallen tun, Mylord. Ich werde weder heute abend noch morgen meine Briefe öffnen, so daß Sie bis übermorgen Zeit haben, Ihr Wort zurückzunehmen. Da ich zwei Monate gewartet habe, so kann ich auch noch vierundzwanzig Stunden warten.«

Lord Greenville küßte mir die Hand und entfernte sich. Er stand im Rufe der größten Redlichkeit, so daß ich, wenn auch an der Erfüllung seines Versprechens, doch nicht an seinem guten Willen zweifeln konnte. Ich meinerseits fühlte, daß ich, indem ich so handelte, wie ich tat, mich weder von einer eigennützigen Berechnung noch von einem ehrgeizigen Wunsche leiten ließ, sondern, daß ich vielmehr wieder in die Gewalt jener unerklärlichen und unbekannten Macht geriet, welche über mein Schicksal verfügte und mich vorwärtsdrängte, indem sie mich fast bei jedem meiner Schritte im Leben eine Stufe der sozialen Leiter erklimmen ließ.

Allerdings war ich schon einmal gefallen und der Sturz war ein sehr tiefer gewesen. Dennoch aber hatte ich mich von demselben wieder erhoben, wenigstens in gewisser Beziehung. Sir Johns und Sir Harrys Liebe war nur die Verherrlichung meiner Schönheit, Romneys Liebe dagegen war die Weihe der Kunst.

Ich sagte mir, daß die Geschichte selbst für die Kurtisanen ihre Stufen hat. Nachdem ich Phryne gewesen, war ich Lais geworden, und nachdem ich Lais geworden, blieb mir weiter nichts übrig, als bis zur Aspasia zu steigen.

Aspasia, die Freundin des Sokrates und des Alcibiades, Aspasia, die Gemahlin des Perikles, die das Gewicht ihres Wortes in die Angelegenheiten Griechenlands warf und über die Kriege von Samos, Megara und des Peloponnes entschied Aspasia war mehr als eine gewöhnliche Kurtisane. Wohlan, ich weiß nicht welche Stimme mir leise zuflüsterte, daß es für mich nicht genug sei, Lais zu sein, sondern, daß ich auch Aspasia werden würde.

Romney trat ein.

Er war zu sehr mein Freund, als daß ich ihm etwas von dem Geschehenen verschwiegen hätte.

»Mein lieber Romney,« sagte ich zu ihm, »welchen Rat würden Sie einer Frau in meiner Stellung geben, welche Gelegenheit findet, einen künftigen Pair von England zu heiraten und Mylady zu werden?«

»Ah!« sagte Romney, »hat Lord Greenville sich vielleicht endlich erklärt?«

»Sie hatten wohl bemerkt, daß er mich liebt?«

»Wie sollte ich das nicht bemerkt haben.«

»Gleichwohl aber haben Sie nie etwas davon gesagt.«

»Ich war überzeugt, daß Sie, sobald der geeignete Augenblick gekommen wäre, mir selbst davon sagen würden.«

»Mein lieber Romney, Sie sind ein liebenswürdiger Mann, und in der Tat, ich glaube, ich werde niemals den Mut haben, mich von Ihnen zu trennen.«

»Ja, liebe Emma, Sie können in der Tat überzeugt sein, daß wir niemals werden getrennt werden.«

»Aber dennoch, wenn ich Lord Greenville heirate?«

»Nicht die Körper sind es, die sich trennen, sondern die Seelen. Wird von dem Augenblicke an, wo Sie sich mit Vergnügen meiner erinnern und wo ich Ihrer mit Wonne gedenke, dies nicht die wahre wirkliche Gegenwart und, wie die Kirche in ihrer symbolischen Sprache sagt, die Gemeinschaft der Seelen sein? Fünfhundert, ja tausend Meilen voneinander entfernt, werden wir einander vielleicht mehr gegenwärtig sein, als Leute, die einander niemals verlassen haben.«

»Sie sprechen wie ein platonischer Philosoph, Romney.«

»Die Alten sagten: Wer jung stirbt, wird von den Göttern geliebt. Wohlan, ich habe immer geglaubt, daß es eine reizende Liebe sein müßte, welcher man nicht Zeit ließe alt zu werden, welche man in ihrer Blüte gepflückt und in eine Erinnerung eingesargt hat, so daß sie im Vergleich zu jeder andern jung und frisch bleibt, wie die Morgenröte des Frühlings.«

»Dann, meinen Sie also, Romney —«

Ich redete nicht aus.

»Ich meine, daß Sie Ihrem Schicksal folgen, Emma.«

»Sie glauben also, daß ich einst die Gemahlin eines Pairs von England sein werde?«

»Was Sie sein werden, weiß ich nicht, wenn man mir aber nach einer Abwesenheit von vier oder fünf Jahren bei meiner Rückkehr sagte, daß Sie Königin von Großbritannien geworden seien, so würde mich dies nicht in Erstaunen setzen. Ich wäre nicht Romney, das heißt ich wäre nicht der erste Maler Englands, wenn ich nicht an die Allmacht der Schönheit glaubte.«

»Romney, es ist seltsam, aber was Sie mir da sagen, hat eine innere Stimme mir schon oft gesagt. Romney, ich gestehe ihnen beinahe mit Schrecken, ich glaube an mein Fatum.«

»Nun, dann folgen Sie diesem Fatum. Wenn es in dem Willen der Vorsehung beschlossen ist, so wäre es ruchlos, dagegen zu kämpfen.«

Am Abend empfing ich Lord Greenvilles Brief, aber, wie gesagt, ich öffnete denselben nicht.

Sein Ungestüm erlaubte ihm nicht zu warten, und am Abend kam er selbst.

Ich zeigte ihm den noch versiegelten Brief.

Was Romney betraf, so war dieser gegen ihn so freundschaftlich wie gewöhnlich, vielleicht noch freundschaftlicher.

»Wann werde ich Antwort von Ihnen erhalten?« fragte Lord Greenville.

»Morgen vormittag.«

»Gebe Gott, daß sie meinen Wünschen entspreche,« sagte Lord Greenville.

Am nächstfolgenden Morgen öffnete ich seinen Brief.

Derselbe enthielt weiter nichts als die Worte:

»Ich mache mich bei meiner Ehre verbindlich, Miß Emma Lyonna, sobald ich das Alter der Volljährigkeit erlangt haben werde, zu heiraten und will mich als Mann ohne Ehre betrachten lassen, wenn ich meinem Versprechen untreu werde.

1. Mai 1780. Lord Greenville.«

Ich zeigte Romney den Brief.

»Zögern Sie auch nicht eine Minute lang,« sagte er zu mir. »Ihr Glück beruht in diesen vier Zeilen und sollte Lord Greenville jemals seinem Wort untreu werden, so würde ich die Aufgabe übernehmen, ihn als Ehrlosen zu brandmarken.«

»Dann behalten Sie diesen Brief,« sagte ich zu Romney. »Er ist in Ihren Händen besser aufgehoben als in den meinigen.«

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Litres'teki yayın tarihi:
30 kasım 2019
Hacim:
970 s. 1 illüstrasyon
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