Kitabı oku: «Memoiren einer Favorite», sayfa 27
Zweites Capitel
Die Damen der Königin – diejenigen, welche für ihre beiden Freundinnen galten, aber nichts weiter waren als ihre Vertrauten, die Marquise von San Marco und die Baronin von San Clemente – waren in großer Hoftoilette, was zu uns einen eigentümlichen Kontrast bildete. Sie trugen gepudertes Haar und Blumen darin, waren rot geschminkt, mit Schönpflästerchen auf den Wangen, und ihre steifen Taillen waren von stählernen Schnürleibern umschlossen.
Zum erstenmal gewahrte ich die lächerliche Seite dieser großen Toiletten. Die armen Frauen sahen aus wie Masken.
Und dennoch waren beide schön, besonders die Marquise von San Marco. Es war aber die Schönheit ohne Anmut, ohne Biegsamkeit, ohne Reiz.
Die Königin dagegen war, obschon durch ihre sechsunddreißig Jahre ein wenig korpulent, wirklich bezaubernd. Es war, als ob sie in Erwartung einer unangenehmen Nachricht, die sie noch nicht kannte, die sie aber nicht verfehlen konnte, den nächstfolgenden Tag zu erfahren, der Zeit, den Ereignissen und der Politik noch einige glückliche Stunden abstehlen wollte.
Gegen die genannten Damen war sie liebenswürdig, gegen mich aber geradezu anbetungswürdig. Sie hatte mich an ihrer Seite Platz nehmen lassen und bediente während des ganzen Soupers mich selbst. Gewöhnt, wie ich war, Wasser zu trinken, oder es kaum mit ein wenig französischem Wein zu röten, mußte ich, um den Bitten der Königin nachzugeben, jetzt alle feurigen Weine Siziliens und Ungarns kosten. Diese Weine schienen das Blut, welches in meinen Adern rann, in Flammen zu verwandeln.
Vor Beendigung des Diners oder vielmehr Soupers meldete man uns, daß die wenigen Personen, zu deren Empfang die Königin Erlaubnis erteilt, da wären und im Salon warteten.
Die Königin ließ die Türen öffnen, stützte sich auf meinen Arm und trat in den Salon.
Ich habe schon gesagt, daß sie an diesem Abend viel schöner war als gewöhnlich. Sie schien glücklich zu sein. Ihre Stirn war ruhig, ein wohlwollendes Lächeln umspielte ihre sonst so stolz verächtliche Lippe. Als man sie sah, erhob sich ein Murmeln der Bewunderung, welches mit lauten Beifallsbezeigungen endete.
Sie reichte Rocca Romana und Maliterno die Hand zum Kusse.
Rocca Romana, der damals das Abenteuerleben begann, welches ihn zum Richelieu von Neapel gemacht hat, war noch ein Jüngling, beinahe ein Knabe. Er stand seinem Rufe nicht nach, das heißt, er war bewundernswürdig schön und vollkommen elegant.
Man erkannte in ihm sofort den Mann, der in der reinsten Aristokratie geboren und bestimmt war, bei Hofe zu leben.
Maliterno war älter und weniger schön als er. Sein Gesicht war strenger und männlicher und einige Jahre später, im Jahre 1796, gab in Tirol ein Säbelhieb, den er quer über das Gesicht erhielt und bei ihm ein Auge ausschlug, seiner Physiognomie einen noch düstereren Anstrich.
Was den Doktor Gatti betraf, so glaube ich, von diesem schon gesprochen zu haben. Er war ein Kurtisan mit biegsamem Rückgrat, der als Arzt überall Zutritt hatte und sich überall eindrängte, nicht um Kranke zu heilen, sondern um zu intrigieren.
Die Königin war ihm nicht sonderlich geneigt, gestand ihm aber dennoch einen gewissen Einfluß zu.
Der Fürst Pignatelli, der später, als die königliche Familie Neapel verließ und nach Sizilien floh, als Generalvikar des Königreiches eine große Berühmtheit erlangte, war damals ein Mann von zwei- bis vierunddreißig Jahren, ohne einen hervorstechenden Zug, weder hinsichtlich seines Charakters noch hinsichtlich seiner Physiognomie. Er war einer jener gefälligen Minister, welche der böse Genius eines Volkes in Tagen der Revolution an die Seite der Könige stellt und welche die Befehle, die ihre Gebieter ihnen geben, nur allzupünktlich befolgen.
Als man die Königin so strahlend heiter sah, setzten alle Gesichter sich mit dem ihrigen in Einklang. Die Königin stellte mir nach der Reihe die sieben oder acht Vertrauten des königlichen Palastes vor, welche sich auf ihren Ruf eingefunden und wovon ich die hervorragenden bereits genannt.
Wie alle Deutsche war Karoline eine große Freundin der Musik. Der Salon war daher mit einer Menge musikalischer Instrumente versehen, worunter sich auch ein Klavier und eine Harfe befanden. Die Königin fragte mich, ob ich das eine oder das andere dieser Instrumente spielte.
Ich spielte beide.
Ich ergriff die Harfe. Es war klar, daß ich im Begriff stand, das feierlichste Debüt zu machen, welches mir jemals beschieden gewesen.
Vor einigen Monaten hatte man in Herculanum ein Manuskript entdeckt, welches Verse von Sappho enthielt. Diese Verse waren von dem Marquis von Gargallo ins Italienische übertragen und von Cimarosa in Musik gesetzt wurden.
Ich band mir das Haar auf, ich warf es durch eine Kopfbewegung auf meine Schultern herab. Es war voll, sehr lang und da ich niemals Puder getragen, sehr zart und weich. Es fiel wallend bis weit unter meinen Gürtel herunter.
Ich versuchte – und man weiß, daß ich in der Mimik Ausgezeichnetes leistete – ich versuchte meinen Zügen die Begeisterung der antiken Poesie zu geben, und nach einem Vorspiel, während dessen schon der Beifall laut zu werden begann, sang ich Sapphos Verse, während ich sie mit einfachen Akkorden begleitete.
Ich brauche meine Leser nicht daran zu erinnern, bis zu welchem Grad von Vollkommenheit ich in dergleichen Leistungen es gebracht hatte. Gleich von dem ersten Verse an hatte ich mich vollständig mit der Dichterin identifiziert und mich folglich der Gemüter meiner Zuhörer bemächtigt.
Wenn der Beifall mich nicht nach jeder Strophe unterbrach, so lag der Grund darin, daß man fürchtete, auch nur einen Ton meiner Stimme, einen Akkord des Instrumentes zu verlieren; als ich aber bei dem letzten Vers auf die Knie niedersank, und mit den Augen gen Himmel blickend die letzten Worte des Gedichts an die Göttin der Liebe selbst richtete, da brach der Beifallssturm in einer Weise los, welche aller Schranken spottete. Es war augenscheinlich, daß ich einen bis jetzt noch unbekannten Effekt, etwas ganz Neues, vollständig Unerwartetes erzielt hatte.
Die Königin hob mich auf, drückte mich an ihr Herz und küßte mich.
»O, noch einmal, noch einmal!« rief sie. »Noch einmal, Emma. Ich bitte dich darum.« Ich schüttelte aber den Kopf.
»Majestät,« sagte ich zu ihr, »ich verdanke meinen Erfolg einer Überraschung. Von dem Augenblick an, wo es keine Überraschung mehr gäbe, würde es auch keinen Erfolg mehr geben. Verlangen Sie daher niemals von mir, daß ich mich wiederhole, wohl aber werde ich, wenn Sie wollen etwas anderes versuchen.«
»Alles, was du willst, aber schnell! schnell! schnell! Wir möchten dir gern wieder Beifall zujubeln. – Haben Sie jemals so etwas gesehen, Gatti? Haben Sie jemals so etwas gehört, Rocca Romana?«
Die Antwort lautete, wie man sich leicht denken kann, einstimmig verneinend. Nun vereinigte sich alle Welt mit der Königin, um noch etwas von mir zu verlangen.
Ich war der Wirkung sicher, die ich in der Wahnsinnsszene Ophelias hervorbringen würde.
Ich bat die Königin um einen Tüllschleier und Blumen.
»Komm mit in mein Zimmer,« sagte sie. »Du wirst unter allen meinen Schleiern den wählen, welcher dir am besten zusagt. Was Blumen betrifft, so findest du deren soviel, als du willst, auf der Terrasse.«
Ich ging mit der Königin in ihr Schlafzimmer. Ich wählte einen einfachen Tüllschleier. Dann gingen wir miteinander auf die Terrasse. Die Königin stellte sich mir zur Verfügung und sagte zu mir:
»Willst du dieses Geranium? Willst du diesen Orangenzweig? Willst du diese Rosenlorbeerblüte?«
Alles dies war eigentlich nicht das, was ich brauchte. Diese Blumen der Zivilisation und der Aristokratie standen mit Ophelias Wahnsinn in Widerspruch; Maßlieben, Veilchen und Rosmarin verlangte der Teil Shakespeares. Die Blumen, welche man mir hier bot, taugten wohl für die Tochter der Kaiserin Maria Theresia, aber nicht für die Tochter des Polonius. Ich begann aber schon nicht mehr schwierig zu sein, sondern Diamanten und Perlen zu nehmen, wenn ich nichts anderes fand.
Die Königin wollte bleiben und mir bei meiner Toilette behilflich sein. Ganz besonders aber war eben sie es, auf die ich Eindruck machen wollte, und ich schickte sie daher unerbittlich aus dem Zimmer.
Übrigens hatte sich Karoline kaum wieder in den Salon zurückbegeben und in ihrem Lehnsessel Platz genommen, so öffnete sich, dank meiner Geschicklichkeit in dergleichen Umgestaltungen, auch schon die Tür des Schlafzimmers wieder, und ich erschien in dem Rahmen derselben bleich mit stieren Blicken und von Wahnsinn zuckenden Lippen.
Wenn meine Zuhörer, obschon Nachkommen der Athenienser, mit der Poesie der Muse von Lesbos wenig vertraut waren, so waren ihnen die Gesänge des Poeten von Stratford noch weit fremder. Nicht ein einziger von ihnen verstand übrigens soviel Englisch, daß er einer Deklamation shakespearischer Verse zu folgen imstande gewesen wäre. Für sie handelte es sich daher um eine einfache Pantomime.
Was hinderte mich aber dies? War die Pantomime nicht gerade das, worin ich am meisten exzellierte? Ich muß selbst sagen, daß ich selbst in meinen vollständigsten Inspirationen noch nie die Höhe erreicht hatte, zu welcher ich mich an diesem Abend aufschwang. Ich war wirklich die naive Valentine Hamlets, die verzweifelte Tochter des Polonius, die wahnsinnige Schwester des Laërtes. Ich hatte niemanden, der mir meiner Rolle gemäß antwortete, aber ich ergänzte jeden Mangel. Die Überzeugung, daß niemand diese Lücken bemerken würde, hielt mich aufrecht oder erhob mich vielleicht noch mehr.
Ich war gleichzeitig Dichter und Darstellerin. Da, wo der Vers mangelte, improvisierte ich. Shakespeare selbst, ich bin dessen gewiß, wäre mit mir zufrieden gewesen.
Ich werde nicht versuchen, das Erstaunen meiner Zuhörer zu schildern. Es war aller Wahrscheinlichkeit nach das erste Mal, daß diesen Organisationen die bleiche Poesie des Nordens erschien, welche mit aufgelöstem Haar ihre Schmerzen beweint.
Nur die Königin fand darin Anklänge an die Dichter ihres eigenen Vaterlandes.
Als ich abtrat, folgte mir ein mit Schluchzen gemischter Beifallssturm in mein Zimmer. Die Königin kam mir nachgeeilt und faßte mich in ihre Arme. Dann, als sie nahende Tritte hörte, rief sie:
»Wer kommt da?«
Die zudringliche Person, welche entweder die San Marco oder die San Clemente war, kehrte in den Salon zurück, oder kam vielmehr keinen Schritt näher.
Die Königin schien einen Augenblick nachzudenken, dann sagte sie plötzlich:
»Bleib hier und kehre nicht in den Salon zurück.«
Es war dies mein einziger sehnlicher Wunsch, denn ich war im höchsten Grade erschöpft.
Ich sank in einen Lehnsessel. Die Königin entfernte sich und ich hörte, wie sie sagte:
»Unsere Engländerin hat zum größeren Ruhme ihres Dichters und zu unserem größern Amüsement so wacker gespielt, daß sie vor Erschöpfung halb tot ist. Ich bitte daher, sie zu entschuldigen. Gute Nacht, meine Herren.«
»Ist es wenigstens erlaubt, Beifall zu spenden?« fragte Rocca Romana.
»O, soviel Ihnen beliebt,« sagte die Königin. »Sie werden dennoch niemals genug spenden. Gestehen Sie, daß diese Leistung etwas Wunderbares ist.«
Es erfolgte ein abermaliger lauter Beifallssturm, dann hörte ich die Stimmen allmählich verhallen. Die Königin dankte ihren Ehrendamen, welche ihre Dienste anboten, und schloß die Tür hinter ihnen. Als sie sich umdrehte, sah sie mich den seidenen Türvorhang des Salons emporheben.
»So komm' doch, Sirene! komm' doch, Circe! komm', Armida!« sagte sie.
Und indem sie ihren Arm um meinen Hals schlang, zog sie mich neben sich auf das Sofa. Wir sanken neben der Harfe nieder. Sie ergriff dieselbe und wollte selbst zu spielen und zu singen beginnen, als man leise an der Tür kratzte.
»Was will man schon wieder von mir?« fragte die Königin ungeduldig.
»Die Leute und der Wagen der Lady Hamilton sind da,« antwortete eine Stimme.
»Sie mögen in das Gesandschaftshotel zurückkehren,« sagte die Königin. »Man bedarf ihrer hier nicht. Ich behalte Lady Hamilton bei mir.«
Dann zog sie, ja trug mich beinahe nach dem Badezimmer, indem sie flüsterte:
»Komm'! komm'! Sir William ist in Caserta und wird erst morgen zurückkehren.«
Drittes Capitel
Die Nachricht, welche seit dem gestrigen Tage über dem Haupte der Königin geschwebt hatte, war die von der Einnahme der Bastille. Nichts hätte Karoline mit größerer Bestürzung erfüllen können. Es war, als ob man ihr gemeldet, daß die Neapolitaner das Kastell San Elmo erstürmt hätten.
Diese Nachricht hatte – obschon, soviel man wußte, kein anderer Bote aus Frankreich gekommen war, als der, welcher diese Nachricht gebracht und obschon man diesen im Palast zurückgehalten und eingeschlossen – sich dennoch in Neapel verbreitet und hier eine eigentümliche Sensation erweckt.
Als einige Jahre vorher die Freimaurer in Frankreich, die Illuminaten in Deutschland, die Swedenborgianer in Schweden geheime Gesellschaften zu bilden begannen, hatte die Freimaurerei auch in Italien und besonders im südlichen Teile einige Fortschritte gemacht. Diese maurerische Invasion hatte zur Zeit der Liebschaft der Königin mit dem Fürsten Caramanico stattgefunden und die Königin, welche jede Gelegenheit aufsuchte, mit ihrem Geliebten zusammenzutreffen, hatte ihn heimlich aufgefordert, sich als Maurer aufnehmen zu lassen.
Er hatte dies ohne Zögern getan und sie hatte, das Gesetz benutzend, welches die Gründung von Frauenlogen gestattete, sich zur Großmeisterin einer Loge erklärt, welcher mehrere neapolitanische Damen beigetreten waren.
Was den König betraf, so hatte er seinen Beitritt immer aufgeschoben, namentlich wegen der physischen und moralischen Proben, denen er sich nicht unterwerfen wollte, weil er nicht überzeugt war, daß er sie rühmlich bestehen würde.
Allmählich hatte die Königin sich immer freier gemacht. Nach dem Tode des Ministers Tannucci konnten die Liebenden einander sehen, sooft sie wollten. Man hatte die Freimaurerlogen sich versammeln und ruhig an ihrem Werke arbeiten lassen. Dieses Werk bestand, wie man sich erinnert, damals in nichts anderem, als in einer umfassenden Verschwörung gegen das Königtum.
Zu jener Zeit waren mehrere merkwürdige Männer aufgetreten und hatten in Italien ihre Schule gemacht. Es waren dies die Erben und Nachfolger der Vico, Genovesi, Beccaria, Filangieri, Pagano, Cirillo, Conforti, mit einem Worte aller derer, welche den Triumph derselben Prinzipien wollten, das heißt, den Fortschritt der Welt bis zum Lichte jener Philosophie, welche in Frankreich sich in eine Feuersbrunst verwandelt hatte.
Alles, was im südlichen Italien das Auge auf Frankreich geheftet, wußte im voraus, daß die Bewegung von Paris ausgehen würde und erbebte vor Freude bei der Nachricht von der Einnahme der Bastille.
Man kann sich denken, daß der Hof von Neapel ein ganz entgegengesetztes Gefühl empfand.
Die Bastille war genommen worden ohne Belagerung in einem Tage, in drei Stunden durch ein Volk, welches gestern waffenlos gewesen, und heute dreißigtausend Musketen besaß. Die weiße Kokarde, dieses Emblem der Lilien, war in die dreifarbige, das Emblem der Revolution, verwandelt. Ludwig der Sechzehnte hatte dieses Emblem, angenommen und selbst an seinem Hute befestigt. Alles dies waren unerhörte, unerwartete, unglaubliche Dinge, welche den Hof von Neapel mit Bestürzung erfüllen mußten und ihn auch wirklich damit erfüllten.
Die politischen Beziehungen waren, dank dem Hasse des Ministers Acton gegen Frankreich und dem Einflusse, den er im Kabinettsrat gewonnen, zwischen den beiden Königreichen kalt und förmlich geworden. Die Familienbeziehungen zwischen Marie Karoline und ihrer Schwester waren dagegen so zärtlich geblieben wie je und es vergingen selten vierzehn Tage, ohne daß Briefe gewechselt worden wären, in welchen die beiden Erzherzoginnen einander ihre Freuden, ihre Schmerzen und ganz besonders ihre ehelichen Enttäuschungen erzählten.
Sei es nun, daß der Minister Acton in dem Instinkt seines Hasses die Ereignisse, welche in Frankreich im Anzuge waren, erriet, sei es, daß er nur jenem rachsüchtigen Gefühl folgte, welches sein Herz erfüllte, kurz, er steigerte die Unruhe des Königs Ferdinand mehr, als daß er dieselbe beschwichtigt hätte und stellte ihm eine bewaffnete Intervention in Aussicht, bei welcher Neapel eine Rolle zu spielen oder eine Mission zu erfüllen hätte.
Einen mächtigen Bundesgenossen fand er nach dieser Seite hin in Sir William Hamilton, welcher die Liebe zu seinem Milchbruder, dem König Georg, und zu England, seinem Vaterland, bis zum Fanatismus trieb.
Was mich betraf, die ich außerhalb jeder politischen Frage stand, und mit den Rechten der Völker und der Macht der Könige sehr unbekannt war, so gehorchte ich natürlich dem Impulse, der mir gegeben ward, besonders wenn derselbe von einem Manne wie Sir William kam, dessen überlegener Geist von einem jeden anerkannt ward, und von einer Frau wie Marie Karoline, welche schon von dem ersten Tage an, wo ich sie gesehen, eine große Gewalt über mich ausgeübt hatte.
Von diesem Augenblicke an huldigte ich also dem Hasse und den Sympathien der Personen, welche mich umgaben, ohne mir Rechenschaft von diesem Hasse und diesen Sympathien zu geben, welche bei mir mehr instinktartige Gefühle als irgendeiner Regel oder einer Berechnung unterworfen waren.
Man begreift übrigens, daß diese Gefühle sich nur in den Personen entwickelten, deren Widerspiegelung ich anfangs war, um später unglücklicherweise ihr Werkzeug zu werden.
Die Nachrichten aus Frankreich blieben nicht bei der Einnahme der Bastille und dem Wechsel der Kokarde stehen. Man erfuhr nach und nach die bei dem königlichen Bankett der königlichen Garde stattgehabten Vorfälle, wo die Nationalkokarde mit Füßen getreten und die schwarze aufgesteckt worden war, so wie die Tage des 5. und 6. Oktobers, während welcher die Gemächer des Palastes von Versailles geplündert, zwei Leibgardisten getötet und der König und die Königin mit Gewalt nach Paris zurückgeführt worden waren.
Diese letzte Nachricht machte die Königin Maria Karoline sehr traurig. Sie zeigte mir einen Brief von ihrer Schwester Antoinette, worin diese ihr ein Projekt mitteilte, welches darin bestand, aus Frankreich zu entfliehen oder die von der Krone seit dem Monate Juli verlorene Gewalt vollständig wieder zu erobern.
Dieses Projekt mußte ganz Europa in Flammen setzen, und gefiel schon deshalb der Königin, welche, indem sie den Kampf gegen die Revolution begann, damit in ihr eigentliches Element eintrat. Dieses Projekt war folgendes. Aus der Darlegung, die ich in wenigen Zeilen davon geben werde, wird man sehen, daß dies die erste Idee zur Flucht nach Varennes war.
Man wollte neuntausend Mann von dem, was man das »Haus des Königs« nannte, um Versailles zusammenziehen. Von diesen neuntausend Mann gehörten zwei Dritteile dem Adel an und bestanden demzufolge aus treuergebenen Leuten. Man wollte sich der ungefähr zwanzig Lieues von Paris entfernten Stadt Montargis bemächtigen, in welcher der Baron von Viomesnil kommandierte. Derselbe war Lafayettes Kriegsgenoß in Amerika gewesen, aber nur aus Eifersucht gegen Lafayette, welcher zu den Konstitutionellen übergegangen war, seinerseits Kontrerevolutionär geworden.
Achtzehn aus den Karabiniers und Dragonern, das heißt aus den beiden royalistischen Waffengattungen ausgewählte Regimenter, sollten die Wege abschneiden und jeden nach Paris bestimmten Lebensmitteltransport anhalten.
Der König und die Königin sollten sich nach Montargis zurückziehen und hier überlegen, was weiter zu tun sei. Wahrscheinlich wollte man Paris aushungern und dieses dadurch zwingen, zu tun, was man wollte.
An Geld würde es nicht gefehlt haben. Außer dem, welches der König von Paris mitnehmen könnte, zählte man auf freiwillige Gaben. Ein einziger Prokurator der Benediktiner hatte hunderttausend Taler angeboten.
Maria Karoline rief:
»Ich gebe eine Million, sollte ich auch meine Diamanten verkaufen!«
Hinter dieser königlichen Gabe bot ich bescheiden in Sir Williams Namen und dem meinigen fünfzigtausend Francs, welche auch angenommen wurden.
Die Tage des 5. und 6. Oktobers machten jedoch die Ausführung des eben erwähnten Projektes unmöglich.
Alle diese Nachrichten verfehlten nicht auf die Königin von Neapel ihre Wirkung zu äußern. Sie ahnte, daß eines Tages auch sie unter ähnlichen Umständen wie die, worin ihre Schwester sich befand, wie diese genötigt sein würde, entweder zu fliehen oder das Haupt unter den Volkswillen zu beugen. Sie glaubte, es sei dies der geeignete Augenblick, um die Familienbande mit Österreich fester zu knüpfen, und durch diesen Bund ihrer Schwester Marie Antoinette, die in Frankreich immer mehr an Popularität verlor, den einzigen Stützpunkt zu geben, den sie gegen ihr Volk anrufen konnte, nämlich die Familie.
Die Königin bewies mir ein solches Vertrauen, daß sie nicht bloß die Güte hatte, mir alle Ereignisse mitzuteilen, von welchen mich übrigens auch Sir William unterrichtet haben würde, sondern mich auch über alle Dinge zu Rate zu ziehen.
Zwei ihrer Töchter waren heiratsfähig. Es ward demgemäß zwischen dem Hofe von Neapel und dem von Österreich verabredet, daß sie die beiden Erzherzöge Franz und Ferdinand heiraten sollten, während der Kronprinz von Neapel, Franz, Herzog von Kalabrien, der damals kaum erst dreizehn Jahre zählte, sobald er das erforderliche Alter erreicht, die junge Erzherzogin Marie Clementine heiraten sollte, welche noch zwei Jahr jünger war als er.
Marie Antoinette korrespondierte fleißig mit ihrem Bruder, Joseph dem Zweiten, durch Vermittlung ihrer Ratgeber. Diese waren der Abbé Vermond und der Graf von Breteuil. Der österreichische Gesandte in Paris, der Graf von Argenteau, empfing die Briefe von Wien und beförderte die von Paris nach Wien.
Am 20. Februar 1790 starb Kaiser Joseph der Zweite, und einige Tage darauf erfuhr die Königin diesen Todesfall, auf den man übrigens schon längst gefaßt gewesen.
Der Kaiser starb an einem Brustleiden. Er beklagte, daß er nach der ruhmreichen Regierung Maria Theresias ohne Ruhm regiert und sah von seinem Sterbebette aus im Geiste die Gefahren, welche seiner Familie drohten.
Der Großherzog von Toskana Leopold, bestieg nun den Thron. Er stand im Rufe eines gelehrten Philosophen und großen Reformators. Die Königin Karoline fürchtete, daß die Philosophie ihres Bruders am Ende so weit ginge, daß er die Ereignisse, welche sich in Frankreich vorbereiteten, zur Entwickelung kommen ließe, ohne sich denen entgegenzusetzen.
Diese Erwägung bestimmte sie, mit ihrem Gemahl eine Reise nach Wien zu machen. Der angebliche Zweck war, mit dem neuen Kaiser, welcher seine Schwester Marie Karoline sehr liebte, die notwendigen Verabredungen wegen den Familienheiraten zu treffen. Der eigentliche Zweck aber war, Mittel zur Rettung der Königin Marie Antoinette zu ersinnen, sei es, indem man ihr zur Flucht behilflich wäre, sei es, daß man eine Contrerevolution in Frankreich hervorriefe, oder sei es, daß man mittels einer Koalition eine Intervention mit bewaffneter Hand versuchte.
Die Königin konnte sich kaum entschließen, mich zu verlassen. Ich war, sagte sie, die einzige Person, welche sie in Neapel zurückließ. Ich mußte ihr versprechen, ihr dreimal wöchentlich zu schreiben.
Ich hatte mich erboten, sie zu begleiten und sie hatte mein Anerbieten mit Dank angenommen. Meine Gegenwart am Hofe in Wien aber, als Gattin des englischen Gesandten in dem Augenblicke, wo in diesem selben Augenblicke eine Koalition gegen Frankreich sich vorbereitete, erschien Sir William allzu bedeutsam.
Er setzte der Königin seine Gründe auseinander. Sie fand dieselben gerecht und war die erste, welche mir zu bleiben befahl.
Mit wahrhafter Verzweiflung verließ sie mich einige Tage nach dem Tod ihres Bruders. Sie ließ mich schwören, in ihrer Abwesenheit niemanden zu empfangen als meinen alten Anbeter, den Grafen von Bristol, dem sie mich übergab, indem sie ihm befahl, ihren Schatz zu hüten. Sie ließ sich ein Porträt von mir fertigen, gab mir das ihrige, und bat mich, als höchsten Beweis des Vertrauens und der Freundschaft, ihre Kassette in Verwahrung zu nehmen.
Endlich reiste sie ab.
Überall, wo sie unterwegs verweilte, wußte sie es möglich zu machen, mir zu schreiben und während der ganzen Zeit ihres Aufenthaltes in Wien empfing ich jede Woche einen Brief von ihr. Sie erzählte mir die Krönungsfeierlichkeiten, welchen sie sowohl in Wien wie in Pest beiwohnte, weil der Kaiser, als König von Ungarn, nicht bloß die kaiserliche Krone in Wien, sondern auch die königliche Krone in Pest empfing.
Was die politischen Dinge, das heißt die Maßregeln betraf, welche man zu treffen hatte, um Marie Antoinette zu retten oder Europa gegen Frankreich zu verbünden, so deutete eine einzige Zeile als Nachschrift darauf hin und enthielt bloß die drei Worte: »Alles geht gut.«
In der Tat bereitete während dieser Reise Karoline – im Bunde mit ihrem Bruder – die Flucht nach Varennes vor und man beschloß, daß eine Armee sich bereit halten sollte, den König und die Königin von Frankreich zu unterstützen, sobald dieselben die Grenze passiert haben würden.
Der König Ferdinand soll nach seiner Rückkehr in Neapel seine Armee in geeigneten Stand setzen, um sie mit der österreichischen Armee gemeinschaftlich agieren lassen zu können.
Endlich, in den ersten Tagen des Aprils, empfing ich von der Königin einen Brief, worin sie mir ihre bevorstehende Rückkehr meldete. Dabei wollte sie jedoch, da sie sich genötigt sah, mit dem Papst Pius dem Sechsten einige politische Angelegenheiten zu ordnen, dort eine Woche verweilen.
Sofort nach ihrer Ankunft daselbst wollte sie mir wieder schreiben.
In der Tat war sie auch kaum daselbst angelangt, so schrieb sie mir. Die Kälte, welche während einiger Jahre den Hof von Rom von dem Hofe von Neapel getrennt und deren Ursache in der Weigerung des Königs Ferdinand oder vielmehr des alten Ministers Tannucci, einen gewissen althergebrachten Tribut zu zahlen, bestand, war vor der gemeinsamen Gefahr verschwunden.
Es ward zwar von den beiden Monarchen festgesetzt, daß dieser Tribut abgeschafft bleibe, und dagegen die Könige von Neapel bloß bei ihrer Krönung zum Zeichen ihrer Ehrfurcht vor den Aposteln Petrus und Paulus dem heiligen Vater eine gewisse Summe bezahlen sollten.
In dem Brief, welcher mir die Abreise der Königin von Rom meldete, bestimmte sie den Tag und die Stunde ihrer Ankunft in Caserta, wohin sie mich einlud ihr entgegenzukommen und sie zu erwarten, damit wir uns sobald als möglich und zwar ohne Zeugen wiedersähen.
Ich allein ward auf diese Weise von ihrer Rückkehr benachrichtigt; ihre Frauen und selbst ihre Kinder sollten sich erst den nächstfolgenden Tag bei ihr einfinden.
Der König sollte seine Reise bis Neapel fortsetzen und während die Königin in Caserta ausruhte, sich mit dem Chevalier Acton und Sir William beraten, für welche der Hof von Neapel keine Geheimnisse hatte.
Um meinerseits eine Ungeduld zu beweisen, welche der, deren Gegenstand ich war, gleichkäme, war ich schon lange vor der Stunde der Ankunft in Caserta und konnte, als man ihren Wagen auf der Straße von Capua erblickte, sie von weitem durch Winken mit meinem Tuche begrüßen. Die Königin sah mich und schwenkte zur Antwort das ihrige.
Der königliche Wagen verdoppelte seine Schnelligkeit und ich hatte nur eben noch Zeit, die große Treppe hinabzueilen, um die Monarchin in meinen Armen zu empfangen. Der Verabredung gemäß setzte der König seinen Weg weiter fort und wir, die Königin und ich, blieben in Caserta zurück.