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Kitabı oku: «Memoiren einer Favorite», sayfa 28

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Viertes Capitel

Dank der von der Königin gebrauchten Vorsicht hatten wir vierundzwanzig Stunden für uns.

Marie Karoline war in der heitersten Stimmung. Abgesehen von der Freude, mich wiederzusehen, kam sie mit der Versicherung des Kaisers Leopold, daß eine Koalition, für welche man auch Preußen zu gewinnen hoffte, sich gegen dieses Frankreich bilden würde, welches sie so sehr haßte.

Während ihres Verweilens in Wien war sie von den Emigranten besucht worden, welche alle Frankreich als von zehn verschiedenen Parteiungen zerrissen geschildert und laut die Hilfe des Auslandes angerufen hatten.

Diesen Personen zufolge handelte es sich von der Grenze bis Paris bloß um eine Promenade, die nicht einmal das Verdienst der Gefahr haben würde.

Was Ludwig den Sechzehnten und Maria Antoinette betraf, so war alles in bezug auf ihre Flucht im voraus fest bestimmt. Am 12. Juni sollten sie Paris verlassen und über Chalons, Verdun und Montmédy die Grenze gewinnen, wo sie der König von Schweden. Gustav, erwarten sollte, der sich sodann augenblicklich an die Spitze der zum Marsch gegen Paris bestimmten Armee stellen würde.

Die Aufgabe der Königin war nun, für diese Koalition auch die sämtlichen kleinen Fürsten von Italien und den König von Spanien zu gewinnen.

Man betrachtete das letztere als sehr leicht, da ja der König Carl der Vierte der Bruder des Königs Ferdinand war.

Marie Karoline bezweifelte nicht das Gelingen dieser doppelten politischen Operation und genoß im voraus die doppelte Freude des befriedigten Hasses und des gerechten Stolzes.

Ich weiß nicht, ob die Königin denselben Hochgenuß darin fand, zu mir herabzusteigen, wie ich, zu ihr emporzuklimmen.

Ich bezweifelte es. Es liegt in den königlichen Freundschaften, welche die Würde des Thrones zu vergessen geruhen, eine eigentümliche Anziehungskraft, denn diese Freundschaften sprechen nicht bloß zum Herzen, sondern auch zu allen stolzen Regungen, welche besonders bei dem Weibe mit dem geheimsten Ehrgeiz der Seele in Wechselwirkung stehen.

Für kein Weib in der Welt hätte ich dieses Selbstverleugnungsvolle Gefühl empfunden, welches ich für die Königin empfand, eben deshalb weil sie Königin, weil sie Marie Karoline hieß und weil sie Maria Theresias Tochter war.

Was war ich dagegen neben ihr, selbst wenn ich vergaß, daß ich Emma Lyonna gewesen, um mich bloß zu erinnern, daß ich Lady Hamilton war?

Man wundere sich daher nicht darüber, daß der Rausch dieser königlichen Gunst mich zu so großen Fehltritten, vielleicht sollte ich sagen zu so großen Verbrechen verleitete. Ach, ich bin ein Kind des Stolzes!

Während wir, die Königin und ich, in Caserta waren, versammelte der König den Kabinettsrat und am Tage seiner Ankunft beschloß man, nicht bloß alle Anstalten zu treffen, um den Krieg gegen Frankreich zu beginnen, sondern auch scharf den revolutionären Geist zu überwachen, der sich auch in Neapel anscheinend offen regen wollte und hier dieselben Unordnungen zur Folge haben konnte wie in Frankreich.

Es war ein großer und gefährlicher Entschluß, Frankreich den Krieg zu erklären, und zwar aus dem Grunde, weil der König von Neapel ebensowenig kriegerischen Geist besaß als sein ganzes Volk.

Die kriegerischen Neigungen des Königs hatten sich bis jetzt auf eine unmäßige Leidenschaft für die Jagd beschränkt und wenn er einmal zufällig statt der Hirsche und Wildschweine ein anderes Ziel für seine Kugel gewählt hatte, so hatte dieses gewöhnlich bloß in einem armen Teufel von Bauer bestanden, welchem er, um seine Geschicklichkeit zu beweisen, den Hut vom Kopfe geschossen. Seitdem er aber einmal bei einem dieser Experimente anstatt nur den Hut zu treffen, auch den Kopf des Unglücklichen, der zugleich der Ehre und Schande teilhaftig war, ihm als Zielscheibe zu dienen, getroffen und ihn auf der Stelle getötet, hatte er auch diesem Amüsement für immer entsagt.

Was das neapolitanische Volk betraf, so hatte es, abgesehen von einigen Erneuten, von welchen die längste, nämlich die Masaniellos, vierzehn Tage dauerte, stets, obschon im Einzelkampfe mutig, gegen förmliche Schlachten eine nicht zu leugnende Abneigung gehegt. Die sieben Millionen Menschen, aus welchen damals das neapolitanische Volk bestand, waren durchaus nicht in den Waffen geübt, und seit den Schlachten von Bitonto und Velletri, Schlachten, an welchen die Neapolitaner keinen Anteil genommen, weil dieselben zwischen den Spaniern und den Österreichern entschieden wurden, hatte Neapel den Donner der Kanonen nicht wieder gehört.

Die letzte dieser Schlachten, nämlich die von Velletri, hatte vor etwa sieben- oder achtundvierzig Jahren stattgefunden, selbst der Nachhall des Kanonendonners hatte daher Zeit gehabt, zu verstummen und die dermalige Generation bestand aus den Enkeln derer, die nicht selbst gekämpft, sondern bloß hatten kämpfen sehen.

Nicht ohne Grund argwöhnte die Königin, daß die in Frankreich proklamierten neuen Prinzipien ihren Widerhall in Neapel finden würden. Der ganze mezzo ceto, welcher größtenteils aus Advokaten, Ärzten, Künstlern und dergleichen bestand, war von diesen Prinzipien durchdrungen.

Ganz besonders die Jugend, welche die Bücher Voltaires, die Werke Rousseaus, die Schriften der Philosophen und der Enzyklopädisten begierig verschlungen und welche diese einen Augenblick lang erlaubten Bücher jetzt mit Strenge verboten und mit Eifer verfolgt sah, fragte sich, mit welchem Rechte man sie, wenn ein Nachbarvolk sich zum Lichte hindurchkämpfte, in der Finsternis erhalten wolle.

Allerdings gab es zum Gegensatze zu der fortschrittsfreundlichen, liberalen und aufgeklärten Bevölkerung einen Adel, der keinen andern Ruhm und keine andere Hoffnung kannte als die bei Hofe und die Gunst des Königs, ferner eine verderbte unwissende Geistlichkeit, welche in dem Siege der französischen Prinzipien den Sturz ihrer Macht und den Verlust ihres Vermögens sah, und endlich ein fanatisches Volk, welches dem Könige Ferdinand aufrichtig ergeben war, nicht bloß, weil er der angestammte König war, sondern auch, weil er in bezug auf das Volk vertraulich und liberal, mit diesem infolge seiner gemeinen Sprache, seiner ordinären Beschäftigungen und seiner niedrigen Instinkte eine Ähnlichkeit hatte, welche aus dem Sohne Carls des Dritten nicht das machte, was er hätte sein sollen, nämlich der erste Edelmann des Königreichs, sondern das Oberhaupt der Lazzaroni vom Hafendamme.

Man muß ihm übrigens die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu sagen, daß er alle diese Kriegsrüstungen, zu welchen die Königin, der Chevalier Acton und Sir William ihn trieben, vornahm, ohne sich über die Triumphe, welche dieser Armee, die er organisierte, beschieden sein würden, große Illusionen zu machen. Er hatte sich einmal verbindlich gemacht, in dem großen Kampfe, der sich vorbereitete, eine Rolle zu spielen und es gab nur eins, wozu er fest entschlossen war, nämlich sein eigenes Leben nicht unklug auf's Spiel zu setzen.

Mittlerweile verging die Zeit und man näherte sich dem 12. Juni, dem für die Flucht des Königs bestimmten Tage.

Die Königin sprach mit mir über diesen verzweifelten Versuch ihres Schwagers und ihrer Schwester alle Tage und verhehlte sich nicht, daß sie auf diesen Wurf alles setzten, um alles zu gewinnen.

Marie Caroline ließ, ohne zu sagen zu welchem Zwecke, für den 12. Juni in allen Kirchen öffentliche Gebete anbefehlen.

Diese seltsame Persönlichkeit vereinte zwei Extreme in sich. Sie war zu gleicher Zeit abergläubisch und freigeisterisch und die bigotten Instinkte kämpften in ihr mit der philosophischen Erziehung.

Der 12. Juni kam. Die Königin brachte fast den ganzen Tag in der Kapelle des Schlosses auf den Knien zu.

Mir erlaubte sie nicht, sie dahin zu begleiten, denn sie fürchtete, daß ich als Ketzerin ihr Unglück bringen könnte.

Am Abende jedoch ließ sie mich holen, behielt mich die ganze Nacht bei sich und verbrachte einen Teil der Nacht damit, daß sie auf einer Landkarte diese Flucht verfolgte, welche ihre Gedanken so sehr beschäftigte.

»Jetzt müssen sie die Tuilerien verlassen,« sagte sie. »Jetzt müssen sie in Bondy sein, jetzt in Meaux, jetzt in Montmirail.«

Erst um fünf Uhr legte sie sich nieder, und erst um acht Uhr schlief sie ein.

Am Abend traf ein Kurier aus Frankreich ein, welcher einen Brief von Marie Antoinette brachte. Ich war bei der Königin, als dieser Brief ankam; sie hatte den ganzen Tag nicht erlaubt, daß ich sie verließe. Mit zitternder Hand öffnete sie den Brief, und gleich nachdem sie die erste Zeile gelesen, rief sie ungeduldig:

»Denke dir, Emma, sie sind den 12. nicht abgereist.«

Mit diesen Worten zog sie ihr Tuch, trocknete sich den Schweiß von der Stirne und, fuhr dann fort zu sprechen, indem sie zugleich weiter las:

»Frau von Rochereul, die Geliebte eines Adjutanten Lafayette's, hatte bis zum 13. abends Dienst bei dem Dauphin. Man fürchtete, daß die Sache verraten werde.«

»Man hat klug gehandelt,« murmelte sie, »aber es wäre besser gewesen, wenn man eher daran gedacht hätte.«

Sie las wieder einige Zeilen.

»Die Abreise ist nun bis auf den 18. verschoben,« sagte sie.

»Also noch acht Tage der Angst und Unruhe.«

Sie zerknitterte das Papier in der Hand, anstatt es aber von sich zu werfen, steckte sie es zerknittert in den Busen.

»Wer ist der Kurier, der diesen Brief gebracht hat?« fragte sie.

»Derselbe, den Ew. Majestät vor drei Wochen an die Königin von Frankreich abgesendet hat.« »Ferrari?« rief sie.

»Ja, Ferrari, Majestät.«

»Dann lasse man ihn heraufkommen. Ohne Zweifel wird er mir noch etwas mündlich zu sagen haben.«

»Allerdings hat er gewünscht, daß man nicht vergessen möge, Ew. Majestät seinen Namen zu nennen.«

Es vergingen einige Sekunden, dann trat Ferrari ein.

Es war ein Mann von achtundzwanzig bis dreißig Jahren, schon seit acht oder zehn Jahren im Dienste des Schlosses, und ein ganz vortrefflicher Reiter, welcher, ohne auszuruhen, Strecken von hundert und zweihundert Lieues zurücklegte.

Er war es, der auf der Rückreise von Wien dem königlichen Wagen vorangeritten war, um überall Pferde zu bestellen. Marie Caroline hatte ihn ihrer Schwester als einen Mann empfohlen, dem sie unbedingt vertrauen könne.

Marie Antoinette war es, so scharf sie auch von Lafayette und dessen Generalstab bewacht ward, doch gelungen, Ferrari in den Tuilerien zu empfangen, und man hatte ihm alle Einzelheiten über die Art und Weise mitgeteilt, auf welche man die Wachsamkeit des Generals der Nationalgarde zu täuschen hoffte.

Um sich einen Begriff von den Schwierigkeiten, welche die Flucht darbot, machen zu können, muß man zuvörderst wissen, wie die königliche Familie bewacht war.

Lafayette, welcher der Nationalversammlung mit seiner eigenen Person haftete, hatte alle seine Vorkehrungen getroffen.

Sechshundert Mann Nationalgarde von den verschiedenen Sektionen hielten Tag und Nacht in den Tuilerien Wache.

Vor dem äußern Tor hielten fortwährend zwei berittene Gardisten. Schildwachen standen an allen Türen des Gartens, und die Terrasse des Flusses war ebenfalls in Entfernungen von je hundert Schritt mit Schildwachen besetzt.

Im Innern war die Wachsamkeit nicht weniger groß. Die Schildwachen standen bis in die Zugänge, welche zu dem Kabinett des Königs und der Königin führten, bis in einen kleinen, im Dachraum angebrachten finstern Korridor, in welchen die für den Dienst der königlichen Familie bestimmten geheimen Treppen mündeten.

Der König und die Königin, welche keine Leibgarde mehr hatten, verließen den Palast nicht anders, als unter der Eskorte von zwei oder drei Offizieren der Nationalgarde.

Von allen diesen Schwierigkeiten umringt, hatten der König und die Königin folgendes ausgesonnen:

Die erste Dame des Dauphin, die, welcher man nicht recht traute, verließ, wie die Königin Marie Antoinette in ihrem Briefe gesagt, ihren Dienst am 12.

Das kleine Zimmer, welches sie in den Tuilerien bewohnte, wird dann leer. Dieses kleine Zimmer ging in ein Gemach, welches schon seit sechs Monaten leer stand und von Herrn von Villequier, erstem Kammerherrn, bewohnt gewesen war. Es stand jetzt leer, weil Herr von Villequier ausgewandert war.

Dieses im Erdgeschoß befindliche Zimmer hatte zwei Ausgänge – einen auf den Prinzenhof, den andern auf die Rue Royale.

Die Königin sollte sagen, weil es ihr an Platz fehle, solle man ihr für ihre Tochter das Zimmer der Frau von Rochereul überlassen, welches durch Beendigung des Dienstes dieser Dame leer ward.

Was das Zimmer des Herrn von Villequier betraf, so sollte der König, der ein vortrefflicher Schlosser war, einen Schlüssel fertigen, mit dessen Hilfe man es öffnen könnte.

Wie zahlreich auch die Schildwachen waren, so hatte man gleichwohl vergessen, eine an die Tür dieses Zimmers zu stellen. Übrigens waren, sobald es elf Uhr geschlagen, die Schildwachen, da der Dienst des Schlosses zu dieser Stunde endete, daran gewöhnt, sehr viele Leute auf einmal herauskommen zu sehen.

Man hatte daher Aussicht, mitten unter allen diesen Leuten den Palast verlassen zu können, ohne erkannt zu werden. War man einmal aus den Tuilerien hinaus, so übernahm ein Schwede, Herr o. Fersen, welcher der Königin sehr ergeben war, das übrige. Er wollte, als Fiakerkutscher verkleidet, an dem Pförtchen der Rue de l'Echelle warten, und die Flüchtlinge bis an die Barriere von Clichy bringen, wo ein von ihm bestellter Reisewagen, fertig bespannt, bei einem Freunde von ihm, Mr. Crawford, warten sollte.

Der König sollte als Intendant verkleidet sein, das heißt, einen grauen Rock, Atlasweste, grüne Beinkleider, graue Strümpfe, Schnallenschuhe und einen kleinen dreieckigen Hut tragen.

Ein Kammerdiener des Königs, namens Hue, von derselben Größe wie der König und dessen Gang und Haltung der König sich einstudiert, ging seit zwei oder drei Tagen aus und ein und sollte damit fortfahren bis zum Abend der Flucht, damit man sich daran gewöhnen möchte, diesen graugekleideten Mann vorübergehen zu sehen.

Der Dauphin sollte als kleines Mädchen verkleidet werden. Die Königin, Madame Elisabeth, die königliche Prinzessin sollten mit den diensttuenden Frauen untermischt hinausgehen, und man hoffte, daß sie unter der Menge unbemerkt passieren würden.

Die Fliehenden mußten aber auch Pässe haben. Herr von Fersen hatte es übernommen, auch hierfür zu sorgen. Eine Freundin von ihm, Frau von Corff, stand im Begriff, Paris zu verlassen. Sie hatte einen Paß für sich, ihre beiden Kinder, einen Kammerdiener und zwei Kammerfrauen. Diesen Paß hatte sie Herrn von Fersen überlassen, und dieser hatte ihn der Königin gegeben. Auf diese Weise gedachte man aus Paris hinauszukommen.

Herr von Bouille, ein Mann von Mut und Verstand, auf welchen der König rechnen konnte, hatte sämtliche Truppen Lothringens, des Elsaß, der Franche-Comté und der Champagne unter seinem Kommando. Er war beauftragt, die Straße zu explorieren, welche von Chalons über Varennes nach Montmédy führt.

In gewisser Entfernung auf dieser Straße aufgestellte und von treuergebenen Offizieren kommandierte Truppen sollten die Ankunft des Königs erwarten, und ihm zur Eskorte dienen.

Herr von Bouillé hatte eine Million in Assignaten zugesendet erhalten, um alle Ausgaben bestreiten zu können.

So standen die Dinge, als am 12. Juni abends Ferrari in Neapel ankam. Er hatte neun Tage gebraucht, um diesen Weg zurückzulegen und war folglich am 4. von Paris abgereist.

Die Königin Marie Caroline schenkte ihm zweihundert Dukaten, forderte ihn auf, auszuruhen, und befahl ihm, sich auf jedes Ereignis gefaßt zu halten. Ferrari antwortete, vierundzwanzig Stunden Ruhe wären für ihn genug und die Königin könne auch noch vor Ablauf derselben über ihn disponieren.

Fünftes Capitel

Während aller dieser Tage der Unruhe, die auf die Ankunft des Kuriers folgten, verlangte die Königin, daß ich in ihrer Nähe bliebe. Allen anderen gegenüber zeigte sie sich ungestüm, heftig und schroff. Gegen mich allein blieb sie sanft und gut, denn nur mir allein teilte sie ihre Hoffnungen und Befürchtungen mit.

Der Kurier der Gesandtschaft kam alle Wochen. Der 16. war der Tag seiner Ankunft. Am 16., während die Königin mit mir in dem alten Park der Herzöge von Caserta spazieren ging, ward uns von einem der Huissiers des Palastes ein Sekretär aus dem Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten zugeführt. Schon von weitem sah die Königin, daß dieser Sekretär einen Brief in der Hand hatte. Sie erhob sich von der Bank, auf der wir saßen, und ging ihm rasch entgegen.

Der junge Mann verneigte sich und überreichte ihr den Brief.

Die Königin öffnete diesen Brief, las ihn, machte ein Zeichen der Ungeduld und gab ihn dann mir.

»Haben Euer Majestät mir vielleicht Befehle zu erteilen?« fragte der junge Mann.

»Nein, ich habe Ihnen nur meinen Dank zu sagen.«

Der junge Mann verneigte sich abermals und fragte, ehe er sich entfernte, ob der Huissier ermächtigt wäre, ihm eine Quittung über den Brief zu geben und zu bescheinigen, daß derselbe in die eigenen Hände der Königin befördert worden.

Der Huissier erhielt Befehl, zu tun, was von ihm verlangt ward.

Der junge Mann und er entfernten sich.

Die Königin schlang ihren Arm um meinen Hals, las über meine Schulter hinweg und sagte:

»Verstehst du?«

»Ja, vollkommen,« antwortete ich.

Und ich las laut:

»Die Jagd ist auf den 21. verschoben. Um Mitternacht wird man aufbrechen, um bei Tagesanbruch auf dem Sammelplatz zu sein. Diese Verzögerung ist durch einen Kreditbrief verursacht worden, welcher den 20. fällig wird.«

Der Brief war ohne Unterschrift. Die Königin erkannte aber die Handschrift ihrer Schwester Marie Antoinette.

»Wie! Euer Majestät begreifen nicht?« fragte ich.

»O doch,« sagte die Königin. »Man wird erst am 20. um Mitternacht anstatt am 18. abreisen, weil am 20. morgens der König den Vierteljahresbetrag seiner Zivilliste ausgezahlt erhält.«

»Und wieviel beträgt diese Summe?« fragte ich.

»Sechs Millionen.«

»Ah, das lohnt allerdings der Mühe,« sagte ich lächelnd.

»Ja,« antwortete die Königin, »aber immer noch dauert es zwei Tage. Wer weiß, was in diesen zwei Tagen geschehen kann.«

Dann schüttelte sie den Kopf und sagte:

»Ach, meine arme Emma, ich habe traurige Ahnungen.«

Es muß hierbei bemerkt werden, daß die Königin alle ihre Kümmernisse für sich und für mich behielt und weder dem König noch dem Minister ein Wort davon sagte.

Die Tage verflossen. Caroline ging nicht nach Neapel; sie verließ nicht Caserta und ich verließ sie nicht. Sir William, vor welchem wir keine Geheimnisse hatten und der die Besorgnisse der Königin kannte, forderte mich selbst auf, ihr treue Gesellschaft zu leisten.

Während des ganzen Tages am 20. hatte sie keine Ruhe und konnte weder stehen noch sitzen. Es war als ob sie, von physischer Ermüdung dazu gezwungen, ihre haßerfüllten Gedanken zu verbannen suchte. Von Mitternacht an stieg ihre Aufregung, wenn dieses überhaupt möglich war, immer höher. Einen Augenblick lang war sie mit dem Gedanken umgegangen, Ferrari wieder nach Paris zu schicken. Sie hatte aber eingesehen, daß, wie sehr er sich auch beeilte, er doch immer nur erst den zweiten oder dritten Tag nach der Abreise der königlichen Familie in Paris anlangen würde. Deshalb hatte man Ferrari dabehalten, um ihn für einen dringenden Fall zur Verfügung zu haben.

Sie hoffte, daß der König oder die Königin im Augenblick der Abreise einen Kurier an sie abgefertigt haben würden, um ihr diese Abreise zu melden. In diesem Falle ward dieser Kurier am 29. Juni erwartet.

Der Tag des 29., des 30. Juni und der Vormittag des 1. Juli vergingen, ohne daß Nachrichten eintrafen; am 1. Juli aber gegen elf Uhr morgens fand Sir William sich in eigener Person ein und verlangte mich zu sprechen.

Die Königin, welche für alle ein Gegenstand der Unruhe war, forderte mich auf, sogleich zu Sir William hinunterzugehen. Er erwartete mich in einem kleinen Salon des Erdgeschosses. Gleich auf den ersten Blick sah ich ihm am Gesicht an, daß er der Überbringer schlimmer Nachrichten war.

»Was gibt's?« fragte ich ihn auf englisch.

»Der König und die Königin sind in einer Stadt namens Varennes angehalten worden,« antwortete mir Sir William, »und höchstwahrscheinlich hat man sie zu dieser Stunde schon wieder nach Paris zurückgeführt.«

»Wie sagen Sie, Sir William?« rief eine Stimme.

Ich drehte mich um. Die Königin stand ungeduldig und ein Unglück ahnend auf der Schwelle der Tür. Sie war mir gefolgt und hatte Sir Williams Worte gehört, ohne dieselben zu verstehen. An dem Tone aber, womit er gesprochen, hatte sie wohl erraten, daß er mir nichts Gutes verkündete.

Sie hatte ihre Frage auf französisch getan.

»Madame,« antwortete Sir William, ich meldete Mylady ein großes Unglück.«

»Man hat meine Schwester ermordet!« rief die Königin.

»Nein, Madame, ein solches Verbrechen hat Gott nicht gestattet. Ihre Schwester lebt, aber sie ist auf ihrer Flucht erkannt, angehalten und gefangen nach Paris zurückgebracht worden.«

»Gefangen? Meine Schwester? Man hat gewagt, die Hand an eine königliche Person zu legen?«

»Ihr erster Gedanke, Madame, war ja, daß man sie gar ermordet hatte.«

»Daß man eine Königin ermordet, ist mir erklärlich. Dazu bedarf es bloß eines Fanatikers oder eines Wahnsinnigen. Um sie aber gefangenzunehmen, dazu bedarf es einer offenen Rebellion, einer Volksempörung, einer Revolution!«

»Aber wie wollten denn Ew. Majestät die Bewegung, welche jetzt in Frankreich stattfindet, anders nennen als eine Revolution?«

»Wenigstens hoffe ich, daß, wenn die Königin Gefangene, sie es in ihrem Palaste ist?«

»Wir wissen noch weiter nichts, Madame, als daß vierzig oder fünfzig Lieues von Paris, in einer kleinen Stadt, welche man Varennes nennt, Ihre Majestäten der König und die Königin von Frankreich angehalten worden sind. Die englische Gesandtschaft hat mir einen Kurier mit einer Depesche zugesendet, die weiter nichts enthält. Beim Abgange des Kuriers waren der König und die Königin schon nach Chalons zurückgebracht und drei Volksrepräsentanten reisten von Paris ab, um ihnen entgegenzugehen und sie zu beschützen.«

»Um sie zu beschützen!« rief Marie Caroline; »drei Advokaten wahrscheinlich beschützen den König und die Königin von Frankreich! Das ist seltsam! Kann ich den Kurier sprechen?«

»Ich habe ihn mitgebracht, denn ich vermutete sogleich, daß Ew. Majestät ihn vielleicht zu befragen wünschten.«

»Ich danke Ihnen; lassen Sie ihn kommen. Nicht wahr, du wirst mir als Dolmetscherin dienen, Emma?«

»Ich glaube, er spricht französisch,« antwortete Sir William.

»Nun dann um so besser,« sagte die Königin.

Fünf Minuten später stand der Kurier vor ihr.

Er wußte aber weiter nichts, als was er auf der Straße sprechen gehört. Man hatte ihm erzählt, daß man, als man die Flucht des Königs erfahren, Lafayette hatte umbringen wollen, weil man ihn beschuldigte, diese Flucht begünstigt zu haben. Das Ernsthafteste bei der Sache sei, daß die Pariser im höchsten Grade erbittert wären, und er könne versichern, daß der König bei seiner Rückkunft nach Paris alles zu fürchten haben würde, wenn nicht zu seiner Sicherheit die größten Vorsichtsmaßregeln getroffen wären.

Plötzlich, während der Kurier der Königin die Einzelheiten mitteilte, erinnerte er sich, daß er auf den Straßen »Gefangennehmung des Königs Ludwigs des Sechzehnten« ausrufen gehört und daß er das Zeitungsblatt gekauft hatte, in welchem die Gefangennehmung erzählt ward.

Die Königin streckte begierig die Hand aus, der Kurier suchte in seinen Taschen und zog endlich aus einer derselben eine Nummer der »Revolutionen von Frankreich und Brabant« von Camille Desmoulins hervor.

Die Königin durchflog das Blatt rasch, dann knitterte sie es Mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Wut zwischen den Händen zusammen und rief:

»O, die Elenden! Besser wäre es, sie hätten ihn zehn-, hundert-, tausendmal getötet, als auf diese Weise beschimpft.«

Ich nahm ihr das Journal aus den Händen und wollte es dem Boten zurückgeben.

»O, lies! lies!« sagte sie; ich will, daß du selbst siehest, wie diese nichtswürdigen Franzosen ihrem König begegnen.«

Meine Augen fielen auf folgende Zeilen:

»Wovon hängen die großen Ereignisse ab? Sainte-Menehould, dieser Name erinnert unsern gekrönten Sancho Pansa an die berühmten Schweinsfüße. Er will sich nicht nachsagen lassen, daß er durch Sainte-Menehould gekommen sei, ohne von den berühmten Schweinsfüßen an Ort und Stelle gegessen zu haben. Er gedenkt nicht mehr des Sprichwortes: Plus occiclit gula quam gladius. Die Zeit, welche über diesen Zubereitungen verging, war ihm verderblich.«

»Dergleichen Angriffe verdienen bloß Verachtung,« sagte ich zur Königin.

Ohne auf mich zu hören, fuhr sie fort:

»Und die Könige sehen ihren Bruder auf diese Weise behandeln, und sie erheben sich nicht alle wie ein Mann und schwören, auf Paris zu marschieren und in dieser fluchwürdigen Stadt keinen Stein auf dem andern zu lassen. O Könige! Familie von Feiglingen! Sehet ihr nicht, daß man euch dort allen den Prozeß macht? Sir William!«

»Madame?« entgegnete Sir William, indem er sich verneigte.

»Kehren Sie jetzt sogleich wieder nach Neapel zurück?«

»Wenn Ew. Majestät es wünscht.«

»Ja, ich wünsche es, und Sie können mir wohl einen Platz in Ihrem Wagen einräumen?«

»Dies wäre eine große Ehre für mich, Madame.«

»Doch nein, eben fällt mir etwas noch Besseres ein. Gehen Sie, in einer Viertelstunde folgen wir Ihnen. Gehen Sie in den Palast und bitten Sie den König in meinem Namen, den Kabinettsrat zusammenzuberufen. Ich will mit allen diesen Männern sprechen. Ich sehe noch gar nicht, daß man sich zum Kriege rüstet, und dennoch haben wir gegen unsern Bruder Leopold Verbindlichkeiten übernommen. Es wäre eine Schande, wenn er bereit wäre und wir wären es nicht. Gehen Sie, Sir William, gehen Sie, und bemühen Sie sich zu erfahren, ob wir auf England rechnen können.«

Wenn die Königin auf diese Weise so sprach, so lag in ihrem Worte eine solche Macht, in ihrer Gebärde eine solche Würde, in ihrer Person eine solche Majestät, daß jeder, der sie hörte, an weiter nichts dachte, als ihr zu gehorchen.

Sir William begnügte sich daher, sie zu hören, stieg wieder in den Wagen und rief dem Kutscher zu:

»Nach dem königlichen Palast – so rasch als möglich!«

Eine Viertelstunde später stiegen wir, wie die Königin gesagt, selbst in den Wagen und folgten Sir William.

Türler ve etiketler

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30 kasım 2019
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