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Kitabı oku: «Memoiren einer Favorite», sayfa 29

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Sechstes Capitel

Obschon die Königin ihren Kutscher auf dieselbe Weise zur Eile ermahnte, wie Sir William den seinigen, so kam dieser doch, da Sir William die besten Pferde in Neapel, selbst die des Königs, nicht ausgenommen, hatte, zwanzig Minuten vor uns an.

Die Folge davon war, daß die Königin bei ihrem Eintritt in den Palast den Ministerrat versammelt fand. Der Minister Acton hatte seinerseits ebenfalls die Nachricht von der Gefangennehmung des Königs von Frankreich erhalten und geglaubt, daß die Sache wohl der Mühe verlohne, dem Kabinettsrat vorgetragen zu werden.

Da ich der Königin nicht folgte, sondern der Wagen, nachdem er sie im Palast abgesetzt, mich nach dem Gesandschaftshotel brachte, so erfuhr ich das, was nun geschah, nur durch Hörensagen.

Der König hatte in ziemlich schlechter Laune Platz genommen, indem er im voraus erklärt, daß er weit wichtigere Geschäfte habe als die, womit der Kabinettsrat sich beschäftigte, und indem er den Ministern zugleich andeutete, daß er nicht bis zu Ende der Sitzung bleiben würde. Als er die Königin kommen sah, dachte er sogleich den Vorsitz im Kabinettsrat ihr zu übertragen und näherte sich ihr daher, indem er sich sehr liebenswürdig gegen sie zeigte und sie seine »liebe Schulmeisterin« nannte, was er nur tat, wenn er ganz besonders gut gelaunt gegen sie war.

Plötzlich und in dem Augenblicke, wo die Diskussion am lebhaftesten war, pochte man auf eine gewisse Weise an die Tür.

Die Königin fragte ungeduldig, wer die Keckheit habe, mit dieser Vertraulichkeit an die Tür des Kabinettsrats zu pochen; der König mochte aber eine Gebärde.

»Meine liebe Schulmeisterin,« sagte er, »beunruhige dich nicht, es gilt mir. Ich weiß schon, was es ist.«

Mit diesen Worten ging er hinaus. Die Königin machte einen langen Hals und sah zwischen der sich öffnenden Tür hindurch einen Piqueur, welcher den König erwartete.

Nach einigen Sekunden öffnete die Tür sich wieder.

»Ich kann nicht länger bleiben, ich habe anderwärts Geschäfte,« sagte Ferdinand. »Vertritt meine Stelle, liebe Karoline. Was du tust, wird wohlgetan sein wie immer.«

Mit diesen Worten verabschiedete er sich von der Königin und den Ministern mit einer Handbewegung und schloß die Tür wieder, worauf man sich rasch entfernende Tritte hörte.

Die Königin war an eine solche Handlungsweise des Königs gewöhnt und ließ sich in der Regel dadurch weiter nicht beunruhigen. Diesmal aber erschienen ihr die Umstände so ernst, daß der König trotz des Widerwillens, welchen die öffentlichen Geschäfte ihm einflößten, dem Kabinettsrat doch wohl bis zu Ende hätte beiwohnen sollen, denn es war auch ein wenig sein Prozeß, der hier abgeurteilt ward.

Im Verlaufe der Beratung brachte man der Königin einen Brief, welcher von Wien kam. Er war von ihrem Bruder Leopold und meldete ihr Nachrichten von der höchsten Wichtigkeit.

Der Kaiser schrieb ihr, daß er nächstfolgenden Monat, ungefähr den 20. August, mit dem König von Preußen, Friedrich Wilhelm, eine Zusammenkunft in Pillnitz haben werde. Die Folge dieser Zusammenkunft werde höchstwahrscheinlich eine Kriegserklärung gegen Frankreich sein.

Der Kaiser ersuchte deshalb seinen Schwager Ferdinand, sich für diesen Fall bereit zu halten, das Kontingent zu stellen, zu welchem er sich bei seinem Besuch in Wien selbst verbindlich gemacht.

Der Kaiser wußte noch nicht die Gefangennehmung in Varennes oder vielmehr er mußte sie zu dieser Stunde wissen, denn die Kommunikationen waren zwischen Paris und Wien rascher, als zwischen Paris und Neapel. Sein vom 23. Juni datierter Brief war aber drei oder vier Tage vorher geschrieben, ehe er die traurige Neuigkeit wissen konnte.

Es war ein Glück, für die Königin, daß ihr Gemahl den Vorsitz ihr übertragen, denn der König, der um halb zwei Uhr sich im Kabinettsrat eingefunden, würde sich nicht dazu verstanden haben, bis um sechs Uhr auszuhalten.

Karoline hatte die Freude, durch die von Acton eingezogenen Erkundigungen zu erfahren, daß, wenn die Feindseligkeiten gegen Frankreich noch nicht begonnen, wenigstens alle Anstalten zum Einrücken in das französische Gebiet getroffen wurden.

Fünfunddreißigtausend Mann Deutsche rückten gegen Flandern vor; fünfzehntausend Mann andere gegen das Elsaß; fünfzehntausend Mann Schweizer machten sich fertig, auf Lyon zu marschieren; eine piemontesische Armee bedrohte die Dauphiné und zwanzigtausend Mann Spanier hielten sich bereit, die Grenze zu überschreiten.

Der General Acton ward als Marine- und Kriegsminister beauftragt, das Kriegsmaterial an Schiffen, Kanonen und Munition zu vervollständigen. Er versprach der Königin Waffen- und Pulverfabriken einzurichten, und dann schrieb er an die Prinzen von Hessen-Philippstadt, von Württemberg und von Sachsen, um allen dreien Kommandos anzubieten.

Dies war das, was das Äußere betraf; die Königin hatte aber beschlossen, auch das Innere einer Überwachung zu unterwerfen, die jedem Ereignisse vorbeugte, welches sich in seinem Prinzip oder in seinem Ziel denen näherte, welche jetzt in Frankreich stattfanden.

Man beschloß die Häuser der Stadt, die es noch nicht waren, zu numerieren; man stellte in jedem Quartier Kommissare an, welche ausschließlich mit einer politischen Polizei beauftragt waren. Ein junger Mann, den der General Acton der Königin als unternehmend, geschickt und ehrgeizig empfehlen zu können glaubte, erhielt einen Titel, der seit langer Zeit abgeschafft war, jetzt aber für diese Zeiten der Unruhe wieder hervorgesucht ward, nämlich den eines Regenten der Vicaria.

Dieser junge Mann war der Chevalier Ludovico von Medici, welcher, nachdem er einmal zur Macht gelangt war, dieselbe auch nicht wieder verlassen sollte.

Die Königin hatte keinen Grund, sich zu beklagen. Man hatte in einer einzigen Sitzung mehr Arbeit verrichtet, als man sonst in zehn zu erledigen pflegte.

Als die Königin den Kabinettsrat verließ, wollte sie wissen, was für ein dringendes Geschäft es wäre, was den König veranlaßt, sich so plötzlich zu entfernen, und warum der Piqueur sich erlaubt hatte, an die Tür zu pochen.

Dieser Piqueur kam, um dem König zu melden, daß sich ein prächtiger Schwarm Feigendrosseln in Capo di Monte niedergelassen habe, und da baldiges Wiederauffliegen zu erwarten stand, weil jetzt die Zugzeit dieser Vögel war, so hatte der König seinem Piqueur befohlen, ihn sofort zu benachrichtigen, sobald gut zum Schusse zu kommen wäre.

Der Piquer hatte nicht verfehlt, diesem Befehle nachzukommen, und dies war die wichtige Angelegenheit, welche den König Ferdinand abgehalten, seinen Anteil an den Maßregeln zu nehmen, welche, wie man wenigstens hoffte, zur Rettung seines Schwagers Ludwig des Sechzehnten und seiner Schwägerin Marie Antoinette beitragen sollten.

Die Königin hatte mir befohlen, punkt sechs Uhr im Palast zu sein. Ich erwartete sie seit einer halben Stunde, als sie aus dem Kabinettsrat kam. Sie erzählte mir achselzuckend die Geschichte des Königs, im Grunde genommen aber machte diese Sorglosigkeit des Gemahls sie gleichzeitig zum König und zur Königin und ihr Despotismus war gern damit einverstanden.

Wir stiegen wieder in den Wagen und fuhren nach Caserta zurück.

Unterwegs begegneten wir einer Art Postchaise, welche mit Staub bedeckt war und einen langen Weg zurückgelegt zu haben schien. Als man die königliche Livree erkannte, stieg eine Dame halb aus dem Wagen heraus und rief ihrem Postillon zu, daß er Halt machen solle.

Es war augenscheinlich, daß diese Dame, woher sie auch kommen mochte, zur Königin wollte.

Die Königin ließ unseren Wagen ebenfalls halten und wartete. Die Reisende sprang nun vollends von ihrem Wagen herab und war im nächsten Augenblick bei uns.

»Im Auftrage der Königin Marie Antoinette!« sagte sie.

»Sie kommen im Auftrage meiner Schwester?« fragte die Königin.

»Ja, Madame.«

»Haben Sie einen Brief von ihr?«

»In meinem Portefeuille.«

»Von ihr selbst?«

»Euer Majestät kennt die Chiffre der Königin, nicht wahr?«

»Jawohl! Lassen Sie Ihren Wagen dem unserigen folgen und setzen Sie sich mit zu uns. Wie heißen Sie?«

»Mein Name ist Ihnen unbekannt, Madame, ich glaube aber nicht mehr, wenn ich Ihnen sage, daß ich die Inglesina bin.«

»Ah, ja, ja! Sie gehören zum Haushalt der Prinzessin von Lamballe. Setzen Sie sich mit zu uns – steigen Sie ein.«

Die junge Dame richtete einige Worte in vortrefflichem Italienisch an den Postillon, stieg in unsern Wagen und setzte sich auf den Vordersitz. Ihr Wagen folgte.

»Rasch! rasch!« sagte die Königin, »erzählen Sie uns, wie die Sachen stehen. An welchem Tage haben Sie Paris verlassen?«

»Am 26. Juni, Madame, am Tage nach der Rückkehr der Königin.«

»Und meine Schwester befindet sich wohl?«

»Ja, Madame, abgesehen von den Aufregungen und Anstrengungen dieser furchtbaren Reise.«

»Wie ist ihre Situation in den Tuilerien?«

»Sie ist die einer Gefangenen, dies darf man sich nicht verhehlen, und sie wird Gefangene bleiben bis zu dem Augenblicke, wo der König die Konstitution beschworen haben wird.«

»Er möge sie denn beschwören und Zeit gewinnen, bis wir ihr zu Hilfe kommen können.«

»Ach, Madame, diese Hilfe ist es, um deren Beschleunigung ich im Namen der Königin zu bitten komme.«

»Wir beschäftigen uns bereits damit, seien Sie unbesorgt.«

Während dieser Zeit entsiegelte die Königin den Brief von ihrer Schwester, vergebens aber versuchte sie den Sinn desselben zu enträtseln.

»Ich kann nicht lesen, wenn ich den Schlüssel der Chiffreschrift nicht vor Augen habe,« sagte sie ungeduldig.

»Es ist das Wort Ludovico dreimal wiederholt.«

»Ja, ich werde aber in Caserta lesen, wo ich die Gedanken zusammennehmen kann. Jetzt sagen Sie mir, wer Sie geschickt. Erzählen Sie mir die nähern Umstände Ihrer Reise und was in Paris in dem Augenblicke Ihrer Abreise von dort gesprochen ward.«

»Mit Lebensgefahr wollte ich mich überzeugen, daß die Königin ohne Unfall in den Palast zurückgekehrt sei, und da die Reiseroute der hohen Personen vorgezeichnet war und man wußte, daß sie durch die Barrière de l'Etoile zurückkommen würden, so begab ich mich gleich am frühen Morgen in den Tuileriengarten. Sobald die Königin herein war, mußte ich es der Prinzessin von Lamballe melden, welche sich bei ihrem Vater, dem Herzoge von Penthièore, befand. Ich muß Ew. Majestät gestehen, daß die Haltung der Bevölkerung eine sehr drohende war.«

»Gegen wen?«

»Gegen den König und gegen die Königin, Madame.«

»Ha, diese verwünschten Franzosen!«

»Man hatte, um die Verblendung der Monarchie anzudeuten, der Statue des Königs Ludwig des Fünfzehnten die Augen verbunden und in gewissen Zwischenräumen waren große Tafeln angebracht auf welchen die Worte standen: »Wer dem König Beifall schenkt, wird durchgeprügelt, wer ihn beschimpft, wird gehängt.«

Ich fühlte mich schaudern. Die Königin ward sehr bleich.

»Erzählen Sie weiter,« sagte sie.

»Ich sah den königlichen Wagen von weitem kommen. Er ward von den Grenadieren eskortiert, deren hohe Bärenmützen den Schlag verdeckten. Zwei Grenadiere standen auf dem Tritte des vorderen Kupees und waren beauftragt, die drei Leibgardisten zu schützen, welche dem Könige treu geblieben, ihn auf seiner Flucht begleitet und sich geweigert hatten, in Meaux, wie Barnave ihnen vorgeschlagen, zu entfliehen, weil sie das Schicksal des Königs bis ans Ende teilen wollten.«

»Kennen Sie die Namen dieser wackeren Leute?« fragte die Königin.

»Es sind die Herren von Moustier, von Malden und von Valori.«

Die Königin schrieb die drei Namen in ihr Notizbuch.

»Weiter, weiter!« fuhr sie fort, während sie noch schrieb.

»Lafayette erwartete mit seinem ganzen Generalstabe den Wagen am Gittertore der Tuilerien. Sobald die Königin ihn erblickte, rief sie ihm zu: ›Herr von Lafayette, retten Sie die drei Gardisten, sie haben nur dem Könige gehorcht.‹«

»Dieser einfache Gehorsam ward ihnen aber als ein Verbrechen angerechnet. Eine Spalier von Nationalgarden zog sich von der Drehbrücke bis an den Perron des Palastes. An diesem Perron mußten die hohen Reisenden aussteigen. Hier lauerte sonach die Gefahr.

Die Nationalversammlung hatte zwanzig Deputierte geschickt. Diese warteten vor dem Tore des Schlosses.

Lafayette sprang vom Pferde, und ließ von der Terrasse mit dem Tore des Gartens, mit den Musketen und Bajonetten der Nationalgarde eine förmliche eiserne Straße bilden.

Die beiden Kinder, die Prinzessin und der Dauphin, stiegen zuerst aus und erreichten den Palast ohne Hindernis.

Nun kamen die Leibgardisten an die Reihe. Man hatte geschworen, sie nicht lebendig wieder den Palast betreten zu lassen. Man hatte das Gerücht verbreitet, es wären dies dieselben, welche am 2. Oktober die dreifarbige Kokarde mit Füßen getreten hätten. In dem Augenblick, wo sie von dem Kutschbocke herabstiegen, fand deshalb ein fürchterlicher Kampf statt und die Säbel und Piken der Männer des Volkes durchbrachen die Reihen der Nationalgarden. Valori und Malden wurden verwundet.«

Die Königin Karoline trocknete sich mit ihrem Tuche den Schweiß von der Stirn.

»Ha!« sagte sie, »wenn ich bedenke, daß wir vielleicht benimmt sind, ähnliche Greuel zu sehen. Doch nein, nein, nein,« fuhr sie, mit den Zähnen knirschend, fort, »eher ließe ich sie alle vertilgen.«

Ich faßte sie bei den Händen.

»O, niemals, niemals!« sagte ich. »Beruhigen Sie sich doch, Majestät!«

»Wenn du wüßtest, wie diese Neapolitaner mich hassen. Vielleicht mehr als die Pariser meine Schwester hassen. Aber erzählen Sie weiter. Wie erreichte sie den Palast?«

»Sie ward von ihren beiden erbittertsten Feinden, den Herrn von Noailles und Aiguillon, gewissermaßen hineingetragen. Als sie sich in den Händen derselben sah, glaubte sie sich auch wirklich verloren. Sie irrte sich. Diese beiden Männer waren hierhergekommen, nicht um sie ins Verderben zu stürzen, sondern um sie zu retten.«

»Und der König?«

»Der König stieg zuletzt aus, Madame. Er schien mir sehr ruhig zu sein. Er ging zwischen Barnave und Petion mit seinem gewöhnlichen Schritt.«

»Und Sie selbst?«

»Ich kehrte in das Hotel Penthièvre zurück, um der Prinzessin von Lamballe die gute Nachricht zu bringen, daß die Königin ohne Unfall in den Palast zurückgekehrt sei. Im Laufe des Abends kam Madame Campan. Sie brachte im Auftrage der Königin den Brief, den ich soeben die Ehre gehabt Ew. Majestät zu überreichen. Sie bat im Namen der Königin Marie Antoinette Ew. Majestät, eine Abschrift davon dem Kaiser Leopold zu übersenden, an welchen sie nicht Zeit gehabt zu schreiben. In Meaux, wo sie im Hause des Bischofs die Nacht vom 23. zum 24. zugebracht, hatte sie Mittel gefunden, an Ew. Majestät zu schreiben.«

»Ach, meine arme Marie! meine arme Marie!« rief die Königin. »O, warum kann ich nicht sie anstatt dieses Briefes an mein Herz drücken! Ach, wäre es ihr möglich, zu entrinnen, zu mir zu kommen! In Caserta und in Neapel würde sie hundertmal glücklicher sein als in Versailles und in Paris.«

»Wenn sie es könnte, Madame,« sagte die Inglesina, »so würde sie sicherlich nicht ermangeln es zu tun und sich glücklich schätzen.«

Man betrat den Palast in Caserha.

»Übernimm die Sorge für unsere liebe Inglesina,« sagte die Königin, sich zur mir wendend. »Siehe zu, daß es ihr an nichts fehle. Ich werde mittlerweile den Brief meiner armen Marie lesen und die mir von ihr erteilten Weisungen befolgen.«

Eine Stunde später ging ein Kurier nach Neapel ab, um den General Acton aufzufordern, sich den nächstfolgenden Tag in Caserta einzufinden und dem Kurier des Kaisers Leopold zu befehlen, nicht abzureisen, ohne die Depeschen der Königin mitzunehmen.

Siebentes Capitel

Die Geschichte unserer Inglesina – welche ich fortfahren werde, mit diesem Namen zu benennen, weil sie uns ersucht, ihren wahren Namen nicht zu veröffentlichen – war sehr einfach. Sie war das einzige noch übrige Kind einer edlen herabgekommenen Familie und erfreute sich der Gunst und des Schutzes des Herzogs von Norfolk und der Lady Mary Duncan, welche ihre Familie gekannt und sie selbst in dem irländischen Kloster der Rue du Bac untergebracht hatten.

Hier genoß sie den Unterricht Sacchinis, Musiklehrers der Königin. Erstaunt über die Fortschritte, welche seine Schülerin machte, und da er sie überdies mit großer Geläufigkeit italienisch und deutsch sprechen gehört, rühmte der Komponist des »Oedipus auf Colonos« sie seiner königlichen Gebieterin so sehr, daß diese die junge Dame zu sehen wünschte.

Die Prinzessin von Lamballe erbot sich, sich inkognito in dem Kloster gerade zu der Stunde einzufinden, wo Sacchini seine Lektion geben würde. Sie kam auch wirklich und versicherte nach ihrer Rückkunft in die Tuilerien der Königin, daß die Lobsprüche des berühmten Komponisten keineswegs übertrieben seien.

Zwei Tage später ward Inglesina von der Königin empfangen, welche, die Dienste bedenkend, die in den ernsten Umständen, worin sie sich befand, eine Person ihr leisten konnte, welche, zugleich englisch, deutsch und italienisch sprach, die junge Dame, an sich fesselte, weit mehr durch sanfte Worte, als durch die Hoffnung auf Belohnungen, welche die Königin zu dieser Zeit nicht einmal zu versprechen gewagt hätte, da sie ja fürchten mußte, diese Versprechungen nicht halten zu können.

Inglesina erzählte uns selbst, wie sie von der Königin von Frankreich den Auftrag erhalten, dessen sie sich in diesem Augenblicke bei der Königin von Neapel entledigte. Sie war aus Frankreich mit zwei Briefen abgereist einem an Marie Karoline, und dies war der, welchen sie ihr soeben zugestellt, und einem zweiten an die Herzogin von Parma. Da Parma auf dem Wege nach Neapel lag, so war der für die Herzogin von Parma bestimmte Brief notwendig zuerst abgegeben worden.

Als Inglesina in Parma angelangt war, hatte sie erfahren, daß die Herzogin sich in Colorno, ihrem Landhause, befand.

Sie machte sich demzufolge sofort dahin auf, und langte in dem Augenblicke an, wo die Herzogin ausreiten wollte. Sie winkte einem Diener, der sich ihrem Wagen näherte, und bat ihn, die Herzogin von ihrer Ankunft zu unterrichten. Der Diener ging auf die Herzogin zu und meldete ihr, daß eine junge Dame, die soeben aus Paris angekommen, sie zu sprechen wünsche und einen Brief überbrächte, den sie nur der Herzogin selbst zustellen könne.

Inglesina folgte mit den Augen dem Diener, der ihr Vermittler geworden. Bei den Worten:

»Eine junge Dame aus Paris« hatte sie gesehen, wie die Herzogin stutzte und unruhig ward. Sofort aber näherte sich diese dem Wagen und Inglesina wiederholte ihr, um weder von den Franzosen noch von den Italienern, welche die Herzogin umgaben, verstanden zu werden, auf deutsch, was sie ihr schon durch den Diener hatte sagen lassen, nämlich, daß sie von der Königin Marie Antoinette mit einem Briefe beauftragt sei, den sie nur ihr allein überreichen könne.

Die Herzogin hatte Inglesina hierauf aufgefordert, den Wagen zu verlassen, und in den Palast hineinzugehen, in welchen sie ihr dann nachgefolgt war, und den Brief gelesen hatte, während die Botin einige Erfrischungen zu sich nahm.

Kaum hatte die Herzogin die erste Zeile gelesen, so hatte sie auf italienisch ausgerufen:

»O mein Gott, mein Gott! Alles ist verloren! Es ist zu spät!«

So wie sie weiter las, rief sie von Zeit zu Zeit:

»Vergebens! völlig vergebens! Sie sind alle verloren!«

Dann setzte sie, sich zu Inglesina wendend, hinzu:

»Es tut mir leid, daß es Ihnen nicht möglich ist hier zu bleiben und ein wenig auszuruhen. Wenn Sie aber nach Parma zurückkommen, so wird es mir sehr angenehm sein, Sie wiederzusehen!«

Dann zog sie ihr Tuch, trocknete sich eine Träne und sagte:

»Die Umstände sind gegenwärtig von der Art, daß ich, wenn ich diesen Brief beantworten wollte, nicht bloß mich, sondern auch meine Schwester und Sie selbst bloßstellen würde.«

Mit diesen Worten stieg sie wieder zu Pferde, wünschte Inglesina glückliche Reise und galoppierte davon.

Inglesina setzte ihren Weg weiter fort. Allerdings fand sie die Herzogin von Parma in bezug auf die Gefahren, in welchen ihre Schwester schwebte, ein wenig kalt; da ihr aber natürlich daran lag, so bald als möglich in Neapel anzulangen, so reiste sie schnell weiter, ohne sich die mindeste Ruhe zu gönnen.

Nach den Enttäuschungen kamen die Katastrophen. Inglesina reiste, wie schon bemerkt, in einer Postchaise mit einem Diener auf dem Kutschbock. Dieser Diener hatte unter seinen Füßen die Kassette, in welcher die Reisende ihr Geld und ihre sonstigen Kostbarkeiten verwahrt hielt. Da sie bei Tage in Rom ankommen wollte, so schickte sie ihren Diener voraus, um Pferde zu bestellen. Da aber nun niemand mehr da war, der die Kasse bewachte, so ward sie zwischen Aqua Pendente und Monte Rosa gestohlen, so daß sie bei ihrer Ankunft in Rom gerade noch so viel Geld hatte, um die Post bezahlen zu können, aber keinen Heller, um ihre Reise nach Neapel fortzusetzen. Zum Glück hatte sie einen Empfehlungsbrief an die Herzogin von Paoli, welche in Fontana Trevi wohnte. Am Morgen vor ihrer Ankunft hier begab sie sich daher zu der Herzogin, übergab ihr ihren Brief und erzählte ihr ihr Unglück.

Die Herzogin lieh ihr hundert Dukaten, womit sie ihre Reise fortsetzte. Inglesina wußte wohl, daß sie, sobald sie nur einmal in Neapel wäre, dann nichts mehr brauchen würde. Die Herzogin gab ihr überdies einen Empfehlungsbrief und zwar an niemand anders als an Sir William. Da Inglesina nicht mußte, wer ich war, so fragte sie mich, ob ich den englischen Gesandten kenne, ob dies ein gefälliger Mann sei, und ob ich sie an ihn empfehlen könnte.

Zu Inglesinas großem Erstaunen bestand meine Antwort darin, daß ich den an Sir William gerichteten Brief entsiegelte.

Die Herzogin von Paoli bat Sir William darin, alle notwendigen Nachforschungen anstellen zu lassen, damit die arme Inglesina wieder in den Besitz ihrer Kassette käme.

Da ich nicht wußte, ob ich Sir William vor dem Abgange des kaiserlichen Kuriers, welcher wieder durch Rom kam, und auf den nächstfolgenden Morgen bestellt war, sehen würde, so ergriff ich eine Feder und schrieb an den englischen Konsul in Rom, indem ich ihn bat, bei den päpstlichen Behörden darauf zu dringen, daß alle nötigen Schritte getan würden, nicht wie sie gewöhnlich zu geschehen pflegten, sondern mit Ernst und Nachdruck. Ich bezeichnete die beiden Postillone als die Personen, welche vor allen Dingen festgenommen werden müßten, denn Inglesina hatte mir gesagt, daß man sie ihr als Diebe von Profession bezeichnet.

Als ich den Brief beendet hatte, gab ich ihn Inglesina zu lesen, welche, als sie ihn mit »Lady Hamilton« unterzeichnet sah, das ganze Geheimnis meiner Indiskretion durchschaute. Gleichzeitig zog ich von meinem Finger einen schönen Brillantring, den ich sie bat, zum Andenken an die originelle Weise anzunehmen, auf welche wir miteinander Bekanntschaft gemacht.

Als wir noch so miteinander sprachen, trat die Königin ein und hatte die Güte, sich selbst bei Inglesina zu erkundigen, ob ich auch gut Sorge für sie getragen.

Inglesina antwortete, indem sie lebhaft meine Hand ergriff und dieselbe küßte, ehe ich noch Zeit hatte, es zu verhindern.

Die Königin fragte weiter, und Inglesina ersah daraus, daß sie an den Ereignissen in Frankreich und an den Gefahren, in welchen ihre Schwester schwebte, ein ganz anderes Interesse nahm, als die Herzogin von Parma.

Als die Königin dann sah, wie die arme Inglesina trotz der Ehrfurcht, welche die Nähe der Königin ihr einflößte, stehend einschlief, gestattete sie ihr, sich zu Bett zu legen.

Unter der Tür rannte Inglesina aber fast mit dem General Acton zusammen, welcher, obschon erst auf morgen bestellt, doch, weil er wußte, daß es sich um einen Boten oder vielmehr um eine Botin aus Frankreich handle, eiligst herbeikam, um seinen Eifer zu beweisen und sich der Königin zur Verfügung zu stellen.

»Ich bitte um Verzeihung, Madame,« sagte er, »eben wollte ich mich anmelden lassen, als Mademoiselle die Tür öffnete und ich mich Ew. Majestät gegenüber sah.«

»Kommen Sie schnell, General!« sagte die Königin. »In solchen Augenblicken wie diese kann von Etikette keine Rede mehr sein. Sie wissen, was vorgeht, Sie wissen, daß meine Schwester und ihr Gemahl Gefangene in den Tuilerien sind. Ludwig der Sechzehnte befindet sich genau in derselben Lage wie Carl der Erste von England. Man wird ihm den Kopf abschlagen wie diesem.«

»O Madame,« sagte der General, »glauben Sie, man übertreibt.«

»Kommen Sie noch einmal herein, Inglesina, kommen Sie noch einmal herein,« rief die Königin, »und sagen Sie ihm wie die Dinge stehen. Diese Kaltblütigkeit könnte mich zur Verzweiflung bringen.«

»An welchem Tage haben Sie Paris verlassen?« fragte der General die wieder eintretende Inglesina.

»Nun, mein Gott,« rief die Königin ungeduldig, »an dem Tage, wo alles verloren war.«

»Ich bitte Majestät, lassen Sie diese junge Dame sprechen,« sagte Acton, »und Sie werden sehen, daß nicht alles verloren ist. Haben Sie ein wenig Geduld.«

»Geduld!« sagte die Königin, »Geduld! Seit der Einnahme der Bastille, das heißt seit zwei Jahren, höre ich von nichts anderem sprechen.«

Sie sank auf einen Sessel, wendete sich zu Inglesina, welche durch diese Gemütsbewegung der Königin vollständig wieder munter gemacht worden, und sagte:

»Erzählen Sie ihm alles, und wenn er wissen wird, was ich weiß, so wollen wir sehen, ob er wieder wagen wird zu sagen:

»Geduld!«

Sowie Inglesina sprach, machte die Königin Bewegungen mit dem Kopfe und fragte wiederholt:

»Nun? nun? nun?«

Dann als die Botin geendet hatte, sagte sie: »Ich habe einen Brief von meinem Bruder, dem Kaiser empfangen. Er schreibt mir, daß er am 27. August in Pillnitz eine Unterredung mit dem König Friedrich Wilhelm von Preußen haben wird. Schreiben Sie ihm im Namen des Königs Ferdinand, daß wir im voraus allem beitreten, was er tun wird, und daß er auf fünfundzwanzigtausend Mann und fünfundzwanzig Millionen rechnen kann.«

Der General lächelte.

»Die fünfundzwanzigtausend Mann wären allerdings möglich,« sagte er, »das Geld aber wird etwas schwieriger aufzutreiben sein. Die Kassen sind leer, das wissen Sie selbst, Madame.«

»Gut, man wird sie aber wieder füllen, sollte man auch zu diesem Zwecke die Krondiamanten veräußern. Übrigens, wenn Sie dies dem Kaiser nicht im Namen des Königs Ferdinand schreiben wollen, so schreibe ich es ihm in dem meinigen, oder vielmehr, ich habe es ihm schon geschrieben. Hier ist der Brief.«

»Ew. Majestät wissen,« sagte der General Acton sich verneigend, »daß ich nie einer andern Meinung gewesen bin als der Ihrigen; ich möchte aber Ew. Majestät bemerklich machen, daß Mademoiselle« – hier deutete er auf Inglesina – »fast krank aussieht, so ermüdet ist sie.«

»Ich bin es weniger von meiner Reise als von meinem Kummer,« antwortete Inglesina, »wenn ich das Unglück bedenke, welches den erhabenen Personen droht, die ich vor so kurzer Zeit verlassen.«

»Gleichviel, gleichviel,« sagte die Königin, »begeben Sie sich auf Ihr Zimmer, legen Sie sich zu Bett und schlafen Sie vierundzwanzig Stunden, wenn Sie können.«

Die arme Inglesina war in der Tat kränker, als sie es selbst glaubte, oder als sie es gestehen wollte. In der Nacht ward sie von einem heftigen Fieber ergriffen und sah sich genötigt, acht Tage lang das Bett zu hüten.

Während dieser Woche ließ die Königin keinen Tag vergehen, wo sie nicht selbst die Kranke in ihrem Zimmer besucht und sich selbst nach ihrem Befinden erkundigt hätte.

Ich brauche nicht erst zu sagen, daß trotz aller Nachforschungen, welche wir, Sir William Hamilton und ich, anstellen ließen, Inglesinas Kassette nicht wieder gefunden ward. Wir erfuhren bloß, daß einer der beiden Postillone der Pate eines Kardinals war, was ihm gestattete, das Handwerk eines Diebes und das eines Postillons gleichzeitig auszuüben.

Nach Verlauf von acht Tagen reiste Inglesina, vollkommen wiederhergestellt, nach Frankreich zurück. Sie nahm einen in Chiffern geschriebenen Brief von der Königin von Neapel an die Königin Marie Antoinette mit.

Am 27. August hatte der Kaiser Leopold in Pillnitz mit dem König Friedrich Wilhelm die verabredete Zusammenkunft. Nur die beiden Zeugen, welche dieser Unterredung beiwohnten, hätten sagen können, worin der Zweck derselben bestand. Der eine derselben war Herr von Bouillé, welcher dem König einen so großen Beweis von Anhänglichkeit in Varennes gegeben, wo er bis zum letzten Augenblicke versuchte, ihn den Händen des Volkes zu entreißen. Der andere war Herr von Narbonne, jener schöne Kriegsminister, den Frau von Staël erfunden, welche einen Augenblick lang hoffte, ihr Genie diesem hohlen Kopfe einzupflanzen. Ein Geheimnis, welches das Geschwätz der Hofschranzen ziemlich durchsichtig gemacht, umgab die Geburt dieses schönen Mannes, welcher, wie man behauptete, nichts anderes war als die Frucht eines Inzests zwischen dem König Ludwig dem Fünfzehnten und seiner Tochter Madame Adelaide, welche damals in Rom war und die wir acht Jahre später mit ihren beiden Schwestern in Palermo sehen sollten.

Mittlerweile begannen die Nachrichten aus Frankreich ein wenig günstiger zu lauten. Die Nationalversammlung hatte die konstitutionelle Akte beendet, welche später unter dem Namen der Konstitution von 91 bekannt war. Am 14. September hatte der König sich in die Konstituante begeben und die Konstitution beschworen, indem er sich verpflichtete, sie mit aller auf ihn übertragenen Macht aufrecht zu erhalten.

Sofort und als ob die Nationalversammlung nur darauf gewartet hätte, daß dieser feierliche Akt die Nation mit dem König wieder aussöhne, ward Ludwig dem Sechzehnten erlaubt, alle Befehle zu erteilen, die er für seine Sicherheit und die Würde seiner Person angemessen erachten würde. Die Siegel wurden in seinen Gemächern wieder abgenommen und der Garten ebenso wie das Schloß der Tuilerien dem Publikum wieder geöffnet.

Dennoch wurden die Kriegsrüstungen von seiten des Königs von Preußen, des Kaisers Leopold und des Königs Ferdinand deswegen nicht weniger eifrig betrieben, als plötzlich drei im höchsten Grade unerwartete Neuigkeiten am Hofe von Neapel aufeinander folgten.

Man erfuhr nämlich, daß der Kaiser Leopold am 1. März gestorben, daß Gustav der Dritte, König von Schweden, am 16. desselben Monats ermordet worden und endlich, daß am 20. April Frankreich an Franz den Ersten, König von Böhmen und Ungarn, den Krieg erklärt hatte.

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Litres'teki yayın tarihi:
30 kasım 2019
Hacim:
970 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
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