Kitabı oku: «Memoiren einer Favorite», sayfa 37
Sechstes Capitel
Vom königlichen Palast bis zur Brigittenstraße waren es nur wenige Schritte, so daß ich in einem Augenblick daselbst anlangte. Ich stieg an dem bezeichneten Ort aus. Da es kaum acht Uhr abends war, so hatte der Getreidehändler seinen Laden noch nicht geschlossen und ich konnte fragen lassen, wo Don Giuseppe de Deo wohnte.
Der Getreidehändler, welcher Lieferant für die königlichen Ställe war, erkannte den Kutscher, der ihn nach Don Giuseppe fragte, und als er eine Dame an der Wagentür sah, so kam er schnell herbei, da er die Wahrheit vermutete und sich dachte, daß der König oder die Königin geschickt hätten.
Man hatte mich so oft in dem königlichen Wagen durch die Straßen Neapels fahren und neben der Königin sitzen sehen, daß der Getreidehändler mich sogleich erkannte.
»O Mylady,« sagte er, »der, den Sie zu sehen wünschen, befindet sich augenblicklich in großer Betrübnis, denn sein Sohn ist heute morgen durch die Junta zum Tode verurteilt worden.«
»Das weiß ich,« erwiderte ich, »und gerade deshalb möchte ich mit ihm sprechen. Da Sie nun sein Nachbar sind, so möchte ich von Ihnen wissen, in welchem Hause und in welcher Etage er wohnt.«
»Er wohnt in diesem Hause, Madame,« sagte er, »und zwar in der dritten Etage.«
Und zu gleicher Zeit zeigte er mir das Haus, welches neben dem seinigen stand.
»Laßt öffnen,« sagte ich zu dem Kutscher.
»Ich fürchte aber, Madame,« fuhr der Getreidehändler fort, »daß Sie ihn nicht zu Hause antreffen weiden.«
»Wo kann er denn sein?«
»Ich habe ihn fortgehen sehen.«
»Zu dieser Zeit?«
»Ja.«
»Er ist gewiß zu einem der Richter gegangen, um für seinen Sohn zu bitten.«
»O, Madame, zu dieser Stunde kann kein Richter mehr weder für den armen Vater, noch für das arme Kind etwas tun.«
»Wo ist er denn aber dann hingegangen?«
Der Getreidehändler sah mich an.
»Wollen Sie durchaus zu ihm?« fragte er.
»Ja, durchaus und zwar augenblicklich.«
»Ist es zu seinem Heil? Verzeihen Sie, wenn ich darnach frage, Madame, der arme Vater trägt aber bereits eine so große Last des Schmerzes auf seinen alten Schultern, daß es, wenn Sie die Wucht dieser Last auch nur um ein Körnchen vermehren wollten, eine Wohltat sein würde, wenn man Ihnen nicht sagte, wo er ist.«
»Ich kann zwar nichts versprechen, allein ich komme in einer barmherzigen Absicht.«
»Dann kommen Sie, Madame, und ich will Gott verzeihe mir, wenn Sie mich täuschen – Sie zu ihm führen.«
»Haben wir weit zu gehen?« fragte ich.
»Ungefähr zehn Schritte.«
Der Mann ging vor mir her; ich folgte. Er blieb auch wirklich, nachdem er ungefähr zehn Schritte weit gegangen war, an der kleinen Kirche der St. Brigittenstraße stehen.
»Ah,« murmelte ich, »nun verstehe ich, warum er nicht zu Hause ist!«
Der Getreidehändler klopfte an die kleine Tür, die sich sogleich öffnete. Eine Art Küster führte uns in die Kirche, die mit Ausnahme einer einzigen erleuchteten Kapelle finster war.
Wir traten ein. Der Getreidehändler zeigte mir einen Greis, der nicht auf den Altarstufen kniete, sondern vielmehr auf denselben lag, und mit der Stirn den Marmor berührte.
»Sehen Sie,« sagte der Kaufmann, »dort liegt der Mann, den Sie suchen.«
Ich dankte ihm, er zog sich zurück und ließ mich allein, an der Tür aber hielt ihn die Neugierde zurück und er blieb mit dem Küster stehen, um zu sehen, was vorgehen sollte.
Ich näherte mich geräuschlos dem Greis. Er betete, und da er mich nicht hatte kommen hören, so berührte ich seine Schulter. Er richtete sich auf, so daß er eine kniende Stellung einnahm, und stützte sich mit der einen Hand auf die Altarstufen.
»Wer sind Sie und was wollen Sie?« fragte er. »Sind Sie der Engel, nach welchem ich rief?«
»Nein, ich bin der Engel nicht, den Sie gerufen,« erwiderte ich, »wenn ich aber auch kein Engel bin, so komme ich vielleicht deswegen nicht minder im Namen Gottes.«
»Was meinen Sie, Madame? Wissen Sie, wer ich bin und für wen ich bete?«
»Sie sind Giuseppo de Deo und beten für Ihren Sohn Emanuele de Deo.«
»Ja, ja, ja.«
»Dann folgen Sie mir.«
»Wohin?«
»Zur Königin.«
Sein Gesicht verdüsterte sich.
»Zur Königin?« fragte er zwischen Freude und Furcht schwankend. »Was kann mir die Königin zu sagen haben? Wissen Sie, daß das Gerücht geht, sie sei es, welche die Hinrichtungen wünscht? Wenn dem so wäre, so möge Gott ihr gnädig sein! Was sie aber auch für eine Königin sein mag, so möchte ich doch lieber an meiner als an ihrer Stelle sein.«
»Kommen Sie nur,« wiederholte ich. »Ich hoffe, daß, wenn Sie mit Ihrer Majestät gesprochen, Sie eine bessere Meinung von ihr haben werden.«
»Übrigens,« sagte der Greis, »können die Sachen nicht schlimmer werden, als sie schon sind, ich folge Ihnen daher, Madame.«
Und indem er den Marmor der Stufen küßte, erhob er sich.
Ich ging voran. Als wir an die Kirchtür kamen, ging Don Giuseppo an mir vorbei, tauchte seine Finger in den Weihkessel und reichte mir das geweihte Wasser.
Als er sah, daß ich meine Finger nicht benetzte, sah er mich erstaunt an.
»Ich bin Protestantin,« sagte ich.
Da schien der letzte Hoffnungsschimmer, der auf seiner Stirn leuchtete, zu schwinden; mechanisch machte er das Zeichen des Kreuzes, stieß einen Seufzer aus, senkte das Haupt auf die Brust und folgte mir.
Wir stiegen in den Wagen.
»In den königlichen Palast,« befahl ich dem Kutscher.
Fünf Minuten später hielt der Wagen am Fuße der Treppe, die zu den Zimmern der Königin führte.
Anstatt sich zu freuen, wie er es doch hätte tun sollen, war der Greis düster wie die Verzweiflung, bleich wie der Tod.
Ehe wir in das Zimmer traten, in welchem uns die Königin erwartete, ergriff er mich bei der Hand und stützte sich auf die Einfassung der Tür.
Er war nahe daran ohnmächtig zu werden.
»Aus Gnade, einen Augenblick!« sagte er.
Was mich betraf, so war alle Freude im Grunde meines Herzens erstorben. So stellte man sich also die Königin vor! Sie war es, die das Urteil durch den Mund der Richter aussprach, die durch die Hand des Henkers tötete!
Endlich schien Don Giuseppe seine Kräfte wieder zu gewinnen. Ich gab dem Türsteher ein Zeichen, die Tür öffnete sich. Die Königin hatte das Geräusch unserer Schritte gehört, und da sie wissen wollte, was wir in dem anstoßenden Zimmer taten, so hatte sie sich erhoben und kam uns entgegen.
Ihr Gesicht war finster, beinahe zornig, denn sie erriet, was vorgegangen war.
Ich schob Don Giuseppe zu den Füßen der Königin und sagte zu ihm:
»Hier ist sie, von der die Begnadigung Ihres Sohnes abhängt, bitten Sie sie wie die heilige Jungfrau darum und Sie werden diese Gnade erhalten.«
Der arme Greis sank auf die Knie, faltete die Hände, seine Bitte aber waren die Worte:
»Ist es wahr, Madame?«
»Was?« fragte die Königin mit ihrer kurzen und befehlenden Stimme.
»Daß Sie, wenn ich Sie um Gnade für meinen Sohn anflehe, Sie mir diese Gnade auch gewähren wollen?«
»Ich hoffe doch, daß niemand etwas in meinem Namen versprochen hat?« fragte Karoline, indem sie mich mit der Härte, die bisweilen in ihrem Auge lag, anblickte.
»Nein, Madame,« erwiderte ich, »ich habe aber zu einem Vater, der an dem Altar der Jungfrau für das Leben seines Sohnes betete, gesagt: Kommen Sie und ich werde Sie zu einer Königin führen, die schön und gnädig ist wie eine Madonna.«
»Madame! Madame!« sagte Don Giuseppe, der ein wenig Mut faßte, weil ich ihn unterstützte, »Sie können alles: Sie sind Königin, mehr als Königin, Sie sind König! Gnade, Madame! Gnade für meinen Sohn! Er ist vor drei Tagen zwanzig Jahre alt geworden. Er ist mein einziger Sohn, Madame! Ich dachte, er solle mir meine Sterbestunde einmal erleichtern, nie aber ist es mir eingefallen, daß ich ihn überleben würde! Madame, bei Ihren teuren Kindern, bei dem Prinzen Franz, bei dem Prinzen Leopold, bei Ihrem kleinsten Sohn, der noch in der Wiege liegt, bei dem Prinzen Albert, flehe ich Sie an, Madame, beschwöre ich Sie, Königin, Majestät, haben Sie Mitleid mit meinem Sohne!«
»Madame! Madame!« sagte ich zur Königin, indem ich meine Bitten mit denen des armen Vaters vereinigte und ihr die Hand küßte.
»Und wenn ich nun etwas für Ihren Sohn täte, mein Herr,« sagte die Königin, »würde er sich dann weigern, auch etwas für mich zu tun?«
»Für Sie, Madame? Für Sie, die Sie reich, jung, schön, allmächtig sind? Und was sollte er denn für Sie tun? Sagen Sie es! Sagen Sie es, und die ganze Macht eines Vaters will ich anwenden, damit er Sie ehre, verehre und Ihnen auf den Knien diene von dem Tage an, wo Sie ihn mir wieder geschenkt haben werden, bis zu seiner Todesstunde.«
»Ihr Sohn ist ein Jakobiner, mein Herr,« sagte die Königin.
Don Giuseppe unterbrach sie.
»Er ein Jakobiner, er, Madame? Weiß er es wohl selbst, was ein Jakobiner ist? Wissen Sie, daß der Unglückliche bereits drei Jahre im Gefängnisse ist? Er war siebzehn Jahre, Madame; hat ein Kind von siebzehn Jahren wohl eine selbständige Meinung? Er hat sich das Haar kurz schneiden lassen, das ist sein einziges Verbrechen. Während der drei Jahre aber, die er im Gefängnisse zugebracht hat, haben seine Haare Zeit gehabt, wieder zu wachsen.«
»Das ist gleich, er weiß etwas von der Verschwörung, die uns umgibt und uns bedroht. Er mag gestehen, was er weiß, und ich will ihn und seine beiden Gefährten begnadigen.«
»Er soll bekennen?« rief der arme Vater, »er soll bekennen?! Hat er denn etwas zu bekennen? Weiß er denn etwas? Und kann er, selbst wenn er sprechen wollte, etwas bekennen, wenn er nichts von dieser Verschwörung weiß, von der Sie sprechen, Madame, und die, wie man sagt, nur in dem Hirn der Richter existiert? Wie können Sie verlangen, daß er etwas bekenne, was er nicht weiß? Wer sollte ihm übrigens auch Ihre Bedingungen überbringen? Wer wird eine überzeugende Stimme besitzen, um seine etwaigen Skrupel zu besiegen? Wer wird ihn im Namen seines Vaters beschwören, um diesen Preis zu leben? O, niemand, ich würde vielleicht diese Person sein – und selbst dann noch!«
»Auf Sie rechne ich eben, mein Herr, Sie sollen Ihren Sohn sprechen.«
»Ich soll meinen Sohn sprechen, meinen Emanuel!« rief der Vater, indem er seine Stirn mit beiden Händen faßte, als ob er fürchtete wahnsinnig zu werden. »Was sagen Sie mir da?«
»Hier ist ein Befehl für Don Basilio Palmieri, den Fiscalprocurator. Ich sage ihm darin, Ihnen die Erlaubnis zu geben, Ihren Sohn zu sehen und sich eine Stunde lang ohne Zeugen mit ihm zu unterhalten.«
»Wann, Madame, wann, bedenken Sie, daß ich ihn seit drei Jahren nicht gesehen habe.«
»Heute abend, von zehn bis elf Uhr.«
»Und wenn ich Don Basilio nun nicht antreffe?«
»So werden Sie Ihren Sohn morgen anstatt heute besuchen.«
»Es ist aber bereits neun Uhr, Madame, ich habe keinen Augenblick zu verlieren.«
»Ich halte Sie auch nicht länger zurück; gehen Sie!«
»O, es ist mir, als sollte ich vor Freude wahnsinnig werden.«
»Was suchen Sie?«
»Ihre Hand, Ihre Hand, Madame, um sie zu küssen!« Die Königin reichte ihm ihre Hand. Sie war wirklich von dieser tiefen Bewegung gerührt, und wenn der arme Vater in ihrem Herzen hätte lesen können, wie ich, so hätte er beharrlich gefleht und sie hätte ihm das Leben seines Sohnes ohne irgendeine Bedingung geschenkt.
Zum Unglück sagte er weiter nichts; stürzte aus dem Zimmer und wiederholte die Worte:
»Mein Sohn! mein Sohn! mein Emanuel! . . .«
Und das Geräusch seiner. Schritte verhallte allmählich mit dem Klang seiner Stimme.
Siebentes Capitel
Die Königin und ich, wir blieben allein.
Marie Karoline war bewegt; man fühlte aber, daß es bei diesem mit einem dreifachen Panzer bekleideten Herzen ganz anderer Bewegungen bedurfte, um es zu schmelzen.
»Jetzt kommt die Reihe an uns,« sagte sie.
Ich hatte meinen Mantel nicht abgelegt, sie band den ihrigen um, schlug ihre Kapuze über das Gesicht, nahm meinen Arm und zog mich nach der Treppe.
Am Fuße derselben fanden wir den Wagen, in dem ich nach der Brigittenstraße gefahren war. Die Königin stieg ein, ich folgte.
Der Lakai schloß die Tür.
»Wohin?« fragte er.
»Nach der Vicaria,« erwiderte die Königin.
Und der Wagen fuhr schnell durch die Toledostraße, verließ dieselbe an der Ecke des Palastes Maddalone, um sich in dem Labyrinth von Gäßchen zu verlieren, welche nach dem alten capuanischen Palaste führen.
Ich war mehrere Male am Fuße dieser Mauern vorüber gekommen und hatte mit Grauen die Gefangenen an dem Gitter ihres Gefängnisses hängen und die Häupter der Geköpften an den Ecken der Mauern ihres eisernen Käfigs vertrocknen sehen.
Jetzt aber sollte ich in den furchtbaren Umkreis treten, wo die Verurteilten ihren dreitägigen Todeskampf kämpften.
Es war sehr wahrscheinlich, daß ich nicht nur etwas Neuem, sondern auch etwas Schrecklichem, Furchtbarem, etwas Unerhörtem beiwohnen sollte.
Ich schmiegte mich schaudernd an die Königin und fühlte, wie sie hart und kalt wie Marmor war. Sie mußte furchtbar gelitten haben, daß sie so gleichgültig hatte werden können.
Ohne Zweifel erwartete man uns, denn schon bei dem Geräusch unseres Wagens öffnete sich die Tür und wir befanden uns auf dem Hof.
Ein Mann stand am Fuße einer linksgelegenen Treppe mit einer Laterne.
Der Lakai öffnete den Schlag, die Königin stieg aus und schritt gerade auf diesen Mann zu.
Ich folgte ihr mit wankendem Tritt.
»Sie sind der Oberkerkermeister, nicht wahr?« sagte die Königin in dem befehlenden Tone, der nur ihr eigen war.
»Ja, Madame.«
»Sie erwarten mich?«
»Ich erwarte eine Person, die mir einen Befehl des Fiscalprocurators überbringen soll.«
»Hier ist dieser Befehl.«
»Sie erlauben doch, daß ich ihn lese?«
»Das ist sogar Ihre Pflicht.«
Der Kerkermeister las den Befehl des Fiscalprocurators, faltete das Papier zusammen und steckte es in die Tasche.
»Jetzt, Madame,« sagte er, »haben Sie mir zu befehlen, und ich habe zu gehorchen. Was wünschen Sie?«
»Der Vater des Verurteilten Emanuelo de Deo hat von dem Herrn Fiscalprocurator die Erlaubnis erhalten, eine Stunde mit seinem Sohne zu sprechen. Ich möchte der Unterredung beiwohnen, ohne daß man wüßte, daß ich da wäre, und wo möglich hören, was sie sprechen.«
»Nichts ist leichter, Madame. Die drei Gefangenen sind in der Totenkammer.« So nennt man nämlich das Zimmer, in welchem die Verurteilten die letzten drei Tage ihres Lebens zubringen. Von einer Seite steht dieses Zimmer mit der Kapelle in Verbindung, von der anderen mit der Garderobe, in welcher die Brüderschaft der Bianchi, welche die Verurteilten zur Richtstätte begleiten, ihre langen weißen Kleider aufbewahrt. In diesem Kabinett, in welches man durch eine geheime Treppe gelangt, ohne daß man weder durch die Kapelle noch durch die Totenkammer gehen muß, sind unsichtbare Öffnungen angebracht, damit die Richter das Gespräch der Gefangenen untereinander hören, und selbst ihre Gebärden wahrnehmen können. »Sie können in dieses Kabinett gehen, und werden daselbst alles sehen und hören, was in der Totenkammer vorgeht.«
»Es ist gut. Wir wollen gehen!«
Der Kerkermeister öffnete das Gitter, an welches er sich lehnte, die Königin ging durch und stieg kühn die dunkle Treppe hinauf, die sich vor ihr befand.
»O Madame, Madame, warten Sie!« rief ich ihr zu.
Das Gitter schloß sich hinter uns, indem es in seinen Angeln knarrte. Dann rasselte der Schlüssel im Schloß.
Karoline hatte den ersten Treppenabsatz erreicht, tastend hatte ich sie gesucht und gefunden, denn dank unserer schwarzen Kleider waren wir in der Dunkelheit vollkommen unsichtbar. Ich klammerte mich an die Königin an.
Der Kellermeister ging an uns vorüber und seine Laterne warf einen bleichen Lichtschein auf die schwarzen Mauern.
In der ersten Etage schloß ein zweites Gitter die Treppe in ihrer ganzen Breite.
Der Kerkermeister öffnete es wie das erste, mit demselben Knarren der Angeln und Schlüssel, dann gingen wir hindurch, dann schloß es sich hinter uns und ich fühlte mich doppelt bedrückt, denn jedem, auch dem Unschuldigen, der ein Gefängnis betritt, ist es, als ob diese furchtbaren Pforten, obgleich sie für das Verbrechen allein gemacht sind, sich nie wieder öffnen sollten.
Wir gingen einen feuchten und engen Korridor entlang, auf den sich vergitterte Fenster öffneten, die Licht in die Zellen bringen sollten. Als die Laterne zu einer so ungewöhnlichen Stunde an den Fenstern vorüberkam, sah man hier und da die undeutliche Gestalt eines Gefangenen sich auf seinem Lager aufrichten und hörte das Knistern des Strohes. Ich war von unendlicher Furcht erfüllt, wie es stets der Fall ist, wenn man sich an einem unbekannten und unheimlichen Orte befindet. Von Zeit zu Zeit mußten wir warten; ein neues Gitter ward vor uns geöffnet, dann wieder geschlossen und bei jedem war es mir, als ob ich, wie Dante, eine neue Stufe in der Hölle überschritte. Wenn ich mit unserem Führer allein gewesen wäre, so wäre ich ohnmächtig zusammengesunken, und wenn ich ganz allein gewesen wäre, so hätte die Furcht mich getötet.
Endlich erreichten wir das Ende des Korridors, welches an eine ebenso enge Treppe wie der Korridor selbst stieß und die mit einem Gitter eiserner Querstangen wie die der Fenster geschlossen war. So klein meine Hand auch war, so konnte ich doch dieselbe nicht durch diese Stangen bringen.
Der Kerkermeister drehte sich herum und sagte mit leiser Stimme:
»Wir brauchen nur dieses Gitter noch zu öffnen und diese Treppe hinaufzugehen, dann sind wir da.«
»Dann öffnen Sie,« sagte die Königin mit einer Stimme, welche nicht die geringste Gemütsbewegung verriet.
Der Kerkermeister gehorchte, jedoch mit einer Vorsicht, welche bewies, daß mir uns wirklich unserem Ziele näherten und daß er nicht von denen gehört zu werden wünschte, denen unser Besuch galt. Übrigens waren die Schlösser und Angeln dieses letzten Gitters so angebracht, daß sie sich ohne das geringste Geräusch bewegten. Mußten nicht Augen und Ohren sich denen, die sie bespionieren und verraten wollten, schweigend nähern können?
Wir erreichten eine Art großes Kabinett, in welches die Königin entschlossen eintrat, ich aber blieb auf der Schwelle stehen. An den Wänden hingen, stehenden unbeweglichen Schatten gleich, die langen weißen Gewänder der Bianchi, nur an den Augen durchlöchert, denn, wie wir bereits gesagt haben, legten die Bianchi in diesem Kabinette, welches an die Totenkammer stieß, das unheimliche Kostüm an, in welchem sie die zum Tode Verurteilten zum Schafott begleiteten.
Die Königin sah meine Furcht und erriet die Ursache derselben. Ohne etwas zu sagen, faßte sie eins der Gewänder und schüttelte es, um mir zu beweisen, daß nichts unter seinen Falten verborgen wäre, nicht einmal ein Gespenst.
Dann deutete sie mir an, daß ich eintreten sollte.
Hierauf zeigte ihr der Kerkermeister in dem Getäfel der Wand so angebrachte Löcher, daß man sie von der Totenkammer aus nicht bemerken konnte. Übrigens konnten die Gefangenen in dieser Kammer, da sie nicht mehr die Freiheit ihrer Bewegungen besaßen, weder das Getäfel noch die Wände untersuchen.
Außerdem war eine blecherne Röhre nach Art eines Sprachrohres für das Ohr angebracht, ebenso wie das Auge gerade in die Öffnung hineinpaßte, so daß die in dem Kabinette versteckte Person zugleich sehen und hören konnte, was in der Totenkammer vorging. Es waren zwei solche Öffnungen und zwei solche Röhren vorhanden. Der Kerkermeister zeigte uns dieselben.
»Erwarten Sie uns unten an der Treppe auf dieser Seite des Gitters,« sagte die Königin zu ihm.
Der Kerkermeister gehorchte. Er ließ seine Laterne auf der Erde stehen, die Königin hob sie auf und gab sie ihm in die Hand.
Wir blieben im Dunkeln, da aber die Totenkammer, um den Namen einer »brennenden Kapelle« zu verdienen, tageshell erleuchtet war, so erschienen zwei lichte Punkte an dem dicken Getäfel und zeigten genau den Ort an, zu welchem das Auge hineinsehen sollte. Wir näherten uns, indem wir den Atem einhielten, dem Getäfel, legten sorgfältig die Hand darauf, damit es nicht knistern sollte, dann blickten wir durch die Öffnung und sahen folgendes:
In einem viereckigen Gemach von mittlerer Größe, das keinen anderen Ausgang als eine nach einer Kapelle führende Tür besaß, lagen drei Matratzen am Boden, und auf den Matratzen lagen die drei Verurteilten, Emanuelo de Deo, Gagliam und Vitagliano. Ihre Füße und Hände staken in eisernen, am Boden befestigten Ringen Nur waren die Fußringe fest im Boden, während die Handschellen, welche an einer, drei bis vier Fuß langen Kette hingen, den Gefangenen erlaubten, sich auf ihr Bett zu setzen und selbst die Hand zu einer gewissen Höhe zu erheben.
Diese drei Matratzen waren an die Wand gelehnt, die eine im Hintergrunde des Zimmers uns gegenüber, die beiden andern uns zur Rechten und Linken. Nur war die zur Rechten liegende, welche dem jungen Emanuele de Deo gehörte, an eine an die Wand gemalte Freske gelehnt, die Christus am Kreuze und Maria zu seinen Füßen kniend darstellte.
Vor dieser Freske brannten ungefähr zwanzig Kerzen, die den Gefangenen wie eine feurige Mauer umgaben.
Er saß auf seinem Lager, wie das Gemälde oder der Kupferstich – denn ich habe das Gemälde nie gesehen – wie der Kupferstich von Davids Gemälde uns Sokrates darstellt, wie er eben im Begriff ist, den Giftbecher zu trinken.
Anstatt des alten Weisen aber mit der gewölbten Stirn, der abgeplatteten Nase, wie er zu den Athenern sagt: »Es war gar nicht der Mühe wert, mir das Leben zu nehmen, Ihr hättet mich nur sterben zu lassen brauchen,« saß hier ein junger Mann mit griechischem Profil, bleichem Teint, flammenden Augen und schwarzem Haar, welches in langen Locken auf seine Schultern herabfloß, denn, wie sein Vater gesagt hatte, hatte sein Haar während der dreijährigen Haft Zeit gefunden, wieder zu wachsen.
Ich weiß nicht, welches Gefühl des Mitleids oder der Bewunderung der Anblick des jungen Emanuele der Königin einflößte; was mich betraf, so kehrten meine Augen, nachdem ich einen Blick auf seine Gefährten geworfen, wieder zu ihm zurück, um ihn nicht wieder zu verlassen.
Ein Maler hätte ein prachtvolles Bild schaffen können, wenn er diesen jungen Mann dargestellt hätte, der von den ihn umgebenden Kerzen beleuchtet ward, an eine Matratze zu Füßen der Freske, an die er sein Haupt lehnte, gefesselt war, nur mit einem schwarzen Beinkleide bekleidet, den Kragen auf die Schultern zurückgeschlagen, das Hemd auf der Brust offen. So sprach er mit seinen Gefährten über Tod und Unsterblichkeit.
Er war wirklich wunderschön und man hätte ihn für den heiligen Johannes, den Lieblingsjünger des Herrn, halten können, hätte er nicht schwarzes Haar an Stelle der blonden Locken gehabt, die Leonardo da Vinci, der unsterbliche Maler des »heiligen Abendmahls«, dem Jünger gibt.