Kitabı oku: «Memoiren einer Favorite», sayfa 38
Achtes Capitel
In dem Augenblicke, wo wir eintraten, hörten wir Worte, die wie eine sanfte Melodie klangen, und an dem Versmaß, wie an der energischen Form erkannte ich, daß der junge Neapolitaner Verse von Dante rezitierte.
Da unser Eintritt durchaus kein Geräusch verursachte, und die Gefangenen gar nicht vermuteten, daß sie gehört und gesehen würden, so fuhr er fort.
Ich habe schon gesagt, welchen Eindruck er auf mich hervorbrachte, als meine Blicke auf ihn fielen, um sich nicht wieder von ihm wegzuwenden; ich habe schon gesagt, daß er, wie er so da saß, sich auf die eine Hand stützte, während er die andere, so weit es die Länge seiner Kette gestattete, zum Himmel erhob, die Stellung eines Sokrates eingenommen hatte, und daß er das begeisterte Antlitz eines Propheten besaß.
Ohne Zweifel dachte er, daß seine beiden Gefährten der Stütze und Ermutigung bedürften, denn er rezitierte ihnen den vierzehnten Gesang des »Paradieses«, in welchem Dante, von Beatrice geführt, bis in den Himmel des Mars steigt, und die Seelen derer findet, die für den wahren Glauben gekämpft haben, und die in Gestalt feuriger Zungen das Kreuz umgaben und das heilige Kruzifix verherrlichten.
In den Augen dieses jungen Enthusiasten war der wahre Glaube die Freiheit, für die er starb, und seine Hoffnung, die er auch seinen Gefährten einzuflößen suchte, war die, eines Tages auch eine dieser melodischen feurigen Zungen zu sein.
Jetzt, nachdem ich gesagt habe, was wir gesehen, werde ich auch sagen, was ich hörte.
Als die Stimme deutlich an mein Ohr drang, hatte Emanuele bereits dreiviertel des Gesanges rezitiert und mit vibrierender Stimme, mit auf einen unbekannten Gegenstand geheftetem Auge war er an die Zeile gekommen:
»Qui vince la memmoria mia lo'ngegno.«
Seine Gefährten hörten ihm mit offenem Munde und lächelnden Lippen zu. Man hätte glauben können, sie sagten zu ihm: »Singe dein letztes Lied, du schöner Schwan der Freiheit!«
Er war bis zu dem Verse gekommen:
»Hier muß die Dichtkunst dem Gedächtnis weichen.«
Und vielleicht dachte er jetzt nicht einmal mehr an seine Freunde und fühlte sich wie Dante von dem Anblick, der sich seinem geistigen Auge bot, hingerissen und bezaubert. Er fuhr fort:
Am Kreuze leuchtend sah ich ragen Christus,
So hell, daß es kein Wortbild kann erreichen.
Doch wer sein Kreuz hat nachgetragen, Christus
Entschuldigt gerne, was ich hier verschwiegen,
Wird ihm in jenem Licht einst tagen, Christus.
Von Arm zu Arm, vom Fuß zum Gipfel stiegen
Zuckende Lichter, und durch ihren Reigen
Schien beim Begegnen hellre Glut zu fliegen.
So pflegen tanzend wohl mit Heben, Steigen,
Langsam und eilig, grade und geschweift,
Staubteilchen groß und winzig sich zu zeigen
Im Sonnenstrahl, der durch ein Ritzchen streift
Zum dunkeln Raum, wenn Kühlung zu erringen
Absicht und Kunst nach einer Schutzwand greift.
Und wie sich wohlgestimmte Saiten schwingen
Von Harfen oder Geigen süß im Klang,
Mag auch von fern die Weise unklar klingen,
So aus den Lichtern, die das Kreuz umschlang,
Floß eine Melodie, mein Herz berauschend,
Obwohl kein Wort verständlich mir vom Sang,
Als nur, daß er, erhabnen Lobspruch tauschend,
»Steh auf und siege!« rief; war's deutlich zwar,
So stand ich doch, umsonst nach Deutung lauschend.
Während der Gefangene diese letzte Zeile sprach, war er so schön, so begeistert, er schien so überzeugt zu sein, daß seine Gefährten laut ihren Beifall kundgaben, wie einem Schauspieler gegenüber und indem sich das Klirren ihrer Ketten mit ihren Beifallsrufen vermischte.
Plötzlich hörte man inmitten dieser Bravorufe und dieses Klirren der Ketten eine Stimme in dem Nebenzimmer, also in der Kapelle, welche rief:
»Mein Sohn! wo ist er denn? wo ist mein Sohn?«
Emanuele erkannte diese Stimme. »Vater, Vater!« rief er, »hier bin ich!«
Er vergaß, daß er angekettet war, und machte eine so heftige Bewegung, um seinem Vater entgegenzustürzen, daß er eine der Ketten, die welche er am rechten Arme trug, sprengte.
Der junge Mann ward aber mitten in seinem Sprung durch die Füßlinge und die Kette am linken Arme zurückgehalten und sank seufzend auf sein Lager zurück.
In diesem Augenblicke erschien der alte Giuseppe de Deo an der Tür, eilte in die Arme seines Sohnes und rief:
»Emanuele, teurer Emanuele!«
Und Vater und Sohn hatten sich einen Augenblick lang umschlungen, wobei das schwarze Haar des jungen Mannes sich mit den weißen Locken des Greises mischte.
Es herrschte ein Stillschweigen von einigen Augenblicken und man hörte nur das Schluchzen des alten Vaters, dessen Herz bei der Umarmung des Sohnes in Tränen zerfloß.
Der Greis brach das Schweigen zuerst.
»Sie wissen,« sagte er zu den beiden Kerkermeistern, die ihn begleitet hatten, »daß ich das Recht habe, allein mit ihm zu bleiben.«
Ohne Zweifel waren die Kerkermeister von dieser, dem armen Vater gewährten Gnade unterrichtet, denn sie lösten bereits die Ketten der anderen beiden Gefangenen, die sie dann in die Kapelle hinausführten.
Vater und Sohn blieben allein.
»O Madame,« flüsterte ich der Königin ins Ohr, »wird man ihm nicht die Ketten abnehmen, damit er wenigstens in diesem Augenblick des Glücks, das er Ihnen verdankt, vergißt, daß er Gefangener ist?«
»Er mag um diese Gnade bitten,« erwiderte die Königin, »und sie soll ihm gewährt werden.«
Als ob selbst die Gefangenenwärter von dieser Lage gerührt worden wären, kamen sie wieder herein und befreiten Emanuele de Deo von den Fußschellen und der letzten Fessel, an die seine linke Hand gekettet war.
Er erhob sich, schüttelte das Haupt wie ein junger Löwe, der soeben seine Freiheit wiedererlangt hat, und stieß einen Seufzer der Befriedigung aus.
»O mein lieber Vater!« rief er freudig, als ob alle Gefahr vorüber sei, »wie mich dieses Wiedersehen freut! – Und welchem Wunder verdanke ich dieses Glück deiner Gegenwart und dieses Augenblicks der Freiheit?«
»Es ist allerdings ein Wunder, geliebter Emanuel, und ich kann kaum daran glauben,« erwiderte der Greis. »Ich war in der St. Brigittenkirche, wo ich Gott um Hilfe für uns anflehte, als eine Dame mich im Namen der Königin holte.«
»Im Namen der Königin?« rief Emanuel, indem er seinen Vater mit dem größten Erstaunen anblickte. Und während sich seine Stirn sichtbar umdüsterte, wiederholte er:
»Im Namen der Königin? Das ist unmöglich!«
»Das habe ich anfangs auch gesagt, ich habe es aber doch glauben müssen. Ich folgte der Dame, wir stiegen in einen Wagen und sie nahm mich mit auf das Schloß.«
»Und du kennst diese Dame?« fragte der junge Mann lebhaft.
»Nein,« erwiderte der Greis zögernd.
»O, du kennst sie, Vater,« hob Emanuel wieder an. »Ist es die Marquise von San-Marco, die Baronin von San-Clemente?«
Der Greis schüttelte das Haupt.
»Bitte, Vater, sage mir, wer die Dame war!«
»Ich glaube,« erwiderte Don Giuseppe mit sichtbarer Furcht, daß sein Geständnis schlimm aufgenommen werden möchte, »ich glaube, es war die Gemahlin des englischen Gesandten.«
»Die Gemahlin des englischen Gesandten! Lady Hamilton! Emma Lyonna! Und wer hat diesem verlorenen Geschöpf das Recht gegeben, sich in unsere Angelegenheiten zu mischen?«
»Mein Sohn,« rief der Greis, »sprich nicht in dieser Weise von ihr. Ich möchte schwören, daß sie es gewesen ist, die bei der Königin um Gnade für dich gebeten hat.«
»Um Gnade für mich, bei der Königin? Was sagst du da, Vater? Da die Königin es ist, die uns verurteilen läßt, so kann sie uns doch nicht begnadigen wollen?«
»Ich versichere dir diese Gnade aber dennoch.«
»Du versicherst mir sie?«
»Ja, jedoch unter einer Bedingung.«
»Ah!« sagte Emanuele mit einem verächtlichen Zucken seiner Lippen. »Laß diese Bedingung hören, Vater.«
Und der junge Mann setzte sich auf einen Schemel.
Sein Vater legte ihm die Hand auf die Schulter.
»Vor allen Dingen, mein Sohn,« sagte der Greis, »mußt du bedenken, wie groß meine Liebe zu dir ist und in welchen Schmerz, in welche Vereinsamung mich dein Tod versetzen würde. . .«
»Vater, sage mir sogleich, welches diese Bedingung ist, denn sonst muß ich glauben, was ich bereits vermute, nämlich, daß sie anzunehmen geradezu unmöglich ist.«
»Wir wollen fortgehen, mein Kind; wir wollen Italien, ja, wenn es sein muß, Europa verlassen! Wenn ich nur bei dir bin, so ist mir jeder Winkel der Erde, wo wir wohnen werden, gleich!«
»Gestehe, Vater,« sagte der junge Mann mit einem bittern Lächeln, »gestehe, daß man eine Feigheit von mir verlangt, die dich selbst erschreckt!«
»Denke an die Schande, die eine öffentliche Hinrichtung über unser Haus bringen wird, bedenke, daß du zu einem entehrenden Tode verurteilt bist!«
»Ein entehrender Tod ist besser, als ein entehrendes Leben, mein Vater. Welches ist die Bedingung, unter der man mir das Leben schenken will?«
»Denke, mein Sohn, daß du nicht nur dein Leben, sondern auch das deiner beiden Gefährten rettest, wenn du tust, was die Königin wünschet.«
»Was will denn die Königin aber?« rief Emanuele, indem er vor Ungeduld mit dem Fuße stampfte.
»Was dir das Todesurteil gebracht hat, mein geliebter Emanuele,« sagte der Greis, »ist der Umstand, daß du so trotzig gewesen bist, den Richtern nichts zu bekennen.«
»Ha, und man hofft, daß ich vor dem Schafott Geständnisse ablegen werde! Und gerade meinen Vater hat man dazu gewählt, mir einen solchen Vorschlag zu machen! Man hat meinen Vater zu einem Boten der Schande gemacht!«
Don Giuseppe sank vor seinem Sohn auf die Knie nieder und verbarg das Haupt an seiner Brust. »Mein Sohn, mein geliebter Sohn!« rief er aus.
Und er brach in lautes Schluchzen aus, in dem man nur die Worte unterscheiden konnte:
»Ich liebe dich so sehr! Ich liebe dich so sehr! Du weißt nicht, wie groß die Liebe eines Vaters ist!«
»Nein, ich wußte es nicht, jetzt aber weiß ich es, da du dich nicht geweigert hast, mir einen solchen Vorschlag zu machen. O, du mußt mich außerordentlich lieben, da du auf mich, auf dich, auf unsere ganze Familie Schande laden wolltest, nur um mich zu retten!«
»Mein Sohn,« rief der Greis, indem er ihn an sein Herz drückte, ohne ihn anzusehen, »habe Mitleid mit dem Zustand, in welchem du mich siehst!«
»Steh' auf, mein Vater,« sagte der junge Mann, indem er ihm die Hände küßte, »und höre stehend, was ich dir sagen will.«
Der Greis gehorchte, denn er war es, der da flehte, und sein Sohn war es, welcher befahl.
»Es scheint,« fuhr Emanuele de Deo fort, »als ob die Tyrannei, in deren Namen du kommst, nicht genug am Blute der Patrioten hat, sondern auch ihre Ehre will und für das Leben der Schande, das sie mir anbietet, so und so viel andere Häupter fordert. Weißt du nicht, wieviel, Vater? Man hätte dir eine Zahl bestimmen sollen! O, ich sagte es wohl, daß von dieser Frau nichts Gutes kommen könnte, und als du mir ihren Namen und den ihrer würdigen Freundin nanntest, ist mir alle Hoffnung entsunken … Nein, nein, laß mich sterben, Vater! O ich weiß, daß Neapel die Freiheit viel kosten wird und daß, um dieselbe einzubürgern, noch Ströme Blutes fließen müssen, vergiß aber nicht, daß das Blut, welches zuerst vergossen worden, das ruhmvollste bleiben wird. Denke doch an die verhaßte Existenz, die du mir anbietest! Fliehen! und in welchem unbekannten Lande der Erde, in welchem dunkeln Winkel der Erde sollten wir unsere Schande verbergen? Nein, besänftige deinen Schmerz, tröste dich mit der Überzeugung, daß ich unschuldig sterbe und daß mein Tod eine Huldigung der Redlichkeit ist. Tragen wir beide, du und ich, unser Märtyrertum eines Augenblicks mit Mut. Der Tag wird kommen, an dem mein Name mit Ruhm in der Geschichte genannt werden wird, und an welchem du stolz sagest: »Mein Sohn war einer der Ersten, die für ihr Vaterland starben.«
»Nun, ich sehe ein, daß du dich weigerst, unter solchen Bedingungen zu leben; laß mich aber noch einmal zur Königin gehen, laß mich bei ihr um Gnade flehen, ohne daß du erröten mußt, dieselbe anzunehmen! Ich bin überzeugt, daß die Königin, wenn sie mich zu ihren Füßen liegen sieht, wenn sie meine Bitten, mein Flehen hört, mir diese Gnade bewilligen wird.«
»O tue das nicht, Vater! O nein, um Himmels willen tue es nicht! Siehst du denn nicht, daß diese Frau den Weg der Verdammnis wandelt, und daß eine gute Handlung sie vielleicht wieder auf den Weg des Heils führen könnte? Der Tag der Tyrannen ist gekommen; wie ihre Schwester Marie Antoinette ist Karoline eine Verräterin ihres Landes, ihrem Gatten treulos! Unreine Liebe genügte ihr nicht, sie mußte sich auch entehren. Auf den Fürsten Caramanico, diesen edlen und tapferen Chevalier, folgte ein intriganter Irländer von zweifelhafter Herkunft, der, von der französischen Marine ich weiß nicht wegen welches schmachvollen Verbrechens fortgejagt, sich nun mit neapolitanischem Gelde bereichern will, und der, als elender Minister einer gekrönten Maitresse, wenn er uns verfolgt, nicht einmal die Entschuldigung seines eigenen Hasses hat. Endlich folgt jetzt in der Gnade der Königin auf diesen Acton eine Höflingin von niedriger Herkunft, eine von einem Charlatan von den Trottoirs von Haymarket aufgelesene Person, eine Prostituierte, welche die Königin auf den Thron, auf dem sie sitzt, zu erheben glaubt und die im Gegenteil die Königin mit in das Bordell hinabzieht, aus dem sie hervorgegangen . . . Nein, nein, mein Vater! Bitte diese Dreieinigkeit ohne Seele um keine Gnade! Wir haben bis hierher rein gelebt: so wollen mir denn auch rein sterben, wie mir gelebt haben.«
»O ja,« murmelte die Königin, »du sollst sterben, Elender! und nun soll dich nichts mehr retten. Wenn Gott selbst vom Himmel herabstiege, um mich um Gnade für dich anzuflehen, so würde ich diese Gnade nicht gewähren! – Komm, Emma! komm! wir haben, wie mir scheint, genug gehört. Ich sage ›wir‹, denn du hast auch deinen Teil bekommen.«
Und indem sie meine Hand mit einer Art Schnauben ergriff, welches lange zurückgehalten worden, nun mit jeder Stufe, die wir die Treppe hinuntereilten, stärker ward, zog sie mich mehr tot als lebendig aus dem Kabinett hinaus.
Zum ersten Male hörte ich mir fluchen!
Neuntes Capitel
Während des ganzen Weges sprach die Königin kein Wort, nur hielt sie meine Hand fest in der ihrigen und an den krampfhaften Bewegungen derselben fühlte ich, bis zu welchem Paroxysmus ihre Wut sich steigerte.
Als wir ihr Zimmer erreicht hatten, warf sie sich, immer noch stumm und aufgeregt, in einen Lehnstuhl. Dann rief sie plötzlich:
»Wie mich diese verworfenen Neapolitaner hassen! Hast du ihn gehört? Er ist der Dolmetsch seiner ganzen Generation. – O, wie froh ich bin, das mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört zu haben, was ich gesehen und gehört habe! – Ich machte mir Gewissensbisse, ich wollte begnadigen begnadigen! Jetzt mögen sie nur kommen und um Gnade flehen, ich werde ihnen zu antworten wissen: ›Ihr habt rein gelebt, so sterbet auch rein!‹ O sie sollen sterben und mit ihnen alle, die nicht Haupt und Knie, beugen wollen!«
Nach augenblicklichem Schweigen fuhr sie fort:
»Die Junta ist abgeschmackt; ich werde eine andere ernennen. Man fordert dreißig Köpfe von ihr, und sie bewilligt nur drei und wählt gerade die Jüngsten, deren Tod die meiste Bewegung in der Öffentlichkeit hervorrufen wird. Sie sollen aber nicht etwa enthauptet werden, diese Ehre soll ihnen nicht widerfahren, sondern wie gemeine Diebe, wie Mörder von gemeiner Geburt will ich sie hängen lassen. O, ich habe meine Leute dazu und werde diesen elenden Jacobinern ein Tribunal geben, welches sie nicht schonen wird . . . . Vanni, Castelcicala, Guidobaldi, das sind Männer, auf die ich mich verlassen kann. Castelcicala ist Fürst und ich kann ihm keinen höheren Titel geben, Vanni aber werde ich zum Marquis und Guidobaldi zum Grafen machen, ich werde sie mit Gold überhäufen, während sie mich mit Blut sättigen!«
Und sie erhob sich gleich einer Nemesis, um dann mit Wutgeschrei auf ihr Bett zu sinken.
Ich folgte ihr, warf mich vor ihr auf die Knie und sagte:
»Schonen Sie sich, Madame!«
»O nichts wider sie zu können! Sie töten, das ist alles! Und hast du nicht gesehen, daß sie dem Tode trotzen, daß sie ihn laut herbeirufen, daß sie die Märtyrer spielen! Sage mir, wäre es nicht besser, sie in dem Bergwerk von Favignana oder von Maritimo zu begraben?«
»Ja, Madame,« rief ich, »das ist eine Eingebung des Himmels! Sie hätten dann Zeit zu bereuen.«
»Zu bereuen, sie? Niemals! sie werden mich nur um so ärger hassen. Übrigens gibt es auch kein so gut verwahrtes Gefängnis, aus dem sie nicht entflöhen. – Man hat mir erzählt, daß ein französischer Gefangener, namens Latude, dreimal aus der Bastille entwischt sei. – Nein, nur dem Grabe kann niemand entfliehen. Ich will bei ihrer Todesstrafe nichts als die Art ihres Todes ändern.«
»Fürchten Sie denn keinen Aufstand, Madame?«
»O, ich wünsche einen! Ich wünsche eine Gelegenheit herbei, bei der ich Neapel verbrennen und ein Drittel seiner Einwohner vernichten könnte! Nur das Volk ist gut, nur die Lazzaroni sind treu, alles, was ein Tuchkleid trägt, ist durch die Vico, Genovese, Beccaria, Filangieri, Pagano und Conforti verderbt worden. Es ist ein Glück, daß dieser Emanuele de Deo den armen Caramanico geschont hat, denn wenn er von diesem dasselbe gesagt hätte, wie von Acton, so hätte ich ihm das Fleisch mit glühenden Zangen zerreißen lassen!«
Ich ergriff die Gelegenheit, die sie mir selbst bot, ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben.
»Haben Sie lange nichts von ihm gehört?« fragte ich.
»Von wem?«
»Von dem Fürsten von Caramanico.«
»O, er schreibt mir schon lange nicht mehr. Wenn ich ihm schreibe, so geschieht dies, wie ich dir bereits gesagt zu haben glaube, durch die Vermittelung seiner Gemahlin, die in Neapel geblieben ist. Sie schickt ihm meine Briefe zu, da sie glaubt, daß es sich um Staatsangelegenheiten handelt, ihm aber habe ich selbst befohlen, mir nicht mehr zu schreiben, denn ich traue hier niemandem als dir. Wenn man denken sollte, daß er noch an mich denkt oder sich einbildet, daß er wieder erster Minister werden will, so mag Gott wissen, was geschehen könnte! . . . . Du hast wohlgetan, mit mir von ihm zu sprechen, Emma. Siehe, das beruhigt mich, . . . . o, wenn er doch hier wäre!«
Und sie umschlang schluchzend das Kissen.
»Befehlen Sie, daß ich Sie zu Bett bringe und den Kasten mit den Briefen und Buketts neben Sie stelle?« »O,« sagte sie, »du bist mein Trost, du allein weißt, was den Frieden in meinem Herzen herstellen kann, und auch dich beschimpfen sie!«
»Denken Sie nicht an mich, Madame. Zum Unglück haben diese Menschen in ihren Bemerkungen über mich recht, da sie mir nichts Unwahres vorwerfen, und ich bin ihnen sogar noch dankbar, daß sie bei der Wahrheit geblieben sind. Denken Sie also nicht mehr an mich, Madame, sondern nur an ihn. Vielleicht denkt er gerade in dieser Stunde an Sie.«
»O, du bist von Sinnen! Er hat dort schöne Sizilianerinnen. Ich bin mit meinen siebenunddreißig Jahren eine alte Frau, er dagegen mit seinen vierzig ein junger Mann. Von dreißig Jahren an muß man die Jahre bei uns doppelt zählen, das wirst du eines Tages auch erfahren.«
»Pst, Madame!« sagte ich lachend, »ich habe es bereits erfahren. Obgleich ich das Datum meiner Geburt, das nicht wie das Eurer Majestät in dem Almanach von Gotha verzeichnet steht, nicht genau kenne, so muß ich doch meine zweiunddreißig, mindestens aber meine einunddreißig Jahre alt sein.«
»Du bist zwanzig Jahre alt,« sagte sie, »und ich glaube, Gott vergebe mir, du wirst es immer bleiben.«
»Wollen Eure Majestät mir den Schlüssel zum Sekretär geben?«
»Nein, das ist nutzlos. Ich will mich zu Bett legen, denn ich bin wie gerädert, du wirst dich zu mir setzen, und dann wollen wir von ihm sprechen. Es ist außerordentlich, wie schon die Erinnerung an ihn mich beruhigt. O, ich weiß nicht, warum ich mich beklage, denn ich bin ja zwei oder drei Jahre glücklich gewesen, und welche Frau, besonders welche Königin, kann drei Jahre des Glücks in ihrem Leben zählen!«
Zuerst war ihr Zorn in Aufregung übergegangen und jetzt verwandelte sich ihre Aufregung in Melancholie. Ich half ihr beim Auskleiden, sie legte sich zu Bett, ich rückte einen Lehnstuhl an ihr Bett und nahm ihre Hand.
»Und jetzt,« sagte ich, »erzählen Sie mir von ihm.«
Nun öffnete sich dieses übervolle Herz und schüttete sich aus. Eine Stunde lang rief sie sich auch die kleinsten Ereignisse dieser drei glücklichen Jahre ins Gedächtnis zurück. Keine Einzelheit entschlüpfte ihr, und während dieser Stunde vergaß sie alles, sogar die tiefverwundende Beschimpfung, die man ihr angetan. Eine so große Macht haben die Erinnerungen einer ersten Liebe auf das Herz des Weibes!
Allmählich aber ward ihre Stimme matter, ihre Hand entzog sich der meinigen, ihre Augen schlossen sich und ein sanfter Atem wie der eines Kindes strömte aus diesen vor zwei Stunden noch wutschäumenden Lippen.
Sie schlief.
Ich vermutete, daß ihr Schlaf nach den Aufregungen, die sie soeben durchgekämpft, ein tiefer und langer sein würde und gab daher in den Vorzimmern Befehl, daß man am folgenden Morgen diesen Schlaf durch nichts stören solle. Dann zog ich mich in mein Zimmer, welches an das der Königin stieß, zurück und ließ die Tür zwischen beiden offen.
Am folgenden Morgen oder vielmehr am folgenden Tage, am 3. Oktober 1794, erwachte die Königin erst um zehn Uhr und rief mich beim Erwachen.
Ich war vor ungefähr fünf Minuten aufgestanden und eilte an ihr Bett.
»Wirklich,« sagte sie, »du bist die mächtigste Zauberin, die existiert hat. Du besitzest Macht über die Herzen und über die Leidenschaften. Ich habe sieben Stunden lang den Schlaf eines Kindes geschlafen. – O, du wirst mich niemals verlassen, nicht wahr? Du bist mein guter Genius!«
Sie breitete die Arme nach mir aus.
Ich neigte mich über sie und küßte sie auf die Stirn.
»Frage, ob niemand zu mir gewollt hat,« sagte sie.
Ich erriet ihre Gedanken. Sie hoffte, daß der verzweifelte Giuseppe trotz des Abredens seines Sohnes doch einen Versuch bei ihr machen würde, ihre Gnade zu erlangen.
Ich ging selbst in die Vorzimmer und fragte nicht nur die Ehrendamen, sondern sogar die Türsteher; allein es war niemand gekommen.
Ich lehrte zu Karolinen zurück, und teilte ihr diesen Umstand mit. Ihre Stirne umdüsterte sich.
»Sie haben es gewollt,« murmelte sie, »und ich habe mir dann keinen Vorwurf zu machen.«
Zu mir gewendet fuhr sie dann fort:
»Ich gebe dir auf den ganzen Tag deine Freiheit. Ich habe mehrere Briefe zu schreiben, mehrere Personen zu empfangen und morgen viele Befehle zu erteilen. Sei um sechs Uhr hier; wir werden uns heute abend nach Caserta begeben.«
»Und – wenn der Vater wieder kommen sollte« sagte ich bittend.
»Wenn er wieder käme, so wollten wir sehen, was zu tun wäre,« erwiderte die Königin. »Sei doch ruhig, er wird nicht wieder kommen.«
Als ich das Palais verließ und die Kirche des heiligen Ferdinand passierte, um in die Chiajastraße einzubiegen, sah ich wie eine Menge Menschen nach dem Largo del Castello strömte. Ich befahl meinem Lakai, vom Wagen zu springen und nach der Ursache dieses Gedränges zu fragen. Er stieg ab, näherte sich einer Gruppe, die er fragte, und kam dann zurück.
Mir war es, als ob die Leute in dieser Gruppe mich drohend anblickten.
»Was gibt es denn?« fragte ich den Lakai.
»Mylady,« erwiderte er, »es scheint morgen auf dem Largo del Castello eine Hinrichtung stattfinden zu sollen. Man errichtet das Schafott.«
«Ins Hotel! ins Hotel!« rief ich, indem ich meinen Kopf in den Händen verbarg.
Ich begab mich zu Sir William.
»Sie wissen doch, was geschieht, mein Herr?« fragte ich.
»Ja,« erwiderte er, »das Tribunal scheint drei Jacobiner zum Tode verurteilt zu haben und morgen wird man sie wahrscheinlich hängen.«
»Die Königin fürchtet, daß morgen, eben wegen dieser Hinrichtung, ein Aufstand ausbrechen könnte, und fordert uns auf, den Tag in Caserta bei ihr zuzubringen.«
»Gehen Sie nur mit. Ich kann Neapel nicht verlassen. Ich soll meiner Regierung morgen über alle Vorgänge berichten und wenn ich in Caserta wäre, so könnte ich der Genauigkeit meiner Depesche nicht gewiß sein.«
»Ich hoffe doch, daß Sie der Hinrichtung der Unglücklichen nicht beiwohnen werden?«
»Ich weiß es noch nicht. Der englische Bankier Leigh hat mir einen Platz an seinen Fenstern angeboten, und da er am Largo del Castello wohnt, so nehme ich sein Anerbieten vielleicht an. Auf alle Fälle werde ich morgen abend oder spätestens übermorgen früh nach Caserta kommen und das Nähere über den Vorgang mitteilen.«
Ich schauderte bei dem Gedanken an diese Einzelheiten, die mir Sir William so ruhig versprach. Da er durchaus nicht wußte, was in der vorhergehenden Nacht geschehen war, so konnte er meine Aufregung nicht begreifen; da er mich aber überhaupt niemals fragte, so richtete er auch jetzt keine Frage an mich.
Zur bestimmten Stunde war ich bei der Königin, nur hatte ich dem Kutscher befohlen, durch Chiatamone und Santa-Lucia zu fahren, weil ich die Nähe des Largo del Castello meiden wollte.
Dennoch mußten wir nach Caserta durch die Toledostraße fahren. Wir saßen aber in einem geschlossenen Wagen und ich zog die Vorhänge zu.
Da wir einen Wagen ohne Wappen und in Livreen gekleidete Diener hatten, so konnten wir durch die Menge, die fortwährend auf der Toledostraße hin- und herwogte, fahren, ohne Neugierde zu erregen. Ich fühlte mich doch erst wieder ruhig, als ich, nachdem wir uns außerhalb der Stadt befanden, das Fenster herunterlassen und die Luft der Felder atmen konnte.
Ich hatte nicht nötig gehabt, die Königin zu fragen, ob jemand bei ihr gewesen, und ob sie Gnade hätte gewähren oder verweigern müssen.
Wir kamen ungefähr halb acht Uhr in Caserta an. Als wir das massive und schwere Gebäude betraten, war es mir, als ob wir in ein Grab stiegen.
Man wird sich vorstellen können, welchen traurigen Abend wir verbrachten. Wir wurden beide, die Königin sowohl als ich, von einem und demselben Gedanken gepeinigt. Wir konnten an nichts anderes denken, und dennoch wollte keine von uns von der Sache sprechen, die uns so hartnäckig beschäftigte.
Was mich betraf, so schwebten mir fortwährend jene drei jungen Männer und besonders der, welcher die Hauptrolle in dieser Tragödie spielte, vor Augen. Sein braunlockiges Haupt, seine beredten Augen, seine vibrierende Stimme, seine feierlichen Gebärden, alles trat mir so lebhaft vor die Seele, daß ich, wäre ich allein gewesen, dem Wunsche nicht hätte widerstehen können, einen Bleistift zu nehmen und die ganze Szene zu skizzieren.
Die Königin hatte ein Buch genommen und tat, als ob sie lese, da sie jedoch die Blätter umzuwenden vergaß, so konnte man leicht sehen, daß sie nicht las.
Gegen zwei Uhr brachte man uns einen Imbiß, wir tranken jedoch nur eine Tasse Tee.
Zu wiederholten Malen versuchte sowohl die Königin als ich, einige der gleichgültigen Phrasen zu erwähnen, auf denen in Ermanglung großer Gedanken die gewöhnlichen Unterhaltungen beruhen, jede dieser Phrasen aber glich einem Stein, der in einen Schlund fällt und ohne Echo darin versinkt.
Die Pendule auf dem Kamin war von Meißener Porzellan. Sie stellte die mit einer Sense bewaffnete Zeit dar. Nie habe ich eine frappantere und düstrere Allegorie gesehen. Nach und nach schlug die Uhr die zehnte, die elfte und die zwölfte Stunde. Mit dem letzten vibrierenden Klange der Glocke traten wir in den 4. Oktober ein; es war der Tag der Hinrichtung.
Die Königin erhob sich, ging nach dem Kamin, nahm die Glasglocke der Uhr in die Höhe und hielt den Perpendikel an.
Sie sorgte dafür, daß die Uhr die vierte Stunde nicht schlüge, denn um vier Uhr sollte sie nicht mehr die Zeit messen, sondern die Ewigkeit anzeigen.
Die Hinrichtung der drei jungen Männer sollte um vier Uhr stattfinden. Ich wußte es nicht, die Königin aber wußte es, und wir waren beide so sehr mit einem und demselben Gedanken beschäftigt, daß, als sie den Pendel der Uhr anhielt, ein Schauer meinen ganzen Körper durchrieselte, denn ich verstand ihre Absicht.