Kitabı oku: «Memoiren einer Favorite», sayfa 39
Zehntes Capitel
Ich weiß nicht, wie die Königin schlief, ich aber hatte schreckliche Träume. Gegen Morgen erst verschwanden die Visionen, die mein Gehirn beunruhigten, und ich konnte einige Ruhe genießen.
Das erste, was ich sah, als ich erwachte, war die Königin, die an meinem Fenster stand. Sie hauchte an die Fensterscheiben und hatte auf den Hauch ihres Atems mit dem Finger eine Art Grabhügel und auf diesem drei Kreuze gemalt.
Als sie hörte, wie ich mich auf meinem Bette erhob, nahm sie schnell ihr Taschentuch und wischte die Scheibe ab.
»Wie langweilig!« sagte sie; »ich war zeitig aufgestanden, da ich hoffte, wir könnten einen Spaziergang machen, und nun fällt ein feiner Regen, der uns vielleicht den ganzen Tag am Ausgehen verhindern wird.«
»Haben Eure Majestät schon lange gewartet?« fragte ich.
»Meine Majestät sind schon eine Stunde da, weil meine Majestät sehr schlecht geschlafen haben. Schnell erhebe dich, wir wollen uns zu zerstreuen suchen.«
Ich erhob mich.
»Ah!« sagte die Königin, indem sie mich betrachtete, »so habe ich denn einmal die Befriedigung, dich weniger außerordentlich schön als gewöhnlich zu finden! Du bist heute bleich und hast rote Augen, das will ich dir nur sagen, meine liebe Freundin.«
»Ach, Madame,« erwiderte ich, »ich fürchte sehr, heute abend noch bleicher auszusehen und noch rötere Augen zu haben, als jetzt.«
Sie tat, als ob sie mich nicht gehört hätte, sondern fragte:
»Hast du denn nicht Sir William eingeladen, mit uns nach Caserta zu kommen?«
»Jawohl, Madame; er wird aber durch Geschäfte in Neapel zurückgehalten und wird daher erst heute abend oder morgen früh kommen.«
»Ah, um so besser!« sagte die Königin mit sichtbarer Anstrengung. »So kann er uns nähere Nachrichten mitteilen.«
Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß das Gespräch zwischen uns hiermit beendet war.
Karoline begab sich in ihr Zimmer. Ich kleidete mich an.
Gegen zwei Uhr hörte der Regen auf. Man sollte beim ersten Sonnenstrahl, der durch die Wolken blicken würde, den Wagen anspannen. Man benachrichtigte uns, daß es geschehen sei.
Wir gingen hinunter und machten eine Promenade im Park.
In dem Maße, wie die Zeit vorrückte, bemächtigte sich auch eine fieberhafte Aufregung der Königin. Sie hatte das Gespräch auf die Gefangenschaft, die Leiden und den Tod ihrer Schwester Marie Antoinette gebracht, die am 16. des Monats, in den wir soeben eingetreten, hingerichtet worden war. Da keiner ihrer Gedanken mir entging, so verstand ich sehr wohl, daß sie darin eine Erleichterung ihrer Gewissensbisse suchte, die Leiden hervorhob, welche die Franzosen einer Frau bereitet hatten, die durch ihren Rang als unverletzlich hätte dastehen sollen.
Der Himmel ward wieder finster, und der Kutscher glaubte wieder nach dem Schlosse fahren zu müssen. Die Königin machte keine einzige Bemerkung. Der Wagen hielt am Fuße der großen Ehrentreppe.
Karoline wechselte den Gegenstand der Unterhaltung.
»Diese Treppe ist wirklich sehr schön,« sagte sie, »und diese Treppe allein hätte den Ruf Vanvitellis begründen können.« Und sie machte mich auf alle Wunder dieses Bauwerks aufmerksam.
So gelangten wir in ihr Zimmer. Karoline war die Beute einer jener nervösen Überreizungen, die bei ihr gewöhnlich mit einer Krisis endeten. Sie ging sehr schnell, als ob sie ihre äußeren Bewegungen, die trotz ihrer Verstellung, den Zustand ihrer Seele verrieten, ins Gleichgewicht bringen wollte.
Plötzlich und gerade in dem Augenblicke, wo sie wieder in ihr Zimmer trat, blieb sie unbeweglich stehen, den Blick auf die Pendule geheftet.
Es war gerade vier Uhr.
Die Uhr ließ eben jenes Ausheben hören, welches dem Stundenschlag vorausgeht; die Zeit erhob ihre Sichel wie zum Schlage und die Glocke erdröhnte viermal unter dem stählernen Hammer.
Die Vorsicht der Königin, am Abend vorher die Uhr anzuhalten, war vergeblich gewesen und seltsamerweise schlug die Uhr gerade in dem Augenblicke, wo die Königin ins Zimmer trat, die verhängnisvolle Stunde, die sie auf dem Zifferblatt anzuhalten versucht hatte.
Nachdem die Königin mit mir in den Wagen gestiegen, war nämlich ein Lakai hereingekommen, und als er sah, daß die Uhr stand, hatte er dieselbe aufgezogen und gestellt. Daher kam das Wunder.
Die Wirkung war jedoch bereits hervorgebracht, ehe die Königin sich die Ursache erklärt, und wenn ich Karolinen nicht gestützt hätte, so wäre sie, glaube ich, umgefallen.
Ich wollte klingeln, sie verbot es mir.
»O nein,« sagte sie, »ich kann vielleicht schwach sein, es darf es aber niemand erfahren. Da es aber wahrscheinlich ist, daß Gott für diese drei elenden Jakobiner kein Wunder hat geschehen lassen, so will ich dies Geheimnis der Uhr wissen. Hilf mir mich auf mein Bett legen und dann erkundige dich darnach.«
Ich führte die Königin bis an ihr Bett, sie legte sich angekleidet darauf und ich ging hinaus, um die Diener zu fragen.
Da erzählte mir der Lakai, daß er, da er gesehen, daß die Uhr gestanden und er geglaubt hätte, sie sei zufällig stehen geblieben, es für seine Pflicht gehalten, sie aufzuziehen und zu stellen.
Ich ging sogleich wieder zur Königin und brachte ihr diese Erklärung.
Ihr Gesicht hellte sich auf; sie wischte sich den Schweiß von der Stirne und versuchte zu lachen, die Muskeln des Gesichts schienen jedoch steif geworden zu sein, so daß sie keinen milderen Ausdruck annehmen wollten.
»Jetzt muß übrigens,« sagte sie, indem sie nach der Uhr blickte und sah, daß es halb fünf war, »alles vorbei sein. Ein großes Exempel ist statuiert worden, das war in Neapel nötig.«
Ich schwieg.
»Bist du nicht auch meiner Meinung?« fragte sie.
»Ach, Madame,« erwiderte ich, »erlauben Sie, daß ich über diese schrecklichen Dinge, wobei es sich um Leben und Tod handelt, keine Meinung habe. Ich bin zu entfernt von denen geboren, denen Gott das Recht gegeben, über das Leben anderer zu verfügen, als daß ich mich je mit dieser ernsten Frage beschäftigt hätte. Ich bin nur ein Weib, demnach ein schwaches Geschöpf, und ich hätte es lieber gesehen, wenn diese Pendule die Stunde der Gnade anstatt die Stunde der Verdammung geschlagen hätte.«
»Wenn diese Pendule die Stunde der Verdammung geschlagen hat, so ist es die Schuld der Verurteilten selbst,« rief Karoline lebhaft. »Hast du nicht alles getan und auch mich bewogen, alles zu tun, was zu ihrer Rettung nötig war? Habe ich nicht noch gestern, trotz der mir von diesen Leuten angetanen Beschimpfung, den ganzen Tag in Neapel gewartet, ob niemand aus ihrer Familie, Vater, Mutter, Bruder, Schwester, mich um Gnade für sie anflehen würde? Als du fort warest und ich allein blieb, habe ich da nicht Befehl gegeben, daß man jeden der zu mir wollte, vorlassen sollte? – Nun, ich habe von elf Uhr früh bis abends zehn Uhr vergebens gewartet und bei jedem Schritt, der sich meiner Türe näherte, in Hoffnung gezittert. Sie verachten aber meine Gnade, sie sind glücklich, für die heilige Sache der Freiheit sterben zu können. Sie bilden sich ein, daß Neapel ihnen einst Bildsäulen errichten werde, und in dieser Erwartung gehen sie wie Märtyrer zur Richtstätte. – Bildsäulen in Neapel!« – Die Königin brach in ein gellendes Gelächter aus. »Darauf zu rechnen! – Die Völker wissen wohl zu zerstören, nicht aber aufzubauen. Vielleicht wird man die Statuen der Könige umstürzen, gewiß aber nicht, um dafür den Jakobinern deren zu errichten.«
Sie versank wieder in tiefes Schweigen.
Ich hütete mich wohl, dieses Schweigen zu stören. Den Kopf in ihre Hand gestützt, zählte ich mechanisch die fieberhaften Schläge ihres Pulses, als plötzlich das Rollen eines Wagens unter der Wölbung des Palastes widerhallte.
Bei diesem Geräusch erhob sich Karoline von ihrem Lager.
»Was ist das?« fragte sie.
»Wahrscheinlich ist es,« erwiderte ich, »Sir William, der seinem Versprechen gemäß zu uns kommt.«
»Wenn er es ist, so lasse ihn eintreten!« rief die Königin. »Ich will so schnell als möglich erfahren, was dort unten geschehen ist.«
Es war Sir William wirklich. Er brachte Nachrichten und zwar so unerwartete, daß er keinen Augenblick hatte zögern wollen, uns dieselben mitzuteilen, und dank seinen ausgezeichneten Pferden hatte er den Weg in fünf Viertelstunden zurückgelegt.
Folgendes war geschehen und er hatte es mit seinen eigenen Augen vom Fenster des Bankier Leigh aus gesehen.
Wie gewöhnlich waren die Bianchi in das Gefängnis der Vicaria gegangen, um die Verurteilten abzuholen, die zu Fuß gingen und von zwei Kompagnien Infanterie und einer Abteilung Kavallerie begleitet wurden.
Sie hatten zum erstenmal an der Kathedrale Halt gemacht, dann ihren Weg fortgesetzt bis zur Toledostraße, in die sie bei dem Palais Maddalone einbogen.
In der Toledostraße mußten die Soldaten dem traurigen Zug einen Weg bahnen, so dicht gedrängt standen die Menschen. Die drei jungen Männer, deren jeder zwischen zwei Büßern ging, auf deren Schultern sich zu stützen sie verschmähten, und vor denen ein Priester vorausging, der sich von Zeit zu Zeit umdrehte und ihnen das Kruzifix zum Kusse reichte – ein Akt, den sie mit ehrfurchtsvoller Inbrunst ausführten, – wandelten festen Schrittes dahin und grüßten die an die zu beiden Seiten der Straßen stehenden Häuser zurückgedrängte Menge und die an den Fenstern der gedrängt vollen Häuser stehenden Bekannten. Diese erwiderten die Grüße dadurch, daß sie die Taschentücher schwenkten und riefen:
»Lebt wohl! lebt wohl!«
Ungefähr dreiviertel auf vier Uhr kam der Zug an die Sankt-Ferdinandskirche und gelangte, nachdem man das Theater San Carlo passiert, auf dem Schloßplatz an, in dessen Mitte das Schafott errichtet war, welches von drei Galgen überragt ward, welche die Form eines großen H hatten, bei welchem man den Querstrich bis an das oberste Ende der beiden Grundstriche hinaufgeschoben.
Vitagliano, der älteste der drei jungen Leute, der zuerst ging, rief aus:
»Freunde, hier ist das Werkzeug unseres Märtyrertums.«
»Es sei uns willkommen!« erwiderte Emanuele de Deo. »Das Märtyrertum führt zu Gott!«
»Und der Tod zur Freiheit!« fügte Gagliani, der jüngste der drei Verurteilten, hinzu.
Man hörte diese drei Worte und die, welche sie gehört hatten, sagten sie weiter.
Die Menschenmenge war eine ungeheure und kaum hatten vierhundert Mann Infanterie vor einer halben Stunde auf den Platz rücken und um das Schafott herum ein großes leeres Viereck bilden können.
Hierauf hatten diese vierhundert Mann im Angesichte aller und auf Befehl ihrer Offiziere ihre Flinten geladen.
Von der anderen Seite sah man die Artilleristen des Castello Nuovo die Mündungen ihrer Kanonen auf den Schloßplatz richten und sie selbst standen mit angezündeten Lunten hinter den Geschützen, bereit Feuer zu geben, sobald man einen Versuch zur Befreiung der Gefangenen machen würde.
Zu diesen Truppen gesellten sich dann auch noch die, welche die drei Verurteilten begleiteten.
Ungefähr achthundert Mann Soldaten umstanden das Schafott. In dem Augenblicke, wo die Verurteilten in den verhängnisvollen Kreis traten, der wie eine eiserne Mauer zwischen dem Leben und ihnen stand, schlugen zwölf Tambours einen gedämpften Wirbel, welcher anzeigte, daß das düstere Drama seinen Anfang nähme.
Da Gagliani der jüngste der drei Verurteilten war – ich habe bereits gesagt, daß er kaum neunzehn Jahre alt war – so stieg er zuerst auf die Plattform.
In dem Augenblicke, wo dieses so jugendliche und dennoch dem Tode geweihte Haupt erschien, durchlief ein Schauer die Menge und einige Stimmen riefen um Gnade.
»Gnade?« rief Gagliani, die Stimme erhebend. »Man hat uns auf Kosten unserer Ehre Gnade angeboten und wir haben sie verschmäht.«
Der Henker saß schon rittlings auf dem Querbalken des Galgens, die Gehilfen stießen Gagliani an die Leiter; er stieg die fünf oder sechs Stufen leise hinauf und die Schlinge ward ihm um den Hals gelegt.
»Es lebe die Freiheit!« hatte er noch Zeit zu rufen. Sofort stieß der Henkersknecht die Leiter mit dem Fuße um, und der von dem Stoße bewegte Körper baumelte in der Luft. Der Henker glitt auf die Schultern des Gehängten herab, der Knecht klammerte sich ihm an die Füße, eine unförmliche, von Todeszuckungen bewegte Gruppe erschreckte die Zuschauer einen Augenblick lang, dann sprang der Henker auf die Erde, der Knecht zur Seite und der Leichnam des ersten Märtyrers hing mit gebrochenen Halswirbeln unbeweglich am Galgen.
Jetzt kam Emanuele de Deo an die Reihe.
Er stieg die Stufen der Plattform schnell hinauf und schien jemanden in der Menge mit den Augen zu suchen.
Da erhob sich mitten in dem tiefen Schweigen eine Stimme, welche schmerzerfüllt rief:
»Du suchst mich wohl? Hier bin ich, mein Kind!«
Und nun sah man den alten Vater Emanuels, der sich mit tränenbetautem Antlitze auf den Fußspitzen erhob, sein Taschentuch schwenkte und ohne Zweifel in Erfüllung eines letzten Versprechens gekommen war, um seinem Sohne Lebewohl zu sagen.
»Lebe wohl, mein Vater, lebe wohl!« rief seinerseits der junge Mann. »Ich sterbe für mein Vaterland. Möge mein Vaterland sich meines Todes erinnern und denselben rächen!«
Und indem er selbst nach der Leiter stürzte, ging er die Stufen rückwärts hinauf, steckte seinen Hals durch die verhängnisvolle Schlinge und der zweite Akt des furchtbaren Dramas begann.
In dem Augenblicke aber, wo sich der Henker auf die Schultern des Gehenkten gleiten ließ, wo der Henkersknecht sich an seine Füße klammerte, wo der Greis jammernd seinen Sohn rief und die Hände verzweiflungsvoll rang, ertönte ein furchtbares Geschrei, das halb Mitleid, halb Drohung war. Eine schwankende Bewegung durchlief die Menge, das Kommando: »Fertig! Schlagt an!« ließ sich hören und dann folgte ein Klirren, welches den schnellen Gehorsam derer anzeigte, denen dieses Kommando gegeben worden. Eine Rauchwolke, auf welche der Knall einer blindgeladenen Kanone folgt«, zeigte sich an einem der Türme des Kastells; das neapolitanische: »Fliehe, wer kann!« »Fuga! Fuga!« ward von Tausenden von Stimmen wiederholt, die Reihen der Soldaten wurden durchbrochen, nicht von Angreifenden, sondern von Fliehenden und der Henker, welcher fürchtete, daß man ihm inmitten dieses Tumultes sein letztes Opfer rauben könnte und er die zehn Dukaten verlieren möchte, welche die Munizipalität für jede Hinrichtung bewilligt, stürzte sich mit einem Messer auf Vitagliano und durchbohrte ihn.
Dieser sank zum Tode getroffen nieder.
Und während die bestürzte Menge durch die zahlreichen Straßen, die an den Largo del Castello stießen, von diesem Kommando, diesem Musketengeklirr und von diesem Kanonenschusse verfolgt, entfloh, schleppten der Henker und seine Knechte den sterbenden Vitagliano auf die Plattform, wo er sein Leben aushauchte, und da sie nichts anderes tun konnten, so hingen sie anstatt eines Lebendigen einen Toten an den Galgen.
Dies waren die Ereignisse, die Sir William, der Augenzeuge dieser furchtbaren Szene gewesen war, uns mit diplomatischer Genauigkeit erzählte.
Elftes Capitel
Marie Karoline hörte der Erzählung vom Anfange bis zu Ende zu, ohne ein Zeichen von Erregung zu geben; nur verlangte sie, als Sir William geendet, ein Glas Wasser.
Ich holte selbst eins von ihrer Toilette und brachte es ihr, als sie es aber aus meiner Hand nahm, zitterte die ihrige und ich hörte, wie ihre Zähne an dem Rande des Glases klapperten.
»Sie sind krank, Madame,« sagte ich.
»Ja, ich glaube selbst,« erwiderte sie, »daß ich etwas Fieber habe.«
Dann drückte sie mir die Hand, wie von plötzlichem Schrecken ergriffen, und sagte:
»Du wirst doch die Nacht in meiner Nähe bleiben, nicht wahr?«
»Gott bewahre mich davor, Sie auch nur einen einzigen Augenblick zu verlassen, Madame! Man sollte aber nach dem Arzte schicken.«
»Warum denn?«
»Weil ich fürchte, daß Sie ernstlich krank sind und denke, daß einige beruhigende Mittel vielleicht genügen würden, eine gefährliche Krankheit abzuwenden.«
Die Königin dachte einen Augenblick nach, richtete sich auf ihrem Ellbogen empor und ließ dann das Haupt wieder auf das Kissen sinken.
»Die Sache ist die,« sagte sie, »daß ich mich nicht wohl fühle. Ich habe Ohrensausen und rote Flecke vor den Augen. Schicke einen Kurier nach Neapel und schreibe Domenico Cirillo, morgen früh so zeitig wie möglich zu mir zu kommen.«
»Wollen Eure Majestät mir erlauben, Ihren Puls zu fühlen? Ich verstehe mich ein wenig auf Medizin,« sagte Sir William.
»Fühlen Sie,« sagte Karoline, indem sie den Arm ausstreckte.
Sir William zog seinen Handschuh aus, nahm seine Uhr heraus und während er mit der einen Hand dieselbe hielt, untersuchte er mit der anderen den Puls der Königin.
Er zählte zweiundachtzig Schläge in der Minute.
»Nicht morgen erst,« sagte er, »sondern heute noch muß der Arzt kommen, Madame, und da ich wegen meiner Korrespondenz nach Neapel zurückkehren muß, so werde ich Ihr Kurier sein. Wenn Cirillo abwesend sein sollte, so werde ich Ihnen Cottugno schicken.«
»Schicken Sie mir wen Sie wollen, Mylord, nur keinen englischen Arzt. Ich verabscheue Ihre Kalomelverschreiber; sie haben für alle Krankheiten nur ein Mittel, man sollte meinen, sie hätten das Universalheilmittel erfunden.«
Sir William verabschiedete sich von uns und ging fort, indem er die Königin inständig bat, nicht, wie sein skeptischer Geist ihn fürchten ließ, falls sie kränker würde, einen Dorfarzt holen zu lassen, sondern den zu erwarten, den er ihr aus der Stadt schicken würde.
Sir William hatte sich nicht getäuscht. Das Übel der Königin nahm schnell zu, und zwei Stunden, nachdem er fort war, lag sie im Fieberwahnsinn.
In diesem Delirium wohnte sie der Hinrichtung der drei jungen Männer bei und erzählte alle die Einzelheiten, die Sir William ihr soeben berichtet.
Um Mitternacht fuhr ein Wagen donnernd durch die Einfahrt des Palastes. Man wußte, daß ein Arzt aus Neapel erwartet ward und man war wach geblieben, damit er ohne Verzögerung heraufkommen könnte.
Ich eilte an die Treppe. Es war der Doktor Cottugno. Er ward von Sir Williams Sekretär begleitet, der mir einen Brief meines Gatten überbrachte.
Domenico Cirillo hatte nicht kommen wollen, sondern gesagt, daß er um fünf Uhr seine Entlassung als Hofarzt ins Palais geschickt habe.
Das war eine Stunde nach der Hinrichtung, die Absicht war also deutlich und bestimmt, und der Beweggrund, aus welchem Cirillo seine Entlassung eingereicht, bedurfte keiner weiteren Erklärung.
Sir William, der die patriotischen Ansichten Cirillos kannte, war über seine Weigerung durchaus nicht erstaunt und hatte sich an Cottugno gewendet.
Ich führte den letzteren zur Königin. Sie sah im Gesicht ganz purpurrot aus, sprach in kurzen Worten und ihr Auge war fieberhaft. Ihr Puls ging noch schneller und man konnte in einer Minute neunzig Schläge zählen.
Cottugno, der sich durch seine schnelle Entschlossenheit auszeichnete, warf nur einen einzigen Blick auf die Kranke.
»Die physischen Kräfte,« sagte er, »sind durch die moralischen sehr erschüttert worden. Es handelt sich daher darum, auf die moralischen Kräfte durch die physischen zu wirken.«
Und er zog sein Besteck aus der Tasche.
Dann fuhr er zu mir gewendet fort:
»Madame, wollen Sie mich unterstützen, Ihrer Majestät zur Ader zu lassen, oder wollen Sie eine der Kammerfrauen rufen?«
»Wenn ich Ihnen nun helfen wollte, mein Herr,« sagte ich, »würde dann das, was ich zu tun haben würde, schwer sein?«
»Ach, mein Gott, nein! Es handelt sich einfach darum, daß Sie nicht ohnmächtig werden. Können Sie dafür stehen?«
»Ja, mein Herr, ich besitze Mut.«
»Man hat bisweilen Mut für sich, ohne ihn für andere zu haben. Übrigens handelt es sich nur darum, die Schüssel zu halten.«
»Rechnen Sie auf mich.«
»Gut, dann wollen wir keine Zeit verlieren.« Und der Doktor unterband hierauf selbst den Arm der Königin und ohne eine andere Hilfe als die meinige ließ er der Königin reichlich zur Ader.
Ich sah zum ersten Male Blut fließen und zwar das kostbare Blut einer gekrönten Freundin; der Eindruck war demnach ein tiefer.
Ich kniete vor dem Bett der Königin und hielt das Becken, in welches sich ihr Blut, wie mir es schien, in furchtbarer Menge ergoß. Ich wußte noch nicht, was mir Sir William später mitteilte, daß der menschliche Körper sechzehn bis siebzehn Pfund Blut enthält. In dem Maße, in welchem das Blut floß, ward es mir dunkel vor den Augen und der kalte Schweiß trat mir auf die Stirn. Ich hielt jedoch trotzdem nicht weniger fest, bis zu dem Augenblick, wo der Arzt mir sagte:
»Sie können das Becken auf die Erde stellen, Madame, es ist alles vorbei.«
Als ob ich in meiner Hilfeleistung all meine Kräfte, besonders meine Willenskraft, erschöpft hätte, ließ ich mich, nachdem ich auf die Erlaubnis des Doktors das Becken kaum niedergesetzt, auch mich völlig gehen und den Kopf auf das Bett der Königin sinken.
»Ich hatte es Ihnen wohl gesagt,« bemerkte Cottugno.«
»O, es ist nichts, Doktor, es ist nichts,« erwiderte ich, »Sie haben ihr aber soviel Blut entzogen.«
»Nicht mehr als fünf bis sechs Unzen. Das Gehirnfieber muß gemildert werden. Es hat eine Gehirnerschütterung stattgefunden; wir müssen das Gleichgewicht wieder herstellen. Wenn das Fieber, die Röte und besonders das Delirium andauern sollten, so müsse die Königin die Füße in so heißes Wasser setzen, als sie es nur ertragen kann, und in welchem man drei bis vier Unzen Senfmehl aufgelöst. Hilft dies noch nicht, so müssen ihr Senfpflaster auf die Fußsohlen gelegt werden, denn alles das Blut, welches jetzt nach dem Kopfe strömt, muß in die Extremitäten gezogen werden.«
»Bitte, schreiben Sie das alles auf, Doktor,« sagte ich.
»Warum wollen Sie aber nicht bei der Königin bleiben?«
»Ja und meine Spitäler! Wer sollte denn dort meinen Dienst übernehmen? Das ist unmöglich, schöne Frau, unmöglich! . . . Um zwei Uhr nachmittags werde ich wieder hier sein. Die Königin mag sich gedulden. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird das Delirium bis dahin schwächer geworden sein und unsere erhabene Kranke sich auf dem Wege der Besserung befinden . . . Und sehen Sie, da schläft sie schon.«
In diesem Augenblicke schlug die Uhr.
Bei dem ersten Schlag öffnete die Königin die Augen und schien ängstlich zu horchen.
Ich horchte fast ebenso ängstlich wie die Königin, denn ich kannte die Ursache ihrer Aufmerksamkeit, mit der sie auf dieses Geräusch hörte. Die Uhr schlug die dritte Stunde.
»Gut!« sagte Karoline, »noch eine Stunde!« Und ihr Haupt sank wieder auf die Kissen.
»Man muß zu verhüten suchen,« sagte Cottugno, »daß diese Uhr die Stunden, besonders aber die nun folgende schlägt.«
Er sprach diese Worte mit solcher Einfachheit, daß es unmöglich zu erkennen war, ob er eine andere Absicht hatte hineinlegen wollen, als die, der Uhr Schweigen zu gebieten.
Ich ging an den Kamin und hielt den Zeiger an. Cottugno fühlte den Puls der Königin; er hatte sich um zwölf Schläge vermindert.
»Alles geht gut,« sagte der Doktor, »und wenn nichts Neues geschieht, wird die Königin in drei Tagen hergestellt sein.«
Dann wischte er mit der größten Sorgfalt seine Lanzette ab, hielt die Spitze derselben in die Flamme der Kerze steckte dann die Lanzette wieder in sein Besteck, dieses in die Tasche, empfahl mir, das Blut aufzubewahren, damit er die Zusammensetzung desselben untersuchen könnte, und ging fort, indem er mir riet, ein wenig auszuruhen.
Ich bedurfte der Ruhe in der Tat sehr, denn seit drei Nächten hatte ich gar nicht oder doch nur wenig geschlafen. Der Schlaf der Königin war im ganzen ruhig, nur fuhr sie einigemal heftig zusammen. Ich zog einen Sessel an ihr Bett, nahm ihre Hand in die meinige, damit ich durch ihre leiseste Bewegung geweckt werden möchte, und schlief selbst ein.
Wie lange mein Schlaf dauerte, weiß ich nicht, als ich aber die Augen aufschlug, von dem Geräusch geweckt, welches in dem Nebenzimmer entstanden, war es bereits heller Tag. Das Geräusch ward durch eine Person verursacht, welche heftig sagte:
»Ich muß zur Königin! Ich sage Ihnen, ich muß zu ihr!«
Ich sprang von meinem Sessel auf und stürzte in das Nebenzimmer. Hier sah ich eine vornehme Dame, die ungefähr dreißig bis fünfunddreißig Jahre alt sein mochte und deren Gesicht tiefe Spuren von Schmerz zeigte.
»O Madame,« rief sie, als sie mich erblickte, »machen Sie es möglich, daß ich zur Königin gelange, ich bitte Sie inständigst!«
Und sie faßte meine Hände, indem sie sich neigte, als ob sie auf die Knie sinken wollte.
»Unmöglich, Madame!« erwiderte ich.
»Die Königin ist sehr krank; es ist ihr diese Nacht zur Ader gelassen worden und der Arzt hat verboten, jemanden zu ihr zu lassen.«
»O, ich aber, ich,« rief die Dame, »ich bin nicht jemand. . . . Ich bin . . . ich bin . . . eine Freundin der Königin!«
»Entschuldigen Sie mich, Madame, ich habe Sie aber niemals am Hofe gesehen.«
»Wozu hätte ich denn an den Hof kommen sollen? Ich hatte ja dort gar nichts zu tun! Sehen Sie aber hier, Sie kennen doch die Handschrift der Königin?«
Sie zog mehrere Briefe aus der Tasche.
»Sehen Sie, Madame, sehen Sie! . . . Teure Prinzessin! Nicht wahr, es ist ihre Handschrift?«
»Ja, wer sind Sie denn aber?« fragte ich ganz erstaunt.
»Ich bin . . .«
Sie zögerte.
»Ich bin die Fürstin von Caramanico.«
»Die Gemahlin des Mannes . . .«
Ich stockte.
»Ja,« sagte sie, »die Gemahlin des Mannes, den sie so sehr geliebt hat! . . . Nun, ich will ihr sagen, daß sie den Mann, den sie so sehr geliebt hat, nicht sterben lassen kann.«
»Ihn sterben lassen! Wen denn?« fragte eine Stimme hinter uns.
Wir, die Fürstin und ich, drehten uns herum und stießen einen doppelten Schrei aus. Die Königin, die ebenfalls von dem Geräusch geweckt worden war, hatte sich, da sie eine Frauenstimme auf die meinige antworten hörte, erhoben und stand mit bloßen Füßen, im Hemd, und ganz mit Blut befleckt, auf der Schwelle des Schlafzimmers.
Sie erkannte die Fürstin von Caramanico, stieß ebenfalls einen Schrei aus, stürzte auf sie zu, faßte sie beim Arme, zog sie mit in ihr Zimmer und sagte:
»Komm, Emma, komm!«
Ich folgte der Königin und Prinzessin und schloß die Tür hinter mir.