Kitabı oku: «Memoiren einer Favorite», sayfa 44
Mochte diese Entschuldigung nun gut oder schlecht sein, ich nahm sie an; da aber seine Schwester und seine Nichte Cäcilia zu dem Ball eingeladen waren, welcher auf das Diner folgen sollte, so sagte ich Caracciolo, daß ich wenigstens hoffte, das Vergnügen der Gesellschaft der beiden Damen zu genießen. Er antwortete mir jedoch mit derselben Höflichkeit, aber auch mit derselben Kälte, daß seine Schwester schon seit drei Tagen so unpäßlich sei, daß sie das Zimmer nicht verlassen dürfe, und daß sie daher, zu ihrem großen Bedauern, meiner Einladung nicht Folge leisten könnte.
Die erste Entschuldigung hatte ich ruhig und lächelnd hingenommen, bei der zweiten abschlägigen Antwort aber konnte ich mich einer ungeduldigen Bewegung nicht enthalten.
Die Königin bemerkte es und näherte sich uns.
»Der Fürst Caracciolo,« sagte sie, »ist ein zu fein gebildeter Edelmann, als daß er dir eine unhöfliche Antwort hätte geben können, liebe Emma, und dennoch scheint es, deinem Gesicht nach zu urteilen, als ob du dich über ihn beklagen müßtest.«
Anstatt sich zu beeilen eine Antwort zu geben und sich zu rechtfertigen, ließ der Admiral mir Zeit, das Wort zu ergreifen.
»Nein, Madame,« erwiderte ich, »nicht über den Admiral, sondern über mein Verhängnis muß ich mich beklagen.«
»Du weißt, liebe Emma, daß ich die Rätsel nicht liebe, daher erkläre dich!« sagte die Königin in dem Tone, der bei ihr stets den Beginn eines Sturmes andeutete.
»Gewiß, Madame, das Verhängnis will, daß wir des Vergnügens beraubt werden, Seine Exzellenz zu empfangen, da das jetzt so herrliche Wetter diese Nacht stürmisch zu werden droht. Und ein nicht minder grausames Geschick hat es gewollt, daß die Schwester des Herren Admirals noch an demselben Tage, wo sie unsere Einladung erhalten, von einer so ernsten Unpäßlichkeit befallen worden ist, daß sie das Zimmer hüten muß, wodurch die reizende Cäcilia genötigt worden ist, als gute Tochter bei ihrer Mutter zu bleiben. So kommt es denn, daß durch dieses doppelte Verhängnis die Festlichkeiten, die man dem einen Admiral zu Ehren gibt, und zwar einem Admiral, welcher die Franzosen besiegt hat, vorübergehen werden, ohne daß wir zu seiner Ehre nur eine einzige Person aus der Familie des berühmten Admirals Caracciolo bei uns sehen können, und ohne daß der Herr Admiral selbst im Namen der neapolitanischen Marine einen Toast auf die englische Marine ausbringen kann.«
Die Königin ward sehr bleich und runzelte die Stirn.
»Nehmen Sie sich in acht, mein Herr Admiral!« sagte sie, »diejenigen, welche gute oder schlechte Entschuldigungen gefunden haben, um nicht den Festen beiwohnen zu müssen, welche die Gemahlin des englischen Gesandten gibt, werden auch nicht zu den Festen eingeladen werden, welche die Königin von Neapel geben wird.«
»Madame,« sagte Caracciolo, ohne sich zu rühren, »die Krankheit meiner armen Schwester ist mit solcher Heftigkeit aufgetreten, daß ich, selbst wenn diese Festlichkeiten einen Monat dauern sollten, daran zweifle, daß meine Schwester selbst in einem Monat soweit wieder hergestellt sein würde, um an diesen Festen teilnehmen zu können.«
Jetzt ward der König ungeduldig, weil er nicht wußte, was der Gegenstand dieser langen Unterredung mit seinem Admiral war, und Nelson, welcher sah, daß ich rot vor Scham und die Königin bleich vor Zorn war, kam unruhig auf uns zu.
Die Königin, welche Nelson jede Erklärung, die ihn hätte verwunden können, ersparen und mich jeder Demütigung, die mich in seinen Augen hätte herabsetzen können, entziehen wollte, zog mich schnell mit fort, indem sie sagte:
»Komm, Emma, komm! Die Gesundheit der Schwester des Fürsten liegt uns so am Herzen, daß wir uns jeden Tag nach ihrem Befinden erkundigen lassen, bis wir wissen, daß es ihr besser geht.«
»Das ist eine Aufmerksamkeit, welche meine Schwester um so höher schätzen wird,« erwiderte der Fürst, »da sie in dem Umstand, daß sie nicht weiß, womit sie dieselbe verdient hat, eine ganz besondere Gunst Euer Majestät sehen wird.«
Der Admiral sprach diese letzten Worte mit so ehrfurchtsvoller Höflichkeit, daß die Königin, die nicht leicht das letzte Wort von einem Gegner, mochte dieser sein wer er wollte, annahm, keine Antwort darauf fand und sich entfernte, indem sie mich mit fortzog.
Ich gestehe, daß ich ihr mit Tränen in den Augen und mit durchbohrtem Herzen folgte. Wie jene römischen Triumphatoren inmitten ihres Triumphes die Stimme des Sklaven hören mußten, der ihnen zurief, daß sie sterblich wären, rief auch mir inmitten meines Triumphes eine Stimme zu: »Favoritin der Königin! Gemahlin des englischen Gesandten! Mylady Hamilton! Denke an das Apollobett und das Trottoir von Haymarket!«
Man wartete nur noch auf die Königin, ehe man landete. Obgleich ich mich auf ihren Arm, anstatt daß sie sich auf den meinigen stützte, was doch das Zeichen der größten Gunst war, schritt ich mit gesenktem Haupte durch die Reihen der Höflinge, die mich beneideten. Ich hatte ein Lächeln auf den Lippen und den Tod im Herzen!
Niemals hatte ich gehaßt, nie gewünscht, mich an jemanden zu rächen, von diesem Augenblicke an aber fühlte ich, daß Haß und der Wunsch, mich zu rächen, wie eine doppelte Schlange sich in mein Herz schlichen.
Endlich stieg man ans Land. Die königlichen Equipagen und die Wagen der Gesandtschaft warteten am Arsenal. In den ersten Wagen stieg der Admiral Nelson mit dem König, der Königin und mir, der Kronprinz und die Kronprinzessin stiegen mit Sir William in den zweiten. In die anderen Wagen konnte sich jeder setzen, wer da wollte, was jedoch auch erst nach einigen Zeremonien und Etikettestreitigkeiten geschah.
Die Kutscher hatten Befehl erhalten, nach der St. Klarakirche zu fahren, wo das Te Deum von dem Kardinal-Erzbischof von Neapel, Capece Zurlo, gesungen werden und wobei ihn der Kardinal Fabrizzio Ruffo, von dem zu sprechen ich bereits Gelegenheit gehabt Habe und der, ohne daß noch sonst jemand es vermutete, sich der Epoche näherte, in der er eine so große politische Rolle spielte, unterstützen sollte.
Den Befehl jedoch, nach der Klarakirche zu fahren, konnten die Herren leichter geben, als die Diener ihn befolgen, denn die Straßen waren so mit Menschen überfüllt und die Wagen so dicht von einer unglaublichen Menschenmenge umringt, daß sie vom Meer umtosten Schaluppen glichen, die von den Wogen geschüttelt werden. So unbeliebt die Königin war, so beliebt war dagegen der König. Niemals stand, wenn er ausging, eine Truppe, ein Gendarm, eine Garde trennend zwischen ihm und dem Volke. Der letzte Lazzarone konnte zu ihm, ihn berühren, mit ihm sprechen, sich nach seinem Befinden erkundigen, ihn fragen, wann er seine Fische in Mergellina verkaufen, oder seine Makkaroni im Theater San Carlo essen würde, und wie man leicht begreifen wird, benutzen diese zutraulichen Menschen diese Erlaubnis in ihrer ganzen Ausdehnung. So war es nicht selten, daß der König bei Feierlichkeiten wie die heutigen drei bis vier Lazzaroni auf dem Kutscherbock, ebensoviel auf dem Bediententritt bei den Lakaien und ebensoviel wie Pagen auf den Tritten an den Schlägen des Wagens stehen hatte.
Nelson konnte sich darüber nicht genug verwundern, und da er an die majestätische Würde der Herrscher Großbritanniens, wie an den ruhigen und kalten Enthusiasmus des Volkes in London gewöhnt war, so machten diese lärmenden Gefühlsexplosionen der Südländer ihn schwindlig. Übrigens nahmen der König und die Königin in seinen Gedanken, besonders aber in seinem Herzen jetzt nur den zweiten Platz ein. Da er der Königin und ich dem König gegenüber saß, so hatte er sich meiner rechten Hand bemächtigt und drückte dieselbe unter fieberhaften Zuckungen, welche die Unruhe seiner Seele verrieten und mir sagten, was für stürmische Gefühle das Blut nach seinem Herzen trieben.
Wir brachten gewiß eine Stunde zu, ehe wir vom Kai bis in die Klarakirche gelangten. Dann dauerte das Te Deum ungefähr eine halbe, und die Rückfahrt drei Viertelstunden. Endlich erreichten wir das englische Gesandtschaftshotel und es ward hohe Zeit, denn ich war vor Ermattung, Auflegung, hauptsächlich aber vor Zorn wie zerschlagen.
Das ungeheure Portal des Palais Calabrito war in einen Triumphbogen verwandelt worden, an dessen beiden Seiten sich Masten mit Bannern erhoben, deren jedes Nelsons Namen trug. Bis zur ersten Etage glich die Treppe einer Laube aus Lorbeeren und Blumen.
Ein Diner von achtzig Kuverts war in der Gemäldegalerie, serviert worden. Beim Dessert spielten die hundertundzwanzig Musiker des Theaterorchesters die Melodie des Liedes: ›God save the king‹, wozu eine wundervolle Stimme die eingelegten Couplets sang.
Das letzte derselben war Nelson zu Ehren gedichtet worden und lautete folgendermaßen,
»Join we great Nelson's name
First on the rolls of fame;
Him let us sing.
Spread we his fame around,
Honor of Britisch ground,
Who made Nile's shore resound.
God save the king!«5
Man wird begreifen, mit welchem Enthusiasmus dieser Vers aufgenommen ward. Der König, die Königin, der Kronprinz, wie alle Gäste hörten ihn stehend an, und der Ruf: »Es lebe Nelson! Es lebe der Sieger vom Nil! Es lebe der Retter Italiens!« ertönte zuerst von den Lippen der königlichen Familie und ward hierauf von allen Gästen wiederholt.
Wie hätte ich von allen diesen Lobeserhebungen, diesen Huldigungen und Schmeicheleien nicht berauscht werden sollen? Nein! Ich bekenne es laut, ich konnte, da ich von der Königin dazu getrieben, ja von Sir Williams Schweigen fast dazu berechtigt ward und er nichts tat, um mich zu stützen, einen solchen Fall nicht vermeiden; keine Frau hätte an meiner Stelle widerstehen können.
Dann hat man auch gesagt, daß ich mich gleich vom ersten Tage, ja vom ersten Augenblicke an, wo ich Nelson gesehen, ihm hingegeben hätte. Dies ist eine der vielen Verleumdungen, die man in bezug auf mich verbreitet hat. Unglücklicherweise konnte auch meine Vergangenheit mich durchaus nicht gegen die verteidigen, die mir übel wollten! In Wirklichkeit aber geschah es erst nach sechs Monaten, daß ich Nelson, der fern von mir war, in einem Briefe zu wissen tat, daß ich seine Liebe erwidern könnte.
Und zum Beweis dessen, was ich hier sage, führe ich den folgenden Brief Nelsons an.
Er ist vom 24. Oktober 1798, also einen Monat nach seinem Einzug in Neapel, datiert und wird beweisen, daß zu dieser Zeit noch durchaus keine engeren Beziehungen zwischen uns bestanden.
»Banguard, Malta.
»Teure Lady!
So wären wir denn nach einer langen Reise angekommen. Es ist alles, wie ich vermutet hatte. Die Minister von Neapel wissen gar nicht, in welchem Zustand die Insel sich befindet. Weder ein Haus noch eine Bastei von Malta ist im Besitz der Inselbewohner, und der Marquis von Nizza hat mir gesagt, daß es ihnen sicher an Munition, Waffen, Lebensmitteln, kurz an Beistand aller Art fehle. Er weiß nicht, ob neapolitanische Offiziere auf der Insel sind, und obgleich ich ein Verzeichnis ihrer Namen habe, so sind sie doch nicht angekommen. Was der Marquis von Nizza bestätigt hat und was ganz gewiß ist, ist der Umstand, daß die Gouverneurs von Messina und Syracus auch nicht die geringste Hilfe geschickt haben.
Ich will jedoch alles wissen. Sobald der Marquis morgen früh abgereist sein wird, werde ich mich nach allem erkundigen. Er sagt mir, daß er sehr wünscht, unter meinem Kommando zu dienen. Von dem Augenblicke an, wo er einwilligt, das Schiff zu wechseln, werde ich es glauben. Wir werden übrigens sehen, wie er sich unter unsere Zucht beugen wird.
Nach meiner Abreise wird Ball die Blockade leiten. Ich sage nach meiner Abreise, im Fall es am Hof des Königreiches beider Sizilien scheint, als ob meine Gegenwart zu Anfang November in Neapel nötig sei.
Ich hoffe, daß dies der Fall sein wird, zugleich fühle ich, daß meine Pflicht mich nach dem Orient ruft, denn obgleich die französische Flotte in Egypten vernichtet worden ist, so bin ich doch nicht ganz sicher, daß die Armee nie wieder nach Europa zurückkehren wird.
Vor allem aber ist es mein Ziel, dem Königreich beider Sizilien zu dienen und das zu tun, was Ihre sizilischen Majestäten wünschen, selbst wenn es gegen meine Ansichten wäre, sobald ich nach Neapel kommen werde und das Land Krieg führen wird. Ich hoffe bestimmt, über diesen Punkt eine Konferenz mit dem General Acton halten zu können.
Ich weiß gewiß, daß Sie mir Gerechtigkeit widerfahren lassen werden, und daß die Königin überzeugt ist, mein einziger Wunsch sei, ihren Beifall zu verdienen.
Gott möge Sie und Sir William in seinen Schutz nehmen, und seien Sie versichert, daß ich stets mit der liebevollsten Hochachtung sein werde, Ihr dankbarer und treuer Freund.
Horatio Nelson.«
Ich hoffe, daß niemand in diesem Briefe ein einziges Wort finden wird, welches nicht das Wort eines Freundes, allerdings eines zärtlichen, hingebenden Freundes, aber doch nur das eines Freundes ist.
Gewiß, weder ich noch die Königin täuschten sich über diese große Ergebenheit Nelsons für sie und ihren Gemahl. Wenn Nelson nach Neapel zurückkehrte, so geschah es, weil er mich sehen wollte. Wenn er nicht nach dem Orient ging, wohin seine Pflicht ihn rief, so geschah es, weil er sich nicht von mir entfernen wollte. Und seine Voraussehungen in bezug auf den Orient waren so richtig, daß er vielleicht, wenn er nicht in Neapel geblieben wäre, als der General Bonaparte sich am 22. August 1799 einschiffte, um nach Frankreich zurückzukehren, diese Rückkehr, welche die Geschicke von ganz Europa änderte, verhindert hätte. Am 22. August 1799 aber war er bei mir in Palermo und ich glaube, daß er, selbst wenn er die Gewißheit gehabt hätte, Bonaparte gefangennehmen zu können, doch keinen einzigen Tag von mir gewichen wäre.
Fünftes Capitel
Einige Tage nach dem königlichen Empfange Nelsons verließ Bürger Garat Neapel mit dem ganzen Personal der französischen Gesandtschaft unter dem Vorwande, soeben zum Mitglied des Rates der Fünfhundert ernannt worden zu sein. Aber zum großen Erstaunen aller verschluckte Frankreich die Beleidigung, anstatt die Gelegenheit zu ergreifen, Neapel den Krieg zu erklären, und schickte an Stelle des Bürgers Garat den Bürger Lacombe Saint-Michel.
Diese erheuchelte Gleichgültigkeit gegen eine solche Beschimpfung bewies, daß Frankreich nicht imstande war, Krieg zu führen, und verdoppelte nur noch die Kühnheit der Königin.
Durch Opfer aller Art war es dem Königreich Neapel gelungen, eine Armee von fünfundsechzigtausend Mann zu besitzen, während alle Berichte in der Aussage übereinstimmten, daß die Franzosen in Rom nicht mehr als zehntausend Mann hatten, und daß es diesen Zehntausend an Brot, Kleidung und Schuhwerk fehlte, daß sie seit drei Monaten keine Löhnung erhalten, daß sie als ganze Artillerie nur neun Stück Kanonen ohne Pulvervorrat, und im ganzen nur hundertachtzigtausend Stück Patronen besaßen.
Der König und die Königin stimmten in ihrem Haß gegen die Franzosen überein, nur wollte der König, ehe er letztere angriff, warten, bis der Kaiser von Österreich sie angriffe, und der Kaiser wollte den Krieg nur mit den vierzigtausend Mann Russen, die ihm der Zar Paul versprochen, beginnen.
Die Königin dagegen wollte die Franzosen angreifen, ohne einen Augenblick zu verlieren. Mit ihren fünfundsechzigtausend Mann war sie sicher, die römischen Staaten wieder zu erobern, und war einmal Rom zurückerobert, so würden sich, meinte sie, auch alle anderen Völkerschaften Italiens, die, wie sie glaubte, mit Ungeduld das Joch der Franzosen trugen, empören und sie von der Halbinsel jagen.
Unter diesen Umständen ward ich von der Königin mit einer geheimen Botschaft an Nelson beauftragt. – Nelson war, wie die Königin, für sofortigen Beginn des Krieges.
Es handelte sich darum, ihn dahin zu bringen, an Sir William oder mich einen angeblich vertraulichen Brief zu schreiben, welchen Sir William dem König mitteilen sollte.
Nelson, ein braver Soldat, war ein mittelmäßiger Politiker und ein noch mittelmäßigerer Briefschreiber. Die vierzig oder fünfzig Briefe, die er mir in seinem Leben geschrieben, glänzen mehr durch ihre Freimütigkeit als durch den Stil. Nelson willigte ein, den Brief zu schreiben, aber unter der Bedingung, daß man ihm eine Abschrift gebe, und daß er derselben nur zu folgen brauche.
Das war gerade, was die Königin, wenn sie es gewagt hätte, verlangt haben würde.
Der Entwurf dieses Briefes wurde verfaßt von dem Generalkapitän Acton, Sir William Hamilton und der Königin. Ich übergab ihn Nelson, und den nächsten Morgen erhielt ich folgenden an mich adressierten Brief, der nichts anderes als eine Abschrift des Briefes war, den, wie ich gesagt, das Triumfeminavirat, welches Neapel regierte, verfaßt hatte.
»Neapel, den 3. Oktober 1798.
Geehrte Frau!
Die Teilnahme, welche Sie und Sir William immer für die Interessen des Königreiches beider Sizilien und für die Herrscher, welche es regieren, gezeigt, hat sich mir seit fünf Jahren bewiesen, und ich kann es wirklich sagen, daß ich meinerseits bei allen Gelegenheiten, die sich geboten haben, und es sind deren viele gewesen, nie verfehlt habe, meine Liebe für das Wohl dieses Landes zu offenbaren.
Auf Grund dieser Zuneigung kann ich nicht mehr ein gleichgültiger Zuschauer dessen bleiben, was sich ereignet hat und was jetzt in dem Königreiche beider Sizilien vorgeht; auch kann ich das Unglück, welches über das Königreich hereinbrechen wird, nicht mitansehen. Ohne ein Mann der Politik, sehe ich doch, daß dieses Unglück hereinbrechen wird und zwar durch die schlechteste aller Politik, durch die Politik des Abwartens. Seit meiner Ankunft in diesen Wassern habe ich erkannt, daß die Sizilianer ein biederes, ihren Herrschern treues Volk sind, und daß sie den größten Widerwillen gegen die Franzosen und deren Grundsätze haben.
Seit ich in Neapel bin, beweisen mir alle Berichte, die mir zu Ohren kommen, und alle Erfahrungen, die ich mache, daß das neapolitanische Volk darnach strebt, Krieg mit den Franzosen zu beginnen, welche, wie jeder weiß, eine Armee von Banditen zusammenziehen, um diese Gegenden zu verwüsten und die Monarchie zu stürzen.
Da ich diese Überzeugung habe und weiß, daß Seine sizilische Majestät ihrerseits eine Armee besitzt, die bereit ist, ins Feld zu rücken, und zwar in einem Lande, welches, wie man mir bestätigt, Verlangen trägt, sie aufzunehmen, was den Vorteil bieten würde, daß man, anstatt den Krieg daheim abzuwarten, ihn in eine entfernte Gegend verlegen könnte, so wundere ich mich, daß diese Armee noch nicht auf dem Wege nach Rom ist.
Ich glaube, daß die Ankunft des Generals Mack die Regierung bestimmen wird, nicht einen der günstigsten Augenblicke zu verlieren, welche die Vorsehung ihr jemals zur Verfügung gestellt hat. Wenn sie wartet, bis das Königreich verheert sein wird, anstatt selbst in die römischen Staaten einzurücken, so braucht man nicht Prophet zu sein, um zu sagen, daß dieses Königreich zu Grunde gerichtet und die Monarchie gestürzt ist.
Wenn der König bei seinem unglücklichen Zaudersystem beharrt, so rate ich Ihnen, sich bei der ersten schlimmen Nachricht mit allem, was Sie an wertvollen Dingen besitzen, zum Einschiffen bereit zu halten. Es wird dann an mir sein, für Ihre Sicherheit zu sorgen, ebenso wie für die unserer liebenswürdigen Königin und ihrer Familie.
Inzwischen erlauben Sie mir, mich zu nennen Ihren ganz ergebenen und treuen Diener.
Horatio Nelson.«
Ein Satz dieses Briefes von Nelson muß für den Leser durch meine Schuld unverständlich sein. Ich habe vergessen zu sagen, daß die Königin ihren Neffen, den Kaiser von Österreich, um den General Mack gebeten hatte, damit dieser sich an die Spitze ihrer Armee stelle, und der Kaiser hatte ihr diesen Wunsch gewährt.
Dieser Brief brachte auf Ferdinand die Wirkung hervor, die man erwartet hatte. Indessen hielt er gegen seine Gewohnheit an einem Punkte fest, nämlich gerade nur zu derselben Zeit ins Feld zu ziehen wie der Kaiser.
Demzufolge kam man überein, daß der König seinem Neffen einen Brief schreiben sollte, in welchem er ihn, sozusagen, in die Enge triebe.
Dieser Brief ganz von seiner Hand, wurde mit dem Kurier Ferrari abgeschickt, dem ausdrücklich befohlen wurde, den Brief dem Kaiser selbst zu übergeben, und sofort die Antwort dem König Ferdinand zu überbringen.
Aber ehe Ferrari abreiste, hatte er von der Königin zweitausend Dukaten erhalten, mit dem Gegenbefehl, auf seiner Rückkehr über Caserta zu kommen, und die Antwort anstatt dem König ihr zu überbringen.
Ferrari erhielt andere zweitausend Dukaten, als er der Königin den Brief übergab. Sie versprach denselben nur zu lesen, und dann wieder in das Kuvert zu stecken.
Das hieß einen sehr kleinen Verrat teuer bezahlt, und Ferrari zögerte auch gar nicht. Außerdem wußte er, daß es die Königin war, die unter dem Namen ihres Gemahls regierte, und das beruhigte ihn über die Gefahren, in welche er geraten mußte, im Fall der Verrat bekannt würde.
Ferrari reiste ab; man berechnete die Zeit, die er brauchte, um seine Mission zu erfüllen. Wenn der Kaiser von Österreich mit seiner Antwort nicht zögerte, so war es ein Geschäft von elf oder zwölf Tagen.
Der General Mack kam am 8. Oktober in Caserta an, und wurde am Donnerstag bei dem König und der Königin zu Tisch geladen. Wir, Sir William und ich, empfingen eine offizielle Einladung für diesen Tag. Ihre Majestäten nahmen den General mit den größten Zeichen der Achtung auf, und die Königin sagte, indem sie ihn Nelson vorstellte:
»Der General Mack ist zu Lande das, was mein Held Nelson zur See ist.«
Das Kompliment war nicht schmeichelhaft und der Vergleich nicht richtig. Nelson hatte sich in Toulon, Calvi, Teneriffa, ohne entscheidende Vorteile zu erlangen, doch mit Ruhm bedeckt; bei Abukir hatte er nicht nur Heldenmut, sondern auch Genie bewiesen.
Mack, im Gegenteile, war überall, wo er sich mit den Franzosen gemessen, von ihnen geschlagen worden. Trotzdem hatte er in Europa, man hat nie gewußt warum, den Ruf eines der größten Strategen dieser Epoche erlangt.
Die gute Meinung, welche die andern von Mack hatten, war aber immer noch weit geringer, als die, welche Mack von sich selbst besaß. Ich habe nie größern Dünkel als den seinigen gesehen; er ließ keinen Augenblick die Voraussetzung zu, daß er geschlagen werden könnte, ja selbst nicht, daß die Franzosen Widerstand leisten könnten.
Ich gestehe, daß ich eben infolge dieser maßlosen Überhebung gleich bei den ersten Worten, welche ich mit dem berühmten General auszutauschen die Ehre hatte, eine förmliche Antipathie gegen ihn faßte.
Die Zeit verging und Ferrari galoppierte. Am zehnten Tage nach seiner Abreise schlug Sir William dem Könige eine Jagdpartie in Persano vor, und da Sir William und der König demgemäß auf drei Tage abwesend waren, so ließen wir, die Königin, der General Acton und ich, uns in Caserta nieder.
Ferrari kam den nächsten Tag gegen sieben Uhr abends an. Er brachte den Brief vom Kaiser von Österreich.
Acton hatte nach einem Siegel von einem Briefe Franz des Zweiten ein Petschaft machen lassen, welches dem kaiserlichen glich. Von dieser Seite brauchte man also nicht unruhig zu sein. Man wollte das Siegellack weich machen und den Brief entsiegeln. Wenn er so lautete, wie man es wünschte, so wollte man ihn unversehrt wieder in das Kuvert tun und dasselbe wieder zusiegeln. Lautete er hingegen nicht so, daß er die Wünsche der Königin begünstigte, so wollte man etwas ersinnen.
Der Kaiser zeigte seinem Onkel bestimmt an, daß er nicht eher ins Feld rücken würde, als bis Suwaroff und seine vierzigtausend Mann Russen angekommen wären, und er glaubte nicht, daß dies vor Monat April 1799 geschehen könnte.
Deshalb forderte er Ferdinand auf, seine Ungeduld zu zügeln, und es wie er zu machen, nämlich bis dahin zu warten. Es war augenscheinlich, daß, wenn die Franzosen auf einmal von hundertfünfzigtausend Österreichern, vierzigtausend Russen und fünfundsechzigtausend Neapolitanern angegriffen würden, sie dann gezwungen sein würden, Italien zu räumen; und wer konnte da Bonaparte und seine dreißigtausend Mann in Egypten eingeschlossen waren – sagen, wo der triumphierende Marsch der österreichisch-russischen Armee stillstehen würde?
Aller Wahrscheinlichkeit nach nicht eher als in Paris.
Die Königin war jedoch eine zu hastige Spielerin, als daß sie gewartet hätte, bis die Zeit ihr so schöne Karten in die Hand geben würde, und so wurde der Plan, den sie und der Generalkapitän Acton entworfen, in Ausführung gebracht.
Acton war der Sohn eines irländischen Arztes, und, wie ich bereits erwähnt habe, ein geschickter Chemiker. Mit einer Mischung, die er schon im voraus bereitet, nahm er die Tinte des Briefes weg, indem er nur noch die Unterschrift ließ. Dann schrieb er anstatt der Verweigerung, auszurücken, wenigstens in diesem Augenblicke, welche Weigerung der Kaiser so bestimmt ausgedrückt hatte, ein förmliches Versprechen, ins Feld zu ziehen, sobald Ferdinand die römische Grenze passiert haben würde.
Dann wurde der Brief wieder zugemacht, mit dem Petschaft des Kaisers neu gesiegelt und Ferrari übergeben, der ihn nach Persano brachte und den Händen des Königs übergab, indem er ihm beteuerte, er sei der erste, der den Brief berühre, nachdem er ihn aus den erhabenen Händen des Kaisers erhalten.
Der König, der in Gesellschaft von Sir William bei Tische saß, entsiegelte den Brief, las ihn und gab ihn Sir William mit sichtbarer Befriedigung.
Mein Gatte war, wie man weiß, mit in dem Komplott, deshalb war er über diese günstige Antwort durchaus nicht erstaunt. Er wünschte nur dem König Ferdinand Glück dazu, indem er zu ihm sagte:
»So sehen Sie, Sire, daß Se. Majestät der Kaiser derselben Meinung ist, wie Lord Nelson. Es ist kein Augenblick zu verlieren.«
Und so wurde wirklich bestimmt, daß General Mack in die römischen Staaten einrücken sollte, und zwar ohne länger zu zögern, als es die Vorbereitungen zum Feldzug erforderten.
Man stand jetzt in den ersten Tagen des November.
»Drum Heil Dir, starker Held,Dich preist die ganze Welt,Zu Frankreichs Spott,Egyptens WüstensandSingt, wie das stolze Land,Wo deine Wiege stand:Dich segne Gott!«
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