Kitabı oku: «Memoiren einer Favorite», sayfa 46
»Nelson, nicht aus Mitleid sage ich Ihnen, daß ich Sie liebe; es geschieht aus Dankbarkeit . . . aus Liebe!«
Ganz außer sich warf er sich mir zu Füßen, indem er mir die Hände küßte und dabei ein mattes Murmeln hören ließ, welches ebensowohl Schmerz als Freude ausdrückte.
In diesem Augenblicke öffnete die Königin die Tür halb, und als sie Nelson zu meinen Füßen sah, machte sie eine Bewegung, um sich zurückzuziehen.
»O! kommen Sie herein, kommen Sie herein, Madame!« sagte ich; »Nelson hat mir soeben gesagt, daß er uns gehöre, und ich habe ihm gesagt, daß ich ihm gehöre. Wollen Eure Majestät geruhen, unserm Retter die Hand zum Kusse zu reichen.«
Achtes Capitel
Am nächsten Morgen war Staatsrat. Der König setzte die Lage der Dinge auseinander. Er verschwieg nichts von dem Unglück. Er hätte es eher noch größer gemacht, als es war, wenn dies möglich gewesen wäre.
Der Admiral Caracciolo wurde in seiner Eigenschaft als Kommandant der Seemacht mit zu dieser Beratung zugezogen. Da man vom Meere her nichts zu fürchten hatte, weil die Engländer den Hafen bewachten, so fragte er, ob man ihm erlaube, die Seesoldaten in ein Korps von tausend bis zwölfhundert Mann zu vereinigen, sich an ihre Spitze zu stellen und gegen die Franzosen zu ziehen. Wenn er sich der Pässe in den Abruzzen bemächtigte, ehe der Hauptteil der neapolitanischen Armee dahin gelangte, so konnte er ihrer weiteren Flucht ein Hindernis in den Weg legen und die Flüchtlinge mit Gewalt wieder sammeln.
Wie groß auch die Zahl der Soldaten sein mochte, die man in den verschiedenen Kämpfen gegen die Franzosen verloren, so mußte doch die neapolitanische Armee immer noch wenigstens viermal stärker sein, als die, vor welcher sie floh.
Der König nahm dieses Anerbieten nicht an. Er zweifelte an der Ergebenheit Caracciolos, und argwöhnte, daß er die Truppen nur organisieren wolle, um sich dann mit ihnen den Patrioten anzuschließen.
Caracciolo ward durch diesen Verdacht, den er nicht verdiente, verletzt, und erklärte, indem er sich noch vor Schluß der Beratung zurückzog, daß er sich auf sein Schiff begebe, wo er die Befehle des Königs erwarte.
Ehe er an Bord seines Schiffes zurückkehrte, ließ er sich jedoch bei der Königin melden.
Bei der Königin war auch ein Kabinettsrat versammelt, nur bestand dieser aus der Königin, Nelson, Sir William und mir.
Seit dem Tage vorher hatte die Königin mit dem General-Kapitän ihre Flucht und die ihrer Familie beschlossen.
Sie zögerte, Caracciolo zu empfangen, Sir William aber bestimmte sie dazu.
Die Königin faßte mich beim Arm, denn sie wünschte, daß ich ihrer Unterredung mit dem Admiral beiwohne, ohne Zweifel, um ihm die Beharrlichkeit einer Freundschaft zu zeigen, die durch die direkten und indirekten Ratschläge, welche man gegen diese Freundschaft geben konnte, anstatt erschüttert, nur noch mehr befestigt ward.
Vergebens bat ich sie, mich doch nicht einer neuen Beschimpfung von Seiten des neapolitanischen Fürsten auszusetzen. Sie erklärte mir, daß sie es so wünsche, und daß der Admiral bei dem geringsten zweideutigen Worte festgenommen werden würde.
Gleich beim ersten Zusammentreffen konnte man aber leicht sehen, daß in diesem Augenblicke nichts dergleichen von Seiten Caracciolos zu fürchten sei. Nie war der Ausdruck der Ehrfurcht auf einem edlen Antlitze stärker ausgeprägt, als der, welchen mir auf dem des Fürsten lesen konnten.
»Madame,« sagte er, indem er sich verneigte, »der König hat uns soeben das Unglück der Landtruppen mitgeteilt, glücklicherweise aber ist die treue Seemacht noch unversehrt. Ich bin nicht gerufen worden, Eurer Majestät einen Rat zu geben, und doch würde ich, wenn Eure Majestät mir die Ehre erzeigten mich zu befragen, nachdem ich, wohlverstanden, bis zum letzten Augenblick ausgehalten und alles getan, um uns zu retten, den Rat geben, Ihre festländischen Staaten zu verlassen und nach Sizilien zu fliehen.«
»Dies ist auch meine Absicht, mein Herr,« sagte die Königin.
»Dann,« versetzte Caracciolo, indem er sich zum zweiten Male verneigte, »würde ich Eure Majestät inständig bitten, der 'Minerva' die Ehre zu erzeigen, sie zu ihrem Transportschiff zu wählen. Die 'Minerva' ist das beste Schiff des ganzen neapolitanischen Geschwaders, und in Anbetracht des Zustandes, in den die Schlacht bei Abukir die englische Flotte versetzt hat, könnte sie sogar in Schnelligkeit und Sicherheit mit dem Schiffe Lord Nelsons wetteifern. Wir sind jetzt in den schlechtesten Tagen für die Schiffahrt, ich kenne unsere Meere, und ich möchte fast sagen unsere Stürme. Niemand als ich könnte besser für das Wohl Eurer Majestät und Ihrer erhabenen Familie bürgen. In einigen Tagen kann die Fregatte so eingerichtet werden, daß Eure Majestät darin einen würdigen Aufenthalt findet.«
»Es ist unnötig zu sagen,« fuhr Caracciolo fort, »daß, wenn, wie es scheint, Lady Hamilton und Sir William es für gut erachten, Eurer Majestät zu folgen, es mir eine große Ehre sein würde, sie an meinem Bord zu empfangen. Es würde dies sogar die größte sein, die mir zu Teil werden könnte, wenn ich nicht zu gleicher Zeit die hätte, Eure Majestät zu empfangen.«
Das alles wurde in einem so würdigen, edlen und ehrfurchtsvollen Tone gesagt, daß die Königin nicht widerstehen konnte. Sie hielt dem Admiral die Hand entgegen.
»Mein Herr,« sagte sie zu ihm, »an dem Tage, wo ich Sie brauche, werde ich Ihr Anerbieten nicht vergessen, und bis dahin danke ich Ihnen, es mir gemacht zu haben, in meinem und Lady Hamiltons Namen. Haben Sie mir noch etwas zu sagen, oder wünschen Sie etwas?«
»Ich habe Eurer Majestät zu sagen, daß ich Sie bitte, mich als Ihren treuesten Diener anzusehen, und daß ich. Ihnen meine ehrfurchtsvolle Huldigung zu Füßen zu legen wünsche.«
Und indem der Admiral von neuem die Königin und mich grüßte, ging er rückwärts bis an die Tür, indem er mit erhabenem Zartgefühl die Würde seiner eigenen Person mit der Verehrung, die er der Majestät der Königin zollte, vereinbarte.
Die Königin folgte ihm mit den Augen.
»Dieser Beweis von Treue und Ehrfurcht rührt mich noch mehr um deinet- als um meinetwillen,« sagt sie zu mir; »aber es würde mir ebenso lieb gewesen sein, wenn der Admiral mir ihn gar nicht gegeben hätte.«
Wir gingen wieder in das Zimmer zurück, wo wir Sir William und Lord Nelson gelassen hatten.
Nelson schien ärgerlich zu sein, und da die Königin gar nicht von der Unterredung mit Caracciolo sprach und Nelson sie nicht fragen durfte, sagte er:
»Madame, ich hoffe, Euer Majestät werden nicht vergessen, daß Sie sich zuerst an mich gewendet, und daß ich mich zuerst Ihnen zur Verfügung gestellt.«
»Seien Sie unbesorgt, lieber Admiral,« antwortete die Königin.
»Dann habe ich also Ihr Wort, Majestät,« sagte Nelson, »daß kein anderes Schiff, als das, welches ich kommandiere, die Ehre haben wird, Eure Majestät nach Sizilien zu bringen?«
»Sie haben es,« sagte die Königin, »aber dieses Wort bindet nur mich, Sir William und Mylady Hamilton. Was die Absichten des Königs sind, weiß ich nicht, und gedenke auch nicht, sie zu beeinflussen.«
Nelson verneigte sich.
»Eure Majestät wird mir also erlauben, demzufolge zu handeln?«
»Handeln Sie, und wir sind überzeugt, daß alles, was Sie tun werden, zu unserem Besten sein wird.«
»Ich bitte die Königin um Erlaubnis, zwei oder drei Briefe zu schreiben, von denen sie die Güte haben wird, Kenntnis zu nehmen,« sagte Lord Nelson.
Ich machte auf einem Seitentische Feder, Tinte und Papier zurecht, und gab Mylord dann ein Zeichen, daß alles bereit sei.
Nelson setzte sich an den Tisch, gab mir zu verstehen, daß ich die Zeilen, so wie sie aus seiner Feder flossen, lesen könnte, und schrieb folgende zwei Briefe:
»Ganz geheim.
Neapel, den 10. Dezember 1798.
Mein lieber Truebridge!
Die Dinge sind hier in einem sehr kritischen Zustande, und ich wünsche, daß Sie ohne Verzug zu mir stoßen, indem Sie die ›Terpsichore‹ in Livorno zurücklassen, um den Großherzog zurückzubringen. Diese Maßregel ist unumgänglich notwendig, und ich schicke Ihnen wahrscheinlich bald den Kommandanten Campbell, um diesen Dienst zu verrichten.
Der König ist wieder zurück und alles geht sehr schlecht. Um Gottes willen, beeilen Sie sich! Nähern Sie sich Neapel mit der größten Vorsicht. Ich werde wahrscheinlich in Messina sein; erkundigen Sie sich aber auf alle Fälle, wenn Sie an den liparischen Inseln vorüber kommen, damit Sie wissen, ob wir in Palermo sind. Ermahnen Sie Gages, so heimlich wie möglich zu Werke zu gehen. Er möge an Wyndham schreiben und ihm die notwendigen Mitteilungen über die Lage, in der wir uns befinden, machen, damit er seinerseits mit der größten Verschwiegenheit handle.
Alle vereinigen ihre Grüße mit den Ihres treuen Freundes
Horatio Nelson.«
Der zweite Brief war an Kapitän Ball gerichtet mit derselben Empfehlung: »Ganz geheim.
Mein lieber Ball!
Ich wünsche, daß Sie mir sogleich den ›Goliath‹ schicken und daß Sie Foley Befehl geben, außerhalb des Leuchtturmes vor Messina zu kreuzen, bis er weitere Nachrichten erhält. Es ist sehr möglich, daß er mich dort sieht, mich und andere. Die Lage dieses Landes ist höchst traurig, fast alle sind hier Verräter oder Memmen. Gott segne Sie! Halten Sie dies alles geheim, und sagen Sie Foley bloß, er solle sich Neapel nur mit der größten Vorsicht nähern. Ich habe nichts aus England erhalten. Ich bin hier mit der ›Alkmene‹ und den Portugiesen.
Das ganze Haus sagt Ihnen mit Ihrem Freunde tausend Grüße.
»Horatio Nelson.«
»Der Kutter ›Flora‹ ist verlorengegangen, und ich kann Ihnen nichts schicken. Können Sie den ›Incendiary‹ absenden? Nur aber keine neapolitanischen Schiffe! Sie sind alle Verräter in der Marine; in Summa: überall herrscht Treulosigkeit.«
Man sieht aus den Zeilen, die ich unterstrichen habe, den Haß der englischen Marine gegen die neapolitanische scharf hervortreten und die ersten Blitze von Nelsons Eifersucht gegen Caracciolo aufzucken, einer Eifersucht, die für letzteren so verderblich war.
Nelson übergab mir diese beiden Briefe, die ich Sir William gab, damit er der Königin die Stellen, die ihr dunkel scheinen könnten, erkläre. Nelson schrieb gewöhnlich mit einer lakonischen Kürze, die ihn in seiner eigenen Sprache zuweilen unverständlich für seine Landsleute machte, umso mehr aber für die Ausländer.
Während die Königin mit Sir Williams Hilfe die beiden Briefe, die ich soeben angeführt habe, las, saß Nelson in Gedanken versunken, indem er seine Feder zwischen den Fingern rollte und zu zögern schien, ob er noch einen dritten schreiben sollte.
Endlich entschloß er sich.
An Lord Spencer
Neapel, den 10. Dezember 1798.
Mein lieber Lord!
Erlauben Sie, daß ich in zwei Worten Sie in Kenntnis setze von dem, was soeben vorgefallen.
Die neapolitanische Armee ist von den Franzosen gänzlich geschlagen und die Flüchtlinge, werden von den Siegern bald nach Neapel zurückgeworfen werden. In diesen traurigen Umständen hat mir die Königin mein Ehrenwort abgenommen, sie nicht eher zu verlassen, als bis glücklichere Tage wiederkommen. Der König ist vergangene Nacht angelangt. Er war der Bote seines eigenen Unglücks. Er scheint so dicht verfolgt worden zu sein, daß er gezwungen gewesen ist, mit einem seiner Kammerherren die Kleider zu wechseln. Sie sehen, daß, da er zu einem solchen Rettungsmittel getrieben worden ist, die Gefahr wirklich vorhanden gewesen sein muß.
Ich hoffe daher, daß die Admiralität nichts Unangemessenes darin sehen wird, daß ich bei der Königin bleibe, der ich, wie ich bereits gesagt, mein Wort gegeben habe. Helfen Sie mir durch Ihren hohen Einfluß es halten, sollte ich es selbst törichterweise gegeben haben. Sobald als wir vollständigere Nachrichten erhalten, werde ich sie Ihnen zukommen lassen.
Mit allen Gefühlen der Hochachtung zeichne ich als Ihr treuer Diener
H. Nelson.«
Diese drei Briefe boten allen Ereignissen die Spitze. Die Königin dankte Nelson dafür, und man wartete, nachdem diese ersten Maßregeln getroffen waren, mit mehr Ruhe.
Der Kabinettsrat des Königs hatte keinen Entschluß gefaßt, die Sache wäre für ihn auch schmierig gewesen, denn man wußte, beim Lichte besehen, weiter nichts, als was der König selbst wußte, das heißt, daß die neapolitanische Armee geschlagen worden und auf der Flucht war. Indessen setzte man eine Proklamation auf, deren zweideutige Ausdrücke die Wahrheit der Tatsachen schlecht bemäntelten, und die sogleich an allen Straßenecken angeschlagen ward.
Nur dumpfe Gerüchte von dem Ereignisse waren bis nach Neapel gedrungen, die bestimmte Nachricht von dem Unglück äußerte daher gleichsam die Wirkung einer platzenden Bombe.
Was der General Mack gesagt, war vollkommen wahr. Es gab keine neapolitanische Armee mehr. Nicht als ob die Verluste, die sie auf dem Schlachtfelde erlitten, so groß gewesen wären, denn sie hatte kaum tausend Mann verloren. Da sie aber aus vollständig ungleichartigen Elementen zusammengesetzt war, so hatte sie sich beim ersten Angriff aufgelöst und war verschwunden wie Rauch. So ward ein auf törichte Weise gereizter Feind, ein Feind, den man gottlos, grausam, Entheiliger der Religion, Verfolger seiner Priester usw. nannte, durch nichts gehindert, in das Königreich einzufallen und bis nach Neapel vorzudringen.
Der König wußte dies so gut, daß er, indem er darauf verzichtete, sich mit irdischen Waffen zu verteidigen, seine Sache in Gottes Hände legte, Gebete in den Kirchen anbefahl, um den Zorn des Himmels zu besänftigen, und die wegen ihrer Beredsamkeit berühmtesten Priester und Mönche aufforderte, die Kanzeln und selbst die Ecksteine zu besteigen, um durch alle nur möglichen Mittel das Volk zu bewegen, die Hauptstadt zu verteidigen.
Neuntes Capitel
Man begreift die Wirkung, welche die königliche Proklamation und die Predigten der Priester und Mönche auf die Bevölkerung der Dörfer und der Stadt hervorbrachten.
Als ich die Gefangennehmungen der Jakobiner und die Enthauptungen von Emanuel de Deo, Gagliani, Vitagliano erzählte, sagte ich, wie die Stimmung der mittleren und aufgeklärten Klasse von Neapel war. Die Klasse der Lazzaroni, das heißt die zahlreichste, vielleicht hunderttausend Seelen, war aber für den König und hielt die Franzosen für Gottlose und für mit dem Kirchenbanne Belegte und Ketzer.
Die Proklamation des Königs war nichts anderes als ein Aufruf zur Straßenräuberei. Nun ist aber, sozusagen, die Straßenräuberei in den Abruzzen und in der Terra di Lavoro eine Nationalsache. Jeder nimmt die Flinte, das Beil oder Messer und macht sich auf, ohne ein anderes Ziel vor Augen als Zerstörung, mit keinem anderen Trieb als nur Plünderung. So unterstützt er seinen Anführer, ohne ihm zu gehorchen; er folgt seinem Beispiel, aber nicht seinen Befehlen. Massen waren vor den Franzosen geflohen, nur vereinzelte Scharen marschierten gegen sie; eine Armee war verschwunden.
Was die Vorgänge in der Stadt betrifft, so war hier die furchtbarste Verwirrung zu sehen. Eine ganze Klasse der Gesellschaft, der Mezzoceto, die, welche sich Patrioten nannten und die man Jakobiner hieß, hielten sich zu Haus eingeschlossen, denn sie fürchteten sich der Wut des Volkes auszusetzen, die durch den Anblick eines langen Beinkleides oder eines à la Titus frisierten Kopfes bis aufs höchste gesteigert werden konnte.
Ungeheure Zusammenrottungen bildeten sich auf allen Plätzen, auf dem Largo Castello, auf dem Largo de la Trinita, auf dem Largo delle Pigne, auf dem Mercatello, auf dem Altmarkt, kurz überall, wo man Gerüste gebaut, und wo von diesen Gerüsten herab mit einem Kruzifix in der Hand ein Mönch predigte.
Die Lazzaroni betrachteten sich als die Häupter dieser Versammlungen, stellten sich an die Spitze derselben und liefen durch die Toledostraße, die Chiaja und die Santa Lucia, indem sie riefen: »Es lebe der König, Tod den Jakobinern! Tod den Franzosen!« Vor ihnen schlossen sich alle Türen, alle Läden, alle Fenster.
Als der Abend kam, zündete man, da man im Dezember stand und das Wetter regnerisch und kalt war, große Feuer an und verbrachte die Nacht in ihrer Nähe, indem man trank, sang und heulte.
Die Königin sah oft zu den Fenstern hinaus und konnte nicht umhin, über den Sturm zu erschrecken, den sie zu entfesseln beigetragen hatte, ohne zu wissen, ob unter diesen Windstößen nicht auch der Thron untersinken würde.
Indessen faßte der König bei dem Anblicke des allgemeinen Aufstandes, bei den Nachrichten, die aus der Provinz kamen, wieder einigen Mut. Er ließ den schwachen Willen merken, den Widerstand zu organisieren und die Franzosen zu erwarten.
Die Bauern fuhren fort Wunder des Fanatismus, und die Offiziere Wunder der Feigheit zu vollbringen.
Tchudy, ein alter Oberst aus der Schweiz, der in Gaëta kommandierte, hatte die Tore dieser Festung geöffnet, obgleich dieselbe für uneinnehmbar galt.
Civitella del Tronto, eine Festung, die auf einem unzugänglichen Berge lag, wurde von einem Spanier, dessen Name ich nicht mehr weiß, verteidigt. Nach zehn Stunden Belagerung ergab er sich mit seiner ganzen Garnison als Kriegsgefangener.
Der Gouverneur des Forts von Pescara wartete gar nicht einmal, bis die Belagerung begann, sondern ergab sich bei den ersten feindseligen Kundgebungen.
Dafür aber sengten, würgten und metzelten die Bauern alles nieder, was ihnen unter die Hände kam. Sie hatten sich der Stadt Teramo bemächtigt, die sie den Franzosen wieder abgenommen. Eine Masse Freiwillige waren aus der Terra di Lavoro ausmarschiert, und zogen den Garigliano entlang, indem sie die Brücken abbrachen, sich auf der Landstraße in den Hinterhalt legten, und Boten, einzelne Leute, ja sogar kleine Abteilungen von Soldaten ermordeten.
Auf der andern Seite, und wenn auch Gaëta, Civita del Tronto und Pescara sich ergeben hatten, so war Capua standhaft, und Macdonald erlitt hier einen schweren Verlust. Duhesme war vor demselben Capua mit zwei noch blutenden Wunden angekommen, dem General Maurice Mathieu war eine Kugel durch den Arm gegangen; der Oberst von Arnaud war gefangen genommen worden, der General Boisregard war getötet und Championnet kam keuchend aus der Terra di Lavoro heraus und nannte die noch unbekannten Namen Fra Diavolo und Mammone, welche später eine so traurige Berühmtheit erlangen sollten.
Die Täuschung verschwand. Wenn die Franzosen auch immer unbesiegbar waren, so waren sie doch wenigstens nicht mehr unverwundbar.
Auch sagte man, daß die Franzosen sich bei Capua nicht in der Hoffnung, dasselbe einzunehmen, vereinigten, sondern um sich einen ehrenhaften Rückzug zu bereiten.
Alle diese Nachrichten gaben den Neapolitanern das Vertrauen wieder, Ferdinand war so geliebt, daß er die Mißliebigkeit Actons und der Königin beim Volke nicht bloß aufwog, sondern auch vergessen machte. Jene eilige Flucht, die dem König die Achtung aller Leute von Charakter geraubt, hatte nur dazu beigetragen, ihn den Lazzaroni noch werter zu machen. Einer sagte dem andern wiederholt, daß Ferdinand, von seiner Armee verraten, gekommen sei, sich in ihre Mitte zu flüchten.
Übrigens sagten sich die vernünftigen Freunde des Königtums und wenn es deren auch nur wenige gab, so konnte man doch in Neapel noch eine ziemliche Zahl zusammenbringen daß noch vierzigtausend Mann in den Händen Macks und Damas' seien, daß Nascelli acht- bis zehntausend aus Toscana zuführen könne, daß die bewaffneten Banden, die beim Aufrufe des Königs entstanden waren und die im Lande umherschweiften, wenigstens fünfzehntausend Mann betragen würden. Alle diese vereinigten Kräfte bildeten eine Totalsumme von sechzig- bis fünfundsechzigtausend Mann, gestützt auf eine Stadt von fünfhunderttausend Einwohnern, und auf die dreifache Flotte der Engländer, Portugiesen und Neapolitaner.
So war es augenscheinlich, daß in diesem Ozean von Menschen zehn- bis zwölftausend Franzosen verschlungen werden und verschwinden mußten.
Dies alles aber beruhigte Karolinen nicht. Sie fühlte bei dem Widerwillen, den sie gegen die Neapolitaner empfand, daß diese sie haßten.
Acton hatte ebenso wie sie das Gefühl dieses Hasses. Auf der andern Seite hatte sich die Furcht der Staatsinquisitoren vom ersten Augenblicke an bemächtigt. Castelcicala, Vanni, Guidobaldi wußten sich von geheimer Rache umgeben und verstärkten, indem sie um die Wette zitterten, die Fluchtpartei.
Nelson, der in Sizilien für alles bürgte, haftete in Neapel für nichts.
Aber wenn der König in Neapel blieb, so durfte niemand wagen, ihn zu verlassen.
Deshalb mußte man den König dazu bestimmen, indem man ihn durch irgend ein furchtbares Schauspiel erschreckte, und sozusagen aus Neapel hinausjagte.
Wenn in dem Ereignis, welches ich erzählen will, ein Verbrechen lag – worüber ich weiter nicht entscheiden will – so war dieses Verbrechen von der Königin und Acton beschlossen und ausgeführt.
Ich habe bereits ein Wort von der Verlegenheit gesagt, die Ferrari verursachte, weil er dem König eine falsche Depesche überbrachte. Wenn der König nun in einem solchen Augenblicke auf irgend eine Weise erfuhr, daß er getäuscht worden war, so konnte sein Zorn ein furchtbarer werden.
Nun aber war am Abend des 19. Dezember eine Depesche aus Wien gekommen, und die Königin, die stets auf der Lauer lag, hatte dieselbe aufgefangen. Diese Depesche hätte dem König, wenn sie bis zu diesem gekommen wäre, alles offenbart.
Der Kaiser schrieb nämlich seinem Neffen, daß er, indem er vor der Zeit gehandelt, die Sache Europas verraten habe, und daß er verdiene, seinem Schicksale überlassen zu werden.
Von diesem Augenblicke an war über Ferrari, der bis jetzt bloß gerichtet war, der Stab gebrochen und sein Tod bestimmt, den König zu schrecken.
Ich wiederhole es, in dieser ganzen Sache spreche ich nur vom Hörensagen, und wenn ich mir geschworen hätte alles der strengsten Wahrheit gemäß zu gestehen, so würde ich diese Tat mit Stillschweigen übergehen, weil ich die Richtigkeit hier nicht so bestätigen kann, wie bei Sachen, bei denen ich selbst beteiligt gewesen bin.
Ich glaube von einem gewissen Pasquale de Simone gesprochen zu haben, der im Solde der Königin stand und den man deshalb den Sbirren oder Häscher der Königin nannte.
Er erhielt, sagte man, fünftausend Dukaten mit dem Befehle, einen Teil davon unter das Volk, besonders unter die Hafenarbeiter und Seeleute, zu verteilen.
Es handelte sich darum, sich eines Mannes zu entledigen, den Pasquale de Simone dem Zorne des Volkes dadurch bezeichnen würde, daß er ihn einen Jakobiner nannte.
Am 20. Dezember, gegen zehn Uhr abends, kam Ferrari aus dem Palais, um ein Billett des General-Kapitäns an Lord Nelson zu besorgen.
Pasquale de Simone wartete auf ihn in der Nähe der Straße del Piliero, d. h. an der Ecke des Kai, dem Hafendamme gegenüber.
Durch ein Zeichen gab er den Seeleuten zu verstehen, daß dies der Mann sei, von dem die Rede war.
Die Seeleute antworteten durch ein anderes Zeichen, daß sie ihn verstanden hätten.
Ferrari sprang ohne irgendwelches Mißtrauen vom Kai in ein Boot und befahl zweien der Seeleute, ihn an Bord von Nelsons Schiff zu bringen. Die Ruderer verlangten im voraus bezahlt zu werden.
Ferrari gab ihnen vier Carlins. Es war dies gut bezahlt.
Die Seeleute forderten einen Piaster.
»Nehmt euch in acht, was ihr tut,« sagte Ferrari; »ich bin der Kurier des Königs.«
»Du?« antwortete einer der Seeleute, ermutigt durch ein Zeichen von Pasquale de Simone.
»Wir kennen dich, du bist ein Jakobiner.«
Kaum war das Wort gesprochen, so blitzten auch schon zwanzig Messer und der unglückliche Ferrari fiel, von Stichen durchbohrt.
Den Tag vorher hatte eine große Demonstration stattgefunden, die den König in seinem Entschlüsse, in Neapel zu bleiben, nicht wenig bestärkt hatte.
Eine ungeheure Menge Volkes hatte sich auf dem Schloßplatze versammelt, indem sie rief: »Tod den Jakobinern!« Zugleich hatte man nach ihren Namen gefragt, um sie alle niederzumetzeln, und zu verstehen gegeben, daß, wenn erst die inneren Feinde vernichtet seien, es leicht sein würde, auch die äußeren Feinde zu vertilgen.
Bei dem wütenden Geschrei, welches die Menge erhob, hatte sich der König auf dem Balkon gezeigt, dem Volke durch Gebärden und Worte gedankt und den Fürsten Pignatelli unter die Menge geschickt, mit dem Auftrage, mit ihren Anführern zu sprechen und ihnen zu sagen, daß die Abreise des Königs, die man vor der Zeit gemeldet, noch lange nicht bestimmt sei, und daß aller Wahrscheinlichkeit nach der König, wenn er sicher sein könnte, durch das Volk unterstützt zu werden, bleiben würde.
Und das Volk hatte gerufen:
»Für Gott und den König sind wir bereit, uns vom ersten bis zum letzten umbringen zu lassen!«
Das war die Demonstration, welche die Königin und die ganze Fluchtpartei so sehr erschreckt hatte. Den nächsten Tag, zu derselben Stunde, hörte der König denselben dumpfen Lärm, der mit Heulen und Geschrei vermischt war, wie es der Pöbel aller Länder und besonders der Pöbel Neapels hören läßt. Der König glaubte, es wäre eine harmlose oder wenigstens nur den Worten nach feindselige Demonstration, und begab sich wie gewöhnlich auf seinen Balkon.
Die Menge kam dieses Mal von der Seite des Theaters San Carlo herauf und rollte etwas Unförmliches mit sich fort, was der König vergebens zu erkennen bemüht war.
Man hörte nur das Geschrei:
»Der Jakobiner! Tod dem Jakobiner!«
Der König fing an zu begreifen, daß dieser unförmliche, blutende, durch den Kot geschleifte Gegenstand sehr wohl der Körper eines Menschen sein könne.
Der Körper dieses Menschen, wenn es wirklich ein Körper war, konnte aber nur der eines Feindes sein, und der König war so ziemlich derselben Meinung wie König Carl der Neunte, welcher, indem er den Leichnam des Admirals Coligny betrachtete, sagte: »Die Leiche eines Feindes riecht immer gut!« Somit empfing er die Menge mit seinem gewohnten Lächeln. Als aber die Menge, um dieses Lächeln auf angemessene Weise zu beantworten, den Leichnam aufrichtete, erkannte der König nach einem Augenblicke des Zögerns Ferrari, stieß einen Schrei des Entsetzens aus, wankte zurück, und fiel, die Augen mit den Händen bedeckend, in einen Lehnstuhl.
Diesen Augenblick hatte die Königin eben abgewartet. Sie trat ein, nahm den König beim Arm und führte ihn fast mit Gewalt an das Fenster.
»Sehen Sie,« sagte sie, »mit unseren Dienern fängt man an; mit uns wird man aufhören. Das ist das Schicksal, was uns, Ihnen, mir und unsern Kindern, vorbehalten ist!«
»Geben Sie Befehl, und reisen wir ab!« rief Ferdinand, indem er sein Fenster zuwarf, und sich in den Hintergrund seiner Zimmer zurückzog.
Die Partie war gewonnen.