Kitabı oku: «Memoiren einer Favorite», sayfa 47
Zehntes Capitel
Sowie dieser Entschluß gefaßt war, schrieb die Königin an Nelson, der mit gewohnter Eile herbeikam.
Sie meldete ihm ihre Abreise, nur der Tag war noch nicht bestimmt.
Wenn ich sage der Tag, so sollte ich eigentlich sagen: die Nacht, denn man kam überein, daß die königliche Familie Neapel verlassen sollte, ohne jemandem vorher von dieser Flucht etwas mitzuteilen.
Die Königin wendete sich an Nelson und nicht an Caracciolo. Sie tat dies aus zwei Gründen. Der erste war vielleicht die Antipathie, die ihr der neapolitanische Fürst einflößte, obgleich sie nicht umhin konnte, dem Edelmute seines Charakters Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; der zweite und wahrscheinlich hauptsächlichste aber war, daß Karoline einen Neapolitaner nicht die Reichtümer sehen lassen wollte, welche sie mit fortnahm, aus Furcht, daß das Gerücht davon sich in der Stadt verbreiten möchte.
Da das Fortschaffen der wertvollsten Gegenstände noch denselben Abend geschehen sollte, so schickte Nelson sogleich folgenden Befehl an den Kapitän Hope, Kommandanten der »Alkmene«:
»Drei Barken und der kleine Kutter der ›Alkmene‹, nur mit Säbeln bewaffnet, hat sich punkt halb acht Uhr an der ›Viktoria‹ einzufinden. Eine einzige Barke wird an den Kai anlegen. Die Barken sollen sich vor sieben Uhr am Bord der ›Alkmene‹ vereinigen, unter dem Befehle des Kommandanten Hope. Die Enterhaken in den Schaluppen.
Alle anderen Schaluppen des ›Vanguard‹ und der ›Alkmene‹ werden mit großen Messern bewaffnet und die kleinen Boote mit ihren Caronnaden sollen sich an Bord des ›Vanguard‹ unter dem Kommando des Kapitän Hardy vereinigen, der sich punkt halb neun davon entfernen wird, um auf der Hälfte des Weges nach Molo-Siglio in See zu stechen. Jede Schaluppe ist mit vier bis sechs Soldaten zu bemannen.
Im Fall man Hilfe brauchte, gebe man Feuersignale.
H. Nelson.«
Das Rendezvous hatte man sich an der »Viktoria« gegeben, weil der Kai der »Viktoria« gerade dem Paläste der englischen Gesandtschaft gegenüber lag, und weil ich, ohne bemerkt zu werden, hierher die kostbarsten Kleinodien der Königin bringen und bringen lassen konnte. Diese Kostbarkeiten sollten mir im Laufe des Tages in zwei oder drei Kisten verpackt zugeschickt werden.
Da man aber auch alle Kunstgegenstände, wie Statuen und Gemälde, die man zusammenbringen konnte, mitnehmen wollte, so mußte man einen andern Weg ausfindig machen.
Eine alte Tradition des Schlosses sagte, daß unter dem Schlosse ein Gang existiere, der mit dem Meere in Verbündung stünde. Es handelte sich nun darum, diesen Gang zu entdecken.
Dieselbe Tradition sagte, daß dieser unterirdische Gang seit der Zeit der spanischen Herrschaft nicht wieder geöffnet worden wäre. Die Königin ließ den ältesten der Diener des Schlosses kommen. Es war dies ein Mann von vierundachtzig Jahren. Er war folglich 1714 geboren und 21 Jahre alt gewesen, als Karl der Dritte zum König von Neapel ernannt worden war.
Er war ehemals Schlosser des Palastes gewesen, und war jetzt pensioniert. Sein 58 Jahre alter Sohn war aber sein Nachfolger und nahm denselben Posten im Schlosse ein.
Der Greis sammelte seine Erinnerungen und versprach diesen Gang wieder aufzufinden mit Hilfe seines Sohnes, für den er wie für sich selbst, bürgte. Soviel wie er sich erinnern konnte, war dieser Gang eine Klafter breit und acht bis neun Fuß hoch.
Die Statuen und Gemälde konnten folglich auf diesem Wege fortgeschafft werden.
Der Greis erhielt Befehl, sich an die Wiederaufsuchung des unterirdischen Ganges zu machen und die Königin zu benachrichtigen, sobald er ihn gefunden haben würde.
Eine halbe Stunde später kam er wieder herauf. Er hatte die innere Tür erkannt; sein Sohn erwartete die Befehle der Königin, um diese Tür zu öffnen, denn was aus dem Schlüssel geworden sei, wußte man natürlich nicht.
Die Königin wollte niemandem die Ausforschung des Ganges anvertrauen. Ihre Gegenwart hätte der Operation eine zu große Wichtigkeit verliehen, und ich übernahm daher diese Aufgabe.
Man nahm Fackeln und ich folgte dem Greise hinunter.
Das Souterrain stand in Verbindung mit den Kellern des Schlosses, nur war die Tür verborgen hinter einer Reihe leerer Tonnen, die in dem Augenblicke, wo man sie berührt, in Staub zerfallen waren, da sie vielleicht schon seit Dreivierteljahrhundert hier lagen.
Ich befahl dem Schlosser, die Gittertür zu öffnen, was nicht ohne gewisse Schwierigkeit geschehen konnte, weil der Rost das Schloß und die Angeln verdorben hatte.
Indessen es gab endlich nach.
In dem Augenblicke, wo wir in diesen dunklen, von Stickluft angefüllten Gang eindringen wollten, fehlte mir der Mut. Es schien mir, als ob ich auf diesem klebrigen Boden allen Alten kriechender Tiere begegnen müßte. Dennoch ging ich mit dem jüngsten der beiden Männer hinein. Der Greis blieb zurück, um die Tür zu bewachen.
Das Souterrain machte Biegungen, die dessen Länge verdoppelten; die Luft darin war feucht, und eiskalte Wassertropfen fielen von der gewölbten Decke.
Ich bemerkte, daß ich mich dem entgegengesetzten Ende näherte, an dem Aufflattern von drei oder vier Fledermäusen, die ich in ihrer Ruhe aufscheuchte, und die wieder hundert andere erweckten. Des Tages flüchteten sie sich in diesen dunklen Gang und des Abends flogen sie zwischen den Stäben des Gittertores, welches nach dem Kriegshafen führte, heraus.
Ungeachtet des Schreckens, welchen mir dieses unheimliche Aufflattern einflößte, schritt ich weiter, und bald erblickte ich das Tageslicht.
Wie man gesagt, ging die entgegengesetzte Öffnung auf das Meer, und der zwölf bis höchstens fünfzehn Fuß breite Kai erlaubte alles, was man wünschte, leicht an Bord der Schaluppen zu schaffen, die am Landungsplatz anlegten. So konnte man noch an demselben Abende mit dem Fortschaffen anfangen, indem man die Kisten in die Keller hinabtrug.
Ich ging wieder hinauf, um der Königin diese gute Nachricht zu bringen. Sie erklärte, daß sie an meiner Stelle vor Furcht gestorben sein würde, da sie den größten Abscheu vor Fledermäusen hege.
Und wirklich war diese Furcht der Königin vor diesen Tieren der Grund, daß die königliche Familie für ihre Flucht nicht den neuen Weg benutzte, dessen, wenn auch nicht Christoph Columbus, doch wenigstens Vasco de Gama ich war.
Der ganze Tag wurde verwendet, um Kisten zu machen, in welche man alles packte, was man sich an Gold bei der Bank, bei dem Leihhaus und bei anderen öffentlichen Anstalten verschaffen konnte.
Übrigens waren seit Donnerstag den 19. die Segelmeister beauftragt, die Kajüten auf dem »Vanguard« für den König, die Königin und die königliche Familie herzurichten. Die Maler waren in den Kajüten der Offiziere unter dem Hinterteil des Schiffes tätig, weil dieser Raum bestimmt war, der Salon der königlichen Familie zu werden. In der Nacht vom Donnerstag zum Freitag wurden die ersten Kisten an Bord geschafft. Der Graf von Thurn war es, der diesen ganzen Transport zu besorgen hatte, da man dazu, wie gesagt, keinen Neapolitaner verwenden wollte.
Der Freitag verging mit derselben Arbeit, die man so viel wie möglich nach außen hin geheim hielt; denn die Zusammenrottungen fanden immer noch statt und der Palaisplatz füllte sich alle Augenblicke mit Lazzaroni, welche riefen: »Es lebe der König! Tod den Jakobinern! Tod den Franzosen!«
Die Abreise wurde für die Nacht vom 21. zum 22. festgesetzt. Der König wollte sich nicht an einem Freitage einschiffen; aber die Königin bestand darauf, denn sie fürchtete, er möchte seinen Entschluß ändern, spottete über seinen Aberglauben und setzte es durch, daß man sich noch an demselben Abend einschiffte.
Am 20. hatte der Admiral Caracciolo Befehl empfangen, sich bereit zu halten, den »Vanguard« zu begleiten, und man hatte ihn glauben lassen, daß die Königin, die königliche Familie, Sir William Hamilton und ich uns an Bord des »Vanguard« einschiffen würden, daß der König aber die Reise an Bord der »Minerva« machen werde, was alle widerstreitenden Ansprüche miteinander versöhnt und aus dem neapolitanischen Admiral keinen Feind gemacht haben würde.
Am 21. gegen Mittag wurde Nelson benachrichtigt, daß die Abreise am Abend stattfinden werde, und er erteilte demgemäß dem Grafen Thurn seine Befehle.
Er schrieb unter andern zwei Briefe, an den Marquis von Nizza und an den Kapitän Hope. Der Zweck dieser Briefe war, die Schiffe der neapolitanischen Flotte verbrennen zu lassen, weil daraus feindliche Schiffe werden konnten, wenn sie in die Hände der Franzosen, oder Schiffe der Rebellen, wenn sie in die der Patrioten fielen.
Man begreift wohl, welche Unruhe während dieses ganzen unglücklichen Freitags in dem Palast herrschte. Die Königin, welche die Abreise gewollt und beschleunigt hatte, weinte vor Wut und war nahe daran, Gegenbefehl zu erteilen.
Der Fürst Pignatelli ward zum Generalvikar des Königreiches ernannt. Man hatte einen Brief von Mack erhalten, welcher meldete, daß er nach Neapel kommen wolle, um die Stadt in Verteidigungszustand zu setzen.
Man ließ für ihn ein Diplom als Generalleutnant des Königreichs zurück.
Der Fürst Pignatelli fragte, wie weit sich seine Vollmacht erstrecke.
»Bis zum Verbrennen Neapels!« antwortete die Königin. »Sie haben das Recht über Leben und Tod bei dem Mezzoceto und dem Adel; hier ist nur das Volk gut.«
Um sechs Uhr abends versammelte sich die ganze königliche Familie in den Zimmern der Königin. Außerdem waren noch Sir William, ich, der österreichische Gesandte und seine Familie da. Der König hatte den Wunsch geäußert, den Kardinal Ruffo mitzunehmen, die Königin aber, die den Prälaten verabscheute, hatte sich dem widersetzt.
Demzufolge hatte sich der Kardinal auf der »Minerva« eingeschifft.
So hatte der Admiral Caracciolo nun durch Seine Eminenz erfahren, daß er der Ehre, den König zu führen, beraubt sei. Sein Stolz als Fürst und sein Patriotismus als Neapolitaner hatten durch diese Nachricht eine doppelte Wunde erhalten. Er wollte dem König augenblicklich seine Abdankung zuschicken, aber Ruffo bewog ihn, seine Pflicht bis zuletzt zu erfüllen, und seine Entlassung nicht eher einzureichen, als nach der Ankunft in Palermo.
Die Kunde von der Abreise des Königs hatte sich, wie gut auch das Geheimnis bewahrt worden war, in der Stadt verbreitet. Man muß Neapel kennen, um eine Idee von dem Tumult zu haben, der während des Tages in der Umgegend des Palastes herrschte.
In Neapel gleichen die Äußerungen der Liebe so sehr den Ausbrüchen des Hasses, daß man hätte glauben können, das ganze Volk, welches fürchtete, seinen König zu verlieren, habe sich in der Absicht, ihn zu erwürgen, hier versammelt.
Um halb elf Uhr legte der Graf von Thurn mit den Schaluppen an dem Fuß der Treppe an, die unter dem Namen der Treppe des Caraco bekannt ist. Dann stieg er hinauf, um die Tür der oberen Treppe zu öffnen, die in die königlichen Gemächer ging. Als er aber die Tür dieser Zimmer öffnen wollte, zerbrach er den Schlüssel in dem Schloß, so daß man gezwungen war, die Tür aufzusprengen.
Der König stellte sich hierauf an die Spitze der Kolonne, indem er eine Wachskerze in der Hand hielt. Als er aber auf die Hälfte der Treppe gekommen war, hörte er Geräusch von dem sogenannten Riesenhügel her, und da er fürchtete gesehen zu werden, so blies er die Wachskerze aus.
Wir befanden uns nun in furchtbarer Finsternis, inmitten welcher wir gezwungen waren, uns weiterzutasten.
So erreichte man den Molo Eiglio, aber das Meer ging so hoch, daß man nicht wagte, sich der Gefahr auszusetzen und aus dem Hafen auszulaufen.
Wir warteten daher in den Barken, indem wir uns in unsere Mäntel und Shawls hüllten, und da man vergessen hatte, den kleinen Prinzessinnen ihre Abendmahlzeit zu geben, so verlangten diese zu essen, und wollten vor Hunger umkommen. Ein Matrose hatte Sardellen, die sie ohne Brot aßen, worauf sie schlechtes, verfaultes Wasser dazu tranken.
Endlich, als das Meer sich beruhigt hatte, steuerten wir auf den »Vanguard« los und stiegen kurz vor Mitternacht an Bord.
Ungeachtet der Anordnungen, die Lord Nelson getroffen, fühlte sich der König und die königliche Familie auf dem »Vanguard« sehr eingeschränkt. Zehn Personen hatten die Kajüte des Admirals und die der Offiziere eingenommen, ohne Sir William und mich, den österreichischen Gesandten und seine Gattin mitzurechnen.
Diese zehn Personen waren der König, die Königin, der Kronprinz, seine Gemahlin, die kleine Prinzessin, von der sie vor kurzem erst entbunden, der junge Prinz Leopold, Prinz Albert und die Prinzessinnen Marie Christine, Marie Amalie und Marie Antonie.
Einen Augenblick hatte der König, da er sich so beschränkt sah, Lust, dem Admiral Caracciolo das Versprechen, welches man ihm gegeben, zu halten und sich auf dessen Schiff zu begeben. Die Königin jedoch gab durchaus nicht zu, daß der König sich von seiner Familie trenne.
Der Tag brach mit frischem, aber unglücklicherweise widrigem Winde an. Man hörte von dem »Vanguard« aus die Aufregung in der Stadt wie das Knurren eines riesigen Bären.
Und wirklich hatte das Volk gehört, daß Ferdinand, trotz seines Versprechens, es verlassen, und Plakate, die an allen Straßenecken, auf allen Plätzen, an allen Kreuzwegen angeschlagen waren, meldeten, daß Fürst Franz Pignatelli zum Generalvikar mit unumschränkter Vollmacht ernannt worden; daß Mack General-Kapitän der geschlagenen Armee sei, und daß der Minister Simonetti aus dem Finanzdepartement geschieden sei, um dem Bankier Zurlo Platz zu machen.
Alle diese Ernennungen waren auf Befehl des Königs erfolgt, vom vorigen Tage datiert und von seiner eigenen Hand geschrieben.
Man erzählte die Antwort, welche die Königin dem Fürsten Pignatelli gegeben, als man ihn gefragt, bis wie weit sich seine Vollmacht erstrecke:
»Bis zum Verbrennen Neapels.«
Die Kais waren von Menschen angefüllt, aber das Meer war zu wild, als daß eine Barke sich hätte der Gefahr aussetzen mögen.
Man sah Gruppen, die sicherlich Deputationen waren, aber diese Gruppen verschwanden eine nach der andern, nachdem sie einen Augenblick am Ufer des Meeres verweilt, denn kein Schiffer wollte sich dazu verstehen, sie bis an das Admiralsschiff, von dessen Mast die Flagge des Königs wehte, zu bringen.
Während der Nacht wurde der Wind schwächer, blieb aber immer noch widrig.
Bei Tagesanbruch überschwemmte die Menge die Kais wieder. Sie begrüßte die englische Flotte mit lautem Geschrei, da sie ohne Zweifel hoffte, der König würde seinen Entschluß ändern, und wirklich sahen wir, als das Meer wieder ruhig wurde, die Deputationen, die wir den Tag vorher vergebens auf dem Kai verweilen gesehen, nicht nur wieder erscheinen, sondern auch sich einschiffen und sich dem »Vanguard« nähern.
Es war eine dreifache Deputation, nämlich: eine von der Geistlichkeit, mit dem Erzbischof Capece Zurlo an der Spitze, eine andere von den Baronen des Königreichs und eine dritte von dem Magistrat und Gemeinderat. Sie kamen alle, um den König anzuflehen, nicht abzureisen, und verbürgten sich mit ihrer Ehre dafür, ihn bis aufs äußerste zu verteidigen.
Der König aber wollte niemanden empfangen, ausgenommen den Kardinal und Erzbischof von Neapel. Er ließ die Barken die Runde um den »Vanguard« machen, und die, welche sich darin befanden, vergebens die Hände zum Himmel erheben.
Der Erzbischof Capece Zurlo bot alles mögliche auf, um Se. Majestät zurückzuhalten, der König aber war unbeugsam.
»Monsignore,« sagte er, »das Land hat mich verraten, ich werde sehen, ob das Meer mir treu sein wird.«
Der Erzbischof verließ, den »Vanguard«, den Tod im Herzen und indem er erklärte, daß, er nicht voraussagen könne, was Neapel nun, da es sich selbst überlassen sei, tun werde.
»O!« murmelte die Königin, »wenn Sie nicht wissen, was Neapel machen wird, so weiß ich wohl, was ich ihm antun werde, wenn ich jemals wieder den Fuß hineinsetze.«
Elftes Capitel
Gegen fünf Uhr sprang der Wind um, man machte sich segelfertig und lichtete den Anker um sieben Uhr. Dann brach man auf, von der Fregatte »Minerva« und zehn bis zwölf Handels- oder Transportschiffen begleitet.
Aber kaum waren wir an Capri vorüber, so wurden wir von einem heftigen Sturm erfaßt. Es war, als ob das Meer, ebenso untreu wie das Land, den König auch verraten wollte. Der ganze Montag ging in Kämpfen gegen den Sturm hin. Die Nacht war furchtbar; die drei Bramstangen und der Bugspriet zerbrachen. Zwanzigmal dachten wir, das Schiff würde auseinandergehen, so schrecklich war das Krachen.
Man wird sich schwerlich eine Idee von dem Zustande machen, in dem sich die königliche Familie befand.
Der vom Schrecken niedergeschmetterte König befahl sich allen Heiligen und besonders dem heiligen Franziskus von Paula, dem er ganz besonders zu vertrauen schien und dem er, wenn er ihn rettete, eine ebenso schöne Kirche wie die Peterskirche zu Rom versprach. Von seiner Familie sprach er dabei gar nicht; ohne Zweifel aber war diese mit darunter verstanden.
Die kleinen Prinzessinnen waren vor Hunger und Seekrankheit dem Tode nahe; der Kronprinz schien ebenso niedergeschlagen zu sein wie sein Vater; die Prinzessin Clementine lächelte, ihre Tochter in den Armen haltend, melancholisch den Himmel an. Die Königin war düster und in Gedanken versunken.
Von Zeit zu Zeit kam Nelson, der auf dem Verdeck blieb, um über die Sicherheit seiner erlauchten Passagiere zu wachen, herab, um uns ein Wort der Ermutigung zu sagen, welches ich nur mit einer Bewegung der Hand oder mit einem Blick beantwortete, und da es hauptsächlich dieser Blick, dieses Zeichen mit der Hand war, was er sich holen wollte, so stieg er dann zufrieden wieder hinauf.
Gegen Morgen hellte sich der Himmel ein wenig auf. Nelson sagte uns, er glaube, es werde nun zwei Stunden Ruhe sein, und wenn wir einen Augenblick auf das Verdeck steigen wollten, so würden wir uns wohlfühlen. Man würde übrigens diesen Augenblick zugleich benützen, um die Kajüten etwas in Ordnung zu bringen.
Der König, der den größten Teil der Nacht auf den Knien im Gebet verbracht, atmete wieder auf und ging uns mit gutem Beispiel voran, indem er den einzigen Arm Nelsons ergriff, und mit diesem auf das Verdeck stieg.
Die Königin folgte ihm. Als sie sich allein und wankend der Treppe näherte, sprang ich auf Sie zu, um sie zu stützen.
Nelson kam wieder mit dem Kapitän Hardy herunter, um der Kronprinzessin und den jungen Prinzessinnen den Arm zu geben.
Was den Kronprinzen betrifft, so war dieser erschöpfter und niedergeschlagener als irgendeiner von uns. Der jüngste der Söhne der Königin blieb, unfähig sich zu bewegen, in seiner Hängematte liegen.
Das Verdeck des »Vanguard« bot ein Schauspiel von Verwirrung dar, die nicht weniger groß war, als die unserer Kajüte. Die Matrosen benutzten den Augenblick Ruhe, den ihnen der Sturm gewährte, um die zerbrochenen Stangen durch neue zu ersetzen, und machten sich auf den Wiederbeginn des Sturmes gefaßt.
Der König, der sich auf die Schanze des Schiffes gestützt hatte, blickte mit neidischen Augen auf die Fregatte des Admirals Caracciolo, die zu unserer Linken hinsegelte und ein bezaubertes Schiff zu sein schien. Nichts von seinem Tauwerke, nichts von seinem Tafelwerke war beschädigt, und es schien gänzlich verschont zu bleiben von den ungeheuren Wellenschlägen, in deren Folge wir mit einer Bewegung dahinrollten, die der eines Pferdes glich, welches sein Reiter galoppieren läßt.
»Sehen Sie dort, Madame!« sagte der König zu Karoline.
Und er zeigte ihr die »Minerva«.
»Nun?« fragte ihn die Königin.
»Nun, Sie sind schuld, daß ich auf diesem Schiff und nicht auf jenem bin.«
»Es sich sehr glücklich,« antwortete die Königin, »daß der Admiral nicht italienisch versteht.«
»Und warum?«
»Weil es meiner Meinung nach schon genug ist, daß er einen feigen König führt, ohne daß Sie ihm noch beweisen, daß er es mit einem undankbaren König zu tun hat.«
Und sie drehte ihm den Rücken zu.
»Nennen Sie mich so undankbar, wie Sie wollen,« sagte der König, ohne das erste Prädikat zu rügen; »deswegen ist es nicht weniger wahr, daß ich lieber auf der Fregatte Caracciolos als auf dem ›Vanguard‹ sein möchte.«
Man hatte mir soeben gesagt, daß der kleine Prinz, der in seiner Hängematte liegen geblieben, nach mir verlange.
Ich beeilte mich, hinunter zu gehen.
Es war ein Kind von sechs Jahren, was man den Prinzen Albert nannte. Er wurde von der Königin nicht sonderlich geliebt, denn wahre Zuneigung besaß sie bloß für ihren zweiten, neun Jahre alten Sohn Leopold. Die Folge davon war, daß der arme kleine Albert, der diese Vernachlässigung instinktartig fühlte, sich an mich angeschlossen hatte, mich seine »kleine Mama« nannte und allemal in meine Arme eilte, wenn er einer Strafe entgehen oder eine Gnade erlangen wollte.
Das arme Kind befand sich etwas wohler und bat mich, ihn auf das Verdeck zu führen. Trotz der Bewegung des Schiffes nahm ich ihn auf meine Arme und trug ihn hinauf.
Während der Stunde, die soeben verflossen war, hatte sich der Himmel von neuem bedeckt und der Wind war nach Südwest umgesprungen, so daß der »Vanguard« genötigt war, dicht bei dem Winde zu segeln. Was die »Minerva« betraf, so war es, als ob ihr alles gleichgültig wäre und selbst der widrige Wind ihr Flügel liehe.
Übrigens war es nicht schwer, zu sehen, daß ein neuer Sturm herankam.
Dunkle, feuchte, grauweiße Wollen sanken schnell herab und schienen auf den Mastspitzen des »Vanguard« zu ruhen. Starke Stöße einer lauwarmen, entnervenden Luft gingen an uns, einen faden Geschmack zurücklassend, vorüber. Es war dies der lybische Wind, der, welcher den Matrosen des mittelländischen Meeres am meisten zuwider ist.
Nelson teilte uns mit, daß die Ruhe, die uns der Sturm vergönnt, zu Ende sei, und daß, wenn wir wieder in unsere Kajüten hinabgehen wollten, er in unserer Abwesenheit dem Sturme die Spitze bieten wolle.
Ich warf einen letzten Blick auf die neapolitanische Fregatte, und was für ein Vorurteil ich auch zu Nelsons Gunsten hatte, so war ich doch nicht weniger gezwungen die Vorzüglichkeit ihres Segelns vor dem unsrigen anzuerkennen.
Wir steuerten mit nur wenigen, kurzgerefften Segeln, während die »Minerva« mit vollen Segeln den Sturm herauszufordern schien. Da ihr Vorderteil spitzer war, so teilte sie die Wogen besser, rollte folglich weniger als der »Vanguard« und rechtfertigte den selbstsüchtigen Wunsch des Königs.
Zehn Minuten nach dem Rate, den uns Nelson gegeben, waren wir wieder in unsern Kajüten, und der Sturm stürzte sich wieder auf uns herab.
So verbrachten wir den Dienstag und den Mittwoch. Der Donnerstag wurde durch ein schreckliches Unglück gekennzeichnet.
Gegen vier Uhr nachmittags ward der junge Prinz Albert, mein Liebling, von Krämpfen befallen, die sich immer mehr steigerten. Der Schiffsarzt kam herunter, aber alle seine Hilfe war vergebens. Ich hielt das Kind in meinen Armen an meine Brust gedrückt, und ich fühlte, wie alle seine Glieder sich unter den Schmerzen der Krankheit krümmten. Einige Male wollte ihn die Königin nehmen, aber er klammerte sich an mich und wollte mich nicht verlassen. Der Sturm heulte schrecklicher als je. Die Wogen bedeckten das Verdeck, das Schiff zitterte von den Masten an bis in den Raum, aber ich gestehe, daß ich weiter nichts hörte, als das Wehklagen des armen Kindes, daß ich weiter nichts fühlte, als den Schauer dieses sich im Todeskampfe windenden kleinen Körpers.
Endlich gegen sieben Uhr abends stieß er einen herzzerreißenden Schrei aus, erstarrte in meinen Armen, machte eine Anstrengung, um mich zu umarmen, und ein Seufzer hob seine Brust – es war der letzte.
»Madame! Madame!« rief ich fast wahnsinnig »der Prinz ist tot!«
Die Königin kam zu uns, sah ihren Sohn an, berührte ihn und begnügte sich zu sagen:
»Gehe, armes Kind! Du gehst uns so kurze Zeit voraus, daß es nicht nötig ist, dich zu beweinen.«
Dann fügte sie, indem sie die Hand mit einer Gebärde ausstreckte, die sie mehr der Medea als der Niobe ähnlich machte, hinzu:
»Aber, wenn wir davonkommen, dann sei ruhig, du sollst gerächt werden!«
Es war als ob der Sturm nur auf dieses Sühneopfer gewartet hätte, um sich zu beruhigen. Kaum hatte nämlich das königliche Kind den letzten Seufzer ausgehaucht, so legte sich der Wind und der Himmel hellte sich auf.
Ich glaube, diese Besserung in der Atmosphäre mußte erst eintreten, ehe die königliche Familie wirklich bemerkte, daß sie soeben eines ihrer Glieder verloren. Die Prinzessin Marie Clementine schien am meisten ergriffen zu sein. Sie erhob allerdings kein Geschrei, sie ließ kein Zeichen des Schmerzes sehen, aber bei dem Ausrufe, der meinem Munde entschlüpfte: »Der Prinz ist tot!« drückte sie ihre Tochter an ihr Herz und große Tränen rollten über ihre Wangen.
Ich legte den kleinen Prinzen in meine eigene Kajüte, und blieb die Nacht über an seinem Bette sitzen.
Um zwei Uhr morgens hörte ich ein lautes klirrendes Geräusch. Man warf den Anker aus. Wir waren angelangt. Einen Augenblick darauf hörte jede Bewegung des Schiffes auf.
Wir hatten fünf Tage auf der schrecklichen Überfahrt zugebracht, denn es war jetzt Freitag, den 26. Dezember.
Um fünf Uhr waren alle bereit ans Land zu steigen; aber ich erklärte, daß ich bei dem kleinen Prinzen bleiben würde, bis er zur Erde bestattet wäre.
Der König, die Königin, die Brüder und die Schwestern des Toten verließen sich, ohne mir sonderlich zu widersprechen, in dieser Beziehung auf mich. Man versprach im Laufe des Tages die Leiche abholen zu lassen, um sie in der Kapelle des königlichen Palastes auf dem Paradebette aufzustellen, und Nelson machte sich anheischig, von dem Schiffszimmermann Sarg und Bahre fertigen zu lassen.
Die königliche Familie, Acton, Sir William Hamilton und die Minister Castelcicala, Belmonte und Fortinguerra stiegen in die Schaluppen und ließen sich nach der Marina rudern, wo ihre Landung von der auf den Raaen stehenden Mannschaft des »Vanguard« mit lautem Hurra begrüßt ward. Salutschüsse wurden nicht abgefeuert, weil man sich innerhalb des Hafendammes befand.
Nelson blieb an Bord.
An der Leiche des armen Kindes vertrat ich gewissermaßen die Stelle der Mutter, die mir eine Liebe schwur, welche sie auch niemals verleugnet hat.
Um zwei Uhr nachmittags ward die kleine Leiche auf ihre Bahre gelegt, und ein Bote kam, um uns zu melden, daß der Leichenwagen auf dem Kai wartete.
Die Matrosen ließen die Leiche in die Admiralsjolle hinab. Nelson und ich nahmen, wie eigentlich der Vater und die Mutter hätten tun sollen, zu beiden Seiten des Sarges Platz und man ruderte nach dem Kai.
Der Sarg ward auf den Leichenwagen gehoben; eine Hofequipage stand für uns bereit. Wir stiegen hinein und fuhren langsam hinter der Leiche her.
So kamen wir fast durch ganz Palermo, welches durch zwei Hauptstraßen, die Via de Toledo und die Via Maqueda, kreuzweise durchschnitten wird, und gelangten an den königlichen Palast.
Die Leiche ward in der byzantinischen Kapelle beigesetzt, wo sie drei Tage bleiben sollte, und nun erst verlangte ich, daß man mich in die Zimmer der Königin führe.
Nelson ließ sich mittlerweile zum König bringen. Er fand denselben sehr beschäftigt, aber nicht mit der Niederlage der Armee oder mit den Fortschritten der Revolution, und ebensowenig mit Berechnung der Zeit, wo die Franzosen wahrscheinlich in Neapel sein wurden, sondern mit zwei andern, weit wichtigeren Fragen.
Die erste war: Gab es in der Ficuzza einen guten Wildstand? und die zweite: Wer waren wohl am Abend dieses Tages die Mitspieler, welche die Ehre hatten, mit dem Könige eine Partie Reversi zu machen?
Es waren nun beinahe zwei Monate vergangen, seitdem der König nicht auf der Jagd gewesen, und über acht Tage, daß er keine Partie Reversi gemacht.
Allerdings hatte er seine gewöhnlichen Spieler, den Herzog von Ascoli, den Fürsten von Castelcicala und den Fürsten von Belmonte, mit bei sich, aber er liebte auch dann und wann einmal andere Gesichter zu sehen.
Ruffo spielte nicht, und übrigens hatte die Königin auch eine solche Antipathie gegen ihn gefaßt, daß der König darauf verzichtet hatte, ihm in dem engern Familienkreise Zutritt zu gestatten. Wenn er über Politik mit ihm zu sprechen und ihn über irgendeine Regierungsmaßregel zu Rate zu ziehen hatte, so schrieb er ein Billett und ließ ihn zu sich kommen.
Nun aber gab es gerade in Palermo einen Mann, der ein großer Spieler und auch ein großer Jäger war und dem König Ferdinand sofort die beiden Dinge bieten konnte, welche er suchte, nämlich ein prachtvolles Jagdrevier auf seinem Landgute Illica und einen unermüdlichen Mitspieler am Boston- oder Reversitische.
Dieser Mann war der Präsident Cardillo. Der König war kein sonderlicher Freund der adeligen Beamten, die bedrängten Umstände aber, in welchen er sich für den Augenblick befand, bewogen ihn, diese Antipathie einmal zu überwinden.
Er ließ sich demzufolge den Präsidenten Cardillo präsentieren, der ihm seine Wälder, seine Fasane, seine Rehe, seine Wildschweine und seine Hunde sofort zur Verfügung stellte.
Der über dieses Anerbieten nicht wenig erfreute König nahm sofort eine Jagd für den nächstfolgenden Tag an und lud den Präsidenten für denselben Abend zu einer Spielpartie ein.
Im Laufe des Tages jedoch teilte man dem König mit, daß der Präsident der schlechteste Spieler in ganz Sizilien sei.
Der König lachte.
»Mein Himmel,« rief er, »und ich habe bis jetzt immer geglaubt, ich selbst sei der schlechteste Spieler in meinem ganzen Königreich! Ich habe also einen Mann gefunden, der mir in jeder Beziehung die Spitze bieten wird.«
Man kann sich leicht denken, daß man dem Präsidenten Cardillo eine Menge Ratschläge gab.
Alle diese Ratschläge ließen sich ihrem Hauptinhalte nach in die Worte zusammenfassen:
»Vergessen Sie nicht, daß es der König ist, mit welchem Sie die Ehre haben zu spielen, und mäßigen Sie sich.«
Der Präsident gab die schönsten Versprechungen von der Welt und setzte am ersten Abend durch seine Mäßigung die sämtlichen Anwesenden, welche man von seiner Reizbarkeit unterrichtet, förmlich in Erstaunen.
Ein einziges Wort entschlüpfte ihm, welches ihm sofort die Geneigtheit des Königs gewann.
Der König, dem man Zornesausbrüche des Präsidenten versprochen, hatte sich darauf gefaßt gemacht, und da er vergebens darauf wartete, so glaubte er sich gewissermaßen getäuscht und um einen Genuß betrogen.