Kitabı oku: «Memoiren einer Favorite», sayfa 48
Er trieb deshalb den armen Cardillo so in die Enge, daß er selbst nicht recht acht auf das Spiel gab und einen groben Fehler machte.
»Himmel Element,« rief der König, »ich bin wirklich ein großer Esel! Ich hätte mein Aß zugeben können und habe es nicht getan.«
»Na,« entgegnete der Präsident, dem sein Bemühen, sich in den Schranken der Mäßigung zu erhalten, ebenfalls die Aufmerksamkeit auf das Spiel geraubt hatte, »ich bin ein noch größerer Esel als Euer Majestät, denn ich hätte den Buben ausspielen können und habe ihn in der Hand behalten.«
Der König brach in ein lautes Gelächter aus. Die Antwort des Präsidenten erinnerte ihn an die Freimütigkeit seiner guten Lazzaroni.
Der Präsident Cardillo sagte ihm von diesem Augenblick an ganz vortrefflich zu und die Jagden in Illica erwarben ihm seine Gunst vollends im höchsten Grade.
Da das Rerversi ein Spiel war, welches seines Ernstes wegen für den frivolen Teil des Hofes, dem ich angehörte, nicht viel Verlockendes hatte, so errichtete man für uns eine Pharobank.
Ich hatte das Spiel stets leidenschaftlich geliebt, und da ich jetzt allen meinen Gelüsten ungebundener folgen konnte als je, so gab ich mich ganz dieser Leidenschaft hin.
Nelson spielte niemals, sondern stand, mit seinem einzigen Arme auf meine Stuhllehne gestützt, hinter mir und flüsterte mir leise Beteuerungen seiner Liebe zu, wodurch das Spiel für mich einen doppelten Reiz erhielt.
Ach, heute, wo ich oft mit Schmerzen auf das Goldstück warte, welches für unsern wöchentlichen Lebensunterhalt notwendig ist, gedenke ich nicht ohne Gewissensbisse der Zeit, wo ich das Gold mit vollen Händen auf den Spieltisch warf.
In Bezug auf den Mann, welcher bei diesen Gelegenheiten die Bank hielt – es war dies der Herzog von S. – muß ich meinen Bekenntnissen, die ich vollständig zu machen versprochen, eine kleine Einzelheit einschalten.
Der Herzog von S. war eine Art Casanova, stammte aber aus einer sehr vornehmen und ausgezeichneten Familie Siziliens. Auf dem Kontinent war er sehr bekannt wegen seiner Reisen, wegen seines Tuns und Treibens in den Hauptstädten und durch seine Duelle, welche ihren Grund fast alle in seinem außerordentlichen Glück am Spieltisch gehabt hatten.
In dem vorliegenden Falle ist jedoch hiervon nicht die Rede. Ob der Herzog von S. als Bankier seine zweiundfünfzig Karten immer redlich und gewissenhaft handhabte, weiß ich nicht, wohl aber weiß ich, daß er jeden Tag sich mit einer neuen Nadel in seinem Hemd oder einem neuen Diamant an seinem Finger zeigte. Ich war Weib und dieser Diamant verlockte mich. Ich verlangte denselben genauer anzusehen, ich steckte ihn an meinen Finger oder an meinen Hals, ich bat den Herzog, mir ihn abzulassen. Er bot ihn mir mit der Gewißheit, daß ich ihn zurückweisen, daß aber mein Wunsch entweder von der Königin oder von Sir William oder von Nelson erfüllt werden würde. In der Tat war ich auch sicher, den von mir am Abend gewünschten Gegenstand am nächstfolgenden Morgen auf meiner Toilette zu finden.
Wer hatte mir ihn geschenkt? Darnach fragte ich nicht einmal. Was kam bei diesem verschwenderischen Leben, wo man sich förmlich in Gold wälzte, und sich sehr wenig darum kümmerte, woher es kam oder wohin es ging, auf zwei- oder dreihundert Louisdor mehr oder weniger an?
Und dennoch kam, wie ich später wohl einsah, jedes dieser Goldstücke vom Volke und es klebte dessen Schweiß, wo nicht dessen Blut daran.
Auf alle Fälle weiß ich gewiß, daß der Herzog von S. dadurch, daß er sich seines Juwelenvorrats Stück für Stück zu meinen Gunsten entäußerte, keine schlechten Geschäfte machte.
Zwölftes Capitel
So verging der Monat Januar. Die Nachrichten, welche man von Neapel erhielt, lauteten sehr niederschlagend.
Anfangs war zwischen dem Fürsten Pignatelli, als Generalvikar, und den Franzosen ein Waffenstillstand abgeschlossen worden. Diesen Waffenstillstand hatten die Lazzaroni verletzt; die Franzosen waren deshalb gegen Neapel vorgerückt und nach einem dreitägigen hartnäckigen Kampfe in die Stadt eingezogen.
Der Generalvikar hatte die Flucht ergriffen und war nun ebenfalls in Palermo angelangt.
Endlich am 22. Januar war die parthenopäische Republik proklamiert worden. Der heilige Januarius hatte sein Wunder verrichtet. Man wollte behaupten, daß Championnet ihm ein wenig dabei geholfen, und der Vesuv hatte, indem er einen kleinen Ausbruch dazugesellt, wie die französischen Soldaten meinten, selbst die rote Mütze aufgesetzt.
Der König Ferdinand hatte von längeren Zeiten her einen Groll gegen den heiligen Januarius, der, nachdem er sich geweigert, seine Wunder für ihn zu tun, es für die Franzosen verrichtet hatte. Allerdings hatte Championnet, wie man behauptete, um ihn dazu zu bestimmen, Mittel in Anwendung gebracht, welche geradezu unwiderstehlich waren.
Ferdinand entsetzte daher den heiligen Januarius seines Grades als Generalleutnant, welchen der General Mack vierzehn Tage lang in seinem Namen bekleidet, und beraubte ihn der mit diesem Posten verbundenen Einkünfte.
Dies war aber noch nicht alles.
Die Jakobiner arbeiteten durch ihre zahlreichen Verbindungen in der Provinz an der Demokratisierung der Abruzzen, der Terra di Lavoro und Calabriens.
Wenn es gelang, Calabrien zu demokratisieren, so brauchte die Revolution nur die Meerenge zu überschreiten, um festen Fuß in Sizilien zu fassen.
Nun aber zählte Sizilien seinerseits ebenfalls eine ziemliche Menge Jakobiner, welche in der Hoffnung lebten, daß bei der ersten Entfernung des englischen Geschwaders Palermo seine Revolution ebenso machen würde wie Neapel.
An demselben Tage, wo in Neapel die Republik proklamiert worden, das heißt am 22. Januar 1799, hatte der König in Palermo einen großen Staatsrat versammelt, um irgendein Mittel ausfindig zu machen, wodurch man der mit Riesenschritten näherrückenden Revolution Einhalt tun könnte.
Seit zwei Stunden diskutierte man, ohne sich über etwas verständigen zu können, als ein Türsteher eintrat und meldete, daß der Kardinal um die Erlaubnis bäte, an der Beratung teilnehmen zu dürfen.
Der Kardinal kam ganz einfach, um dem König, das Anerbieten zu machen, sich an die Spitze der kalabresischen Reaktionäre zu stellen, und mit diesen gegen Neapel zu marschieren.
Seit seiner Landung in Sizilien in eine Zelle des Klosters Grancia eingeschlossen, hatte er lange über seinen Plan nachgedacht, und er wünschte sehnlichst, sich dafür zu rächen, daß man ihm einen militärischen Posten verweigert, und zu beweisen, daß er mehr Scharfblick und Mut besäße, als alle jene Generale, welche mit dem König die Flucht ergriffen hatten und sich jetzt bloß um die Ehre stritten, ihn auf die Jagd zu begleiten oder eine Partie Reversi mit ihm zu machen.
Ein solcher Vorschlag verdiente in Erwägung gezogen zu werden, obschon er im ersten Augenblicke alle Gemüter in große Unruhe versetzte. Ruffo aber, welcher mit allen Mitgliedern seiner Familie in lebhaftem Briefwechsel stand, und fünf oder sechs Boten nach Calabrien abgefertigt hatte, bewies klar, daß diese Provinz nur auf ihn wartete, um sich sofort zu erheben.
Der König gab daher noch in dieser Sitzung seine Zustimmung zu dem Projekt des Kardinals, und in der sehr richtigen Voraussetzung, daß mit der Ausführung desselben keine Zeit zu verlieren sei, versprach er, daß der Kardinal binnen drei Tagen sein Bestallungsdekret als Generalvikar ausgefertigt erhalten sollte.
Ruffo bat, da der Staatsrat einmal versammelt sei, dieses Dokument sofort abzufassen; der König erklärte jedoch, daß er dies selbst besorgen werde.
Wenn Ferdinand so sprach, so wußte man, was es bedeutete. Die Sache war seinem geheimen Kabinett, das heißt der Königin, dem General Acton und Sir William Hamilton vorbehalten.
Erfüllt von Stolz und Freude, kehrte der König in seine Gemächer zurück. Sein Freund, der Kardinal, den die Königin so verachtete, dieser Mann der Kirche, den man nicht einmal würdig erachtete, ihm den Posten eines Bureauchefs im Kriegs- oder Marineministerium anzuvertrauen, hatte etwas vorgeschlagen, was eigentlich Sache des Kronprinzen war, und wovon dieser gleichwohl nicht die mindeste Idee hatte.
Er ließ die Königin, Sir William, Lord Nelson und den General Acton zusammenrufen und teilte ihnen Ruffos Vorschlug mit.
Alle waren der Meinung, daß man diesen Vorschlag annehmen müsse. Nur die Königin sprach weder Zustimmung noch Mißbilligung aus, sondern begnügte sich zu schweigen. Man kam überein, Ruffo den nächstfolgenden Morgen in den Palast zu rufen und in seiner Gegenwart und seinen eigenen Ratschlägen gemäß, die Urkunde aufzusetzen, durch welche ihm der Titel eines Generalvikars verliehen werden sollte.
Noch denselben Abend ließ der Admiral Francesco Caracciolo um die Gunst bitten, von dem König empfangen zu werden.
Ferdinand, welcher fühlte, daß er gegen Caracciolo unrecht gehandelt und welchem demzufolge die Gegenwart des Admirals unerträglich gewesen wäre, ließ antworten, daß er mit einer sehr dringenden Angelegenheit beschäftigt sei, und deshalb den Admiral bitten ließe, ihm, wenn er etwas wünsche, es schriftlich mitzuteilen.
Caracciolo ließ eine Petition zurück, worin er um seine Enthebung von dem Posten eines Admirals der neapolitanischen Marine und um die Erlaubnis bat, nach Neapel zurückkehren zu dürfen.
Der König, welcher im Gefühle seines Unrechts doppelt empfindlich war, benutzte die Gelegenheit, um sich des Admirals zu entledigen, und schrieb an den Rand des Entlassungsgesuchs: »Si accordi, ma sappia il cavaliere Carracciolo, che Napoli è in potere del nemico.«
(Wird bewilligt, der Kavalier Caracciolo muß aber wissen, daß Neapel in der Gewalt des Feindes ist.)
Caracciolo achtete weiter nicht auf die Ausdrücke, in welchen der Abschied bewilligt war. Er sah darin nur die Erlaubnis, Palermo zu verlassen, und schiffte mit einem Herzen von Wermut und Galle sich schon am nächstfolgenden Morgen ein.
Im Augenblicke seiner Abreise war der engere Staatsrat im Palast versammelt und Ruffo empfing aus den Händen des Königs, außer einem Manifest an die Calabresen, die Urkunden, durch welche er zum Generalleutnant ernannt ward und Vollmacht erhielt, im Namen des Königs zu handeln.
Dem Kardinal war mitgeteilt worden, daß man ihm, obschon der König fünfundsechzig bis siebzig Millionen von Neapel mit fortgenommen, an Geld nicht mehr geben könne als eine Summe von dreitausend Dukaten oder zwölftausend Francs, womit er alle Unkosten der Restauration bestreiten sollte. Er selbst sollte, sobald er einmal in Calabrien wäre, ein Mittel ausfindig machen, um freiwillige oder erzwungene Kontributionen zu erheben, oder sich auf sonst beliebige Weise zu helfen.
Ehe er jedoch noch Abschied vom König genommen, glaubte man eine Goldmine gefunden zu haben.
Der Fürst Luzzi meldete nämlich dem Prälaten im Namen des Königs, daß der Marquis Don Francesco Taccone, Oberschatzmeister des Königreiches Neapel, in Messina angekommen sei und über fünfhunderttausend Dukaten, das heißt über zwei Millionen Francs, mitgebracht habe, die er in Neapel gegen Banknoten umgewechselt habe. Da nun dieses Geld der allgemeinen Kasse des Königreiches gehörte, so war der König damit einverstanden, daß es dem Kardinal zur Bestreitung der Kosten seiner Expedition überlassen werde.
Beeilen wir uns zu sagen – und niemand, der da weiß, wie leicht in Neapel das Geld denen, die es angreifen, an den Händen kleben bleibt, wird sich darüber wundern – daß weder Ruffo, noch der König, noch sonst eine lebende Seele von diesen zwei Millionen jemals etwas zu sehen bekamen.
Der Kardinal verlor keine Zeit. Am 26. Januar reiste er nach Messina ab, und nachdem er hier vergebens seine fünfmalhunderttausend Dukaten einzukassieren gesucht, ging er weiter nach Calabrien, wo er am 8. Februar 1799 am Strande von Cotrona landete.
Gleich darauf ließ er auf dem Balkon des Landhauses seines Bruders, des Herzogs von Rocca Bella, die königliche Fahne aufpflanzen, welche auf der einen Seite das Wappen der beiden Sizilien und auf der andern das Kreuz mit der Umschrift: »In hoc signo vinces!« trug.
Nach Verlauf von einigen Tagen erfuhren wir, daß ungefähr tausend Mann sich mit ihm vereinigt hatten und daß er mit diesen weiter nach Monteleone gezogen war.
Diese Nachrichten machten die Königin wieder gesund und warfen auf die Gruft des armen kleinen Prinzen ein zweites Leichentuch, nämlich das der Vergessenheit.
Ich habe bereits gesagt, wie unsere Abende vergingen. Der König fuhr fort den Präsidenten Cardillo auszuschelten, der Präsident Cardillo Zornesausbrüche in den Bart zu murmeln, der Herzog von 'S. die Bank zu halten und seine Ringe und Nadeln funkeln zu lassen, ich ihm meinen Wunsch nach ihrem Besitz zu erkennen zu geben, und Sir William und Nelson mir sie zu kaufen.
Die Königin, welche nicht spielte, saß mit den jungen Prinzessinnen in einer Ecke und stickte an einer für die Calabresen bestimmten Fahne, welche sie, sobald sie fertig wäre, dem Kardinal zu schicken gedachte.
Unsere Tage standen, besonders als die ersten milden Lufthauche und die ersten Sonnenblicke des Frühlings kamen, unsern Abenden in nichts nach.
Das Ende des Monats Februar und der Anfang des Monats März sind in Palermo prachtvoll. Zwei- oder dreimal wöchentlich veranstaltete man Lustfahrten im Hafen, man frühstückte an Bord des einen Schiffes und dinierte an Bord des andern.
Die Königin nahm an diesen Lustpartien nur selten Teil. Seit der Niederlage der neapolitanischen Armee, seit der seltsamen Rückkehr ihres Gemahls, seit der notgedrungenen Flucht aus Neapel war sie düster und mehr als jemals in ihrem Haß verschlossen, aus welchem sie nur erwachte, um in milde Wutausbrüche zu verfallen, die ihre Umgebung in Furcht und Schrecken setzten, und während welcher ich allein bis zu ihr dringen durfte. Wenn daher eine jener soeben erwähnten Festlichkeiten und Lustbarkeiten stattfand, war ich die eigentliche Königin derselben.
In der Tat fuhren bei diesen Wasserpromenaden, an welchen fünfzig bis sechzig schöngeschmückte Barken mit Damen und Herren vom Hofe teilnahmen, Nelson und ich stets in einer Gondel mit zwölf Ruderern voran, während der König selbst deren nur acht hatte. Allerdings schlug er, sobald wir ins Meer hinaus waren, seine eigene Richtung ein und begann anstatt auf unsere Musiker oder unsere Sänger zu horchen, Jagd auf Möwen, Taucherenten und andere Vögel zu machen.
Was uns betraf, so legten wir nach einer ersten Meerfahrt an Bord entweder des »Culloden« oder des »Minotaurus« an. Nach Beendigung des Frühstücks stiegen wir beim Klang der Instrumente oder unter harmonischem Gesang wieder in unsere Gondel und zuweilen gefiel ich, indem ich die Augen schloß und mich in die Zeit des Altertums versetzte, mir darin, zu glauben, meine Seele bewohne diese Welt nicht zum ersten Male und ich sei früher Kleopatra gewesen, ebenso wie Nelson schon einmal als Antonius gelebt.
Ich rief mir dann einige der schönen Verse Shakespeares in die Erinnerung zurück, und sprach dieselben, während der Hauch des Lenzes die Düfte der Orangenhaine zu uns herübertrug.
Färbten dann die letzten Strahlen der Sonne den Gipfel des Berges Pellegrino, so fuhren wir wieder zurück nach dem »Vanguard«, den man mittlerweile prachtvoll illuminiert.
Eine lange Tafel nahm fast das ganze Deck ein, und die Geschütze waren durch mit Silbergeschirr, Blumen und feines Gebäck bedeckte Büfetts unsichtbar gemacht.
Man setzte sich zu Tisch, ich mich dem König gegenüber, als ob ich die Königin wäre, zwischen Nelson und den Kapitän Truebridge oder dem Kommandanten Thomas Louis.
Das Mahl dauerte einen Teil der Nacht hindurch, und bei jedem Toast, den wir ausbrachten, donnerten die Geschütze der unteren Batterien, während die des Forts antworteten.
Nelson war oft zerstreut und in Gedanken versunken. Ich fühlte bei mir selbst, daß sein Gewissen ihm Vorwürfe über seine Untätigkeit machte und ihn mahnte, wo anders zu sein.
In diesen Augenblicken stand er, unter dem Vorwand, einen Befehl zu erteilen, vom Tische auf und spazierte dann längere Zeit einsam auf dem Quarterdeck hin und her.
Eines Tages folgte ich ihm dorthin, näherte mich ihm von hinten, ohne daß er mich sah, und hörte ihn murmeln:
»Elender Tor, der ich bin! In der Tat, mein Schiff hat eher das Aussehen eines Pastetenbäckerladens als eines Schiffes vom blauen Geschwader.«
Ich schlang meinen Arm um seinen Hals und führte ihn, während er darüber, daß ich ihn gehört, vor Scham und Verzweiflung ganz außer sich war, auf seinen Platz zurück.
Der Karneval nahte heran, und da die Nachrichten vom Kardinal Ruffo immer befriedigender lauteten, so gab man bei Hofe einige Maskenbälle. Nelson, welcher sich augenscheinlich zu betäuben suchte, kam bei dieser Gelegenheit auf den Einfall, verkleidet mit mir auf den Straßen herumzulaufen. Zwei- oder dreimal begingen wir diese Torheit, ein Vorfall aber, welcher leicht ernste Folgen hätte haben können, benahm uns für die Zukunft die Lust dazu.
Eines Nachts, als wir uns auch so verkleidet in Palermo umhertrieben, führte Nelson, der, wie die Engländer meistens zu tun pflegen, nach dem Diner viel getrunken, mich in ein übelberüchtigtes Haus, welches von den Offizieren des Geschwaders besucht ward. Keiner derselben erkannte uns mit Bestimmtheit. Ein Hochbootsmann aber und ein Seekadett, welche trinkend in einem Winkel saßen, schöpften Verdacht, und als wir, Nelson und ich, wieder fortgingen, schlichen sie uns nach und sahen uns in das Gesandtschaftshotel hineingehen. Beinahe in demselben Augenblicke kam der König heraus, und da er zwei lustige Käuze sah, die in der besten Laune zu sein schienen, so wollte er wissen, was sie hier machten.
Der Hochbootsmann radebrechte ein wenig italienisch, und machte dem König großen Spaß, indem er ihm das ganze Abenteuer erzählte.
Ferdinand versprach ihm, sich seiner zu erinnern, und fragte ihn, was ihm wohl am angenehmsten sein würde. Der Hochbootsmann antwortete lachend, sein Ehrgeiz habe seit seiner Geburt darin bestanden, Ritter zu werden.
»Wohlan,« sagte der König, »du sollst einer werden! Wie heißest du und zu welchem Schiff gehörst du?«
Der Hochbootsmann antwortete, er hieße John Baring, und gehöre zur Mannschaft des »Vanguard«. Zugleich erinnerte er den König an einige kleine Dienste, die er so glücklich gewesen, ihm während der Überfahrt von Neapel nach Palermo zu leisten.
»In der Tat,« sagte der König, »jetzt entsinne ich mich dessen.«
»Nun, das freut mich!« hob der Hochbootsmann wieder an. »Ich glaubte schon, Ew. Majestät hätten es vergessen.«
»Warum glaubtest du das?« fragte Ferdinand.
»Weil,« antwortete der durch die Freundlichkeit des Königs ermutigte Hochbootsmann, »weil weder ich noch meine Kameraden jemals so glücklich gewesen sind, auf Ew. Majestät Gesundheit für Geld mit einem andern Bildnis zu trinken als dem unsers allergnädigsten Königs, Georgs des Dritten.«
Der König biß sich in die Lippe.
»Wohlan,« sagte er, »morgen sollst du für Geld mit meinem Bildnis auf meine Gesundheit trinken, und deine Kameraden sollen, indem sie auf die deinige trinken, dich Ritter nennen.«
Da der König sehr schwatzhaft war, so ging er sofort zu der Königin und erzählte ihr die ganze Geschichte – daß ich mit Nelson verkleidet ausgegangen, daß ich in einem Hause gewesen, welches er mit einem noch etwas stärkeren Prädikat als »übelberüchtigt« bezeichnete, und daß er endlich einem englischen Hochbootsmann begegnet sei, der ihm soviel Spaß gemacht, daß er versprochen, ihn zum Ritter des St. Georgsordens zu ernennen.
Noch denselben Abend schrieb er einen Befehl, daß der Finanzminister Fürst Luzzi schon den nächsten Morgen dreizehnhundert Unzen Gold als Gratifikation für die Mannschaft des »Vanguard« an Bord dieses Schiffes schicken solle.
Der Fürst Luzzi sollte von dieser Bestimmung den Admiral Nelson in Kenntnis setzen und ihm gleichzeitig melden, daß der König den Hochbootsmann John Baring zur Belohnung der Dienste, die er ihm auf der Überfahrt geleistet, zum Ritter des St. Georgsorden ernannt habe.
Zum Unglück für den armen Hochbootsmann hatte der König wie ich schon gesagt, alles der Königin erzählt und die Königin hatte es wiederum mir mitgeteilt, und mir dabei zugleich den Rat gegeben, mich künftig besser in acht zu nehmen, denn man hätte mich erkannt und sei mir nachgeschlichen.
Sobald als ich Nelson sah, teilte ich ihm meinerseits mit, was vorgefallen war. In seiner ersten Aufwallung von Zorn sprach er ganz einfach davon, John Baring aufknüpfen zu lassen. Ob er dazu das Recht hatte, weiß ich nicht; auf seinem Schiffe aber betrachtete er sich als unumschränkten Monarchen, und hätte sicherlich getan, wie er gesagt.
Ich drang aber so sehr mit Bitten in ihn, daß er sich begnügte, den indiskreten Hochbootsmann fortzujagen. Es tat mir sehr leid, nicht die vollständige Begnadigung desselben auswirken zu können.
Mittlerweilen gestalteten sich die Dinge in Calabrien immer besser. Man hatte, wie ich bereits erwähnt, Nachricht von dem Einzuge des Kardinals in Monteleone und dann in Catangaro und in Cotrona erhalten, welche letztere Stadt die sanfedistischen Truppen geplündert und niedergebrannt hatten.
Die Nachrichten, welche uns aus Neapel zugingen, lauteten für die königliche Sache nicht weniger günstig.
Championnet war wegen des Widerstandes, den er den Forderungen des Direktoriums entgegenzusetzen versucht, in Ungnade gefallen und Macdonald an seiner statt zum Obergeneral ernannt worden.
Kaum hatte letzterer diesen Posten übernommen, als die Niederlagen der französischen Armee in Oberitalien ihn zwangen, ihn wieder aufzugeben.
Suwaroff und seine fünfzigtausend Mann Russen waren angelangt, und der Kaiser von Österreich hatte sich endlich entschlossen, ins Feld zu rücken.
Die Franzosen waren ihrer in Aegypten eingeschlossenen besten Soldaten und mit denselben zugleich ihres besten Generals beraubt, bei Magnano geschlagen worden, und hatten die Minciolinie verloren, während Suwaroff, der zum Oberbefehlshaber der österreichisch-russischen Armee ernannt worden, in Verona eingezogen war, und sich Brescias bemächtigt hatte.
Macdonald hatte, nachdem er Befehl empfangen, seine Streitmacht mit der im vollen Rückzuge begriffenen französischen Armee zu vereinigen, Neapel am 3. Mai verlassen, während er in dem Kastell San Elmo eine Garnison von nur fünfhundert Mann zurückgelassen.
Die Nachricht von der Räumung Neapels kam am 9. Mai nach Palermo.
In dem Augenblicke aber, wo wir uns der Freude hingaben, welche diese Räumung uns machte, traf eine andere Neuigkeit ein, welche zu der vorher empfangenen das Gegengewicht bildete.
Am 12. Mai erfuhren wir durch die Brigg »Die Hoffnung«, daß die französische Flotte von Brest unsere Blockade getäuscht und den Hafen verlassen hatte. Man hatte sie bei Oporto gesehen, in der Richtung von der Meerenge von Gibraltar, und wahrscheinlich in der Absicht, sich mit der spanischen Flotte zu vereinigen und einen Schlag gegen Minorca oder Sizilien zu versuchen.
Demzufolge war es notwendig, die englische Flotte zu verstärken, und der Admiral erteilte sofort Befehl, die englischen Schiffe, welche sich in der Bai von Neapel befanden, zurückzurufen.
Nelson hoffte aber immer noch, daß er nicht nötig haben werde, sich von Palermo zu entfernen. Er war wirklich krank vor Unruhe und bei dem bloßen Gedanken, sich, wenn auch nur auf einige Tage von mir entfernen zu müssen, weinte er wie ein Kind.
Sechs Tage lang, das heißt vom 13. bis 17. Mai, war er unschlüssig, was er tun solle, obschon er recht wohl fühlte, daß sein Platz auf dem hohen Meere und nicht im Hafen von Palermo sei.
Alle von ihm herbeigerufenen Schiffe trafen nach und nach mit ihren Kapitänen bei ihm ein.
Endlich, am 18., riß er sich mit gewaltiger Anstrengung und mit mehr Schmerz von mir los, als es Antonius, mit welchem ich ihn oft verglich, gekostet, Kleopatra zu verlassen, um sich mit Oktavia zu vermählen.
Ich glaube, wenn Nelson einmal, ein einziges Mal in seinem an Gefahren so reichen Leben den Tod fürchtete, so geschah es in diesem Augenblicke, so teuer war ihm das Leben geworden, seitdem ich ihn liebte.
Ein Vorwand hielt ihn noch zurück. Es herrschte fast gänzliche Windstille; in der Nacht vom 18. zum 19. aber erhob sich eine Brise und entschied den Aufbruch der Flotte.
Nelson begab sich an Bord des »Vanguard«. Sir William und ich geleiteten ihn bis in den Hafen. Hier angelangt, sprang er in sein Boot, welches ihn seit zwei Stunden erwartete, gab Befehl nach dem Admiralschiff zu rudern, ließ den Kopf in die Hände sinken und schaute nicht wieder nach uns zurück.
Was uns betraf, so verließen wir die Marina erst, als wir ihn mitten unter den Fahrzeugen, welche den Hafen füllten, aus den Augen verloren hatten.
Kaum aber hatte der »Vanguard« eine Meile zurückgelegt, als der Wind sich wieder legte. Nelson benutzte diesen Umstand, um mir den folgenden Brief zu schreiben, den er mir mit dem Leutnant Swinay schickte.
»Meine teure Lady Hamilton!
Wenn ich Ihnen sage, wie traurig und düster mir der »Vanguard« erscheint, so sage ich Ihnen damit, daß ich, nachdem ich mich in der Gesellschaft der liebenswürdigsten Menschen befunden, mich plötzlich in eine dunkle Zelle eingesperrt finde. Jetzt bin ich wahrhaftig der große Mann, denn ich habe kein befreundetes Wesen bei mir und wünsche von ganzem Herzen wieder ein kleiner Mann zu werden. Sie und der gute Sir William, Sie haben allen Orten, wo Sie nicht sind, für mich den Zauber geraubt, den dieselben vielleicht früher für mich hatten. Meine Liebe zu Ihnen erstreckt sich auf alles, was Sie berührt, und Sie können sich keinen Begriff von dem machen, was ich empfinde, wenn ich Sie alle in meiner Erinnerung zusammenfasse.
Vergessen Sie nicht Ihren treuen
Nelson.«
Der Aufbruch der englischen Flotte versetzte den Hof von Palermo in große Unruhe. Die Königin besonders, welche wußte, wie wenig man auf ihren Gemahl rechnen konnte und die auch dem Genie Actons nicht recht traute, war in Verzweiflung.
Dennoch beschloß man, sich, soviel man konnte, in Verteidigungszustand für den Fall zu setzen, daß die Franzosen eine Landung in Sizilien zu bewirken versuchen sollten.
Die Tage des 25., 26., 27. und 28. Mai vergingen unter fortwährenden Befürchtungen.
Am 29. ward Lärm gemacht. Man sah von Marsala herkommend die Flotte, welche man anfänglich für die vereinigte französisch-spanische hielt.
Es dauerte jedoch nicht lange, so überzeugte man sich, daß es Nelson war, welcher mit seinem Geschwader zurückkehrte. Man beeilte sich, anspannen zu lassen, und die Königin, Sir William und ich stiegen in den Wagen und nahmen die Richtung nach der Marina.
Nelson seinerseits verlor ebenso keinen Augenblick und kaum war der »Vanguard« vor Anker gegangen, so stieg der Admiral in seine Jolle und kam ans Land.
An der Art und Weise, auf welche die Königin ihm entgegeneilte und ihm die Hände drückte, konnte ich wahrnehmen, daß die Furcht ein nicht weniger starkes Gefühl ist, als die Liebe.
Nelson stieg in unsern Wagen und fuhr mit uns nach dem Palaste.
Während der acht oder zehn Tage, wo er gekreuzt, hatte er nicht ein einziges Segel von der französischen Flotte zu erspähen vermocht. Nach seiner Ansicht hatte sie die Richtung nach Toulon genommen, ohne Zweifel, um dort Verstärkungen an sich zu ziehen.
Er legte viel Gewicht auf seine Rückkehr, welche, wie er sagte, den Zweck hatte, die Königin zu beruhigen. Seine einzige Hand aber gab mir, indem sie die meine drückte, deutlich zu verstehen, daß er bloß um meinetwillen zurückgekommen war.
Er erkundigte sich, ob wir Nachrichten von Neapel erhalten hätten.
Wir wußten nichts Bestimmtes.
Er dagegen hatte erfahren, daß Ruffo seinen siegreichen Marsch durch Calabrien weiter fortsetzte. Die Neapolitaner hatten mittels einer Flottille von kleinen Fahrzeugen, welche von Caracciolo, der in den Dienst der Republik getreten war, geführt wurden, die Abwesenheit Nelsons und des Kerns der Flotte zu benutzen versucht, um die Inseln wieder zu nehmen. Nach einem erbitterten Kampfe gegen das von dem Kapitän Foot kommandierte »Seahorse« und die früher von Caracciolo, gegenwärtig von dem Grafen Thurn kommandierte Fregatte »Minerva« aber war die republikanische Flottille zurückgeschlagen worden.
Am 6. Juni ward Lord Nelsons Geschwader durch die Ankunft des »Donnerers,« eines Schiffes von achtzig Kanonen, welches bestimmt war, anstatt des »Vanguard« das Admiralschiff zu werden, verstärkt. Bald darauf, folgten der »Leviathan«, mit der Flagge des Vizeadmirals Duckworth, ferner der »Majestic« und der »Northumberland«, welche von der Flotte des Lord St. Vincent detachiert worden waren.
Der 8. Juni war ein Festtag. Nelson verpflanzte seine Flagge vom »Vanguard« auf den »Donnerer«, und nahm zugleich auf letzteres Schiff den Kapitän Hardy, fünf Leutnants, den Kaplan und viele Matrosen und Seekadetten mit.
Noch denselben Tag ward beschlossen, daß Nelson wieder in See stechen und eine Expedition gegen Neapel versuchen sollte. Der Kronprinz, welcher sich schämte, noch nichts zur Wiedereroberung seines Erbteils getan zu haben, entschloß sich endlich mit Nelson zu gehen, welcher erklärte, daß er, wenn der König ihm Instruktionen geben wollte, mit dem ersten günstigen Wind auslaufen würde.
Der König, die Königin und Sir William brachten die Nacht damit zu, daß sie diese Instruktionen aufsetzten. Dieselben gaben Nelson unbeschränkte Vollmacht.
Dabei aber empfahl ihm Karoline mündlich, mit den Rebellen nicht zu unterhandeln, und beauftragte mich, ihm eine Stelle aus einem Briefe zu übersetzen, den sie in bezug auf diesen Punkt an den Kardinal Ruffo schrieb, und worin es hieß:
»Ich wünsche sehnlich, zu erfahren, daß Sie Neapel genommen haben und daß Unterhandlungen mit dem Kastell San-Elmo und seinem französischen Kommandanten angeknüpft worden sind. Dabei aber bitte ich Sie dringend: keine Unterhandlungen mit strafbaren Vasallen, welchen der König in seiner Milde verzeihen oder ihre Strafe wenigstens mindern wird! Niemals und unter keinem Vorwand darf mit rebellischen Untertanen kapituliert oder unterhandelt werden, welche in die Enge getrieben sind, und die, wenn sie auch das Böse tun wollten, es doch nicht mehr könnten, weil sie jetzt in der Falle sitzen wie gefangene Ratten. Wenn es für das Wohl des Staates notwendig ist, so bin ich einverstanden, daß man ihnen verzeihe, mit solchen Elenden aber unterhandeln, das darf niemals geschehen!