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Kitabı oku: «Salvator», sayfa 83

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CIX
Pastoralsymphonie

Die Stadt Amsterdam die wohl einmal der große Centralhafen der Welt werden könnte, wenn man dort eine andere Sprache spräche, als die holländische, ist ein riesenhaftes Venedig. Tausend Canäle bespülen den Fuß seiner Häuser, rote lange Moirebänder; tausend glänzende Farben funkeln auf den Firsten ihrer Dächer.

Ein roth, grün oder gelb bemaltes Haus ist allein gesehen, ein pretenziöses, häßlichen Haus; aber all’ diese Farben verbanden, harmonieren köstlich unter einander und machen aus dieser großen Stadt einen ungeheuren Steinregenbogen.

Aber nicht nur die Farbe, auch die Form all dieser Häuser ist angenehm. denn sie bietet endlich viel Verschiedenheit, Originalität, so viel Unerwartetes, Malerisches. Mit einem Worte, man möchte sagen, alle Schüler der großen holländischen Malerschule haben selbst ihre Stadt zunächst zur Freude ihrer Augen und dann zu noch größerem Ergötzen der Fremden bemalt.

Wenn Amsterdam einerseits durch seine Tausende von Canälen Venedig gleicht, so gleicht, so andererseits durch seine bunten Farben einer chinesischen Stadt, wie man sie sich wenigstens vorstellt, das heißt großen Porzellanmagazinen. Jedes gleicht aus einiger Entfernung wirklich jenen phantastischen Häusern, die ihre naive Architectur auf der zweiten Fläche unserer Theekannen zur Schau stellen. Man geht nur schüchtern über die Schwelle, so sehr setzt uns die scheinbare Zerbrechlichkeit auf den ersten Anblick in Verlegenheit.

Und wenn das Kleid auch nicht den Mönch macht, so macht die Wohnung doch den Bewohner. Es ist unmöglich, nicht ruhig stille, ehrbar in diesen ehrbaren Häusern zu sein. Durch die ganze Stadt weht den Fremden eine beschauliche Behaglichkeit an, welche ihn wünschen läßt, hier zu leben und zu sterben. Wenn ein Solcher, als er Neapel sah, ausrief: »Neapel sehen und sterben.« zuerst Amsterdam sehen, hätte er sicherlich gesagt: »Amsterdam sehen und leben!«

Das war wenigstens die Ansicht der beiden Liebenden, welche wir Justin und Mina genannt und die friedlich in Holland lebten, wie zwei Tauben in einem Neste.

Sie hatten sich Anfangs in einer der Vorstädte eingemiethet: aber der Hauseigenthümer konnte ihnen nur eine Wohnung vermiethen, deren Zimmer alle in einander gingen, und dieses Wohnen Thür an Thür war nicht, was in Salvators Sinn lag, dem Justin sich doch in allen Wünschen unterordnen wollte.

.Sie bewohnten provisorisch diese Zimmer und der Schulmeister suchte ein Pensionat für Mina, aber vergeblich. Die Französischen Lehrerinnen waren selten, und was sie lehrten, hätte die Braut Justins eben so gut selbst lehren können. Das war die Ansicht von Frau van Slyper, der Vorsteherin des größten Pensionats von Amsterdam.

Frau van Slyper war eine ausgezeichnete Dame. Tochter eines Kaufmanns von Bordeaux, hatte sie einen reichen holländischen Rheder, Namens van Slyper geheirathet, von dem sie vier Töchter bekam. Bei dem Tode des Herrn van Slyper hatte sie aus Frankreich ein ziemlich unterrichtetes Mädchen kommen lassen, um ihre Kinder die ersten Elemente der Französischen Sprache zu lehren.

Nachbarn hatten Frau van Slyper gebeten; ihnen ihre Erzieherin für ihre Kinder zu borgen; nach und nach war jedoch die Zahl der Nachbarinnen so groß geworden, daß die vier jungen van Slyper ihre Erzieherin nur noch selten sahen.

Eines Abends versammelte Frau van Slyper ihre Nachbarinnen und theilte ihnen mit, daß sie vom künftigen Monate an ihrer Gouvernantes nicht mehr gestatten könne, den Kindern Anderer, zum Nachtheil ihrer eigenen Unterricht zu geben, da die Erziehung der letzteren dadurch sichtlich zu leiden beginne.

»Ah!« sagte eine der Damen, welche fünf Töchter hatte (kein Weltbürger versteht zu bevölkern wie ein Holländer), »ah!« sagte die Nachbarin mit den fünf Kindern, »wäre es nicht möglich, die Sache zu Ihrer und unserer Zufriedenheit zu arrangieren?«

»Ich sehe kein Mittel, antwortete Frau van Slyper.

»Wenn wir, statt das Sie Ihre Erzieherin zu uns schicken,« meinte die Nachbarin, »unsere Kinder zu Ihnen schickten.«

»Ja, das ist ganz gut!« riefen alle Nachbarinnen.

»Glauben Sie?« fragte Frau van Slyper. »Ist mein Haue groß genug, um dreißig Kindern ein Asyl zu bieten, abgesehen davon, daß es dadurch zu einem wahren Pensionate würde?«

»Nun, was liegt darin Schlimmes? Ist die Stellung einer Pensionsvorsteherin nicht eine der schönsten, der respectabelsten?«

»Ich gebe das zu; aber mein-Haue wird nie groß genug dazu sein.«

»Sie miethen ein Anderes.«

»Wie Sie das mir so geschickt ausdenken!«

»Weil mir der Plan gefällt.«

»Ich werde mir die Sache überlegen.« sagte Frau van Slyper.

»Es ist überlegt,« versetzte die Nachbarin; »Sie brauchen sich nicht den Kopf zu zerbrechen; ich gebe die Fonds dazu her; ich associre mich mit Ihnen. Ich bitte Sie um acht Tage, das Haus ausfindig zu machen und es anzukaufen, nicht wahr?«

»Aber,« warf Frau van Slyper ein, der dieser Gedanke durchaus nicht mißfiel, die nur das rasche Vorgehen ihrer Nachbarin etwas in Unruhe versetzte, »aber erlauben Sie mir doch, daß ich mich etwas fasse und mit mir zu Rathe gehe.«

»Nicht einen Augenblick,« rief die Nachbarin; »die großen Entschlüsse muß man ohne langes Nachdenken fassen. Ist das nicht Ihre Ansicht?« fragte sie und wandte sich an die übrigen Damen.

Alle Nachbarinnen bildeten Chorus.

Und auf diese Weise wurde Frau van Slyper Vorsteherin eines der größten Pensionate von Amsterdam.

Sie leitete das Pensionat seit ungefähr achtzehn Monaten, als Justin ihr seinen Besuch machte.

Nach Verfluß von einer halben Stunde wußte sie von Justin und Mina alles, was der Schulmeister ihr davon mitzutheilen für geeignet hielt.

Und Frau van Slyper hatte, als ihr die ausgezeichneten Manieren, das feine Benehmen, die bescheidene Zurückhaltung und das tiefe Wissen Justin’s in’s Auge traten, als sie erfuhr, welch eifriges Studium er seit Jahren der Erziehung der Kinder zugewandt, sie hatte nur einen Gedanken, einen Wunsch, einen Traum, Justin als Lehrer der Französischen Sprache für ihr Pensionat zu gewinnen.

Die Erzieherin, welche dreißig Schülerinnen hatte, konnte nicht mehr annehmen; auch drehte ihr wissenschaftlicher Vorrath, der ohnedies nicht groß war, sich zu erschöpfen. Sie hatte das Frau van Slyper offen gestanden und diese hatte ihr versprochen, nach Frankreich sich wegen einer Lehrerin fürs den höheren Unterricht zu wenden.

Die Ankunft Justin’s schien deßhalb eine Fügung des Himmels und die Vorsteherin der Pension nahm ihn mit wahrer Freude auf.

Sie war überglücklich, als sie erfuhr, daß die Pensionnaire, welche man sie bei sich aufzunehmen bat, statt Justins die jungen Mädchen in der Geographie, Geschichte, Botanik, dem Englischen und Italienischen unterrichten könne.

Unglücklicher Weise war das nicht Justins Sache.

»Mein Herr,« rief Frau van Slyper in dem Augenblicke, als der junge Mann, unglücklich, daß er nichts mit ihr abschließen könne, sich zurückziehen wollte, »mein Herr, können Sie mir noch einige Augenblicke schenken?«.

»Mit Vergnügen,« antwortete Justin, indem er sich wieder setzte.

»Mein Herr.« versetzte Frau van Slyper, »was ist Ihr Zweck, indem Sie dieses junge Mädchen hierher bringen?«

»Ich habe es Ihnen gesagt, Madame; ich will warten auf Nachrichten von ihrem Vater, oder, wenn sie majorenn geworden, sie heirathen.«

»Sie hat. also keine Familie?«

»Sie hat nur eine Adoptivfamilie, die Meinige: meine Mutter, meine Schwester und mich.«

»Wer hindert Sie denn, da Sie die Absicht haben, sich hier zu Amsterdam niederzulassen, bis das Mädchen majorenn ist, sie mir ganz anzuvertrauen?«

»Ich hätte gerne gewollt,« antwortete Justin, »daß sie ihre Bildung, die allerdings schon vortrefflich, aber noch nicht ganz abgeschlossen ist, hier vollende. Und Sie haben mir selbst zugestanden, daß der Unterricht Ihrer Erzieherin nicht hinreichend für dieses Resultat.«

»Allerdings, mein Herr; aber wenn ich eine Person fände, welche die Bildung von Fräulein Mina vollenden könnte, würden Sie dann einwilligen, sie mir anzuvertrauen?«

»Mit Vergnügen, Madame.«

»Nun denn, mein Herr, ich glaube, daß ich diese Person gefunden.«

»Ist es möglich?«

»Das hängt von Ihnen allein ab.«

»Was wollen Sie damit sagen«?«

»Der Pensionspreis ist tausend Franken jährlich. Finden Sie diesen Preis zu groß für Ihr Vermögen?«

»Nein Madame.«

»Wie viel gibt man in Paris einem Lehrer für drei Stunden in der Woche?«

»Tausend bis zwölfhundert Franken.«

»Nun gut, mein Herr, das ist es, was ich Ihnen vorschlagen will; werden Sie Lehrer des Französischen in dieser Pension; Sie geben sechs Stunden in der Woche und ich gebe Ihnen zwölfhundert Franken. Auf diese Weise können Sie, wenn Sie mal in dem Institute sind, nach Lust und Liebe die Bildung von Fräulein Mina vollenden.«

»Das ist ein Traum, Madame!« rief Justin entzückt.

»Es, hängt von Ihnen ab, daraus eine Wirklichkeit zu machen.«

»Was muß ich zu diesem Ende thun, Madame?«

»Einfach annehmen, was ich Ihnen vorschlage.«

»Von ganzem Herzen, Madame, und mit einem von tiefster Dankbarkeit bewegten Herzen.«

»Alle abgemacht!« sagte Frau van Slyper.

»Lassen Sie uns jetzt von Fräulein Mina sprechen. Glauben Sie, daß sie einwilligt, sich mit meiner Erzieherin in den Elementarunterricht meiner jungen Zöglinge zu theilen?«

»Ich garantiere für ihre Zustimmung, Madame.«

»Nun gut, so biete ich Ihnen für sie sechshundert Franken Honorar an und gebe ihr Tisch und Wohnung bei mir gratis. Glauben Sie, daß sie damit einverstanden ist?«

»O, Madame,« rief Justin mit Augen voll Freudenthränen; »ich kann Ihnen nicht sagen wie sehr Ihre Güte mich rührt, aber ich nehme Ihre Wohlthaten nur unter einer Bedingung an.«

»Sprechen Sie, mein Herr,« antwortete Frau Slyper, den Bruch des Handels befürchtend.

»Daß Sie mir erlauben, statt wöchentlich sechs, täglich zwei Stunden zu geben versetzte Justin.

»Ich kann das nicht annehmen,« sagte die Vorsteherin der Pension ganz verlegen; »zwei Stunden täglichen Unterrichts,« das wäre eine peinliche Arbeit.«

»Die Arbeit des Unterrichts ist der Arbeit der Erde zu vergleichen,« sagte Justin; »Jeder Schweißtropfen gibt einer reizenden Blume das Leben. Nehmen Sie an, Madame, sonst müssen wir abbrechen. Es wäre mir, als wenn ich nur empfangen, nichts geben sollte.«

»Ich muß wohl thun, was Sie wollen mein Herr.« sagte Frau van Slyper, indem sie dem jungen Manne die Hand bot.

Andern Tages ward Mina im Pensionate eingeführt, und am dritten Tage gaben die beiden Verlobten ihre ersten Stunden.«

Von diesem Momente an war es ein täglicher goldener Traum. Ihre reine, seit so lange zurückgehaltene Liebe trat plötzlich zu Tage und entfaltete sich so mächtig und so prächtig, wie ein schöner Cactus an der Sonne. Sich alle Tage, beinahe jede Stunde sehen, nachdem man so lange getrennt gewesen! sich trennen und sich in seine stille Häuslichkeit zurückzuziehen mit der Erinnerung, sich gesehen zu haben und der süßen Hoffnung, sich wieder zu sehen! gewiß zu sein, daß man sich liebt, es sich zu sagen, zu wiederholen und es sich noch einmal zu sagen! denselben Gedanken bei Tag, denselben Traum bei Nacht zu haben; gleichsam zwischen zwei blühenden Hecken Hand in Hand und Aug in Aug zu gehen, das Herz voll Seligkeit! Mit einem Worte sich zu lieben! sich aufrichtig, gleich innig zu lieben; zwei Herzen, die, mit dem goldenen Schlüssel der Liebe aufgezogen, zur selben Stunde laut schlagen, das war die glückliche Lage der beiden jungen Leute.

Wenn die Tage der Woche sich wie ein Halsband von weißen Perlen auskörnten, so ließ der Sonntag aus dem Füllhorn seines Reichthums seine seltensten Blumenkronen auf ihre Häupter fallen.

Frau von Slyper besaß in der Umgegend von Amsterdam, nahe bei dem kleinen Dorfe Huizen ein Landhaus, nach welchem sie Sonntags diejenigen ihrer Pensionnaires führte, die ihre Aeltern in ihrer Pension ließen.

Es war ein reizendes Haus, voll von jenen exotischen Blumen und Vögeln, für die die Holländer ein Privilegium zu haben scheinen.

Von dem Fenster aus hatte man das reizende Bild einer von dem Nordwind gekräuselten Fläche wie die Zuidersee; zahlreiche kleine Eichengebüsche wiegten ihre Blätterfächer in der Lust, was sie von Weitem in dieser ungeheuren Ebene schwimmenden Inseln in einem Smaragdmeere gleichen ließ. In Südwesten sah man durch leichte Nebel Amsterdam, die tausendfarbige Stadt, wie sein großes Bouquet in einer Vase. Im Osten Huizen, Blaricum und andere freundliche kleine Dörfer, die Stirne im Schatten der Bäume, die Füße in der Sonne ausgestreckt. Im Norden einen Blumenhügel, der sich sanft zur Zuidersee hinabsenkte, wo tausend Gebäude aller Art und aller Dimensionen, aller Formen und aller Farben auf der ruhigen und glatten Ebene zerstreut lagen, so daß die Ebene zur Rechten ein Meer, das Meer zur Linken eine Ebene schien.

Es war eine echt holländische Landschaft von Anmuth und Reiz; alles war harmonisch. Vergeblich hätte das Auge oder Ohr eine Mißfarbe oder einen Mißton gesucht; die ganze Welt hätte in dem Horizonte dieses Winkels der Erde ihre Grenze haben sollen. Sie schloß sich für unsere beiden Liebenden damit ab. Freilich fehlten Justin’s Mutter und Schwester für dieses Bild; freilich war Mina Waise; aber man hatte bereits Briefe von Madame Corbin, von der Schwester Célestine und von Salvator. Die Briefe der Mutter und der Schwester waren voll Glück; der Geist der Mutter war ruhig; die Gesundheit der Schwester war gut; der Brief Salvator’s voll Versprechungen: man durfte sich darum nicht grämen und konnte das Glück, das die Vorsehung mit vollen Händen bot, genießen.

Alle Sonntage, wenn sie mit den Pensionnaires nach dem Landhause der Frau van Slyper gingen, waren eben so viele heitere Feste für die Verlobten: sie genossen die Vergnügungen mit der Freude Neugeborener, die das Licht sehen, oder der Wollust von Vögeln, die ihre Flügel versuchen.

Der Pachthof, der zu dem Landhaus gehörte, war mit Kühen, Ziegen, Schafen bevölkert; sie spielten Schäfer und Schäferin und führten die Heerde mit der Einfachheit und Anmuth von theokritischen und virgilischen Hirten aus die Weide.

Kurz, ihr Leben war eine lange Idylle, eine berauschende Ekloge, ähnlich den wahren Idyllen des Sonntags. Ihr Herz spielte unisono das Liebesconzert des ersten Maitages, das man die Pastoralsymphonie nennt.«

Den ganzen Sommer ging es so fort. Während des Winters, wenn die Natur nicht ihre Poesie mit der Poesie ihrer Herzen verband, genossen sie daher die Freuden des häuslichen Herdes bei Frau von Slyper.

Selbst während der schlechten Jahreszeit ging man zu weilen nach dem Landhause, das hermetisch verschlossen und herrlich geheizt, im Herbste durch die tausend Blumen des Gewächshauses an die wärmsten und heitersten Tage des Sommers erinnerte.«

In den ersten Tagen des Januar, an einem Sonntag, als alle Pensionnaires, Justin, Mina und die Vorsteher in der Pension in dem Gewächshause plaudernd beisammen saßen, meldete der Diener Justin, daß zwei Herren aus Paris im Auftrag von Salvator ihn zu sprechen wünschen.

Justin und Mina zitterten.

Diese beiden Herren, wir werden es unsern Lesern nicht zu sagen brauchen, waren der General Lebastard de Premont und Herr Sarranti.

CX
Sentimentale Symphonie

Justin folgte dem Diener und gewahrte, als er in den Speisesaals kam, zwei Männer von großer Gestalt, von denen der Eine in einen langen Mantel, der Andere von Kopf bis zu Fuß in eine ungeheure Polonaise gehüllt war.

Als dieser Justin eintreten sah, ging er auf ihn zu, grüßte ihn höflich und den Kragen seines Ueberziehers herabschlagend, zeigte er seinen schönen und stolzen Kopf, der zwar etwas ermüdet aussah, aber doch die volle Noblesse und Energie seines Charakters bekundete.

Es war der General Lebastard de Vermont.

Der Andere, welcher in einen langen Mantel gehüllt war, verbeugte sich im Hintergrunde respectsvoll, aber ohne sich vom Platze zu bewegen.

Der Lehrer zeigte ihnen Stühle und bat sie, sich zu setzen.

»Wie Ihr Diener Ihnen gemeldet haben wird,« sagte der General, »komme ich von Herrn Salvator.«

»Wie geht es ihm?« rief Justin. »Es ist länger, als einen Monat, daß ich nichts von ihm weiß.«

»Daran ist die Unruhe-und die Sorge schuldig, die ihn seit einem Monat in beständiger Aufregung erhielt,« antwortete-der General, »ganz abgesehen von den politischen Angelegenheiten, denen er seine ganze Zeit widmen mußte, da die Wahlen im Anzuge waren. Sie haben ohne Zweifel erfahren, daß ich seiner Geduld und Ausdauer dass Leben meines Freundes Sarranti verdanke?«

»Wir haben dies freudige Ereigniß gestern erfahren,« sagte Justin, »und ich würde mich glücklich gefühlt haben; wäre ich in Paris gewesen, Herrn Sarranti zu gratulieren.«

»Das wäre eine unnöthige Reise,« sagte der General lächelnd, »Sie würden ihn nicht in Paris finden.«

»Hat man ihn verbannt?«

»Noch nicht,« antwortete der General melancholisch, »aber das wird vielleicht geschehen . . . Für den Augenblick ist er in Holland.«

»Ich werde ihn aufsuchen,« beeilte sich Justin zu sagen.

»Da würden Sie nicht weit zu gehen haben,« antwortete der General, indem er sich nach Herrn Sarranti umwandte und mit dem Finger auf ihn deutete, »hier ist er.«.

Herr Sarranti und der Lehrer standen zu gleicher Zeit auf und umarmten sich brüderlich.

Der General nahm wieder das Wort.

»Ich habe Ihnen gesagt, daß ich von unserem Freunde Salvator komme; hier ist ein Brief, der bestätigt, was ich sage; aber ich habe Ihnen noch nicht gesagt,wer ich bin; Sie kennen mich wohl nicht mehr?«

»Nein, mein Herr,« antwortete Justin.

»Sehen Sie mich genau an; erinnern Sie sich nicht, mich je gesehen zu haben?«

Justin heftete seinen Blick auf den General, jedoch vergeblich.

»Sie haben mich dennoch gesehen,« versetzte der General, »und zwar in einer Nacht, welche für uns beide gleich merkwürdig, denn Sie fanden Ihre Braut wieder, und ich umarmte ohne es zu wissen, zum ersten Male meine . . . « -

Justin unterbrach ihn.

»Ah! ich habe es!« rief er lebhaft. »Ich habe Sie in der Nacht meiner Abreise gesehen in dem Park des Schlosses Viry; Sie haben uns gemeinschaftlich mit Salvator gerettet; ich erkenne Sie jetzt wieder, als wenn ich Sie niemals verlassen; Sie sind der General Lebastard de Premont.«

Mit diesen Worten warf er sich in die Arme des Generals der ihn innig an sich schloß, indem er voll Rührung murmelte:

»Justin! mein Freund! mein lieber Freund! Mein . . . .«

Er hielt inne, er hätte gerne gesagt, mein Sohn!«

Justin, ohne die Ursache zu ahnen, war unbeschreiblich gerührt.

Er sah Herrn Lebastard de Premont an; dieser hatte die Augen voll Thränen.

»Mein Freund,« versetzte er, »hat Ihnen Salvator je von dem Vater Mina’s gesprochen?«

»Nein,« antwortete der junge Mann indem er den General erstaunt ansah.

»Er hat es Ihnen wenigstens gesagt,« fuhr der General fort, »daß dieser Vater lebt?«

»Er gab mir die Hoffnung; sollten Sie ihn kennen, General?«

»Ja,« murmelte der General kaum hörbar; »und was könnten Sie von einem Vater denken, »der sein Kind auf solche Weise verlassen hat?«

»Ich sagte, er seie unglücklich,« antwortete der junge Mann einfach.

»O, sehr unglücklich.« sagte Sarranti, indem er langsam den Kopf schüttelte.

»Sie haben also keine Anklage gegen ihn erhoben?« versetzte der General.

»Niemals verdiente ein Manns mehr Mitleid,« murmelte Herr Sarranti traurig.

Der Lehrer sah den Corsen an, wie er den General angesehen. Ein geheimer Instinct sagte ihm, daß einer der beiden Männer der Vater Minas sei; aber welcher von beiden? Seine Augen liefen vom Einen zum Andern, und suchten in dem Gesichte die Schläge des Herzens zu erkennen.

»Der Vater Minas ist zurück.« fuhr der General fort, »und kann jeden Augenblick seine Tochter von Ihnen fordern.«

Der junge Mann schauerte. Die letzten Worte schienen ihm eine Drohung zu enthalten.« .

Der General gewahrte den Schauer Justins und begriff, seinen geheimen Schrecken; weit entfernt, ihn zu beruhigen, mehrte er seine Unruhe, indem er ihm mit einer Stimme, der er einen ruhigen Ausdruck zu geben suchte, sagte:

»Wenn der Vater Minas seine Tochter von Ihnen fordern würde, so würden Sie ihm rein . . . ohne Bedauern . . . ohne Gewissensbisse zurückgeben? Nicht wahr?«

»Ohne Gewssensbisse, ja!« schwur der junge Mann feierlich. »Ohne Bedauern, nein, nein,« fügte er mit bewegten Stimme hinzu.

»Sie lieben sie also sehr? . . . « fügte der General hinzu.

»Aus tiefster Seele,« antwortete Justin.

»Wie eine Schwester?« fragte der Vater Minas.

»Mehr als wie eine Schwester,« antwortete der Lehrer erröthend.

»Und . . . Sie können versichern, daß der Vater Minas über diese Liebe nicht erröthen darf?«

»Ich schwöre es!« antwortete der junge Mann, indem er Hände und Blicke zum Himmel erhob.

»Mit andern-Worten,« fuhr der General fort, »Mina wird des Gatten würdig sein, den ihr ihr Vater bestimmt.«

Justin zitterte an allen Gliedern und antwortete nicht; er ließ den Kopf sinken.

Herr Sarranti sah den General mit bittendem Blicke an. Dieser Blick sollte sagen: »Die Probe ist zu stark, das heißt den armen Jungen zu sehr leiden lassen.«

Zwischen einem Todesurtheil und einer Begnadigung gibt es eine Reihe unbeschreiblicher Gemüthsbewegungen; alles was in uns lebt, ist aufgeregt, gespannt, schmerzlich bewegt; Seele und Körper empfangen zu gleicher Zeit den Stoß und werden gleichmäßig erschüttert.

Dies Gefühl hätte Justin, als er die Worte vernahm: »Der Gatte, den ihr ihr Vater bestimmt.«

In einem Augenblicke ging sein ganzes Leben, von dem Abend, wo er das kleine Mädchen eingeschlafen im Korn gefunden, bis zu dem Momente, wo er heiter, lächelnd, glücklich und von den Augen mit ihr plaudernd, den Diener hatte melden hören, daß zwei Fremde von Paris mit ihm im Auftrag von Salvator zu sprechen wünschten – sein ganzes Leben ging Korn um Korn, Blatt um Blatt, Tropfen um Tropfen, Minute um Minute an ihm vorüber; er kostete noch einmal all die süßen Augenblicke, athmete all den süßen Duft, hörte all die Lieder noch einmal und fiel dann plötzlich, ohne Uebergang, aus dem Zauberwalde der Hoffnung in den düsteren Abgrund des Zweifels.

Er hob den Kopf mit den blassen zitternden Lippen und sah die beiden Fremden mit Auen an, in denen sich ein furchbarer Schrecken malte.

Der General empfand in diesem Augenblicke selbst den Schmerz, l den der junge Mann fühlte, indeß schien ihm eine letzte Probe nöthig und er sagte, trotz der stummen-Bitten des Herrn Sarranti:

»Sie haben Fräulein Mina wie ihre eigene Schwester erzogen. Ihr Vater dankt Ihnen durch meinen Mund dafür und segnet Sie wie seinen eigenen Sohn. Nehmen Sie jedoch an, daß er in Folge eines Vermögensumschlages, durch ein feierliches Versprechen gegen eine Familie, die Hand des Mädchens dieser zugesagt, was würden Sie in einem solchen Falle thun? Antworten Sie mir, wie Sie dem Vater Minas antworten würden, denn er ist es, der durch meinen Mund diese Worte an Sie richtet. Was würden Sie thun?«

»General,« stotterte Justin,, der beinahe nicht mehr athmen konnte; »seit dem Tode meines Vaters bin ich an das Dulden gewöhnt; ich würde dulden.«

»Und Sie würden sich nicht empören gegen die Grausamkeit dieses Vaters?«

»General,« antwortete der junge Mann edel, »über den Liebenden stehen die Vater, wie über den Vätern Gott. Ich würde zu Mina sagen:,Gott hatte Dich mir in Abwesenheit Deines Vaters anvertraut; Dein Vater ist zurück gehe zu Deinem Vater’«

»Mein Sohn! mein Sohn!« rief der General, der seine Thränen nicht zurückhalten konnte, indem er aufstand und die Arme gegen den jungen Mann ausbreitete.«

Justin stieß einen herzzerreißenden Schrei aus und fiel in die Arme des Herrn Lebastard de Premont, indem er: »Vater, mein Vater!« stammelte.

Dann riß er sich aus der Umarmung des Generals, eilte nach der Thüre und rief so laut er konnte:

»Mina! Mina!«

Aber der General, eben so rasch als er, hielt ihn in dem Augenblick zurück, wo er die Thürklinke faßte und sagte, indem er ihm die Hand auf den Mund legte:

»Stille! fürchten Sie nicht, daß ihr die Aufregung dieser Nachricht schaden könntest?«

»Das Glück richtet kein Unglück an.« sagte Justin, dessen Gesicht vor Freude leuchtete; »sehen Sie mich!«

»Sie! Sie sind ein Mann, mein Freund,« sagte der General, »aber ein junges Mädchen, ein Kind, denn sie ist beinahe noch ein Kind . . . Ist sie hübsch?«

»Wie eine Maria.«

»Und . . . « fragte Herr Lebastard de Premont zögernd, »ist sie hier . . . da Sie sie rufen?«

»Ja, ich will Sie suchen,« antwortete der Lehrer. »Ich würde mir einen Vorwurf daraus machen, wenn ich ihr eine Minute des Glücks raubte.«

»Ja, suchen Sie sie . . . « sagte der General mit einer Stimme, welche vor Rührung zitterte; »aber versprechen Sie mir, ihr nicht zu sagen, wer ich bin; ich will es ihr selbst sagen, wenn sie vorbereitet ist, wenn ich es für geeignet halte, nicht wahr, es ist so besser?« fügte er hinzu, indem er den jungen Mann und Herrn Sarranti zu gleicher Zeit ansah.

»Ganz wie Sie wollen antworteten diese.

»So gehen Sie!«.

Justin ging und einen Augenblick später führte er Mina in das Speisezimmer.

»Meine Freundin,« sagte er, »ich stelle Dir zwei Freunde von mir vor, die bald auch die Deinen sein werden.«

Mina grüßte die beiden Fremden mit einer anmuthigen Verbeugung.

Als der General dies reizende Wesen, das seine Tochter war, eintreten sah, fühlte er sein Herz so heftig schlagen, daß er glaubte, er werde ohnmächtig werden; er stützte sich auf den Schrank des Speisezimmers und betrachtete lange mit Augen, die von Glück feucht waren, das junge Mädchen.

»Diese beiden Freunde,« fuhr Justin fort, »bringen Dir eine sehr gute Nachricht, auf die Du nicht gefaßt sein kannst, die beste Nachricht, die man Dir bringen kann.«

»Sie werden mir von meinem Vater sprechen?« rief das junge Mädchen.

Der General fühlte, daß ihm zwei Thränen langsam über die Wangen rollten.«

»Ja, meine Freundin.« antwortete Justin, »sie bringen Dir Nachricht von Deinem Vater.«

»Sie haben meinen Vater gekannt?« fragte das junge Mädchen indem sie die beiden Männer zugleich ansah, als wollte sie nicht eine einzige Sylbe ihrer Antwort verlieren.

Die beiden Freunde machten, ohne zu sprechen – sie waren zu bewegt, um antworten zu können – mit dem Kopfe ein bestätigendes Zeichen.

Diese stumme Antwort, deren Ursache sie nicht begreifen konnte, brachte in dem Herzen Minas eine peinliche Bewegung hervor und mit einer Stimme voll Schmerz rief sie:

»Mein Vater lebt noch, nicht wahr?«

Die beiden Freunde machten wieder ein bejahendes Zeichen mit dem Kopfe.

»So sprechen Sie mir rasch von ihm!« sagte Mina ungestüm. »Wo ist er? Liebt er mich?

Der General fuhr mit der Hand über das Gesicht und dem jungen Mädchen einen Stuhl anbietend, setzte er sich gegenüber von ihr, indem er jedoch ihre Hände in den seinen behielt.

»Ihr Vater lebt und liebt Sie, Fräulein, und ich hätte es Ihnen schon an jenem Abend gesagt, wo Sie aus dem Park von Viry flohen, wenn ich Sie damals gekannt.«

»Ich kenne Ihre Stimme wieder.« sagte Mina zusammenschauernd. »Sie haben mich damals, indem Augenblick, als ich die Mauer erstieg, auf die Stirne geküßt und mit einer Stimme voll Thränen zu mir gesagt: .Sei glücklich, Kind! ein Vater, der seine Tochter seit vierzehn Jahren nicht mehr gesehen, segnet Dich . . . Lebe wohl!’ Ihr Wunsch ging in Erfüllung,« fügte sie hinzu, indem sie abwechselnd Justin und die beiden Freunde ansah, »ich bin glücklich, sehr glücklich, denn es fehlt meinem Glücke nichts mehr, da Sie mir von meinem Vater sprechen! Wo ist er?«

»Ganz nahe bei Ihnen,« antwortete der General, auf dessen Gesichte dicke Schweißtropfen zu perlen begannen.

»Und warum ist er nicht hier?«

Der General antwortete nicht. Herr Sarranti trat dazwischen.

»Er fürchtet vielleicht,« sagte er, »daß wenn er so plötzlich, so unerwartet vor Sie träte, Sie in zu große Aufregung versetzt werden könnten, mein Fräulein.«

Seltsam! statt Herrn Sarranti anzusehen, der diese Worte an Sie richtete, betrachtete das Mädchen nur den General, der nichts sagte, dessen gerührte Züge jedoch den heftigsten inneren Kampf verriethen.

»Glauben Sie den,« sagte sie, »daß das Glück, meinen Vater zu sehen, mir einen größeren Schmerz bereiten könnte, als den, ihn nicht zu sehen?«

»Meine Tochter! meine Tochter! meine liebe Tochter!« rief Herr Lebastard de Premont, der den Schrei seines Herzens nicht länger zurückhalten konnte.

»Mein Vater!« sagte Mina, indem sie in seine Arme stürzte.

Und der General umfaßte ihre Hüfte, drückte sie an sein Herz und bedeckte sie mit Küssen und Thränen.

In diesem Momente machte Justin Herrn Sarranti ein Zeichen, zu ihm zu kommen; der Corse kam auf den Zehenspitzen, um nicht durch ein Geräusch die Harmonie dieser zärtlichen Scene zu stören.

Justin öffnete leise die Thüre des Speisezimmers und Herrn Sarranti ein Zeichen gebend, daß er ihm folge, ließen sie Vater und Tochter ihr doppeltes Glück ohne Zeugen kosten.

Der General erzählte Mina, wie er, nachdem sie ihre Mutter verloren, welche mit ihrem Eintritt in die Welt gestorben sei, gezwungen gewesen, sie einer Fremden anzuvertrauen, um dem Glück oder vielmehr dem Unglück des Kaisers nach Rußland zu folgen. Er erzählte seine Schlachten, seine Kämpfe seine Verschwörungen, sein Unglück seit der Geburt Minas. Seine Erzählung war eine große Epopoe, die den Augen des jungen Mädchens tausend Thränen der Liebe, der Bewunderung und Rührung erpreßte.

Ihre Erzählung war eine süße Idylle; sie entfaltete vor ihrem Vater ihr ganzes Leben, wie man einen Teppich auf einem Altare ausbreitet. Ihre Geschichte hatte die Reinheit eines schönen Himmels, die .Durchsichtigkeit eines Sees, die Jungfräulichkeit einer weißen Rose.

Die Vorsteherin der Pension, welcher Justin Herrn Sarranti vorstellte, wollte, daß man Vater und Tochter bis zum Abend beisammen lasse. Die Nacht überraschte sie mitten in diesen süßen Herzergießungen. Man mußte rufen, um licht zu haben.

Als Frau van Slyper die Glocke erklingen hörte, traten sie, Justin und Herr Sarranti in das Speisezimmer.

»Mein Vater!« rief. das Mädchen heiter, indem sie den General der Vorsteherin der Pension als solchen bezeichnete.

Der General trat näher und nachdem er die Hand von Frau van Slyper respectvoll geküßt, dankte er herzlich der guten Frau für die liebevolle Behandlung seiner Tochter.

»Erlauben Sie mir jetzt, Madame.« sagte er, »mich bei Ihnen nach der nächsten Gelegenheit nach Frankreich zu reisen, zu erkundigen.«

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04 aralık 2019
Hacim:
1707 s. 13 illüstrasyon
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