Kitabı oku: «Salvator», sayfa 82
»Hah! Trödler, die ihr seid; ich glaubte, ihr kämet zu gar keinem Ende.«
»Höre unser Uebereinkommen sagte Camille.
»Unser Uebereinkommen machte Lorédan, »ich kenne es: wir sind übereingekommen, um sechs einhalb Uhr zu speisen und jetzt ist es sechs Uhr fünfunddreißig Minuten.«
»Aber ich spreche Dir ja von dem Duell.«
»Und ich von dem Diner. Ein Duell läßt sich aufschieben, ein Diner nie. Zu Tische denn!«
Zu Tische!« sagten zu gleicher Zeit die beiden jungen Männer.
Und alle drei eilten nach dem Speisezimmer, wo Fräulein Susanne von Valgeneuse sie erwartete.
Das Diner war ein lautes Gelächter von drei Gängen; man verlästerte ganz Paris und besonders den Banquier; man überbot sich, Herrn von Marande lächerlich zu machen; man vernichtete ihn politisch, finanziell, moralisch und zum Ueberflusse auch noch physisch.
Es war von dem Duell so wenig mehr die Rede, als von dem Kaiser von China.
Geschah es aus Achtung vor der Anwesenheit einer Frau, aus Sorglosigkeit oder in der stolzen Sicherheit des Resultates? Wir wissen es nicht, oder wir glauben vielmehr, daß in dem Schweigender drei jungen Leute ein wenig von Allem lag.
Man war beim Dessert, als der Diener des Herrn von Valgeneuse seinem Herrn auf einem silbernen Teller eine Karte präsentierte. Lorédan warf einen Blick aus die Karte.
»Conrad!« rief er.
Conrad!« murmelte Fräulein von Valgeneuse leise, indem sie leicht erblaßte; »was will er?«
Lorédan wurde unwillkürlich blaß wie die Tasse von Sevres, die er, eben an den Mund setzte.
Camille sah diese doppelte Unruhe, die sich des Bruders und der Schwester zugleich bemächtigte.
»Ich bedaure, Sie einen Augenblick verlassen zu müssen,« stotterte Herr von Valgeneuse.
Und sich nach dem Diener umwendend, sagte er:
»Lassen Sie ihn in mein Cabinet eintreten.«
Dann stand er auf und fügte hinzu:
»Ich komme sogleich wieder, meine Herren.«
Damit ging er nach der Thüre, die von dem Speisezimmer in sein Cabinet führte.
Salvator erwartete ihn stehend.
Es war wirklich unmöglich, eleganter gekleidet zu sein, als Salvator, und einen ruhigeren und edleren Ausdruck zu haben, als dieser junge Mann.
Diesmal war es wirklich Conrad von Valsigny, wie er sich hatte melden lassen.
»Was wollen Sie von mir?« fragte Lorédan mit einem Blicke voll Haß.
»Ich wünsche einen Augenblick mit Ihnen zu sprechen,« antwortete Salvator.
»Vergessen Sie, daß zwischen uns gar kein Gesprächsgegenstand möglich ist?«
»Der Haß, den wir gegen einander hegen. Nein, mein Vetter, ich vergesse ihn nicht und mein Besuch ist der Beweis davon.«
»Kommen Sie, daß wir diesem Hasse endlich ein Ende machen?«
»Keineswegs.
»Was wollen Sie dann von mir?«
»Ich will es Ihnen sagen, mein Vetter. Sie schlagen sich morgen, nicht wahr?«
»Was geht das Sie an?«
»Das geht nicht nur mich, sondern uns beide an, wie Sie sehen werden. Sie schlagen sich also morgen mit Herrn von Marande um neun Uhr im Bois de Boulogne auf Pistolen. Sie sehen, daß ich gut unterrichtet bin.«
»Ja; ich möchte jedoch wissen, aus welcher Quelle Sie Ihr Wissen schöpfen.«
Salvator zuckte mit den Achseln.
»Aus welche Weise ich Ihr Duell erfahren, ist gleichgültig, genug, daß ich es weiß, und das wird der Gegenstand unseres Gesprächs sein, wenn es Ihnen beliebt.«
»Sollten Sie zufällig kommen, um mir eine moralische Vorlesung zu halten?«
»Ich? O! Nein, ich nehme im Gegentheile an, dass Sie das selbst und zur Genüge thun! Nein, ich komme ganz einfach, Ihnen einen Dienst zu erweisen.«
»Sie?«
»Das setzt Sie in Erstaunen?«
»Wenn Sie gekommen sind, um zu scherzen, so sage ich Ihnen, daß Sie die Zeit schlecht gewählt.«
»Ach scherze nie mit meinen Feinden,« sagte Salvator ernst.
»So lassen Sie uns zu Ende kommen; was wollen Sie von mir? Sprechen Sie!«
»Kennen Sie Herrn von Marande genau?«
»Ich kenne ihn genau genug, um ihm, so hoffe, morgen eine Lection zu geben, deren er sich erinnern wird, wenn er überhaupt die Zeit hat, sich zu erinnern.«
»Nun machte Salvator, »ich sehe, daß Sie ihn nicht genau kennen. Herr von Marande hat bis jetzt bisweilen Lectionen gegeben, aber er hat keine empfangen.«
Lorédan sah seinen Vetter mitleidig an und zuckte nun ebenfalls mit den Schultern.
»Ah! Sie zucken mit den Schultern!« versetzte Conrad; »ich, erkläre mir, daß Sie Vertrauen zu sich haben. Haben Sie einen Augenblick Vertrauen zu mir und hören Sie, was ich Ihnen sage: Herr von Marande wird Sie tödten.«
»Herr von Marande!« rief der junge Mann laut auflachend.
»Ah! das amüsiert Sie. Freilich! ein Banquier sollte einen Mann von Ihrer Geburt und Ihren Verdiensten tödten! das wäre hübsch; ein Pistol gegen einen Sack Thaler! Nun gut! eben darin sollen Sie die Größe des Dienstes erkennen, den ich Ihnen leiste. Herr von Marande hat sich, so viel ich weiß, bereits viermal geschlagen und jedes mal seinen Gegner getödtet; unter Anderen in Livorno Herrn von Bedmar, der, so viel ich mich erinnern kann, Ihr Freund war.«
»Herr von Bedmar starb an Apoplexie,« antwortete Lorédan etwas unruhig.
»Herr von Bedmar starb an einem Pistolenschuß. Mein Vetter, wissen Sie eines: jedes Mal, so oft eine Familie aus irgend einem Grunde die Todesart eines ihrer Glieder verheimlichen will, ruft sie die Apoplexie zu Hilfe, das ist eine einfache Geschichte. Nun, so wissen Sie denn, morgen zwischen neun und neun ein Viertel sterben Sie, wie Herrn von Bedmar an einer Apoplexie, und ich füge hinzu, wenn Ihnen das angenehm sein kann, daß ich in alle Journale die Todesart setzen lassen werde, die Sie gewählt haben.
»Nun genug des Scherzes.« sagte Herr von Valgeneuse immer aufgeregter werdend. »ich bitte Sie, es dabei bewenden zu lassen, wenn Sie nicht wollen, daß das Gespräch eine andere Wendung nehmen soll.«
»Welche Wendung wollen Sie, daß es nimmt? Sie bilden sich vielleicht ein, mein Vetter, daß Sie die Größe haben, um mich aus dein Fenster zuwerfen? Wenn das der Fall sein sollte, so sehen Sie mich an.«
Mit diesen Worten breitete Salvator beide Arme aus, deren Muskeln sich auf dem Tuche seines Frackes abhoben.
Lorédan trat mechanisch einen Schritt zurück.
»Kommen wir zum Schluß,« sagte er; »was wollen Sie?«
»Ich komme, Sie zu fragen, was Ihr letzter Wille ist, und Ihnen zu versprechen, ihn pünktlich zum Vollzug zu bringen.«
»Gewiß,« sagte Lorédan, »haben Sie mit einem von Ihren Freunden gewettet, mich auf solche Art zu mystifizieren.«
»Ich wette nie, mein Herr, und mystifiziere Niemanden. Ich sage Ihnen, daß Sie erschossen werden, weil der Mann, mit welchem Sie sich morgen schlagen, abgesehen davon, daß er bereits Proben abgelegt, von Grund auf tapfer ist; während Sie, – sehen Sie in jenen Spiegel – während Sie feige sind und Ihr Gesicht in Schweiß gebadet ist. Ich möchte Übrigens hinzufügen, daß, wenn Sie morgen nicht ganz todt sind, ein Mensch in der Welt existiert, welcher vollendet, was Herr von Marande begonnen.«
»Sie, ohne Zweifel?« versetzte Lorédan, seinem Vetter einen Blick voll Haß zuwerfend.
»Nein; ich,« antwortete Salvator« »ich bin erst der Dritte.«
»Von wem sprechen Sie dann?«
»Von dem Vater des jungen Mädchens, das Sie entführt haben, und das sich aus Ihren Händen rettete, von dem Vater Mina’s hören Sie mich deßhalb so ernst an, als ich ernst zu Ihnen spreche,« sagte Conrad; »ich habe bereits zu viel Zeit hier verloren, Ihr Tod ist gewiß; denn wenn Sie nicht unter den Schüssen des Einen fallen, so sollen Sie unter denen des Andern; im Namen Ihres Vaters, der der Reinste unter den Reinen war, im Namen Ihrer Mutter, die der Schmerz in’s Grab gebracht, im Namen Ihrer Ahnen, jener tugendhaften Edelleute, deren Wappen keinen Flecken kennt, im Namen der menschlichen Achtung, wenn Sie noch eine Tugend kennen, im Namen des gerechten Gottes, wenn Sie noch einen Glauben haben, beschwöre ich Sie, mir zu sagen, welche Handlungen ich wieder gut zu machen habe.«
»Mein Herr, das ist zu viel der Tollheit oder Impertinenz!« rief Lorédan; »ich befehle Ihnen, mich zu verlassen.«
»Und ich beschwöre Sie zum zweiten Male, nicht einen Act zu versäumen, der tausend Jahre der Tugend beflecken kann.«
»Genug des Scherzes, mein Herr, gehen Sie!« sagte Herr von Valgeneuse gebieterisch.
Aber Conrad blieb ruhig und unbeweglich auf seinem Platze.
»Zum dritten Male,« versetzte er, »beschwöre ich Sie, zu sagen, was Sie schlecht gemacht, damit ich es, dieses Schlechte, in Gutes umwandle.«
»Gehen Sie, gehen Sie!« rief Lorédan, indem er nach der Klingelschnur sprang und sie heftig anzog.
»Gott sei Ihnen in der Sterbestunde gnädig!« sagte Conrad ernst.
Damit verließ er das Zimmer.
CVIII
Der König wartet
Das Rendezvous war, wie wir sagten, das Bois de Boulogne.
Leider! verschwindet alles. Wieder eine unserer Jugenderinnerungen verschwunden! wieder ein bewohnter Wald statt eines einsamen Waldes! Und wenn unsere Enkel diesen englischen Park, der gebahnt, gefirnißt, glatt und glänzend ist, wie ein von einem Bourgois bestelltes Bild auf der Ausstellung, wenn sie diesen Park sehen, werden sie den alten Beschreibungen nicht mehr glauben wollen, welche wir von den Resten dieses alten Waldes von Louvois gemacht, den der königliche Plünderer, welchen man Franz I. Nannte, mit Mauern umgeben ließ. um das Vergnügen der Jagd bequemer genießen zu können.
Sie werden eben so wenig begreifen können, daß es eine Zeit gab, wo man sich hier, weil man gewiß sein konnte, Niemanden zu begegnen, Rendezvous gab, um sich zu duellieren, und das so selbstverständlich, daß die Secundanten dessen, der die Bedingungen seines Gegners fordern ließ, diejenigen für verrückt gehalten, welche ein anderes Rendezvous bestimmt, als die Porte Maillot oder die Alles de la Muette .
Es lag ein Fluch auf andern Orten – auf Clignancourt oder Saint Mandé – die Duelle waren dort beinahe immer unglücklich.
Dagegen war’s als ob die Nymphen des Bois de Boulogne, gewöhnt an das Pistolenladen und Degenziehen, die Kugeln fortbliesen, die Degen aus der Richtung brächten.
An der Porte Maillot war ein Restaurant, der sein Glück mit lauter nicht zu Stande gekommenen oder glücklich verlaufenen Duellen gemacht.
Sagen wir es sogleich, daß nicht der Gedanke der Erhaltung die Sekundanten des Herrn von Marande und des Herrn Lorédan von Valgeneuse das Bois de Boulogne hatte wählen lassen.
Auf beiden Seiten hatte man das Gefühl, daß man einem jener Duelle anwohnen werde, wo die Erde Blut trinkt.
Am Morgen des für das Duell bestimmten Tages machte das Gehölz den malerischsten Eindruck.
Es war im Monat Januar, das heißt mitten im Winter, und das Gehölz war in vollkommener Harmonie mit der Jahreszeit.
Der Himmel hing schneeweiß herab; die Atmosphäre war trocken und klar, der Boden funkelte von einem Reif, der die Funken zurück strahlte, welche die Sonne ihm von dem Wipfel der Bäume bis zum Stamme hinabträufelte; die Bäume ließen mit anmuthiger Nachlässigkeit die langen wie Stalactiten strahlenden Zweige hinabhängen, was dem Gehölz das Aussehen einer ungeheuren aus einer Salzgrotte gebildeten Decoration gab.
Der Erste auf dem Platze war Salvator, der seinen Wagen in der Seitenallee halten ließ und sich dann in das Gehölz vertiefte, um den bezeichneten Ort zu suchen. Er war seit einigen Minuten an der richtigen Stelle, als er plötzlich ein Geräusch von Schritten und Stimmen vernahm.
Er wandte sich um und sah Herrn von Marande mit dem General Pasol und dem Grafen Herbel herankommen.
Ihnen folgte ein Diener in der Livree des Herrn von Marande, der ein Portefeuille unter dem Arme trug.
Der Banquier hielt ein Paquet Briefe in der Hand, welche offenbar in dem Augenblicke seiner Wegfahrt angekommen waren; er las sie im Gehen, indem er diejenigen zerriß, die ihm ohne Werth schienen und die Andern seinem Diener gab, nachdem er seine Bemerkungen mit dem Blei auf dem Deckel seines Hutes darauf geschrieben.
Als er Salvator sah, ging er auf ihn zu, drückte ihm herzlich die Hand und sagte:
»Sind die Herren noch nicht gekommen?«
»Nein,« antwortete Salvator, »Sie sind zehn Minuten zu früh da.«
»Um so bessert.« sagte der Banquier, »ich befürchtete so sehr, zu spät zu kommen, daß ich, trotz aller Eile, die ich meinen Sekretären anbefahl, sechs bis sieben Ordonnanzen im Hotel zurückließ, die man mir, sobald sie copirt sind, hierher bringen soll.«
Er sah aus seine Uhr.
»Wenn diese Herren erst um neun Uhr kommen, so werde ich, da mein Cabinetschef mir versprochen, daß die Ordonnanzen um neun Uhr hier sein werden, Zeit haben, während Sie die Distanzen messen und die Waffen laden, zu unterzeichnen. Sie entschuldigen mich indessen, wenn ich meine Briefe lese .«
»Hätten Sie die Ordonnanzen nicht auf später verschieben können?« fragte der General Herbel.
»Unmöglich! der König erwartet sie diesen Morgen; und Sie missen, daß der König nicht die eingefleischte Geduld ist.«
»Nun, so besorgen Sie die Sachen,« antworteten die beiden Generale.
»Apropos, Herr Salvator sagte Herr von Marande, »wo glauben Sie, dass man sich schlagen,wird?«
»Hier,« sagte Salvator.
»Ich möchte mich sogleich auf meinen Posten stellen,« sagte Herr von Marande, »um mich nicht derangieren zu müssen.«
»Sie kennen sich hierher stellen,« sagte Salvator; »nur ist das der schlechte Platz die Bäume, die Sie hinter sich haben, können als Zielpunkt dienen.«
»Ach, das ist mir ganz gleichgültig.« sagte Herr von Marande, indem er an den von Salvator bezeichneten Platz trat, und fortfuhr, seine Briefe zu lesen und zu zerreißen, oder Notizen daraus zu machen.
Die beiden Generale hatten den militärischen Muth gründlich kennen lernen, so wie Salvator den bürgerlichen Muth, und doch sahen sie mit stummer Bewunderung die Kaltblütigkeit dieses Mannes, der in dein Augenblicke, wo es galt, einen so feierlichen Act zu vollziehen, wie der, um sein Leben zu spielen, ruhig seine Morgencorrespondenz las.
Sein-Gesicht, das man ganz gut sehen konnte, weil er den Hut abgenommen, der ihm als Pult diente, war nicht belebter, als wenn er eine Addition machte; seine Hand lief ohne Aufregung über das Papier, als wenn er in seinem Fauteuil, vor seinem Schreibtisch neben seiner Kasse säße.
Und seine Seelenruhe stammte offenbar daher, daß er nicht an seinen Tod glaubte. Dieser Glaube an die Vorbestimmung des Schicksals, welchen die Vorsehung den Ehrgeizigen und den Narren gibt, und die sie blind und ohne von ihrem Wege abzuweichen, ohne über die Steine zu straucheln, geradeaus ihr Ziel zugehen läßt, ist wirklich eine unendlich große Macht. Wir haben Alle annähernd das Bewußtsein der Aufgabe, die wir hier auf Erden erfüllen sollen, und der, welcher es ganz hat, kann lächelnd dem Tode in’s Auge sehen; denn der Tod wird sicher an ihm vorübergehen, wenn er jene Aufgabe noch nicht erfüllt hat.
Das ist’s, was die Ruhe der großen Eroberer gegenüber der Gefahr erklärt.
Punkt neun Uhr kamen die drei jungen Leute auf dem für das Duell bestimmten Platze an, Herr von Valgeneuse mit gleichgültigem Ausdruck, die beiden Sekundanten mit ernsterer Miene, als man von so leichtfertigen Menschen hatte glauben können.
Zu gleicher Zeit erschien am Ende der Allee ein Courrier, der in gesprengtem Galoppe ritt.
Er brachte die Ordonnanzen, welche Herr von Marande erwartete.
Die jungen Leute warfen einen Blick auf den Reiter; als sie jedoch sahen, daß dieser es mit dem Banquier zu thun habe, achteten sie nicht weiter auf ihn.
»Da sind wir,« sagte der Creole, indem er auf die beiden Generale zuging; »wir bedauern, Sie haben warten zu lassen.«
»Sie haben kein Bedauern auszudrücken, meine Herren, Sie sind keineswegs im Verzuge,« antwortete ziemlich trocken der General Herbel, im Gedanken an die Impertinenzen des vorhergehenden Tages.
»In diesem Falle stehen wir zu Ihrem Befehl,« sagte der zweite Secundant des Herrn von Valgeneuse.
Der Letztere trat tiefer in das Gebüsch um den Sekundanten Zeit zur Verständigung zu lassen, als er Salvator gewahrte.
Er schauerte unwillkürlich, indem er den kleinen Spazierstock mit dem Lapislazulilknopf, den er in seiner Hand hielt, fieberhaft durch die Lust pfeifen ließ.
»Ah! Ah! Sie hier!« sagte er mit einem verächtlichen Blicke auf Salvator.
»Ich selbst,« antwortete dieser ernst.
»Meine Herren,« sagte Lorédan, indem er sich nach seinen Secundanten umwandte, »ich weiß nicht, ob man uns beleidigen wollte, indem man diesen Commissionär hierhergebracht; aber, wenn er nicht etwa gekommen, um den Verwundeten auf seinen Hacken fortzutragen, so weise ich ihn als Secundanten ab.«
»Ich bin nicht als Secundant gekommen, mein Herr,« sagte Salvator kalt.
»Als Liebhaber also ist
»Nein, als Chirurg, und stehe ganz zu Ihren Diensten.«
Herr von Valgeneuse wandte sich mit verächtlicher Miene weg und entfernte sich, indem er mit den Achseln zuckte.
Die vier Zeugen stellten einige Schritte von Herrn von Marande die Pistolencapseln, die sie in der Hand hielten, nieder.
Herr von Marande, der sich an dem Orte befand, wo er dem Feuer die Stirne bieten sollte, hatte ein Knie auf dem Boden und unterzeichnete mit seiner Feder, die er in das Tintenzeug tauchte das ihm der Courrier hielt, die Ordonnanzen, nach dem er sie hastig gelesen.
Wenn man diese beiden Männer in diesem entscheidenden Augenblicke betrachtete, wie der Eine kaltblütig seine täglichen Geschäfte besorgte, während der Andere fieberhaft aufgeregt, seine Unruhe zu verbergen suchte, wäre es nicht schwer gewesen, zu entscheiden, welcher von den beiden Männern der Muthige und Starke sei.
Salvator sah sie beide prüfend an, indem er über die wichtige Frage philosophirte, welches der lächerliche Theil, die Welt, die das Duell befiehlt, oder der Mann, der sich diesem Befehl unterwirft.
»Die irrende Kugel dieses Laffen kann dem Leben dieses Laffen ein Ende machen,« sagte er bei sich. »Da steht ein Mann, der in seiner Sphäre Großes geleistet, der die schwierigen finanziellen Fragen gelöst, ein Mann, der seinem Vaterlande nützlich war und der es noch lange sein kann; dort dagegen ein leerer Kopf ein schlechtes Herz, ein für Seinesgleichen nicht nur unnützes Wesen, sondern sogar ein Mensch, dessen Handlungen verderblich, dessen Beispiel gefährlich. Kurz ein schändlicher Mensch; das ist wirklich hier der Fall, und im nächsten Moment vielleicht tödtet die Dummheit die Intelligenz. die Schwäche die Stärke; Ariman trägt den Sieg über Oruzo davon . . . Und wir sind im neunzehnten Jahrhundert und glauben noch an das Gottesurtheil.«
In diesem Augenblicke näherte sich General Herbel Herrn von Marande.
»Mein Herr,« sagte er zum Banquier, »haben Sie die Güte sich vorzubereiten.«
»Ich bin bereit,« sagte Herr von Marande.
Und damit las er weiter und unterzeichnete Ordonnanzen.
»Sie verstehen mich falsch,« versetzte der General lächelnd, »ich sagte Ihnen, Sie möchten aufstehen.«
»Will Herr von Valgeneuse schießen?«
»Nein; aber damit wieder die Circulation des Blutes eintrete und ins Gleichgewicht komme, die durch ihre Stellung gestört ist . . . «
»Ah! Bah!« sagte Herr von Marande kopfschüttelnd.
»Fragen Sie unsern Chirurgen,« sagte der General, indem er Salvator ansah.
»Es wäre allerdings besser,« antwortete dieser indem er näher zu dem Banquier heran trat.
»Glauben Sie denn, daß mein Blut aufgeregt sei?« versetzte Herr von Marande. »Auf Ehre, wenn ich Zeit hätte, würde ich Sie meinen Puls fühlen lassen und Sie würden sehen, daß ich in der Minute nicht zwei Pulsschläge mehr habe.«
Er zeigte, was er noch von Ordonnanzen auszufertigen habe.
»Unglücklicher Weise,« fügte er hinzu, »müssen diese Pariere in fünf Minuten gelesen und unterzeichnet sein.«
»Das ist unsinnig, was Sie da thun!« sagte der General; »die Bewegung, die Sie Ihrer Hand geben, wird Ihre Hand außer Stand setzen, richtig zu zielen.«
»Bah!« antwortete Herr von Marande gleichgültig, indem er die Papiere unterzeichnete; »ich glaube nicht, daß er mich totschießt; General, Sie eben so wenig, nicht wahr? Lassen Sie deßhalb die Pistolen laden. Haben Sie Acht, daß man die Kugeln nicht vergißt, und messen Sie die vierzig Schritte genau ab.««
Der General Herbel ließ den Kopf sinken, ohne zu antworten und trat dann wieder zu den Secundanten.
Salvator sah den Banquier mit dem Ausdruck der größten Bewunderung an.
Es war ausgemacht, sich auf vierzig Schritte zu schießen und jeder sollte fünfzehn Schritte auf seinen Gegner zugehen dürfen.
Nachdem die Pistolen visitirt und geladen waren, maß man die Schritte ab.
Herr von Valgeneuse stand auf dem Wege, als General Pajol die Schritte zählte.
»Bitte, mein Herr.« sagte er zu Lorédan, »haben Sie die Güte mich vorüber zu lassen.«
»Thun Sie das, mein Herr,« sagte Lorédan ,auf den Absätzen pirouettirend, indem er mit seiner Reitpeitsche die Köpfe der hohen Gräser abschlug, wie Tarquinius.
»Bube!« murmelte der General.
Und setzte seinen Weg fort, indem er die Schritte zählte.
Nachdem dies geschehen, wiederholte man Herrn von Valgeneuse die Uebereinkunftspunkte, indem man ihm sein Pistol übergab.
Beim dritten Handschlag konnten die Gegner aufeinander zugehen, oder von ihrem Platze aus schießen, wie es ihnen beliebte.
»Seht gut, meine Herren,« sagte Herr von Valgeneuse, indem er seine Reitpeitsche wegwarf. »Ich bin bereit.«
»Wenn Sie wollen, mein Herr,« sagte Graf Herbel zu Herrn von Marande, indem er ihm das Pistol anbot.
»Nun, sobald Herr von Valgeneuse will.« sagte dieser, indem er das Pistol nahm, unter den linken Arm steckte und zu unterzeichnen fortfuhr.
»Hier steht er bereits.«
»Haben wir nicht das Recht, Herr Lorédan und ich, jeder fünfzehn Schritte aus den Andern zuzugehen und nach Belieben zu schießen?«
»Ja,« antwortete der General.
»Nun gut, er soll gehen und schießen; ich werde nachher schießen. Sie sehen, ich habe nur noch zwei Ordonnanzen zu unterzeichnen.«
»Wollen Sie sich denn wie ein Hase im Lager, schießen lassen?« sagte der General.
»Er!« antwortete Herr von Marande, indem er zum Grafen zwei Augen erhob, aus denen die Gewißheit des Erfolges leuchtete; »er,« wiederholte er, »ich wette hundert Louisdors, daß die Kugel mich nicht mal streifen wird. Doch, wenn Sie wollen, General.«
»Es ist also entschieden?«
»Der König wartet,« sagte Herr von Marande, indem er seine vorletzte Ordonnanz unterzeichnete und seine letzte zu lesen begann.
»Er wird nicht davon ablassen,« murmelte Salvator.
»Er ist ein Mann des Todes,« sagte der General Pajol.
»Wir wollen sehen,« versetzte Graf Herbel, den die Zuversicht des Banquiers ebenfalls zuversichtlich zu machen begann.
Und sie traten von Herrn von Marande weg, der auf seine Knie gestützt blieb, während der Diener mit der Tinte neben ihm stand.
»Ei, ei!« sagte Herr von Valgeneuse, »hat unser Gegner etwa die Absicht, sich in der Lage der knieenden Venus zu schlagen?«
»Stehen Sie auf, wenns gefällig, mein Herr,« sagten die beiden Secundanten Lorédans zu gleicher Zeit.
»Wenn Sie es durchaus wollen, meine Herren . . . « sagte der Banquier.
Und er stand auf.
»Gib mir eine eingetauchte Feder, Comtoi, und stelle Dich auf die Seite,« sagte Herr von Marande zu seinem Diener.
Dann wandte er sich zu Herrn von Valgeneuse hin.
»Ich stehe, mein Herr, und bin ganz zu Ihrem Befehle,« sagte er und las die Ordonnanz weiter.
»Das ist eine Mystifikation,« rief Herr von Valgeneuse, indem er Miene machte, das Pistol auf die Seite zu werfen.
»Keineswegs, mein Herr,« antwortete der General Herbel; »wir wollen das Zeichen geben; gehen Sie und schießen Sie.«
»Aber das geht nicht,« sagte Lorédan.
»Sie sehen doch, daß es geht sagte der zweite Zeuge des Herrn von Marande, indem er auf diesen deutete, der sein Pistol unter dem Arme und die Feder zwischen den Lippen, ruhig die Ordonnanz weiter las, ehe er unterzeichnete.
»Ich sage Ihnen, daß mich diese ganze Comödie nicht im Mindesten kümmert, und daß ich den Herrn wie einen Hund zusammenschießen werde,« sagte Herr von Valgeneuse zähneknirschend.
»Ich glaube nicht, mein Herr,« antwortete der Graf.
Lorédan ließ die Augen vor dem unheimlichen Blick des Grafen sinken.
»Nun, mein Herr,« sagte Herr von Marande ohne den Kopf zu erheben, »wenn’s gefällig!«
»Geben Sie das Zeichen!« machte Lorédan.
Die Sekundanten sahen sich an, um zu gleicher Zeit zu handeln.
Man mußte dreimal in die Hand schlagen.
Beim ersten Schlag sollten die Gegner den Hahnen spannen; beim zweiten zielen; beim dritten aufeinander zugehen.
Beim ersten Schlag steckte wirklich Herr von Marande die rechte Hand unter den linken Arm und spannte den Hahnen.
Aber beim zweiten und dritten Schlag machte er keine andere Bewegung, als daß er die Feder in den Mund nahm und unterzeichnete.
»Hum! Hum!« hustete der General von Pajol, um Herrn von Marande bemerklich zu machen, daß der Augenblick gekommen sei und sein Gegner auf ihn zugehe.
In diesem Momente hatte Herr von Marande seine letzte Ordonnanz zu Ende gelesen und unterzeichnete. Er ließ sie aus der linken Hand fallen, während er mit der Rechten die Feder wegwarf.
Er erhob den Kopf und warf mit dieser Bewegung seine Haare zurück, welche sich dadurch auf seiner Stirne so legten, wie sie gewöhnlich lagen.
Sein Gesicht war ruhig, ja beinahe heiter.
»Halten Sie die hundert Louisdors, General?« fragte er lächelnd und ohne sich umzuwenden.
»Ja,« sagte der Graf, »und könnte ich sie doch verlieren!«
In diesem Augenblicke hatte Lorédan sein Ziel erreicht und gab Feuer.
»Sie haben verloren, General,« sagte Herr von Marande.
Und sein Pistol unter dem Arm hervornehmend, schoß er, ohne zu zielen zu scheinen.
Herr von Valgeneuse drehte sich im Kreise und fiel mit dem Gesichte auf die Erde.
»Nun,« sagte der Banquier die Pistole wegwerfend und seine Ordonnanz wieder aufnehmend, »ich habe meinen Tag nicht ganz verloren. Um neun ein Viertel habe ich schon hundert Louisdors gewonnen und die Erde von einem Schufte befreit.«
Während dieser Zeit war Salvator, gefolgt von den beiden jungen Leuten, dem Verwundeten zu Hilfe geeilt.
Herr von Valgeneuse wälzte sich mit geballter Faust, leichenblassem Gesichte und schäumendem Munde auf dem Grase, während seine halberloschenen Blicke in der Irre schweiften.
Salvator öffnete den Frack, die Weste, zerriß das Hemd des Verwundeten und legte die Wunde bloß.
Die Kugel war unter der rechten Brustwarze eingedrungen und hatte die Brust durchbohrend, wahrscheinlich das Herz gesucht.
Nachdem er die Wunde aufmerksam betrachtet; stand Salvator auf, ohne ein Wort zu sprechen.
»Ist Gefahr vorhanden?« fragte Camille de Rozan.
»Mehr als Gefahr, der Tod.« sagte Salvator.
»Wie! keine Hoffnung?« fragte der zweite Sekundant.
Salvator warf noch einen Blick auf den Verwundeten und schüttelte verneinend den Kopf.
»Sie versichern also,« fragte Camille, »daß unser Freund seine Wunde nicht überleben wird?«
»So wenig, mein Herr,« sagte Salvator streng, »als Colombau seinen Schmerz überlebt hat.«
Camille zitterte und trat einen Schritt zurück.
Salvator grüßte und trat zu den beiden Generalen, die ihn um den Zustand des Verwundeten befragten.
»Er that keine zehn Minuten mehr zu leben,« antwortete Salvator.
»Sie können nichts für ihn thun?« fragten die beiden Secundanten.
»Durchaus nichts.«
»Dann sei Gott ihm gnädig!« sagte Herr von Marande. »Wir wollen gehe der König wartet.«
