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Kitabı oku: «So sey es », sayfa 14

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IV

Zoe fand ihre Mutter, welche sie im Erdgeschoß erwartete. Die gutmüthige Frau ist mit ihrem beschränkten Verstande und ihrem Köhlerglauben noch jetzt dem Abbé Morin treu ergeben; sie weiß übrigens gar nicht, was vor-gefallen ist.

»Was hast Du denn dem Herrn Abbé gethan fragte sie; »er scheint sehr erzürnt gegen Dich zu sein. Er ist in der Stube; geh geschwind hinauf, mein Kind, und söhne Dich mit ihm aus.«

Zoe ging hinauf, ohne zu antworten.

Sie hat nicht nur ein treue,« hingebendes Herz, sondern auch einen entschlossenen Charakter. Wenn Sie erst Alles wissen, was sie für mich gethan hat, werden Sie sich nicht wundern, daß ich ihr zu Liebe bei Ihrem Freunde den Schritt wagte, dem ich das Glück unserer Bekanntschaft verdanke.

Die Erzählung der Frau von Chambray wurde nur durch einen gegenseitigen Händedruck, durch einen Blick und ein von den Lippen zum Herzen gehendes Lächeln unterbrochen. Sie fuhr fort:

Der Abbé Morin erwartete Zoe wirklich in der obern Stube. Er saß mit finsterer Miene und zornglühenden Augen in einem Lehnstuhl und hielt sich an den Armen desselben fest, als ob es ihm große Mühe gekostet hätte, seinen Zorn zu bezähmen.

Zoe trat ein, machte ihren Knix und blieb vor ihm stehen.

»Kind,« begann der Abbé, »Du weisest also das Gute, das man Dir thun will, mit schnödem Undank zurück?«

»Wie so, Herr Abbé?« fragte Zoe, als oh sie die Ursache seines Aergers gar nicht gekannt hätte.

»Ein braver junger Mann wirbt um Dich, und Du weisest ihn grob und trotzig ab!«

»Da sind Sie schlecht berichtet worden, Herr Abbé. Ich habe ihn nicht grob und trotzig abgewiesen; ich habe gesagt, Herr Jean Louis erweise mir eine große Ehre. Ich habe ihn nicht ohne Ursache abgewiesen; ich habe gesagt, daß ich ihn nicht liebe. Ich habe zwar keine große Erfahrung in solchen Dingen; aber ich halte die gegenseitige Zuneigung in der Ehe noch für nothwendiger als einen Geldsack, wie groß er auch sei.«

»Dies ist nicht die wahre Ursache deiner Weigerung,« erwiederte der Abbé voll Erstaunen über meine unerwartete spöttische Antwort.

»Die einzige Ursache allerdings nicht, Herr Abbé, aber es ist eine von zwei Ursachen.«

»Ich wünsche die andere zu wissen.«.

»Frau von Montigny« – Zoe betonte dieses Wort, das dem Abbé ein sauersüßes Lächeln abnöthigte – »Frau von Montigny wird sich auf den Rath ihrer Stiefmutter und Ihrem Wunsche gemäß nach Bernay in das Kloster der Ursulinerinnen begeben —«

»Wirklich!« sagte der Abbé; »sie hat sich endlich dazu entschlossen?«

»Ja, aber unter einer Bedingung —«

» Sie macht Bedingungen —«

»Ja wohl. Sie wissen ja, Herr Abbé, verheiratete Frauen sind emancipirt,« und Edmée ist verheiratete.«

»Was für eine Bedingung stellt denn Fräulein Edmée?«

»Frau von Montigny, wollen Sie sagen?«

»Nun ja.«

»Sie macht zur Bedingung, daß ich sie nicht verlasse. Sie begreifen, Herr Abbé, daß ich nicht heute heiraten und morgen ins Kloster gehen kann; es wäre ein schlechtes Beispiel, wenn man nur deshalb heiratete.«

»Das ist wohl wahr; aber leider kann der Wunsch des Fräuleins nicht erfüllt werden.«

»Wer wird es hindern?«

»Zuerst deine Mutter, die sich nicht von Dir trennen will.«

»Die gute Mutter!« erwiederte Zoe, »daran erkenne ich sie. Aber zum Glücke kenne ich Jemanden, der viel über sie vermag und von ihr die Erlaubniß erwirken wird.«

»Wer ist es?« fragte der Abbé zweifelnd.

»Herr Morin,« antwortete Zoe.

»Ich?» wiederholte der Abbé.

»Ja, Sie.«

»Auf mich kannst Du nicht zählen.«

»Und doch zähle ich auf Sie, Herr Abbé.

»Du irrst Dich.«

Aber Zoe schüttelte den Kopf.

»Herr Abbé,« erwiederte sie, »es ist Ihnen nicht bekannt, aus welchen Gründen ich auf Sie zähle.«

»Ich bin neugierig diese Gründe kennen zu lernen.«

»O, ich will sie Ihnen sagen; ich mache kein Geheimniß daraus.«

»So laß hören.«

Der Abbé machte es sich in seinem Lehnstuhle bequem, um die Gründe des schalkhaften Mädchens besser zu hören.

»Erstens ist Frau von Montigny —«

»Kannst Du Dir denn nicht abgewöhnen« mein Kind, das Fräulein von Juvigny bei diesem Namen zu nennen?»

»Warum soll ich mir es denn abgewöhnen, Herr Abbé? Es ist ja ihr Name.«

»Weißt Du denn nicht, daß sie von ihrem Manne geschieden ist?«

»Eine Scheidung ist keine Auflösung der Ehe.«

»Du bist ja sehr gelehrt!«

»Nun ja, man hat mir’s gesagt. Und überdies sie ist ja noch nicht geschieden.«

»Die Scheidung wird bald ausgesprochen; ich habe von der Frau von Juvigny unbeschränkte Vollmacht, diese Scheidung zu betreiben.«

»Mag sein; aber wenn Frau von Montigny nicht will, daß der Prozeß weiter geführt werde?«

»Was sagst Du da?« rief der Abbé betroffen.

»Ich sage etwas sehr Mögliches!«

»Nach Allem was vorgegangen ist, nach den Mißhandlungen, die das arme Kind erduldet hat, ist doch das Urtheil der Welt zu berücksichtigen.«

»Wenn die Welt nie die Ursachen kennen lernte, welche diese angeblichen Mißhandlungen herbeigeführt haben . . .«

»Angeblich?«

»Ich weiß was ich sage« Herr Abbé, und Sie werden mich gewiß verstehen. Wenn die Welt wüßte, was z. B. ich weiß —«

»Was weißt Du denn?« unterbrach der Abbé. »Sage« was weißt Du?«

»Wenn die Welt wüßte, Herr Abbé – doch ich will Ihnen lieber nichts sagen. Lassen Sie mich nur bei Edmée. Sie sehen, daß ich sie Ihnen zu Gefallen nicht mehr Frau von Montigny nenne. Lassen Sie mich bei Edmée bleiben, dann sage ich nichts und Alles bleibt wie es ist.«

»Nein, Du mußt mir Alles sagen,« entgegnete der Abbé, »und auf der Stelle!«

» Sie wollen es, Herr Abbé?«

»Ja, ich will es.«

Zoe trat ihm näher und sagte leise:

»»Wenn die Welt z.B. wüßte, daß Sie sich am Abende vor der Hochzeit die Mühe genommen, Bernay zu verlassen, um der Braut die Beichte abzunehmen –«

»Ich war ja immer ihr Beichtvater und durfte doch mein Beichtkind in einem so wichtigen Lebensabschnitte nicht verlassen.

»Das ist wahr, Herr Abbé, und die Welt würde Ihren Eifer gewiß loben. Aber wenn die Welt wüßte, daß Sie sich die Mühe genommen, von Bernay hierher zukommen, um der Braut den Satansspuk im Kloster zu Loudun zu erklären —«

»Was sagst Du da?«

»Um ihr mit ewiger Verdammniß zu drohen, wenn sie jemals die Frau des Mannes würde, der ihr morgen vom Gesetze und von der Kirche zum Ehegatten gegeben werden sollte —«

Der Abbé machte eine Bewegung« als ob er ihre Worte mit der Hand hätte zurückhalten wollen; seine blassen. dünnen Lippen stammelten einige Drohungen. Aber Zoe trat zurück; sie war entschlossen die Sache aufs Aeußerste zu treiben.

»Wenn die Welt wüßte, daß Sie das bewußte Buch aus der Bibliothek genommen und meiner Mutter mit dem Auftrage, es in Edmée’s Zimmer zu legen, übergeben haben; wenn die Welt wüßte, daß Sie das erste Billet geschrieben und ihr am Hochzeitsmorgen in die Hände gespielt haben; wenn die Welt wüßte, daß der zweite Zettel, den sie Abends fand, und den ich aufbewahre, ebenfalls von Ihnen gekommen ist; wenn die Welt wüßte, daß Sie sich in jener unglücklichen Nacht in dem Zimmer der Braut versteckt gehalten und das Resultat Ihrer Drohungen erwartet, die unheilvollen Folgen vorausgesehen haben; würde dann die Welt das arme Kind nicht beklagen, das Sie fast wahnsinnig gemacht haben? Würde man dann nicht für Herrn von Montigny Partei nehmen und den wahren Schuldigen anklagen?«

Der Abbé war leichenblaß; seine Augen funkelten, seine Lippen waren fest zusammengepreßt. Wäre er seiner Straflosigkeit gewiß gewesen, so hätte Zoe ihre Kühnheit ohne Zweifel mit dem Leben bezahlen müssen; er hätte sie erwürgt.

Aber er bezwang seinen Zorn und sank, eine Verwünschung stammelnd, in den Lehnstuhl zurück.

Zoe war entschlossen, das Aeußerste zu wagen.

»Nehmen wir an, fuhr sie fort, »daß die eben erzählten Thatsachen mit den Beweisen zur Kenntniß des Herrn von Montigny kämen: glauben Sie denn, daß ein Gerichtshof die von Ihnen im Auftrage der Frau von Juvigny betriebene Scheidung verfügen würde?«

»Thue das, falsche Schlange!« höhnte der Abbé; »Edmée wird darüber den Verstand verlieren, und sie wird nicht zu den Ursulinerinnen in Bernay, sondern nach Caen ins Irrenhaus kommen.

»Das hat sie mir auch gesagt,« erwiederte Zoe, »und deshalb schweige ich.«

»Wirklich! Du willst schweigen?«

»Ja, aber wie schon gesagt, unter der Bedingung daß ich Edmée nicht verlasse, daß sie nur mit mir nach Bernay geht und mit mir gemeinschaftlich ein Zimmer bewohnt.

Der Abbé sann einen Augenblick nach, wischte sich mit dem Schnupftuche den Schweiß von der Stirne und sagte mit erzwungener Ruhe:

»Ich wollte dein Glück, Du hast es zurückgewiesen; wenn deine Mutter einwilligt, so magst Du mit Edmée gehen, ich will Dies nicht wehren. Geh.«

Zoe machte einen Knix, ging hinunter, küßte ihre Mutter und erzählte ihr, daß sie sich mit dem Abbé Morin ausgesöhnt habe.

Dann eilte sie wieder zu mir.

»Morgen gehen wir nach Bernay,« sagte sie, in mein Zimmer stürzend.

»Zusammen?«

»Das versteht sich.«

»Dann packe Alles ein, was wir brauchen,« sagte ich; »ich bin körperlich und geistig so schwach, daß ich an nichts denken und nichts thun kann..«

Und ich faßte meinen Kopf mit beiden Händen, gleichsam um meinen Verstand festzuhalten.

Die erschütternden Ereignisse, welche in wenigen Tagen mein bis dahin so ruhiges Leben getrübt hatten, machten mich in der That um meinen Verstand besorgt. Zoe hatte mir später oft erklärt, nur die Besorgniß, mein geschwächter Geist könne eine neue Aufregung nicht vertragen, habe sie abgehalten, mir Alles zu sagen und Montigny zu mir zu führen.

Sie that es nicht; die Rathschlüsse Gottes sind unergründlich.

Wir begaben uns nach Bernay, ohne daß meine gute Josephine, die völlig in der Gewalt Morins war, ihre Tochter zurückhielt.

Von Montigny hörte ich nichts mehr, bis nach erfolgter Scheidung sein Brief ankam, in welchem er mir seine Abreise ins Ausland anzeigte.

In den ersten drei Wochen, die ich in Bernay zu-brachte, war mein Gemüth wieder ruhig geworden und meine Genesung machte gute Fortschritte. Zoe hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, mich wieder mit Montigny zu vereinigen. Ich schätzte seine vortrefflichen Eigenschaften und bei ruhigerem Nachdenken gewann ich die Ueberzeugung daß mich nur der unheilvolle Einfluß meines bösen Genius von ihm entfernt habe. So hatte mich Zoe nach und nach überredet, in eine Zusammenkunft zu willigen,als plötzlich der erwähnte Brief ankam.

Aus diesem Briefe sprach eine so tiefe Wehmuth, eine solche Seelengröße und Selbstverläugnung daß ich beim Lesen in Thränen ausbrach.

Zoe beobachtete mich.

»Du liebst ihn!« sagte sie erfreut.

Ich antwortete nicht.

»Du liebst ihn!« wiederholte sie.

»Ich bedauere ihn,« sagte ich.

Sie fiel mir um den Hals, küßte mich und verließ eilends unsere Zelle, indem sie mir zurief:

»Ich komme bald wieder.«

Ich weinte immerfort, die Thränen erleichterten mich; ich hätte nie geglaubt, daß Thränen so wohl thun könnten.

Zu meinem größten Erstaunen vergingen zwei Stunden, ohne daß Zoe wieder kam.

Es wurde zu Tische geläutet. Die uns bedienende Pförtnerin deckte den Tisch und fragte mich, ob ich allein speisen würde, oder ob sie zwei Bestecke auflegen sollte.

Es war mir unbegreiflich, warum Zoe so lange ausblieb; sie hatte mich seit unserer Ankunft in Bernay noch keinen Augenblick verlassen.

Der Abbé Morin hatte mich zweimal besucht, und jedesmal hatte sie neben meinem Sessel gestanden, ohne sich um die seltsamen Blicke, die ihr der Abbé zuwarf, im mindesten zu kümmern.

Einige Tage vorher hatte sie, ohne daß ich ahnte, zu welchem Zwecke, zwei Riegel an die Thüre machen lassen und mir das Versprechen abgenommen, am Tage Niemand zu empfangen und Abends die Riegel sorgfältig vorzuschieben, falls genöthigt wäre, sich von mir zu entfernen.

Da ich Zoe jeden Augenblick erwartete, so ließ ich für zwei Personen decken.

Ich wartete eine Stunde über die gewöhnliche Essenszeit, aber sie erschien nicht.

Ich speiste nun allein; ich dachte nur an den Brief und an Montigny’s Kummer.

Der Abend kam« es schlug acht. – Im Sommer wurde das Kloster um acht Uhr geschlossen. Die Pförtnerin kam in meine Zelle, um mir anzuzeigen, man habe die Abwesenheit meiner Gesellschafterin dem Abbé Morin anzeigen und ihn fragen müssen, ob man im Falle ihrer Rückkehr in der Nacht eine Ausnahme machen dürfe von den Klosterregeln, welche das Oeffnen der Pforte nach neun Uhr Abends verboten. Nur der Vorsteher war von diesem Verbote ausgenommen.

Der Abbé Morin hatte geantwortet« er sehe nicht ein, warum man für Zoe eine Ausnahme machen solle.

Wenn daher Zoe nicht vor neun Uhr Abends zurückkam, so durfte sie vor acht Uhr Morgens nicht eingelassen werden.

Ich wartete in angstvoller Spannung.

Seit dem Abende, wo ich in einer Anwandlung von Wahnsinn aus meinem Zimmer gestürzt und die Treppe hinuntergefallen war, hatte ich nie eine Nacht allein zugebracht. Zoe hatte immer an meiner Seite geschlafen. Oft erwachte ich in fieberhafter Aufregung zitternd, in Schweiß gebadet und schrie laut auf. Ich glaubte Flammen an den Wänden, mein Zimmer voll von Gespenstern zusehen. Aber wenn ich die Augen aufschlug, fühlte ich mich in den Armen meiner lieben Zoe; ich hörte ihre Stimme, die mich beruhigte und wieder zur Besinnung brachte.

Ich hörte ein Viertel, halb, drei Viertel auf neun schlagen.

Endlich schlugs neun. Zoe war noch nicht wieder da.

Ich hoffte, die Pförtnerin werde noch einmal anfingen, ob ich noch etwas wünschte; aber sie kam nicht.

Es war völlig Nacht geworden. Ich verriegelte meine Thüre und zündete meine Wachskerze an.

Gegen zehn Uhr bemerkte ich, daß ich nur noch für anderthalb oder zwei Stunden Licht hatte; ich suchte eine zweite Kerze, aber vergebens.

Unser Vorrath war zu Ende und ich hatte vergessen, frische Kerzen bringen zu lassen.

Ich konnte mein Zimmer verlassen, zu der Pförtnerin hinuntergehen und eine Kerze holen; aber ich hätte durch einen langen Gang und an einem als Begräbnißplatz dienenden Kreuzgewölbe vorübergehen müssen, und dazu hatte ich nicht den Muth.

Zweimal ging ich bis an die Thüre, und zweimal kehrte ich zitternd und mit ungestüm pochendem Herzen wieder um und sank erschöpft in meinen Lehnstuhl.

Ich öffnete das Fenster, um zu rufen. Bei der Pförtnerin war kein Licht mehr. Im ganzen Kloster und selbst auf der Straße war Alles stille; ich fürchtete mich vor meiner eigenen Stimme; die Worte erstarben mir auf der Zunge.

Ich machte das Fenster wieder zu und sank in meinen Armsessel; ich war ganz erschöpft.

Nur zwei Organe waren in mir thätig: meine Augen, welche das schmelzende Wachs und die immer kürzer werdende Kerze anstarrten, und meine Ohren, welche auf die Glockenschläge der Thurmuhr lauschten, bis die letzten Schwingungen Verklungen waren.

Vergebens suchte ich den Gedanken festzuhalten, daß ich keineswegs in Gefahr sei, die Ahnung einer unbekannten Gefahr wollte nicht weichen und erfüllte mich mit Schauder.

Die Kerze schien mit phantastischer Schnelligkeit abzunehmen. Gegen halb zwölf war nur noch das im Leuchterkranz angesammelte geschmolzene Wachs übrig. Ich richtete den Docht auf und speiste ihn so lange wie möglich mit der noch übrigen spärlichen Nahrung; aber kurz vor Mitternacht fing er an zu knistern, flackerte auf und erlosch.

Ich blieb in völliger Finsternis denn es war eine mondlose Nacht und der Himmel etwas trübe. Als es zwölf schlug, fühlte ich in mir jene eigenthümliche Unruhe und Bangigkeit welche dem Zustande des Hellsehens oder übersinnlichen Gesichtsvermögens vorherzugehen pflegt. – Ich fühlte, daß die Gefahr, welche ich geahnt, näher kam.

Ich kann meine Empfindungen nur mit der Angst vergleichen mit welcher eine im Käfig eingesperrte Gazelle den heranschleichenden, noch nicht sichtbaren Tiger wittert. Mein ganzer Körper zitterte krampfhaft eine Centnerlast schien auf meiner Brust zu liegen, an jedem Haare meines Kopfes hing ein Schweißtropfen.

Plötzlich hörte ich ferne, näherkommende Fußtritte – und in dem Corridor, der meinem geistigen Auge so hell erschien, als ob er von der Sonne oder von tausend Kerzen erleuchtet wäre, sah ich eine Erscheinung, die mich mit Schrecken erfüllte.

Ein dunkler Schatten schlich in diesem hellerleuchteten Corridor heran; er versuchte recht leise aufzutreten und doch hallten seine Schritte in meiner Brust wieder, daß alle Fibern meines Herzens zitterten. Dieser Schatten, dessen Gesicht ich nicht erkennen konnte, hatte die Gestalt und Haltung des Abbé Morin.

Ich gedachte des Vorfalles in der Sakristei, wo ich in meiner Erstarrung diesen Mann gesehen hatte, wie er langsam und leise auf mich zukam, sich dann zu mir neigte und seine unkeuschen Lippen auf die meinigen drückte.

Ich blieb stumm, regungslos, wie festgebannt.

So kam er, sich mit einer Hand an der Wand haltend, bis an die Thüre meiner Zelle.

Er lehnte sich an die gegenüber befindliche Wand, als wäre er unschlüssig gewesen, oder als hätte er seine Kräftesammeln wollen.

Ich sah die dunkle Gestalt ganz deutlich an der weißen Wand.

Nach einer kleinen Weile richtete er sich auf, zog einen Schlüssel aus der Tasche und steckte ihn in das Schloß.

Ich vergaß, daß der doppelte Riegel, den Zoe hatte anschrauben lassen, mir hinlänglichen Schutz gegen jeden Angriff gewährte; ich eilte ans Fenster und riß es auf, um mich hinauszustürzen.

Zum Glücke war das Fenster vergittert.

Ich rüttelte aus allen Kräften an einer Eisenstange, und rief in meiner Angst um Hilfe.

Ich hörte nun, wie der Schlüssel schnell im Schlosse gedreht wurde. Das knarrende Geräusch drang mir durch Mark und Bein – ich ließ die Eisenstange los , sank auf die Knie und verlor die Besinnung.

* * *

Sie haben keinen Begriff, lieber Freund, von dem Eindruck, den diese Erzählung meiner lieben Edmée auf mich machte. Ich fühlte alle ihre Schrecknisse mit und sie schilderte dieselben mit so ergreifender Wahrheit, daß auch ich zu sehen glaubte, was sie mit den Augen der Erinnerung sah. Nach und nach war ich ihr näher gerückt und hatte, gleichsam zum Schutz und ohne die mindeste sinnliche Regung, meinen Arm um sie geschlungen und sie an mich gezogen.

Es waren unendlich glückliche Augenblicke für mich: ihre Haare berührten die meinigen , ihr Athem streifte meine Wange, ich sah gewissermaßen die Worte aus ihrem Munde kommen und ich hätte sie so zu sagen mit meinen Lippen auffangen können.

Sie erkannte die Gefahr einer solchen Situation, bot mir , wie eine Schwester, ihre Stirn zum Kuß und rückte von mir weg, ohne daß ich sie zurückzuhalten suchte. Ich hielt nur ihre Hand fest, und unwillkürlich flüsterte ich: »Edmée! liebe Edmée!«

Ich weiß nicht, ob sie es hörte; aber sobald sie sich losgemacht hatte, fuhr sie fort:

* * *

Erst durch heftiges Klopfen an meiner Thüre und lautes, angstvolles Rufen meines Namens wurde ich aus meiner Ohnmacht geweckt.

Es war heller Tag. – Ich lag noch an derselben Stelle, wo ich niedergesunken war. Ich richtete mich langsam auf. Ich zitterte vor Kälte , denn ich war unter dem offenen Fenster der Nachtluft ausgesetzt gewesen. Ich erinnerte mich an nichts; wenn ich aus dem Grabe aufgestanden wäre, hätte ich nicht matter und hinfälliger sein können.

Der erste Gedanke, der in meinem Geiste aufdämmerte, war, daß Zoe vor der Thür sei und mich rufe.

Ich bot meine ganze Kraft auf, um zu antworten.

»Herein!« stammelte ich.

»Ich kann nicht hinein,« rief sie mir zu; »Du hast ja die Thür verriegelt.«

Ich wankte, die Hand auf meine betäubte Stirne drückend, zur Thüre und schob den Riegel zurück.

Zoe stürzte in mein Zimmer, sah sich rasch um und betrachtete mich mit Befremden. – Sie sah, daß ich angekleidet und daß mein Bett unberührt war.

»Du hast nicht geschlafen,« sagte sie.

»Ich weiß nicht —« antwortete ich.

»Was fehlt Dir denn?« sagte sie erschrocken. »Du bist ja bleich und kalt wie Marmor.«

»Ich weiß nicht,« wiederholte ich , den Kopf schüttelnd.

Sie ging an die Thüre, verschloß sie wieder, umfaßte mich und zog mich zu meinem Bette. Sie setzte sich zu mir.

»Jetzt sprich,« sagte sie. »die Thür ist verschlossen,wir sind allein. Was ist vorgefallen?«

Ich sah sie gedankenlos an.

»Erzähle,« setzte sie hinzu, »besinne Dich.«

Ich bot meine ganze Geisteskraft auf, um mich zu entsinnen.

Plötzlich erschrak ich. In meinem Geiste begann es hell zu werden, wie wenn der dunkle Ocean durch das Licht eines Leuchtthurms plötzlich erhellt wird , und wie man Woge auf Woge gegen die Küste rollen sieht, so sah ich die Flut meiner Erinnerungen heranbrausen , von dem Augenblicke, wo mich Zoe allein gelassen hatte, bis zu meinem Erwachen. Ich umschlang ihren Hals und erzählte ihr flüsternd, was ich Ihnen so eben erzählt habe.

»Du siehst,« sagte sie, »daß ich Recht hatte, Riegel an unsere Thür schrauben zu lassen.«

Aber warum hast Du mich verlassen?« fragte ich; »wo bist Du gewesen?«

»Ach!« erwiederte sie, »ich wollte Herrn von Montigny holen.«

Ich fühlte mich von einem Schauder durchbebt; aber dieses Gefühl war keineswegs schmerzlich. – Ich sah Zoe fragend an.

»Ich kam leider zu spät,« sagte sie. »Er ist gestern früh abgereist und Niemand weiß, welchen Weg er genommen; denn er war mit seinem Diener fortgeritten. Thüren und Fenster waren geschlossen, das Schloß war still wie das Grab.«

Ich seufzte und sagte:

»So sei es!«

* * *

Ich fiel der Erzählerin rasch ins Wort. Es waren dieselben drei Worte, welche Sie mit zum Troste gelassen, und welche ich zu meinem Wahlspruche gemacht hatte.

Diese drei Worte aus dem Munde der Frau von Chambray machten einen so starken Eindruck auf mich, daß ich nicht schweigen konnte.

Ich erzählte ihr in gedrängter Kürze, welche wehmüthigen und theuren Erinnerungen sich an diese drei Worte knüpfen. Ich hatte ihr wenig zu sagen; ich hatte ihr übrigens schon auf der Hochzeit Gratians von dem Tode meiner Mutter und von meiner Trauer erzählt. Aber ich war begierig, die Fortsetzung ihrer Erzählung zu hören.

»Sie sind noch nicht am Ende,« sagte ich-Sie fuhr fort:

* * *

Was ich Ihnen noch zu sagen habe, läßt sich in wenige Worte zusammenfassen.

Zoe öffnete mir die Augen über die Absichten Morin’s. Dieser Mann, der die Ehre und die Pflichten seines Standes so schmählich verletzte, liebte mich und verfolgte mich mit einer Leidenschaft, die furchtbarer und gefährlicher ist, als Haß. – Er mochte wohl vermuthen, daß ich —um diese Leidenschaft wisse; überdies hatte ihm Zoe genug gesagt, um ihm zu verstehen zu geben, daß sie ihn durchschaut, und von der Stunde an, wo ihn Zoe durchschaut hatte, zweifelte er nicht, daß mir auf ihre Eröffnungen die Schuppen von den Augen gefallen sein mußten.

Was er jedoch nicht wußte, was er auch jetzt nichtweiß und wahrscheinlich nie erfahren wird, ist jene unerklärliche Naturgabe, jene unglaubliche Fähigkeit meiner Organisation, die mir ihn dreimal gezeigt hat, als er sich vor meinen Augen verborgen wähnte: das erste Mal in der Sacristei, dann an meinem Hochzeitsabende in Josephinens Hause und endlich in der Nacht, wo er vergeblich versuchte, die Thüre meiner Zelle zu öffnen.

Ich fühlte meine große Ueberlegenheit, denn er konnte nicht ahnen, daß ich mit einem solchen übersinnlichen Gefühlsvermögen begabt war.

So verflossen drei Jahre, ohne daß mich Zoe auch nur eine Stunde verließ. In diesen drei Jahren fühlte ich gewissermaßen die auf mich gerichteten Blicke Morin’s.

Frau von Juvigny war in Florenz geblieben; das italienische Leben hatte ihr gefallen und von ihrer Rückkehr nach Frankreich war keine Rede. Die Tage verflossen in unerhörter Eintönigkeit; zum Glücke fand ich an einer unserer Schwestern, einer gebornen Engländerin, eine Freundin, deren Zuneigung ich herzlich erwiederte. Sie erbot sich, mir Unterricht in der englischen Sprache zu geben. Ich nahm das Anerbieten mit Vergnügen an. So brachte sie täglich zwei bis drei Stunden bei mir zu, und in anderthalb Jahren sprach ich englisch wie eine Engländerin.–Sie war eine vortreffliche Musikkennerin. Ich hatte das Clavierspiel gelernt, wie man#s in Mädcheninstituten gewöhnlich lernt. Ich kaufte ein Piano und studirte die Musik eben so eifrig, wie ich das Englische studirt hatte. – Sie war überdies sehr wissenschaftlich gebildet. Sie nannte mir die Bücher, die ich lesen sollte. Diese Bücher ließ Zoe theils von Caen, theils von Evreux kommen. So machte ich auch Geschichtsstudien. Die Zeit verging langsam, aber sie verging doch, und wenn ich auch nicht glücklich war, so war ich doch ruhig.

Diese drei Jahre haben in meinem Leben den wehmüthig heitern Eindruck eines freundlichen Sees in einer öden Landschaft hinterlassen.

Uebrigens beschäftigte mich die Erinnerung an Montigny. Ich ließ ihm endlich volle Gerechtigkeit widerfahren, und hätte ich ihn zu finden gewußt, ich würde ihm gewiß zu Füßen gefallen sein und um ihn Verzeihung gebeten haben; aber trotz allen Nachforschungen, welche Zoe zu Juvigny anstellte, konnte sie nichts über ihn erfahren.

Selten verging ein Tag, ohne daß ich an ihn dachte und ohne daß ich den Ring, den er mir geschenkt, stundenlang betrachtete.

Eines Tages – es war am 16.April 1840 – glaubte ich zu bemerken, daß mein Türkiß eine blässere Farbe bekam. Da ich mich nicht unwohl fühlte, so glaubte ich, diese Veränderung der Farbe sei eine Täuschung

Am folgenden Tage schien mir der Stein noch blässer als gestern; ich zeigte ihn Zoe, und sie war ebenfalls erstaunt über die grünliche Farbe, in welche das schöne Azurblau übergegangen war.

Sie wurde um meine Gesundheit besorgt, denn sie gedachte der Worte Montigny’s über die sympathetischen Eigenschaften des Steines. Aber ich befand mich ganz wohl.

Der Türkiß bekam von Tag zu Tag eine mattere Farbe, und ich gestehe, daß mich der sichtbare Fortschritt dieses Verblassens ernstlich besorgt machte.

Am 25. April endlich, als ich, wie gewöhnlich, nachdem Erwachen den Stein betrachtete, war er fast farblos und hatte einen kreuzförmigen Sprung.

Dieser Sprung, von dem ich Abends vorher noch keine Spur gesehen hatte, war in der Nacht entstanden.

Einen Monat nachher kam ein schwarzgesiegelter Brief mit dem Poststempel New-York. Dieses Schreiben meldete mir den Tod Montigny’s.

Er hatte mit einem Amerikaner ein Duell auf Pistolen gehabt. Die beiden Gegner hatten zugleich auf einander gefeuert. Montigny war schwer verwundet worden, sein Gegner war todt auf dem Platze geblieben.

Das Duell hatte am 16. April 1840 stattgefunden; neun Tage nachher, nämlich in der Nacht vom 25. zum 26. April, war Montigny gestorben.

Am 16. April hatte mein Türkiß angefangen die Farbe zu verändern; in der Nacht vom 25. zum 26. war er fast farblos geworden.

Der sympathetische Stein war seinem ersten Besitzer treu geblieben und so zu sagen mit ihm gestorben.

In Montigny’s Brieftasche hatte man ein Testament gefunden, in welchem er mir sein ganzes Vermögen vermochte.

* * *

»Eine solche Erinnerung.« sagte ich mit tiefer Wehmuth. »ist nicht zu bekämpfen«

»Lieber Freund.« erwiederte Edmée, es ist mehr als eine Erinnerung, es ist Reue.«

Ich stand rasch auf und lehnte den Kopf an eine Platane. – Ich hatte noch nie eine so quälende Eifersucht gefühlt Edmée schwieg eine Weile; dann kam sie zu mir und legte eine Hand auf meine Schulter.

»Wissen Sie wohl,« sagte ich, mich zu ihr wendend, »daß er ein seltener Mensch war, wie man deren wenige in dieser Welt findet?«

»Deshalb,« erwiederte Edmée, »deshalb vermuthlich hat ihn Gott nicht lange in dieser Welt gelassen.«

»Edmée,« sagte ich, »ich besitze keineswegs die seltenen Eigenschaften Montigny’s; aber ich schwöre Ihnen, Sie zu lieben, wie er Sie geliebt hat.

»Dann,« antwortete Edmée traurig, »dann würde ich nicht Einen, sondern Zwei unglücklich machen.

* * *

Ich lehnte noch immer an der Platane. Edmée stand neben mir und schmiegte sich an mich. – Sie hatte ihren Arm unter den meinigen geschoben und ich drückte ihren Arm an mein Herz. Der untere Theil meines Gesichtes berührte ihre Stirne und ihr im Winde flatterndes Haar streifte meine Wangen. Ein lieblicher Duft, halb Veilchen, halb Geranium. erfüllte die Luft. Die heftige Aufregung, welche mich einige Minuten fast besinnungslos gemacht hatte, verschwand und wich einem unaussprechlichen Wohlgefühle.

»O Edmée,« sagte ich, »welch himmlischen Zauber hat Ihnen der Schöpfer verliehen! Ein Engel sind Sie nicht, denn zum Glück haben Sie keine Flügel, aber sicherlich sind Sie mehr als ein Weib: Sie haben etwas von Allem, was die Natur Holdes Liebliches bietet, von der Blume den Duft, von dem Vogel die klangvolle Stimme,von der Nacht die poetische, heitere Ruhe. Sie gehören zu jenen mysteriösen Wesen, die zwischen dem Menschen und der Gottheit stehen, um die Verbindung zwischen Erde und Himmel zu vermitteln; das übersinnliche Gesichtsvermögen,die übermenschliche Gabe, die Ihnen Gott verliehen, ist für mich die Offenbarung seiner unendlichen Gnade. O Edmée, ich liebe, ich vergöttere Dich!«

Ich sank ihr zu Füßen und küßte den Saum ihres Kleides.

Eine Andere würde sich entfernt oder mich zurückgestoßen haben. Sie hingegen blieb ruhig stehen und legte die Hand auf meinen Kopf.

»Freund,« sagte sie mit unendlicher Sanftmuth, »einst werden Sie vielleicht erfahren, wie ich Ihre Worte ohne Zorn anhören kann. Mein Leben ist nichts als ein langes Räthsel, ein unerklärliches Geheimniß. Ich frage mich oft, ob die Kette von Ereignissen, aus denen mein bisheriges Leben bestand, ein Hohn des Zufalles oder eine Fügung der Vorsehung ist; aber ich will Ihnen ein Geständniß machen – ich kann es ohne Bedenken, ich bin im dreiundzwanzigsten Jahre. Sie können mir’s glauben, Max: die einzige selige Stunde meines Lebens, das einzige reine, ungetrübte Glück meines Daseins habe ich soeben auf dieser Bank, unter diesen Bäumen gehabt. – Stehen Sie auf, Max, mehr haben Sie doch nicht von mit erwartet?«

»Gott ist mein Zeuge,« betheuerte ich, »daß ich nicht so viel erwartete.

Sie lächelte.

»Sie sehen mich erstaunt an,« sagte sie. »ich kann Ihnen nur sagen, daß ich zu diesem Geständnisse berechtigt bin, weil ich dadurch Niemandem ein Recht entziehe.«

»Edmée,« erwiederte ich, »würden Sie Ihre Erzählung beenden, wenn ich Sie darum ersuchte?«

»Sehr gerne, ich habe nicht viel mehr zu sagen,« antwortete Edmée mit einem seltsamen Lächeln, welches mir räthselhaft war. – Anderthalb Jahre nach Montigny’s Tode war ich dieses mäßigen einförmigen Klosterlebens überdrüssig und vermälte mich mit Herrn von Chambray.«

»Und wer brachte diese Heirat zu Stande?« fragte ich.

»Er,« sagte sie mit demselben sonderbaren Lächeln.

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06 aralık 2019
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