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Kitabı oku: «Tausend und Ein Gespenst», sayfa 39

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X.
Das Spiel des Königs

Als er zu der Gräfin eintrat, die er auszuzanken gedachte, wurde der König von einem Gesichte voll übler Laune empfangen, hinter welchem er einen dumpfen Zorn grollen fühlte, der jeden Augenblick auszubrechen drohete.

Ludwig XV. war schwach, Er fürchtete die Auftritte, mogten sie nun von seinen Töchtern, von seinen Enkeln, von den Frauen seiner Enkel oder von seiner Maitresse herrühren, und dennoch, wie alle zwischen ihre Maitressen und ihre Familie gestellten Männer, setzte er sich dem aus, ohne Unterlaß welche zu haben.

An diesem Tage wollte er dem Kampfe, der sich vorbereitete, dadurch zuvorkommen, daß er sich einen Bundesgenossen gab.

Nachdem er auf die Gräfin diesen Blick geworfen, der ihm genügt hatte, den Barometer ihrer guten Laune zu berathen, warf er daher seinen Blick rund um sich herum.

– Wo ist Chauvelin? fragte er.

– Herr von Chauvelin, Sire? äußerte die Gräfin,

– Ja, Herr von Chauvelin.

– Aber ich meine, und Sie wissen es besser als irgend Jemand, daß man sich nicht bei mir nach Herrn von Chauvelin erkundigen muß, Sire.

– Und warum das?

– Ei, weil er nicht zu meinen Freunden gehört, und da er nicht zu meinen Freunden gehört, so ist es ganz natürlich, daß Sie ihn anderswo, als bei mir suchen.

– Ich hatte ihm gesagt, Mich bei Ihnen zu erwarten.

– Nun denn! er wird sich die Freiheit genommen haben, den Befehlen des Königs nicht zu gehorchen, und, meiner Treue. . . er würde eben so gut gethan haben, Ihnen ungehorsam zu sein, als zu kommen, wie er es das letzte Mal gemacht hat, um mir Beleidigungen zu sagen.

– Es ist gut, es ist gut, ich will, daß man sich aussöhnt, sagte der König.

– Mit Herrn von Chauvelin? fragte die Gräfin.

– Mit Jedermann, Gottes Tod!

Indem er sich hierauf nach der Schwester der Gräfin umwandte, welche that, als ob sie chinesische Figuren auf einem Pfeilertische zurecht stellte, sagte er:

– Chon!

– Sire.

– Kommen Sie hierher, meine Tochter.

Chon näherte sich dem Könige.

– Thun Sie mir den Gefallen, kleine Schwester, den Auftrag zu geben, daß man mir Chauvelin auf der Stelle holt.

Chon verneigte sich und verließ das Zimmer, um dem Könige zu gehorchen.

Madame Du Barry machte eine Bewegung mit dem Kopfe und wandte Seiner Majestät den Rücken.

– Nun denn! was ist Ihnen dabei unangenehm?

– O! ich begreife, antwortete diese, daß Herr von Chauvelin Ihre ganze Gunst genießt, und daß Sie nicht ohne ihn sein können; er ist so begierig, Ihnen zu gefallen und respectirt die so sehr, die Sie lieben.

Ludwig fühlte, daß das Gewitter herannahte. Er wollte mit einem Kanonenschusse die Wasserhose zusammen fallen lassen.

– Chauvelin ist nicht der Einzige, sagte er, der gegen den mir, und dem was mir angehört, schuldigen Respect fehlt.

– O! ich weiß es mehr als zu viel, rief Madame Du Barry aus, Ihre Pariser, Ihr Parlament, selbst Ihre Hofleute, ohne die zu rechnen, welche ich nicht nennen will, vergehen sich gegen den König, und das um die Wette, mit Vergnügen.

Der König blickte die ungebührliche junge Frau mit einem Gefühle an, das nicht frei von Mitleiden war.

– Wissen Sie, Gräfin, sagte er, daß ich nicht um sterblich bin, und daß Sie ein Spiel spielen, um sich in die Bastille werfen oder sich aus dem Reiche verweisen zu lassen, so bald ich die Augen geschlossen haben werde?

– Ab! Bah! äußerte die Gräfin.

– O! spaßen Sie nicht, es ist, wie ich Ihnen sage.

– In Wahrheit, Sire, und wie das?

– Ich will mit wenig Worten die Frage erörtern.

– Ich erwarte die Erörterung, Sire.

– Was ist das für eine Geschichte mit der Marquise von Rozen, und welche Freiheit von schlechtem Geschmacke haben Sie Sich gegen diese arme Frau genommen? Vergessen Sie, daß sie die Ehre hat, zu dem Hofstaate der Frau Gräfin von Provence zu gehören?

– Ich, Sire! Nein, gewiß nicht.

– Nun denn! dann antworten Sie mir. Wie verhält es sich mit dieser Züchtigung für kleine Mädchen, welche Sie Sich erlaubt haben, der Marquise von Rozen aufzuerlegen?

– Ich, Sire?

– Ei ja doch! Sie, sagte der König verdrießlich.

– Ah! wahrlich! rief die Gräfin aus, ich erwartete, nicht darüber getadelt zu werden, daß ich die Befehle Eurer Majestät ausgeführt habe.

– Meine Befehle!

– Gewiß. Geruht der König sich zu erinnern, was er mir geantwortet hat, als ich mich bei ihm über die Unhöflichkeit der Marquise beklagt habe?

– Meiner Treue, nein. Ich weiß es nicht mehr.

– Nun denn! der König hat mir gesagt: Was wollen Sie, Gräfin, die Marquise ist ein Kind, dem man die Ruthe geben sollte.

– Ei! den Henker, das war kein Grund, um es zu thun, rief der König aus, indem er unwillkürlich erröthete, denn er erinnerte sich der Worte, welche ihm die Gräfin angeführt hatte, Wort vor Wort gesagt zu haben,

– Nun denn? sagte die Gräfin, da die geringsten Wünsche Eurer Majestät Befehle für seine gehorsamste Magd sind, so hat sie sich beeilt, diesen da, wie die andern auszuführen.

Der König konnte sich nicht enthalten, über den unerschütterlichen Ernst der Gräfin zu lachen.

– Ich bin also der Schuldige? fragte er.

– Ohne Zweifel, Sire.

– Dann ist es an mir, den Fehler zu büßen.

– Wie es scheint.

– Es sei, in diesem Falle, Gräfin, werden Sie die Marquise in meinem Namen zum Nachtessen einladen, und unter ihre Serviette die Bestallung als Obrist legen, um welche ihr Gatte seit sechs Monaten nachsucht, und die ich ihm ohne diesen Umstand zuverlässig nicht so bald gegeben hätte, auf diese Weise ist die Beleidigung wieder gut gemacht.

– Das ist sehr schön! das für die Beleidigung der Marquise, und jetzt die Meinige?

– Wie, die Ihrige?

– Ja, wer wird sie wieder gut machen?

– Welche Beleidigung ist Ihnen zugefügt worden? ich bitte Sie.

– O! das ist allerliebst, spielen Sie doch den Erstaunten.

– Ich spiele ihn nicht, liebe Freundin, ich bin es sehr offenherzig und sehr ernstlich.

– Sie kommen von der Frau Dauphine, nicht wahr?

– Ja.

– Dann wissen Sie recht gut den Streich, den sie mir gespielt hat.

– Nein, auf mein Wort, sagen Sie.

– Nun denn! gestern brachte mein Juwelier uns zu gleicher Zeil, ihr ein Halsband und mir ein Diadem von Diamanten.

– Weiter?

– Weiter?

– Ja.

– Nun denn! nachdem sie ihr Halsband genommen hat sie mein Diadem zu sehen verlangt.

– Ah! ah!

– Und da mein Diadem Lilien zur Verzierung hatte, so hat sie gesagt:

– Sie irren sich, mein lieber Herr Böhmer, dieses Diadem von Diamanten ist nicht für die Gräfin, und der Beweis ist, daß hier die drei Lilien von Frankreich sind, welche seit dem Tode der Königin ich allein das Recht habe zu tragen.

– So daß. . .

– So daß der eingeschüchterte Juwelier nicht gewagt hat, dem ihm von der Frau Dauphine gegebenen Befehl, das Diadem von Diamanten da zu lassen, Widerstand zu leisten, und herbeigeeilt ist, um mir zu sagen, daß mein Diadem unterwegens hängen geblieben wäre.

– Nun denn! was soll ich dabei thun, Gräfin?

– Ei! ich will, daß Sie mir mein Diadem zurückgeben lassen.

– Ihnen Ihr Diadem zurückgeben lassen?

– Ohne Zweifel.

– Von der Dauphine? Sie sind närrisch, meine Liebe.

– Wie! ich bin närrisch?

– Ja; eher würde ich Ihnen ein anderes geben.

– Ah! gut! ich habe nur darauf zu rechnen.

– Auf mein Wort als Edelmann, ich verspreche es Ihnen.

– Gut! und ich werde es in einem Jahre, frühestens in sechs Monaten erhalten; was das angenehm ist!

– Madame, diese Verzögerung wird Ihre Warnung sein.

– Meine Warnung, und in welcher Beziehung?

– In der Beziehung, in Zukunft minder ehrgeizig zu sein.

– Ehrgeizig, ich?

– Ohne Zweifel, Sie wissen Wohl, was Ihnen Herr von Chauvelin neulich gesagt hat.

– Gut, Ihr Chauvelin, er sagt nichts als Albernheiten.

– Aber wer hat Sie am Ende bevollmächtigt, das Wappen von Frankreich zu tragen?

– Gehen Sie doch, wer mich bevollmächtigt hat? Sie.

– Ich?

– Ja, Sie! der Wachtelhund, den Sie mir neulich geschenkt haben, trug es wohl auf seinem Halsbande, warum sollte ich es denn nicht auf meinem Kopfe tragen? Aber ich weiß woher das kömmt, man hat es mir gesagt.

– Was hat man Ihnen noch gesagt? lassen Sie hören.

– Ihre Pläne, bei Gott!

– Nun denn! Gräfin, sagen Sie mir meine Pläne, auf Ehre, es wird mir Vergnügen machen, sie zu erfahren.

– Leugnen Sie etwa, daß nicht die Rede davon ist, Sie mit der Prinzessin von Lamballe zu verheirathen, und daß Herr von Chauvelin und der ganze Anhang des Dauphin und der Dauphine Sie zu dieser Heirath antreiben?

– Madame, antwortete der König auf eine ernste Weise, ich leugne nicht, daß etwas Wahres in dem liegt, was Sie sagen, und ich mögte sogar hinzufügen, daß ich etwas Schlimmeres thun könnte; Sie wissen das besser, als irgend Jemand, Gräfin, Sie, die Sie mich über eine andere Heirath haben erforschen lassen.

Diese Worte verschlossen der Gräfin den Mund, welche sich übler Laune an das andere Ende des Kabinettes setzte und zwei chinesische Figuren zerbrach.

– Ah! Chauvelin hatte Recht, murmelte der König, die Krone befindet sich schlecht in den Händen der Liebesgötter.

Es entstand ein Augenblick schweigenden Schmollens, während dessen Mademoiselle Du Barry wieder eintrat.

– Sire, sagte sie, man findet Herrn von Chauvelin nirgends, man glaubt ihn in seinem Zimmer eingeschlossen, aber ich habe vergebens selbst bei ihm geschellt und an seine Thür geklopft, er weigert sich zu antworten.

– O! mein Gott! rief der König aus, ist ihm irgend ein Unfall zugestoßen? ist er krank? geschwind, geschwind, man breche die Thür auf.

– O! nein, Sire, er ist nicht krank, antwortete die Gräfin auf eine gereizte Weise, denn, als er den Prinzen von Soubise und meinen Bruder Jean in dem Salon des Oeil-de-Boeuf verließ, hatte er gemeldet, daß er den ganzen Tag über an dringenden Geschäften arbeiten, aber nicht ermangeln würde, sich heute Abend bei dem Spiele Eurer Majestät wieder einzufinden.

Der König benutzte diese Rückkehr der Gräfin, welche eine Art von Waffenstillstand eröffnete.

– Er schreibt vielleicht seine Beichte zur Erbauung seines Camaldulensermönches, sagte er.

Indem er sich hierauf nach der Gräfin umwandte, fügte er hinzu:

– Apropos, Gräfin, wissen Sie, daß die Arznei Bordeus Wunder thut, wissen Sie, daß ich keine andere mehr will? Zum Henker mit Bounard und Lamartinièère mit all ihren Recepten; dieser wird mich verjüngen, auf mein Wort.

– Bah!,! Sire, sagte Chon, was hat denn Eure Majestät immer von Aller zu sprechen? ei mein Gott! ist Eure Majestät nicht in dem Alter von Jedermann?

– Ah! schön, rief der König aus, da sind Sie wie dieser große Bettler von d'Aumont, gegen den ich Mich neulich beschwerte, keine Zähne mehr zu haben, und der mir antwortete, indem er mir das Gebiß eines Reifträgers zeigte:

– Ei! Sire, wer hat denn Zähne?

– Ich, sagte die Gräfin, und ich sage Ihnen sogar im Voraus, daß ich beißen werde und bis aufs Blut, wenn Sie fortfahren mich so Jedermann zu opfern.

Und sie kehrte zurück, sich neben den König zu setzen, indem sie ihm eine Reihe von Perlen zeigte, in denen es unmöglich war eine Drohung zu sehen.

Index, er dem Bisse Trotz bot, näherte daher auch der König seine Lippen den schönen und rosigen Lippen der Gräfin, welche Chon einen Wink gab, Chon raffte die Scherben der beiden chinesischen Figuren auf.

– Gut, sagte sie, Alles was in den Graben fällt, ist für den Soldaten.

Und indem sie einen letzten Blick auf den König und auf die Gräfin warf, sagte sie leise:

– Wahrlich, ich glaube, daß Bordeu ein großer Mann ist.

Und sie verließ das Zimmer, indem sie ihre Schwester auf dem Wege der Aussöhnung ließ.

* * *

Am Abend um sechs Uhr begann das Spiel des Königs. Herr von Chauvelin hatte sein Versprechen gehalten, und fand sich bei ihm als einer der Ersten ein. Die Gräfin ihrerseits kam im Gallaanzuge wegen der Anwesenheit der Dauphine, von der man wußte, daß sie sich dabei einfinden würde.

Der Marquis und die Gräfin begegneten einander, und grüßten sich mit der liebenswürdigsten Miene.

– Mein Gott, Herr von Chauvelin, sagte die Gräfin mit jenem zweischneidigem Lächeln, das die Hofleute so gut schärfen, was Sie roth sind! man sollte meinen, daß Sie einen Anfall von Schlagfluß haben würden. Marquis, Marquis, sehen Sie Bordeu, außer Bordeu, keine Rettung.

Indem sie sich hierauf mit einem Lächeln, um einen Papst in die Verdammniß zu stürzen, nach dem Könige umwandte, sagte sie:

– Fragen Sie nur den König.

Herr von Chauvelin verneigte sich.

– Ich werde es zuverlässig nicht versäumen, Madame.

– Und das ist eine Pflicht als getreuer Unterthan, die Sie erfüllen werden, Sie müssen Ihre Gesundheit pflegen, mein lieber Marquis, da sie nur um zwei Monate. . .

– Ich wollte im Gegentheile, daß es an mir wäre, Ihnen vorauszugehen, sagte der König, denn Sie wären sicher, Hundert Jahre zu leben; ich kann Ihnen daher nur den Rath der Gräfin erneuern, nehmen Sie Bordeu, mein Freund, nehmen Sie Bordeu.

– Sire, welches die für meinen Tod bezeichnete Stunde auch sein möge, und Gott allein kennt die Todesstunde jedes Menschen, ich habe dem Könige versprochen, zu seinen Füßen zu sterben.

– Pfui doch, Chauvelin! es gibt Versprechungen, die man thut, aber die man nicht hält; fragen Sie nur diese Damen, aber wenn Sie so traurig sind, wie jetzt, mein lieber Freund, so werden wir vor Kummer sterben, nur indem wir sie anblicken. Nun denn, Chauvelin, spielen wir heute Abend?

– Wie es Eurer Majestät beliebt.

– Wollen Sie mir eine Partie l'Hombre abgewinnen?

– Zu den Befehlen des Königs.

Man setzte sich an die Tische.

Herr von Chauvelin und der König setzten sich einander gegenüber an einen besondern Tisch.

– Ah! Chauvelin, geben Sie Acht, sagte der König, seien Sie mit der Antwort bereit; wenn Sie krank sind, so habe ich mich niemals so wohl befunden. Ich will ausgelassen lustig sein, besonders halten Sie Ihr Geld fest; ich habe Rottiers einen Spiegel und Böhmer ein Diadem von Diamanten zu bezahlen.

Madame Du Barry kniff die Lippen zusammen. Aber statt zu antworten, erhob sich der Marquis mühsam auf seinem Stuhle.

– Sire, es ist sehr heiß! murmelte er.

– Das ist wahr, erwiderte der König, der, statt sich, wie Ludwig XIV. es gethan hätte, über diese Uebertretung der Etikette zu erzürnen, der Sache eine Wendung als Egoist gab; ja, Chauvelin, es ist sehr warm, Gott sei Dank, denn im Monat April sind die Abende kühl.

Der Marquis schnitt ein Lächeln und nahm mit Mühe die Karten auf.

Der König begann wieder:

– Nun denn, Sie sind l'Hombre, Chauvelin.

– Ja, Sire, stammelte der Marquis.

Und er neigte den Kopf.

– Haben Sie ein schönes Spiel? sagen Sie an. Ah! Ventre Saint Gris, wie mein Ahnherr Heinrich lV. sagte, Sie sind heute Abend langweilig!

Hierauf, als er seine Karten angesehen hatte, sagte der König:

– Ah! für dieses Mal, lieber Freund, glaube ich, daß es um Sie geschehen ist.

Der Marquis machte eine gewaltsame Anstrengung, um zu sprechen, und wurde so roth, daß sich der König ganz erschreckt unterbrach.

– Aber was haben Sie denn, Chauvelin? fragte der König. Nun denn, antworten Sie doch!

Herr von Chauvelin streckte die Hände aus, ließ seine Karten fallen, stieß einen Seufzer aus, und fiel mit dem Gesicht auf den Teppich.

– Mein Gott! rief der König aus.

– Ein Schlagfluß! murmelten einige dienstfertige Hofleute.

Man hob den Marquis wieder auf, aber er rührte sich nicht mehr.

– Schaffen Sie das weg, schaffen Sie das weg, sagte der König voll Entsetzen, schaffen Sie das weg.

Und indem er mit einem Nervenzittern den Tisch verließ, klammerte er sich an den Arm der Gräfin Du Barry, welche ihn in ihr Zimmer fortzog, ohne daß er ein einziges Mal den Kopf nach der Seite dieses Freundes umwandte, den er am Tage zuvor nicht entbehren konnte.

Als der König sich entfernt, dachte Niemand mehr an den der Besinnung beraubten Marquis.

Sein Körper blieb einige Zeit lang auf den Sessel zurückgeworfen, denn man hatte ihn aufgehoben, um zu sehen, ob er todt wäre, und man hatte ihn wieder zurückfallen lassen.

Allein in diesem verlassenen Saale geblieben, in Mitte der Kronleuchter, welche von Kerzen funkelten, und von Blumen, welche ihre Wohlgerüche erschöpften, machte diese Leiche einen seltsamen Eindruck.

Nach Verlauf eines Augenblickes erschien ein Mann auf der Schwelle des einsamen Salons, blickte in dem ganzen Zimmer herum, sah den Marquis auf seinem Sessel zurückgeworfen, näherte sich ihm, legte seine Hand auf sein Herz, und sagte mit gefühlloser und deutlicher Stimme in dem Augenblicke selbst, wo es auf der großen Uhr sieben schlug:

– Er ist verschieden. Ein schöner Tod, bei Gott ein schöner Tod!

Dieser Mann war der Doctor Lamartinière.

XI.
Die Erscheinung

An dem Morgen desselben Tages war der Pater Delar frühzeitig nach Grosbois gekommen in der Absicht, die Messe in der Kapelle zu lesen, und bei den Engeln die guten Stimmungen nicht erkalten zu lassen, welche der Marquis am Tage zuvor gezeigt hatte. Aber nun erzählte ihm Frau von Chauvelin mit Thränen in den Augen alle ihre Befürchtungen für das bereits so sehr gefährdete Seelenheil des Neubekehrten, der ihnen bei dem ersten Freundschaftsworte, das ihm der König übersandt hatte, entschlüpft war.

Sie behielt ihren Beichtvater zum Mittagessen dort, um sich länger mit ihm zu unterhalten und in seinem weisen Rathe den Muth zu finden, dessen sie nach dieser neuen getäuschten Hoffnung bedurfte. .

Als sie vom Tische aufstanden, gingen Frau von Chauvelin und der Pater Delar bis zu einer ziemlich späten Stunde in dem Parke spazieren, und ließen sich Sessel an das Ufer eines sehr schönen Teiches bringen, um dort die ersten Frühlingslüfte nach einem ziemlich warmen Tage einzuathmen.

– Mein ehrwürdiger Vater, sagte die Marquise, trotz alle dem, was Ihre Rede Beruhigendes für mich hat, beunruhigt mich die Abreise des Herrn von Chauvelin doch sehr. Ich weiß, welche Anhänglichkeit er an das Hofleben hat; ich weiß, daß der König alle Gewalt nicht allein über seinen Geist, sondern auch noch über sein Herz hat, und der Wandel Seiner Majestät ist so weit von der Regelmäßigkeit entfernt. . . Ich meine, daß es keine Sünde ist so zu sprechen, mein Vater. Leider ist das Aergerniß nur zu sehr bekannt!

– Ich versichere Ihnen, gnädige Frau, daß der Herr Marquis einen heilsamen Eindruck erhalten hat; das ist ein erster Angriff; die Zeit und die Vorsehung werden das Uebrige thun. Ich sprach heute Morgen mit unserem ehrwürdigen Prior davon; er hat Gebete in dem Kloster angeordnet; beten Sie auch, meine Tochter, Sie, die Sie am Meisten bei diesem wichtigen Werke interessirt sind; lassen Sie Ihre Kinder beten; beten wir Alle. Ich habe in dieser Absicht in der Schloßkapelle das heilige Meßopfer dargebracht, und ich werde es jeden Tag thun.

– Seit zwanzig Jahren, daß ich mit Herrn von Chauvelin verbunden bin, antwortete die Marquise, habe ich keine Stunde verfließen lassen, ohne Gott zu bitten sein Herz zu rühren. Bis jetzt hat mich der Herr nicht erhört. Ich habe allein gelebt, am häufigsten in Schmerz und in Thränen, Sie wissen es, mein Vater. Ich habe in der Einsamkeit über Irrthümer gestöhnt, die ich nicht zu bekämpfen vermochte; Gott hielt mich wahrscheinlicher Weise nicht für rein genug, um mich siegreich zu machen. Ich mußte noch leiden, um tiefe Gnade zu erkaufen. Ich werde leiden! Der Wille des Allmächtigen geschehe.

Während dieser Zeit befand sich hinter der Marquise und dem Pater Delar der Erzieher in Gesellschaft der Kinder, und fast eben so jung als sie, – der Abbé war erst achtzehn Jahre alt, theilte er ihre Belustigungen.

– Mein Bruder, sagte der Jüngere zu dem Aelteren, weißt Du, welches jetzt das am Hofe in der Mode stehende Spiel ist?

– Ja, ohne Zweifel, mein Vater hat es mir gestern beim Abendessen gesagt, es ist das L'Hombre.

– Wohlan! spielen wir L'Hombre.

– Unmöglich, zuvörderst müßten wir Karten haben, und dann wissen wir nicht, wie man es spielt.

– Es gibt einen, der l'Hombre ist.

– Und der andere?

– Ah! Der Andere hat Furcht, wie ich vermuthe, und dann verliert er.

– Mein Bruder, sagte der Aeltere, sprechen wir nicht von Karten, Du weißt, daß unsere Mutter es nicht gern hat und behauptet, daß die Karten Unglück bringen.

Im selben Augenblicke stand Frau von Chauvelin auf.

– Meine Mutter geht in den Park, antwortete der Jüngere, indem er ihr mit den Augen folgte, und dem zu Folge wird sie uns nicht sehen. Außerdem würde der Herr Abbé, der bei uns ist, es uns sagen, wenn es unrecht wäre.

– Es ist immer unrecht, seiner Mutter Kummer zu machen, sagte der Erzieher.

– O! Aber mein Vater spielt an dem Hofe, erwiderte das Kind mit jener logischen Hartnäckigkeit, welche sich wie alle Schwächen an jede ein wenig beruhigende Stütze klammert. Wir können also spielen, da mein Vater spielt.

Der Abbé fand nichts zu antworten, und das Kind fuhr fort:

– Sehen Sie, da nimmt meine Mutter Abschied von dem Pater Delar, sie begleitete ihn nach dem Gitterthore zurück. . . er wird sich entfernen. Warten wir sobald der Pater Delar sich entfernt hat, wird Mama in ihr Betzimmer zurückkehren, wir werden hinter ihr in das Schloß zurückkehren, Karten verlangen und spielen.

Die Kinder folgten ihrer Mutter mit den Augen in der zunehmenden Dunkelheit, in welcher sie verschwand, indem sie sich entfernte.

Es war gerade einer jener reizenden Abende, welche der Hitze des Monats Mai vorausgehen; die noch laublosen Bäume ließen nach ihren geschwollenen und wolligen Knospen das nahe Laub ahnen. Einige frühzeitigere Bäume, wie die wilden Kastanien und die Linden, begannen ihre Hülle springen zu lassen, und den Frühlingsschatz, den sie enthielten, zu Tage zu fördern.

Die Luft war ruhig und begann sich mit diesen Eintagsfliegen zu bevölkern, welche mit dem Frühlinge entstehen und mit dem Herbste verschwinden. Man sah sie zu Tausenden in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne schwärmen, welche aus dem Flusse ein langes Band von Gold und von Purpur machten, während im Osten, das heißt nach dem Theile des Parkes, in welchem sich Frau von Chauvelin verloren hatte, alle Gegenstände in jenen schönen bläulichen Farben zu verschmelzen begannen, die nur gewissen bevorrechtigten Epochen des Jahres angehörten.

Es herrschte eine unermeßliche, mit einem unendlichen Glanze gemischte Ruhe in der ganzen Natur.

Mitten in dieser Ruhe schlug die Schloßuhr die siebente Stunde, und hallte lange m der Abendluft nach.

Plötzlich stieß die Marquise, welche Abschied von dem Camaldulensermönche nahm, einen lauten Schrei aus.

– Was gibt es? fragte der ehrwürdige Pater, indem er wieder umkehrte, und was haben Sie, Frau Marquise?

– Ich, Nichts! Nichts! O mein Gott! – und die Marquise erbleichte sichtlich.

– Aber Sie schrieen auf. . . Sie werden irgend einen Schmerz empfunden haben. . . Sie erbleichen selbst in diesem Augenblicke. Was haben Sie? Im Namen des Himmels, was haben Sie?

– Unmöglich. Meine Augen täuschen mich.

– Was sehen Sie? reden Sie, reden Sie, gnädige Frau.

– Nein, Nichts.

Der Camaldulensermönch drang weiter in sie.

– Nichts, Nichts, sage ich Ihnen, erwiderte Frau von Chauvelin. – Nichts!

Und ihre Stimme erstand auf ihren Lippen, und ihr Blick blieb starr, während ihre wie Elfenbein weiße Hand sich langsam erhob, um einen Gegenstand anzudeuten, den der Mönch nicht sah.

– Ich bitte Sie inständigst, gnädige Frau, beharrte der Pater Delar, sagen Sie mir, was Sie sehen.

– O! Ich sehe Nichts, nein, nein, es ist Wahnsinn, rief Frau von Chauvelin aus, und doch. . . o! Aber sehen Sie doch, sehen Sie doch!

– Wo das?

– Dort, dort, sehen Sie?

– Ich sehe Nichts.

– Sie sehen Nichts, dort, dort?. . .

– Durchaus Nichts; aber Sie gnädige Frau, sagen Sie, was sehen Sie?

– O! Ich sehe, ich sehe. . . aber nein, es ist um möglich.

– Sagen Sie es.

– Ich sehe Herrn von Chauvelin im Hofkleide, aber bleich und indem er langsamen Schrittes geht; er ist dort vorübergekommen, dort.

– Mein Gott!

»Ohne Mich zu sehen! Begreifen Sie? und wenn er mich gesehen hat, ohne mich anzureden! Was noch weit seltsamer ist.

– Und sehen Sie ihn in diesem Augenblicke immer noch?

– Immer noch.

Und der Finger und die Augen der Marquise deuteten die Richtung an, welche der den Blicken des Pater Delar unsichtbar gebliebene Marquis einschlug.

– Und wohin geht er, gnädige Frau?

– Nach der Seite des Schlosses, er geht dort an der großen Eiche vorüber, dort. . . er streift die Bank. Sehen Sie, sehen Sie, da nähert er sich den Kindern; er wendet sich hinter das Dickicht. Er verschwindet. O! Wenn die Kinder immer noch da sind, wo sie waren , so ist es unmöglich, daß sie ihn nicht sehen.

Im selben Augenblicke erschallte ein Schrei, welcher Frau von Chauvelin erbeben ließ.

Die beiden Kinder hatten diesen Schrei ausgestoßen.

Er hatte so traurig und so schaurig in dem Raume und in der Finsterniß geklungen, daß die Marquise beinahe rücklings zu Boden gesunken wäre.

Der Pater Delar fing sie in seinen Armen auf,

– Hören Sie? murmelte sie, hören Sie?

– Ja, antwortete der Pater Delar, es ist in der That ein Schrei ausgestoßen worden.

Fast sogleich sah oder fühlte vielmehr die Marquise ihre beiden Kinder herbeieilen. Ihr rascher, athemloser Lauf erschallte auf dem Kiese der Alleen.

– Meine Mutter! Meine Mutter! Haben Sie gesehen? rief der Aeltere.

– Meine Mutter! Meine Mutter'. Haben Sie gesehen? rief der Jüngere.

– O! Gnädige Frau, hören Sie sie nicht, sagte der Abbé, indem er ihnen nachlief und ganz außer Athem kam, um sie zu erreichen, so rasch war ihr Lauf.

– Nun denn! Meine Kinder, was gibt es? fragte Frau von Chauvelin.

Aber die beiden Kinder antworteten nicht und drückten sich bloß an sie.

– Nun denn, sagte sie, sie liebkosend, was hat sich zugetragen? sprecht.

Die beiden Kinder sahen einander an.

– Sprich Du, sagte der Aeltere zu dem Jüngeren.

– Nein, sprich Du.

– Nun denn! Mama, sagte der Aeltere, nicht wahr, Sie haben ihn wie wir gesehen?

– Hören sie? rief die Marquise aus, deren Arme sich gen Himmel erhoben, hören Sie, mein Vater?

Und sie drückte mit ihren erstarrten Händen die schaudernde Hand des Camaldulensermönches.

– Gesehen? Wen gesehen? fragte dieser erbebend.

– Ei, meinen Vater, sagte der Jüngere der beiden Knaben, haben Sie ihn nicht gesehen, meine Mutter? er kam indessen von Ihrer Seite, er muß ganz nahe an Ihnen vorübergekommen sein.

– O! Welches Glück, sagte der Aeltere, indem er in seine Hände klatschte, Papa kehrt zurück.

Frau von Chauvelin wandte sich nach dem Abbé um.

– Gnädige Frau, sagte dieser, welcher ihren fragenden Blick verstand, ich kann Ihnen versichern, daß die jungen Herren sich irren, wenn sie behaupten den Herrn Marquis gesehen zu haben. Ich war bei ihnen, und ich versichere, daß Niemand. . .

– Und ich, mein Herr, sagte der Aeltere, ich sage Ihnen, daß ich so eben Papa gesehen habe, wie ich Sie sehe.

– Pfui! Herr Abbé, pfui! Was das garstig ist zu lügen! sagte der jüngere der beiden Knaben.

– Das ist sonderbar! sagte der Pater Delar. Die Marquise schüttelte den Kopf. – Sie haben Nichts gesehen, gnädige Frau, wiederholte der Erzieher, Nichts, durchaus Nichts?

– Warten Sie, äußerte die Marquise.

Indem sie sich hierauf mit jenem sanften mütterlichen Ausdrucke, dem Gott zulächelt, an ihre beiden Söhne wandte, sagte sie:

– Meine Kinder, Ihr sagt, daß Ihr Euren Vater gesehen habt?

– Ja, Mama! antworteten beide Kinder zugleich.

– Wie war er gekleidet?

– Er trug seinen rothen Hoffrack, sein blaues Band, eine mit Gold gestickte weiße Weste, ein Beinkleid von Sammet gleich dem Fracke, seidene Strümpfe, Schuhe mit Schnallen und seinen Degen an der Seite.

Und während der Aeltere das Kostüm seines Vaters beschrieb, machte der Jüngere Zeichen der Zustimmung mit dem Kopfe.

Und wahrend der Jüngere Zeichen der Zustimmung machte, drückte Frau von Chauvelin mit immer eisigerer Hand die Hand des Camaldulensermönchs. So war es, wie auch sie ihren Gatten hatte vorüberkommen sehen.

– Und hatte Euer Vater nichts Besonderes? sagt.

– Er war sehr bleich, sagte der Aeltere.

– O! Ja, sehr bleich, sagte der Jüngere; man hatte glauben können, es sei ein Todter.

Jedermann erbebte, Mutter, Abbé, Beichtvater, der Eindruck des Schreckens war so groß, daß man ihn in den Worten des Knaben erkennen konnte.

– Wo ging er hin? fragte endlich die Marquise mit einer Stimme, der sie vergebens Festigkeit geben wollte.

– Nach der Seite des Schlosses, sagte der Aeltere.

– Ich, sagte der Jüngere, ich habe mich im Laufen umgewandt und gesehen, wie er die Freitreppe hinaufging.

– Hören Sie? Hören Sie? flüsterte die Mutter dem Mönche in's Ohr.

– Ia, gnädige Frau, ich höre, aber ich gestehe, daß ich nicht begreife. Wie sollte Herr von Chauvelin zu Fuß durch das Gitterthor gegangen sein, ohne vor Ihnen stehen zu bleiben? Wie sollte er an seinen Söhnen vorübergegangen sein, ohne wieder stehen zu bleiben? Wie sollte er endlich in das Schloß gegangen sein, ohne daß Jemand von den Dienern ihn erblickt, ohne daß er Jemand verlangt hätte?

– Sie haben Recht, sagte der Abbé, und Alles das ist schlagende Wahrheit.

– Außerdem, fuhr der Pater Delar fort, läßt sich der Beweis leicht führen.

– Wir wollen nachsehen, riefen die beiden Knaben aus, indem sie sich anschickten nach dem Schlosse zu laufen.

– Und ich auch, sagte der Abbé.

– Und ich auch, murmelte die Marquise.

– Gnädige Frau, antwortete der Camaldulensermönch, Sie sind ganz aufgeregt, ganz bleich vor Schrecken und wenn es Herr von Chauvelin wäre, ich nehme an, daß er es sei, ist denn da Ursache vorhanden zu erschrecken?

– Mein Vater, sagte die Marquise, indem sie den Mönch anblickte, finden Sie nicht, daß das Ereigniß sehr sonderbar wäre, wenn er so geheimnißvoll und allein gekommen wäre?

– Das ist es, weshalb wir uns Alle getäuscht haben, gnädige Frau. Deshalb muß man glauben, daß sich ohne Zweifel irgend ein Fremder, ein Missethäter vielleicht, eingeschlichen hat.

– Aber ein Missethäter, so bös er auch sein möge, sagte der Abbé, hat einen Körper, und diesen Körper hatten Sie und auch ich gesehen, mein Vater, während das Seltsame bei der Sache gerade das ist, daß die Frau Marquise und die jungen Herren gesehen haben und daß nur wir Nichts gesehen haben.

– Gleichviel, erwiderte der Mönch, in dem einen wie in dem andern Falle wäre es vielleicht besser, daß die Frau Marquise und ihre Kinder sich in die Orangerie zurückzögen, während wir nach dem Schlosse gehen; wir werden die Leute rufen und uns von dem überzeugen, was sich zugetragen hat. Gehen Sie, gnädige Frau, gehen Sie.

Der Marquise fehlte alle Kraft; sie gehorchte maschinenmäßig und zog sich mit ihren beiden Söhnen in die Orangerie zurück, ohne einen einzigen Augenblick lang die Fenster des Schlosses aus dem Gesicht verloren zu haben.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
952 s. 4 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain