Kitabı oku: «Tausend und Ein Gespenst», sayfa 38
– Ich freue mich, daß er Ihnen gefällt, mein Herr, Sie können sich mit allem Vertrauen an ihn wenden.
– Ich werde es daher auch thun und das morgen. Sie erlauben, Madame, daß ich in mein Zimmer hinauf gehe.
Die Marquise erhob die Augen gen Himmel und dankte ihm mit einem stillen Gebete; sie folgte ihrem Gatten mit dem Blicke, als er mit Bonbonne den Saal verließ, und indem sie sich an ihre Söhne wandte, sagte sie zu ihnen:
– Heute Abend, meine Kinder, bittet Gott Eurem Vater das Verlangen einzuflößen gänzlich bei uns zu bleiben; daß er ihn in der Stimmung erhalten möge, in welcher er sich jetzt befindet, und daß er ihm die Gnade erzeige, sie in Ausübung zu bringen.
Sobald er sich in seinem Kabinette befand, sagte der Marquis:
– Geschwind, mein alter Bonbonne, arbeiten wir, arbeiten wir.
Und er schüttelte mit einem fieberhaften Eifer alle die Papiere, indem er sie zu ordnen oder sie zu erkennen suchte.
– Ruhig, ruhig, sagte der Greis, da wir auf so gutem Wege sind, mein theurer Herr, gehen wir nicht zu rasch, Sie wissen, daß wenn man zu sehr eilt, man seine Zeit verliert.
– Die Zeit drängt, Bonbonne. Ich sage Dir, daß die Zeit drängt.
– Gehen Sie doch!
– Ich sage Dir, daß der, dem Gott die Freude sendet, sich für die letzte Reise vorzubereiten, niemals rasch genug daran zu arbeiten vermag. Geschwind, Bonbonne, laß uns arbeiten.
– Wenn Sie es bei dieser Hitze so treiben, mein Herr, so werden Sie ein Seitenstechen, oder einen Andrang des Blutes, oder ein tüchtiges Fieber bekommen, und auf diese Weise wird es Ihnen gelungen sein, daß Ihr Testament zu gelegener Zeit gemacht ist.
– Keine Frist mehr. Wo sind die Rechnungen des Guthabens?
– Hier sind sie.
– Und die der Ausgabe?
– Hier sind sie.
– Sechzehn Mal Hundert Tausend Livres Deficit? den Teufel!
– Zwei Jahre der Sparsamkeit werden die Lücke ausfüllen.
– Ich habe keine zwei Jahre Ersparnisse zu machen.
– O! Sie werden mich wahnsinnig machen! Wie, eine solche Gesundheit?
– Sagtest Du mir nicht, daß der Notar einen Testamentsentwurf gemacht hätte, welcher in der Beziehung sehr geschickt wäre, daß er meinen Söhnen bei ihrer Volljährigkeit das ganze Vermögen sicherte?
– Ja, gnädiger Herr, wenn Sie nur während sechs Jahren den vierten Theil des Einkommens der Güter abtreten.
– Sehen wir diesen Entwurf.
– Hier ist er.
– Ich bin ein wenig kurzsichtig. Willst Du selbst lesen?
Bonbonne begann jeden der Artikel zu lesen, der Marquis bezeugte von Zeit zu Zeit eine große Zufriedenheit.
– Der Entwurf ist gut, sagte er endlich, um so mehr, als er der Frau von Chauvelin jährlich drei Mal Hundert Tausend Livres läßt, das Doppelte von dem, was sie jetzt bat.
– Sie genehmigen ihn also?
– In allen Punkten.
– Ich kann diesen Akt also abschreiben?
– Schreibe ihn ab.
– Und dann müssen Sie ihm durch eine Anerkennung von Ihrer Hand und mit Ihrer Unterschrift Gültigkeit geben. .
– Mach geschwind, Bonbonne, mach geschwind!
– Jetzt sind Sie nicht einmal mehr billig. Ich hab, eine halbe Stunde damit zugebracht, Ihnen diesen Akt vorzulesen, ich bedarf zum mindesten einer Stunde, um ihn wieder abzuschreiben.
– Ach! wenn Du wüßtest, welche Eile ich habe! Ah, diktire mir, ich will Alles mit meiner Hand schreiben,
– Nicht doch, gnädiger Herr, nicht doch, Sie haben bereits ganz rothe Augen, wenn Sie eine halbe Viertelstunde so fortführen, so würden Sie das Fieber nach dem Kopfweh haben, das sie befallen wird.
– Was während dieser Stunde thun, welche Dir nothwendig scheint?
– Spazieren gehen, die gute Luft des Rasens mit der Frau Marquise genießen, und dann werde ich meine Federn schneiden, und das Papier mag sich in Acht nehmen; ich stehe Ihnen dafür, daß ich für mich allein mehr davon vollschreiben werde, als drei Advokatenschreiber mit einander.
Der Marquis gehorchte mit einer Art von Widerstreben, er fühlte sich indessen schwerfällig und aufgeregt.
– Sein Sie doch ruhig, sagte Bonbonne zu ihm; fürchten Sie sich etwa, nicht mehr Zeit zu haben zu unterzeichnen? Eine Stunde, sage ich Ihnen, was der Henker! Herr Marquis, Sie werden wohl noch einundsechzig Minuten leben.
– Du hast Recht, erwiderte der Marquis, und er ging hinab; die Marquise erwartete ihn.
Als sie ihn ruhiger und heiterer sah, sagte sie:
– Nun denn! Haben Sie gut gearbeitet, mein Herr?
– O! ja, Marquise, ja, und gute Arbeit, mit der
Sie und Ihre Söhne hoffentlich zufrieden sein werden.
– Um so besser! Ihren Arm, lassen Sie uns spazieren geben; die Treibhäuser sind offen, wollen Sie, daß wir sie besuchen?
– Alles, was Ihnen gefällig ist, Marquise, Alles.
– Und Sie werden nach diesem Spaziergang gut schlafen. Wenn Sie wüßten, wie vergnügt Ihre Kammerdiener sind, seitdem sie Ihr großes Bett überzogen haben.
– Marquise, ich werde schlafen, wie mir das seit zehn Jahren nicht begegnet ist; bei dem bloßen Gedanken daran erbebe ich vor Behagen.
– Sie glauben, nicht wahr, daß Sie sich nicht zu sehr bei uns langweilen werden?
– Nein, Marquise, nein.
– Und daß Sie sich an unsere Landbewohner gewöhnen werden?
– Ja, ohne Mühe. Und wenn der König, den ich bereue vielleicht ein wenig barsch behandelt zu haben, wenn der König mich vergißt, so thut er wohl daran.
– Der König? ach! mein Herr, sagte die Marquise zärtlicher Weise, Sie haben geseufzt, als Sie von Seiner Majestät sprachen.
– Ich liebe den König! Marquise, aber glauben Sie nur. . .
Er sprach nicht aus. Ein Peitschenknall und die Schellen eines Pferdes unterbrachen ihn.
– Was ist das? sagte er.
– Ein Courier, dem man die Thore, öffnet, antwortete die Marquise; ist er etwa von Ihnen?
– Nein; das ist sonderbar.
– Ein Courier, den Jedermann grüßt, den man in den Garten treten läßt, kann nur von Seiten. . .
– Von Seiten des Königs kommen! flüsterte die Marquise, indem sie erbleichte.
– Von dem Könige! rief der Courier mit lauter Stimme aus.
– Von dem Könige!
Und Herr von Chauvelin eilte diesem Courier entgegen, welcher dem Haushofmeister bereits seinen Brief übergeben hatte.
– Ein Brief von dem Könige, ach! sagte die Marquise leise zu dem Pater Delar, den das Gerücht von diesem Schreiben wie die Andern herbeigeführt hatte.
Der Marquis bot dem Courier Wein in einem silbernen Becher an, eine Ehre, welche, die von jedem Edelmanne dem selbst von einem Bedienten vertretenen Königthume bewilligte Ehrerbietung rechtfertigte. Er brach dm Brief auf: er enthielt Folgendes von der eigenen Hand des Monarchen:
»Mein Freund, Sie sind kaum seit vierundzwanzig. Stunden abgereist, und es scheint mir, daß ich Sie seit Monaten nicht gesehen habe. Die alten Leute, welche sich lieben, dürfen sich nicht trennen. Werden sie die Zeit haben, sich wieder zu vereinigen? Ich bin auf den Tod traurig. Ich bedarf Ihrer; kommen Sie, berauben Sie mich nicht eines Freundes unter dem Vorwande, meine Krone vertheidigen zu wollen. Das ist im Gegentheile die sicherste Weise sie, anzugreifen, und so lange als Sie dieselbe durch Ihre Gegenwart unterstützen, werde ich sie weit fester als jemals fühlen. Möge ich Sie morgen bei meinem Lever finden, das wird das Signal eines glücklichen Tages sein.
Ihr wohlgeneigter
Ludwig.«
– Der König ruft mich zurück, sagte Chauvelin ganz bewegt. Ich muß auf der Stelle abreisen, er kann mich nicht entbehren. Man spanne an!
– O! antwortete die Marquise, so bald, nach so vielen süßen Versprechungen!
– Sie werden bald Nachricht von mir erhalten, Madame.
– Herr Marquis, meine Abschrift ist fertig, rief Bonbonne aus, der von Weitem herbeieilte.
– Gut! Gut!
– Und sie brauchen sie nur noch durchzulesen und zu unterzeichnen.
– Ich habe keine Zeit. Späterhin.
– Späterhin! Aber erinnern Sie sich dessen, was Sie so eben sagten.
– Ich weiß es, ich weiß es.
– Keinen Aufschub mehr.
– Der König kann nicht warten.
– Aber Sie vergessen Ihre Kinder, Sie vergessen das Schicksal Ihrer Familie.
– Ich vergesse Nichts, Bonbonne, aber ich muß abreisen und ich reise ab. Meine Kinder, die Zukunft meiner Familie, ah! bedenken Sie, Bonbonne. alles das ist versichert.
– Eine Unterschrift, Nichts als eine Unterschrift.
– Siehst Du, mein alter Freund, sagte der Marquis vor Freude strahlend, ich bin so entschlossen, diese Angelegenheit in Ordnung zu dringen, daß, wenn Ich sterben sollte, bevor ich unterzeichnet habe, ich Dir schwöre, aus der andern Welt, und das ist weit, ausdrücklich darum zurückzukommen, um meine Unterschrift zu geben. Jetzt bist Du ruhig, leb wohl.
Und indem er in der Eile seine Kinder und seine Frau umarmte, indem er Alles vergaß, was nicht der König und der Hof war, sprang er, um zwanzig Jahre verjüngt, in seine Kutsche, die ihn nach Paris fortführte.
Die Marquise und alle diese vor Kurzem noch so glücklichen Leute blieben traurig, verlassen, stumm vor Verzweiflung, an dem Gitterthore stehen.
IX.
Venus und Psyche
Am folgenden Morgen war das erste Wort Ludwigs XV., um nach dem Marquis von Chauvelin zu fragen, und sein erster Blick, um zu suchen, ob er da wäre.
Der Marquis war in der Nacht angekommen und befand sich bei dem kleinen Lever.
– Das lasse ich mir gefallen, sagte der König, da sind Sie, Marquis; mein Gott! was Ihre Abwesenheit lange gedauert hat!
– Sire, es ist die erste und wird die letzte sein; wenn ich Sie jetzt verlasse, so wird es für immer sein. . . Aber der König ist sehr gütig, meine Abwesenheit lang zu finden. Ich bin nur vierundzwanzig Stunden von ihm entfernt gewesen.
– Sie glauben, lieber Freund, in diesem Falle ist es diese verteufelte Prophezeiung, welche mir in den Ohren klingt; so daß, als ich Sie nicht an Ihrem gewöhnlichen Posten sah, ich mir eingebildet habe, daß Sie gestorben wären, und wenn Sie gestorben sind, Sie verstehen?. . .
– Vollkommen, Sire.
– Aber sprechen wir nicht mehr davon. Sie sind da, das ist die Hauptsache. Freilich trägt uns die Gräfin noch ein wenig Groll nach, Ihnen dafür, daß Sie ihr das gesagt haben, was Sie ihr gesagt haben; mir dafür, Sie nach einer solchen Beleidigung zurückgerufen zu haben; aber bekümmern Sie sich um diese schlechte Laune nicht; die Zeit gleicht Alles aus, und der König wird der Zeit helfen.
– Ich danke, Sire.
– Lassen Sie hören, was haben Sie während Ihrer Verbannung gethan?
– Stellen Sie sich vor, Sire, daß ich mich beinahe bekehrt habe.
– Ich begreife, Sie fangen an zu bereuen die sieben Todsünden besungen zu haben.
– O! wenn ich sie nur besungen hätte!
– Mein Vetter von Conti sprach mir noch gestern davon, er war entzückt darüber.
– Sire, ich war damals jung, und die Gedichte aus dem Stegreife schienen mir Nicht. Ich war da in Ileadam mit sieben liebenswürdigen Frauen. Der Herr Prinz von Conti war auf der Jagd; ich blieb auf dem Schlosse und machte ihnen. . . Verse. Ah! Das war eine schöne und gute Zeit, Sire.
– Marquis, halten Sie mich für Ihren Beichtvater, und ist das da Ihre Reue?
– Mein Beichtvater, ah! ja, Eure Majestät hat Recht, ich hatte gerade für heute Morgen einen Camaldulenser Mönch von Grosbois ein Rendezvous gegeben.
– O! der arme Mensch, welche Gelegenheit sich zu unterrichten er da verfehlt hat! Hätten Sie ihm Alles gesagt, Chauvelin?
– Durchaus Alles, Sire.
– Dann hätte die Sitzung lange gedauert.
– Ei! Mein Gott, Sire, außer meinen eigenen Sünden, habe ich so viele Sünden Anderer auf meinem Gewissen, ich habe deren besonders so viele. . .
– Von mir, nicht wahr? Diese, Chauvelin. entbinde ich Sie zu gestehen; man beichtet nur für sich.
– Indessen, Sire, die Sünde ist schrecklich ansteckend an dem Hofe. Ich bin kaum angekommen, und schon hat man mir von einem seltsamen Abenteuer gesprochen.
– Einem Abenteuer, Chauvelin, und auf wessen Rechnung stellt man dieses Abenteuer?
– Und auf wessen Rechnung stellt man die Liebesabenteuer, Sire?
– Bei Gott! Es muß auf die meinige sein.
– Oder auch auf die von. . .
– Oder auch auf die der Gräfin Du Barry, nicht wahr?
– Sie haben errathen, Sire.
– Wie! Die Gräfin Du Barry hat gesündigt?. . . Den Henker! erzählen Sie mir das, Chauvelin.
– Ich sage gerade nicht, daß das Abenteuer durch sich selbst eine Sünde sei, ich sage, daß es mir bei Veranlassung der Sünden wieder eingefallen ist.
– Lassen Sie hören, Marquis, was ist das für ein Abenteuer? Erzählen Sie mir das auf der Stelle.
– Auf der Stelle, Sire?
– Ja. Sie wissen, die Könige warten nicht gern.
– Den Henker, Sire! Das ist ernst.
– Bah! Sollte sie wieder irgend einen Streit mit meiner Schwiegertochter gehabt haben?
– Sire, ich sage nicht nein.
– Ah! Die Gräfin wird sich am Ende noch mit der Dauphine entzweien, und dann, meiner Treue. . .
– Sire, ich glaube, daß die Frau Gräfin in diesem Augenblicke ganz entzweit ist.
– Mit der Dauphine?
– Nein; aber mit einer andern Ihrer Schwiegertöchter.
– Mit der Gräfin von Provence?
– Ganz recht.
– Gut! Da bin ich in schöner Verlegenheit! Lassen Sie hören, Chauvelin. . .
– Sire?
– Und die Gräfin von Provence ist es, welche sich beklagt?
– Man sagt, ja.
– Dann wird der Graf von Provence abscheuliche Verse auf diese arme Gräfin machen. Sie man. sich nur gut halten; sie wird tüchtig gegeißelt werden. Sache wirklich bedenklich ist, so lassen Sir uns im Ernste sprechen.
– Sire, das wäre ganz einfach Gleiches mit Gleichem vergolten.
– Was beliebt?
– Stellen Sie sich vor, daß die Frau Marquise von Rozen.
– Diese liebenswürdige kleine Braune, die Freundin der Gräfin von Provence?
– Ja, die Eure Majestät seit einem Monate viel angeblickt hat.
– O! Man hat mich an einem gewissen Orte genug darüber gezankt, Marquis! Nun denn?
– Wer hat Sie gezankt, Sire?
– Bei Gott! Die Gräfin.
– Nun denn!. Sire, die Gräfin hat Sie gezankt; das ist gut; aber auf der andern Seite hat sie mehr gethan, als zanken.
– Erklären Sie sich, Marquis; Sie erschrecken mich.
– Dam! Sire, erschrecken Sie, ich halte Sie nicht davon ab.
– Wie, es ist also stark?
– Sehr stark.
– Sprechen Sie. Es scheint daß. . .
– Was?
– Sehen Sie, Sire, das ist weit schwieriger zu sagen, als es schwierig gewesen ist es zu thun.
– Sie erschrecken mich wirklich, Marquis. Bis jetzt habe ich geglaubt, daß Sie scherzten. Wenn aber die Sache wirklich bedenklich ist, so lassen Sie uns im Ernste sprechen.
In diesem Augenblicke trat der Herzog von Richelieu ein.
– Etwas Neues, Sire, sagte er mit einem zugleich freundlichen und besorgten Lächeln; freundlich, weil es sich darum handelte, dem Monarchen zu gefallen, besorgt, weil es sich darum handelte, die Gunst dieses nach einem Tage der Verbannung wieder nach Versailles zurückberufenen Günstlings zu bekämpfen.
– Etwas Neues, und woher kömmt dieses Neue, mein lieber Herzog?
Der König blickte um sich und sah, wie der Marquis von Chauvelin ins Fäustchen lachte.
– Du lachst, herzloser Mensch, sagte er zu ihm.
– Sire, das Gewitter wird ausbrechen, ich sehe es an den traurigen Mienen des Herrn von Richelieu.
– Sie irren sich, Marquis; ich habe Neues gemeldet, aber ich übernehme es nicht, es zu erzählen.
– Aber wie soll ich am Ende dieses Neue erfahren?
– Ein Page der Frau von Provence befindet sich mit einem Briefe seiner Gebieterin in Ihrem Vorzimmer; wolle Eure Majestät ihre Befehle ertheilen.
– O! o! sagte der König, dem es nicht unlieb gewesen wäre, Alles auf Herrn oder Frau von Provence zurückfallen zu lassen, welche er nicht liebte, seit wann schreiben die Söhne oder die Frauen der Söhne von Frankreich an den König, statt bei seinem Lever zu erscheinen?
– Sire, wahrscheinlicher Weise gibt der Brief Eurer Majestät den Grund dieses Mangels an Etikette an.
– Herzog, nehmen Sie diesen Brief und geben Sie ihn mir.
Der Herzog verneigte sich, verließ das Zimmer und kehrte eine Sekunde nachher mit dem Briefe in der Hand zurück.
Indem er ihn hierauf dem König überreichte, sagte er:
– Sire, vergessen Sie nicht, daß ich der Freund der Madame Du Barry bin, und daß ich mich zum Voraus zu ihrem Advokaten aufwerfe.
Der König blickte Richelieu an, brach den Brief auf, und runzelte sichtlich die Stirn, als er die Umstände durchlas, welche er enthielt.
– O! murmelte er, für dieses Mal ist es zu stark, und Sie haben einen schlimmen Prozeß übernommen, Herzog. Wahrlich, Madame Du Barry ist närrisch.
Indem er sich hierauf nach den Officieren umwandte, fügte er hinzu:
– Man gehe auf der Stelle in meinem Namen zu Frau von Rozen; man erkundige sich nach ihrem Befinden, und man sage ihr, daß ich sie unmittelbar nach meinem Lever, bevor ich in die Messe ginge, empfangen würde Arme Marquise! liebe kleine Frau!
Jedermann sah sich an. Ging ein neuer Stern an dem Horizonte der Gunst auf?
Am Ende war das sehr möglich. Die Marquise war eine junge und hübsche Frau. Seit einem Jahre zur Hofdame ernannt, um Frau von Provence zu begleiten, hatte sie sich mit der Favoritin befreundet, befand sich in allen ihren Privatzirkeln, in denen sie der König oft gesehen hatte. Aber auf die Bemerkungen der Prinzessin, welche sich durch diesen vertrauten Umgang verletzt fühlte, brach sie plötzlich ihre Verbindungen ab, worüber sich Madame Du Barry sehr unzufrieden gezeigt hatte.
Das ist es, was der Hof davon wußte.
Dieser Brief, dessen Inhalt Jedermann unbekannt war, hatte einen großen Einfluß auf den König gehabt, er schien während der ganzen übrigen Zeit des Levers sorgenvoll, richtete kaum an einige Vertraute das Wort, beeilte die Etikette und verabschiedete die Anwesenden weit früher als gewöhnlich, nachdem er Herrn von Chauvelin anempfohlen hatte, sich nicht zu entfernen.
Als die Ceremonie des Levers beendigt, Jedermann sich entfernt, und man Seiner Majestät meldete, daß Frau von Rozen wartete, gab er den Befehl, sie einzuführen.
Frau von Rozen trat auf eine höchst rührende Weise ein; sie war ganz in Thränen, und fiel vor dem Könige auf die Kniee.
Der König hob sie wieder auf.
– Verzeihen Sie mir, Sire, sagte sie, einen erlauchten Einfluß angewandt zu haben, um bis zu Eurer Majestät zu gelangen; aber in Wahrheit, ich war so verzweifelt. . .
– O! Ich verzeihe es Ihnen von ganzem Herzen, Madame, und ich weiß es meinem Enkel Dank, daß er Ihnen eine Thüre hat öffnen lassen, welche von diesem Augenblicke an Ihnen offen bleibt. Aber kommen wir auf die Sache. . . . auf die Hauptsache.
Die Marquise schlug die Augen nieder.
– Ich habe Eile, fuhr der König fort, man erwartet mich in der Messe. Ist das, was Sie mir schreiben, wirklich wahr? Sollte sich die Gräfin in der That erlaubt haben Sie. . . .?
– O! Sie sehen mich roth vor Scham darüber, Sire. Ich komme, Gerechtigkeit von dem Könige zu verlangen. Niemals ist eine Frau von Stande so behandelt worden.
– Wie! wahrhaftig, fragte der König, indem er unwillkürlich lächelte, wie ein ungehorsames Kind behandelt, ohne etwas davon nachzulassen?
– Ja, Sire, von vier Kammerfrauen, in ihrer Gegenwart, in ihrem Boudoir, antwortete die junge Frau, indem sie die Augen niederschlug.
– Den Henker! erwiderte der König, bei dem dieser Umstand eine Menge von Ideen entstehen ließ, die Gräfin hatte sich dieses Vorhabens nicht gerühmt.
Dann fügte er mit dem Auge eines Satirs hinzu: – Und wie hat sich das zugetragen? Sagen Sie mir, Marquise.
– Sire, erwiderte die arme Frau immer mehr erröthend, sie hat mich zum Frühstücke eingeladen. Ich habe mich mit meiner wenigen Freiheit, mit meinem Dienste entschuldigt, der mich von acht Uhr Morgens an zu ihrer Königlichen Hoheit ruft; sie hat mir antworten lassen, ich möchte um sieben Uhr kommen, und sie werde mich nicht lange zurückhalten, und in der That, Sire, ich habe sie seit einer halben Stunde verlassen.
– Sie können unbesorgt sein, Madame, ich werde mich gegen die Gräfin erklären, und es soll Ihnen Gerechtigkeit widerfahren; aber in Ihrem eigenen Interesse fordere ich Sie auf, das Abenteuer nicht zu sehr auszuplaudern; daß besonders Ihr Gatte nichts davon erfährt. Die Gatten sind teufelsmäßig empfindlich über solche Dinge.
– O! Der König kann sich wohl denken, daß ich für mein Theil zu schweigen wissen werde, aber meine Feindin, aber die Gräfin, ich bin fest überzeugt, daß sie sich bereits gegen ihre Vertrautesten dessen gerühmt hat, was sie gethan, und morgen wird der ganze Hof wissen. . . O! Mein Gott! Mein Gott! wie unglücklich ich bin!
Und die Marquise verbarg ihren Kopf in ihren Händen auf die Gefahr hin, ihre Schminke mit ihren Thränen zu verbreiten.
– Beruhigen Sie sich, Marquise, sagte der König, der Hof vermöchte kein hübscheres Spielwerk zu haben, als Sie, und wenn man davon spricht, so wäre es aus Neid, wie man vor Zeiten in dem Olymp von demselben der Psyche zugestoßenen Abenteuer sprach. Ich kenne unter unseren Damen welche, die sich nicht so leicht darüber trösten würden, als Sie sich darüber trösten können; Sie, Marquise, Sie hatten dabei nichts zu verlieren.
Die Marquise machte eine Verbeugung und erröthete noch mehr, wenn es möglich war.
Der König betrachtete dieses Erröthen und verschlang diese Thränen.
– Nun denn, sagte er, kehren Sie nach Haus zurück, trocknen Sie diese hübschen Augen ab, heute Abend beim Spiele werden wir alles Das beilegen, ich verspreche es Ihnen.
Und mit der Artigkeit und den seinem Geschlechte eigenthümlichen guten Manieren führte er die junge Frau bis nach der Thüre zurück, wo er durch die Menge der erstaunten und höchst neugierigen Hofleute gehen mußte.
Der Herzog von Ayen, Kapitän der diensthabenden Leibwachen, näherte sich dem Könige und verneigte sich schweigend vor ihm, um seine Befehle zu erwarten.
– In die Messe, Herzog von Ayen, in die Messe, jetzt, wo ich mein Werk als Beichtvater beendigt habe, sagte der König.
– Ein so hübsches Beichtkind kann nur hübsche Sünden begangen haben, Sire.
– Ach! Das arme Kind! Es sind nicht die ihrigen, welche sie büßt, fuhr der König fort, indem er die große Gallens entlang ging, um sich nach der Kapelle zu begeben.
Der Herzog von Ayen folgte einen Schritt hinter ihm, nahe genug, um ihn zu verstehen und um ihm zu antworten, aber ohne sich, der Etikette gemäß, auf derselben Linie zu befinden.
– Man wäre glücklich ihr Mitschuldiger selbst für ein Verbrechen zu sein, ein Verbrechen der Liebe, wohlverstanden, Sire.
– Ihre Sünde ist die der Gräfin.
– O! Was diese anbelangt, so kennt sie der König Alle.
– Ohne Zweifel, diese gute Gräfin, man verleumdet sie. Sie ist unbesonnen, närrisch sogar, wie bei der Veranlassung, um welche es sich handelt, und für die ich ihr den Kopf waschen werde, aber sie hat ein vortreffliches Herz; man möchte mir noch so viel Böses von ihr sagen, ich würde es nicht glauben. Bei Gott! Ich weiß wohl, daß ich nicht ihr erster Geliebter bin, und daß ich in ihrer Gunst der Nachfolger von Radix von Sainte-Foy bin.
– Ja, Sire, erwiderte der Herzog mit seiner gewöhnlichen, in die feinsten Formen gehüllten Schalkheit, wie Eure Majestät der Nachfolger von Pharamond gewesen ist.
Trotz all' seinem Verstande war der König nicht stark genug gegen diesen gewaltigen Streiter, er hatte denn bös werden müssen. Er fühlte das Lächerliche davon, und that, als ob er nicht verstände. Er beeilte sich, einen Ritter des heiligen Ludwig anzureden, der sich auf seinem Wege befand. Ludwig der XV. war gutmüthig und nachgebend; er ließ seinen Vertrauten viele Freiheiten hingehen, und vorausgesetzt, daß man ihn belustigte, kümmerte er sich um das Uebrige nicht viel. Besonders der Herzog von Ayen hatte das Vorrecht, Alles zu sagen, was ihm zu erzählen einfiel. Die allmächtige Gräfin Du Barry hatte niemals daran gedacht, gegen ihn zu kämpfen; sein Name, seine Stellung, vor Allem sein Witz schienen ihr unangreifbar.
Während der Messe war der König zerstreut, er dachte an das Ungewitter, das der neue Schabernack der Madame Du Barry herbeiführen würde, wenn er zu den Ohre n des Herrn Dauphin gelangte. Dieser Prinz hatte gerade am Tage zuvor die Gräfin aus gescholten, welche wider seinen Willen dem Vicomte Du Barry, ihrem Neffen, eine Stelle als Stallmeister in seinem Hofhalte zu verschaffen gewußt hatte.
– Er möge mir nicht nahe kommen, hatte der Dauphin gesagt, oder ich lasse ihn durch meine Leute fortjagen.
Diese Stimmungen verhießen zuverlässig keine Nachsicht für den plumpen Scherz, den sich die Gräfin erlaubt hatte. Ludwig der XV. verließ daher die Kapelle ziemlich verlegen. Bevor er sich in den Rath begab, ging er zu der Frau Dauphine; er fand sie außerordentlich geschmückt und mit einem Diadem von wundervoll gefaßten Diamanten in dem Haar.
– Sie haben da einen prachtvollen Schmuck, Madame, sagte der König.
– Sie finden, Sire? wie, Eure Majestät kennt ihn nicht?
– Ich?
– Ohne Zweifel, da Eure Majestät den Befehl gegeben hat, daß man mir ihn brächte.
– Ich weiß nicht, was Sie sagen wollen.
– Es ist indessen eine sehr leicht aufzuklärende Sache. Gestern ist ein Juwelenhändler mit diesem von Eurer Majestät bestelltem Geschmeide von Lilien und mit der Krone von Frankreich geschmückt auf das Schloß von Versailles gekommen. Da Gott uns die Königin genommen hat, so hätte ich nach seiner Meinung allein das Recht, diesen Schmuck zu tragen. Ich bin es daher, der er ihn ohne Zweifel Ihren Befehlen und Ihrer Absicht gemäß, angeboten hat.
Der König erröthete und antwortete nicht.
– Das ist wieder von schlimmer Vorbedeutung, dachte er. Die Gräfin hatte wohl nölhig, mir mit ihrer albernen Geschichte der Marquise noch eine neue Verlegenheit zu veranlassen. – Werden Sie heute Abend zum Spiele kommen, Madame? fuhr er laut fort.
– Wenn Eure Majestät es mir befiehlt.
– Ihnen befehlen, meine Tochter! Ich bitte Sie darum, Sie werden mir ein Vergnügen machen.
Die Frau Dauphine verneigte sich kalt. Der König sah, daß es ihm nicht gelingen würde, sie aufzuheitern; er schützte eine Rathssitzung vor und entfernte sich.
– Meine Kinder lieben mich nicht, sagte er zu dem Herzoge von Ayen, der ihn nicht verlassen hatte.
– Der König ist im Irrthume. Ich kann Eure Majestät versichern, daß sie zum Mindesten eben so sehr von ihren erlauchten Kindern geliebt ist, als sie dieselben selbst liebt.
Ludwig der XV. verstand das Epigramm, aber zeigte es nicht. Das war von seiner Seite ein gefaßter Entschluß. Er hätte den Herzog von Ayen zehn Male täglich verbannen müssen, und nach der Langenweile, welche ihm die Abwesenheit des Herrn von Chauvelin verursacht hatte, sah der König mehr als jemals ein, wie sehr unentbehrlich ihm die Gegenwart seiner Hofleute war, die den Vorzug hatten.
– Bah! sagte er, Sie werden mich vergebens kitzeln, Sie werden mich nicht schinden. Das wird so lange dauern, als ich, und mein Nachfolger mag sich herausziehen wie er kann.
Sonderbare Gleichgültigkeit, deren Strafe der unglückliche Ludwig der XVI. so verhängnißvoller Weise tragen sollte.
