Kitabı oku: «Die Brahms Büste»
Die Brahms Büste
Alessandra Comini
DIE BRAHMS BÜSTE
Ein Megan Crespi-Krimi
Aus dem amerikanischen Englisch von
Pia Viktoria Pausch
Mit freundlicher Unterstützung
der MA 7 – Kulturabteilung der Stadt Wien
Alessandra Comini: Die Brahms Büste
Ein Megan Crespi-Krimi
Aus dem amerikanischen Englisch von Pia Viktoria Pausch
Hollitzer Verlag, Wien 2022
Originalausgabe: Sunstone Press, Santa Fe, New Mexico 2021
Coverabbildung: Nikola Stevanovic unter Verwendung von Friedrich Kaulbach: Die Bildhauerin Elisabeth Ney im Leineschloss © public domain, wikimedia commons
Lektorat: Paula Tiedge
Umschlaggestaltung: Nikola Stevanović
Satz: Nikola Stevanović
Hergestellt in der EU
Alle Rechte vorbehalten
© Hollitzer Verlag, Wien 2022
www.hollitzer.at
ISBN Druckausgabe 978-3-99012-942-5
ISBN epub: 978-3-99012-943-2
Dieses Buch ist ein fiktionales Werk. Namen, Orte, Personen und Handlungen sind entweder frei erfunden oder werden fiktiv verwendet. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Ereignissen oder Schauplätzen sind rein zufällig.
WIDMUNG
Für
Mary Dibbern, Music Director of Education an der Dallas Opera, Meistergesangslehrerin für Generationen junger Sängerinnen und Sänger, künstlerische Leiterin für weltliche Musik an der St. Matthew’s Cathedral
und
zum Gedenken an Richard R. Brettell (1949 – 2020), Museumsleiter, Kunstkritiker, Pianist und international bekannter Experte für den französischen Impressionismus, inspirierender Gründer des Edith O‘Donnell Instituts für Kunstgeschichte an der University of Texas.
Liste der Figuren
Prof. Dr. Megan Crespi: amerikanische Universitätsprofessorin für Kunstgeschichte im Ruhestand; begeisterte Musikhistorikerin; Expertin für europäische Kunst des frühen zwanzigsten Jahrhunderts; gefragte Beraterin bei der Aufklärung von Verbrechen in der internationalen Kunst- und Klassikszene
Tina Crespi: angesehene Tierärztin in der Region Dallas-Fort-Worth-Metroplex, bekannt für ihr Tierschutz-Engagement, jüngere Schwester von Megan Crespi
Jacquelyn McDonald: ambitionierte Direktorin des Elisabet-Ney-Museums in Austin, Texas
Edgar Wittgenstein: Generaldirektor des Wiener Musikvereins, der Heimstätte der Wiener Philharmoniker
Agatha Endlich: junge Wiener Stardirigentin, seit wenigen Jahren als Abonnementdirigentin der Wiener Philharmoniker im Musikverein tätig
Mario Intagliatore: italienischer Bildhauer, Schöpfer der bartlosen Brahms-Büste in der Walhalla, lebt seit vielen Jahren in Hamburg
Lukas Eifer: Dirigent des Grazer Philharmonischen Orchesters, ein leidenschaftlicher Brahms-Liebhaber
Reinhold „Reini“ Eifer: langjähriger Direktor des Archivs, der Bibliothek und der Instrumentensammlungen des Musikvereins, jüngerer Bruder von Lukas
Christian Begeist: Dirigent des Bruckner Orchesters Linz und fanatischer Verehrer des Komponisten Anton Bruckner
Dieter Unfug: ehemaliger Assistenzdirigent von Christian Begeist, ebenfalls ein Bruckner-Anhänger
Stefanie Schreibenstein: renommierte Musikkritikerin der Wiener Tageszeitung Wiener Rundschau, mit geheimnisvoller Abstammung
Peter Heimnis: Oberbühnenmeister im Wiener Musikverein
Antonius „Tönnies“ Helfer: Hamburger Augenarzt im Ruhestand und langjähriger guter Freund von Megan Crespi
Harry Dunmore: Amerikanischer praktischer Arzt, für Médecins sans Frontières in Indien und Afrika tätig, Ex-Mann von Tönnies Helfer
Anthony „Tony“ Bocello: Präsident des Dallas Symphony Orchestra im Ruhestand und ehemaliger Dekan der Meadows School of the Arts in Dallas
Fritz Rahm: Enkel in fünfter Generation von Friedrich Brahms (Johannes Brahms’ jüngerer Bruder), ein venezolanischer Organist aus Caracas
Erich Decker: Kriminalhauptkommissar, Leiter der Soko Wien für Kunst und Kultur
Oliver Kopf: musikbegeisterter Neurologe und treuer Fan der Wiener Philharmoniker seit mehr als zwanzig Jahren
Priscilla Pfau: Direktorin des Brahms-Museums in Mürzzuschlag
1
„Das ist mit größter Gewissheit der junge Johannes Brahms, aber ziemlich ramponiert“, sagte die emeritierte Kunstgeschichteprofessorin Megan Crespi leise und hob eine leicht beschädigte Bronzebüste hoch, um sie genauer anzusehen.
„Aber nicht doch, Megan, da fehlt ja der Bart!“, spöttelte Tina Crespi, die, wie so oft, mit ihrer älteren Schwester als deren Chauffeurin unterwegs war. Die beiden waren von Dallas nach Süden in die texanische Hauptstadt Austin gefahren, denn Megan hatte dort abends zuvor auf Einladung des Blanton Museums an der Texas University einen Vortrag mit dem provokanten Titel „Die Bildhauerin, das unbekannte Wesen?“ gehalten. Darin ging es um Elisabet Ney, eine deutsch-amerikanische Künstlerin, die im neunzehnten Jahrhundert tatsächlich mehr oder weniger die einzige Frau war, die sich damals mit ihren Skulpturen in Europa und Amerika einen Namen machen konnte. Aber selbst den kannte bis heute kaum jemand, weder da noch dort. So war das mit den Frauen in der Kunst leider immer gewesen, und Megan hatte sich stets bemüht, vergessene, oft namenlose Künstlerinnen aufzuspüren und ihre Werke ans Licht zu bringen. In Austin, wo Elisabet Ney nach der Emigration aus Deutschland gelebt und gearbeitet hatte, war die Bildhauerin natürlich längst zur lokalen Heldin aufgestiegen. Neys prächtiges Wohnhaus, die Villa Formosa, und ihr mit Skulpturen gefülltes Atelier war, wie es sich die Künstlerin selbst immer gewünscht hatte, zum Museum umgewidmet worden und hatte sich seither zum begehrten Ziel kunstinteressierter Texas-Touristen entwickelt.
Die zwei Schwestern Megan und Tina konnten ungleicher nicht sein. Sie waren fünfzehn Jahre auseinander, eine zu lange Zeit, um eine gemeinsame Kindheit zu teilen. Als Tina zur Welt kam, war die Einserschülerin Megan schon in der Abschlussklasse der Highschool. Als Tina drei Jahre alt wurde, hatte Megan bereits ihr erstes Studienjahr am renommierten Barnard College in New York absolviert und war am Sprung zum begehrten Auslandssemester im fernen Europa. Als aufstrebende Kunsthistorikerin mit besonderem Interesse an der Wiener Moderne hatte es sie in die österreichische Hauptstadt gezogen. Das war in den 1950er Jahren gewesen, sie hatte dort neben dem Studium an der Universität Wien in der Archivabteilung der berühmten Albertina gearbeitet. Dann kam sie zurück und machte an der Columbia University in New York ihren Doktor in Kunstgeschichte über den damals noch recht unbekannten österreichischen Maler Egon Schiele „und seine Porträts“, wie es im Titel ihrer Dissertation hieß – Megan war diejenige, die als Erste der Welt erklärte, wer Egon Schiele überhaupt war. Dann kamen Gastsemester als junge Dozentin in Berkeley und Yale, bevor sie wieder in ihre Heimatstadt Dallas zurückkehrte, wo sie ihre Familie wieder öfter sah und blieb, um eine Professur zu übernehmen und die Fakultät für Kunstgeschichte an der Southern Methodist University von Dallas zu dem zu machen, was sie heute war: ein erstklassiges, international renommiertes Ausbildungsinstitut für Kunsthistorikerinnen. Aber das war nun auch schon eine Zeit lang her, denn in ihrem „Unruhestand“ seit der Pensionierung hatte sich die zwischenzeitlich in den USA und Österreich legendäre Kunsthistorikerin die Aufklärung internationaler Verbrechen in der Kunstszene zur Berufung gemacht. Gefälschte Gemälde, gestohlene Partituren – was immer es war, Megan Crespi hatte nicht nur eine ungeheure Expertise, sondern auch die richtige Spürnase und wurde von den Sonderkommissionen der Polizei, die solche meist internationalen Fälle bearbeiteten, als gern gesehene Beraterin hinzugezogen. Jetzt war sie schon Mitte achtzig, aber das sah man ihr nicht an, denn sie war für ihr Alter extrem fit. Ihr Geheimnis jugendlicher Frische war eine disziplinierte tägliche Aerobic-Routine gleich nach dem Aufstehen, die sie niemals vergaß. Dazu gesundes Essen, kein Alkohol, kein Nikotin, auf sich achten, und vor allem: Leidenschaft und Enthusiasmus für alles, was sie tat. Megan Crespi liebte das Leben und das sah man ihr an. Sie war eine „ewige Brünette“, die mit ihren stets funkelnden braunen Augen einen ungeheuren Esprit versprühte. Wenn sie nicht gerade auf Vortragsreise oder in Sachen Kunstraub et cetera international umherflog, dann liebte sie es, sich in ihr gemütliches, mit Büchern, Instrumenten und ausgewählten Kunstwerken vollgestopftes Haus in Dallas zurückzuziehen, zu forschen und zu schreiben.
Ihre jüngere Schwester Tina hatte einen ganz anderen Lebensweg eingeschlagen. Sie war als engagierte Tierärztin in der Metroplex-Region Dallas-Fort Worth hoch angesehen. Groß, schlank, mit riesigen, ausdrucksstarken kastanienbraunen Augen und langen blonden Locken war sie ein echter Hingucker, wo immer sie erschien. Aber Tinas Lebensinhalt war die Liebe zu Tieren. Auch sie war ständig unterwegs, und zwar im Auftrag der Veterinärmedizin und der Tierrettung. Sie hatte ihre Ordination auf ihrer Ranch nahe Fort Worth eingerichtet, brachte Texas-Longhorn-Kälbchen auf die Welt, verarztete Hunde, Katzen, Hamster und Frettchen ebenso wie Kaninchen, Schafe und Schweine, bis hin zu importierten Echsen und Riesenschlangen in den Keller-Terrarien abgelegener Farmhäuser in der texanischen Prärie. Ihr Revier war die Natur.
Doch die beiden ungleichen Schwestern hatten auch Gemeinsamkeiten. Keine der beiden hatte sich je durch eine Heirat binden lassen; beide schenkten ihre bedingungslose Hingabe stattdessen lieber ihren vergötterten Haustieren. Megans kleiner vierbeiniger Schatz war ein schneeweißer Malteser namens Button – Knöpfchen. Tina nannte zurzeit gerade fünf aus einem Hoarding-Haushalt gerettete japanische Chins ihr Eigen, entzückende Schmusehündchen, die gerne ohne jeglichen Jagdimpuls um ihr Frauchen herumwuselten. Ihre unaussprechlichen Namen vergaß Megan von einem zum nächsten Mal immer wieder, genauso wie Tina von einem Mal zum anderen vergaß, welcher große Maler, Bildhauer oder Komponist gerade in den Fokus von Megans leidenschaftlichem Forschungsinteresse geraten war.
Aber nun standen die beiden nebeneinander in einem Antiquitätenladen in Austin und begutachteten Megans Zufallsfund, die naturgetreue Bronzebüste eines offenbar jungen, attraktiven Mannes, der so gar nicht wie der deutsche Romantiker Johannes Brahms aussah – das fand jedenfalls Tina. Denn da fehlte doch der Bart! So viel wusste Tina, die genauso wie Megan die kulturbeflissene, klassisch-humanistische Grunderziehung ihrer Eltern durchlaufen hatte, bloß eben fünfzehn Jahre später. Der deutsche Komponist hatte einen langen, auffallend buschigen Rauschebart gehabt, da war sie ganz sicher, deshalb war er ihr nämlich in Erinnerung geblieben.
„Ja, weißt du, Tina, so geht es den meisten, sie kennen Brahms wie du, nur mit dem langen weißen Bart. Aber den ließ er sich erst in Wien, übrigens nach mehreren gescheiterten Versuchen, im Alter von vierunddreißig Jahren wachsen. Davor war er immer glattrasiert, genauso wie das Gesicht dieser Büste hier.“
Wenn Megan über einen ihrer Lieblingskomponisten sprach, und das waren vor allem die „drei großen B“ der Musik – Bach, Beethoven und eben Brahms – dann war sie kaum zu bremsen. Also ließ Tina ihre leise dozierende ältere Schwester ohne Unterbrechung fortfahren: „Es gibt ein Foto von Johannes Brahms aus dem Sommer 1867, da ist er Mitte 30 und sitzt mit Freunden auf der Veranda einer Pörtschacher Villa am Wörthersee: Es war das erste Foto von ihm mit einem üppigen Bart, damals noch dunkel, nicht weiß. Mal abgesehen davon, dass große, lange Bärte durchaus en vogue waren, gibt es mehrere Theorien darüber, warum er sich den Bart wachsen ließ – unter anderem, dass es eine Art Tarnung sei.“ Von Tarnung verstand Tina etwas, aber Megan meinte es anders und erzählte eine der tausend Anekdoten aus den Biografien von Künstlern und Komponisten, die sie gerne in jegliche Unterhaltung einstreute, um ihrem jeweiligen Publikum etwas beizubringen – und diese Rolle fiel nun eben Tina zu.
Also sprach Professor Crespi:
„Weißt du, Tina, Brahms hat selbst einmal gesagt: Mit rasiertem Kinn wird man entweder für einen Schauspieler oder für einen Pfaffen gehalten. Das wollte er offensichtlich keinesfalls, jedenfalls nicht in Wien. Und dann, als ihm endlich der Rauschebart gelungen war, wallend wie der von Michelangelos Moses, liebte er es, seine Bekannten, die ihn lange nicht gesehen hatten, genau damit zum Narren zu halten. Er präsentierte sich spaßhalber bei verschiedenen Gelegenheiten mit verstellter Stimme als ‚Kapellmeister Müller aus Braunschweig‘ und amüsierte sich köstlich, wenn er die Leute damit täuschen konnte. Vermutlich veräppelte er sie auch noch in seinem geliebten Plattdeutsch, sagte also nicht Braunschweig, sondern ‚Brunswiek‘.“ Megan amüsierte sich köstlich bei der Vorstellung, wie der große Brahms die grantigen Wiener mit seinem kühlen norddeutschen Humor – und mit seinem Rauschebart – auf die Schippe nahm.
„Ach, du mit deinem Sprachfimmel!“ Tina gluckste. Denn das war auch so eine Sache, die sie absolut nicht teilten. Megans vorrangiges Interesse galt neben Kunst und Musik auch noch der Linguistik, vor allem den vielen unterschiedlichen Mundarten, die es überall gab. Sie war in ihrem Leben so viel herumgekommen, dass sie nicht nur mehrere Fremdsprachen, vor allem Italienisch und Deutsch, nahezu fließend sprach – was für eine Amerikanerin, selbst für eine international tätige, amerikanische Wissenschaftlerin, recht außergewöhnlich war. Nein, sie liebte auch diverse Dialekte und konnte beispielsweise das gedehnte Südstaaten-Amerikanisch ihrer Heimat genauso glaubhaft persiflieren, wie den knarzenden schottischen Hochlandakzent, den ihre Vorfahren mütterlicherseits vor Generationen nach Amerika mitgebracht hatten. Oder das Wienerische, das sie „im oiden Wean“ schon als junge Frau mit höchstem Vergnügen von ihren Studienkollegen aufgeschnappt hatte. Oder das Neapolitanische, das sie sicher nicht von ihrem mailändischen Vater, sondern von Schallplattenschlagern, vielleicht auch von Filmen mit Sophia Loren, aufgeschnappt hatte. Und das Plattdeutsche faszinierte sie sowieso, schon allein deshalb, weil es die eigentliche Muttersprache Brahms gewesen war in dem beengten Hamburger Hafenviertel, wo er aufwuchs und schon von Kindheit an die ganze Familie mit seinem Klavierspiel ernährte.
„Nein, im Ernst, ich glaube, mit dem Bart wollte sich der norddeutsche Pianist, Komponist und Dirigent in der österreichischen Kaiserstadt Wien auch äußerlich als respektgebietende Persönlichkeit etablieren, die Größe seiner Musik mit seiner Erscheinung noch unterstreichen. In seinen Wiener Jahren war er wohl von Anfang an nicht mehr der junge Beau, den wir hier vor uns haben. Alkohol und Zigarren setzten ihm zu, er wurde mit zunehmendem Alter immer fülliger und rotgesichtig, aber auch das konnte er mit dem Bart gut kaschieren.“ Megan fuhr fast zärtlich mit den Fingern über die hohe Bronzestirn des hübschen, jungen Mannes und strich über sein seidig wirkendes, glatt zurückgekämmtes Haupthaar, das fein modelliert wie eine sanfte Welle auf die angedeuteten Schultern der lebensgroßen Büste fiel.
„Ist ja gut, Megan, du bist die Expertin, aber trotzdem … Wie kannst du auf den ersten Blick schon so sicher sein, dass das hier wirklich ausgerechnet Johannes Brahms ist?“ Tina hatte nun ebenfalls die Stimme gesenkt.
„Einfach weil ich sein Gesicht erkenne! Genauso sah er aus, als er zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt war, in der Zeit wo er viel mit Robert und Clara Schumann zusammen war und auf Tournee ging mit seinem besten Freund, dem Virtuosen Joseph Joachim. Der junge ‚Johannes B‘ sah auffallend gut aus, eben genauso wie du es hier siehst. Diese Büste, also ich würde sagen, die stammt aus genau der Zeit damals. Mitte Neunzehntes Jahrhundert.“
Megan warf einen kurzen, prüfenden Blick auf den Ladenbesitzer, der unverändert in seine Zeitung vertieft am Ladentisch lehnte und den beiden Frauen nicht die geringste Beachtung schenkte. Sie stellte die Büste zurück ins Regal, wandte dem Ladenbesitzer den Rücken zu, holte ihr iPhone hervor und wisperte noch leiser weiter.
„Schau mal, Tina, wenn du es mir nicht glaubst, dann zeige ich dir jetzt Fotos, wie Brahms aussah, bevor er sich den Bart wachsen ließ. Du wirst es selbst sehen.“ Sie tippte auf das Display, öffnete den Browser, gab in der Bildersuche ‚Brahms, jung‘ ein und zeigte auf die Porträts des jungen, glattrasierten und gutaussehenden Komponisten. Tatsächlich, Megan hatte recht, musste sich Tina nun eingestehen. Die Ähnlichkeit der Jugendbilder auf dem Display mit der Büste des schönen Unbekannten auf dem Regal war unverkennbar.
„Hm. Ich seh’ schon, was du meinst. Ein richtig sensibler junger Mann. Aber was für Geheimratsecken! Sieht ja richtig elegant aus mit der Fliege und dem Jackett.“
Megan gab eine neue Suche ein: ‚Brahms in 3D‘. Online war sie in ihrem Element. Es war ein großer Irrtum, zu glauben, dass sie als Forscherin und Gelehrte nur in altgedienten Universitätsbibliotheken zwischen Stößen staubiger Folianten glücklich wäre. Ganz im Gegenteil, der Zeit voraus musste frau sein! Was die neuen Technologien hervorbrachten, war oft brillant, fand sie, zum Beispiel das, worauf sie jetzt zeigte.
„Da. Der junge Brahms in Farbe. Diese empfindsamen blauen Augen, das dunkelblonde Haar! Und jetzt sieh dir das an.“ Sie hatte ein dreidimensional digitalisiertes Porträtvideo aufgerufen. Es vollführte eine langsame und vollständige Drehung von einer Seite des Profils zur anderen und wieder zurück zur Frontalansicht des naturgetreu, wie lebendig wirkenden, digital nachgebildeten Gesichts des jungen Johannes Brahms. Es sah eins zu eins wie die Bronzebüste aus.
„Verblüffend, nicht wahr? Diese Animation ist das Werk des iranischen Medienkünstlers Hadi Karimi. Er hat solche dreidimensional animierten Porträts von vielen Komponisten des neunzehnten Jahrhunderts gemacht, auch von Clara Schumann, sieh mal …“
„Oh, genial, ein Feminist!“, warf Tina ein, in der Hoffnung die Bilderschau sei damit zu Ende, aber Megan ging ausnahmsweise mal nicht sofort auf ihr zweites Lieblingsthema – die Emanzipation der Frau im Lauf der Kunstgeschichte – ein und war stattdessen mit einem Wisch schon beim nächsten Konterfei des Komponisten.
„… und schau dir mal dieses Porträt hier an und vergleiche den Gesichtsausdruck mit der Bronzebüste hier“, fuhr Megan fort, jetzt in genau jenem wissenschaftlichen Beweisführungsmodus, der ihr ein Leben lang die größten Erfolge in der akademischen Welt gesichert hatte. „Schau dir dieses Schwarz-Weiß-Foto an, Johannes Brahms im Alter von zwanzig Jahren! Wobei er da eher aussieht wie fünfzehn und mitten in der Pubertät. Und dann dieses hier, Anfang dreißig, mit langem Haar. Siehst du diesen typischen, verträumtem Blick?“
„Ach, der ist ja wirklich zum Verlieben.“ Tina tat so, als würde sie gleich in Ohnmacht fallen. Es war ihr auch danach. Von ihr aus konnte das gerne der junge Brahms sein, oder sonst wer, rasiert oder nicht, schwarz-weiß oder bunt, aus Bronze, Marmor, Gips oder Plexiglas. Hauptsache sie kamen heute noch nach Hause! Mindestens drei Stunden Autofahrt von Austin nach Dallas lagen vor ihnen, eher mehr noch, denn es war Montag, viel Verkehr. Aber Megan peilte gerade ein ganz anderes Ziel an.
„Ab jetzt kein Wort mehr von Brahms, Tina. Ich will diese Bronzebüste haben und das möglichst günstig. Ich glaube, der Besitzer ahnt nicht, was er hier stehen hat.“ Das leuchtete Tina ein, also machten sich die beiden mit dem „recht hübschen, aber durch die Jahre etwas ramponierten Ding“ auf zur Kasse und begannen dabei eine laute Unterhaltung, wie zwei Schwestern, die sich öfter mal uneins waren. Das fiel ihnen gar nicht schwer.
„Also, ich begreife überhaupt nicht, warum du dieses alte, verbeulte Metalldingsbums haben willst“, sagte Tina laut, mit gespielt vorwurfsvollem Ton.
„Nun lass mich doch, Tina, es spricht mich eben irgendwie an, ich weiß selbst nicht warum“, antwortete Megan mit ebenso gespielter sanftmütiger Ahnungslosigkeit und stellte die Büste sachte auf den Verkaufstresen. Der Antiquar legte seine Zeitung beiseite und grinste sie erwartungsvoll an.
„Soso, diese alte Bronzebüste spricht Sie also an?“, brummte er hoffnungsfroh.
„Ja, irgendwie schon. Ich darf wohl nicht annehmen, dass Sie wissen, wer das gewesen sein soll, oder? Dann hätten Sie es wohl angeschrieben?“
„Nein, da gab es leider gar keinen brauchbaren Hinweis. Dieses Exponat kam mit einem Haufen anderen Zeugs aus dem Nachlass einer Bewohnerin der Nachbarschaft. Die Enkelin hat die Sachen zu mir gebracht“, erklärte er, „aber eines ist schon klar, der junge Mann hier muss immerhin wichtig genug gewesen sein, dass eine Bronzebüste von ihm angefertigt wurde.“
„Oder er war ein eitler Geck, der sich ein solches ‚Bronze-Selfie‘ leisten konnte“, sagte Tina geringschätzig.
„Was verlangen Sie dafür?“, fragte Megan, bereit, auf Teufel komm raus zu verhandeln, ebenfalls etwas, das sie gerne tat und wobei sie oft gewann. Ihre kleine, aber feine private Kunstsammlung zu Hause war dafür der schlagende Beweis.
„Nun, ich denke, die Büste könnte einen Prominenten darstellen,“ argumentierte er, „vielleicht wurde aus dem jungen Mann ein texanischer Senator. Oder ein prominenter Richter der damaligen Zeit. Könnte durchaus wertvoll sein.“
„Dass ich nicht lache! Vielleicht der Erbe einer längst vergessenen Öldynastie? Ich bitte Sie!“, kicherte Tina. „Das hätte Ihnen die Enkelin doch sicher verraten, wenn die Großmama prominent verheiratet oder verschwägert gewesen wäre.“
„Stimmt auch wieder. Ich habe natürlich nachgeforscht. Aber es war in ganz Texas kein Hinweis auf eine Persönlichkeit aus der Whalley-Familie zu finden – so hießen sie nämlich.“
„Dann ist es also schlicht und einfach die ziemlich ramponierte Büste eines unbedeutenden Anonymus“, sagte Megan mit bedauernder Unschuldsmiene.
„Nun, ja, wenn Sie es so formulieren wollen“, antwortete der Antiquar verunsichert.
„Ach! Es ist nämlich so, wissen Sie“, startete Megan nun ihre Charme-Offensive mit einem melancholischen Seufzer und lächelte zuerst den Antiquar, dann die Bronzebüste und schließlich ihre Schwester vielsagend an. „Dieses Gesicht spricht mich an, weil es mich irgendwie an unseren lieben Vater erinnert. Er sah ein wenig so aus, als er jung war.“ Tina verstand sofort, obwohl sie für diese jungen Jahre ihres Papas ganze fünfzehn Jahre zu spät auf die Welt gekommen war. Sie nickte energisch und stimmte scheinheilig ein. „Ja, ganz wie unser lieber Daddy, als er jung war!“
„Für zweihundertfünfzig Dollar können Sie die Büste haben“, knurrte der Antiquar.
„Was, so viel?“, rief Megan mit gespieltem Entsetzen und riss die Augen so weit auf, wie sie nur konnte.
„Ja, doch. Ich glaube, das ist sie wert.“ Der Antiquar war noch nicht weichgeklopft. Aber Megan hatte noch ein Ass im Ärmel.
„Meine Güte, wie schade.“ Megan senkte ihren Blick und das sonst so selbstsichere Funkeln in ihren Augen schien sich augenblicklich in eine dicke Krokodilsträne zu verwandeln. „Mit meiner kleinen Rente könnte ich dafür doch allerhöchstens zweihundert aufbringen.“
Es folgte ein weiterer Seufzer und dann eine lange Pause. Schließlich resignierte der Antiquar.
„Beim Barte des Propheten. Na gut. Zweihundert.“
Megan hüllte sich in dankbares Schweigen, aber innerlich tat sie einen Sprung. Ha! Sie hatte gewonnen, und überzeugend auch noch, denn er setzte fast mitleidig nach: „Dann werde ich das gute Stück auch gerne für Sie einpacken.“ Er holte einen leeren Pappkarton unter dem Ladentisch hervor, stopfte die Ecken mit zerknülltem Zeitungspapier aus und stellte die Büste hinein.
„Oh, das ist aber wirklich ganz reizend von Ihnen!“, lobte Megan, sichtlich gerührt von so viel Liebenswürdigkeit, und reichte ihm ihre Kreditkarte.
Tina nahm den Karton und konnte es kaum erwarten, das Geschäft nach all dem Theater zu verlassen und ihrer klugen, älteren Schwester zu dem kunsthistorisch einmaligen Schnäppchen zu gratulieren.
„Glückwunsch, big Sis! Nicht umsonst sind wir zwei halbe Italienerinnen“, sagte sie augenzwinkernd zu Megan, als sie mit dem Pappkarton in den Armen draußen auf dem Bürgersteig auf ihren auffälligen weißen Chevrolet-Truck mit der Aufschrift T. Crespi Vets & Pets zusteuerte.
„Und nicht umsonst sind wir auf der anderen Seite schottisch-irischer Abstammung, sonst hätte ich beim Feilschen niemals das Pokerface aufbehalten können“, prustete Megan nicht minder fröhlich.
Tinas weißer Chevy Pick Up Truck fiel weniger wegen des Vets & Pets-Schriftzugs auf, sondern vielmehr deshalb, weil er, mit großen braunen Flecken bemalt, an ein kraftstrotzendes Rindvieh erinnerte. Dieser Eindruck wurde noch verstärkt durch ein Paar echte, riesige Texas Longhorns, die sie über dem Kühler montiert hatte. Sie war eben im Herzen ein Cowgirl, buchstäblich made in Texas – während ihre große Schwester noch in Europa gezeugt worden war, auf der Insel Ibiza. Dort hatten ihre Eltern in den 1930er Jahren geheiratet, bevor sie Franco und Mussolini gegen das sichere Amerika eintauschten, um aus ihrem Töchterchen Megan im Schnellverfahren mittels Geburt eine US-Staatsbürgerin zu machen.
Die praktisch veranlagte Tina war im Begriff, das eben erstandene Schnäppchen ihrer Schwester hinter dem Beifahrersitz zu verstauen und zeigte sich dabei überrascht, dass „dieses Bronzedingsbums“ so viel leichter war, als es aussah. Wenn man es nicht festband, würde es während der Fahrt womöglich hin- und herschlingern, so leicht wie es war. Gott behüte, der schöne Bursche könnte bei ihrem dynamischen Fahrstil noch mehr Dellen abbekommen als er ohnehin schon hatte.
„Hätte nicht gedacht, dass das Ding so wenig Gewicht hat“, murmelte Tina.
„Was? Wie meinst du das? Lass mich mal ran.“ Megan zwängte sich mit plötzlicher Ungeduld an ihrer Schwester vorbei, holte die Büste vorsichtig aus dem provisorischen Pappbehältnis und hob sie ohne jede Anstrengung in die Höhe. Sie wollte das Objekt ihrer Begierde jetzt gleich ein wenig genauer untersuchen.
„Na ist doch ganz klar, der Kopf ist natürlich innen ganz hohl. Siehst du?“ Megan fuhr mit der rechten Hand von unten durch den Hals in das staubige Innere der Büste und tastete sich mit den Fingern hoch bis zur Nasenhöhle. Nicht anders hätte sie es im Hörsaal ihren jährlich vierhundert Kunstgeschichte-Anfängern vorgeführt, und danach das Objekt im Kreis herumgereicht, damit jeder, der wollte, sich selbst davon überzeugen konnte. Quod erat demonstrandum!
Mit der rechten Hand immer noch tief im Schädel des jungen Brahms setzte Megan gerade an, Tina über die unterschiedlichen Bronzegussverfahren aufzuklären. Aber gerade als sie mit dem Zeigefinger in eines der hohlen Nasenlöcher eindrang, löste sich dort etwas und fiel mit einem leisen Klirren aus der perfekt geformten Nase des Bronze-Brahms auf den Bürgersteig.
Megan kniff die Augen zusammen und sah hin. Mitte Neunzehntes Jahrhundert, vielleicht Leipzig oder Wien, wummerte es im routinierten, sachverständigen Kopf der Kunstdetektivin Megan Crespi, noch bevor Tina sich hilfsbereit bückte, um das rätselhafte Ding für ihre ältere Schwester aufzuheben.
Es war ein zierlicher, alter Messingschlüssel mit einem elegant geschwungenen Bart.
2
Hoch über der schönen blauen Donau, nahe der bayerischen Stadt Regensburg, erhebt sich in Gestalt eines Säulentempels leuchtend weiß die Walhalla. In dieser Kultstätte zu Ehren historisch bedeutender Menschen sind nahezu alle großen deutschen Männer in Form von Büsten verewigt, doch einer fehlte lange Zeit. Erst im Jahr 2001 wurde dort eine Büste des Hamburger Komponisten Johannes Brahms aufgestellt. Die beiden anderen „großen Bs der Musik“, Johann Sebastian Bach und Ludwig van Beethoven, hatten längst ihren Platz in dem neoklassizistischen Heiligtum erobert. Doch Brahms war nicht die einzige Künstlerpersönlichkeit, die lang vergeblich warten musste. Eine berühmte Deutsche und Verehrerin von Brahms, die Bildhauerin und Malerin Käthe Kollwitz, musste sich bis 2019 gedulden. Frauen blieben bis in die Gegenwart Mangelware in dieser Skulpturensammlung der Deutschen.
Schöpfer der Brahms-Büste aus Marmor war der gefeierte italienische Künstler Mario Intagliatore, der seit langem in Hamburg lebte. Doch vom Moment der Enthüllung an erregte das Werk Empörung und Missfallen.
„Das soll unser Brahms sein?“, fragten Publikum und Medien.
„Diese Marmorbüste sieht doch überhaupt nicht aus wie Brahms!“, lauteten schon die ersten Beschwerden. Aber warum? Ganz einfach: Der Bart fehlte. Den Leuten war nicht beizubringen, dass Brahms’ allseits bekannter Rauschebart erst im Alter von dreiundvierzig Jahren, also in Wien, jenes Volumen erreichte, das bis in die Gegenwart im Bewusstsein der kollektiven Erinnerung verankert blieb.
„Aber unser Brahms“, so beschwerte sich das deutsche Publikum weiter, „ist ein stattlicher, etwas untersetzter, älterer Herr mit einem mächtigen weißen Bart, das ist der Brahms an den wir uns erinnern wollen! Nicht dieser glattrasierte Jemand, der da oben neben Kaiser Wilhelm an der rosafarbenen Basaltwand befestigt wurde.“
Mit einer Protestnote der besonderen Art wollte sich kurz nach der Enthüllung ein verwegener Besucher selbst verewigen. Er ließ sich über Nacht unbemerkt in dem Gebäude einschließen und ging ans Werk, denn alle sollten „es“ am nächsten Tag sehen. Doch erst gegen Mittag machte ein Tourist die Museumswärter auf den merkwürdigen Anblick aufmerksam, der bis dahin niemandem aufgefallen war. Über Nacht war der glattrasierten Brahms-Büste von Mario Intagliatore ein pompöser, am Ende leicht gezwirbelter Schnauzer und an Kinn und Backen ein wallender weißer Bart gewachsen. Der handwerklich begabte anonyme Aktionist hatte einen kunstvoll aus Stroh gefertigten, dann weiß besprühten Bart mit Epoxidharz an die Büste geklebt. Selbst aus der Nähe wirkte das so natürlich und angenehm vertraut, dass es einen ganzen Vormittag lang niemandem auffiel.
Prompt wurde dem geheimen Bart-Künstler in der lokalen Presse Lob zuteil: Er habe der Öffentlichkeit den ‚echten‘ Brahms zurückgegeben. Auf bestimmten Social-Media-Seiten hingegen kam wieder die alte These auf, wonach der Komponist ein „neurotisches Bedürfnis nach einer Maskierung“ gehabt habe, das ihm nun erfüllt worden sei.
3
„Sag mal, Megan, da wir deinen jungen Brahms nun mal in Austin gefunden haben, könnte es nicht sein, dass diese Büste ein Werk von Elisabet Ney ist?“, fragte Tina, als sie von der texanischen Hauptstadt Richtung Dallas nach Hause zurückfuhren. Es war zwar nicht ihr Metier, aber der Besuch am Vortag in der Villa Formosa und dann die Entdeckung des jungen Brahms in Bronze im Anitquitätenladen hatten ihre Neugierde geweckt. Vor Megans Vortrag gestern hatten die beiden auf Einladung der Museumsdirekorin Dr. Jacquelyn McDonald das Elisabet-Ney-Museum besucht, ein klassizistisch-deutsches Schlösschen mit einem zweistöckigen, zinnenbewehrten quadratischen Turm, das ehemalige Wohnhaus und Atelier der Bildhauerin. Bei der Privatführung mit der engagierten Direktorin hatten Megan und Tina dort eine märchenhafte Ansammlung von Gipsbüsten und lebensgroßen Statuen bestaunt, die sowohl aus Neys europäischer Zeit als auch aus ihrem amerikanischen Oeuvre stammten.
Megan musste über die plötzlich aufflammende Begeisterung ihrer Schwester lachen:
„Nichts ist unmöglich, aber zunächst einmal wird Ney in keiner Brahms-Biografie erwähnt und umgekehrt kommt auch er in keiner Ney-Biografie vor. In ihrem Werkverzeichnis ist keine Brahms-Büste katalogisiert. Das wurde aber von Anfang an penibel geführt, nachdem sie mit ihrem umwerfend gutaussehenden Ehemann Edmund Montgomery nach Amerika kam, um hier zu leben und zu arbeiten.“
„Wann war das denn?“
„Zu Beginn des Jahres 1871. Mitten im französisch-preußischen Krieg, der halb Europa verwüstete. Zuerst kamen sie nach Georgia, wo sie Freunde hatten, dann kurz nach Minnesota …“
„Oh, dort bist ja du zur Welt gekommen!“ unterbrach Tina mit einem liebevollen Seitenblick in Richtung Beifahrersitz. Diesen Teil ihrer Familiengeschichte, nämlich die Ankunft des jungen Ehepaars Crespi bei den Großeltern mütterlicherseits in Minnesota hatte sie, die in Dallas geborene viel jüngere Schwester, immer nur vom Hörensagen gekannt.
„… und dann übersiedelten die Neys dauerhaft in die texanische Hauptstadt Austin. Du hast recht, sie sind genauso wie unsere Eltern vor den eisigen Wintern Minnesotas geflüchtet und in den heißen Süden Amerikas aufgebrochen, direttissima nach Texas, wo der Sommer heutzutage ohne Klimaanlage überhaupt nicht mehr zu ertragen ist. Und dort, in Dallas, kamst du zur Welt.“ Megan erinnerte sich noch gut daran, wie sie in den Ferien manchmal Baby Tina im Kinderwagen umhergeschoben hatte.
„Eine überraschende Parallele. Aber, Megan, was spricht sonst noch dagegen, dass die Ney von Brahms eine Büste gemacht haben könnte? Nämlich diese?“, fragte Tina beharrlich weiter und deutete mit dem Kopf nach hinten, wo sie das gute Stück in Sicherheit hoffte.
„Nun, es gibt keinerlei Aufzeichnungen darüber, dass Brahms jemals für Ney Modell gesessen hätte. Und dabei saßen einige sehr prominente Männer für sie Modell: Jacob Grimm, der Märchensammler zum Beispiel. Auch der Philosoph und Frauenfeind Arthur Schopenhauer – selbst ihn brachte sie dazu, für sie zu posieren. Dann den in jungen Jahren erblindeten König Georg V. von Hannover. Und Giuseppe Garibaldi, der Freiheitskämpfer und Einiger Italiens, lud sie in seinen Heimatort ein …“
„Ach, deshalb bist du also damals auf die Insel Caprera gefahren?“
„Ja. Ich wollte Neys kühne Seereise von Sardinien aus nachvollziehen, die sie nur machte, um von ihm eine Marmorbüste machen zu können. Du weißt ja, dass er die halbe Insel gekauft und dort ein prachtvolles Haus gebaut hat, La Casa Bianca, heute ein Museum.“
„Und du hast dort natürlich alles fotografiert.“
„Natürlich“, sagte Megan ein wenig ungeduldig, denn sie hatte gerade weit ausholen wollen mit ihrer kunsthistorischen Antithese, warum die Fakten gegen Ney als Bildhauerin einer Brahms-Büste sprachen. Doch Tina wollte das Gespräch wieder auf ihre eigene Familiengeschichte lenken und sagte scherzend:
„Nicht umsonst war unser Papa ein Fotograf.“
„Ja, Tina. Aber lenk jetzt nicht ab, ich erzähle dir doch gerade, wen diese großartige Bildhauerin damals alles modelliert hat“, sagte Megan und fuhr unbeirrt mit ihrer Aufzählung fort. „In Deutschland war sie unglaublich gut im Geschäft: Sie schuf ein beeindruckendes Denkmal für den Eisernen Kanzler von Deutschland, Otto von Bismarck, dann eine lebensgroße Statue des verrückten Königs Ludwig II. von Bayern, aber auch ein Medaillon von Cosima Liszt von Bülow, die später den armen Hans fallen ließ, um Richard Wagner zu heiraten …“
„Genug! Genug!“, lachte Tina. „Wie soll ich mir das alles merken und gleichzeitig lenken!“
Sie fuhren weiter in Tinas braungeflecktem Longhorn-Chevy ohne etwas zu sagen, und Tina war froh darüber, denn sie musste sich im dichten Straßenverkehr der texanischen Hauptstadt darauf konzentrieren, den Baustellen auszuweichen und über eine Umleitung aus dem Zentrum zur richtigen Abzweigung der Interstate 35 zu finden, die sie dann geradeaus Richtung Norden nach Dallas bringen würde. Natürlich gab es einen Stau vor der Autobahnauffahrt. Megan schien das alles gar nicht zu bemerken, doch dann schrak sie plötzlich aus ihren Gedanken auf.
„Tina! Mir ist gerade etwas eingefallen! Als Elisabet Ney noch in Hannover im königlichen Auftrag mit ihrer Statue von Georg V. beschäftigt war, beauftragte dieser sie auch mit einer Büste des Geigenvirtuosen und Konzertmeisters seiner Hofkapelle, und das war Joseph Joachim. Der beste Freund von Brahms! Joachim und seine Frau, die berühmte Sängerin Amalie Weiss, wurden dann beide in Marmor von Ney porträtiert. Wir haben ihre Büsten gestern im Ney-Museum betrachtet, denn sie hat die Gipsabgüsse dieser beiden Werke gleich nach Amerika mitgenommen.“
„Na, da haben wir ja eine Verbindung. Oder nicht?“
„Lass mich ein paar Jahreszahlen nachsehen“, sagte Megan und nahm ihr iPhone, um ein paar Suchworte einzugeben.
„Hm. Nein, das wäre doch zu einfach gewesen. Warte mal, die Jahre 1859 und 1860, als Ney in Hannover mit der Anfertigung dieser zwei Büsten beschäftigt war, lass mich mal sehen.“
Herrjemine, Megan und ihre Jahreszahlen, dachte Tina, ließ sich aber nichts anmerken.
„Wusstest du, dass Ney und Brahms im selben Alter waren?“, fragte Megan, gerade als es die Abfahrt zur Interstate 35 hochging.
„Selbstverständlich“, murmelte Tina und versuchte auf die rechte Fahrspur zurückzuwechseln, um rechtzeitig abzubiegen. Megan war in ihre Recherche vertieft und bemerkte rein gar nichts von dem Verkehrschaos, das sie bald auf den achtspurigen Highway nach Dallas führen sollte.
„Da hab’ ich es, meine Notizen zu der Brahms-Biografie von Jan Swafford“, sagte sie, just als Tina wieder freie Fahrt hatte. „Ich halte ihn wirklich für den besten modernen Brahms-Biografen.“
Tina sagte nichts, denn sie wusste, was nun kommen würde. Weitere Jahreszahlen und noch mehr Namen, von denen nie ein Mensch zuvor gehört hatte. Denn Megan war im Begriff, einen wissenschaftlich fundierten Zusammenhang herzustellen.
„Sieh an!“, sagte sie mit der Nase fast am Display ihres iPhones, „Am achten Januar 1859 bereitete sich der fünfundzwanzigjährige Brahms in Hannover auf die Uraufführung seines ersten Klavierkonzerts vor. Es beginnt mit einem unheilvollen D in den Hörnern und tiefen Streichern und rund fünfzig stürmischen Paukenwirbeln“, las Megan aus ihren Notizen.
„Und?“ Der Zusammenhang erschloss sich Tina nicht. Was sollte nun das erste Klavierkonzert und seine weiß Gott wie vielen Paukenwirbel mit der Büste zu tun haben?
„Und … Und alle drei waren zur selben Zeit in Hannover! Brahms, Joachim und Ney! Es könnte wirklich sein, dass Joachim nicht nur sich selbst und seine Amalie, sondern auch seinen Freund Brahms … von Ney verewigen ließ.“
„Das ist doch super!“, rief Tina. Hatte sie nicht gleich gesagt, dass die eben erstandene Brahms-Büste ein frühes Werk von Elisabet Ney sein könnte? Eben der rasierte, junge, schlanke Brahms, nicht der bärtige, ältere, etwas rundliche?
„Aber dafür brauchen wir einen Beweis.“ Das war Megan, die Forscherin, die alles wissenschaftlich belegt haben wollte. Tina fuhr nun mit gemäßigten 80 km/h die schnurgerade Interstate nach Norden und fühlte sich auf der altbekannten Strecke mitten durch die weiten Ebenen der Prärie wieder etwas entspannter.
„Aber wenn man bedenkt, wie akribisch jedes Detail in den Biografien von Ney und Brahms geschildert wurde, warum wurde dann nie erwähnt, dass es eine Brahms-Büste gibt?“ Megans Frage war mehr an sie selbst gerichtet als an Tina, aber die hatte ihr Interesse an dem Thema noch nicht verloren.
„Also glaubst du doch nicht daran, dass deine neue alte Brahms-Büste eine echte Ney sein könnte?“
„Das werden wir ja sehen! Ausgeschlossen ist gar nichts. Es trifft sich gut, dass ich ab übermorgen für ein paar Tage in Deutschland bin, dort kann ich der Sache genauer nachgehen.“
Megan war zu einer Vortragsreise eingeladen. In Hamburg sollte sie anlässlich eines dortigen Brahms-Festivals einen Vortrag über dessen eigene kleine Kunstsammlung halten, mit der er seine Wiener Wohnung geschmückt hatte. In Wien war sie zwei Tage später eingeladen, um im Leopold Museum über Gustav Klimt und seine Beziehung zur Musik zu sprechen. Das Fachübergreifende war ihr Metier – die Beziehung zwischen bildender Kunst und Musik, die Wirkung der unterschiedlichen Kunstformen aufeinander und die Beziehungen zwischen den Künstlern.
„Und was ist mit dem Schlüssel, der aus der Büste gefallen ist? Willst du ihn mitnehmen?“
Megan warf ihrer Schwester einen genervten, aber liebevollen Blick zu.
„Natürlich nehme ich ihn mit, Dummchen.“
4
Edgar Wittgenstein war überglücklich. Der schlanke, hochgewachsene Mittfünfziger mit dem auffallend lockigen, schwungvoll zurückgekämmten, dunklen Haar und den stets prüfend hochgehobenen Augenbrauen saß mit selig geschlossenen Augen ganz vorne in der Parterre-Loge des Großen ‚Goldenen‘ Saals seines Hauses und lauschte. Es war der erste Abend einer Konzertreihe, die er, der vielseitig begabte, langjährige Generaldirektor des Wiener Musikvereins, der ehrwürdigen Heimat der berühmten Wiener Philharmoniker, ins Rollen gebracht hatte. Unter dem Titel Bruckner und Brahms: B hoch 2 würde die ganze Woche hindurch jeden zweiten Abend ein Konzert stattfinden, das diesem Titel alle Ehre machte. Heute – Montag – das Auftaktkonzert, dann wieder Mittwoch, Freitag, und als Höhepunkt das Abschlusskonzert der neuen Reihe am kommenden Sonntag, unmittelbar danach ein exklusiver Künstlerempfang im elegantesten der modernen, unterirdischen Säle des Musikvereins.
An jedem der vier Konzertabende sollte die neue, junge Abonnementdirigentin der Wiener Philharmoniker, Maestra Agatha Endlich, die Kombination von je einer Sinfonie der beiden Zeitgenossen, des Linzers Anton Bruckner und des norddeutschen Wahlwieners Johannes Brahms dirigieren. Diese ungewöhnliche Paarung war im Grunde Edgars neuester kreativer Wurf gewesen und seine Idee war von Maestra Endlich begeistert aufgenommen worden. Ihr wiederum war es gelungen, den sonst so reservierten Orchestervorstand für die unkonventionelle Idee zu begeistern. Ausgerechnet Bruckner und Brahms? Kann man ein derartiges Mammutprogramm dem Wiener Publikum zumuten? Ja, warum denn nicht! Aber wie passt das zusammen? Keine Sorge, Agatha würde das buchstäblich spielend hinkriegen. Und tatsächlich kam bei niemandem innerhalb des Musikvereins Zweifel auf.
Die charismatische Brünette war eine brillante Musikerin, in jeder Hinsicht eine Naturbegabung. Sie hielt mühelos mit den berühmten internationalen Stammdirigenten der Wiener Philharmoniker mit, die bisher ausnahmslos alle dem männlichen Geschlecht angehört hatten. Ja, in ihrer jetzigen, prominenten Rolle stellte sie sogar eine gewisse Herausforderung für die männlich dominierte Dirigentenszene dar, aber das tat dem ganzen keinen Abbruch, dachte Edgar. Ganz im Gegenteil: Die Wiener Philharmoniker erstmals mit einer Frau am Pult der Abonnementkonzerte, das war eine internationale Sensation.
Agatha hatte Edgars Vorschlag gefallen, jeweils zuerst die Bruckner-Sinfonie und nach der Pause die Brahms-Sinfonie aufzuführen und daraus eine ganze Konzertreihe zu machen. Sie war auch ganz einer Meinung mit ihm, dass für die Kombination mit den vier Brahms-Sinfonien nur Bruckners Erste, Vierte, Achte und Neunte in Frage kamen. Die für ihren Eigenwillen bekannten Wiener Philharmoniker spielten ganz offensichtlich gerne mit und so hatte es sich Edgar nicht nehmen lassen, dem Eröffnungskonzert beizuwohnen und der Dirigentin und ihrem Orchester die Ehre zu erweisen.
Und nun, da das Konzert vor der Pause fast zu Ende war, erklang der letzte Satz von Bruckners grandioser Ersten Sinfonie in voller Pracht im Goldenen Saal des Musikvereins, mit der begnadeten Maestra Endlich am Pult. Bruckners Erste hatte er schon viele Male gehört, und sie erinnerte ihn immer eindrucksvoll daran, dass dieser ursprünglich Kirchenorganist gewesen war, da er in seinem letzten Satz parallel zu den üppig orchestrierten Themen einen fast fühlbaren „Pedal“-Kontrapunkt auskomponierte. Der ewig verunsicherte Bruckner hatte diese Sinfonie wie fast alle anderen später noch einmal überabeitet, ein endloses Tüfteln, dachte Edgar, ähnlich wie bei Brahms’ Erster Sinfonie, die ebenfalls so lange auf ihre Vollendung hatte warten müssen. Brahms selbst hatte eingestanden, dass er für seine Erste ganze einundzwanzig Jahre gebraucht hatte. Die Tüftelei führte allerdings zu jeweils ganz anderen Ergebnissen, fand Edgar, der es liebte, große Werke zu vergleichen und sich in die Seelen der Komponisten zu versetzen. Er freute sich schon auf den Vergleich mit dem Schlusssatz von Brahms’ Erster Sinfonie, die nach der Pause beginnen würde.
Dieser bot zwei ganz anders geartete, zartere Leckerbissen als das üppige Finale von Bruckner: den Hornruf eines einsamen Almhirten und dann das mächtige Finale mit seiner eindeutig heroisch angelegten, mitreißenden Melodie, die gewissermaßen zum Singen aufforderte. Kein Wunder, dass Brahms’ Erste oft wohlwollend als Beethovens Zehnte bezeichnet wurde.
5
Das sonnige Wohnzimmer der geräumigen, zweigeschossigen Wohnung des Bildhauers Mario Intagliatore in der schmalen Hamburger Zufallstraße bot einen direkten Blick auf die Architektur der erst kürzlich eröffneten, geschwungenen, weißen Treppen der neuen Elbpromenade. Intagliatore, gerade von einer Italienreise zurückgekehrt, wo er einen Marmorblock für sein neuestes Werk ausgesucht hatte, überflog kopfschüttelnd die Zeitungen, die ihm seine langjährige, treusorgende Haushälterin, Frau Salem, bereitgelegt hatte. Wieder einmal war seine Walhalla-Brahms-Büste, die nun schon seit mehr als zwanzig Jahren auf ihrem Platz ruhte, auf witzige, aktionistische Weise in die Kritik geraten. Offenbar hatte ein übereifriger Besucher das bartlose Antlitz ‚korrigiert‘, indem er dem Komponisten heimlich einen Rauschebart aus dem Kostümbedarf ans Kinn geschnallt hatte.
Der weißhaarige Bildhauer, selbst ein Bartträger – seiner war im Gegensatz zu seiner Kopfbehaarung schwarz –, blickte von seiner Zeitung auf. Sein Blick fiel auf die Bilder an der Wand seines Wohnzimmers: großformatige, gerahmte Fotografien des jung wirkenden Brahms ohne Bart. Das glattrasierte, junge Gesicht des Komponisten wirkte wunderschön und sensibel auf Intagliatore und genau das wollte er in seiner neuen Büste des großen Komponisten ganz besonders zum Ausdruck bringen. Seltsam, dachte er, wie unwillig die Menschen ihre vorgefassten Haltungen aufgaben, auch wenn sie falsch waren, und lieber ihrem Ärger freien Lauf ließen.
Vielleicht würde er Gelegenheit haben, dieses Thema am kommenden Mittwoch beim Brahms-Symposium an der Universität Hamburg anzusprechen. Er würde dort seine neueste Gipsbüste von Brahms als Leihgabe präsentieren. Es wäre interessant, die Meinung einer ganz bestimmten Co-Referentin zu dem jüngsten Vandalismus an seinem Werk in Walhalla zu erfahren. Der Vortrag der amerikanischen Kunst- und Musikhistorikerin mit dem faszinierenden Titel „Der visuelle Brahms: Idole und Bilder“ würde doch wohl hoffentlich auch sein Werk positiv berücksichtigen. Außerdem hatte sie eine interessante Ikonografie über den Wandel des Beethoven-Bildes im Laufe eines Jahrhunderts geschrieben und auch darin war ein bemerkenswertes Kapitel Brahms gewidmet. Interessant, dass eine Amerikanerin italienischer Abstammung eine derartige Kenntnis der deutschen Kunst und Kultur besaß, dachte er. Ja, er würde sie ganz bestimmt ansprechen.
Aber jetzt war es an der Zeit, seine neueste Erwerbung, eine ganz erstaunliche pneumatische Punktiermaschine, in sein Kellerstudio zu bringen. Er hatte sie bei seiner Reise in Carrara gekauft und gleich mitgebracht. Mit seinen vierundsechzig Jahren war er ein schlanker und sportlich trainierter Junggeselle geblieben, der stets an die traditionelle manuelle Steinbearbeitung geglaubt hatte. Und obwohl er sich vierzig erfolgreiche Arbeitsjahre lang gegen die Pneumatik gesträubt hatte, war ihm das neue Gerät in dem kleinen italienischen Städtchen, das für seinen hochwertigen Marmor und seine engagierten Steinmetze berühmt war, beim erstmaligen Probieren vor Ort so sympathisch und handlich erschienen, dass er es sofort spontan gekauft hatte. Die Präzision, die Geschwindigkeit und auch das geringe Gewicht der kompakten Hochleistungsmaschine hatten ihn augenblicklich überzeugt.
Seit jeher war es Intagliatores Arbeitsmethode gewesen, den jeweiligen Marmorblock zuerst von seinen Steinmetzen mit Hammer und Meißel vorbereiten zu lassen und dabei die Dimensionen mit einem Messschieber zu bestimmen. Aber nach diesem ersten Schritt war er es immer selbst, der nach der mechanischen Punktiermaschine griff, die jede seiner Markierungen von einem zuvor sorgfältig hergestellten Tonmodell auf die Konturen der Gipsbüste des Dargestellten übertrug. Im nächsten Schritt wurden die Linien und Dimensionen am Gipsmodell Punkt für Punkt abgearbeitet und dann auf die entsprechenden Positionen des Marmorblocks übertragen. Hunderte Male musste der Vorgang wiederholt werden, bis die Gesamtform präzise vorlag und Intagliatore die Details von Hand ausarbeiten konnte. Doch die erstaunliche neue Maschine mit pneumatischem Antrieb konnte alle Markierungen gleichzeitig übertragen!
Intagliatore konnte es kaum erwarten, es auszuprobieren. Der Marmorblock, den er in Carrara bestellt hatte, würde zwar erst in zwei Wochen eintreffen. Aber in seinem geräumigen Kelleratelier wartete schon das bereits fertiggestellte Gipsmodell. Die neue Brahms-Büste war von einem geheimnisvollen anonymen Kunden in Auftrag gegeben worden, der das ganze Geschäft mitsamt allen Details online über einen Mittelsmann abwickeln wollte, und das war Intagliatore nur recht gewesen. Das Werk wurde bereits in bar und im Voraus bezahlt, einschließlich des Marmors und der Spedition. Nach Eintreffen des Betrags auf seinem Konto hatte Intagliatore mit dem Entwurf nach Porträtfotografien begonnen. Es waren Fotografien, die denen von Johannes Brahms in seinem Frühstückszimmer frappierend ähnelten. Mit einem gravierenden Unterschied: Es war ein Brahms mit Bart, den der geheimnisvolle Kunde haben wollte.
6
Zur Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert zählte die Familie Wittgenstein zu den Repräsentanten des assimilierten jüdischen Bürgertums und galt als eine der wohlhabendsten in Europa, was bedeutete, dass sie mit Vorurteilen zu kämpfen hatte. Der Patriarch Karl Wittgenstein war ein Stahlmagnat, der sich hochgearbeitet hatte und auch als Kunstmäzen erfolgreich war. Seine Frau Leopoldine schenkte ihm neun Kinder. Die beiden jüngsten errangen Weltruhm. Der Zweitjüngste, Paul Wittgenstein, verlor im Ersten Weltkrieg seinen rechten Arm und wurde trotzdem ein gefeierter Konzertpianist. Die größten Komponisten seiner Zeit schrieben für ihn Klavierkonzerte für die linke Hand, darunter Maurice Ravel, Richard Strauss, Sergej Prokofjew, Paul Hindemith, Erich Korngold, Benjamin Britten.
Der jüngste Sohn, Ludwig Wittgenstein, wurde Professor für Philosophie in Cambridge, der vor allem für seinen Tractatus Logico-Philosophicus, den er teilweise in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs verfasste, weltweit bekannt und bewundert, wenn auch nicht verstanden wurde. Dieser Tractatus und seine späteren philosophischen Abhandlungen veranlassten viele, ihn für den größten Philosophen des 20. Jahrhunderts zu halten.
Das Palais Wittgenstein in der Alleegasse, der heutigen Argentinierstraße, war nur wenige hundert Schritte von der berühmten Wiener Karlskirche. Ebenfalls nur ein paar hundert Schritte weiter, befand sich das ehemalige Eckhaus Karlsgasse Nr. 4. Hier wohnte Johannes Brahms die letzten vierundzwanzig Jahre seines Lebens, zuerst in einer etwas engen Zweizimmerwohnung im zweiten, dann in einer geräumigen Dreizimmer-Mietwohnung im dritten Stock. Der Blick aus seinem Musik- und Wohnzimmer bot ihm ein herrliches Panorama auf den Karlsplatz und die Karlskirche. Der Weg von Brahms’ Wohnung zum Palais Wittgenstein mit seinem legendären Musiksalon war kurz und Brahms war dort stets ein gern gesehener Gast.
Im dunkel tapezierten Musiksalon der Wittgensteins zierten Minnesänger und Ritter die beeindruckenden Wandteppiche zwischen dekorativen Paneelen aus dunklem Holz, davor stand ein Modell von Max Klingers berühmter Beethoven-Skulptur: ein weißer Marmortorso des tief in Gedanken versunkenen Komponisten, die gekreuzten Hände zu Fäusten geballt, auf den Schenkeln ruhend. Zwei Bösendorfer-Imperial-Flügel und eine zweimanualige Pedalorgel standen auf der anderen Seite. Im Laufe der Jahrzehnte besuchten zahlreiche Größen der Musikwelt den Musiksalon oder traten dort auf: Clara Schumann, Joseph Joachim, Gustav Mahler, Richard Strauss, Maurice Ravel, Arnold Schönberg, Alexander von Zemlinsky, Bruno Walter. Und natürlich Johannes Brahms, für den ein spezieller Stuhl in der Nähe des Ausgangs reserviert war, damit er unbemerkt kommen und gehen konnte, wann immer er wollte. Hier, im legendären Salon Wittgenstein, wurde auch sein Klarinettenquintett uraufgeführt.
Und von hier entkam der leidgeprüfte erstgeborene Sohn des tyrannischen Patriarchen Karl Wittgenstein. Der musikalisch-mathematisch inselbegabte Johannes „Hans“ Wittgenstein floh nach Amerika, wo sich seine Spuren im Jahre 1902 verloren, als er gerade mal vierundzwanzig Jahre alt war.
7
„Aber, Megan, warum gehört Brahms eigentlich zu den drei Bs der Musik?“, fragte Tina, als die Skyline von Dallas am Horizont auftauchte. „Zählt er dazu, weil er genauso gut war wie Bach oder Beethoven?“
„Hm. Das ist eine kolossal schwierige Frage. Wie soll ich dir das erklären … es geht nicht so sehr um das ‚genauso gut wie‘, sondern darum, dass er schon zu Lebzeiten ein überragender Meister seiner Kunst war und einzigartige Werke geschaffen hat, die über seinen Tod hinaus Bestand hatten und andere nach ihm beeinflussten. Das gilt für die drei Bs, Bach, Beethoven und Brahms. Aber es gilt genauso für einige andere große Komponisten, nur dass deren Nachnamen nicht mit „B“ beginnen und nicht alle aus Deutschland kommen“, erklärte Megan mit nachdenklicher Miene.
Tina lachte laut heraus: „Na, das ist ja kompliziert. Ich für meinen Teil weiß nur, dass Brahms ein berühmtes Wiegenlied geschrieben hat.“
„Mich beschäftigt gerade etwas anderes“, sagte Megan, die ihre Schwester nicht weiter mit tiefschürfenden musikwissenschaftlichen Überlegungen in Verlegenheit bringen wollte. „Es wäre möglich, dass unsere Brahms-Büste ursprünglich dem Ney-Museum gehörte und von dort irgendwie in das Antiquitätengeschäft in Austin kam.“
„Ach ja, und im Museum fand irgendjemand die Büste wertlos, weil sie beschädigt war, also wurde sie einfach entsorgt? Ach, komm!“ Tina kicherte.
„Nein, nein, das sicher nicht“, sagte Megan. „Aber in der Biografie las ich, dass Ney, nachdem sie schon einige Jahre in Texas lebte und in ihr Atelier in Austin übersiedelte, sich einige ihrer prominenten Werke aus ihrem Schwabinger Atelier nachschicken ließ, und es könnte doch sein, dass die Brahms-Büste eines dieser Stücke war. Die Büste könnte beim Transport beschädigt worden sein. Es wäre denkbar, dass sie sie deshalb separat aufbewahrt hat, um sie später zu reparieren und dann wurde sie vielleicht in irgendeinem Schrank einfach vergessen. Andererseits wäre es den Biografen und Kunsthistorikern nicht entgangen, wenn Ney die Büste eines so berühmten Mannes in Bronze gegossen hätte. Genauso gut könnte es sein, dass nur die Gipsvorlage verschickt wurde, und dass sie sie erst später in Texas in Bronze gegossen hat.“
„Ruf doch einfach Jacquelyn an und frag sie“, sagte Tina, praktisch veranlagt, wie sie nun mal war.
„Genau das werde ich tun.“ Megan zog ihr rotes iPhone hervor und wählte die Nummer des Ney-Museums.
„Aber wahrscheinlich ist sie montags nicht im Büro“, sagte Tina. Doch es war Jacquelyn selbst, die gleich abnahm. Megan tippte auf die Lautsprechertaste auf dem Display, damit Tina das Gespräch mithören konnte.
„Frau Professor Crespi! Was kann ich für Sie tun? Es war gestern ein Riesenvergnügen, mit Ihnen und Ihrer Schwester durch das Museum zu gehen.“
„Danke, uns hat es auch sehr gefallen. Aber nennen Sie mich doch bitte Megan. Ich bin so froh, dass ich Sie gleich erreicht habe, denn ich habe eine wichtige Frage, bei der Sie mir helfen können.“
„Gern, nur zu.“
„Es ist so, wir waren heute Vormittag noch in Austin unterwegs und kamen zufällig an einen Antiquitätenladen in der Innenstadt vorbei. Ich habe dort eine ganz außergewöhnliche Entdeckung gemacht, wie ich meine, und gleich zugeschlagen. Sie werden es mir kaum glauben, aber es handelt sich mit größter Wahrscheinlichkeit um eine Büste von Johannes Brahms! Und wir haben einen alten Schlüssel darin gefunden. Die Büste stammt offensichtlich aus seinen frühen Jahren und ist arg ramponiert, aber die Gesichtszüge sind für mich eindeutig zu erkennen. Nämlich genau so, wie wir sie von Fotos aus seinen Jugendjahren kennen, als er noch keinen Bart trug.“
„Das ist ja unglaublich!“, rief Jacquelyn.
„Ich habe sofort recherchiert und etwas herausgefunden, was noch verrückter ist. Joseph Joachim, Johannes Brahms und Elisabet Ney waren alle zur gleichen Zeit in Hannover, nämlich 1959. Das war doch jenes Jahr, als Ney in königlichem Auftrag die Büste des Hofkomponisten Joachim schuf, die sie dann im folgenden Jahr fertigstellte. Zur gleichen Zeit begann sie im Auftrag von Joachim mit der Arbeit an einer Marmorbüste seiner Frau, der Altistin Amalie Weiss, deren Fertigstellung dann allerdings noch acht Jahre dauerte. Aber Joachim könnte damals auch eine Büste von seinem bestem Freund Johannes Brahms bei Ney in Auftrag gegeben haben.“
„Ja, Joachim und Amalie. Ihr habt die beiden Büsten gestern bei unserem Museumsrundgang gesehen. Amalie muss eine beeindruckende Frau gewesen sein, sechs Kinder und ihre Karriere als Sängerin unter einen Hut zu bringen, keine einfache Sache.“
„Das sehe ich auch so. Und wussten Sie, dass Joachim sich nach einundzwanzig Jahren Ehe plötzlich von ihr scheiden ließ? Zu Brahms’ Empörung, wohlgemerkt. Und trotz allem hat sie ihre Karriere fortgesetzt. Sie tourte sogar durch Amerika.“
„Oh, das wusste ich nicht, danke für die Information! Das muss ich in die Biografie zu Amalies Büste aufnehmen.“
„Gute Idee. Aber was ich Sie eigentlich fragen wollte: Wissen Sie von einem solchen Exponat – einer Bronzebüste von Johannes Brahms – in Neys Atelier, in ihrem Haus, das nach ihrem Tod oder vielleicht später, nach dem Tod ihres Mannes, verkauft oder anderweitig weitergegeben wurde? Wäre es denkbar, dass es je ein solches Werk gegeben hat?“
„Ich bezweifle sehr, dass so etwas verloren gegangen sein könnte. Elisabeth Neys jahrzehntelang treue Haushälterin, Cenci, überwachte alles mit Argusaugen. Und Sie wissen ja, dass Neys beste Freundin Ella Dibrell und ihr Mann das Haus 1907 mit dem ausdrücklichen Ziel gekauft haben, es intakt zu erhalten. Sie hätten wohl kaum ein Werk weggegeben, egal in welchem Zustand. Sie hätten nichts verkauft. Und wenn es sich um die Darstellung einer so bedeutenden Persönlichkeit wie Johannes Brahms handelte, hätte Ney es wohl mindestens einmal im Lauf der Zeit erwähnt.“ Tina, die mit dem Blick auf die Straße aufmerksam zugehört hatte, nickte bekräftigend.
„Nun, sagen Sie mir eins, Jacquelyn“, beharrte Megan. „Welche Kunstwerke ließ sie sich aus München nachschicken?“
„Warten Sie. Ich sehe gleich in unseren Unterlagen dazu nach.“
„Großartig. Vielen Dank für Ihre Mühe!“ Es folgte eine lange Pause.
„Da haben wir es ja! Die Inventarliste von damals“, meldete Jacquelyn sich zurück. „Ich sehe hier, es waren ziemlich viele Objekte. Mit Ausnahme der Marmorbüsten von Ney und ihrem Mann Edmund waren sämtliche Büsten, die sie von Deutschland nach Texas verschiffen ließ, aus Gips. Mal sehen. Ich lese Ihnen ein paar der bekannteren Namen vor. Da haben wir Jacob Grimm, König Georg V. von Hannover, den Italiener Giuseppi Garibaldi, den deutschen Kanzler Bismarck, den verrückten König Ludwig von Bayern, die Altistin Amalie Weiss, also Joachims Frau und … Moment mal! Ich lese hier: Joachims Büste ist nicht aus Gips, sondern aus Selenit.“
„Was ist denn Selenit?“, fragte Tina konsterniert.
„Edler als Gips, aber nicht so edel wie Marmor“, antwortete Jacquelyn leichthin.
„Jacquelyn, steht in Ihrer Liste eine nicht näher definierte Bronzebüste?“, fragte Megan ungeduldig.
„Tut mir leid, nein, nicht wirklich. Aber ich weiß von einem Brief, den Ney im Jahr 1897 an die Houston & Texas Central Railroad schrieb. Darin beschwerte sie sich über die ‚irreparablen‘ Transportschäden an zwei Büsten, die ihr aus München zugesandt wurden. Nur eine davon ist namentlich genannt: ein Graf von Werthern.“
„Aha. Nun, das könnte eine Spur sein. Vielleicht könnten Sie noch mehr über die zweite, nicht namentlich genannte Büste herausfinden?“ Aus Megans Stimme klang die Zuversicht, dass ihre Entdeckung eine Sensation sein könnte. „Denn die Tatsache, dass sie beschädigt war, ist sicherlich ein passender Hinweis. Danke, dass Sie für mich nachgesehen haben!“
„Sehr gerne. Ich werde noch weiter nachforschen und dich auf dem Laufenden halten. Jetzt wünsche ich dir erst einmal einen guten Flug.“ Megan hatte Jacquelyn tags zuvor erzählt, dass sie für zwei Vorträge nach Deutschland und Österreich reisen würde.
Nachdem sich die beiden Kunsthistorikerinnen voneinander verabschiedet hatten, verstaute Megan das iPhone wieder in ihrer Umhängetasche und wandte sich an ihre Schwester.
„Tina, ich werde diese Angelegenheit nicht auf sich beruhen lassen. Diese Brahms-Büste muss irgendwie von Deutschland aus nach Texas und in die Hauptstadt Austin gelangt sein, wo Ney lebte. Und das Schlüsselchen, das darin versteckt war, gehört zu dem Schloss für ein bestimmtes Behältnis. Und das ist vielleicht in Austin oder in Österreich oder vielleicht in Deutschland. Wo immer es ist, ich möchte es wissen.“
8
Ist ja merkwürdig, dachte Intagliatore, als er am späten Nachmittag die Treppen hinunterstieg, um sein Kelleratelier aufzuschließen. Die Tür stand offen. Das Licht war an und schien auf die Tonmodelle und die etwa zwei Dutzend Gipsbüsten in den Regalen.
„Was ist denn hier los? Ich lasse doch nie das Licht an“, sagte er verärgert zu sich. Ganz sicher hatte er es vor seiner Abreise von Hamburg nach Carrara ausgeschaltet. Wahrscheinlich hatte Frau Salem hier unten irgendetwas gesucht, überlegte er. Aber wie unachtsam von ihr, das Licht brennen zu lassen und die Tür nicht abzusperren! Das sah ihr gar nicht ähnlich.
Er begab sich in die Mitte des weitläufigen Raumes. Alles schien unversehrt zu sein. Doch dann bemerkte er in der hintersten Ecke, dass etwas fehlte. Die mit großer Sorgfalt modellierte Gipsbüste des bärtigen Brahms war nicht mehr dort, wo er sie zuletzt auf seinem Arbeitstisch abgestellt hatte. Diavolo! Wo konnte sie nur sein? Er lief durch das Atelier und betrachtete jedes Exponat, suchte in jedem Winkel. Nichts, rein Garnichts. Sie war fort. Er wollte es nicht glauben und suchte erneut. Die vier Fotografien des bärtigen Brahms hingen an der Wand über dem Arbeitstisch wie zuvor, aber die Büste fehlte. Wie war das möglich? Warum war die Tür zum Atelier nicht versperrt gewesen? Seine Ratlosigkeit verwandelte sich in Zorn. Intagliatore löschte das Licht, versperrte die Tür zum Atelier und stieg im Eiltempo die Treppe hoch. Hoffentlich hatte Frau Salem eine gute Erklärung für all das.
Er fand sie in der Küche, lachend und plaudernd mit ihrer Freundin Felizitas, der jungen Haushälterin von nebenan. Die beiden tranken oft um diese Tageszeit gemeinsam eine Tasse Tee, und nachdem Herr Intagliatore nach Italien abgereist war, hatte Frau Salem ihrer jungen Freundin stolz den aufregenden Grund seiner Reise erzählt – er besorgte italienischen Marmor für eine neue Büste des Komponisten Johannes Brahms!
Aber nun stand ihr Chef in der Tür und teilte ihr zornentbrannt mit, dass er sein Atelier unverschlossen vorgefunden hatte und dass sogar das Licht an gewesen sei. Sie war regelrecht sprachlos. Sie hatte keine Ahnung, weder von der unverschlossenen Tür noch ob jemand das Licht angelassen hatte. Während seiner Abwesenheit war sie kein einziges Mal ins Atelier hinuntergegangen. Dafür hatte es keinen Grund gegeben, denn sie hatte dort schon lang vor der Abreise des Signore aufgeräumt. Und nein, es hatte auch niemand während seiner Abwesenheit geläutet und darum gebeten, hereingelassen zu werden.
Intagliatore war zunehmend irritiert. Wer hätte denn ein Interesse an dem Gipsmodell für seine neue Brahms-Büste? Warum ausgerechnet dieses Werk, wo doch reihenweise wertvolle Marmorbüsten berühmter Persönlichkeiten aus Vergangenheit und Gegenwart die Regale seines Ateliers bevölkerten? Ja, wer? Vielleicht der anonyme Exzentriker, der die Büste in Auftrag gegeben hatte? Aber wer war das? Den Mittelsmann zu befragen, würde definitiv nichts bringen. Es sei denn, er würde die Polizei einschalten. Aber wollte er, Intagliatore, das? Wären die Gesetzeshüter in der Lage, die Identität eines anonymen Auftraggebers herauszufinden, der alles, einschließlich des Marmors, im Voraus bezahlt hatte?
Das wiederum führt zu einer weiteren Frage, dachte er. Wenn der Diebstahl von meinem mysteriösen Auftraggeber ausging, warum sollte er den Entwurf dafür stehlen? Er würde doch abwarten, bis die Büste in Marmor gehauen und damit wirklich wertvoll war?
9
„Nun, mein lieber Edgar, die Aufführung unseres ersten B hoch 2-Abonnemenentkonzerts gestern Abend war ganz offensichtlich ein großer Erfolg“, sprach Agatha Endlich mit einem Lächeln den Direktor des Musikvereins an, als sie gerade aus ihrem Dirigentinnenzimmer kam und durch die offene Tür seines angrenzenden Büros im obersten Stockwerk des Wiener Musikvereinsgebäudes blickte. Es war kurz vor sechs Uhr am Dienstagabend und die Maestra war auf dem Weg aus dem Gebäude. Seit dem Konzert am Montagabend hatte sie den Generaldirektor nicht mehr gesehen, aber nun sah er von seinem Schreibtisch auf und strahlte die Dirigentin an.
„Allerdings, und sind Sie auch zufrieden?“
„Aber sicher! Das Publikum war begeistert und für mich war es eine fantastische Herausforderung!“
„Dann können wir es mit Fug und Recht ‚unsere‘ Konzertreihe nennen“, antwortete Edgar. „Ihre Interpretation der beiden Sinfonien war großartig, einfach faszinierend. Vor allem die Erste von Bruckner!“
„Ach, Edgar, vielen Dank! Das macht mir Mut.“
„Meine Liebe, als ob Sie es nötig hätten, ermutigt zu werden.“
„Sie haben ja keine Ahnung. Zurzeit bin ich für jeden Zuspruch dankbar.“ Sie klang ein wenig niedergeschlagen und fuhr mit getrübter Miene fort: „Stefanie Schreibenstein kam hinter die Bühne, um mir persönlich zu gratulieren. Auch Lukas Eifer und Christian Begeist …“ Agatha meinte damit die einflussreiche Musikkritikerin der Tageszeitung Wiener Rundschau und zwei ihrer österreichischen Dirigentenkollegen. Der eine, Lukas Eifer, leitete das Grazer Philharmonische Orchester, der andere war ihr Nachfolger beim Bruckner Orchester Linz.
Ein Gedanke kam Edgar in den Sinn, als er Agatha da zwischen Tür und Angel stehen sah. Zwar kannten sie sich schon seit fast drei Jahren, aber immer nur auf beruflicher Ebene. Beide waren sehr beschäftigt und hatten wenig Zeit für private Kontakte. Aber es könnte schön sein, sich mit der innovativen jungen Dirigentin ein wenig näher zu unterhalten. Sie war offen für unorthodoxe Vorschläge, sonst wäre die Umsetzung und der Erfolg der neuen Konzertreihe nie möglich gewesen. Edgar setzte seine Idee spontan in die Tat um. Sie würde bestimmt nicht nein sagen.
„Sagen Sie mal, Agatha, haben Sie schon Pläne für den Abend? Oder wartet zu Hause jemand auf Sie? Ich meine, wir könnten unsere nächsten Konzertideen zur Abwechslung mal außerhalb des Hauses vertiefen.“
„Vertiefen? Außerhalb des Hauses? Woran haben Sie denn gedacht?“ Agatha grinste schelmisch.
„Irgendwo in der Nähe und irgendwo … wo wir dem Himmel nahe sind“, erwiderte Edgar ebenso schelmisch.
„Und wo soll das sein, jetzt wo der ganze erste Bezirk von Touristen überlaufen ist?“
„Ich meine ein bestimmtes Restaurant in einem bestimmten, wirklich großartigen Grand Hotel, gleich auf der anderen Seite des Kärntner-Rings, es sind nur ein paar Schritte zu Fuß von der Bösendorfer Straße aus.“
Edgar hatte das Restaurant unter dem Dach eines jener First Class Hotels im Sinn, die den historischen Wiener Prachtboulevard, die Wiener Ringstraße, säumten – ein Ringstraßenpalais in der Nähe des Musikvereins, das in den 1870er Jahren erbaut worden war und zu einem der exklusivsten Hotels der Stadt umgebaut worden war.
„Ich meine das Le Ciel, das Restaurant liegt dort im siebten Stock“, erklärte Edgar und brachte es auf den Punkt.
„Klingt überirdisch. Dann nichts wie au ciel, in den Himmel!“, stimmte Agatha zu.
Zehn Minuten später saßen sie an einem Zweiertisch unter den riesigen, nach innen gewölbten Panoramafenstern des elegant eingerichteten Restaurants. Drei große himmelblau beleuchtete Deckenpaneele setzten die Fensterflächen fort und machten dem Namen des Restaurants alle Ehre.
„Wir könnten auch auf der Dachterrasse sitzen, wenn Sie möchten“, bot Edgar an.
„Oh, nein, nein. Hier unter diesem himmlischen Licht ist es perfekt“, winkte Agatha ab und studierte bereits die Speisekarte. Sie entschieden sich beide für gebratenen Saibling, und ein unaufdringlicher Kellner empfahl dazu einen 2017er Villa Tolnay. Der ungarische Weißwein tat seine Wirkung und bald unterhielten sie sich angeregt.
„Edgar, sagen Sie mal. Wie genau sind Sie mit der Familie Wittgenstein verwandt?“
„Ach, meine Liebe“, seufzte er, „das ist kompliziert. Sind Sie sicher, dass ich jetzt davon anfangen soll?“
„Unbedingt.“
„Nun, meine Geschichte reicht sehr, sehr weit zurück, doch ich sehe kaum noch Angehörige hier in Wien. Eines haben wir aber gemeinsam: alle Wittgensteins spielen Klavier. Ich bin ein Nachkomme des Wiener Stahlmagnaten Karl Wittgenstein und seiner Frau Leopoldine, die beide sehr begabt am Klavier waren. Ich stamme von ihrem fünften Kind, Helene Wittgenstein, ab. Kurz vor der Jahrhundertwende heiratete sie einen protestantischen österreichischen Ministerialbeamten, Max Salzer, der später das Vermögen der Familie Wittgenstein verwaltete. Ich bin also, Moment mal, der Ur-Ur-Urenkel von Helene Wittgenstein. Einer ihrer Söhne, mein Urgroßvater Felix Salzer, wurde Musikwissenschaftler, floh 1939 vor den Nazis nach Amerika und ließ sich dort nieder. Sein Sohn aber, Helenes Enkel Frank Salzer, mein Großvater, kehrte nach dem Zweiten Weltkrieg nach Österreich zurück, nahm den Namen Wittgenstein an und heiratete hier in Wien meine Großmutter, auch eine Jüdin. Ihre Kinder bekamen Kinder, und einer von ihnen, Patrick, bekam zusammen mit seiner Frau Sarah, mich. Alles klar?“ Sie lachten beide herzlich.
„Alles völlig klar“, platzte Agatha schließlich heraus. „Und darauf stoßen wir jetzt an!“
Die Heiterkeit hielt auch während des Desserts an und sie plauderten über verschiedene legendäre Persönlichkeiten aus der Welt des Wiener Musikvereins. Schließlich, bei einem ausgedehnten Kaffee, wurde Edgar ernst.
„Also, liebe Maestra, darf ich vermuten, dass zu Hause niemand auf Sie wartet?“
„Das werde ich herausfinden, wenn ich wieder zu Hause bin.“
„Na schön. Bleiben Sie ein Mysterium, wenn es sein muss. Aber erzählen Sie mir doch mal genauer, wie Sie zu Ihrer Berufswahl gekommen sind?“
„Wollen Sie die kurze, die mittellange oder die lange Version?“
„Was immer Ihnen beliebt.“
„Nun, es geht alles auf meinen böhmischen Großvater zurück, ein Geiger, der seine Musikalität an seine Kinder weitergab, und diese – in meinem Fall meine Mutter, auch eine Violinistin – wiederum an ihre Kinder. Ich aber war wissbegieriger als die anderen und wollte von Anfang an jedes Orchesterinstrument ausprobieren. Meine Eltern versorgten mich großzügig mit einer ganzen Reihe von Blas-, Streich-, Tasten- und sogar Schlaginstrumenten. Das ist es übrigens, was mich zu Hause erwartet, meine Instrumente“, gab Agatha zu. „Und Fanny, meine Hündin. Benannt nach Fanny Mendelssohn, versteht sich.“
„Was sonst. Natürlich. Und wie sind Sie vom Spielen der verschiedenen Instrumente zum Dirigieren gekommen?“ Edgar kannte Agathas Lebenslauf, aber er wollte es jetzt genau wissen.
„Nach meinem Studium an der Universität für Musik und darstellende Kunst hier in Wien, erfuhr mein Vater von einem neuen zweiwöchigen Seminar, das in Amerika, und dort ausgerechnet in Dallas, Texas, stattfand: Das Hart Institute for Women Conductors der Dallas Opera. Er erlaubte mir die Reise von Wien in den ‚Wilden Westen‘. Anders als geplant, blieb ich dort ganze drei Jahre lang und profitierte enorm davon. Als ich nach Österreich zurückkehrte, bewarb ich mich um die gerade frei gewordene Stelle als Dirigentin des Bruckner Orchesters Linz und bekam sie. Ich war dort die erste Dirigentin, also die erste Frau am Pult überhaupt, und Sie können mir glauben, dass die Medien ihren Spaß mit meinem Nachnamen hatten. Endlich eine Frau am Pult – Frau Endlich! Das war vor sieben Jahren, Sie werden wissen, was ich seither alles dirigiert habe, von Anton Bruckner bis Philip Glass. Und jetzt bin ich hier, als Abonnementdirigentin der Wiener Philharmoniker. Nicht zuletzt dank des großen öffentlichen Drucks, Frauen in das Orchester aufzunehmen und schließlich mich – endlich! – als erste Frau am Pult! Die ‚Tradition‘, keine Frauen aufzunehmen, hat sich ja bei den Wiener Philharmonikern viel länger als bei allen anderen großen Orchestern der Welt gehalten. Wir haben mittlerweile achtzehn Instrumentalistinnen. Und das in einem Orchester mit einhundertfünfundvierzig fest angestellten Mitgliedern! Aber ich komme vom Thema ab, nicht wahr? Was möchten Sie denn sonst noch von mir wissen?“
„Sind Sie Single?“, hörte sich Edgar, der bis dahin nur voll Bewunderung zugehört hatte, plötzlich fragen.
„Ja. Und Sie?“
„Ich bin Witwer. Meine geliebte Frau Tanja ist vor fünf Jahren gestorben. Krebs. Seither bin ich mit meiner Arbeit verheiratet.“
„Ach, das tut mir sehr leid! Aber für mich gilt dasselbe, die Arbeit ist mein Lebenspartner.“
„In welche Richtung gehen Sie nach Hause?“, fragte Edgar Agatha, als sie um kurz nach neun Uhr abends die Lobby des Grand Hotels verließen. Zu ihrer gemeinsamen Überraschung waren sie ganze drei Stunden bei ihrem himmlischen Abendessen im Le Ciel gewesen.
„Wir sind so schnell vom Musikverein aufgebrochen, dass ich noch einmal in mein Büro muss, um ein paar Sachen zu holen.“
„Gut, dann begleite ich Sie dorthin zurück.“
Die beiden unterhielten sich weiterhin angeregt und trennten sich erst, als sie den Musikverein erreichten – Edgar ging nach Hause und Agatha in ihr Büro. Sie war überrascht, die Tür offen vorzufinden. Auf ihrem Schreibtisch lag ein Umschlag, auf dem in großen Buchstaben ihr Name stand. Na sowas? Das lag vorher noch nicht da, dachte sie. Verwundert riss Agatha den Umschlag auf. Nur ein Blatt Papier lag gefaltet darin. Die Maestra öffnete es und erschrak. In leuchtend roten Großbuchstaben standen dort die Worte:
NIEMALS DARF DER KATHOLIK BRUCKNER GEMEINSAM MIT DEM PROTESTANTEN BRAHMS AUFGEFÜHRT WERDEN!
WAS SIE MACHEN, IST OBSZÖN UND WENN SIE MIT DIESER KETZEREI WEITERMACHEN, WERDEN SIE BESTRAFT!
10
Als die beiden Crespi-Schwestern montagnachmittags gut gelaunt nach Dallas zurückkehrten, freuten sie sich über das Wiedersehen mit ihren vierbeinigen Lieblingen, die während ihrer Reise nach Austin alle sechs bei Tinas bestem Freund Bill Frey untergebracht waren. Er wohnte in der Nähe und war selbst stolzer Besitzer von zwei japanischen Chins, weitläufig verwandt mit Tinas fünf Lieblingen. Nun, da sie wieder zu Hause war, würde Tina auch Megans Malteser zu sich nehmen, denn Megan war bereits auf dem Sprung nach Deutschland. Tina kümmerte sich jedes Mal um den kleinen Button, wenn ihre Schwester unterwegs war. Das hatten sie schon oft so praktiziert und Megan konnte via Internet von ihrem I-Phone auf Tinas PetCam System zugreifen und nachsehen, was ihr kleiner Liebling so trieb, wann immer sie im fernen Ausland Sehnsucht nach ihm bekam.
Megan wollte noch an diesem Abend für ihre Reise packen, denn ihr Flug nach Hamburg ging am nächsten Tag kurz nach zwölf Uhr mittags und kam wegen der Zeitverschiebung und zweimaligen Umsteigens – einmal in Washington, D.C. und einmal in Frankfurt am Main – erst um zehn Uhr vormittags in Hamburg an. Aber das war für Megan kein Problem. Sie würde sich die Zeit mit dem neuen Buch vertreiben, das sie gerade schrieb, und welches natürlich von Künstlerinnen und Komponistinnen in Wien und Berlin des frühen zwanzigsten Jahrhunderts handelte – eines ihrer Spezialthemen.
Außerdem musste sie noch einmal den Vortrag durchgehen, den sie in Wien über Klimt und die Musik halten sollte. Neben ihren Arbeitsunterlagen, die alle auf ihrem neuen Mac Book gespeichert waren, musste sie sich die passende Kleidung überlegen, und natürlich durfte sie ihre Vitamine und Medikamente nicht vergessen. Es bleibt einem ja nichts erspart, wenn man ein paar Jährchen auf dem Buckel hat, dachte sie und schob die verschiedenen Utensilien, eine Brieftasche mit einem Vorrat an Euros und ihren Reisepass in die diversen, teils gut versteckten Fächer ihres Rollkoffers.
Megan wählte nur wenige Kleidungsstücke für die Reise aus und teilte sie in zwei Kategorien ein: „Vorträge“ und „Sonstiges“. Zu den formellen Anlässen trug sie alles praktischerweise in Schwarz, zugleich so bequem und elegant wie nur möglich: Laufschuhe, Socken, Hose, dazu eine schwarz-rot-weiß gestreifte, langärmelige Baumwollbluse und eine maßgeschneiderte schwarze Weste.
Ihre Alltagskleidung bestand aus zwei Hosen, drei T-Shirts, drei langärmeligen Blusen, alles Ton in Ton in Grün, Beige und Weiß, dazu zwei elegante lange Schals in passenden Farben. Außerdem noch ihre Lieblings-Filzpantoffeln mit den eingewebten blauen Vögelchen, ein langärmeliger dunkelblauer Schlafanzug für die Nacht und ein leichter, schwarzer Regenmantel mit abnehmbarer Kapuze. Ihre gesamte Reisegarderobe passte problemlos in ihr schwarzes Boardcase.
Das vielleicht wichtigste Kleidungsstück war Megans faltbarer schwarzer Stoffhut mit schmaler Krempe und dem dazu passenden Nackenband, den sie auf allen Flugreisen und oft auch in Konzertsälen trug, um sich gegen den ständigen Luftzug zu schützen, den sonst niemand außer ihr zu spüren schien. Sie musste auf sich achten: Ihre Stimme auf einer Vortragsreise zu verlieren, war eine ihrer größten Sorgen. Nicht anders als eine Opernsängerin, die Stimme ist mein wertvollstes Gut, sagte sie sich, als müsse sie sich verteidigen.
Hatte sie etwas vergessen? Was sollte sie sonst noch nach Europa mitnehmen? Nun, da war noch dieses dicke, fast 700 Seiten starke Taschenbuch, das sie in letzter Zeit nicht losgelassen hatte: Jan Swaffords meisterliche biografische Studie über Brahms Leben und Wirken. Ja, das würde sie sich jetzt gleich als E-Book herunterladen. Mit dem Flugzeug komme ich diesmal nur bis nach Hamburg und Wien, das richtige Buch bringt mich überall hin, dachte sie.
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Trotz aller Bedenken hatte Mario Intagliatore beschlossen, sich wegen des offenkundigen Diebstahls in seinem Hamburger Atelier nicht an die Polizei zu wenden. Wie er befürchtet hatte, war sein Versuch, über den Mittelsmann den anonymen Auftraggeber zu erreichen, völlig erfolglos geblieben. Mario beschloss, ersatzhalber eine zweite bärtige Brahms-Büste zu modellieren und sie mit Hilfe seines deutschen Steinmetzes und der erstaunlichen neuen italienischen pneumatischen Punktiermaschine fertigzustellen, sobald der im Voraus bezahlte Marmorblock aus Carrara eintraf.
Eine weitere konkrete Maßnahme hatte er bereits ergriffen: Er hatte eine Überwachungskamera in seinem Atelier installiert. Das gab ihm, und erst recht Frau Salem, ein beruhigendes Gefühl der Sicherheit. So würde er am Mittwochnachmittag ganz gelassen an dem Brahms-Symposium teilnehmen können. Vielleicht hatte die Professoressa Crespi ein paar Gedanken zu den Brahms-Fanatikern der Gegenwart, einschließlich ihrer Kollegen, von denen manch einer insgeheim gerne ein Gipsmodell des ‚unverzichtbaren‘ bärtigen Brahms bei sich zu Hause aufgestellt hätte.
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Einer, der vom leibhaftigen Brahms nie viel mehr gewusst hatte, als dass er ein gewohnheitsmäßiger Zigarrenraucher war und einen üppigen langen Bart hatte, über den er gerne mit den Fingern strich, war der fünf Generationen später geborene Nachkomme von Johannes „Hans“ Wittgenstein, des erstgeborenen Sohns des Wiener Stahlmagnaten und Kunstmäzens Karl Wittgenstein. Hans war nicht nach den Vorstellungen seines Vaters geraten und verschwand im Alter von vierundzwanzig Jahren auf mysteriöse Weise in Amerika. In Wien meldete das Neue Wiener Tagblatt vom 6. Mai 1902 die Sache peinlich genau mit diesem Wortlaut: „Der Großindustrielle Karl Wittgenstein wurde von einem schweren Verluste betroffen. Sein ältester Sohn Hans, ein junger Mann von 24 Jahren, ist vor ungefähr drei Wochen in Amerika, wo er sich auf einer Studienreise befand, während einer Kanufahrt verunglückt.“ Aber der Todesfall konnte nicht nachgewiesen werden, die Leiche blieb verschwunden.
Jahrelang versuchte die Familie, den vermissten Sohn ausfindig zu machen; die Theorien reichten von einer Flucht nach Venezuela bis zum Suizid im Okeechobeesee in Florida. Der Wiener Familienpatriarch Karl Wittgenstein verbot der Familie, den Namen seines jüngsten Sohns Hans jemals wieder auszusprechen, genauso wie er es tat, als sein sechster Sohn Rudolf zwei Jahre später in der ersten Maiwoche in Berlin Selbstmord beging. Der herrschsüchtige Familienvater starb selbst 1913 und erlebte nicht mehr, dass auch ein weiterer Sohn, Konrad, sich das Leben nahm. Er erschoss sich im Oktober 1918 an der italienischen Front.
Aber Hans, der eigensinnige Sohn, der die Welt um sich herum ständig zwanghaft in mathematische Formeln übersetzte, der phänomenal begabte Musiker, der von seinem Vater darauf beschränkt wurde, seine Instrumente – Geige, Orgel und Klavier – maximal eine Stunde am Tag zu spielen, dieser Hans hatte keinen Selbstmord begangen. Er hatte sich nicht selbst ausgelöscht. Ganz im Gegenteil. Er erfand sich unter einem Pseudonym in Amerika neu und hatte als Hans Schreibenstein eine Anstellung als Highschool-Mathematiklehrer in Virginia City gefunden. Dort heiratete er bald darauf eine liebenswerte Biologie-Lehrerin und half, die mehr als 350 Fischarten in der Chesapeake Bay zu bestimmen. Er unterhielt seine Frau mit Geschichten über seine Kindheit in einem Wiener Haushalt, wo ein berühmter, weißbärtiger Freund der Familie, der große Komponist Johannes Brahms, ein und aus ging.
Eine seiner Lieblingsgeschichten erzählte er immer wieder. Eines Tages war Brahms wie so oft zu Besuch und die Kinder versammelten sich um ihn. Er zeigte auf den zehnjährigen Hans und fragte das Kindermädchen, warum denn das Haar des Jungen so auffällig kurz sei. Sie antwortete, dass es kräftiger nachwachsen würde, wenn sie es nur oft genug bis zu den Wurzeln abschnitt.
„Es gibt eine viel bessere Methode“, soll Brahms daraufhin fröhlich verkündet haben, so Hans. „Champagner! Das ist das beste Haarwuchsmittel der Welt. Das sollten wir jetzt bei dem kleinen Herrn anwenden.“ Eine Flasche Champagner wurde eiligst in das Zimmer getragen, wo der kleine Hans unfreiwillig in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit geriet, denn Brahms füllte ein Glas, schnalzte genüsslich mit der Zunge, tauchte dann seine Finger in das Glas und bespritzte Hans mit drei kräftigen Schwüngen, als taufe er ihn mit Weihwasser.
Die ganze Familie fand Brahms’ „Taufe“ herrlich amüsant, außer Hans, der dabei nichts als kindliche Scham verspürte. Aber als er älter wurde, und besonders nach Brahms’ Tod im Jahr 1897, begriff er die Situation und fühlte sich geehrt, von dem berühmten alten Mann mit dem großen langen Bart zu dieser „Champagnertaufe“ auserwählt worden zu sein. Diese Anekdote von seiner „Taufe“ erzählte Hans seinen eigenen Nachkommen immer wieder aufs Neue.
Mit seiner Herkunftsfamilie, den anderen Wittgensteins, wollte er bald nichts mehr zu tun haben, doch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs übersiedelte Hans mit fast siebzig Jahren, gemeinsam mit seiner Frau, ihrem Sohn Herbert, dessen Frau und drei Enkelkindern unter dem in Amerika angenommenen Nachnamen Schreibenstein nach Wien. Eine seiner Nachfahrinnen, eine talentierte Musikwissenschaftlerin und Klavierspielerin mit einer Vorliebe für Brahms, hatte sich im Wien des einundzwanzigsten Jahrhunderts einen Namen gemacht. Sie war Musikkritikerin bei Wiens führender Tageszeitung Wiener Rundschau. Stefanie Schreibenstein war stolz darauf, die Ur-Ur-Urenkelin von Hans Wittgenstein zu sein, aber sie hütete ihr Familiengeheimnis und die prominente Herkunft wie einen Schatz. Niemand wusste davon.
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Es war nicht so, dass Lukas Eifer ein Verächter der Wiener Klassik wäre, im Gegenteil, als Dirigent des Grazer Philharmonischen Orchesters schätzte und verehrte er natürlich die alten Meister. Auch in den Kritiken zu seinen Haydn-, Mozart- und Beethoven-Konzerten wurde stets sein Verständnis für diese großen Komponisten gewürdigt. Nein, das war es nicht. Es ging ihm auch nicht um den Gegensatz zwischen Klassik und Romantik in der Musik. Es ging einfach darum, dass er Brahms mehr liebte als jeden anderen Komponisten. Johannes Brahms! Dieser Komponist hatte einige der ergreifendsten, aufregendsten und schönsten Werke geschaffen, die in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts komponiert worden waren, dachte Lukas, schöner noch als alle anderen. Und doch war Brahms ein gewissenhafter Vertreter der klassischen Tradition geblieben, auch wenn seine Musik zweifelsohne eine Weiterentwicklung darstellte. Und war es nicht genau das, was alle so genannten „romantischen“ Komponisten getan hatten, sich von den bewährten Formen der klassischen Musik zu lösen? Hatten nicht alle großen Komponisten des neunzehnten Jahrhunderts – mit Beethoven und vielleicht Schubert als Ausgangspunkt – sich ausgefeilte harmonische Fortschreitungen und gefühlsbetonte Ausdrucksformen ausgedacht? Das galt wohl nicht nur für Brahms, sondern auch für Schumann, Liszt, Chopin, Berlioz und Wagner, gestand er sich ein. Ja, gewiss, zweifellos, aber für den Grazer Dirigenten war die Musik von Brahms das Nonplusultra: die Apotheose der Romantik.
Maestro Lukas Eifer, ein kleiner, stämmiger Mann mit einem auffallend langen weißen Vollbart, identifizierte sich nicht nur mit der Musik, sondern auch mit dem Menschen Brahms. Wie sein Idol war er mit seinen dreiundsechzig Jahren das ganze Leben lang Junggeselle geblieben, trotz gelegentlicher Liebschaften mit Frauen. Und trotz seiner nach außen hin oft fröhlichen und humorvollen Art, litt er – wie Brahms – an einer übermächtigen inneren Melancholie, die ihn manchmal launisch werden ließ, so dass er bisweilen selbst seine engsten Freunde verprellte. So wie es Brahms mit Joseph Joachim und mit Clara Schumann passiert ist, sagte sich Lukas in Momenten der Reue. Er dachte oft an den Brief seines Idols an Clara Schumann aus dem Jahr 1893, in dem er sein Intermezzo h-Moll Opus 119, Nr. 1 als „melancholisch“ bezeichnete. Allein dieser Brief hatte Lukas Eifers Interpretation von Brahms’ Musik stark beeinflusst.
Er fühlte sich mit dem Komponisten verbunden, der auf die Bitte eines Dirigenten, der seine Zweite Sinfonie dirigieren sollte, die „düsteren Töne“ der Posaunen und der Tuba aus dem idyllischen Anfang des ersten Satzes wegzulassen, geantwortet hatte: Er habe es zwar versucht, aber nicht gekonnt. Brahms hatte sich selbst als einen zutiefst melancholischen Menschen charakterisiert, der ständig schwarze Fittiche über sich sah. Das war für ihn wie ein Et in Arcadia ego, wie die ständige Präsenz des Todes in der friedlichen Schönheit der Natur. Lukas fühlte sich an ein Gemälde von Nicolas Poussin aus dem siebzehnten Jahrhundert erinnert, das er einmal im Louvre gesehen hatte: eine Hirtenszene an einem antiken Grabmal.
„Ja“, sagte sich Lukas laut, „in meinen düsteren Stunden bin ich wie Brahms und er ist wie ich.“
Sein jüngerer Bruder Reinhold, Direktor der Bibliothek, des Archivs und der Sammlungen des Wiener Musikvereins, bei dem er während seiner einwöchigen Abwesenheit von Graz untergebracht war, stimmte ihm gerne zu: „Ja, du bist die Inkarnation von Johannes Brahms im einundzwanzigsten Jahrhundert“.
„Aber was für eine Farce ist diese neue Konzertreihe der Wiener Philharmoniker, die den Hinterwäldler Bruckner dem weltgewandten Brahms gegenüberstellt,“ klagte Lukas und sah seinen Bruder fragend an.
„Nach dem ersten Abend musste ich bei Agatha hinter der Bühne Enthusiasmus vortäuschen“, gestand er, „aber wirklich, nur eine ahnungslose oder völlig naive Dirigentin wie sie konnte sich auf eine solch widersinnige Paarung von Sinfonien einlassen. Und sie ist so unbedarft, dass sie es noch drei weitere Male tun wird! Ich finde, es ist einfach absurd, die beiden Komponisten gegeneinander auszuspielen. Oder? Und schafft sie es wirklich, ein derart aufreibendes Programm mit den Wiener Philharmonikern durchzuziehen?“
Reinhold, der seinen Bruder Lukas anbetete, glaubte ihm jedes Wort.
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Stefanie Schreibensteins Konzertkritik zum Auftakt von Maestra Agatha Endlichs neuer Konzertreihe erschien am Dienstag in der Wiener Rundschau. Obwohl sie als Musikkritikerin normalerweise mit Lob zurückhaltend, manche Leser würden sogar sagen regelrecht geizig war, grenzte ihr zustimmender Kommentar diesmal an überbordende Begeisterung für die Interpretation der beiden Sinfonien durch die Dirigentin. Schreibenstein war nicht überrascht, dass die Maestra „ihren“ Bruckner mit Autorität dirigierte; schließlich hatte sie das Bruckner Orchester Linz während ihrer Amtszeit zu neuen Höhen geführt. Was Schreibenstein jedoch besonders hervorhob, war die Fähigkeit der Dirigentin, das Spiel mit harmonischen Mehrdeutigkeiten sowie ihre meisterhafte Beherrschung der stürmischen Steigerungspassagen mit ihren schnellen Modulationen. Sie „modellierte jede musikalische Wendung perfekt – mit dem Taktstock“, war zu lesen. Maestra Endlichs lustvoller Umgang mit der mitreißenden Rhythmik des Scherzos habe alle Orchestergruppen beseelt und sei nur noch übertroffen worden von der hervorragenden Balance zwischen Improvisation und Dramatik im letzten Satz. „Selten“, so Schreibensteins Rezension, „hat ein Dirigent Bruckner die Ehre erwiesen, seine musikalische Kraft so kraftvoll und zugleich so ausgeglichen zu gestalten.“
Dieses Loblied auf die erfahrene Bruckner-Dirigentin war für die meisten Leser wenig überraschend, aber Schreibenstein zollte auch Endlichs Interpretation der Brahms-Sinfonie mit ihrem dichten Geflecht von musikalischen Motiven enthusiastischen Tribut. Die Maestra habe die modernere Harmonik von Brahms’ musikalischer Architektur hervorgehoben, die auf dem Verhältnis von Terzen statt von Quarten und Quinten aufbaute. Unvergleichlich, wie sie ihr Publikum im letzten Satz durch die gleichzeitig erschreckende und erhabene Wirkung der langen Eröffnung in Moll hindurch geführt habe, bis schließlich der legendär gewordene transzendierende „Alphornruf“ des Horns in C-Dur wie eine Erlösung erschien. Kein Wunder sei es gewesen, dass das Publikum am Ende der Brahms Sinfonie genauso hingerissen applaudierte wie vor der Pause bei der Bruckner-Sinfonie. Es gehe nicht darum, welcher Komponist „der bessere“ war, diese schon zu Lebzeiten der beiden oft diskutierte Frage gehörte nun der nun Vergangenheit an. Die Idee, beide Sinfonien an einem Abend gegenüberzustellen, sei nichts weniger als ein Geschenk der Erkenntnis. So schloss Schreibenstein ihren Artikel und löste damit einen kleinen Tsunami an bekräftigenden Leserbriefen aus.
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Stefanie Schreibensteins Rezension landete mitsamt der ganzen Zeitung in hohem Bogen im Papierkorb, nachdem der Linzer Dirigent Christian Begeist auf der Couch seines Wiener Neustädter Gastgebers einen Blick darauf geworfen hatte. Ein erstaunlich präziser Wurf dafür, dass er das Blatt ohne hinzusehen über die Schulter nach hinten geworfen hatte, als ihn beim Lesen spontan die Wut überkommen hatte. Er fühlte sich regelrecht körperlich angegriffen, ja, es krümmte den kräftigen, glatt rasierten Mann mit der markanten Nase, den dunklen Augenbrauen und einem militärischen Kurzhaarschnitt – seitlich und hinten fast kahlgeschoren. Aber nicht vor Schmerz krümmte er sich, sondern vor Empörung.
Wie konnte diese uninformierte, anmaßende Person, diese Schreibenstein, derart positiv über das gestrige Konzert berichten und ihm derart ins Gehege kommen? Keinerlei Erwähnung von seiner eigenen bevorstehenden Linzer Bruckner-Reihe, kein Wort! Bei Gott, nun würde doch allen Musikliebhabern klar sein, dass diese ehrgeizige Dirigentin ihn mit ihrer Konzertreihe absichtlich in den Schatten stellen wollte. Wer würde jetzt noch die hundertfünfzig Kilometer nach Linz fahren, um seine Bruckner-Aufführungen zu hören? Da ging es um mehr: Er hatte sein Programm so geplant, dass es mit dem Erscheinen seiner neuen Bruckner-Biografie zusammenfiel, die bald in Druck gehen würde, und Schreibenstein wusste davon. Aber die Endlich war ihm zuvorgekommen mit ihrem hirnrissigen „Doppel B“ oder „B hoch Zwei“-Programm und hatte die Aufmerksamkeit des Publikums an sich gerissen!
Natürlich war Begeist, als ihr Nachfolger in Linz, hinter die Bühne gegangen, um „zu gratulieren“: Sie sollte wissen, dass er genau verstand, was sie da tat. Und er war sicher, dass seine Botschaft bei ihr angekommen war, denn er hatte ihr bei seiner ‚Gratulation‘ hasserfüllt in die Augen geblickt. Es waren nur zwei Worte, die er ihr lächelnd entgegenzischte: „Interessante Interpretation.“ Was er wirklich dachte, war, dass sie, diese Inkarnation einer mittelalterlichen Giftmischerin, diese Hexe am Dirigentenpult, eine absolute Ketzerei abgeliefert hatte.
Er fand, seine zwei Worte – „interessante Interpretation“ – deckten eine ganze Reihe musikalischer Sünden ab, aber die größte ihrer Sünden war ihre mangelnde Aufmerksamkeit für die hoffnungslos irregeführten Streicher. Dazu der schlampige Umgang mit den Bläsern, noch schlimmer die dröhnenden Trompeten und Posaunen, ganz zu schweigen von ihren unerklärlichen Pausen. Wenn sie auf diese Weise Bruckners Erste Sinfonie vergiftet hatte, was für Schrecklichkeiten waren dann an den kommenden drei Abenden noch zu erwarten?
Wenn diese Person – diese Frau – ungestraft damit durchkäme, den Meister Bruckner derart pseudodramatisch und schrill zu interpretieren, dachte er, dann wäre doch alles, was in der Musik heilig ist, in höchster Gefahr. Eine musikalische Apokalypse! Ach, die Weiber.
Vielleicht war Bruckner froh gewesen, dass er nie geheiratet hatte. Begeist selbst war sich jedenfalls sicher, dass jeder Mann ohne Eheweib besser dran sei. Ein Dirigent zu sein, das verlange die ganze Aufmerksamkeit, die ganze Erfahrung, die ganze Hingabe an den Beruf. Da stand eine Frau doch nur im Weg. Und der Beruf selbst, der stand einer Frau schlicht und einfach nicht zu. Wenn sich die Endlich wie ein Mann gebärdet, Hosen trägt und den Taktstock schwingt, dann heißt das noch lange nicht, dass sie am Pult auch wirklich zu einer Leistung fähig wäre, dachte er.
Wie bitter musste das für die langjährigen Mitglieder der Wiener Philharmoniker sein. Bitter und entwürdigend! Man denke an den sonst so schönen Wiener Klang! Wie war es überhaupt gelungen, dem altehrwürdigen Orchester mit seinen strengen formalen Regeln diese abscheuliche Bruckner-Brahms-Reihe schmackhaft zu machen. Wieso spielten die Orchestermusiker das alles überhaupt mit! Ganz klar, dieses ganze Spektakel war nur ein weiteres Ergebnis der Frauenemanzipation. Derselbe hysterische Feminismus, der nach immer mehr Frauen in den Orchestern gierte. Mit Gottes Hilfe hatten die Wiener Philharmoniker bis 1997 durchgehalten, und dann war es lange Zeit nur diese alte ungarische Harfenistin gewesen, die es ohnehin schon seit 1974 gab. Wenigstens sitzen die Harfenistinnen meist am Rande des Orchesters, wo sie die emotionale Einheit der männlichen Instrumentalisten nicht stören, brütete er zornig weiter. Aber mittlerweile hielten Instrumentalistinnen selbst gegen den größten Widerstand überall und in allen Orchestersektionen Einzug und in seinem eigenen Linzer Bruckner Orchester war es zu seinem größten Bedauern nicht anders.
Die Musikkritikerin Stefanie Schreibenstein war ganz offensichtlich eine Komplizin von der Endlich, grübelte er. Es war ja bekannt, dass diese Vertreterin der Journaille stinkreich war. Es war zu ihm durchgesickert, dass sie das gesamte oberste Stockwerk eines Gebäudes bewohnte, das ihr selbst gehörte, direkt an der Kärntnerstraße im Herzen Wiens. Ganz sicher waren Schreibenstein und Endlich Feministinnen. Womöglich lesbisch noch dazu. Und vermutlich jüdisch, was denn sonst. Er würde das alles herausfinden, sobald er dafür Zeit hätte.
Jetzt aber hatte er Wichtigeres zu tun. Er musste Dieter Unfug anrufen, der früher sein Assistenzdirigent gewesen war, bis die Stadt Linz diesen Budgetposten ersatzlos eingespart hatte. Unfug wohnte noch bei seiner Mutter in Wiener Neustadt, südlich von Wien. Unverständlicherweise war der talentierte junge Mann vor drei Jahren bei seiner Bewerbung für den Posten des Abonnementsdirigenten der Wiener Philharmoniker nicht einmal in Betracht gezogen worden. Die Stelle war damals an Agatha Endlich gegangen.
Nun, das tat jetzt nichts zur Sache. Noch war nicht aller Tage Abend. Wenn du glaubst es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her, sagte sich Begeist und wählte Unfugs Nummer.
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Es war eine weite Reise von Dallas nach Hamburg, zweimal hatte sie umsteigen müssen, aber Megan fühlte sich überhaupt nicht müde. Im Flieger von Washington, D.C. nach Frankfurt hatte sie sich ihren weichen, faltbaren Stoffhut, das passende warme Halstuch und die Augenmaske bereitgelegt, um während der Atlantikquerung zu schlafen. Aber davor hatte sie noch an ihrem neuen Buch über die Künstlerinnen und Komponistinnen der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in Wien und Berlin gearbeitet. Sie wollte unbedingt das kürzlich begonnene Kapitel fertigstellen und vertiefte sich rasch in ihr Thema. Hitler und seine Nazi-Schergen hatten schrecklichen Tribut gefordert, und davon waren vor allem jüdische Künstlerinnen betroffen. Megan seufzte, wie sie es schon so oft getan hatte, wenn sie über dieses schreckliche Kapitel der Menschheitsgeschichte nachdachte. Als Universitätsprofessorin, die mehr als vierzig Jahre lang Vorlesungen gehalten hatte, zunächst an der Columbia University in New York und dann an der Southern Methodist University in Dallas, war sie immer fest entschlossen gewesen, ihre Studierenden über dieses Kapitel der jüngeren Geschichte zu informieren. Der Untertitel ihrer Vorlesungen und Seminare war immer derselbe, egal ob es um die Kunst des neunzehnten oder des zwanzigsten Jahrhunderts ging: Die künstlerische Form und ihr kultureller Inhalt. Regelmäßig nahm sie die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts mit den beiden Weltkriegen durch, und dabei behandelte sie jedes Mal die faszinierende deutsche Künstlerin Käthe Kollwitz, deren Lebensspanne von 1867 bis acht Tage vor Hitlers Suizid im Jahr 1945 dauerte.
Diese Vorlesung, so hatte sie immer wieder festgestellt, war dringend nötig, um dem akademischen Nachwuchs in Texas die europäische Kunstgeschichte näherzubringen. Einmal, nach ihrem Vortrag über Kollwitz, kam einer ihrer rund neunzig Studenten nach der Vorlesung in ihr Büro und fragte: „Frau Professor Crespi, was ist eigentlich ein Flüchtling?“ Aber offenbar war ihr Unterricht nicht ohne Wirkung geblieben. Ein anderes Mal, als sie gerade ihre Kollwitz-Vorlesung beendet hatte und im Begriff war, den Hörsaal zu verlassen, kam eine ehemalige Studentin im Gang auf sie zu und flüsterte ihr triumphierend zu: „Ich weiß, was Sie heute durchgenommen haben – es war bestimmt Käthe Kollwitz.“ Die Antwort auf Megans erstaunte Frage, woher sie das denn wisse, lautete: „Weil alle Ihre Studierenden mit traurigen Gesichtern und sehr schweigsam aus dem Hörsaal kamen.“ Als sie sich nach den Studentinnen und Studenten umsah, die noch immer aus dem Hörsaal strömten, sah sie, dass wirklich einige von ihnen Tränen in den Augen hatten. Ja, das war die Macht der Bilder von Käthe Kollwitz.
Megan dachte daran, wie sie als junge Frau ihre eigenen, einprägsamen Erfahrungen mit dem Thema Flucht gemacht hatte. Das war in Österreich gewesen. Im Oktober 1956, als frisch immatrikulierte Studentin der Kunstgeschichte an der Universität Wien, wurde sie Zeugin der massiven Flüchtlingsströme während der ungarischen Revolution. Als junge Amerikanerin im ersten Auslandssemester besaß sie damals selbstverständlich auch in Wien schon ihr eigenes Auto, einen Opel Kombi – für eine junge Texanerin etwas ganz Normales, im gebeutelten, verarmten Nachkriegsösterreich hingegen eine Sensation. Aber darum ging es ihr nicht, was für sie zählte, war, dass sie mit diesem Auto dabei helfen konnte, ungarische Geflüchtete von der österreichisch-ungarischen Grenze nach Wien zu bringen. Oft fuhr sie dreimal am Tag. Empathie, das war auch Kollwitz’ wichtigstes Anliegen gewesen. Mehr als sechzig Jahre lang hatte sie mit ihren scharfsinnigen, prägnanten Grafiken und überzeugenden, in Bronze gegossenen Skulpturen auf Mitgefühl gedrängt, immer wieder dafür plädiert. Megan wollte in ihrem Buch neben der deutschen Künstlerin auch eine Wiener Repräsentantin der Moderne präsentieren, aber sie hatte sich noch nicht zwischen mehreren würdigen Persönlichkeiten entschieden.
Bei diesen Überlegungen hob sie unbewusst die Schultern, holte tief Luft und stieß einen langen Seufzer aus. Dann ließ sie das Buchkapitel sein und richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Feinabstimmung der Bilder und Klangbeispiele, die sie für ihre Präsentationen in Hamburg und Wien ausgewählt hatte. Die Texte für beide Vorträge hatte sie bereits ausgedruckt im Koffer, denn sie fand es immer beruhigend, ihren Text nicht nur im Kopf, sondern auch auf Papier zu haben. Sie wollte sich aber noch ein paar humorvolle Details und Anekdoten zur Auflockerung einfallen lassen. Zwar hatten Kollegen ihr immer wieder gesagt, dass ihre spontanen, oft witzigen Bemerkungen die besten Momente in ihren Vorträgen waren, denn die blieben noch lange in Erinnerung, aber sie wollte kein Risiko eingehen.
Zum Schluß beantwortete sie noch die Menge an E-Mails, die sich in den zwei vergangenen Tagen in Austin angesammelt hatten. Das tat sie gern, denn wie immer stammten die meisten von ehemaligen Studentinnen und Studenten, mit denen sie als Mentorin immer noch regelmäßig in Kontakt stand. Auch ihre Kolleginnen im Ruhestand und die Jüngeren, die ihnen nachgefolgt waren, tauschten sich gerne mit ihr über alles Mögliche aus, suchten ihren Rat, fragten nach ihrer Meinung zu dies und jenem. Aber all das kostete Zeit. Neuerdings wollten immer mehr von ihnen über Zoom oder FaceTime mit ihr kommunizieren. Das gefiel Megan umso weniger, je mehr Leute an so einem Meeting teilnahmen. Oft waren die Gesichter verzerrt, verschwommen, aus einem merkwürdigen Winkel von unten, oder schlecht beleuchtet, auch sie selbst kämpfte damit, sich genau in der richtigen Höhe und Entfernung vom Laptop-Bildschirm zu positionieren und auf das richtige Licht zu achten.
Aber im Gegensatz dazu liebte sie Alexa, vor allem, um bei ihrer kreativen Arbeit, dem Schreiben, Musik zu hören. Es war angenehm, mit ein paar gesprochenen Worten das gewünschte Musikstück und auch gleich die gewünschten Interpreten auf YouTube auszuwählen, seien es Sänger, Instrumentalsolisten oder Orchester. Der größte Segen für ihre Arbeit war jedoch das Internet als solches. Wie leicht sich damit jegliche gewünschte Information herausfinden ließ! Diese konnte sie dann in ihrer riesigen Bibliothek, die sie über sieben Jahrzehnte hinweg liebevoll zusammengetragen hatte, überprüfen oder ergänzen. Buchstäblich in jedem Zimmer ihres Hauses in Dallas gab es Bücherregale, sogar in der Küche und im Bad.
Das Bild ihrer Eltern erschien vor ihrem inneren Auge, denn die Leidenschaft für Bücher und einen soliden Grundstock an Literatur hatte sie von ihrer amerikanischen Mutter und ihrem italienischen Vater geerbt. Die beiden hatten sich auf der spanischen Insel Ibiza kennengelernt und geheiratet, und reisten kurz vor Megans Geburt in die Heimat ihrer Mutter nach Winona, Minnesota, damit sie dort als gebürtige Amerikanerin die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt. Zurück in Spanien – diesmal in Barcelona – zwang der Aufstieg Francos zwei Jahre später die junge dreiköpfige Familie zur Flucht nach Italien. Aber das war wie vom Regen in die Traufe und nach zwei Jahren unter Mussolini hatten Megans Eltern endgültig genug, und übersiedelten nach Amerika, diesmal nicht ins kalte Minnesota, sondern nach Dallas, Texas, weil eine Anzeige im New Yorker das angenehme Klima dort anpries. Bei all diesen Umzügen nahmen Megans Eltern stets die geliebten Bücher mit – keines wurde zurückgelassen. Diese Liebe hatten sie an Megan weitergegeben. Sie dachte daran, als sie im Flugzeug nach Europa über dem Atlantik schwebte, und der Gedanke an ihre Eltern und ihre Bücher zauberte ein Lächeln auf ihr Gesicht. Einen Moment später schlief sie tief und fest, Schlafbrille, Hut und Halstuch immer noch griffbereit an ihrer Seite.
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Für das bevorstehende Internationale Hamburger Brahms-Symposium hatte Mario Intagliatore zugestimmt, seine neue Gipsbüste, den bärtigen Brahms, für die Dauer einer Woche zur Verfügung zu stellen. Sie sollte direkt am Veranstaltungsort im neu errichteten Museum der Gipsabguss-Sammlung aufgestellt werden. Ein Foto davon war bereits für die Ankündigung des Symposiums verwendet worden. Er konnte doch nicht ahnen, dass ausgerechnet dieses Werk aus seinem Atelier im Souterrain verschwinden würde, während er sich in Italien aufhielt, um den Marmor dafür auszuwählen. Niemand sollte etwas davon erfahren. Er hatte den Diebstahl erst vor zwei Tagen entdeckt und beschlossen, dem neuen Campus-Museum stattdessen ohne viel Aufhebens eine andere Brahms-Büste zu übermitteln, nämlich ein Duplikat seines marmornen Brahms in Walhalla. Glücklicherweise hatte er damals, vor zwanzig Jahren, für sich selbst einen Bronzeabguss davon angefertigt und damit konnte er nun seine Zusage, eine Brahms-Büste zu liefern, problemlos einhalten. Das wäre dann zwar der umstrittene Brahms ohne Bart, aber das sollte doch kein Problem sein, dachte Intagliatore.
Gerade eben hatte er die Übergabe der bartlosen Büste an das Archäologische Institut der Universität beaufsichtigt. Die Gipsabguss-Sammlung war die bekannteste von etwa zwanzig einzigartigen Sammlungen des Instituts, denn für sie war eigens mitten in einer Grünfläche des Campus ein architektonisch anspruchsvolles Museumsgebäude mit einer markanten Glasfassade errichtet worden, während die restlichen archäologischen Sammlungen da und dort in den verschiedenen Instituten des weitläufigen Universitätsgeländes verstreut waren. Das moderne, in den Untergrund versenkte Gebäude wuchs aus dem Rasen hervor, während die gläserne Vorderfront den größtmöglichen Einblick von außen zuließ, weil die schönsten Skulpturen der Sammlung schon von außen sichtbar waren, während ein Maximum an natürlichem Tageslicht in das ebenerdige Gebäude fiel. Da sogar das Flachdach noch begrünt und begehbar war, integrierte es sich vollständig in den umliegenden Park. Eine architektonische Meisterleistung, dachte Intagliatore.
Der ganze Stolz der Hamburger Gipsabguss-Sammlung war das in voller Länge und Größe ausgeführte Replikat des Giebelreliefs eines antiken griechischen Tempels in der Eingangshalle, mit einer faszinierendem Statue des Apoll im Zentrum, zwei gewaltigen einander gegenüberstehenden Zentauren, wilden Kriegern, gefallenen Helden, knienden Klageweibern, und allerlei Fabelgetier. Der schwere, dunkle Vorhang dahinter brachte das Weiß der Abgüsse regelrecht zum Leuchten. Das Symposium selbst würde hinter diesem großen Vorhang stattfinden, denn dort befand sich der Übergang in das unterirdische Auditorium.
Der weitläufige Veranstaltungsraum mit seinen Säulen und Skulpturen war einem griechischen Tempel nachempfunden und bot damit einen einzigartigen Rahmen, aber auch die neueste technologische Ausstattung für ganz unterschiedliche Events und Lehrveranstaltungen.
Gerade stellten zwei Archäologiestudenten die Brahms-Büste sorgfältig auf einen weißen Sockel in der Mitte der Bühne. Intagliatore ließ sich eindrücklich versichern, dass der Saal über Nacht abgeschlossen und alarmgesichert sein würde, und kehrte mit der Gewissheit nach Hause, dass sein Brahms, wenn auch der Brahms ohne Bart, das Symposium sanft überstrahlen würde.
18
„Hallo, meine Liebe, na sowas!“, rief Edgar Wittgenstein, als er Agathas Stimme am Telefon erkannte. Sie klang anders als sonst, nachdenklich, gedämpft, fast besorgt. Es war Mittwochvormittag, halb zehn, und er saß an seinem Schreibtisch im Wiener Musikverein.
„Sind Sie schon startklar für das Konzert heute Abend?“
„Ja, das bin ich, Edgar, aber deshalb rufe ich nicht an.“ Sie war angespannt, das konnte er jetzt deutlich vernehmen.
„Agatha, was ist denn mit Ihnen?“
„Ich möchte Sie bitten, und das ist vielleicht etwas merkwürdig, aber ich möchte Sie darum bitten, ob Sie vielleicht zu mir kommen könnten? Jetzt gleich?“
„Stimmt etwas nicht?“
„Ich bin nicht sicher, aber genau das ist es ja. Können Sie kommen?“
„Ja, aber natürlich. Ich komme so schnell ich kann. Sie bleiben ganz ruhig, bis ich da bin, versprochen?“
„Danke, Edgar, ich danke Ihnen.“
„Warten Sie! Wie lautet denn Ihre Adresse?“
„Ach, wie dumm von mir, entschuldigen Sie. Neunter Bezirk, Porzellangasse Nummer 33, beim Chinarestaurant Goldener Drache. Türnummer sechs. Wenn Sie unten läuten, lasse ich Sie gleich rein.“
„Alles klar, dort kenne ich mich aus. Ich bin so schnell wie möglich bei Ihnen.“ Edgar schaute auf seine Uhr, und machte sich gleich auf den Weg. Wie üblich staute sich der Vormittagsverkehr auf der Wiener Ringstraße von einer Ampel zur nächsten. Um an Agathas Adresse einen Parkplatz zu finden, brauchte er fast nochmal genau so lange wie für die ganze Fahrt dorthin.
Agatha war erleichtert, als er ihre Wohnung betrat.
„Ich bin so froh, dass Sie kommen konnten!“
Sie hielt ihre schwarz-weiße Border Collie-Hündin zurück, die es kaum erwarten konnte, den Neuankömmling zu beschnuppern.
„Ich hoffe, das stört Sie nicht“, sagte sie entschuldigend. „Wir haben kaum Besuch, sie ist es nicht gewöhnt. Ich fühle mich so viel sicherer, seit ich Fanny habe.“
„Fühlen Sie sich denn hier nicht sicher? Das ist doch eine gute Wohngegend hier …“
„Ja, stimmt. Aber ich bin beunruhigt und deshalb wollte ich, dass Sie herkommen. Bitte setzen Sie sich doch, Edgar.“ Agatha deutete auf ihre Sitzgruppe im Wohnzimmer. Sie setzten sich und nachdem sich auch Fanny langsam beruhigt hatte und zu Edgars Füßen lag, begann Agatha zu sprechen.
„Ich weiß nicht, ob ich mir Sorgen um mich selbst machen soll, oder ob es um das Konzert heute Abend geht. Schauen Sie sich mal das hier an.“ Agatha nahm einen Briefumschlag vom Couchtisch und reichte ihn Edgar. Auf der Vorderseite stand ihr Name. Edgar öffnete ihn, zog das gefaltete Blatt Papier aus dem unverschlossenen Kuvert und las laut vor.
„Niemals darf der Katholik Bruckner gemeinsam mit dem Protestanten Brahms aufgeführt werden! Was Sie machen, ist obszön und wenn Sie mit dieser Ketzerei weitermachen, werden Sie bestraft!“ Er warf ihr einen besorgten Blick zu.
„Das ist eine Drohung. Wie kam das zu Ihnen?“
„Es lag montagnachts auf meinem Schreibtisch. Ich fand es, nachdem wir auseinandergingen und ich nochmal in meinem Büro war, um meine Sachen zu holen.“
„Am Montagabend? Und seither haben Sie nichts unternommen? Bitte sagen Sie mir, dass Sie wenigstens dem Wachdienst Bescheid gegeben haben.“
„Nein. Ich habe es niemandem gesagt. Ich hielt es für einen schlechten Scherz und wollte es nicht überbewerten. Aber jetzt, wo heute Abend das zweite Konzert unserer Reihe bevorsteht, wurde mir klar, dass es vielleicht doch nicht so harmlos ist. Vielleicht handelt es sich wirklich um einen Drohbrief, der etwas Konkretes ankündigt. Eine konkrete Drohung gegen mich, gegen das Orchester, das Haus. Ich weiß nicht, was ich denken soll. Was meinen Sie, bin ich einfach nur panisch?“
„Überhaupt nicht, liebe Agatha! In jeder Branche gibt es Wahnsinnige, und in unserer ganz besonders. Fanatiker, die sich in ihrer Geistesverwirrung über alles Mögliche auslassen, mal finden sie eine Neuinterpretation der Klassiker zu radikal, mal leugnen sie die Authentizität, mal sind es erbarmungslose, herrschsüchtige Dirigenten – nicht Sie, meine Liebe –, mal sind es die ewigen Neinsager, Kritiker, die für nichts und niemand ein gutes Wort übrighaben. Ach, die Musikwelt ist voll von Eifersucht und Neid, und da gibt es jede Menge Spinner, Paranoiker, Verschwörungstheoretiker auf der Suche nach Vergeltung und keiner weiß, wieso. Ich denke, das hier ist ein solches Machwerk – von jemandem, der, nun ja … Es ist dem Text nach schwer zu sagen, was er eigentlich will, wen er verteidigt, Bruckner oder Brahms.“ Edgar erhob sich und berührte dabei sanft Agathas Hand. Sie hatte die ganze Zeit neben ihm auf der Armlehne gesessen.
„Ja, ich hoffe, es ist nur ein armer Irrer. Aber was meint er – oder sie – damit, dass ich ‚bestraft‘ werden soll?“
„Hoffen wir, dass nicht mehr passiert, als allenfalls ein paar laute Buhrufe heute Abend oder höchstens ein Versuch, zwischen den Sätzen zu stören.“
„So etwas wird es wohl sein“, sagte Agatha, klang aber nicht sehr überzeugt.
Edgar überflog abermals die Zeilen.
„Je länger ich diesen Drohbrief betrachte, desto mehr frage ich mich, was überhaupt gemeint ist. Ist der Schreiber pro-Bruckner oder pro-Brahms?“
„Ja, das frage ich mich auch“, stimmte Agatha zu. „Wie man es auch liest, es bleibt zweideutig. Das könnte auch von einem religiösen Fanatiker stammen: jemand, der es für falsch hält, Musik von Komponisten verschiedener Glaubensrichtungen im selben Konzert zu spielen.“
„Guter Gedanke“, sagte Edgar. „Bruckner war Katholik, Brahms Protestant. Warum sonst sollten sie nicht zusammenpassen.“
„Stimmt, aber aus dem Text geht nicht hervor, was genau dem Schreiber nicht passt. Es ist alles völlig wirr. Was mich am meisten beunruhigt, Edgar, ist die Formulierung … dann werden Sie bestraft. Was soll das heißen?“
„Meine Liebe, bitte machen Sie sich keine weiteren Sorgen. Ich kümmere mich um diese Angelegenheit und alarmiere erstmal umgehend den Sicherheitsdienst. Die wiederum werden den Platzanweisern Bescheid geben. Und zusätzlich werde ich die Polizei informieren und bitten, uns Beamte zu senden. Sie sollen zumindest einen hinter der Bühne und einen im Saal aufstellen.“
„Da fühle ich mich gleich besser, Edgar.“
„Ich werde auch veranlassen, dass unser Sicherheitsdienst Ihre Räume im Auge behält, offensichtlich ist jemand eingedrungen, als wir im Restaurant waren.“
Agatha seufzte, nahm Edgars Hand in ihre Hände und drückte sie sanft.
„Ich bin Ihnen so dankbar.“
Die beiden saßen eine Minute lang schweigend da. Dann stand Edgar mit entschlossenem Blick auf.
„Ich werde mich gleich um alles kümmern. Kann ich Sie hier allein lassen, fühlen Sie sich sicher genug?“
„Ja, es geht schon. Ich denke, ich brauchte nur ein wenig moralische Unterstützung. Die haben Sie mir gegeben.“ Sie begleitete ihn zur Tür, Fanny folgte ihnen dicht auf den Fersen. An der Tür drehte sich Edgar mit einem Lächeln zu Agatha um.
„Und wen würden Sie eigentlich bevorzugen? Bruckner oder Brahms?“
Die Melodie ihres Lachens klang noch in ihm nach, als er auf die Straße trat.
19
Der Pilot kündigte just zu dem Zeitpunkt die baldige Landung auf dem Frankfurter Flughafen an, als sich Megans abenteuerlicher Traum seinem Finale näherte und riss sie mit seiner Lautsprecherdurchsage jäh aus dem Schlaf. Doch das war rasch vergessen, denn Megan freute sich darauf, ihre Flugreise bald beenden zu können. Von Dallas nach Washington, D.C., dann mit dem Nachtflug gegen die Zeit nach Frankfurt, jetzt noch einmal umsteigen, dann endlich Hamburg. Sie hatte gut geschlafen und war zu ihrer eigenen Überraschung diesmal ganz ohne Hütchen, Augenmaske und Halstuch ausgekommen, denn all das fand sie beim Aufwachen unbenutzt neben sich. Sie räusperte sich. Hatte der gefürchtete Luftzug ihr eine Erkältung beschert? Dem Himmel sei Dank, sie fühlte sich gut.
Die Passkontrolle und der Transfer zum Flieger nach Hamburg verliefen problemlos, wenn auch etwas hektisch. Der einstündige Flug verging schnell, und schon bald lief sie mit ihrem Rollköfferchen und ihrer großen Umhängetasche über die Gangway und hielt im Hamburger Ankunftsterminal nach ihrem langjährigen Hamburger Freund Tönnies Ausschau. Er hatte ihr für den gesamten Aufenthalt sein Gästezimmer angeboten.
Dr. Antonius ‚Tönnies‘ Helfer war ein Augenarzt im Ruhestand und, wie Megan, ein begeisterter Weltenbummler, allerdings mit einem großen Hang zu den griechischen Inseln. Auch er war schon mal Megans Hausgast gewesen, damals hatte er sie in Texas besucht und in ihrem Wochenendhaus am Lake Bonham, etwa hundert Kilometer nordöstlich von Dallas, gewohnt. Tönnies war von Megans Indoor-Pool begeistert gewesen und nutzte damals auch gern ihr kleines privates Fitnessparadies mit Heimtrainer, Laufband und Freigewichten. Am liebsten war er laut prustend gegen die Strömung in ihrem Endless-Pool gekrault, bis er nicht mehr konnte. Megan hingegen hatte wie immer ihr Dreißig-Minuten-Programm mit dem Schnorchel favorisiert und war unter Wasser gegen den kontinuierlichen, starken Wasserstrom angeschwommen. Dann waren sie beide fünfzehn Minuten lang in die Sauna gegangen, hatten geduscht, und sich anschließend zu den Klängen von Bachs Cellosuiten auf den Holzliegen vor dem Kamin im Ruheraum entspannt. Eine wunderbar heilsame Wellnessroutine mitten in Texas, die Megans deutscher Gast sehr geschätzt hatte, fast so schön wie auf seiner griechischen Lieblingsinsel. Tönnies war nicht nur athletisch, sondern auch ein äußerst gutaussehender Mann mit einem wachen Geist und einer freundlichen Persönlichkeit. Zehn Jahre lang hatten sie einander nicht mehr gesehen und Megan freute sich auf ihren alten Freund.
Kaum trat sie von der Rolltreppe in die Ankunftshalle, hörte sie schon eine Männerstimme, die freudig ihren Namen rief, und da war er, der liebe Tönnies, mit seinem fröhlichen, breiten Lächeln. Sie umarmten einander herzlich.
„Du hast dich kein bisschen verändert!“, sagte Tönnies und im selben Moment rief Megan: „Du siehst ja ganz genauso aus wie früher!“
Er übernahm Megans Rollkoffer und so schlenderten sie Arm in Arm zum Flughafenparkplatz. Tönnies hatte sich ein schickes, weißes Audi A3 Cabrio zugelegt und als sie mit offenem Verdeck in die Stadt fuhren, vergaß Megan völlig ihre Angst vor Zugluft. Sie war einfach nur hingerissen, vor allem, als sie sich dem glänzend modernisierten Hamburger Hafenviertel näherten und die Uferpromenade entlangfuhren.
„Würdest du gerne noch etwas Sightseeing machen?“, fragte Tönnies. Megan überlegte kurz.
„Normalerweise würde ich das sehr gerne tun, aber diesmal lieber nicht, denn es ist schon fast elf Uhr. Wenn ich mich bei dir einrichte und wir noch zu Mittag essen wollen, dann wird die Zeit nicht reichen. Um zwei Uhr beginnt das Brahms-Symposium und ich möchte entspannt dort ankommen. Nichts hasse ich so sehr wie unnötigen Stress unmittelbar vor einem Vortrag.“
„Alles klar, das hätte ich mir schon denken können. Vielleicht morgen auf dem Rückweg zum Flughafen? Ich wünschte nur, du müsstest nicht so bald nach Wien weiterreisen.“
„Ach, mir geht’s genauso. Aber mein Terminkalender kennt diesmal kein Pardon.“
„Tja! War es jemals anders?“ Tönnies grinste wissend.
„Wann beginnt denn heute Abend das Elphi-Konzert?“
Elphi, das war der Spitzname, den die Hamburger ihrem neuen, sensationellen Konzerthaus, der Elbphilharmonie im Hafenviertel gegeben hatten. Das hoch aufragende Gebäude mit seiner schrägen Dacharchitektur und sensationellen Fassade, unten zu einem Drittel aus rotem Backstein, oben zu zwei Dritteln aus Glas, beherbergte den großen Konzertsaal, den sie an diesem Abend betreten würden. Er war mit seinen vielen unterschiedlichen Rängen rasch als einer der akustisch fortschrittlichsten Konzertsäle der Welt eingestuft worden und war nun das Stammhaus des NDR Elbphilharmonie Orchesters.
„Dein Brahms-Symposium endet um fünf und das Konzert beginnt um acht“, sagte Tönnies. „Wir haben also dazwischen noch genug Zeit für ein entspanntes Abendessen. Ich habe einen Tisch in einem italienischen Restaurant reserviert, das dir sicher gefallen wird, denn es ist direkt in der Elphi.“
„Drinnen?“, fragte Megan erstaunt.
Tönnies lachte vergnügt.
„Ja, drinnen. Die Elphi ist ein multifunktionales Gebäude. Es gibt nicht nur mehrere Restaurants, sondern auch ein Hotel und etwa vierzig schicke Eigentumswohnungen. Und eine futuristische Rolltreppe, die Kurven fährt.“
„Na, das ist ja mal was Neues. Ich kann es kaum erwarten, all das mit eigenen Augen zu sehen. Dann sind die beiden Konzertsäle also oben in dem neuen Glasgebäude untergebracht und nicht unten im Sockel?“
„Natürlich nicht unten. Der riesige neue Konzertsaal ist buchstäblich rund, er und sein kleinerer Partner liegen beide hoch oben. Auch im Kleinen Saal mit seinen geriffelten Holzwänden ist die Akustik hervorragend. Die Streicher finden es toll, ihre Bögen darüber fahren zu lassen.“ Tönnies blickte mit einer entsprechenden Geste zu ihr und fiedelte mit einem imaginären Bogen eine imaginäre Wand entlang.
„Tönnies! Bitte lass deine Hände am Steuer!“
Zehn Minuten später führte der gastfreundliche Arzt seine amerikanische Freundin in das obere Gästezimmer seiner geräumigen Wohnung im zweiten Stock der Klopstockterrasse 2.
20
Als Maestra Endlich an diesem Abend zu ihrem zweiten B hoch 2-Dirigat den Künstlereingang des Musikvereins in der Bösendorfer Straße 12 erreichte, war ihr Selbstvertrauen wiederhergestellt und der alberne Drohbrief so gut wie vergessen. Fannys liebevolle Wachsamkeit und Edgars hilfreicher Besuch hatten viel dazu beigetragen, ihre Nerven zu beruhigen. Obwohl sie sonst vor Auftritten nur leichte Kost zu sich nahm, hatte sie sich heute mit einem kräftigen Essen gestärkt und war bereit für die bevorstehende Aufgabe.
Edgar empfing sie mit einem ermutigenden Lächeln. Er hatte sich bereits in ihrem Büro umgesehen und sichergestellt, dass alles in Ordnung war, und dass dieses Mal keine kindischen Drohbriefe auf ihrem Schreibtisch lagen. Er lobte Agatha – wie schon zwei Abende zuvor – für ihre Eleganz. Ihr reguläres Auftrittsoutfit war komplett weiß: von den flachen Schuhen bis zum Hosenanzug, und der passenden weißen Bluse mit offenem Ausschnitt, darüber eine weiße Weste besetzt mit Swarovski-Kristallen, die wirkten als wäre sie in einen Diamantregen geraten. Das hatte immer schon mediales Aufsehen erregt – sie wolle Musiker und Publikum blenden, war zu lesen gewesen, und ihrem Orchester das Scheinwerferlicht stehlen. Aber die Maestra ließ sich nicht beirren, sie blieb bei ihrer Farbwahl und ihrem Stil und ihre Fans liebten sie gerade dafür. In Wirklichkeit wollte sie vor allem, dass das Publikum nicht auf ihre Oberweite starrte und darüber womöglich das Orchester vergaß.
Agathas größtes Vorbild, auch im Äußeren, war die australische Stardirigentin Simone Young. Sie war fünfzehn Jahre älter als Agatha selbst und eine Pionierin, sowohl als Opern- als auch als Sinfoniedirigentin. Ihre glänzende Karriere hatte sie an viele der bedeutendsten Opern- und Konzerthäuser der Welt geführt. Zuletzt war sie zehn Jahre lang die bejubelte Generalmusikdirektorin der Hamburger Staatsoper gewesen. Einige Monate vor Agathas Wiener Konzertreihe war Simone Young auf Agathas Anregung hin als Gastdirigentin der Wiener Philharmoniker im Musikverein aufgetreten. Das Konzert war ein durchschlagender Erfolg. Agatha fand Simone Young nicht nur musikalisch, sondern in jeder Hinsicht inspirierend, denn Simones Kleidungsstil war ähnlich wie der ihre, nur in Schwarz – und ohne den Glitzereffekt.
Ein letzter Blick in den Spiegel, dann ging sie wie üblich zu ihrem kurzen Willkommensbesuch ins Musikerzimmer, um ihre Instrumentalisten zu begrüßen. Danach zog sich Agatha wieder in ihre Garderobe zurück und fand dort, wie erwartet, den ganzen Schminktisch leer. Dort auf der linken Seite lag normalerweise die Rosenholzschatulle mit ihrem Taktstock darin. Agatha, die es bevorzugte, die Schatulle geöffnet am Pult vorzufinden, machte sich aber keine Sorgen. Der Bühnenmeister Peter Heimnis, der dafür verantwortlich war, den Taktstock in der Schatulle zum Dirigentenpult und wieder zurückzubringen, hatte sich offensichtlich bereits darum gekümmert.
An ihrem Schminktisch stehend meditierte sie noch kurz mit geöffneten Handflächen und geschlossenen Augen über das bevorstehende Programm. Es war nicht so einfach gewesen, die zwei Komponisten zu „paaren“, denn die beiden waren zwar Zeitgenossen, aber doch so unterschiedlich. Bruckner hatte über einen Zeitraum von vierzig Jahren insgesamt elf Sinfonien geschrieben und Brahms nur vier, dafür aber in einem viel kürzeren Zeitraum.
Heute würde Agatha die Vierte Sinfonie von Bruckner der Zweiten von Brahms gegenüberstellen, mit einer Pause dazwischen. Die Maestra selbst hätte nicht sagen können, welches der beiden Werke ihr lieber war. Beide hatten so viel Schönes in sich. Die Bruckner-Sinfonie in Es-Dur hatte sie während ihrer Jahre in Linz schon oft in der Fassung von 1878-80 dirigiert. Der Komponist selbst hatte ihr den Beinamen Die Romantische gegeben. Was für ein mitreißender Anfang, dachte Agatha! Ein kurzer Ruf des Horns über einem flirrenden Tremolo der Streicher. Dann sechs aufsteigende Noten, die sich kurz darauf als eigenes Thema entpuppen würden, zuerst gespielt von den Streichern, den Holzbläsern und vier Waldhörnern, zu denen sich bald in voller Dichte die Posaunen, Trompeten und Tuben gesellten, während kräftige Paukenschläge die Entwicklung des ersten Satzes weiter vorantreiben würden.
Das war so typisch für Bruckner! Kein Wunder, dass Gustav Mahler dem „Landei“, wie manche Kritiker den älteren Komponisten gerne nannten, in seinen eigenen Werken Respekt gezollt hatte. Genauso wie Bruckner seinerseits Wagner in seinen Kompositionen durch entsprechende Zitate geehrt hatte. Agatha durchlief gedanklich kurz den schwermütigen zweiten Satz, den dritten, ein galoppierendes, feierliches Scherzo, dessen Hornrufe unmissverständlich eine Jagd ankündigen, und schließlich das eindringliche, lange Finale mit seinem üppigen, scheinbar nie enden wollenden Schlussakkord – ein langes, triumphales Amen.
Brahms Zweite Sinfonie in D-Dur hingegen würde dem Publikum nach der Pause einen friedlichen, majestätischen ersten Satz schenken, dessen Atmosphäre an Beethovens Sechste Sinfonie, die „Pastorale“, erinnert, wie Kritiker immer wieder gerne anmerkten. Agatha musste schmunzeln, denn ihr fiel plötzlich ein, dass sie mal gelesen hatte, wie Brahms Verleger und Kritiker zum Narren gehalten hatte, indem er sagte: Die neue Symphonie ist so melancholisch, dass Sie es nicht aushalten. Die Partitur muss mit Trauerrand erscheinen. Das waren möglicherweise Selbstzweifel, oder ihm saß der Schalk im Nacken, dachte Agatha. Beides lag wohl nah beieinander.
Dann im zweiten Satz die gleichzeitige Vorstellung der beiden ersten Themen, aufsteigend in den Fagotten und absteigend in den Celli, gefolgt von einem dritten Thema, synkopiert und für die Holzbläser geschrieben, leichter in Stil und Charakter. Der dritte Satz kein traditionelles Scherzo, sondern ein Intermezzo, dessen erstes Thema von einer Oboe mit Pizzicato-Begleitung vorgetragen würde. Schließlich das leise beginnende Thema des letzten Satzes, das sich bald triumphierend zu einem Tutti des ganzen Orchesters ausweitet und am Ende der Sinfonie mit einem gehaltenen Fortissimo-D-Dur-Akkord der Posaunen schließt, wohl damit das Publikum die Tonart nicht vergisst.
Es war unmöglich, sich zwischen der Bruckner- und der Brahms-Sinfonie zu entscheiden. Beide waren wundervoll. Und deshalb passten sie wunderbar an einem Abend zusammen. Wie sehr hoffte Agatha, dies ihrem Publikum vermitteln zu können. Der erste Konzertabend ihrer neuen Reihe war so gut gelaufen und so enthusiastisch aufgenommen worden. Sie würde alles daransetzen, dass der heutige, zweite Abend ebenso einschlug.
Ein unerwartetes Anklopfen unterbrach ihre Überlegungen. Seltsam. Alle wussten, dass sie vor dem Konzert in Ruhe gelassen werden wollte und hielten sich in der Regel daran. Sie öffnete die Tür und fand einen unscheinbaren Jungen von höchstens sechzehn Jahren vor, der ihr umständlich einen riesigen Strauß roter Rosen hinhielt.
„Von Ihren größten Bewunderern, den Platzanweisern. Toi, toi, toi“, rief er schüchtern und war auch schon über den Korridor verschwunden.
Verwundert und mehr verärgert als erfreut hielt Agatha den prachtvollen, überdimensionalen Strauß nun in beiden Händen und musste die Tür zwangsweise einen Spalt offenstehen lassen, denn wohin sollte sie das Geschenk stellen? Sie blickte sich vergeblich suchend in ihrer Garderobe nach einer geeigneten Vase um, doch auf den ersten Blick konnte sie nichts finden, was groß genug gewesen wäre. Also stellte sie den Strauß einfach aufrecht in die Ecke auf den Boden. Die Rosen würden es überleben.
„Alles in Ordnung, Maestra?“ Es war der Bühnenmeister, der vorbeikam.
„Aber ja, alles bestens, Peter. Danke.“
Agatha schloss die Tür rasch wieder. Ihre musikalische Meditation war unterbrochen worden und unvollständig geblieben. Sie musste sich von neuem konzentrieren. Die Wanduhr zeigte neun Minuten vor acht und sie schickte ein Stoßgebet zum Himmel: Anton und Johannes, steht mir bei! Ich will euch auch heute wieder alle Ehre machen!
21
Tönnies stand zu seinem Wort. Während Megan rasch auspackte und sich für ihren Vortrag umzog, bereitete er eine köstliche Eigenkreation zu, einen Salat mit unterschiedlichen Gemüsesorten und Pfirsichspalten als Tüpfelchen auf dem i, den sie noch in aller Ruhe verspeisten, bevor sie aufbrachen. Megan war als Hauptrednerin des Eröffnungstags angekündigt, und sie bedauerte bereits, dass sie nicht für die gesamte Dauer des Brahms-Symposiums an der Hamburger Universität bleiben konnte, denn es gab eine Menge interessanter Referate und musikalischer Darbietungen, die sie nun alle versäumen würde. Aber Wien wartete und dieser Einladung hatte sie schon fest zugesagt, lang bevor die Hamburger sich gemeldet hatten.
„Du warst noch nie im neuen Archäologischen Museum auf dem Hamburger Uni-Campus, oder?“, fragte Tönnies, als sie mit dem Mittagessen fertig waren.
„Nein. Ich war überhaupt noch nie an der Hamburger Uni.“
„Na, dann wirst du positiv überrascht sein.“
„Ich habe mir das Museum online angesehen und weiß, wie beeindruckend es sein muss, wenn man durch diese spektakuläre riesige Glasfront eintritt und dann in den unterirdischen Vortragssaal direkt unter dem Rasen kommt.“
„Ich hätte mir natürlich denken können, dass zu deinen Vorbereitungen auch gehört, dass du die Örtlichkeiten deiner Gastgeber schon im Internet auskundschaftest.“
„Tja! Das liegt wohl daran, dass ich einmal in Kanada eine Vorlesung an einer bestimmten Universität halten sollte und volle zwanzig Minuten zu spät kam, weil mich der Taxifahrer beim falschen Gebäude absetzte. Ich musste zum richtigen Gebäude laufen, traf dort schweißgebadet und außer Atem ein und sah mich einem empörten Publikum gegenüber. Das wird mir nie wieder passieren!“
Natürlich brachte Tönnies Megan zur richtigen Adresse, setzte sie direkt vor der Glasfront der Gipsabguss-Sammlung des Archäologischen Instituts ab und verschwand mit seinem Cabrio, um rasch einen möglichst nahegelegenen Parkplatz zu finden. Dr. Ernst Erkunden, der Musikwissenschaftler, der sie als Referentin eingeladen hatte, erwartete Megan schon vor dem Eingang und führte sie in aller Ruhe durch das Entrée an der faszinierenden, mit Skulpturen gefüllten, antiken Giebelfassade vorbei und dann hinunter in den Saal mit seinen bemalten Säulen und Friesen, die einem echten griechischen Tempel wirklich nahe kamen. Megan war angenehm überrascht, eine Bronzebüste des bartlosen Brahms auf einem Sockel in der Mitte der niedrigen Holzbühne zu sehen, darüber die Projektionswand für die Bilder ihres Vortrags. Sie erkannte gleich, dass es ein Abguss der Büste in der Walhalla war. Was für ein Aufsehen hatte es gegeben, als ein Vandale vor einigen Jahren einen falschen Bart dort angebracht hatte, dachte sie.
Megan stellte routiniert ihren Laptop und ihre kleine Thermoskanne mit Wasser auf das Rednerpult, ging rasch den Soundcheck mit dem dafür zuständigen Techniker durch und machte sich kurz mit den anderen Rednern bekannt. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Tönnies den Hörsaal betrat und weiter hinten Platz nahm. Nachdem sich der Saal gefüllt hatte, hielt sich Dr. Erkunden mit seiner Begrüßung erfreulich kurz, bevor er dazu überging, Megan vorzustellen. Er schilderte, wie sie als Texanerin mit italienischem Wurzeln und dem Ruf einer Doyenne unter den Kennern des österreichischen Künstlers Egon Schiele dazu gekommen war, sich besonders mit der Ikonografie von Komponisten zu befassen, mit der Wechselwirkung von Bild und Klang, und erwähnte ihr großes Beethoven-Buch, aber auch ihren Band über Johannes Brahms.
„Und nun gebe ich das Wort an Frau Professorin Doktor Megan Crespi“, schloss Erkunden. Megan ging ans Rednerpult und nahm den freundlichen Applaus des Hamburger Publikums dankend entgegen. Dann ließ sie via Laptop das erste Bild auf der großen Leinwand über dem Podium erscheinen. Es zeigte jedoch nicht Johannes Brahms selbst, sondern eine alte Schwarz-Weiß-Fotografie seines ehemaligen Wohn- und Musikzimmers in Wien.
„Ich bin sicher, dass jeder hier im Saal die Adresse kennt, an der Hamburgs größter Komponist die letzten vierundzwanzig Jahre seines Lebens verbracht hat“, sagte Megan und lächelte ins Publikum. Bevor jemand antworten konnte, blendete sie die Adresse auf dem Bildschirm ein: Wien, Karlsgasse Nr. 4. Es folgte eine etwas vergilbte Fotografie des dreistöckigen Gebäudes von außen aus dem späten neunzehnten Jahrhundert, wie auch schon das Bild zuvor.
„Das Haus wurde zehn Jahre nach seinem Tod abgerissen, um Platz für das Hauptgebäude der Technischen Universität Wien zu schaffen. Aber die drei gemieteten Zimmer des Komponisten befanden sich buchstäblich nur einen Steinwurf von Fischer von Erlachs majestätischer Karlskirche. Hier sehen Sie das Portal, umrahmt von zwei gigantischen Säulen mit Spiralreliefen.“ Auf der Leinwand erschien ein historisches Panoramabild des Karlsplatzes und der Karlskirche mit der beeindruckenden hohen Kuppel. Bald konnte sich das Publikum lebhaft vorstellen, wie Brahms in seiner Rolle als Chorleiter des Wiener Singvereins und später als Direktor des Musikvereins täglich aus seinem Haus in der Karlsgasse 4 ging und mit entschlossen hinter dem Rücken verschränkten Armen an der prachtvollen Fassade der Karlskirche vorbei den Karlsplatz querte und durch den Resselpark zum Gebäude des Wiener Musikvereins auf der gegenüberliegenden Seite schritt.
Megan ließ die malerische Route über den Karlsplatz wirken, bevor sie zu ihrem nächsten Bild überging, das beim Publikum freudiges Erkennen auslöste: Es war die lebensgroße Marmorstatue von Johannes Brahms, die seit 1908 im Resselpark steht. Die Statue des Künstlers Rudolf von Weyr zeigte Brahms in älteren Jahren, in einer breitbeinigen und entspannt zurückgelehnten, sitzenden Pose. Auf der untersten Stufe des hohen Sockels kauerte, wie hingegossen, eine tief dekolletierte, in reichem klassischem Faltenwurf drapierte Muse und fasste mit verträumten Blick nach den Saiten einer verlassenen Leier. Ja, jeder im Publikum kannte und liebte diese Darstellung des Komponisten, manche verstanden sogar die Symbolik.
„Das Wiener Brahms-Denkmal steht exakt auf halbem Weg zwischen seiner damaligen Adresse, Karlsgasse 4, und ‚seinem‘ Musikverein“, erklärte Megan. „Diese Stelle überquerte der Komponist tagtäglich auf dem Weg zur Arbeit als Direktor des Musikvereins. Aber inwiefern geht es hier um den ‚visuellen Brahms‘?“
Das Publikum betrachtete das Bild und wartete geduldig auf die Auflösung. Würden nun noch weitere Brahms-Skulpturen folgen? Porträtbilder? Büsten etwa? Offenkundig nicht, denn als nächstes kam wieder dasselbe Motiv wie zu Beginn, doch nun koloriert: eine historische Fotografie von Brahms’ Wohn- und Musikzimmer. Worauf wollte die amerikanische Professorin hinaus?
„Ja, wir werden uns heute den visuellen Brahms genauer ansehen, aber nicht sein Antlitz, das jede und jeder in diesem Saal mehr oder weniger gut kennt, mit und ohne den üppigen Bart. Ich möchte Ihnen heute Nachmittag neue Aspekte des visuellen Brahms eröffnen. Seine eigenen Idole, die Bilder, die bei ihm zu Hause an den Wänden hingen, die ihn motivierten und inspirierten, und was sie uns über ihn erzählen.“
Das Publikum begriff diese neue, ungewöhnliche Annäherung an den Komponisten Johannes Brahms und lauschte gespannt.
„Dank dieser Fotografien, die sein Freund und späterer Biograf Max Kalbeck wenige Tage nach Brahms’ Tod liebevoll von seinem inneren Heiligtum, seiner Wohnung, gemacht hat, können wir die drei Zimmer, die er bewohnt hat, Zentimeter für Zentimeter untersuchen: sein Wohn- und Musikzimmer, seine Bibliothek und sein Schlafzimmer. Hier rechts sehen wir sein Klavier, ein Flügel des Wiener Klavierbauers J. B. Streicher & Sohn, das dieser ihm als Dauerleihgabe zur Verfügung stellte. Man beachte, dass der Pianist aus Hamburg sich nicht mit einem Hamburger Steinway ausgestattet hat!“
Das fachkundige Publikum schmunzelte. Megan ließ ein zweites Bild in gleichem Format rechts neben dem Foto erscheinen. Es war ein detailgetreues Aquarell von Kalbecks Foto, erstellt von Wilhelm Nowak.
„Hier sehen Sie den tiefblauen Fransenüberwurf auf Brahms’ Klavier und darauf eine Reihe persönlicher Gegenstände, ordentlich abgestellt. Auf dem Boden sehen Sie vier kunstvolle Orientteppiche, ein Tierfell ganz links und eine elegante Samtdecke mit Fransen auf dem kleinen, runden dreibeinigen Tisch rechts neben dem Sofa. Auf diesem Tischchen bewahrte Brahms seine Rauchutensilien und Zigarren auf. Ebenso wichtig war für ihn der Kaffeebereiter mit dem großen Brühkopf auf dem Couchtisch. Sie sehen dort auch eine Tasse mit Untertasse sowie Zuckerdose und Sahnekännchen. An der Wand darüber: die Darstellungen einiger seiner großen Idole. Ganz rechts hoch oben an der Wand steht eine Büste auf einer Halterung. Sie ist das erste, was uns ins Auge fällt. Wer ist es?“
„Beethoven!“, rief das Publikum, das sich freute, einbezogen zu werden.
„Ja, genau. Das ist kaum überraschend. Wir wissen, wie sehr Brahms Beethoven verehrte. Es ist eine Marmorbüste, gestaltet von dem deutschen Bildhauer Hugo Hagen und geht auf Franz Kleins lebensgroße Beethoven-Büste aus dem Jahr 1812 zurück. Brahms erwarb diesen Abguss, als er zweiundvierzig Jahre alt war. Aber Beethoven war nicht das einzige große ‚B‘ in Brahms’ Leben. Weiter unten an der Wand, weiter links, sehen wir ein lorbeerbekränztes Bronzeprofil von – erkennen Sie ihn? Es ist Otto von Bismarck, der ‚Eiserne Kanzler‘ des damals neu vereinten Deutschen Kaiserreichs. Ein Politiker an der Wand eines Musikers? Das ist durchaus bezeichnend für Brahms – er war ein Mann von Welt, mit großem Interesse an der Politik. So hatte er auf Reisen immer einen Band mit Bismarcks neuesten Reden dabei. Seine Sympathie für den ‚Eisernen Kanzler‘, der Brahms nur um ein Jahr überlebte, hielt er bis zuletzt aufrecht. In seinem letzten Lebensjahrzehnt übernahm er die Ehrenpräsidentschaft des Wiener Ortsverbandes des Clubs zum Ausspannen der Pferde. Das war ein Verein engagierter Bismarck-Anhänger, deren ausdrückliches Ziel es war, nach der Entlassung Bismarcks, die Pferde seiner Kutsche auszuspannen, um sie selbst zu ziehen und 1894 seine triumphale Rückkehr nach Berlin zu feiern. Klingt doch toll, oder? Nun, leider wurde der Plan von Kaiser Wilhelms Garde vereitelt.“
Verwunderung machte sich im Saal breit. Diese Geschichte hatte noch kaum jemand gehört.
„Das Verhalten des deutschen Kaisers im Vorfeld des Ersten Weltkriegs wäre ein Vortrag für sich, aber wir wollen uns stattdessen lieber etwas genauer mit Brahms’ Idolen und Bildern befassen. Ach ja! Sehen Sie das hier? Ein gerahmter Druck von Raffaels Sixtinischer Madonna hatte einen Ehrenplatz direkt über dem Sofa. Brahms liebte Italien und die Kunst der italienischen Renaissance. Kein einziges Mal reiste er nach England oder Amerika – er hatte schreckliche Angst vor dem Wasser, eine Schiffsreise erschien ihm unmöglich –, aber neun Sommer lang zog es ihn nach Italien. Allerdings fand er die italienische Musik ‚grässlich‘ und widmete sich mehr den Naturschönheiten und der künstlerischen Vielfalt des Landes. Und er liebte es, in Antiquitätenläden nach alten Drucken zu stöbern.“
Megan machte eine Pause, um einen Schluck Wasser zu nehmen und schaute ins Publikum.
„Aha, ich sehe, dass einige von Ihnen bereits an den beiden Thonet-Stühlen vorbei nach links zu dem Gemälde über dem Schaukelstuhl blicken. Ja, das ist ein recht merkwürdiger Anblick dort an der Wand, nicht wahr?“
Megan deutete auf ein großes, gerahmtes Bild, dessen rechte Hälfte von einer Art blickdichter Gardine verdeckt war.
„Dieser Vorhang wurde extra auf Brahms’ Wunsch von seiner Vermieterin genäht.“
Megan fokussierte jetzt das Gemälde, und zeigte dann eine vollständige Version, ohne den Vorhang: Dahinter war eine leierhaltende Muse versteckt.
„Das ist Ingres’ wunderschönes Gemälde Luigi Cherubini und die Muse der Lyrik. Warum hat Brahms dieses Bild in seinem eigenen Wohnzimmer zensiert? Wie man sieht, war die Dame immerhin bekleidet.“
Es herrschte Schweigen. Megan fuhr fort.
„Es war wohl einfach so, dass Brahms, als einsamer, aber standhafter Junggeselle und gewohnheitsmäßiger Bordellbesucher diese Muse in ihrer Körperlichkeit viel zu nah und präsent war. Dies Froonslüüd mog ik nich, sagte er selbst. Ich mag dieses Frauenzimmer nicht!“
Das Publikum zeigte sich von Megans plattdeutschem Einwurf amüsiert. Megan zeigte eine weitere Fotografie des Zimmers, nun sah man das Klavier in voller Größe von der Seite.
„Das Kunstwerk, das Sie in dem großen Spiegel über dem Klavier sehen können, ist ein Teilstück von Guido Renis Aurora, ein weiterer Druck, den Brahms in Rom erworben hatte. Ganz rechts kann man seinen Schreibtisch erahnen. Sehen wir uns also nun als nächstes eine Aufnahme dieses schlichten Schreibtisches an und des dahinter liegenden Raums, Brahms’ Bibliothek.“
Einige im Publikum lehnten sich nach vorne, um die aufschlussreichen Details zu studieren, nämlich die Bilder und Objekte auf und über dem Schreibtisch des Komponisten und dahinter, durch eine offene Tür, die Buchreihen an der gegenüberliegenden Wand der Bibliothek.
„In der Mitte der Wand über dem Schreibtisch sehen Sie einen gerahmten Kupferstich der Mona Lisa. Das ist keine große Überraschung. Aber schauen Sie genau darunter, auf Augenhöhe, und stellen Sie sich vor, wie Brahms an seinem Schreibtisch saß. Kann jemand erkennen, was dort steht?“
Das Publikum war ganz verstummt. Die Leute versuchten angestrengt zu erkennen, was für eine Darstellung sich in dem ovalen Rahmen darunter befand. Megan löste die Spannung auf.
„Es ist auf dieser Fotografie zu klein, um es zu erkennen, aber Max Kalbeck hat es für uns identifiziert: Es ist ein Doppelmedaillon von Clara und Robert Schumann.“
„Aaah!“, kam es aus dem Publikum. Plötzlich ertönte eine Männerstimme aus dem hinteren Bereich des Saals.
„Und wann verraten Sie uns endlich, ob Clara Schumann und Johannes Brahms ein Liebespaar waren?“
„Nicht in diesem Vortrag und, wenn Sie es genau wissen wollen, auch sonst nicht“, antwortete Megan gelassen. „Ich glaube, die beiden haben einander innig geliebt und verkehrten ein Leben lang miteinander, aber nicht so, wie Sie es andeuten.“
Das interessierte Publikum war empört über die unhöfliche Unterbrechung und begann nach Crespis schlagfertiger Antwort spontan zu klatschen. Die meisten stimmten ihr zu, was die persönliche Beziehung zwischen Clara Schumann und dem vierzehn Jahre jüngeren Johannes Brahms betraf. Ja, es war eine Art Liebe auf beiden Seiten, sogar Anbetung, die schon früh in ihrer vierzigjährigen Freundschaft begann. Fast von Anfang an duzten sie einander, aber ihre Liebe war nicht körperlich, das glaubten zumindest die meisten.
„Also, wollen wir nun unsere Besichtigung von Brahms’ Wohnung fortsetzen?“, fragte Megan, was einige Zuhörer dazu veranlasste, „Ja!“ zu rufen.
Sie ließ den Laserpointer um Johannes Brahms’ Schreibtisch kreisen und hielt an der Tür zur Bibliothek.
„Nun, eines der Dinge, die wir hier an der Wand hängen sehen, ist ein Bismarck-Kalender für das Jahr 1897 mit der Seite für den dreißigsten März. Das war der letzte Tag, an dem der Komponist sein Krankenlager selbst verlassen konnte, um ein Kalenderblatt abzureißen. Er starb vier Tage später im Alter von dreiundsechzig Jahren, nur elf Monate nach seiner verehrten Clara, die sechsundsiebzig Jahre erreichte.“ Megan schwieg einen Moment, dann sprach sie in heiterem Ton weiter.
„Bevor wir nun die Bibliothek betreten, schauen Sie mal, was man schon hier durch den Eingang erkennen kann. Hier, diese hohe, schmale Holzkonstruktion, das ist ein Stehpult. Brahms war seiner Zeit weit voraus, wenn Sie daran denken, dass Stehpulte in unserem sitzenden Computerzeitalter eine Art Auferstehung feiern. Sicher arbeiten einige von Ihnen zumindest hin und wieder am Stehpult. Liege ich da richtig?“
Ermutigendes Gelächter ertönte, als zwei der Zuhörer erst schüchtern, dann stolz ihre Hände hoben.
„Nun, Stehpulte waren im neunzehnten Jahrhundert sehr beliebt. Mir fallen mindestens vier berühmte Persönlichkeiten ein, die sie benutzten: der dänische Märchenerzähler Hans Christian Andersen, Max Planck, der Begründer der Quantentheorie, der Wiener Komponist Johann Strauss Junior und Kaiser Wilhelm II. in seinem Sommerpalast auf der griechischen Insel Korfu. Ich reiste in jungen Jahren eigens dorthin, um es zu fotografieren. Und zählt man Brahms dazu, sind es fünf, die gern im Stehen arbeiteten. Kennt jemand von Ihnen weitere berühmte Beispiele?“
Es herrschte belustigtes Schweigen. Megan erlaubte sich ein Schmunzeln und sagte aus dem Stegreif: „Nun, für Amerika könnte ich Thomas Jefferson, Benjamin Franklin und Ernest Hemingway nennen. In England sind es Charles Dickens und Winston Churchill. Ich wollte schon immer einen Artikel über diejenigen schreiben, die das Stehpult liebten, aber ich konnte keine Frauen finden, die es taten, und ich werde keine historische Studie verfassen, wenn ich nicht zumindest eine Frau mit einbeziehen kann!“
Die Frauen im Publikum applaudierten begeistert und auch zahlreiche Männer schlossen sich an.
„Aber nun zurück zu Brahms,“ fuhr Megan lächelnd fort und zeigte ein neues Bild.
„Auf dieser Fotografie der Bibliothekswand, die auf den Karlsplatz hinausgeht, sehen wir über dem Beistelltisch zwischen den beiden Fenstern eine Karikatur der Apokalyptischen Reiter des Malers Peter Cornelius, einem Vertreter des Nazarener-Stils. Ein wirklich makabres Thema, das allerdings hervorragend zu Brahms’ musikalischer und persönlicher Auseinandersetzung mit dem Tod passt.“
Nun herrschte bestätigendes Schweigen, zudem erschien eine Vergrößerung des düsteren Bildes auf der Leinwand.
„Haben Sie die große Reisetasche auf dem Stuhl rechts des Tisches bemerkt?“, fragte Megan. „Das erinnert an die eigenwillige Art und Weise, wie Brahms für seine vielen Reisen packte: Er stapelte einfach seine Kleidung auf der Tischplatte und kippte dann den ganzen Haufen in den offenen Koffer.“
Ein amüsiertes Lächeln huschte über die Gesichter der Zuhörer.
„Die vielen Bände in Brahms’ Bibliothek sind alle eingehend untersucht und katalogisiert worden. Ich möchte nur so viel sagen: Die Titel spiegeln eindeutig seine ambitionierten literarischen Interessen wider. Shakespeare, um nur einen zu nennen. Und die besondere Rolle der Volkslieder in seinen Kompositionen wird durch die Tatsache belegt, dass er achtzehn nahezu zerlesene Bände der Volksliedsammlung Des Knaben Wunderhorn besaß. Nicht nur Brahms, sondern, wie Sie sicherlich wissen, eine Reihe von Komponisten vertonten diese Volksliedtexte, darunter… nun, sagen Sie es mir!“
Der typisch amerikanische Stil des Dozierens, die unbedingte, lebendige Einbeziehung des Publikums, mit dem Ziel, Begeisterung und Beteiligung zu erzeugen, ließ sich nun nicht mehr zurückhalten. Megan breitete einladend ihre Arme aus und prompt wurden schon die ersten Antworten in Richtung Podium gerufen. Eine fast spielerische Unruhe machte sich im Publikum breit: „Robert Schumann!“, „Weber auch!“, „Und Mendelssohn!“, „Mahler vor allem!“, „Zemlinsky natürlich!“, „Schönberg!“ und schließlich „Anton von Webern nicht zu vergessen!“, klang es stolz über so viel Wissen aus dem Publikum.
„Ganz ausgezeichnet!“, beglückwünschte Megan ihre motivierten Zuhörenden. Bei ihren Vorträgern schlief keiner ein.
„Und nun lassen Sie uns ganz vorsichtig auf Zehenspitzen in Brahms’ Schlafzimmer huschen, wo er seinen letzten Atemzug tat, denn wir wollen respektvoll versuchen, seine persönlichsten Schätze zu identifizieren.“
Das Publikum erkannte mit Megans Hilfe links auf dem Kaminsims gegenüber dem Bett eine Porzellanbüste von Joseph Haydn.
„Ein passendes klassisches Pendant zu dem gerahmten Porträtdruck von Bach, der allein an einem Ehrenplatz über Brahms’ Bett hängt. Beethoven und Bismarck im Wohn- und Musikzimmer, Bach und Haydn im Schlafzimmer. Welche größere Inspiration könnte man sich denken?“
Brahms selbst, so Megan, habe viele Male erklärt, dass die beiden wichtigsten Ereignisse in seinem Leben die Gründung des Deutschen Kaiserreichs durch Bismarck und die Fertigstellung der Werkedition der Bach-Gesellschaft sei, die er schon früh und mit großem Eifer abonniert hatte. Bachs Partituren seien häufig auf dem Notenständer seines Klaviers gelegen. Brahms’ letztes Werk, die 1896 vollendeten elf Choralvorspiele für die Orgel, seien eindeutig eine Hommage an Bach.
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