Kitabı oku: «Die Brahms Büste»
Die Brahms Büste
Alessandra Comini
DIE BRAHMS BÜSTE
Ein Megan Crespi-Krimi
Aus dem amerikanischen Englisch von
Pia Viktoria Pausch
Mit freundlicher Unterstützung
der MA 7 – Kulturabteilung der Stadt Wien
Alessandra Comini: Die Brahms Büste
Ein Megan Crespi-Krimi
Aus dem amerikanischen Englisch von Pia Viktoria Pausch
Hollitzer Verlag, Wien 2022
Originalausgabe: Sunstone Press, Santa Fe, New Mexico 2021
Coverabbildung: Nikola Stevanovic unter Verwendung von Friedrich Kaulbach: Die Bildhauerin Elisabeth Ney im Leineschloss © public domain, wikimedia commons
Lektorat: Paula Tiedge
Umschlaggestaltung: Nikola Stevanović
Satz: Nikola Stevanović
Hergestellt in der EU
Alle Rechte vorbehalten
© Hollitzer Verlag, Wien 2022
www.hollitzer.at
ISBN Druckausgabe 978-3-99012-942-5
ISBN epub: 978-3-99012-943-2
Dieses Buch ist ein fiktionales Werk. Namen, Orte, Personen und Handlungen sind entweder frei erfunden oder werden fiktiv verwendet. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Ereignissen oder Schauplätzen sind rein zufällig.
WIDMUNG
Für
Mary Dibbern, Music Director of Education an der Dallas Opera, Meistergesangslehrerin für Generationen junger Sängerinnen und Sänger, künstlerische Leiterin für weltliche Musik an der St. Matthew’s Cathedral
und
zum Gedenken an Richard R. Brettell (1949 – 2020), Museumsleiter, Kunstkritiker, Pianist und international bekannter Experte für den französischen Impressionismus, inspirierender Gründer des Edith O‘Donnell Instituts für Kunstgeschichte an der University of Texas.
Liste der Figuren
Prof. Dr. Megan Crespi: amerikanische Universitätsprofessorin für Kunstgeschichte im Ruhestand; begeisterte Musikhistorikerin; Expertin für europäische Kunst des frühen zwanzigsten Jahrhunderts; gefragte Beraterin bei der Aufklärung von Verbrechen in der internationalen Kunst- und Klassikszene
Tina Crespi: angesehene Tierärztin in der Region Dallas-Fort-Worth-Metroplex, bekannt für ihr Tierschutz-Engagement, jüngere Schwester von Megan Crespi
Jacquelyn McDonald: ambitionierte Direktorin des Elisabet-Ney-Museums in Austin, Texas
Edgar Wittgenstein: Generaldirektor des Wiener Musikvereins, der Heimstätte der Wiener Philharmoniker
Agatha Endlich: junge Wiener Stardirigentin, seit wenigen Jahren als Abonnementdirigentin der Wiener Philharmoniker im Musikverein tätig
Mario Intagliatore: italienischer Bildhauer, Schöpfer der bartlosen Brahms-Büste in der Walhalla, lebt seit vielen Jahren in Hamburg
Lukas Eifer: Dirigent des Grazer Philharmonischen Orchesters, ein leidenschaftlicher Brahms-Liebhaber
Reinhold „Reini“ Eifer: langjähriger Direktor des Archivs, der Bibliothek und der Instrumentensammlungen des Musikvereins, jüngerer Bruder von Lukas
Christian Begeist: Dirigent des Bruckner Orchesters Linz und fanatischer Verehrer des Komponisten Anton Bruckner
Dieter Unfug: ehemaliger Assistenzdirigent von Christian Begeist, ebenfalls ein Bruckner-Anhänger
Stefanie Schreibenstein: renommierte Musikkritikerin der Wiener Tageszeitung Wiener Rundschau, mit geheimnisvoller Abstammung
Peter Heimnis: Oberbühnenmeister im Wiener Musikverein
Antonius „Tönnies“ Helfer: Hamburger Augenarzt im Ruhestand und langjähriger guter Freund von Megan Crespi
Harry Dunmore: Amerikanischer praktischer Arzt, für Médecins sans Frontières in Indien und Afrika tätig, Ex-Mann von Tönnies Helfer
Anthony „Tony“ Bocello: Präsident des Dallas Symphony Orchestra im Ruhestand und ehemaliger Dekan der Meadows School of the Arts in Dallas
Fritz Rahm: Enkel in fünfter Generation von Friedrich Brahms (Johannes Brahms’ jüngerer Bruder), ein venezolanischer Organist aus Caracas
Erich Decker: Kriminalhauptkommissar, Leiter der Soko Wien für Kunst und Kultur
Oliver Kopf: musikbegeisterter Neurologe und treuer Fan der Wiener Philharmoniker seit mehr als zwanzig Jahren
Priscilla Pfau: Direktorin des Brahms-Museums in Mürzzuschlag
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„Das ist mit größter Gewissheit der junge Johannes Brahms, aber ziemlich ramponiert“, sagte die emeritierte Kunstgeschichteprofessorin Megan Crespi leise und hob eine leicht beschädigte Bronzebüste hoch, um sie genauer anzusehen.
„Aber nicht doch, Megan, da fehlt ja der Bart!“, spöttelte Tina Crespi, die, wie so oft, mit ihrer älteren Schwester als deren Chauffeurin unterwegs war. Die beiden waren von Dallas nach Süden in die texanische Hauptstadt Austin gefahren, denn Megan hatte dort abends zuvor auf Einladung des Blanton Museums an der Texas University einen Vortrag mit dem provokanten Titel „Die Bildhauerin, das unbekannte Wesen?“ gehalten. Darin ging es um Elisabet Ney, eine deutsch-amerikanische Künstlerin, die im neunzehnten Jahrhundert tatsächlich mehr oder weniger die einzige Frau war, die sich damals mit ihren Skulpturen in Europa und Amerika einen Namen machen konnte. Aber selbst den kannte bis heute kaum jemand, weder da noch dort. So war das mit den Frauen in der Kunst leider immer gewesen, und Megan hatte sich stets bemüht, vergessene, oft namenlose Künstlerinnen aufzuspüren und ihre Werke ans Licht zu bringen. In Austin, wo Elisabet Ney nach der Emigration aus Deutschland gelebt und gearbeitet hatte, war die Bildhauerin natürlich längst zur lokalen Heldin aufgestiegen. Neys prächtiges Wohnhaus, die Villa Formosa, und ihr mit Skulpturen gefülltes Atelier war, wie es sich die Künstlerin selbst immer gewünscht hatte, zum Museum umgewidmet worden und hatte sich seither zum begehrten Ziel kunstinteressierter Texas-Touristen entwickelt.
Die zwei Schwestern Megan und Tina konnten ungleicher nicht sein. Sie waren fünfzehn Jahre auseinander, eine zu lange Zeit, um eine gemeinsame Kindheit zu teilen. Als Tina zur Welt kam, war die Einserschülerin Megan schon in der Abschlussklasse der Highschool. Als Tina drei Jahre alt wurde, hatte Megan bereits ihr erstes Studienjahr am renommierten Barnard College in New York absolviert und war am Sprung zum begehrten Auslandssemester im fernen Europa. Als aufstrebende Kunsthistorikerin mit besonderem Interesse an der Wiener Moderne hatte es sie in die österreichische Hauptstadt gezogen. Das war in den 1950er Jahren gewesen, sie hatte dort neben dem Studium an der Universität Wien in der Archivabteilung der berühmten Albertina gearbeitet. Dann kam sie zurück und machte an der Columbia University in New York ihren Doktor in Kunstgeschichte über den damals noch recht unbekannten österreichischen Maler Egon Schiele „und seine Porträts“, wie es im Titel ihrer Dissertation hieß – Megan war diejenige, die als Erste der Welt erklärte, wer Egon Schiele überhaupt war. Dann kamen Gastsemester als junge Dozentin in Berkeley und Yale, bevor sie wieder in ihre Heimatstadt Dallas zurückkehrte, wo sie ihre Familie wieder öfter sah und blieb, um eine Professur zu übernehmen und die Fakultät für Kunstgeschichte an der Southern Methodist University von Dallas zu dem zu machen, was sie heute war: ein erstklassiges, international renommiertes Ausbildungsinstitut für Kunsthistorikerinnen. Aber das war nun auch schon eine Zeit lang her, denn in ihrem „Unruhestand“ seit der Pensionierung hatte sich die zwischenzeitlich in den USA und Österreich legendäre Kunsthistorikerin die Aufklärung internationaler Verbrechen in der Kunstszene zur Berufung gemacht. Gefälschte Gemälde, gestohlene Partituren – was immer es war, Megan Crespi hatte nicht nur eine ungeheure Expertise, sondern auch die richtige Spürnase und wurde von den Sonderkommissionen der Polizei, die solche meist internationalen Fälle bearbeiteten, als gern gesehene Beraterin hinzugezogen. Jetzt war sie schon Mitte achtzig, aber das sah man ihr nicht an, denn sie war für ihr Alter extrem fit. Ihr Geheimnis jugendlicher Frische war eine disziplinierte tägliche Aerobic-Routine gleich nach dem Aufstehen, die sie niemals vergaß. Dazu gesundes Essen, kein Alkohol, kein Nikotin, auf sich achten, und vor allem: Leidenschaft und Enthusiasmus für alles, was sie tat. Megan Crespi liebte das Leben und das sah man ihr an. Sie war eine „ewige Brünette“, die mit ihren stets funkelnden braunen Augen einen ungeheuren Esprit versprühte. Wenn sie nicht gerade auf Vortragsreise oder in Sachen Kunstraub et cetera international umherflog, dann liebte sie es, sich in ihr gemütliches, mit Büchern, Instrumenten und ausgewählten Kunstwerken vollgestopftes Haus in Dallas zurückzuziehen, zu forschen und zu schreiben.
Ihre jüngere Schwester Tina hatte einen ganz anderen Lebensweg eingeschlagen. Sie war als engagierte Tierärztin in der Metroplex-Region Dallas-Fort Worth hoch angesehen. Groß, schlank, mit riesigen, ausdrucksstarken kastanienbraunen Augen und langen blonden Locken war sie ein echter Hingucker, wo immer sie erschien. Aber Tinas Lebensinhalt war die Liebe zu Tieren. Auch sie war ständig unterwegs, und zwar im Auftrag der Veterinärmedizin und der Tierrettung. Sie hatte ihre Ordination auf ihrer Ranch nahe Fort Worth eingerichtet, brachte Texas-Longhorn-Kälbchen auf die Welt, verarztete Hunde, Katzen, Hamster und Frettchen ebenso wie Kaninchen, Schafe und Schweine, bis hin zu importierten Echsen und Riesenschlangen in den Keller-Terrarien abgelegener Farmhäuser in der texanischen Prärie. Ihr Revier war die Natur.
Doch die beiden ungleichen Schwestern hatten auch Gemeinsamkeiten. Keine der beiden hatte sich je durch eine Heirat binden lassen; beide schenkten ihre bedingungslose Hingabe stattdessen lieber ihren vergötterten Haustieren. Megans kleiner vierbeiniger Schatz war ein schneeweißer Malteser namens Button – Knöpfchen. Tina nannte zurzeit gerade fünf aus einem Hoarding-Haushalt gerettete japanische Chins ihr Eigen, entzückende Schmusehündchen, die gerne ohne jeglichen Jagdimpuls um ihr Frauchen herumwuselten. Ihre unaussprechlichen Namen vergaß Megan von einem zum nächsten Mal immer wieder, genauso wie Tina von einem Mal zum anderen vergaß, welcher große Maler, Bildhauer oder Komponist gerade in den Fokus von Megans leidenschaftlichem Forschungsinteresse geraten war.
Aber nun standen die beiden nebeneinander in einem Antiquitätenladen in Austin und begutachteten Megans Zufallsfund, die naturgetreue Bronzebüste eines offenbar jungen, attraktiven Mannes, der so gar nicht wie der deutsche Romantiker Johannes Brahms aussah – das fand jedenfalls Tina. Denn da fehlte doch der Bart! So viel wusste Tina, die genauso wie Megan die kulturbeflissene, klassisch-humanistische Grunderziehung ihrer Eltern durchlaufen hatte, bloß eben fünfzehn Jahre später. Der deutsche Komponist hatte einen langen, auffallend buschigen Rauschebart gehabt, da war sie ganz sicher, deshalb war er ihr nämlich in Erinnerung geblieben.
„Ja, weißt du, Tina, so geht es den meisten, sie kennen Brahms wie du, nur mit dem langen weißen Bart. Aber den ließ er sich erst in Wien, übrigens nach mehreren gescheiterten Versuchen, im Alter von vierunddreißig Jahren wachsen. Davor war er immer glattrasiert, genauso wie das Gesicht dieser Büste hier.“
Wenn Megan über einen ihrer Lieblingskomponisten sprach, und das waren vor allem die „drei großen B“ der Musik – Bach, Beethoven und eben Brahms – dann war sie kaum zu bremsen. Also ließ Tina ihre leise dozierende ältere Schwester ohne Unterbrechung fortfahren: „Es gibt ein Foto von Johannes Brahms aus dem Sommer 1867, da ist er Mitte 30 und sitzt mit Freunden auf der Veranda einer Pörtschacher Villa am Wörthersee: Es war das erste Foto von ihm mit einem üppigen Bart, damals noch dunkel, nicht weiß. Mal abgesehen davon, dass große, lange Bärte durchaus en vogue waren, gibt es mehrere Theorien darüber, warum er sich den Bart wachsen ließ – unter anderem, dass es eine Art Tarnung sei.“ Von Tarnung verstand Tina etwas, aber Megan meinte es anders und erzählte eine der tausend Anekdoten aus den Biografien von Künstlern und Komponisten, die sie gerne in jegliche Unterhaltung einstreute, um ihrem jeweiligen Publikum etwas beizubringen – und diese Rolle fiel nun eben Tina zu.
Also sprach Professor Crespi:
„Weißt du, Tina, Brahms hat selbst einmal gesagt: Mit rasiertem Kinn wird man entweder für einen Schauspieler oder für einen Pfaffen gehalten. Das wollte er offensichtlich keinesfalls, jedenfalls nicht in Wien. Und dann, als ihm endlich der Rauschebart gelungen war, wallend wie der von Michelangelos Moses, liebte er es, seine Bekannten, die ihn lange nicht gesehen hatten, genau damit zum Narren zu halten. Er präsentierte sich spaßhalber bei verschiedenen Gelegenheiten mit verstellter Stimme als ‚Kapellmeister Müller aus Braunschweig‘ und amüsierte sich köstlich, wenn er die Leute damit täuschen konnte. Vermutlich veräppelte er sie auch noch in seinem geliebten Plattdeutsch, sagte also nicht Braunschweig, sondern ‚Brunswiek‘.“ Megan amüsierte sich köstlich bei der Vorstellung, wie der große Brahms die grantigen Wiener mit seinem kühlen norddeutschen Humor – und mit seinem Rauschebart – auf die Schippe nahm.
„Ach, du mit deinem Sprachfimmel!“ Tina gluckste. Denn das war auch so eine Sache, die sie absolut nicht teilten. Megans vorrangiges Interesse galt neben Kunst und Musik auch noch der Linguistik, vor allem den vielen unterschiedlichen Mundarten, die es überall gab. Sie war in ihrem Leben so viel herumgekommen, dass sie nicht nur mehrere Fremdsprachen, vor allem Italienisch und Deutsch, nahezu fließend sprach – was für eine Amerikanerin, selbst für eine international tätige, amerikanische Wissenschaftlerin, recht außergewöhnlich war. Nein, sie liebte auch diverse Dialekte und konnte beispielsweise das gedehnte Südstaaten-Amerikanisch ihrer Heimat genauso glaubhaft persiflieren, wie den knarzenden schottischen Hochlandakzent, den ihre Vorfahren mütterlicherseits vor Generationen nach Amerika mitgebracht hatten. Oder das Wienerische, das sie „im oiden Wean“ schon als junge Frau mit höchstem Vergnügen von ihren Studienkollegen aufgeschnappt hatte. Oder das Neapolitanische, das sie sicher nicht von ihrem mailändischen Vater, sondern von Schallplattenschlagern, vielleicht auch von Filmen mit Sophia Loren, aufgeschnappt hatte. Und das Plattdeutsche faszinierte sie sowieso, schon allein deshalb, weil es die eigentliche Muttersprache Brahms gewesen war in dem beengten Hamburger Hafenviertel, wo er aufwuchs und schon von Kindheit an die ganze Familie mit seinem Klavierspiel ernährte.
„Nein, im Ernst, ich glaube, mit dem Bart wollte sich der norddeutsche Pianist, Komponist und Dirigent in der österreichischen Kaiserstadt Wien auch äußerlich als respektgebietende Persönlichkeit etablieren, die Größe seiner Musik mit seiner Erscheinung noch unterstreichen. In seinen Wiener Jahren war er wohl von Anfang an nicht mehr der junge Beau, den wir hier vor uns haben. Alkohol und Zigarren setzten ihm zu, er wurde mit zunehmendem Alter immer fülliger und rotgesichtig, aber auch das konnte er mit dem Bart gut kaschieren.“ Megan fuhr fast zärtlich mit den Fingern über die hohe Bronzestirn des hübschen, jungen Mannes und strich über sein seidig wirkendes, glatt zurückgekämmtes Haupthaar, das fein modelliert wie eine sanfte Welle auf die angedeuteten Schultern der lebensgroßen Büste fiel.
„Ist ja gut, Megan, du bist die Expertin, aber trotzdem … Wie kannst du auf den ersten Blick schon so sicher sein, dass das hier wirklich ausgerechnet Johannes Brahms ist?“ Tina hatte nun ebenfalls die Stimme gesenkt.
„Einfach weil ich sein Gesicht erkenne! Genauso sah er aus, als er zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt war, in der Zeit wo er viel mit Robert und Clara Schumann zusammen war und auf Tournee ging mit seinem besten Freund, dem Virtuosen Joseph Joachim. Der junge ‚Johannes B‘ sah auffallend gut aus, eben genauso wie du es hier siehst. Diese Büste, also ich würde sagen, die stammt aus genau der Zeit damals. Mitte Neunzehntes Jahrhundert.“
Megan warf einen kurzen, prüfenden Blick auf den Ladenbesitzer, der unverändert in seine Zeitung vertieft am Ladentisch lehnte und den beiden Frauen nicht die geringste Beachtung schenkte. Sie stellte die Büste zurück ins Regal, wandte dem Ladenbesitzer den Rücken zu, holte ihr iPhone hervor und wisperte noch leiser weiter.
„Schau mal, Tina, wenn du es mir nicht glaubst, dann zeige ich dir jetzt Fotos, wie Brahms aussah, bevor er sich den Bart wachsen ließ. Du wirst es selbst sehen.“ Sie tippte auf das Display, öffnete den Browser, gab in der Bildersuche ‚Brahms, jung‘ ein und zeigte auf die Porträts des jungen, glattrasierten und gutaussehenden Komponisten. Tatsächlich, Megan hatte recht, musste sich Tina nun eingestehen. Die Ähnlichkeit der Jugendbilder auf dem Display mit der Büste des schönen Unbekannten auf dem Regal war unverkennbar.
„Hm. Ich seh’ schon, was du meinst. Ein richtig sensibler junger Mann. Aber was für Geheimratsecken! Sieht ja richtig elegant aus mit der Fliege und dem Jackett.“
Megan gab eine neue Suche ein: ‚Brahms in 3D‘. Online war sie in ihrem Element. Es war ein großer Irrtum, zu glauben, dass sie als Forscherin und Gelehrte nur in altgedienten Universitätsbibliotheken zwischen Stößen staubiger Folianten glücklich wäre. Ganz im Gegenteil, der Zeit voraus musste frau sein! Was die neuen Technologien hervorbrachten, war oft brillant, fand sie, zum Beispiel das, worauf sie jetzt zeigte.
„Da. Der junge Brahms in Farbe. Diese empfindsamen blauen Augen, das dunkelblonde Haar! Und jetzt sieh dir das an.“ Sie hatte ein dreidimensional digitalisiertes Porträtvideo aufgerufen. Es vollführte eine langsame und vollständige Drehung von einer Seite des Profils zur anderen und wieder zurück zur Frontalansicht des naturgetreu, wie lebendig wirkenden, digital nachgebildeten Gesichts des jungen Johannes Brahms. Es sah eins zu eins wie die Bronzebüste aus.
„Verblüffend, nicht wahr? Diese Animation ist das Werk des iranischen Medienkünstlers Hadi Karimi. Er hat solche dreidimensional animierten Porträts von vielen Komponisten des neunzehnten Jahrhunderts gemacht, auch von Clara Schumann, sieh mal …“
„Oh, genial, ein Feminist!“, warf Tina ein, in der Hoffnung die Bilderschau sei damit zu Ende, aber Megan ging ausnahmsweise mal nicht sofort auf ihr zweites Lieblingsthema – die Emanzipation der Frau im Lauf der Kunstgeschichte – ein und war stattdessen mit einem Wisch schon beim nächsten Konterfei des Komponisten.
„… und schau dir mal dieses Porträt hier an und vergleiche den Gesichtsausdruck mit der Bronzebüste hier“, fuhr Megan fort, jetzt in genau jenem wissenschaftlichen Beweisführungsmodus, der ihr ein Leben lang die größten Erfolge in der akademischen Welt gesichert hatte. „Schau dir dieses Schwarz-Weiß-Foto an, Johannes Brahms im Alter von zwanzig Jahren! Wobei er da eher aussieht wie fünfzehn und mitten in der Pubertät. Und dann dieses hier, Anfang dreißig, mit langem Haar. Siehst du diesen typischen, verträumtem Blick?“
„Ach, der ist ja wirklich zum Verlieben.“ Tina tat so, als würde sie gleich in Ohnmacht fallen. Es war ihr auch danach. Von ihr aus konnte das gerne der junge Brahms sein, oder sonst wer, rasiert oder nicht, schwarz-weiß oder bunt, aus Bronze, Marmor, Gips oder Plexiglas. Hauptsache sie kamen heute noch nach Hause! Mindestens drei Stunden Autofahrt von Austin nach Dallas lagen vor ihnen, eher mehr noch, denn es war Montag, viel Verkehr. Aber Megan peilte gerade ein ganz anderes Ziel an.
„Ab jetzt kein Wort mehr von Brahms, Tina. Ich will diese Bronzebüste haben und das möglichst günstig. Ich glaube, der Besitzer ahnt nicht, was er hier stehen hat.“ Das leuchtete Tina ein, also machten sich die beiden mit dem „recht hübschen, aber durch die Jahre etwas ramponierten Ding“ auf zur Kasse und begannen dabei eine laute Unterhaltung, wie zwei Schwestern, die sich öfter mal uneins waren. Das fiel ihnen gar nicht schwer.
„Also, ich begreife überhaupt nicht, warum du dieses alte, verbeulte Metalldingsbums haben willst“, sagte Tina laut, mit gespielt vorwurfsvollem Ton.
„Nun lass mich doch, Tina, es spricht mich eben irgendwie an, ich weiß selbst nicht warum“, antwortete Megan mit ebenso gespielter sanftmütiger Ahnungslosigkeit und stellte die Büste sachte auf den Verkaufstresen. Der Antiquar legte seine Zeitung beiseite und grinste sie erwartungsvoll an.
„Soso, diese alte Bronzebüste spricht Sie also an?“, brummte er hoffnungsfroh.
„Ja, irgendwie schon. Ich darf wohl nicht annehmen, dass Sie wissen, wer das gewesen sein soll, oder? Dann hätten Sie es wohl angeschrieben?“
„Nein, da gab es leider gar keinen brauchbaren Hinweis. Dieses Exponat kam mit einem Haufen anderen Zeugs aus dem Nachlass einer Bewohnerin der Nachbarschaft. Die Enkelin hat die Sachen zu mir gebracht“, erklärte er, „aber eines ist schon klar, der junge Mann hier muss immerhin wichtig genug gewesen sein, dass eine Bronzebüste von ihm angefertigt wurde.“
„Oder er war ein eitler Geck, der sich ein solches ‚Bronze-Selfie‘ leisten konnte“, sagte Tina geringschätzig.
„Was verlangen Sie dafür?“, fragte Megan, bereit, auf Teufel komm raus zu verhandeln, ebenfalls etwas, das sie gerne tat und wobei sie oft gewann. Ihre kleine, aber feine private Kunstsammlung zu Hause war dafür der schlagende Beweis.
„Nun, ich denke, die Büste könnte einen Prominenten darstellen,“ argumentierte er, „vielleicht wurde aus dem jungen Mann ein texanischer Senator. Oder ein prominenter Richter der damaligen Zeit. Könnte durchaus wertvoll sein.“
„Dass ich nicht lache! Vielleicht der Erbe einer längst vergessenen Öldynastie? Ich bitte Sie!“, kicherte Tina. „Das hätte Ihnen die Enkelin doch sicher verraten, wenn die Großmama prominent verheiratet oder verschwägert gewesen wäre.“
„Stimmt auch wieder. Ich habe natürlich nachgeforscht. Aber es war in ganz Texas kein Hinweis auf eine Persönlichkeit aus der Whalley-Familie zu finden – so hießen sie nämlich.“
„Dann ist es also schlicht und einfach die ziemlich ramponierte Büste eines unbedeutenden Anonymus“, sagte Megan mit bedauernder Unschuldsmiene.
„Nun, ja, wenn Sie es so formulieren wollen“, antwortete der Antiquar verunsichert.
„Ach! Es ist nämlich so, wissen Sie“, startete Megan nun ihre Charme-Offensive mit einem melancholischen Seufzer und lächelte zuerst den Antiquar, dann die Bronzebüste und schließlich ihre Schwester vielsagend an. „Dieses Gesicht spricht mich an, weil es mich irgendwie an unseren lieben Vater erinnert. Er sah ein wenig so aus, als er jung war.“ Tina verstand sofort, obwohl sie für diese jungen Jahre ihres Papas ganze fünfzehn Jahre zu spät auf die Welt gekommen war. Sie nickte energisch und stimmte scheinheilig ein. „Ja, ganz wie unser lieber Daddy, als er jung war!“
„Für zweihundertfünfzig Dollar können Sie die Büste haben“, knurrte der Antiquar.
„Was, so viel?“, rief Megan mit gespieltem Entsetzen und riss die Augen so weit auf, wie sie nur konnte.
„Ja, doch. Ich glaube, das ist sie wert.“ Der Antiquar war noch nicht weichgeklopft. Aber Megan hatte noch ein Ass im Ärmel.
„Meine Güte, wie schade.“ Megan senkte ihren Blick und das sonst so selbstsichere Funkeln in ihren Augen schien sich augenblicklich in eine dicke Krokodilsträne zu verwandeln. „Mit meiner kleinen Rente könnte ich dafür doch allerhöchstens zweihundert aufbringen.“
Es folgte ein weiterer Seufzer und dann eine lange Pause. Schließlich resignierte der Antiquar.
„Beim Barte des Propheten. Na gut. Zweihundert.“
Megan hüllte sich in dankbares Schweigen, aber innerlich tat sie einen Sprung. Ha! Sie hatte gewonnen, und überzeugend auch noch, denn er setzte fast mitleidig nach: „Dann werde ich das gute Stück auch gerne für Sie einpacken.“ Er holte einen leeren Pappkarton unter dem Ladentisch hervor, stopfte die Ecken mit zerknülltem Zeitungspapier aus und stellte die Büste hinein.
„Oh, das ist aber wirklich ganz reizend von Ihnen!“, lobte Megan, sichtlich gerührt von so viel Liebenswürdigkeit, und reichte ihm ihre Kreditkarte.
Tina nahm den Karton und konnte es kaum erwarten, das Geschäft nach all dem Theater zu verlassen und ihrer klugen, älteren Schwester zu dem kunsthistorisch einmaligen Schnäppchen zu gratulieren.
„Glückwunsch, big Sis! Nicht umsonst sind wir zwei halbe Italienerinnen“, sagte sie augenzwinkernd zu Megan, als sie mit dem Pappkarton in den Armen draußen auf dem Bürgersteig auf ihren auffälligen weißen Chevrolet-Truck mit der Aufschrift T. Crespi Vets & Pets zusteuerte.
„Und nicht umsonst sind wir auf der anderen Seite schottisch-irischer Abstammung, sonst hätte ich beim Feilschen niemals das Pokerface aufbehalten können“, prustete Megan nicht minder fröhlich.
Tinas weißer Chevy Pick Up Truck fiel weniger wegen des Vets & Pets-Schriftzugs auf, sondern vielmehr deshalb, weil er, mit großen braunen Flecken bemalt, an ein kraftstrotzendes Rindvieh erinnerte. Dieser Eindruck wurde noch verstärkt durch ein Paar echte, riesige Texas Longhorns, die sie über dem Kühler montiert hatte. Sie war eben im Herzen ein Cowgirl, buchstäblich made in Texas – während ihre große Schwester noch in Europa gezeugt worden war, auf der Insel Ibiza. Dort hatten ihre Eltern in den 1930er Jahren geheiratet, bevor sie Franco und Mussolini gegen das sichere Amerika eintauschten, um aus ihrem Töchterchen Megan im Schnellverfahren mittels Geburt eine US-Staatsbürgerin zu machen.
Die praktisch veranlagte Tina war im Begriff, das eben erstandene Schnäppchen ihrer Schwester hinter dem Beifahrersitz zu verstauen und zeigte sich dabei überrascht, dass „dieses Bronzedingsbums“ so viel leichter war, als es aussah. Wenn man es nicht festband, würde es während der Fahrt womöglich hin- und herschlingern, so leicht wie es war. Gott behüte, der schöne Bursche könnte bei ihrem dynamischen Fahrstil noch mehr Dellen abbekommen als er ohnehin schon hatte.
„Hätte nicht gedacht, dass das Ding so wenig Gewicht hat“, murmelte Tina.
„Was? Wie meinst du das? Lass mich mal ran.“ Megan zwängte sich mit plötzlicher Ungeduld an ihrer Schwester vorbei, holte die Büste vorsichtig aus dem provisorischen Pappbehältnis und hob sie ohne jede Anstrengung in die Höhe. Sie wollte das Objekt ihrer Begierde jetzt gleich ein wenig genauer untersuchen.
„Na ist doch ganz klar, der Kopf ist natürlich innen ganz hohl. Siehst du?“ Megan fuhr mit der rechten Hand von unten durch den Hals in das staubige Innere der Büste und tastete sich mit den Fingern hoch bis zur Nasenhöhle. Nicht anders hätte sie es im Hörsaal ihren jährlich vierhundert Kunstgeschichte-Anfängern vorgeführt, und danach das Objekt im Kreis herumgereicht, damit jeder, der wollte, sich selbst davon überzeugen konnte. Quod erat demonstrandum!
Mit der rechten Hand immer noch tief im Schädel des jungen Brahms setzte Megan gerade an, Tina über die unterschiedlichen Bronzegussverfahren aufzuklären. Aber gerade als sie mit dem Zeigefinger in eines der hohlen Nasenlöcher eindrang, löste sich dort etwas und fiel mit einem leisen Klirren aus der perfekt geformten Nase des Bronze-Brahms auf den Bürgersteig.
Megan kniff die Augen zusammen und sah hin. Mitte Neunzehntes Jahrhundert, vielleicht Leipzig oder Wien, wummerte es im routinierten, sachverständigen Kopf der Kunstdetektivin Megan Crespi, noch bevor Tina sich hilfsbereit bückte, um das rätselhafte Ding für ihre ältere Schwester aufzuheben.
Es war ein zierlicher, alter Messingschlüssel mit einem elegant geschwungenen Bart.
2
Hoch über der schönen blauen Donau, nahe der bayerischen Stadt Regensburg, erhebt sich in Gestalt eines Säulentempels leuchtend weiß die Walhalla. In dieser Kultstätte zu Ehren historisch bedeutender Menschen sind nahezu alle großen deutschen Männer in Form von Büsten verewigt, doch einer fehlte lange Zeit. Erst im Jahr 2001 wurde dort eine Büste des Hamburger Komponisten Johannes Brahms aufgestellt. Die beiden anderen „großen Bs der Musik“, Johann Sebastian Bach und Ludwig van Beethoven, hatten längst ihren Platz in dem neoklassizistischen Heiligtum erobert. Doch Brahms war nicht die einzige Künstlerpersönlichkeit, die lang vergeblich warten musste. Eine berühmte Deutsche und Verehrerin von Brahms, die Bildhauerin und Malerin Käthe Kollwitz, musste sich bis 2019 gedulden. Frauen blieben bis in die Gegenwart Mangelware in dieser Skulpturensammlung der Deutschen.
Schöpfer der Brahms-Büste aus Marmor war der gefeierte italienische Künstler Mario Intagliatore, der seit langem in Hamburg lebte. Doch vom Moment der Enthüllung an erregte das Werk Empörung und Missfallen.
„Das soll unser Brahms sein?“, fragten Publikum und Medien.
„Diese Marmorbüste sieht doch überhaupt nicht aus wie Brahms!“, lauteten schon die ersten Beschwerden. Aber warum? Ganz einfach: Der Bart fehlte. Den Leuten war nicht beizubringen, dass Brahms’ allseits bekannter Rauschebart erst im Alter von dreiundvierzig Jahren, also in Wien, jenes Volumen erreichte, das bis in die Gegenwart im Bewusstsein der kollektiven Erinnerung verankert blieb.
„Aber unser Brahms“, so beschwerte sich das deutsche Publikum weiter, „ist ein stattlicher, etwas untersetzter, älterer Herr mit einem mächtigen weißen Bart, das ist der Brahms an den wir uns erinnern wollen! Nicht dieser glattrasierte Jemand, der da oben neben Kaiser Wilhelm an der rosafarbenen Basaltwand befestigt wurde.“
Mit einer Protestnote der besonderen Art wollte sich kurz nach der Enthüllung ein verwegener Besucher selbst verewigen. Er ließ sich über Nacht unbemerkt in dem Gebäude einschließen und ging ans Werk, denn alle sollten „es“ am nächsten Tag sehen. Doch erst gegen Mittag machte ein Tourist die Museumswärter auf den merkwürdigen Anblick aufmerksam, der bis dahin niemandem aufgefallen war. Über Nacht war der glattrasierten Brahms-Büste von Mario Intagliatore ein pompöser, am Ende leicht gezwirbelter Schnauzer und an Kinn und Backen ein wallender weißer Bart gewachsen. Der handwerklich begabte anonyme Aktionist hatte einen kunstvoll aus Stroh gefertigten, dann weiß besprühten Bart mit Epoxidharz an die Büste geklebt. Selbst aus der Nähe wirkte das so natürlich und angenehm vertraut, dass es einen ganzen Vormittag lang niemandem auffiel.