Kitabı oku: «Die Melodie in dir», sayfa 2

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Kapitel 3

„Seid ihr bereit für Interrobang?“, fragte der Moderator, ein Schulkamerad aus dem Abiturjahrgang, der jede Gelegenheit nutzte, um auf der Bühne seine Show abzuziehen. Die Zuschauer jubelten und es war klar, dass die Band bereits einige Fans in der Menge zu zählen hatte. Vollkommene Newcomer waren sie demnach nicht. Ben kam auf die Bühne und heizte dem Publikum ein. Nach ein paar Worten begann er den ersten Song anzuspielen. Die Lichter waren auf die Jungs gerichtet. In kreisenden Spots fiel jedoch die totale Aufmerksamkeit auf Ben. Das Schlagzeug stand mittig auf der Bühne und einen halben Meter weiter hinten als die Plätze des Gitarristen und Bassisten. Obwohl damit etwas im Hintergrund nahm Ben die vollkommene Präsenz auf der Bühne ein, als er sich hinter die Trommeln setzte. Eins wurde damit schnell klar, Ben war der Star der Band. Die Lichtkegel ließen seine in Schweiß gebadete Haut schimmern. Wenige Perlen zeichneten sich von seiner Schläfe ab und sein Haar begann strähniger zu werden.

Die Musik war nicht schlecht, aber Mia gefiel nur ein einziger Song mit dem Titel Niemals darfst du gehen. Ben hatte keine gute Stimme. Er war nicht als Sänger geboren. Zwar traf er die Töne und aufgrund der Stimmung war die Performance auch live in Ordnung, aber ein richtiger Sänger war er definitiv nicht. Dafür war seine Stimme nicht aufregend genug, aber das würde Mia ihm erstmal nicht sagen.

Mia wurde warm. Die Menschen und die fehlenden Fenster sorgten für eine stickige Atmosphäre. Die Temperatur erinnerte an einen heißen Sommertag, obwohl bereits Herbst war und sie freute sich jetzt schon auf die kühle Brise, die für alle ein Segen sein würde.

Mia hatte sich einen Weg in die erste Reihe gebahnt und sah kurz zu Ben hinüber, dessen Shirt mittlerweile vollkommen durchtränkt war. Ein Schauder lief über ihren Rücken. Zu sehr ekelte sie sich vor dem Schweiß und wollte gar nicht wissen, wie er wohl nach dem Auftritt riechen würde. Seine Bandkollegen schwitzten zwar auch, aber nicht so intensiv wie er. Schlagzeugspielen schien einer Sporteinheit zu gleichen. Sie drehte sich um, ihre Freundin Becky schlängelte sich ebenfalls einen Weg nach vorne mit zwei Plastikbechern in der Hand, denn gleich würde Good-For-Nothing die Bühne betreten. Bens Haare waren mittlerweile vollkommen durchnässt und während er seinen Kopf im Takt schüttelte, trafen einige Schweißperlen die vordere Menge. Mia beobachte dieses Schauspiel angewidert und zog Becky ein wenig zur Seite, um nicht getroffen zu werden. Interrobang spielte den letzten Song.

*

Ben erblickte das Mädchen mit den langen, schwarzen Haaren in der Menge. Ihre Locken hatten sich noch stärker gekräuselt als zuvor im Backstage-Bereich. Unbegeistert wippte sie im Takt mit, hielt dabei ihre Umhängetasche am Riemen umklammert. Ein Mädchen mit Engelslocken gesellte sich zu ihr und drückte ihrer Freundin ein Getränk in die Hand. Deutlich mehr von der Musik begeistert, begann das fremde Mädchen zu tanzen und versuchte dabei keinen Tropfen auf der Tanzfläche zu hinterlassen. Von Mia nach wie vor keine andere Reaktion. Selbst als ihre Freundin ihre Hand nahm, um sie zum Tanzen zu animieren, rührte sie sich nicht. Sie zog die Hand zurück, schüttelte lachend den Kopf und nippte an ihrem Becher. Fand sie die Musik wirklich so furchtbar? Er versuchte sich davon nicht verunsichern zu lassen. Er kannte sein Talent und wusste, dass er ein guter Musiker war. Wer war schon dieses junge Mädchen? Ihre Meinung hatte nichts zu bedeuten.

*

Es folgte der Schlussakkord und die Menge jubelte, verlangte sogar eine Zugabe. Doch Ben vertröstete seine Fans mit der Ausrede, er müsse erstmal seine Haare auswringen, sonst würde die Menge sich bald noch stärker in seinem Schweiß baden. Mia war ganz froh über den Ausfall, so hatte Good-For-Nothing die Möglichkeit, eine längere Spielzeit zu ergattern. Immerhin waren sie das Highlight und die letzte Band, die heute auftrat. Quasi der Stolz der Stadt unter den Jugendlichen.

Interrobang verließ die Bühne und es folgte eine kurze Pause, in welcher Mia versuchte ihre Cola Light so schnell wie möglich hinunter zu kippen. Gleich würde sie die Tanzfläche rocken.

Eine Handvoll weiterer Mädchen eilten an ihr vorbei in Richtung des Backstage-Raums. Ben und seine Freunde hatten ihn gerade verlassen, offensichtlich auch mit frisch gewechselten Shirts und hatten allesamt ein Bier in der Hand. „Ben, du hast so toll gesungen!“, hörte sie ein Mädchen kreischen und rollte genervt mit den Augen, als sie sich von diesem Bild abwandte. Es war nichts Neues, dass die Bandmitglieder gerade von Mädchen auf den Konzerten angesprochen wurden, um hinterher Nummern zu tauschen. Groupies gab es eben auch für Schulbands und besonders die Gitarristen waren an ihrer Schule beliebt. „Wie findest du die Band?“, fragte sie Becky, die weiterhin im Takt wippte, als Last Resort von Papa Roach gespielt wurde. „Ganz okay, aber die Stimme ist so lala.“, antworte Mia unbeeindruckt. Becky nickte zustimmend. „Aber dieser eine Song, wo die Freundin niemals gehen darf, der war doch ganz gut, oder?“

„Ja, der war tatsächlich nicht schlecht. Der Text könnte etwas ausgefallener sein, aber er hat definitiv einen Ohrwurm-Charakter.“

Die Musik verstummte und die Menge fing wieder an zu jubeln. Die Tanzfläche füllte sich erneut und alle warteten gespannt auf das Finale. Good-For-Nothing kam auf die Bühne und als Mia Simon sah jubelte sie ihm fröhlich zu und klatsche laut.

Es war so grandios, wie es immer war. Die Songs rissen alle Leute mit, die Menge kannte jede Textzeile und bei der Ballade Auf dem Dach um Mitternacht, lagen sich Freunde und Freundinnen gerührt in den Armen. Mia stieg der Geruch von Sandelholz in die Nase. Als sie ihr Gesicht nach links wandte, stand Ben vor ihr. Er trug das gleiche Good-For-Nothing-Shirt wie sie. „Und ich dachte schon, du wärst so eine stille Genießerin von guter Musik.“, lächelte er sie an.

„Wenn Musik mich berührt, reagiere ich auch entsprechend.“, gab sie zurück und presste die Lippen aufeinander.

„Du findest also meine Band nicht gut?“

„Das habe ich nicht gesagt“

„Aber du hast nicht getanzt.“

„Woher willst du das wissen? Vom Licht her dürftest du doch kaum jemanden in der Menge erkannt haben.“

„Wenn eine Person sich gar nicht regt und der Rest vollkommen eskaliert, erkennt man das.“

Mia fühlte sich ertappt und wusste nicht, ob sie etwas Nettes sagen sollte, oder nicht. Wobei das Meiste vermutlich geheuchelt wäre, fand sie den Auftritt immerhin alles andere als berauschend. Unsicher, ob sie die negative Kritik äußern sollte, versuchte sie einen Mittelweg mit ihrer Antwort zu finden. „Sagen wir so, ich muss erstmal mit neuer Musik warm werden und wollte meine Energie für jetzt aufsparen.“ Ben platzte ein dumpfer Lacher heraus, während er an seiner Flasche Bier nippte und den Blick von ihr wegwandte. Mia fand diese Reaktion äußerst kindisch und unpassend. Was dachte er denn, wer er sei? Der neue Bon Jovi?

„Du musst mir nicht glauben. Wichtig ist doch nur, dass dir deine eigene Musik gefällt und den anderen hier im Raum hat es scheinbar auch gefallen.“, sagte Mia und widmete sich wieder ihrer Lieblingsband zu. Im Augenwinkel konnte sie sehen, wie er genervt und abschätzig mit den Augen rollte und sich von ihr abwandte.

Simon schlug mit seinen Drumsticks auf das große Becken und beendete so den letzten Song. Kreischende Mädchen hielten die Hände in die Höhe und klatschten euphorisch. Zugabe, hörte man wiederholt rufen. Und die bekamen sie.

Kapitel 4

„Hast du es schon gelesen?“, begrüßte Sven seinen Freund und wedelte mit einer Zeitung in der Luft. Ben, der gerade sein Fahrradschloss aufgeschlossen hatte, beugte sich hoch und sah ihn stirnrunzelnd an. „Was sollte ich gelesen haben?“, erwiderte er, nachdem Sven leicht keuchend vor ihm anhielt. „Na die Kritik!“, antwortete er und schlug Ben die Zeitung regelrecht in die Hand. Die Seite mit dem Artikel war bereits aufgeschlagen. Es handelte sich um die Schülerzeitung der Schule, in welcher Ben mit seiner Band Interrobang und Sven mit Good-For-Nothing vor kurzem gespielt hatten. Ben hatte gar nicht gewusst, dass ein Artikel geplant worden war. Niemand hatte er mit Notizbuch in der Hand gesehen, der sich Stichpunkte für die Rezension machte. Vielleicht war es aber auch nur eine filmreife Vorstellung seinerseits, wie er sich Journalisten in Aktion vorstellte. Sorgfältig las Ben jeden Satz durch. Sven wartete gespannt auf seine Reaktion und räusperte sich ab und an, als er das Mienenspiel auf dem Gesicht seines Freundes beobachtete. Ein auf und ab von tänzelnden Augenbrauen und kritischen Stirnfalten, hin zu ungläubig offenstehendem Mund und missbillig zusammen gepressten Lippen.

„Interrobang – die neuste Band im Umkreis mit Hang zu Alternative Rock beehrte die junge Menge der Stadt. Leider konnte nur ein Song ansatzweise überzeugen. „Niemals darfst du gehen.“ Alle Übrigen Lieder sind als zweitklassige Kreationen von Jungen einzustufen, die sich in ihrer Garage wie die Rockstars der nächsten Generation fühlen. Ihre Songs sind farblos und äußerst schwach. Einen Großteil des Songwritings übernimmt nach eigenen Angaben Ben Richter, Sänger und Schlagzeuger der Band. Der Abend hat dem Publikum verdeutlicht, dass Ben noch nicht die richtige Melodie in sich gefunden hat. Interrobang hat zweifelslos Talent und Potential. Leider haben sie sich selbst und wofür sie stehen wollen noch nicht gefunden.“

Ungläubig las er sich den Abschnitt erneut durch. Nach eigenen Angaben, stand da. Mit wem hatte er sich unterhalten? Wer konnte diesen Fakt über ihn wissen? Oder hatte jemand der anderen Bandkollegen der Person die Information zugespielt?

Eine derartig harte Kritik hatte er noch nie über sich und seine Musik gelesen. Im Gegenteil. Oftmals jubelte die Presse über Interrobang und hob besonders seine Leistung hervor. In vielen Artikel wurde er als großartiges Nachwuchstalent umschrieben, der sicher Fuß auf der holprigen Treppe der Musikkarriere fassen würde. Ein Feedback von Leuten aus der Branche, von Personen die bereits Jahrelange Erfahrung in diesem Business vorzeigen konnte. Jetzt wagte es ein Schüler, genau das Gegenteil zu behaupten? Sein Gesicht wurde bleich. „Du musst sie ganz schön verärgert haben.“, sagte schließlich Sven, der festgestellt hatte, dass sein Freund womöglich den restlichen Artikel nicht weiterlesen würde. Mitleidig beobachtete er den schockierten Gemütszustand seines Freundes. Er bereute nun ihm den Artikel gezeigt zu haben und hatte nicht mit einer verstörenden Reaktion gerechnet, war es doch nur die Schülerzeitung aus dem anderen Bezirk. „Wen?“, stotterte Ben und wandte den Blick endlich vom Blatt weg. Sven tippte auf den Namen der Verfasserin. Dort stand der Name Mia Stein. Ben kniff die Augen zusammen. „Die Freundin von Simon? Diese Brünette mit den Locken?“, fragte er mit hörbar lauterer Stimme, obwohl er die Antwort längst kannte. Sven nickte. „Ich habe gar nichts getan!“, schrie er fast und Sven hob beruhigend die Hände und wies ihn an, ruhig zu bleiben.

„Kein Grund, laut zu werden. Ich habe den Artikel nicht geschrieben! Sie geht sonst eigentlich nicht mit den Bands so hart ins Gericht, vor allem nicht mit einzelnen Personen. Die schlechteste Kritik, die ich je von ihr gelesen hatte, war ihre Musik klang nett. Dann muss sie euch wirklich nicht gut gefunden haben, wobei sie ja auch schreibt, dass ihr Talent habt.“, Sven versuchte seinen Freund etwas zu beruhigen und die Kritik zu schmälern. „Ich muss mit ihr sprechen.“, sagte Ben entschieden.

„Du solltest zuerst mit Simon sprechen und dir seinen Rat einholen.“, riet ihm Sven, der sich nun an einem der Fahrradständer lehnte und die Hände über Kreuz auf sein rechtes Knie legte.

„Warum denn das?“, erwiderte Ben mit verwirrter Miene.

„Er kennt Mia am besten und sagen wir es so, sie kann sehr eigen sein zu Menschen, die sie nicht besonders gut kennt. Und dazu gehörst du. Dem Artikel nach würde ich sogar sagen, dass du sehr schlechte Karten bei ihr hast, aber das kann Simon eher beurteilen. Vertrau mir! Sprich mit ihm und er hilft dir bestimmt den besten Weg zu finden, um dich mit ihr über ihre Kritik auszutauschen. Sonst macht sie dicht und redet überhaupt nicht mir dir. Mia ist einfach ein sehr spezielles Mädchen.“

„Pff, speziell. Wohl eher arrogant! Denkt sie hätte die Musik-Weisheit mit Löffeln zum Frühstück verputzt.“

Sven beschloss nichts weiter auf die Bemerkung seines Freundes zu erwidern. Ben war dermaßen wütend, dass jeder Satz ihn womöglich nur noch rasender gemacht hätte. Außerdem bezweifelte er, dass er Mia noch irgendwie gut bei ihm dastehen lassen konnte. So verabschiedeten sich die zwei voneinander und Ben fuhr mit dem Rad so schnell wie noch nie nach Hause.

Ihre Worte hatten sich in sein Gehirn gebrannt. Den gesamten Heimweg über grübelte er über die verletzenden Aussagen. Insbesondere der persönliche Vermerkt über ihn selbst, dass er die Melodie in sich noch nicht gefunden habe, hallte wie ein innerliches Echo immer wieder in seinem Ohr. Er konnte sich genau vorstellen, wie Mia es vor ihm betont hätte. Vermutlich genauso, wie sie auf ihren Namen unbedingt aufmerksam machen mussten und ihm Star-Allüren unterstellt hatte. Mit Sicherheit war sie in ihrer Rezension nicht neutral gewesen. Natürlich hatte sie Good-For-Nothing in den Himmel gelobt, immerhin war ihr bester Freund der Schlagzeuger. Wenn sie nicht mit ihm befreundet wäre, wäre die Kritik vermutlich nicht so hochlobend gewesen, dachte er sich. Was bildete sich Mia Stein eigentlich ein? Hatte sie überhaupt einen musikalischen Hintergrund, der sie dazu befähigte Kritik darüber zu schreiben? Seines Wissens nach spielte oder sang sie in keiner Band. Lediglich durch Simon konnte sie ein wenig in diese Welt hineinschnuppern, was sie aber noch lange nicht zu einer Musikkritikerin ausmachen konnte. Was meinte sie überhaupt mit Melodie in sich? Hatte sie einen Liebesroman zu viel gelesen und konnte sich daher nicht anders ausdrücken als über diese romantische Art?

Innerlich tobte ein Orkan in Ben, der all ihre Worte am liebsten nach Kansas verfrachtet hätte. Wut, Ärger, Enttäuschung, vor allem, aber Selbstzweifel boten sich ein Rennen auf den Bahnen seiner Seele.

Er warf den Rucksack in eine Ecke seines Zimmers und setzte sich sofort an seinen Rechner. Das bekannte Verbindungsgeräusch ertönte und nachdem er sich mit dem Internet verbunden hatte, öffnete er das ICQ-Programm und gab die Nummer ein, die ihm Sven gegeben hatte. Er lehnte sich zurück und wartete auf die Annahme Simons. Etliche Male drehte er die Daumen umeinander im Kreis und wusste nicht, was er in der Zwischenzeit mit sich anfangen sollte. Sein Kopf ließ keine Ablenkung zu und erinnerte ihn immer wieder an den Hieb auf sein Herz. Sauer raufte er sich die Haare und beschloss, dass womöglich die Mathehausaufgaben ihn von den Gedanken abbringen konnte. Es fiel ihm allerdings unheimlich schwer, sich auf sie zu konzentrieren. Immer wieder schielte er zum Bildschirm und überprüfte, ob sich der Blümchenstatus änderte. Er tat es vergebens.

Mittlerweile meldete sich sein Magen, welcher einerseits etwas Nahrhaftes in sich spüren wollte und andererseits wegen der Achterbahn der aufkeimenden Gefühle Alarm schlug. Das Knurren nervte ihn so sehr, dass er schließlich die Treppe hinab in die Küche ging und sich ein Puten-Sandwich machte. Während er das Toastbrot mit Remoulade bestrich fiel ihm ein, dass er vor ein paar Tagen die Fotos des Konzerts von einem der Schüler vor Ort erhalten hatte. Ihm war der Kollege mit der Kamera direkt aufgefallen und nachdem er ihn angesprochen hatte, hatte dieser ihm erzählt, dass er das Konzert als Übung für die Foto-AG nutzte. Direkt hatte Ben die Gelegenheit genutzt und gefragt, ob er die Fotos ihm zur Verfügung stellen würde, damit sie auf der Homepage von Interrobang veröffentlicht werden könnten. Freudig willigte der Anfänger-Fotograf in die Zusendung ein und verlangte lediglich seine Namenssetzung unter den Fotos.

In die eine Hälfte des Sandwichs beißend, legte er den Rest auf den Teller und eilte kauend wieder hoch in sein Zimmer und öffnete den Ordner, in welchem er die Fotos abgelegt hatte. Klick für Klick ging er jedes einzelne Bild durch. Besonders jene, auf denen das Publikum zu sehen war, interessierten ihn. Er wollte explizit Mia sehen, doch hatte sie scheinbar das Talent, auf Fotos nicht zu aufzutauchen und falls doch, kaum erkennbar zu sein. Ab und an entdeckte er ihre dunklen Locken, aber nie konnte er ihr Gesicht klar erkennen.

Vollkommen in der Suche nach Waldo versunken, bemerkte er gar nicht, was um ihn herum passierte. So kam es dazu, dass ein dumpfes Klopfen ihn hochschrecken ließ. Durch den Schreck hatte er sich unangenehm auf die Zunge gebissen. Mit von Schmerz verzerrtem Gesicht drehte er sich um und schaute zur Zimmertür. „Was machst du denn hier?“, fragte Ben wenig erfreut. „Dir auch ein Hallo! Darf ich etwa meinen Freund nicht besuchen?“, erwiderte das schlanke Mädchen, welches im Türrahmen stand. Sie schloss hinter sich die Tür, legte ihre Jacke auf dem Boden ab und küsste ihn zur Begrüßung auf den Mund. Ihre langen, glatten und blonden Haare streiften seine Wange, die ein unangenehmes Kitzeln auslösten. Er rieb sich die Wange, während das Mädchen sich auf sein Bett setzte. „Doch, aber ich habe nicht mit dir gerechnet.“, antwortete er und versuchte seine Laune vor ihr zu verbergen. „Ich habe dich eben vermisst. Komm doch zu mir, dann zeige ich dir wie sehr.“, sagte sie und tätschelte mit ihrer Hand das Bett. Zögerlich stand Ben auf und tat, wie ihm geheißen. Eigentlich war er nicht in Stimmung, doch er kannte Julia und wollte keinen Streit provozieren. Sie hätte ihm direkt unterstellt, dass er sie nicht mehr lieben würde oder er sie nicht mehr schön finden würde. Dass er einfach keine Lust hatte, würde für Julia nicht als Ausrede gelten. Auf den zickigen Streit mit ihr, hatte er keine Lust. Das konnte er am heutigen Tage nicht auch noch gebrauchen. Er küsste sie, während er sich auf sie legte und sie ihre Beine um seine Hüfte schlang. Just in diesem Moment änderte sich der Status der Blume zur ICQ-Nummer von Simon. Doch Ben sollte es erst in der Nacht bemerken.

Zu seinem Ärger war Simon bereits offline, als Julia gefahren und er wieder am Rechner war. Er würde erst am nächsten Tag mit Simon sprechen können. Verärgert putzte er sich die Zähne. „Melodie in sich nicht gefunden.“, sah er ständig vor seinem Auge fliegen. Er starrte in sein Spiegelbild und blickte sich in seine braunen Augen. Er versuchte etwas in sich selbst zu sehen, doch war da nichts. Nur er selbst und das plötzliche Gefühl nicht gut genug zu sein. „Kunst ist subjektiv. Nicht jeder liebt sie. Daran musst du dich gewöhnen.“, sagte er zu sich selbst und atmete tief ein und aus. Ben legte sich ins Bett. Er würde in dieser Nacht kaum ein Auge zu bekommen.

*

„Guten Morgen!“, strahlte Mia, als sie ihren besten Freund an den Fahrradständern traf. „Guten Morgen!“, erwiderte er in selbiger guter Laune zurück und umarmte sie. „Ich habe deine Kritik gelesen. Irgendwann wird keiner mehr dein Lob für Good-For-Nothing ernst nehmen.“, sagte er lachend.

„Warum das denn nicht?“, Mia legte den Kopf schief und setzte einen gespielten Schmollmund auf.

„Na, weil du offensichtlich meinetwegen parteiisch bist.“, er zwinkerte ihr zu, legte den Arm um sie und ging mit ihr Richtung Schuleingang.

„Wenn ihr schlecht spielen würdet, würde ich es sagen. Das weiß jeder. Ihr seid einfach gut.“

„Ja das stimmt. Interrobang aber scheinbar nicht.“, er schenkte einer Freundin einen leicht vorwurfsvollen Blick.

„Sie sind nicht schlecht, aber ausbaufähig.“, antwortete sie.

„Sicher, dass du mit dem Artikel ihre Musik kritisiert hast?“, er pikste sie in die Seite und Mia schlug seine Hand von ihr weg. Sie nahm seinen Arm von sich und sah ihn mit ernster Miene an.

„Was meinst du damit?“

„Du gehst sonst nie so hart ins Gericht.“

„Ich will Journalistin werden, da muss man seine eigene Meinung vertreten können und ehrlich zu den Lesern sein.“

„Tu nicht so. Ich kenne dich. Du weißt, dass die Musik in Ordnung ist.“, sagte Simon streng.

„Sie ist langweilig und nicht besonders. Jede zweite Band kann das, was Interrobang kann.“, Mias Ton wurde zickiger.

„Du hast sie ja auch zweitklassig genannt.“

„Ich habe ihre Songs zweitklassig genannt, nicht sie als Personen.“, Mia verschränkte genervt die Arme.

„Meiner Meinung nach, kannst du diesen Ben nicht leiden, weil er dich von oben herab behandelt hat und mit der Kritik willst du ihm eins auswischen.“ Mia schwieg. Ihr bester Freund kannte sie zu gut. Sie hatte beim Verfassen des Textes lange überlegt, ob sie diese Passage mit einbauen sollte. Aber sobald sein Gesicht vor ihrem inneren Auge auftauchte, wollte sie die Wörter umso mehr niederschreiben. „Da mag etwas dran sein. Ich gebe zu, dass die persönliche Kritik an ihn selbst etwas zu hart war. Aber der Rest zu den Songs der Band ist tatsächlich meine Meinung und die revidiere ich nicht. Du hast mich doch auf dem Konzert gesehen. Habe ich da getanzt oder mich irgendwie verleiten lassen? Außerdem hatten sie einen guten Song. Sie müssen nur mehr auf diesem Level schreiben.“

„Na, wenn du das sagst. Ich denke sowieso nicht, dass wir allzu viele gemeinsame Konzerte mit denen haben werden. Also wirst du Ben Richter zu deiner Freude eventuell nie wieder begegnen.“

Die Schulklingelt läutete und die beiden begaben sich zu ihrer Deutsch-Stunde.

*

Ben saß im Unterricht und konnte seinem Lehrer kaum folgen. Er hatte immer nur wenige Minuten am Stück geschlafen und wurde hundert Mal wach. Ihn hatten in der Nacht Albträume von einem schlechten Publikum, das ihm nach seinem Debüt nicht zujubelte und nur grimmig anstarrte gehabt. In einem anderen Traum wurden sogar klassisch Tomaten auf ihn geworfen. In der nächsten Sequenz war er bei einem Produzenten eines Musiklabels, der ihn lachend ablehnte. Wie konnte dieser lächerliche Artikel einen derartig großen Einfluss auf ihn nehmen? Wieso konnten die Worte von Mia Stein nicht einfach in Vergessenheit geraten? Oder glaubte er innerlich an ihre Ehrlichkeit, die ihn die Worte glauben ließ? Er hatte sie als selbstbewusstes Mädchen kennengelernt, das nicht auf den Mund gefallen war, ihre Meinung vertreten konnte und laut äußerte. An jenem Abend hatte er eine leichte Abneigung ihrerseits bemerkt, die er teilweise selbst zu verschulden hatte. Mit blöden, neckenden Sprüchen hatte er sie nicht beeindrucken können. Sie war anders als die anderen Mädchen in diesem Alter. Oder auch nicht. Sie war kein Groupie, sondern ein Musik- und Konzertbegeistertes Mädchen, das ihren besten Freund so gut es ging, unterstützte. Diese Art von Mädchen war er auf Konzerten nicht gewohnt gewesen. Das wurde ihm nun klar.

Sven pikste ihn in die Seite. Erschrocken sprang er ein Stück vom Stuhl. „Man, warum machst du das?“, zischte er ihn wütend an.

„Weil du immer noch hier sitzt, obwohl der Unterricht vorbei ist und wir nach Hause fahren können.“, antwortete Sven. „Was? Die Stunde ist vorbei?“, Ben war in der letzten Stunde in seiner eigenen Welt der Gedanken gewesen. „Du kriegst wirklich gar nichts mehr auf die Reihe. Nimm dir den Artikel von Mia doch nicht so zu Herzen. Gibt genug andere Leute, die dich und Interrobang toll finden.“

„Du hast recht.“

„Hast du mit Simon sprechen können?“

„Leider nicht. Er hat mich aber angenommen. Julia kam gestern Abend noch und als ich wieder am Rechner war, war er schon offline.“ Sven rollte mit den Augen, als er den Namen der Freundin hörte. Ben wusste, dass Sven sie nicht besonders leiden konnte. Kaum jemand aus seinem Bandumfeld mochte sie, weil sie sich kaum für die Musik interessierte und auch selten auf Konzerten zu sehen war. Auch die Gespräche zwischen ihr und seinen Bandkollegen waren eher angespannt gewesen. Sie lebte in einer anderen Welt, doch ihre Schönheit zog ihn immer wieder zu ihr. Seit nun zwei Jahren waren sie bereits ein Paar und sie brüstete sich mit der Tatsache, dass er Musiker war. Manchmal wusste er gar nicht, ob sie wirklich stolz auf ihn und sein Talent war oder den Umstand nur dazu nutzte, um ihr Ansehen etwas aufzupolieren. Manchmal fühlte er sich regelrecht vorgeführt, als ob sie aller Welt sagen wollen würde: „Schaut, wie toll mein Freund ist! So einen kriegt ihr niemals!“

„Ich habe heute Bandprobe mit ihm. Wenn du willst, gebe ich ihm eine Uhrzeit mit. Dann seid ihr quasi verabredet und könnt euch nicht verpassen.“, schlug Sven ihm vor.

„Das wäre super! Kannst du ihm zwanzig Uhr sagen?“

„Klar.“

„Danke!“, Ben hielt ihm die Hand ihn und Sven hakte sich ein, zog seinen Kumpel heran und sie klopften sich gegenseitig mit der anderen Hand auf die Schulter.

„Ach und Ben?“, sagte Sven, als er das Fahrradschloss um die Vorderstange hing.

„Ja?“

„Wenn du bei Mia durchfällst, fällst du bei Simon durch. Genauso ist es umgekehrt. Nur, damit du das weißt.“

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