Kitabı oku: «Die Melodie in dir», sayfa 3

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Kapitel 5

Bereits eine Stunde vor dem verabredeten Zeitpunkt saß Ben vor seinem Monitor. Er hatte sich einige Notizen gemacht und überlegte, wie genau er das Gespräch mit Simon anfangen konnte. Den Rat seines Freundes hatte er ernst genommen, dachte aber zugleich, dass er wohl keinen guten Start mit dem Kollegen haben würde, wenn Mia Stein ihn tatsächlich nicht leiden konnte. Andererseits hätte Simon ihn womöglich nicht in ICQ angenommen, wenn das Urteil über ihn schon ausgesprochen gewesen wäre. Nebenbei werkelte er an einem seiner neuer Songtexte herum. „Dieses Feeling ist der Sinn meines Herzens schlagen“, notierte er auf ein Blatt Papier. Manchmal fielen ihm einzelne Sätze oder Wörter ein, die er gerne zu einem Liedtext verbauen wollte. Um sie nicht zu vergessen, notierte er alles kreuz und quer auf kleinen Zetteln oder in seinen Schulheften. Wenn die kreative Phase ihren Hochpunkt fand, konnte er die einzelnen Teile zu einem Puzzle zusammensetzen. So war auch „Niemals darfst du gehen“ entstanden.

Das wohl bekannte Geräusch einer eingehenden Nachricht im ICQ ertönte.

„Hi Ben, Sven sagte mir, dass du mich sprechen wolltest.“, las er.

„Hi Simon, danke dir erstmal für die Annahme und für deine Zeit.“

„Kein Problem. Womit kann ich dir helfen?“

„Es ist mir etwas unangenehm, aber ich hatte gehofft, dass du mir in Bezug auf Mia helfen könntest.“

„Mia?“, Ben bereute seine Wortwahl, hätte man die Anfrage auch in einen romantischen Kontext setzen können und das, wollte er definitiv nicht. Immer wieder tippte er ins Chatfenster und löschte die Worte wieder. Schließlich antwortete er:

„Sven hat mir ihre Kritik gestern gezeigt und ich würde mich gerne mit ihr dazu austauschen, damit ich sie besser nachvollziehen kann. Er meinte nur, es sei klüger erst mit dir zu sprechen, wie ich das am besten angehen könnte. Er nannte sie etwas Eigen, wenn es um fremde Personen geht.“

„Ach so. Ich hatte heute auch schon mit ihr darüber gesprochen.“ Ben zog eine Augenbraue hoch und antwortete: „Wirklich?“

„Ja.“

Simon fuhr nicht weiter fort. Ungeduldig wippte Ben mit seinem rechten Bein und überlegte, wie er die Information aus Simon herauslocken konnte, die ihn so sehr interessierte.

„Über die Kritik zu euch oder über Interrobang?“, schrieb er schließlich.

„Interrobang.“, antwortete Simon.

„Oh, wie kommt’s?“

„Sagen wir so, es war eine für sie untypische Kritik. Was genau möchtest du denn mit einem Gespräch mit ihr erreichen?“

„Ich möchte sie einfach besser verstehen können. Besonders der Punkt mit der fehlenden Melodie in mir ist für mich nicht nachvollziehbar.“

„Willst du sie besser verstehen oder einfach nur umstimmen?“

Mit dieser Frage hatte er nicht gerechnet. Tatsächlich war sich Ben nicht sicher, was er hier drauf antworten sollte. Er wusste selbst nicht so recht, was er mit einem Gespräch mit ihr bezwecken wollte. Womöglich würde er sie irgendwie auch umstimmen wollen, aber das konnte er schlecht vor Simon zugeben. Mit Sicherheit würde er ihm dann nicht helfen und ihm raten, den Artikel in den Müll zu schmeißen und einfach zu vergessen. Bedacht über Simons Reaktion antwortete er: „Ich möchte sie besser verstehen. Sie scheint einen guten Geschmack zu haben und ich nehme Kritik ernst. Ich würde mich und die Band gerne weiterentwickeln und ich denke, der Input könnte mir dabei helfen.“ Jedes Wort war durch und durch gelogen. Ben kannte sein Talent und wusste, dass seine Songs gut waren und die Band, trotz ihres jungen Alters, ein hohes musikalisches Niveau innehielt. Das wollte er Mia beweisen, damit sein gekränktes Ego wieder mit Stolz strahlen konnte.

„Okay, wenn du wirklich deswegen mit ihr Kontakt möchtest, dann helfe ich dir. Ich melde mich.“

„Danke!“, antwortete er und legte die Hände schmunzelnd hinter seinen Kopf.

*

Es war ein grauer Morgen. Die Sonne ließ sich nicht blicken, der Wind wehte kühl an ihren rosigen Wangen vorbei und die goldenen Blätter fielen von den Bäumen herab. Abwechselnd trat sie in die Pedale und zupfte ihre Mütze zurecht, die durch den Gegenwind wegzuwehen drohte. In diesem Moment wünschte sie sich, sie hätte sich dazu erbarmt ihre Mutter zu fragen, ob sie sie zu Simon fahren könnte. Andererseits würde ihre Mutter sie dann viel zu früh wieder abholen wollen und der Bus war aktuell keine Option. Einige Haltestellen waren im Umbau, weswegen er noch seltener fuhr als sonst. Die Baustellen sorgten dafür, dass er zudem entweder viel zu früh oder viel zu spät eintraf, sodass man von Glück sprechen konnte, wenn man ihn ergatterte. Darauf folgte dann allerdings ein Platzkampf, denn durch die Ausfälle war die Fluktuation pro Fahrt höher als gewöhnlich.

Sie bog um die Ecke und hielt vor einer Garage an. Als sie vom Rad abstieg hörte sie ein lautes Bellen. Samson, der große Bernhardiner der Familie Engel stand bereits an der Haustür und gab seinem Rudel das Signal für Besuch. Das Klicken des Radschlosses ertönte und bevor sie auch nur die Türschwelle erreicht hatte, öffnete Simon ihr die Tür. Er hatte sie bereits erwartet. „Samson, nein!“, brüllte er, während er mit seinen Beinen versuchte den Hund daran zu hindern, auf Mia zuzulaufen, um sie umzuwerfen. Denn obwohl Samson riesig war dachte er anscheinend oftmals, er sei so groß wie ein West Highland Terrier. „Sitz!“, befahl er und Samson gehorchte. Freudestrahlend streichelte Mia ihn auf seinem Kopf und tatsächlich hielt er sich weiterhin an der Aufforderung Simons. Nachdem sie den großen Beschützer begrüßt hatte, umarmte sie ihren Freund innig. „Nehmt euch ein Zimmer!“, entgegnete seine kleine Schwester Theresa, die einen Teller mit zwei Marmeladebroten hielt und die Treppe hinauf in ihr Zimmer verschwand.

„Sie wird mich niemals mögen.“, entgegnete Mia. „Sie ist nur eifersüchtig und einfach ein zu jung. Wenn du wüsstest, wie sie manchmal mit unseren Eltern spricht.“

„Ich weiß, wie sie mit ihnen spricht. Irgendwann wird sie Terroristin, weil sie alle Menschen hasst.“

„Das könnte passieren.“, lachte er und sie gingen in sein Zimmer. Mia legte ihren grauen Wollmantel auf seinem Bett ab und setzte sich auf ihren Stuhl. Mittlerweile hatte sie einen festen Platz, da sie sich mindestens einmal in der Woche zum Computerspielen verabredeten. Aktuell war Vampire The Masquerade Bloodlines angesagt und sie versuchten sich gemeinsam durch die Geschichte zu spielen. Allerdings waren sie nicht immer einer Meinung bezüglich der Entscheidungen. Allein zu Beginn wollte Simon unbedingt zu den Nosferatu gehören, aber Mia wollte nicht das ganze Spiel über in der Kanalisation verbringen und bei jedem Aufkommen von einem Menschen entdeckt und ermordet werden. Nach etlichen Diskussionen und sogar einem Persönlichkeitstest entschieden sie sich für den Clan Malkavian. Dafür durfte der Charakter ein Mann sein, so war der Kompromiss. Ein Weiterspielen ohne den anderen war darüber hinaus verboten und wurde mit den Kosten einer Riesenpizza, inklusive Getränk getadelt.

Simon ließ sich auf seinen schwarzen, ledernen Schreibtischstuhl fallen und faltete die Hände ineinander. „Sag mal, wie fändest Du es, wenn ich deine ICQ-Nummer ungefragt weitergebe an jemanden, den du aber kennst?“

„Wie ich das finde? Vollkommen unangemessen! Wem hast du meine Nummer gegeben?“, Mia war sichtlich erbost.

„Ben.“

„Ben? Ben wer?“

„Ben Richter.“

In Mias Kopf ratterte es, bis es ihr wie Schuppen von den Augen fiel. „Wieso gibst du dem Sänger von dieser bescheuerten Band meine ICQ-Nummer?“, ungläubig sah Mia ihren besten Freund an. Das Konzert war zwei Wochen her gewesen, es kam ihr allerdings deutlich länger vor. Nach dem kurzen Geplänkel während des Auftrittes von Good-For-Nothing hatten sie nicht weiter miteinander gesprochen, sich nicht einmal voneinander verabschiedet. Nachdem sie die Kritik verfasst hatte, hatte sie die Band schon in ihrem Kopf archiviert, denn sie ging nicht davon aus, sie irgendwo noch einmal wieder zu sehen. Die Mitglieder lebten in der Nachbarstadt und jede Band hatte quasi ihr Revier. Ihre Stadt gehörte nicht dazu und sie hatte des Weiteren auch nicht das große Bedürfnis, ihn näher kennenzulernen. Allein dieser Moment, als er sie nicht mal beim Namen nennen wollte, hatte ihm einige Minuspunkte aufs Konto gebracht. Mit so einer Person wollte sie nichts zu tun haben.

„Ich habe sie ihm noch nicht gegeben, aber ich würde das gerne tun.“, antwortete Simon.

„Diesem arroganten Idioten? Dein Ernst? Hat er danach gefragt oder warum?“

„Tatsächlich hat er danach gefragt. Warum auch immer. Auf dich stehen tut er mit Sicherheit nicht.“, er streckte ihr die Zunge raus und zwinkerte ihr zu. „Du kannst ihn natürlich ablehnen, oder auch einfach annehmen. Wenn du mir einen Gefallen tun möchtest, dann nimmst du ihn an und hörst dir an, was er zu sagen hat und von dir möchte. Gib ihm eine Chance. Ich glaube diese Kritik hat ihn doch etwas aus der Bahn geworfen.“, er hörte wie Mia genervt grummelte. „Komm schon. Du kannst ihn immer noch in die Wüste schicken und sagen, dass er lernen muss mit Kritik umzugehen. Ich werde ihm nachher die Nummer geben. Nimm ihn bitte erstmal an. Am Ende steht er noch mit Rosen vor deiner Tür und kniet vor dir Liebe. Mia, die einzig wahre Kritikerin. Bitte höre mich an!“, er fing die Szene theatralisch nachzuspielen. „Nur dein Urteil beweist, dass ich ein guter Musiker bin. Oh, bitte holde Mia, höre dir meine neueste Komposition an. Ich werde solange nicht aufgeben, bis ich eine positive Rezension von dir zu mir lese.“, säuselte er. Es folgte ein Klaps auf seinen Oberarm, gefolgt von einem bösen Funkeln.

„Will ich wissen, warum du dir Kopfszenen zu meinem Liebesleben ausmalst?“, fragte sie.

„Ich bin halt sehr fantasievoll. Genug Theater. Lass uns spielen.“, sagte er und startete seinen Computer.

*

Es war schon dunkel als sie sich auf Fahrrad schwing, um nach Hause zu radeln. Es war nach wie vor bewölkt und weder Mond noch Sterne blickten am Himmelszelt hervor. Die Blätter raschelten im sanften Wind und ließen die kühle Nacht nach einem sanften Regenschauer klingen. Doch der Geruch, der sich den Weg in ihre Nase bahnte, war geplagt von den Abgasen eines älteren Automodells, das gerade an ihr vorbei geschnellt war. Mia rümpfte die Nase und trat schneller in die Pedale. Es war nicht mehr weit und sie genoss die ruhigen Minuten für sich allein, bevor ihre Mutter sie wieder nach ihrem Tag ausquetschen würde. So lieb sie ihre Mutter hatte, so froh war sie, wenn sie für sich allein sein konnte. Der heutige Plan war, später mit einer Tasse Tee sitzend am Computer an ihrer Fanfiction weiterzuschreiben. Ihre Geschichte mit Namen Racheengel, basierte auf dem Vampir-Spiel des heutigen Tages. Es half ihr, über den Alltag hinweg zu kommen und ein Gefühl von Erleichterung machte sich nach jedem Satz in ihr breit. Man könnte es sich so vorstellen, wie einen Sack voller Steine, den man auf dem Rücken hievte. Mit jedem Wort, jedem Satz, jeder Seite wurde ein Stein herausgenommen, sodass die Last immer leichter wurde. Ein sehr befreiender Akt, der sie von den Streitereien mit ihren Eltern und den schlechten schulischen Leistungen ablenkte.

Sie stieg vom Fahrrad ab und hievte es über eine Stufe, um es dann rechts in eine von Mauern geschützte Ecke abzustellen. Die Wahrscheinlichkeit, dass hier ein Hollandrad gestohlen werden würde, ging gegen Null. Obwohl am Bahnhof tatsächlich jemand ihren Fahrradständer zertreten hatte. Bislang war sie zu faul gewesen, um beim Fahrradladen eine Erneuerung vorzunehmen, sodass ihr Rad immer irgendwo anlehnte oder auf die Abstellungen angewiesen war.

Die Wohnung war wohlig warm und der Geruch nach verschiedenen Kräutern stieg ihr in die Nase. Ihre Mutter hatte eine Kanne Tee aufgesetzt, eine jener aus Porzellan, die über ein Teelicht weiterhin erhitzt werden.

„Hast du was gegessen?“, rief ihre Mutter aus dem Wohnzimmer ihr zu. „Ja, wir haben…“

„Pizza gegessen.“, beendete sie den Satz. „Richtig geraten.“, antwortete Mia. Das war auch eines ihrer Rituale mit Simon. Immer wenn sie sich zum Zocken verabredeten, folgte eine große Pizza Tonno, die sie sich in der Regel teilten. Eine Zeit lang hatten sich die beiden immer montags bei Mia getroffen und ihre Mutter hatte dann, vorausschauend wie sie war, auf dem Rückweg ihrer Arbeit die aus Teig bestehende Köstlichkeit mitgebracht.

Kapitel 6

Widerwillig hatte Mia die Bitte ihres Freundes umgesetzt und Ben Richters Anfrage angenommen. Der Gedanke, sich mit dem arroganten Jungen zu unterhalten, gefiel ihr eigentlich gar nicht. Sie war nicht bereit, den Eindruck, den sie von ihm hatte zu revidieren. Der eine Abend auf dem Konzert hatte ihr ausgereicht. Wie er sich ständig durch die wilden, braunen Haare mit der Hand gefahren war und cool dagestanden hatte, während die Mädchen ihn tuschelnd beobachteten und kicherten, wenn er sie angesehen hatte. Sie hatte ihn direkt durchschaut. Ben Richter fühlte sich wie ein Star und benahm sich entsprechend. Die Konzertbesucher sollten allesamt seine Fans sein, die ihn und sein Talent anhimmelten und in Ohnmacht fallen sollten, wenn er ihnen ein „Hallo“ schenkte. Gut, Mia neigte dazu, die Dinge etwas überspitzter zu sehen, als sie eigentlich waren. Aber allein dieser Moment, als er ihren Namen nicht sagen wollte und sie als „Freundin von Simon“ stattdessen bezeichnete, hatte schon für hundert Minuspunkte bei ihr gesorgt. Sein Auftreten während der Bühnenshow hatte sie in ihrer Meinung nur bestätigt. Sie hatte regelrecht abgelesen, wie gut er sich auf der Bühne fühlte. Selbstbewusst und vollkommen selbstsicher. Dieser Eindruck ging damit einher, dass sie das Gefühl nicht loswurde, dass er gerne die Welt um sich selbst drehen ließ. Zumindest war es das Bild, dass ihre Intuition ihr bot. Es wunderte sie daher nicht, dass er mit ihr zu ihrer Kritik sprechen wollte. Anders als Simon es ihr verkauft hatte, glaubte sie Ben allerdings kein Wort. Er wollte versuchen sie umzustimmen und Mia bezweifelte, dass er ihre Kritik nur ansatzweise für voll nahm. Immerhin hatte er sich nicht einmal ihren Namen gemerkt, wobei er das womöglich getan hätte, hätte er gewusst, dass sie eine Rezension verfassen würde. Mit Journalisten sollte man sich immer gut stellen und wenn es auch nur für die Schülerzeitung gedacht war.

„Danke, Mama.“, sagte sie, als ihre Mutter ihr einen Teller Kekse samt Kräutertee hinstellte. „Hast du die Hausaufgaben schon fertig?“, fragte ihr blondes, älteres Ebenbild.

„Natürlich. Du kennst mich doch.“ Ihre Mutter nickte und schloss die Tür, um ihrer Tochter ihre Privatsphäre zu geben.

Genüsslich biss sie in einem Cookie mit Schokosplittern hinein. Ihre Lieblingskekssorte, von denen sie nur schwer genug bekam. Danach widmete sie sich wieder ihren zahlreichen Chatfenstern und stellte fest, dass ein weiteres sich geöffnet hatte.

„Hi Mia.“

Ein grimmiger Ton war von ihr zu hören. Zögerlich wandte sie den Blick vom Monitor und biss erneut in den Keks hinein. Das zermürbende Geräusch ihrer Zähne hörend tippte sie widerwillig: „Hi Ben.“ Sie wartete noch einen Augenblick, bevor sie die Antwort abschickte. Einige Minuten starrte sie ihre Begrüßung an und schlürfte an ihrer schwarzen Tasse mit dem Hogwarts-Wappen darauf. Mit verkniffenen Augen schmatzte sie ein paar Mal und drückte dann auf die Enter-Taste. Prompt sah sie Ben schreibt auflodern und erhielt eine neue Nachricht.

„Wie geht es dir?“

Wirklich? Fing er das Gespräch mit Smalltalk-Geplänkel an? Darauf hatte Mia überhaupt keine Lust.

„Gut und dir?“

„Auch. Schreibe gerade an einem neuen Songtext.“

„Aha.“, antwortete sie und verdrehte die Augen.

„Ich habe deinen Artikel gelesen.“

„Ich weiß.“

„Ich fand ihn gut.“

Gelogen, dachte sich Mia. Das konnte er nicht ernst meinen. Glaubte Ben Richter tatsächlich, dass er bei ihr punkten konnte?

„So?“

„Ja. Du hast wirklich Talent und hast deine ehrliche Meinung vertreten.“

Das ich nicht lache, dachte sie. Richtiger Schleimer. Mia antwortete darauf nicht.

„Ich bin nur über eine Sache gestolpert, über die ich gerne mit dir persönlich sprechen würde.“

Hatte sie gerade persönlich gelesen? Wollte er sich tatsächlich mit ihr treffen?

„Welche Sache denn?“

„Das sage ich dir, wenn wir uns treffen.“ Mia rümpfte die Nase, als sie seine Antwort las.

„Na, vielleicht können wir das auch schon im Chat klären, sodass ein Treffen obsolet wäre.“ Sie liebte es, solche Wörter mit einzubauen, um zu untermauern, wie sehr sie die deutsche Sprache für ihr junges Alter liebte. Für manche wirkte das arrogant und vollkommen unnötig. Darum wählte sie mit bedacht, bei wem sie geschwollener sprach und bei wem nicht. Da Ben sie arrogant behandelt hatte, sollte er dieses von ihr zu spüren bekommen.

„Ich habe schon Simon dazu gefragt und er ist auch der Meinung, dass das Thema besser persönlich besprochen wird. Für einen Chat ist das doch zu ausschweifend.“

Als ob er das beurteilen könnte. Sie wollte Simon parallel schreiben, was das ganze sollte, doch ihr bester Freund war ungewöhnlicher Weise offline. Dahinter steckt doch ein perfider Plan, dachte sie sich und hatte sich fest vorgenommen, am nächsten Tag Simon zur Rede zu stellen.

„Hättest du morgen nach der Schule Zeit?“

Vermutlich hatte sie tatsächlich keine Wahl. Wenn Simon mit Ben gemeinsame Sache machte und dies war offensichtlich der Fall, würde sie eines Tages auf ihn treffen müssen. Entweder er würde sie vor der Tanzschule abfangen, oder Simon würde ihn bei einem ihrer Treffen als freudige Überraschung präsentieren. Widerwillig musste sie sich eingestehen, dass sie sich auf die Verabredung zur Diskussion ihrer Meinung einlassen müsste.

„Ja.“, antwortete sie.

„Cool. Treffen wir uns beim Eiscafé Georgio?“

„Ok.“

Mit missmutigem Gesicht schloss sie das Chatfenster und ging offline. Sie konnte keine weiteren Gespräche mehr ertragen. Ein kleiner Funken von schlechtem Gewissen keimte in ihr allerdings auf. Immerhin hatte sie sich nicht einmal von ihm verabschiedet. Das war sehr unhöflich gewesen und eigentlich nicht ihre Art. Sie nahm sich einen weiteren Keks und biss schmollend hinein, bevor sie sich entschloss vom Fernseher berieseln zu lassen.

Das Eiscafé war an diesem Freitagnachmittag kaum besucht. Die Leute fuhren um diese Zeit in den Supermarkt, um ihre Wocheneinkäufe zu erledigen. Die Wenigsten schlenderten die Einkaufsgasse mit den kargen Geschäften entlang, um sich mit neuen Kleidungsstücken auszustatten. So konnte sich Mia ihren Lieblingstisch in der hintersten Ecke des Cafés sichern. Dort saß sie gerne, um bei einer Tasse Kakao ein Buch zu lesen oder selbst zu schreiben. Da sie keinen Laptop hatte, hatte sie immer ein Notizbuch dabei, in welchem sie die vielen Ideen festhielt und teilweise komplette Passagen per Hand schrieb. Manchmal fanden sich auch Gedichte darunter. Mal waren sie melancholisch, mal witzig, aber oftmals schrieb sie traurige Texte. Sie wusste nicht warum, aber irgendwie machte es ihr mehr Spaß dieser Gefühlwelt Ausdruck zu verleihen als den schönen Momenten. Auch mit Simon war sie ab und an gerne dort, der allerdings etwas sparsamer mit seinem Taschengeld umging. Er versuchte jeden Cent zurückzulegen, um sich immer wieder besseres Equipment kaufen zu können. Mia hingegen hatte den Vorteil, dass ihre Eltern ihr alle Bücher ohne Kostenlimit holten. So konnte sie bei ihrem hohen Lesekonsum das Taschengeld immerhin anderweitig verwenden. Manchmal besserte sie ihr Taschengeld bei ihrem Opa auf, der ein bekannter Steuerberater im Ort war und ihr dann gerne einen großzügigen Stundenlohn zahlte, wenn sie wieder Sortierungen vornahm.

Mia war etwas früher als vereinbart im Café angekommen und nutzte daher die Minuten, um das aktuell in Deutsch behandelte Buch Die Welle weiterzulesen.

„Das mussten wir auch damals lesen.“, hörte sie Ben sagen, der seine Jacke auszog, über den Stuhl hing und sich neben sie setzte. „Ach ja? Und wie fandst du es?“, fragte sie und ärgerte sich über die fehlende Begrüßung seinerseits. Sie würde ihm mit Sicherheit kein Hallo mehr entgegenbringen. Fingen sie eben direkt mit dem Gespräch an. So konnte sie auch früher wieder nach Hause fahren.

„Ich fand es sehr gut. Eines der besten Bücher im Unterricht bisher und allemal interessanter als Emilia Galotti.“

„Ich liebe Emilia Galotti. Es ist ein Stück über Liebe und Politik und weist gelungen die Macht des Adels über das Bürgertum auf. Emilias Tod zeigt, für was ein Mensch bereit ist, um frei zu sein.“

Ben stutzte und sah sie ungläubig an. „Du hast das Buch gelesen? Freiwillig? Das kommt doch erst in der Oberstufe dran.“

„Ich lese so einiges. Aber wir haben uns ja nicht verabredet, um einen Buchclub zu gründen.“, erwiderte sie, legte das Lesezeichen zwischen die entsprechenden Seiten und klappte das Buch zu. Der Kellner kam zu ihrem Tisch und nahm die Bestellung von Ben auf. „Einen Kaffee schwarz bitte. Möchtest du noch was?“, fragte er Mia. Sie schüttelte den Kopf, ihre Tasse war noch halb voll mit der schokoladigen Köstlichkeit.

„Du trinkst schon Kaffee?“, fragte sie erstaunt. „Ja, warum?“

„Ich kenne keinen einzigen Siebzehnjährigen, der Kaffee trinkt.“

„Nicht? Es ist ein großartiges Getränk. Du trinkst also keinen?“

„Nein.“, antwortete sie und machte ein angewidertes Gesicht. „Solltest du dann unbedingt mal tun, aber vielleicht fängst du lieber mit Milchkaffee an. Man braucht etwas Zeit, um sich an den bitteren Geschmack zu gewöhnen.“

„Man kann ja Zucker reintun.“, sagte sie und zuckte die Schultern.

„Damit er so bittersüß wird wie du?“, den Spruch konnte sich Ben nicht verkneifen. Ungläubig riss Mia die Augen auf und starrte ihn an. „Entschuldige, der ist mir so rausgerutscht.“, sagte er sofort. „Schlechte Angewohnheit von dir.“, sagte sie, nachdem sie sich wieder gefasst hatte und die Lippen schürzte. „Kommen wir zum Thema. Meine Kritik.“ Der Kellner rückte näher und servierte die heiße Tasse des schwarzen Gebräus. Ben nippte daran, bevor sie das Gespräch fortführten. „Genau. Du hast geschrieben, dass ich meine Melodie in mir noch nicht gefunden hätte. Das verstehe ich nicht so ganz. Was meinst du genau damit?“

Darum geht es also, dachte Mia und langsam dämmerte ihr, warum Simon einem persönlichen Austausch zwischen den beiden zugestimmt hatte. In der Schule hatte sie ihn darauf angesprochen und er meinte nur „Vertrau mir, das geht deutlich schneller in zehn Minuten live als per Chat.“ Auf ihr Beharren hin zu sagen, worum es genau ging, blieb Simon eisern und sagte kein einziges Wort.

Mia hatte damals lange überlegt, ob sie diesen Satz schreiben sollte. Er war aus ihrer poetischen Ader heraus entstanden und mehr für einen Roman oder Songtext geeignet als für einen Artikel. Am Ende hatte sie sich aber bekanntlich für die Aufnahme dessen entschieden. Es wunderte sie daher nicht sonderlich, das Ben sie ausgerechnet darauf ansprach und auf ein persönliches Treffen bestanden hatte. Simon hatte recht, dass wäre kein Punkt gewesen, den man eben schnell im Chat hätte besprechen können. Zumindest schätzte sie Ben so ein, dass seine Auffassungsgabe nicht die beste war und sie einige Erklärungsansätze machen müsste. Manchmal musste sie einfach Simon bedingungslos vertrauen.

„Naja, es ist mit Melodie in dir vielleicht etwas zu literarisch ausgedrückt, aber im Prinzip kannst du das mit deiner inneren Stimme gleichsetzen.“ Ben zog die Augenbrauen zusammen. Ich habe es geahnt, dachte sich Mia und ignorierte ihr inneres Augenverdrehen und versuchte einen anderen Erklärungsversuch. „Ich meine damit, dass du noch nicht dich selbst gefunden hast. Versteh mich nicht falsch. Ich bin überzeugt davon, dass man sich sein Leben lang irgendwie findet und immer wieder neue Seiten an sich kennenlernt, aber du hast noch nicht das gefunden, was du den Leuten mit deiner Musik erzählen willst.“

„Aber das wird doch in den Songtexten klar, was ich erzählen will.“

Mia schüttelte den Kopf. „Wird es nicht. Die Musik ist nicht schlecht, aber ein Song von euch ging über das morgendliche Haarewaschen. Das mag vielleicht ganz amüsant sein, aber die restlichen Songs waren leider auch nichts Neues. Ich hatte einfach an dem Abend das Gefühl, dass ihr nicht wisst, was ihr für eine Botschaft ihr den Hörer mitgeben wollt.“

„Was meinst du denn mit Botschaft?“, Bens Stirn legte sich in tiefe Falten.

„Na, willst du deinen Zuhörern nichts mitteilen?“

„Doch, natürlich. Dafür schreibe ich ja die Texte.“

„Ja, aber sie sind so generisch. Weißt du, ich kenne dich nicht, aber es kam wenig Emotion an dem Abend rüber und auch wenn die Texte von dir stammen, habe ich nicht das Gefühl, dass sie wirklich das wiedergeben, was du denkst. Das meine ich mit Melodie in dir. Da schlummert etwas, was raus möchte, aber entweder du lässt es nicht zu oder du suchst es noch im Labyrinth deiner Seele.“

„Meine Güte du bist wirklich Autorin.“, sagte er zögerlich lachend. „Was meinst du?“, fragte Mia und schenkte ihm einen grimmigen Blick, wegen seiner für sie wirkenden Belustigung. „Na, das was du eben gesagt hast. Das Labyrinth meiner Seele. So poetisch redet doch kein Mensch.“, antwortete er, klatschte mit der Hand auf den Tisch und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Mia presste genervt die Lippen aufeinander. „Stört dich das etwa?“, säuselte sie und in ihrer Stimme war ein zickiger Unterton zu vernehmen.

„Das wollte ich damit nicht sagen. Ich stelle nur fest, dass du Talent hast und definitiv schreiben solltest.“, antwortete Ben und versuchte die drückende Stimmung damit etwas aufzulockern. Er bis sich verlegen auf seine Unterlippe und maßregelte sich innerlich. Er wusste nicht warum, aber er wollte ihr irgendwie gefallen.

Mia errötete leicht und bedankte sich, während sie ihren Kopf senkte und in ihre leere Tasse starrte. Ben beugte sich vor und stellte seine Ellenbogen auf dem Tisch ab. „Okay, also du sagst meine Musik ist gut, aber dass ihr Authentizität fehlt. Richtig?“ Überrascht darüber, dass Ben Richter das Wort Authentizität kannte, nickte sie. „Jetzt macht deine Kritik für mich auch mehr Sinn. Damit kann ich arbeiten.“

Das konnte er tatsächlich. Wenn für sie die Lieder nicht authentisch wirkten, klangen sie für sie auch farblos. Das konnte er ihr nicht absprechen. Sie war mit ihrer Kritik tatsächlich ehrlich mit ihm ins Gericht gegangen. „Nur, wie mache ich meine Musik authentischer?“, fragte er, mehr an sich selbst gerichtet als an Mia. „Ich bin keine Musikerin, aber vielleicht musst du einfach dein Gefühl zulassen und es vollkommen spüren. Vielleicht hilft da Meditation, oder so was in der Art. Ich glaube da kann dir Simon besser helfen als ich.“

„Ja, das mache ich vielleicht. Aber du kannst mir trotzdem noch helfen.“, er sah ihr in die Augen und lächelte sie schief an.

„Wie sollte ich?“, fragte sie mit gerunzelter Stirn.

„Du kannst einschätzen, ob meine neuen Songs authentisch sind, oder nicht.“

„Dafür müsste ich sie ja hören.“, sagte sie auf eine Art und Weise, als ob dieser Punkt ein Akt der Unmöglichkeit wäre.

„Ich kann sie dir ja vorspielen, wenn ich sie fertig habe. Du wärst dann quasi mein Testpublikum.“

„So? Warum denn ausgerechnet ich?“, fragte Mia und zeigte mit ihrem Zeigefinger auf sich selbst.

„Weil du anscheinend die einzige ehrliche Person in meinem Umfeld ist, die mir direkt ihre Meinung sagt. Oder du bist einfach mein größter Kritiker auf Erden.“ Mia lachte bei diesem Satz und Ben stieg mit ein. „Du wärst mir auf jeden Fall eine große Hilfe.“

„Was hätte ich denn davon?“, fragte sie neckisch. Ben überlegte kurz und ging verschiedene Möglichkeiten durch. „Hmm, eine festgelegte Anzahl an Kakaos im Eiscafé Georgio?“ Mia schüttelte energisch den Kopf. „Ich werde im Gegenzug dein Testleser?“ Mia schüttelte erneut den Kopf und lachte dabei. Sie sagte noch etwas wie, nie im Leben und dass nicht mal Simon ihre Texte gelesen hatte. „Ich hab’s. Wenn ich meine Melodie in mir gefunden habe, so wie du es nennst, dann schreibe ich einen Song für dich. Ich kann dann auch gerne deinen Namen einbauen. Ich nenne ihn Für Mia oder so.“

Mias Mund stand leicht offen, als sie ihn verblüfft anblickte. Ben beugte sich ein Stück weiter zu ihr vor. „Das ist die größte Ehre, die ein Musiker jemanden machen kann.“ Seine braunen Augen sahen sie durchdringend an. Mias Herz schlug einen Takt schneller. Er würde ihr einen Song schreiben. Ausgerechnet ihr? Nicht mal Simon hatte für sie jemals einen Text geschrieben. Ein kribbelndes Gefühl machte sich in ihrer Magengegend bemerkbar, welches sie vorher noch nie wahrgenommen hatte. Oder war es bisher noch nie in ihr aufgekeimt? Obwohl das Angebot etwas kitschig klang und sie bei dem Titel Für Mia direkt an den Hit von Yvonne Catterfeld denken musste, antwortete sie kleinlaut: „Okay.“ Ben lächelte. „Dann haben wir einen Deal.“, er hob seine Tasse und ermutigte Mia, mit ihn anzustoßen.

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