Kitabı oku: «Die Epistemisierung des Politischen. Wie die Macht des Wissens die Demokratie gefährdet»

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Alexander Bogner

Die Epistemisierung des Politischen

Wie die Macht des Wissens die Demokratie gefährdet

Reclam

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2021 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Covergestaltung: Cornelia Feyll, Friedrich Forssman

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2021

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-961833-3

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-014083-3

www.reclam.de

Inhalt

  1. Einleitung: Triumph des Wissens Die Feier der epistemischen Tugenden Revolten gegen die Macht des Wissens Das Problem

  2. Corona, Klima & Co: Streit ums bessere Wissen Die Coronakrise Der Klimastreit Die Impfkontroverse Die Kriminalitätsdebatte

  3. Liberale Demokratie: die Diktatur der Dummen? Post- und Pseudodemokratie Wie viel Ignoranz verträgt die Demokratie? Die Rettung der Politik vor ihrer eigenen Inkompetenz Wahrheit als notwendige Fiktion

  4. Noch mehr Demokratie wagen? Epistemischer Populismus Den Dingen eine Stimme geben Die Grenzen epistemischer Demokratie

  5. Das Elend der Kritik: Experten und Intellektuelle Feindbild Experte Post-Wahrheit: ein Triumph der Demokratie? Die Geburt des Intellektuellen aus der Krise der Experten Intellektuelle, die Opfer der Wissensgesellschaft

  6. Der Aufstand der Ignoranten Die unheilige Allianz der Konsensleugner Die Wiederverrätselung der Welt durch die Wissenschaft Die große Enträtselungsoffensive Die Politik vor der Wissenschaft retten

  7. Eine abschließende Kritik der Epistemokratie

  Anmerkung

  Zum Autor

1. Einleitung: Triumph des Wissens

Würde man die Frage gestellt bekommen, in welcher Gesellschaft wir denn heute eigentlich leben, dürfte man mit einiger Sicherheit als Antwort erwarten: in der Wissensgesellschaft. Mit dieser Diagnose verbindet sich die Vorstellung, dass sich seit einigen Jahrzehnten ein gesellschaftlicher Strukturwandel vollzieht, der ähnlich bedeutsam ist wie der Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft vor über 200 Jahren. Wissen, so die Erwartung, wird zur zentralen Triebfeder technologischer Innovation und wirtschaftlichen Wachstums und damit zum Garanten allgemeinen Wohlstands, kurz: zur zentralen Ressource spätmoderner Gesellschaften, wichtiger noch als Arbeit, Bodenschätze oder Kapital.

Klassische Beschreibungen der Wissensgesellschaft haben vor allem die Stabilisierungswirkung des Wissens, insbesondere wissenschaftlichen Wissens, hervorgehoben.1 Tatsächlich trägt Wissenschaft mittels Durchsetzung eines rationalistischen Weltbildes zur Stabilisierung der sozialen Ordnung bei, sorgt sie doch dafür, dass die Menschen – gleich welcher Klasse, Schicht oder Hautfarbe – in derselben Welt leben. Schließlich beziehen sie sich – wenngleich mit oftmals unterschiedlichen Absichten – auf dieselbe von der Wissenschaft entwickelte Infrastruktur von Fakten, Relevanzen und Evidenzen. Damit ergibt sich auf der Wissens- bzw. epistemischen Ebene ein Zusammenhalt, der – Stichwort Klassengesellschaft – auf sozialer Ebene fehlt.

Unsere Weltanschauung basiert auf Einsichten der Wissenschaft, und mit dem Siegeszug der modernen Wissenschaft etablieren sich neue Anforderungen an Logik, Vernunft und Konsistenz, die längst auch zur Richtschnur für unser alltägliches Denken und Handeln geworden sind. Versachlichung, Intellektualisierung des Lebens sowie die Vorherrschaft eines rechnerischen Kalküls: Schon Georg Simmel, einer der Gründerväter der Soziologie, hat dies als Kennzeichen der Moderne ausgemacht:

Der moderne Geist ist mehr und mehr ein rechnender geworden. Dem Ideale der Naturwissenschaft, die Welt in ein Rechenexempel zu verwandeln […] entspricht die rechnerische Exaktheit des praktischen Lebens […].2

Affekte und Leidenschaften haben natürlich auch weiterhin ihre Existenzberechtigung, aber nur in relativ eng abgezirkelten Bereichen. Wirklich ausleben können wir sie nur in Partnerschaft und Familie, ab und zu auch bei Sportveranstaltungen oder auf dem Oktoberfest.

In vielen gesellschaftlichen Bereichen jedoch stehen rationales Kalkül, Wissen und Expertise im Vordergrund. In der Politik wird wissenschaftliche Expertise als zentrale Legitimationsressource geschätzt, in der Wirtschaft gilt das Wissen (auch jenes der Konsumenten) als wichtigster Innovationsfaktor; in der Wissenschaft dreht sich sowieso alles um das Wissen, genauer gesagt: um die Produktion neuen Wissens, und im Bildungsbereich geht es nur am Rande um Persönlichkeitsentwicklung und soziales Lernen. Im Vordergrund steht die Vermittlung von (Lehrbuch-)Wissen. Entsprechend bildet (Experten-)Wissen die höchste Entscheidungsinstanz in vielen politischen Kontroversen. So stellt Wissen den wichtigsten Rohstoff gesellschaftlicher Reproduktion und sozialen Wandels in spätmodernen Gesellschaften dar.

Die Feier der epistemischen Tugenden

Die gesellschaftliche Wertschätzung des Wissens zeigt sich nicht nur in Politik, Wirtschaft oder im Bildungsbereich, sondern auch und gerade in der Populärkultur. Ein schönes Beispiel dafür ist die unglaubliche Karriere des Krimis. Kein Abend, an dem kein Krimi im Fernsehen läuft.

Krimis spiegeln unsere Freude an eindeutigem Wissen: Sie verschaffen uns die Gewissheit, dass die Realität aller Komplexität zum Trotz durchschaubar ist, weil wir eine Geschichte in rationale Elemente aufteilen und von Anfang bis Ende ausgerichtet auf eine eindeutige Lösung hin erzählen können. Zweifellos: Der klassische Kriminalroman ist ein Fest der epistemischen Tugenden. Scharfsinn, Logik, Vorurteilsfreiheit, gründliche Skepsis und wache Beobachtungsgabe, hochentwickelte Kombinatorik sowie ein von großer Sorgfalt geprägtes, manchmal übergenau erscheinendes Vorgehen führen in diesem Genre letztlich zum Erfolg, nämlich zur rationalen Erkenntnis aller Zusammenhänge. So gleicht die erfolgreiche Kommissarin einer soliden Wissenschaftlerin: In der unablässigen Prüfung kleinster Details und (vermeintlicher) Indizien bleibt sie immer kritisch, vor allem sich selbst gegenüber. Seit Edgar Allan Poes »Doppelmord in der Rue Morgue« ist der Ermittelnde mit besonderen, für sein Umfeld geradezu erschreckenden Fähigkeiten zur Deduktion ausgestattet: Sherlock Holmes konnte aus einem abgenutzten Schuh die Lebensgeschichte des Trägers des Schuhes ableiten. Das geht bis heute so: Lee Childs Held Jack Reacher kann aus minimalen Anzeichen die wahre Geschichte herauskristallisieren.

Besonders fasziniert die Figur des Profilers: Anscheinend unzusammenhängende Morde zwingt er in eine Serie, sagt kommende Taten voraus, identifiziert den von allen anderen übersehenen Verdächtigen. Val McDermids Tony Hill versteht die Serientäterinnen und -täter besser als diese sich selbst. Paradigmatisches Beispiel ist Hannibal Lecter aus Jonathan Demmes Film Das Schweigen der Lämmer (nach dem Roman von Thomas Harris), der als ehemaliger Psychotherapeut das Ganze als Spiel mit der FBI-Agentin Starling inszeniert.3 Und natürlich wollen auch Psychotherapeuten dies: Obwohl unsere Leben alles andere als monokausal geleitet zu einem eindeutigen Ende streben, versucht die Therapie meist, genau eine solche geordnete Geschichte zu entwerfen, die der Proband sich dann selbstvergewissernd erzählen kann. Die eigene Lebensgeschichte bis ins Detail ausleuchten, um deren innere Logik zu enträtseln – der Reiz dieser Detektivarbeit trägt seinen Teil zum Boom des Psycho- und Selbsterfahrungsmarktes bei.

Die Grundlage allen Tüftelns und Recherchierens besteht im festen Glauben daran, dass die Welt ein in sich geschlossener, logischer Kausalzusammenhang ist. Es ist, wie Max Weber es formuliert hat, der »Glauben daran: daß man, wenn man nur wollte, […] alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne«.4

Oder nehmen wir die Liebe: Daten, objektive Informationen und intelligente Algorithmen verhelfen zur perfekten Beziehung, so lautet heute das Credo. Im Zeitalter der Online-Partnerbörsen lebt die Vorstellung, dass der passende Partner bzw. die richtige Partnerin irgendwo da draußen existiert und mittels eines Abgleiches detaillierter Persönlichkeitsprofile nur ermittelt werden muss. Ein schöner Traum: Mühselige Beziehungsarbeit nach dem Kennenlernen wird durch intelligentes Informationsmanagement vorher ersetzt. Aufregendes Flirten und Daten ersetzen die Paartherapie. Die kognitiven Kenntnisse über den anderen gehen den Emotionen voraus und sollen der Romantik ein stabileres Fundament verleihen.5 Auch wenn das Ideal romantischer Liebe weiterhin zu gelten scheint, so hat sich doch etwas Wesentliches verändert. Wir glauben nämlich nicht mehr daran, dass das Schicksal zuschlägt, wenn uns Amors Pfeil trifft; wir glauben vielmehr, dass man diesen Glückszustand mittels psychologischer Berechnung gezielt und systematisch herbeiführen kann. Zum Dauerzustand wird dieses Glück also erst dann, wenn wir auf ausgefeilte Matching-Technik vertrauen, und das bedeutet: auf besseres Wissen.

Revolten gegen die Macht des Wissens

Die Wissensgläubigkeit der Moderne ist schon früh zum Gegenstand philosophischer Kritik geworden. Dass Natur und Gesellschaft veränderbar sind und nach Maßgabe menschlicher Bedürfnisse neu gestaltet werden können, diese Ansicht wird im 19. Jahrhundert zum Allgemeingut. Es herrscht der unbedingte Glaube daran, dass Wissen besser ist als Nichtwissen, dass rationale Analyse dem intuitiven Erleben überlegen ist und das Bewusstsein über dem Sein steht. Scientia potestas est verkündeten schon die Frühaufklärer. Diesen Schlachtruf ›Wissen ist Macht‹ führten später dann auch die sozialdemokratischen Arbeiterbildungsvereine im Munde. Wissen ist gut gegen Aberglauben, Vorurteile oder auch Obrigkeitshörigkeit. Es verhilft zur Einsicht, dass die Dinge nicht so bleiben müssen, wie sie sind. Bald geht man davon aus, dass sich Natur, Mensch und Gesellschaft mit Hilfe der aufblühenden Wissenschaft nach eigenen Vorstellungen steuern, planen und verbessern lassen. Gegen diesen Wissensoptimismus regt sich bald Widerstand. Nietzsche bezeichnet es als »Wahnvorstellung[…], dass das Denken, an dem Leitfaden der Causalität, bis in die tiefsten Abgründe des Seins reiche, und dass das Denken das Sein nicht nur zu erkennen, sondern sogar zu corrigiren im Stande sei«.6

Im 20. Jahrhundert gerät die Macht des Wissens dann immer gründlicher in Misskredit. Im Zuge des technischen Fortschritts und militärischen Wettrüstens wird offensichtlich, dass das Wissen auch Risiken, Gefahren und Verwüstungen hervorbringen kann. Man lernt, dass das Wissen um die kleinsten Elementarteilchen in seiner technischen Anwendung zu den größten Katastrophen führen kann (Atomkraft). Und man kriegt zunehmend Angst vor der technischen Neugestaltung der Natur (Gentechnik), auch der menschlichen (Biomedizin), so dass die Ethik bald zur ständigen Begleiterin der Genetik wird.

Außerdem kommt man darauf, dass Wissen keineswegs eindeutig sein muss. Schmerzlich deutlich wurde, dass allein schon der Versuch, etwas zu verstehen, das Objekt des Verstehens verändert (Heisenbergs Unschärferelation). Erst die Beobachtung legt das an sich uneindeutige Objekt auf einen bestimmten Zustand fest – eine Paradoxie, die Schrödinger in seinem Gedankenexperiment der gleichzeitig lebendigen und toten Katze aufgreift. In den Geisteswissenschaften macht die Dekonstruktion Karriere, also die Überzeugung, dass es aussichtslos ist, nach festen Fundamenten des Wissens zu fahnden. Jede Interpretation führt in einen unerschöpflichen Verweisungszusammenhang hinein, der es unentscheidbar erscheinen lässt, was wirklich der Fall ist.

Und auch im Alltag wird immer deutlicher, dass Wissen nicht immer eine robuste Ressource ist: Oft ist seine Gültigkeit umstritten, manchmal ist es unsicher oder uneindeutig, und jede Erkenntnis wird von der Erkenntnis neuen Nichtwissens begleitet. Die von der linksalternativen Bewegung popularisierte Expertenkritik trägt dazu bei, dass bald alle Leute in allen wichtigen Fragen, vor allem in Gesundheitsfragen, routinemäßig eine zweite Meinung einholen. All das darf freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die Macht des (Experten-)Wissens in aller Regel auf der Grundlage von (Experten-)Wissen kritisiert wird. Besonders gut sichtbar wird dies an den Umwelt- und Technikkonflikten der 1980er und 90er Jahre. Die damaligen Proteste zeigten ein hohes Verwissenschaftlichungsniveau; im Streit um Grenzwerte und Risiken wurden die Demonstranten oft selbst zu Experten. Kein Wunder, dass sich aus der Umweltbewegung heraus sogar neue Forschungszentren entwickelten, wie etwa das Freiburger Öko-Institut oder das Institut für Soziale Ökologie in Wien.

Heute hat die antiautoritäre Revolte gegen die Wissenschaft ein eigenartiges, fremdes Gesicht. Denn sie wird nicht mehr von den Sympathieträgern der Vergangenheit – rebellierenden Studierenden, kritischen Intellektuellen, sozialökologisch Bewegten – getragen, sondern zu einem guten Teil von Demagogen und Populisten, die uns mit teils belustigenden, teils verstörenden Zweifeln und Fragen konfrontieren: die Klimaerwärmung – eine chinesische Erfindung? Der Mensch – tatsächlich ein Resultat der Evolution? Die Erde – eine flache Scheibe? Aids – ausgelöst durch Armut und nicht durch HIV? Oder das Impfen: Führt es nicht zu Autismus? Und ist Corona nicht von Bill Gates erfunden worden?

Das Credo dieser Leugnerbewegung erinnert an Pippi Langstrumpfs Lebensmotto: »Ich mach mir die Welt / widde widde / wie sie mir gefällt.«7 Sympathisch war ihre antiautoritäre Attitüde, ging es doch gegen die langweilige, faktenfeste Welt der Erwachsenen. Ihre Botschaft an uns: Habt endlich Mut, eure Phantasie zu benutzen, um aus der selbstverschuldeten Eintönigkeit eurer durchrationalisierten Welt herauszufinden. Ihre Eigenheiten wurden als feine, zivilisationskritische Nadelstiche geschätzt. Doch heute haben sich die Nadelstiche gegen die fade Faktenwelt zu einer brachialen Zerstörungswut ausgewachsen. Aus Pippi Langstrumpf wurde Donald Trump.

Im Kampf gegen eine aktive Klima-, Impf- oder Aids-Politik hat sich ein unverwüstlicher Dissens etabliert, der politischen Widerstand in Form (pseudo-)wissenschaftlicher Gegenexpertise praktiziert (auf den Bestsellern von Coronazweiflern muss unbedingt mindestens ein Doktortitel vor dem Verfassernamen stehen). Nicht selten konsolidiert sich dieser Dissens mittels hartnäckiger Tatsachen- bzw. Wahrheitsverleugnung. Mit Bestürzung berichten akademische Beobachter, dass der Amoklauf gegen Rationalismus und Expertentum mittlerweile zum Massensport geworden ist.8 Verschwörungstheorien und sogenannte alternative Fakten werden gerade dort virulent, wo Daten, Zahlen und wissenschaftliche Expertise im Streit über die richtige Politik eine besondere Rolle spielen. Dies war zuletzt in den breiten Protesten gegen die politischen Maßnahmen im Zuge der Coronakrise zu spüren. Microsoft-Gründer Bill Gates, so war unter anderem zu hören, steuere mittels seiner Stiftung die Pandemie, um an den Impfungen zu verdienen. Oder: Corona sei ein trojanisches Pferd, um den repressiven Überwachungsstaat salonfähig zu machen.

Das Problem

Angesichts der gesteigerten Sichtbarkeit von Verschwörungstheorien und Faktenleugnern, angesichts des globalen Aufstiegs von Rechtspopulismus und Fake-News-Kultur liegt es nahe, zum Schutz der Demokratie verstärkt auf Wissen und Aufklärung zu setzen.

Daran ist zunächst einmal nichts falsch: Eine besonnen geführte Debatte über Zuwanderung und ihre Folgen ist nur auf der Grundlage belastbarer Daten und Fakten möglich. Eine kluge Umweltpolitik kann nur auf gesichertem Wissen darüber basieren, wie es um die globale Erwärmung wirklich steht. Über Chancen und Risiken der Digitalisierung klärt die Technikfolgenabschätzung auf. In mancher Hinsicht jedoch – und davon handeln die folgenden Kapitel – hat das Vertrauen in die Macht des Wissens selbst demokratiepolitisch zweifelhafte Folgen.

Der Essay setzt bei der Beobachtung an, dass die Demokratie in Krisensituationen gerne auf die Macht des Wissens vertraut. So werden viele politische Krisen und Konflikte primär als epistemische Probleme verstanden, also als Fragen von Wissen, Expertise und Kompetenz.

Damit treten an die Stelle des die Industriegesellschaft prägenden Basiskonflikts zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern immer mehr die Konflikte zwischen Experten, Gegenexperten und informierten Laien. Beispielhaft dafür steht der Klimastreit. Mit dem Fokus auf Wissen und Expertise drohen jedoch normative Aspekte aus dem Blick zu geraten (Kapitel 2).

Auch wenn die Demokratie selbst unter Druck gerät, hofft man auf die heilsame Kraft des Wissens. Denn als treibende Kraft politisch unliebsamer Entwicklungen (Populismus, Autoritarismus) gelten oft mangelnde Bildung und unzureichende Informiertheit. Mit dem Fokus auf die kognitive Ebene verbindet sich die kühne Unterstellung, dass sich hinter politischen Streitfragen eigentlich nur Sachfragen verstecken, für die es dank einschlägiger Expertise richtige Lösungen gibt (Kapitel 3).

Streit gehört zur Demokratie, aber die Demokratie bleibt nur dann lebendig, wenn man mehr Demokratie wagt. Doch auch dieses Projekt steht heute unter dem Leitstern des Wissens. Radikale Ansätze, die die Demokratisierung der Demokratie auf der Wissensebene in Angriff nehmen, geraten allerdings in die fatale Nähe eines epistemischen Populismus (Kapitel 4).

Der allgemeine Glaube an die Allmacht des Wissens beflügelt eine generelle Abneigung gegen die Experten. Der Kampf gegen den typisch expertenhaften Anspruch auf besseres Wissen gilt darum auf allen Seiten des politischen Spektrums als Ausdruck echter Demokratisierung (Kapitel 5).

Dieser Kampf wird heute von Gruppen fortgesetzt, die gegen gesicherte Erkenntnisse der Wissenschaft und etabliertes Wissen aufbegehren. Auf diese Weise macht die breite Bewegung der Klimawandel-, Evolutions- oder Coronaleugner auf den hohen Verwissenschaftlichungsgrad vieler politischer Kontroversen aufmerksam. Wer nicht willens oder fähig ist, seinen Standpunkt mittels Expertenwissen abzusichern, greift auf »alternative« Fakten zurück und mobilisiert Pseudoexpertise (Kapitel 6).

In Summe wird eine Tendenz deutlich, die man mit etwas Mut zum Soziologendeutsch als »Epistemokratie« bezeichnen kann. Diese Herrschaft ist von dem Glauben daran getragen, dass viele politische Probleme erst dann richtig formuliert und überzeugend lösbar sind, wenn wir sie als Wissensprobleme verstehen. Die unerschütterliche Konzentration auf das Wissen rückt aus dem Blick, was politische Probleme eigentlich ausmacht und gesellschaftliche Konflikte anheizt: divergierende Werte, Interessen und Weltbilder (Kapitel 7).

2. Corona, Klima & Co: Streit ums bessere Wissen

Auch das ist Wissensgesellschaft: Politische Streitfragen bekommen heute immer stärker epistemischen Charakter, werden zu Wissenskonflikten. In den Mittelpunkt tritt die Frage, wer das bessere Wissen hat. Das geschieht zum einen deshalb, weil Risiken und nicht-intendierte Nebenfolgen in den Blick geraten, weil Finanzierbarkeit, Nachhaltigkeit und zukünftige Generationen berücksichtigt werden müssen. Oder auch nur: weil die Komplexität des Problems sich nicht mehr ausblenden lässt, weil das Problem sich nicht mehr so einfach in eine relativ übersichtliche politische Interessen- oder Verteilungsfrage übertragen lässt.

Viele aktuelle Konflikte, etwa um Pestizide und Dieselfahrverbote, um die Gefahren der 5G-Technologie und der grünen Gentechnik, um die Risiken der globalen Erwärmung oder den Nutzen einer allgemeinen Impfpflicht, konzentrieren sich auf Wissensfragen wie etwa: Wie hoch ist das Risiko? Welche Gefahren bestehen für Mensch und Umwelt tatsächlich? Welcher Grenzwert ist legitim? Die zentrale Ressource in diesen Kontroversen stellt Expertenwissen dar. Entschieden werden diese Konflikte, so die allgemeine Erwartung, auf der Grundlage des besseren Wissens.

Die Kontrahenten in diesen Auseinandersetzungen trennt vieles, doch eine zentrale Überzeugung teilen sie, dass nämlich diese Konflikte nur durch wissenschaftliche Expertise, also durch die Macht der Zahlen und Fakten entschieden werden können. Vielfach lautet die Erwartung: Sofern ein weitreichender Expertenkonsens in diesen Risiko- und Umweltfragen existiert, ist die Politik gehalten, die wissenschaftlich empfohlenen Maßnahmen durchzusetzen. Die Rahmung von Konflikten als Wissenskonflikte verspricht eine Rationalisierung des Streits, an dessen Ende auch noch die Verlierer als Gewinner vom Platz gehen werden, weil sie vermittels ihrer Widerrede zum allgemeinen Wissensfortschritt beigetragen und selbst etwas dazugelernt haben: Ende gut, alles gut.

In Wissenskonflikten droht eine weitgehende Abstraktion von der Werteebene – doch oft genug provoziert diese Abstraktion selbst keinen Konflikt. Wenn sich beispielsweise ein bereits zugelassenes Medikament als gesundheitsgefährdend erweist, dann wird es verboten (wie in dem bekannten Fall des gefährlichen Schmerzmittels Vioxx). Die allgemeine Wertschätzung für die Gesundheit kaschiert in diesem Fall die Tatsache, dass die politische Entscheidung durch das sachhaltige Expertenurteil vorweggenommen wurde. Problematisch wird diese enge Kopplung zwischen Wissens- und Werteebene erst dann, wenn rivalisierende Werte im Spiel sind. Denn ein Wertedissens führt im Rahmen dieser Wissenskonflikte zu endlosen Kontroversen um die richtigen Zahlen bzw. um die richtige Interpretation der vorliegenden Zahlen. Wertstandpunkte und divergierende Weltbilder werden nicht mehr explizit gemacht, weil das methodisch kontrollierte, gesicherte Wissen als unübertreffbar überlegene Ressource der Legitimation gilt. Dahinter steht der Glaube, dass ein direkter Weg von der Evidenz zur richtigen Politik führt. Welche Probleme dieser Wissensglaube macht, lässt sich anhand einer Reihe aktueller Krisen und Konflikte zeigen.