Kitabı oku: «Erinnerungen an Leo N. Tolstoi»

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Alexandra Tolstaia

Erinnerungen an Leo N. Tolstoi


Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2021

goodpress@okpublishing.info

EAN 4064066115982

Inhaltsverzeichnis

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Titelblatt

Einleitung

Erinnerungen der Gräfin A. A. Tolstoi

Einleitung

Inhaltsverzeichnis

Die Verfasserin nachstehender Erinnerungen, Gräfin A. A. Tolstoi, war elf Jahre älter als Leo Tolstoi; sie wurde 1817 geboren und starb 1904. Von 1846 bis zu ihrem Tode war sie Hofdame, zunächst bei der Tochter Kaiser Nikolaus’ I., Maria Nikolajewna, späteren Herzogin von Leuchtenburg. 1866 wurde ihr die Erziehung der Tochter Kaiser Alexanders II., Maria Alexandrowna, anvertraut, die sie bis zu deren Verheiratung, 1874, mit dem Herzog Alfred von Edinburg, späterem Herzog von Koburg, leitete. Danach lebte sie als Hofdame der Kaiserin bis zu ihrem Ende im Winterpalais in Petersburg.

Die Bekanntschaft und Freundschaft der Gräfin mit ihrem Neffen Leo Tolstoi begann 1855 und dauerte bis zum Tode der Gräfin. Allerdings trat in den späteren Jahren wegen der räumlichen Trennung und Tolstois Verheiratung, besonders auch wegen religiöser Meinungsverschiedenheiten zwischen beiden eine Entfremdung ein, die aber nie zum völligen Abbruch der Beziehungen führte. Die Gräfin Tolstoi blieb bei all ihrer umfassenden Bildung und ihren glänzenden Geistesgaben bis zu ihrem Ende eine streng bibelgläubige Kirchenchristin, die von ihren Überzeugungen nicht ein Titelchen preisgab. Es versteht sich von selbst, daß sie unter diesen Umständen dem Reformator Tolstoi keine Sympathie entgegenbringen konnte. Wohl aber war und blieb sie dem großen Menschen bis an ihr Ende in herzlicher Liebe und Verehrung zugetan, und ihre stete Fürsorge und Fürsprache beim Kaiser hat mehr als einmal drohendes Unheil von Tolstoi abzuwenden gewußt.

Die Erinnerungen sind durchaus nicht im Sinne unbedingter Verehrung Tolstois geschrieben; im Gegenteil: es herrscht durchweg ein kritischer Ton vor, der die Persönlichkeit Tolstois scharf unter die Lupe nimmt und seine religiösen und philosophischen Werke vom Standpunkte der rechtgläubigen Christin in Bausch und Bogen verwirft. Trotzdem haben die Erinnerungen als Beitrag zu Tolstois Biographie und Charakteristik unschätzbaren Wert; denn sie rühren von einer geistig sehr hochstehenden Frau her, die Tolstoi jahrzehntelang als Geistesgefährtin durchs Leben begleitet hat. Das ergibt sich aus dem Inhalt. –

Die Erinnerungen sind dem Tolstoi-Museum in Petersburg unter der Bedingung ihrer Veröffentlichung erst nach dem Tode Leo Tolstois und dem der Verfasserin überwiesen worden. Sie gelangen hier, wenig gekürzt, zum Abdruck in deutscher Sprache.

Dr. Adolf Heß.

Erinnerungen der Gräfin A. A. Tolstoi

Inhaltsverzeichnis

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich Leo Tolstoi zum ersten Male traf. Ich glaube, es war in Moskau bei unserem gemeinsamen Verwandten Grafen Fedor Iwanowitsch Tolstoi, mit Beinamen »der Amerikaner«.

Als Kind kannte ich, trotz unserer ziemlich nahen Verwandtschaft, Tolstoi nicht. Ich lebte beständig in Zarskoje Selo oder in Petersburg; Leo dagegen auf dem Lande in Tula, oder vorher in Moskau und Kasan, wo er seine Ausbildung erhielt. Ein ganz klares Bild von ihm habe ich bereits bei seiner Rückkehr aus Sewastopol, 1855, als Artillerieoffizier, und ich weiß noch, welch lieben Eindruck er damals auf uns alle machte. Durch sein 1852 erschienenes Werk »Kindheit« war Tolstoi dem Publikum bereits bekannt. Alle Welt lobte diese reizende Schöpfung, und wir waren sogar stolz auf das Talent unseres Verwandten, wenngleich wir seine spätere Berühmtheit natürlich noch nicht ahnten.

Tolstoi war sehr einfach, außerordentlich bescheiden und so voll scherzhafter Lustigkeit, daß seine Gegenwart auf alle anregend wirkte. Von sich selbst sprach er selten, musterte aber jedes neue Gesicht mit besonderer Aufmerksamkeit und gab dann seine stets extremen Eindrücke in komischer Form wieder. Der Beiname »Dünnhäuter«, den seine Gattin ihm später gab, paßte ausgezeichnet auf ihn; denn jeder kleine Wesenszug, den er an anderen wahrnahm, wirkte in vorteilhaftem oder unvorteilhaftem Sinne äußerst stark auf ihn. Er erriet die Menschen mit seinem künstlerischen Instinkt, und sein Urteil bewahrheitete sich oft in verblüffender Weise. Gute, verständige und ausdrucksvolle Augen ersetzten in seinem unschönen Gesicht reichlich, was ihm an Schönheit abging. Das Gesicht, kann man sagen, war mehr als nur schön.

In den ersten zwei oder drei Jahren unserer Bekanntschaft sahen wir uns ziemlich häufig, allerdings mit Unterbrechungen. Unsere Lebenswege hatten gar zu wenig Gemeinsames: ich war damals schon bei Hofe; Leo erschien nur besuchsweise in Petersburg.

Wir alle hatten ihn so gern, daß sein Kommen für uns stets große Freude bedeutete; es war das aber noch nicht der Beginn jener Freundschaft, die uns dann für das ganze Leben verband. Diese entwickelte sich erst 1857 in der Schweiz, wohin ich nach der Krönung Kaiser Alexanders II. mit der Großfürstin Maria Nikolajewna reiste. Hofdame bei der Großfürstin war ich schon seit 1846; meine Schwester Elisabeth leitete die Erziehung ihrer Tochter Eugenie Maximilianowna, jetziger Prinzessin von Oldenburg. Wir verbrachten den ganzen Winter in Genf, und im März stand zu unserer größten Überraschung plötzlich Leo Tolstoi vor uns – sein Erscheinen wie Verschwinden machte stets den Eindruck eines coup de théatre.

Ich stand damals noch nicht mit ihm in Briefwechsel; wir wußten gar nicht, wo er sich befand, vermuteten ihn in Rußland.

»Ich komme direkt aus Paris,« erklärte er. »Die Stadt hat mich angewidert, daß ich fast den Verstand verloren hätte. Was habe ich nicht alles gesehen ... Zunächst waren in dem hôtel garni, in dem ich wohnte, sechsunddreißig Haushaltungen und davon neunzehn wilde Ehen! Dann wollte ich mich einmal auf die Probe stellen und ging zu einer Hinrichtung, bei der ein Verbrecher guillotiniert wurde. Danach konnte ich nicht mehr schlafen und wußte nicht, wohin. Zum Glück erfuhr ich, daß Sie in Genf wären, und reiste unverzüglich hierher, in der Hoffnung, daß Sie mich retten würden!«

Wirklich, nachdem Tolstoi sein Herz vollständig ausgeschüttet hatte, beruhigte er sich, und wir verbrachten eine schöne Zeit, wanderten im Gebirge umher und genossen so recht das Leben. Es war herrliches Wetter und die Natur unbeschreiblich schön. Wir priesen sie mit der Begeisterung von Bewohnern der Ebene, während Tolstoi sich bemühte, unsere Begeisterung durch die Versicherung zu dämpfen, im Vergleich mit dem Kaukasus sei das alles nichts. Uns genügte trotzdem, was wir sahen.

An unseren Ausflügen nahmen bisweilen russische Bekannte teil. Meine Schwester, die leibhaftige Fürsorge anderer, verlieh den Ausflügen dadurch einen besonderen Reiz, daß sie in einem riesigen Sack das mitschleppte, was jedem von uns Vergnügen bereiten konnte. Eines Tages erstiegen wir den Gipfel des Mont Salève, von dem man eine herrliche Fernsicht hat; wir machten in dem kleinen hübschen Hotel Station, fanden aber entschieden nichts, was unseren Hunger stillen konnte. Natürlich erschien der Rucksack auf der Bildfläche, und während meine Schwester ihn öffnete, hefteten alle ihre gierigen Blicke darauf. Was war alles darin! Tee, Konfekt, Früchte, Pasteten, Gebäck, sogar Wein und Selterswasser ...

Ich sehe noch Tolstois entzücktes Gesicht. Er freute sich wie ein kleiner Junge auf die Leckereien und lobte die Schwester bis in den Himmel: »Ja Lisa, Babuschka (Großmütterchen, Mütterchen), die versteht ihre Sache!« Dann aber wollte er sie foppen, wozu er überhaupt sehr geneigt war. »Splendide, wie Sie sind,« meinte er zu Lisa, »haben Sie wieder einen ganzen Wagen Vorräte mitgeschleppt, und doch haben Sie etwas vergessen. Ich wette, daß Sie z. B. keine Karten mitgebracht haben!«

Schweigend griff die Schwester in den Sack und holte zwei Spiele Karten hervor. Nun kannte Tolstois Freude keine Grenzen, obgleich Karten hier, wo die Augen nicht ausreichten, um den prächtigen Sonnenuntergang und die unendliche Bergkette wahrzunehmen, sehr überflüssig waren.

»Babuschka« nannte Tolstoi uns im Scherz; er meinte, zu Tanten wären wir, besonders ich, viel zu jung – eins seiner beliebten Paradoxa.

Beiläufig will ich hier unser Verwandtschaftsverhältnis erwähnen. Mein Großvater hatte von einer Frau dreiundzwanzig Kinder, von denen mein Vater das jüngste war, so daß einige Kinder der älteren Geschwister gleichen Alters mit ihm waren. Leo Tolstois Vater, Graf Nikolai Ilitsch, war der richtige Neffe meines Vaters, nämlich der Sohn seines älteren Bruders Ilja, der als Graf Rostow in »Krieg und Frieden« beschrieben ist. Leo Tolstoi war also unser Neffe und nur einige Jahre jünger als wir.

Ich kehre zu meiner Erzählung zurück.

Leo verbrachte die ganze Fastenzeit mit uns. Er war damals durchaus kein Gegner der Kirche; er sah uns alle fasten und beichten und wollte selbst beichten, was ihm übrigens nicht gelang. Die nichtigste Veranlassung konnte ihn plötzlich umstimmen, was mich sehr betrübte.

Nach Ostern begab er sich nach Vevey, wo wir ziemlich viel gemeinsame Bekannte hatten. Die Großfürstin entließ mich auf mein Bitten dorthin. Was war das für eine herrliche Fahrt und welche Reihe entzückender Tage!

Beim Besteigen des Dampfers bemerkte ich in Tolstois Händen einen sehr anständigen Koffer, worüber ich mich einigermaßen wunderte, da Tolstoi in seinem Äußeren sonst ziemlich schlampig war.

»Was heißt denn das?« fragte ich spöttisch. »Dieser Luxus sieht dir doch sonst gar nicht ähnlich.«

»Wieso?« meinte er ganz ernst. »Ich bin bald dreißig Jahre alt und muß jetzt mehr auf Ordnung halten. Dieser Koffer mit seinem ganzen Inhalt an Wäsche usw. reicht genau für eine Woche. Dann kommt ein anderer an die Reihe für einen Monat, und schließlich der dritte muß für das ganze Leben reichen.«

Scherz bleibt Scherz, aber in alledem lag ein Teilchen Wahrheit. Tolstoi trachtete stets danach, sein Leben neu zu gestalten, die Vergangenheit wie ein altes Gewand abzustreifen. Naiverweise hielten wir beide es damals für möglich, in einem Tage ein anderer Mensch zu werden! Wir waren geistig weit jünger als unsere Jahre. Wie viele Kämpfe hatten wir durchzumachen, wie viele Enttäuschungen zu erleben, bis wir uns von der Unmöglichkeit überzeugten, ohne Hilfe von oben auszukommen!

Jemand hat gesagt – ich glaube Sokrates oder Plato: »Eins weiß ich: daß ich nichts weiß.« Man möchte hinzufügen: »und nichts kann.«

Für Tolstoi war es weit schwieriger, sich zu dieser Erkenntnis durchzuringen. Er fühlte in sich die Kraft der Begabung, obgleich er damals selten mit sich zufrieden war.

Trotz verschiedener Erziehung und verschiedener Lebensverhältnisse hatten wir einen gleichen Zug: wir waren beide schreckliche Enthusiasten und Analytiker, liebten aufrichtig das Gute, verstanden aber nicht, es uns regelrecht anzueignen. Wir zergliederten unser Inneres bis in die feinsten Fasern und hielten das für sehr lobenswert, während es tatsächlich nur unsere Phantasie kitzelte, zur Verbesserung unseres Lebens dagegen nicht im geringsten beitrug. Leo war damals schon der alles Kritisierende und Verneinende, allerdings mehr mit dem Verstande als mit dem Herzen. Seine Seele war ebenso für den Glauben wie für die Liebe geboren; das brachte er, ohne es selbst zu merken, bei verschiedenen Gelegenheiten zum Ausdruck.

Unsere Gespräche betrafen oft religiöse Themen; wir verstanden uns aber nicht. Wie konnte ich die unendliche Vielseitigkeit seiner Natur begreifen! Lächerlich, wie ich mich bemühte, ihn auf meine Fasson umzuarbeiten, während er sich vor meinen idealen Theorien fast bekreuzigte. Es kam nichts dabei heraus als endlose Wortgefechte, die allerdings nicht hinderten, daß wir uns immer näher rückten ...

An einem herrlichen Maimorgen also trieben wir auf dem spiegelglatten Genfer See Vevey zu. Dort kehrten wir in der Pension Perret ein, wo es unglaublich schlechte Verpflegung gab. Leo versicherte, die Suppe wäre aus Feldblumen bereitet. »Schmeckst du nicht die heute morgen gepflückten Glockenblumen heraus? Du hast sie weggeworfen, aber die Wirtsleute benutzen sie, und jetzt müssen wir dafür bezahlen!« – Bei Tisch waren noch drei langzähnige, wenig schöne Engländerinnen zugegen, die uns aus irgendeinem Grunde feindselig musterten. Möglich, daß unsere unbändige Heiterkeit ihrer großbritannischen Gesetztheit auf die Nerven fiel – übrigens blieben wir nicht lange, sondern suchten bald Bekannte in der Nähe auf. Leo riß durch seine originellen Einfälle und seine kindliche Heiterkeit alle zur Lustigkeit hin. Eines Morgens begaben wir uns allesamt zu Fuß auf den Glyon – bekanntlich der höchste Punkt in der Nähe von Vevey. Unser Weg war wörtlich wie bildlich mit Blumen bestreut. Ein üppiger Frühling schlug uns ins Gesicht und berauschte uns. Alle ohne Unterschied der Jahre waren ausgelassen wie die Schulkinder. Als der Berg im Schweiß des Angesichts erklommen war, fanden wir das Gastzimmer des einzigen Hotels auf der Höhe brechend voll von Engländern, Amerikanern und allen möglichen Leuten.

Nach dem Tee setzte Leo sich, ohne das zahlreiche Publikum zu beachten, ans Klavier und forderte uns auf, zu singen. Ich darf, ohne Schüchternheit, sagen, daß ich eine schöne Stimme hatte und viel Musik trieb; ebenso Frau Puschtschin, die recht gut Alt sang, während zwei unserer Freunde den Baß übernahmen. Leo machte am Klavier den Kapellmeister.

Ich weiß nicht, ob unser improvisiertes Konzert in musikalischer Hinsicht strenggenommen befriedigte; bei offenen Fenstern aber machte sich in dem großen Raume alles sehr nett, ja poetisch. Wir sangen »Gott erhalte den Zaren«, russische, Zigeunerlieder, alles, was Leo in den Kopf kam ... Der Erfolg war glänzend. Die Ausländer überhäuften uns mit Komplimenten – jeder in seiner Sprache, und baten uns, weiter zu singen. Wir kamen ihnen sehr gelegen: erstens forderten wir wandernde Musikanten keinen Lohn, und zweitens vertrieben wir ihnen die Langeweile.

Am nächsten Tage wiederholte sich dasselbe Schauspiel in unserer Pension. Orpheus, die Bestien bezähmend. Die gefährlichen Engländerinnen wurden derart zahm, daß sie uns Stühle holten, uns mit Tee, Konfekt traktierten usw.

Als mein Urlaub zu Ende war, kehrte ich nach Genf in die Villa Boccage zurück, wohin die Großfürstin zu Frühlingsanfang übergesiedelt war. Leo blieb in Vevey und machte mir Vorwürfe, daß ich mich vom »Schornstein« (so nannte er, ich weiß nicht warum, den Hof) nicht trennen könnte.

In diese Zeit fiel der Beginn unserer langjährigen Korrespondenz: Telegramme, Briefe, Billette flogen täglich über den See. Natürlich ist von alledem wenig erhalten geblieben, doch fielen mir kürzlich u. a. ein paar Verse in die Hand, die Leo mir damals aus Vevey sandte. Ich muß gestehen, daß ich dieses Dokument längstvergangener Jahre mit besonderem Vergnügen begrüßte, obwohl die Verse an und für sich recht harmlos sind. Ich führe sie nur als Beweis unserer damaligen lustigen Stimmung an.

Vorgestern empfing ich

Mütterchens Billett,

Und seitdem verschling ich

Die Pension Perret.

Aller Lustgedanken

Hab ich mich begeben –

Mütterchen, ich möcht’ mit

Dir im »Schornstein« leben.

Außerdem erschien Leo unaufhörlich aus Vevey in Genf, aber nicht allein, sondern in Begleitung zweier Bekannter, deren Späße kein Ende fanden. Im Juni unternahmen wir eine längere Reise mit den Kindern der Großfürstin ins Berner Oberland. Die erste Nachtstation war Vevey in dem bekannten Hotel Monnet. Kaum saßen wir bei Tisch, als ein Kellner mir mit geheimnisvoller Miene meldete, unten sei jemand, der mich zu sprechen wünsche. Voller Ahnungen ging ich schnell nach unten, wo die drei, in lange Plaids gehüllt und mit phantastischen Federhüten, bei meinem Anblick alsbald eine wahrhaft infernalische Musik begannen. Die Noten lagen, wie bei wandernden Musikanten, auf der Erde, und die Instrumente vertraten Stöcke. Stimmen und Stöcke traten abwechselnd in Tätigkeit. Ich verging fast vor Lachen, und die Kinder der Großfürstin waren untröstlich, dieser Vorstellung nicht beigewohnt zu haben.

Nach mehrtägigen Wanderungen über Berg und Tal gelangten wir nach Luzern, und hier tauchte, wie aus dem Boden gewachsen, wieder Leo auf. Er war zwei Tage vor uns angelangt und hatte bereits ein ganzes Drama erlebt, das dann unter dem Titel »Luzern« als Erzählung in der Öffentlichkeit erschien. Leo war schrecklich erregt und konnte seinen Unwillen nicht verbergen. Wir erfuhren folgendes: Tags zuvor hatte ein Wandermusikant sehr lange vor der Terrasse des »Schweizerhof« gespielt, auf der ein zahlreiches vornehmes Publikum versammelt war. Alles hörte dem Musikanten mit Vergnügen zu; als dieser dann aber den Hut hinhielt, um seinen Lohn in Empfang zu nehmen, warf niemand auch nur einen Sou hinein – allerdings ein wenig hübscher Zug, dem Leo aber fast die Bedeutung eines Verbrechens beimaß.

Um sich an der geputzten Gesellschaft zu rächen, nahm er vor aller Augen den Musikanten am Arm, ließ ihn neben sich am Tisch Platz nehmen und ihm dann ein Souper mit Champagner auftragen. Das Publikum und der arme Musikant verstanden kaum die Ironie dieser Handlungsweise. Der Zug charakterisiert aber den Schriftsteller und den Menschen Tolstoi.

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Litres'teki yayın tarihi:
16 ocak 2025
Hacim:
70 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
4064066115982
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