Kitabı oku: «Melea», sayfa 10

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8. Mond, im 988. Jahr der Barriere

Der Dunkle

1

Geralt traf vor dem Palast auf seinen Bruder, der sich gerade von einem Botenreiter verabschiedete. Halldor kam zu ihm, packte ihn bei den Schultern und sah ihn ernst an.

„Das nächste Mal, wenn du eingekerkert wirst, lässt du nach mir schicken. Ich habe erst vorhin von der Sache erfahren. Wenn ich davon gewusst hätte, wäre Sarus bereits einen Kopf kürzer. Ich konnte den fetten Sack noch nie leiden.“

Geralt grinste.

„Ich hoffe nicht, dass es ein nächstes Mal gibt. Aber wenn, dann werde ich dich beim Wort nehmen. Du hättest allerdings mal nach mir fragen können. Wir waren ja schließlich an dem Abend verabredet.“

Halldor zuckte mit den Schultern.

„Ja, das stimmt schon. Allerdings ging ich davon aus, dass du bei deiner Verlobten bist. Ich hörte, sie sei immer noch nicht erwacht und dachte, du wärst bei ihr.“

„Lea ist nicht meine Verlobte. Zumindest noch nicht. Zuerst einmal muss ich ihren Vater davon überzeugen, dass ich der Richtige für sie bin.“

Geralt wandte sich zum Gehen.

„Ich muss los und einen königlichen Auftrag erledigen. Wir sehen uns später.“

Halldor schaute ihm kopfschüttelnd nach.

„Vielleicht sollte ich mal mit Rion sprechen.“

„Wann habt Ihr das letzte Mal geschlafen? Ihr seht schrecklich aus.“

Rion schaute die Königin aus geröteten Augen an.

„Wenn ich ehrlich bin – keine Ahnung.“

„Und wann habt Ihr zuletzt etwas gegessen?“

Er zuckte mit den Schultern.

„Auch da muss ich passen.“

Nalia schüttelte tadelnd den Kopf.

„Bevor ich den nächsten Versuch unternehme, Eurer Tochter zu helfen, möchte ich, dass Ihr ausgeruht und bei Kräften seid.“

Er sah sie fast schon erschrocken an.

„Aber ich …“

Nalia hob eine Hand, und Rion verstummte.

„Ich möchte keine Widerrede hören.“

Mit beiden Händen fuhr sich Rion übers Gesicht. Er hatte wirklich schon lange nicht mehr geschlafen.

„Ein Bad und eine Rasur wären auch angebracht.“

Sie lachte leise, da er sie nun schockiert ansah.

„Keine Sorge, noch laufe ich vor Eurem Geruch nicht weg. Ich möchte einfach nicht, dass Ihr den Kopf in den Sand steckt und die Hoffnung aufgebt. Denn egal, was kommt – wir werden Melea helfen. Sie wird erwachen. Und wenn es so weit ist, müsst Ihr für sie da sein, Rion, und zwar im Vollbesitz Eurer Kräfte. Also, werdet Ihr auf mich hören? Essen, Schlafen und ein Bad?“

„Ja, Eure Hoheit. Wann werdet Ihr es erneut versuchen? Was ist mit diesem Wesen?“

Die Königin überlegte kurz.

„Nach dem Abendmahl. Und was das Wesen angeht, so hoffe ich, dass mir Euer Freund helfen kann.“

Rion lehnte sich im Sessel zurück.

„Ihr meint Mowanye. Ja, ich schätze, er kennt sich wohl als Einziger damit aus. Es ist ja schließlich auch seine Schuld, dass sie dieses Wesen in sich trägt.“

„Da muss ich Euch widersprechen, Rion. Ich kenne mich zwar nicht so gut mit Elementarwesen aus, aber eines weiß ich. Man muss sich ihnen öffnen, sie können sich keinem Wesen aufzwingen. Und zudem muss man die Fähigkeit besitzen, ihren elementaren Kräften zu trotzen.“

Er sagte nichts dazu. Nalia bemerkte dennoch, wie sehr es in ihm arbeitete.

„Rion, darf ich Euch etwas Persönliches fragen? Etwas, das mir auf der Seele brennt?“

„Natürlich!“

„Aus welchem Grund habt Ihr Melea geschlagen?“

„Ich … woher wisst Ihr das?“

Seine Augen wurden feucht, weil er Lea direkt vor sich sah. Wie sie zusammengekrümmt auf dem Boden lag und ihn traurig ansah.

Rions schmerzverzerrtes Gesicht sagte Nalia mehr, als er mit Worten hätte ausdrücken können.

„Auf der Suche nach Melea durchschritt ich ein paar ihrer Erinnerungen. Und diese war eine äußerst schmerzhafte Erinnerung. Nicht nur körperlich, sondern auch seelisch.“

„Als Geralt und Lea von den Wassermassen mitgerissen wurden, kam ich vor Sorge fast um. Mo, Jon und ich rannten mit Fackeln am Ufer entlang und brüllten uns die Seelen aus dem Leib, auf der Suche nach den beiden. Aber wir fanden sie einfach nicht. Und als wir die überspülte Brücke erreichten und ich sah, mit welch brutaler Kraft das Wasser dagegen donnerte, dachte ich …“

Rion schaute betrübt auf seine zitternden Hände.

„Ich dachte, ich hätte mein kleines Mädchen verloren.“

„Dann war es Sorge, die Euch dazu verleitete?“

Rion wischte eine Träne ab, bevor er aufblickte.

„Als Geralt auf der anderen Seite des Baches auftauchte und uns zurief, dass alles in Ordnung sei, wurde ich unbeschreiblich wütend. Der Dickschädel meiner Tochter hatte mich schon oft an den Rand des Wahnsinns gebracht, aber in dieser Nacht wurde ich meiner Wut nicht Herr. Es war das erste Mal, dass mir die Hand ausrutschte. Und es tut mir wahnsinnig leid. Ich wünschte, ich könnte es rückgängig machen.“

Auch Nalia standen Tränen in den Augen. Sie legte ihre Hand auf seinen Unterarm.

„Rion, bitte tut mir den Gefallen und sagt es ihr. Genau so, wie Ihr es mir erzählt habt. Sie wird es verstehen.“

Rion nickte.

„Wie viele Sommer hat Melea schon erlebt?“

Rion blickte auf Nalias Hand.

„Siebzehn Sommer.“

Nalia lächelte und zog ihre Hand wieder fort.

„Dann sollte ich sie wohl nicht mehr Mädchen nennen, das könnte ins Auge gehen. Hat sie ihre Starrköpfigkeit von Euch oder von ihrer Mutter geerbt? Wobei mir einfällt – wo ist ­eigentlich ihre Mutter?“

„Ich weiß nicht genau, wo sich ihre Mutter aufhält. Sie hat uns verlassen, als Lea noch sehr jung war. Tja, und von wem sie ihre Sturheit hat? Die ist wohl auf meinem Mist gewachsen.“

Rion lächelte ein wenig. Er fühlte sich besser, nachdem er über diese Geschichte gesprochen hatte.

„Ich verspreche Euch, dass ich mit ihr reden werde. Das heißt, falls ich die Gelegenheit dazu erhalte.“

Rion blickte betreten zu Boden. Er machte sich so wahnsinnige Sorgen um Lea.

„Das werdet Ihr, Rion. Aber nun geht in Euer Gemach und esst endlich etwas.“

Sie sah tadelnd auf das unangetastete Tablett auf dem Tisch.

„Ich werde Euch sofort etwas bringen lassen und den Diener beauftragen, mir Bescheid zu geben, wenn Ihr nichts zu Euch nehmt. Und wehe, Ihr erscheint heute Abend unausgeschlafen und in diesem desolaten Zustand zum Essen. Dann könnt Ihr was erleben.“

Rions Augen wurden immer größer. Er stand hastig auf und verließ das Audienzzimmer.

Wenig später kamen Geralt, Respa und Mowanye bei der Königin an. Nalia begrüßte sie freundlich und setzte sich mit ihnen ebenfalls an den Kamin. Dort berichtete sie von ihrem Erlebnis mit dem Feuerwesen, woraufhin erst mal Schweigen herrschte.

Nalia sah zuerst Mowanye und dann Respa erwartungsvoll an. Aber es war Geralt, der zuerst etwas fragte, wobei er etwas verwirrt wirkte.

„Was sagte das Wesen zu Euch? ‚Noch nicht‘?“

„Genau genommen sagte es: ‚Jetzt noch nicht‘“, sagte Respa.

Nalia nickte.

„Ja, so ist es. Was haltet Ihr davon?“

Mowanye rieb sich übers Kinn und beugte sich etwas vor.

„Der Feuerahne will Melea nichts Böses und hatte sicherlich einen Grund, Euch aus ihrem Geist zu verbannen. Es wäre denkbar, dass er auf ein bestimmtes Ereignis wartet, bevor er Lea zurücklassen kann.“

Respa nickte zustimmend.

„Ich sehe das ebenso. Es wird einen Grund geben, warum der Geist so gehandelt hat.“

Nalia schüttelte verständnislos den Kopf.

„Worauf wartet es? Und was kann ich dem Wesen entgegensetzen, wenn ich erneut versuche, Melea zu helfen?“

Mo sah sie erschrocken an.

„Ihr solltet Euch das noch einmal überlegen. Der Ahne wird Lea beschützen, bis das eingetreten ist, worauf er wartet.“

Die Königin stand auf und lief nervös ein paar Schritte hin und her. Dann rang sie mit den Händen und blickte in die kleine Runde.

„Ich fürchte, wir haben nicht mehr allzu viel Zeit. Je länger ich warte, desto schwieriger wird es, Melea aus diesem Zustand zu befreien. Deshalb werde ich heute Abend noch einmal versuchen, zu ihr durchzudringen. Melea kennt mich jetzt und sie weiß, dass ich ihr helfen will.

Obwohl, da fällt mir ein – sie wusste von Anfang an, wer ich bin, obwohl sie mich nie zuvor gesehen hat. Hat jemand eine Erklärung dafür?“

Als Antwort bekam sie nur allgemeines Schweigen und Schulterzucken. Sie seufzte innerlich.

„Vielleicht sollten wir das alles etwas sacken lassen. Ich gebe am heutigen Abend, bei Sonnenuntergang, für alle Kalmarer ein großes Essen.

Es wäre nett, wenn Ihr das den anderen ausrichten würdet. Und danach werden wir uns noch einmal unterhalten. Vielleicht fällt Euch oder mir noch etwas ein.“

Damit verabschiedete Nalia die drei und lehnte sich einen Moment in ihrem Sessel zurück. Sie genoss die kurze Entspannung, die allerdings nicht lange währte. Die Tür öffnete sich, und ein Wachmann meldete Valamar an.

Der Magier hielt sich allerdings nicht lange mit Warten auf und stürmte in den Raum.

„Hoheit, Ihr müsst sofort mitkommen“, rief er völlig außer Atem.

Nalia sprang alarmiert auf.

„Was ist passiert, Valamar?“

„Es ist sozusagen eine Nachricht eingetroffen.“

Nalia verdrehte die Augen.

„Ja, und? Dann gebt sie mir!“

Valamar wurde noch nervöser.

„Hoheit, bitte kommt mit. Ich fürchte einen Aufstand, wenn ich ihn durch den Palast führe.“

Nalia setzte sich in Bewegung. Auf dem Weg zu den Höhlen versuchte sie in Erfahrung zu bringen, was den Magier derart aus der Fassung gebracht haben könnte. Sie blieb jedoch erfolglos. Er meinte nur, sie würde ihm sowieso nicht glauben und dass sie sich selbst ein Bild machen müsse. Als sie endlich ankamen, verstand Nalia, was er meinte.

Mit dem Rücken zu ihr stand eine große Gestalt mit einem sehr breiten Kreuz. Er war in einen Kapuzenmantel gekleidet. Der Mantel aus schwarzem schwerem Leder war durchzogen mit blutroten Adern. Solch ein Leder hatte Nalia noch nie zuvor gesehen und sie fragte sich, von welchem Tier es wohl stammte. Doch sie widmete sich wieder der Gestalt und schüttelte sich, um ihre Gänsehaut loszuwerden.

„Als ich vorhin hierherkam, stand er bereits dort und streichelte den Garlitz.

Er sagte, er wäre die Nachricht an die Königin, und dass er von seinem Vater geschickt wurde“, flüsterte Valamar neben ihr.

Nalia bekam große Augen und blickte wieder zu der Gestalt, die sich nun langsam umdrehte.

„Wer seid Ihr, und wie kommt Ihr hierher?“, fragte sie.

Der Mann wandte sich vollends zu ihr um. Von seinem Gesicht waren nur die Mundpartie und sein kräftiges Kinn sichtbar, alles andere lag im Schatten der Kapuze.

„Mein Vater sandte mich zu Euch. Und da Ihr in Eurer Botschaft klargemacht habt, wie sehr die Zeit drängt, bin ich mit dem Garlitz hierhergekommen. Anfangs sträubte er sich etwas, einen Reiter zu tragen, doch letztlich hat es funktioniert, wie Ihr ja seht. Ach ja, mein Name lautet Morkson.“

Unwillkürlich trat Nalia einen Schritt zurück. Sie hatte schon einiges über Torgulas’ dunklen Sohn gehört, und dies waren wahrlich keine angenehmen Geschichten. So sollte er zum Beispiel einer Gruppe Söldner, die in Torgulas’ Reich eingedrungen waren, die schlimmsten Dinge angetan haben. Von zwei Dutzend Männern ließ er einen unversehrt. Ihm gab er den Auftrag, in den geeinten Reichen zu berichten, was sich zugetragen hatte. Dies sollte als Warnung an alle anderen Abenteuerlustigen dienen, die sich in Torgulas’ Reich wagten. Nachdem der Söldner seinen Auftrag erfüllt und an den Königshöfen von den schockierenden Methoden berichtet hatte, die seinen Kameraden den Tod brachten, nahm er sich das Leben.

Nalia war damals nicht dabei gewesen, als der Söldner seinen Bericht zum Besten gab. Aber der Gemütszustand ihres Gemahls verriet ihr, dass es mehr als schockierend gewesen sein musste.

Morkson schien ihre Gedanken zu erraten.

„Keine Sorge, Königin. Ich habe nicht vor, jemandem etwas zuleide zu tun. Es sei denn, man lässt mir keine andere Wahl.“

Morkson sprach mit einer tiefen, aber nicht unangenehmen Stimme, wie Nalia beiläufig auffiel. Sie straffte sich etwas, bevor sie einen Schritt auf ihn zuging.

„Seid gegrüßt, Prinz Morkson. Ich gebe am Abend ein Essen für die Überlebenden der Insel Kalmar und lade Euch hiermit ein, daran teilzunehmen. Bei dieser Gelegenheit werden sich bereits einige Fragen klären, die Ihr ohne Zweifel haben werdet. Und bis dahin habt Ihr Gelegenheit, Euch von der langen Reise zu erholen.“

Morkson nickte und wandte sich zu den Regalen um.

„Dürfte ich mir eines oder zwei von diesen Büchern ausleihen?“

Nalia wies mit einer Hand auf Valamar.

„Da müsst Ihr Euch mit meinem obersten Magier auseinandersetzen, dies ist sein Reich.“

Nalia blickte Valamar an, der Prinz Morkson mit halboffenem Mund angaffte. Auch Morkson wandte sich ihm zu, woraufhin er den Mund zu einem feinen Lächeln verzog. Dann ging er zu einem Bücherregal.

„Nun, oberster Magier, wäre es in Ordnung für Euch? Ihr werdet sie natürlich unversehrt zurückerhalten.“

Valamar schüttelte leicht den Kopf.

„Verzeiht, was sagtet Ihr? Ich war wohl nicht ganz bei der Sache.“

Nalia atmete tief durch.

„Prinz Morkson möchte sich ein paar Eurer Bücher ausleihen. Das sollte wohl kein Problem darstellen, oder?“

Sichtlich nervös ging der Magier zum Prinzen.

„Nein, natürlich nicht. Wählt aus, was Euch gefällt und zeigt mir die Bücher. Ich werde sie Euch dann geben. Zum Schutz vor Dieben und Feuchtigkeit habe ich die Regale mit einigen Zaubern belegt.“

Morkson trug wieder das leichte Lächeln auf den Lippen, als er sich selbst ein Buch aus dem Regal nahm. Dieses schlug er auf, und nach einem Moment nickte er zufrieden, während Valamar ihn entgeistert anstarrte.

„Wie habt Ihr das gemacht?“, keuchte er.

Morkson zuckte mit den Schultern und nahm ein weiteres Buch, wobei Valamar ihn genau beobachtete.

„Kein Spruch, keine Handbewegung, keine magische Entladung. Verflucht, wie stellt der Kerl das an?“, dachte er.

Valamar streckte eine Hand nach dem Regal aus und spürte sofort die Energie seines Zaubers, der seine Bücher schützen sollte. Er hielt jedoch nicht inne, weil er wissen wollte, was mit seinem Zauber nicht stimmte.

Morkson packte ihn hart am Unterarm, bevor er das Regal berühren konnte, und schüttelte den Kopf.

„Das würde ich nicht tun, Euer Zauber funktioniert. Es würde Euch die Hand kosten, wenn Ihr ihn vorher nicht aufhebt.“

Valamar versuchte, unter Morksons Kapuze zu schauen.

„Wie macht Ihr das? Wieso könnt Ihr den Zauber umgehen?“

Der Prinz lächelte nur und senkte den Kopf, um den Blicken des Magiers auszuweichen. Er wollte nicht riskieren, dass dieser vollends die Fassung verlor.

Nalia trat derweil von einem Fuß auf den anderen.

„Wenn die Herren dann so weit wären, würde ich mich gerne wieder meinen Terminen widmen.“

Sie wandte sich ab und verschwand in den Gängen, gefolgt von ihren Wachen und Morkson. Zurück blieb ein ziemlich verwirrter Magier.

„Wie hat er das angestellt? Das gibt’s doch nicht!“

Valamar grübelte noch eine Zeitlang, allerdings ergebnislos. Also machte er sich daran, die Zauber zu lösen und in seinen Büchern nach stärkeren Bannzaubern zu suchen.

Die Königin führte ihren Gast zu den besonderen Gemächern und ließ ihn ein Zimmer auswählen.

„Wenn Ihr etwas braucht, wendet Euch vorerst an einen der Diener. Ich werde Euch natürlich noch einen persönlichen Kämmerer und zwei Wachen zuteilen.“

„Wachen sind nicht nötig. Ich habe nicht vor, Euch etwas anzutun.“

Nalias Gesicht verfinsterte sich.

„Sie sind auch eher zu Eurem Schutz. Denn ich weiß nicht, wie manch einer auf Eure Anwesenheit reagieren wird. Ich werde Euch zum Abendmahl abholen lassen. Nun muss ich mich verabschieden, ich habe noch einige Termine.“

Morkson lächelte und verschwand mit einem Reisesack in seinem Zimmer.

„Hatte er den eben auch schon?“, murmelte Nalia verblüfft.

Sie trat zur Tür und fuhr mit den Fingerspitzen über die verschlungenen Symbole, die sich zu bewegen schienen. Es war die einzige Tür auf dem Flur, die nicht mit bunten Farben bemalt war. Sie hatte sich schon immer gefragt, wieso der Künstler diese Tür ausgelassen hatte. Die seltsamen Symbole darauf sah sie jetzt zum ersten Mal. Sie verursachten bei ihr ein heftiges Schwindelgefühl. Die verschlungenen Linien bildeten ein wirres Muster, das sich stetig veränderte.

Nalia schüttelte den Kopf und bewegte sich rückwärtsgehend von der Tür weg.

„Alles in Ordnung, meine Königin?“, fragte ein Leibwächter.

„Zwei Wachen sollen sich an dieser Tür postieren. Falls er sein Zimmer verlässt, sollen sie ihn begleiten und schützen.“

Nach einem kurzen Blick zur Tür eilte Nalia davon.

2

Melea krachte mit dem Rücken voran gegen den Hauptmast und schlug hart auf den Planken auf, wo sie benommen liegen blieb.

Medon machte sich seit geraumer Zeit einen Spaß daraus herauszufinden, was ein menschlicher Körper aushalten konnte. Dabei ging er immer brutaler vor, denn er hatte natürlich mitbekommen, wie ihre Wunden auf wundersame Weise verheilten.

Lea wusste nicht, wie lange er nun auf sie einprügelte, sie trat und durch die Gegend schleuderte. Sie war bereits mehrere Male bewusstlos geworden. Inzwischen hatte sie es aufgegeben, vor ihm davonzulaufen. Dazu fehlte ihr einfach die Kraft.

Erneut wurde sie emporgehoben. Trotzig sah sie in Medons eiskalte Augen.

„Dank der Heiler werden wir noch eine Menge Spaß miteinander haben.“

Er drückte ihr einen harten Kuss auf die Lippen, und Lea trat kraftvoll zu. Dabei landete sie wohl einen glücklichen Treffer, denn Medon keuchte schmerzerfüllt auf und schleuderte sie von sich. Ihre Landung war allerdings alles andere als glücklich. Sie krachte mit der rechten Seite auf die Reling und hörte das Brechen von mindestens einer Rippe, bevor sie auf den Planken aufschlug. Dabei entdeckte sie die offenstehende Luke, und auf diese robbte sie leise wimmernd zu. Bereits dreimal hatte sie den Versuch unternommen, dort runter zu kommen. Medons Körperbau würde es ihm nicht erlauben, ihr unter Deck zu folgen. Gerade, als sie den Abstieg erreichte, packte er sie am Nacken und warf sie die Stufen hinunter. Zweimal überschlug sie sich auf dem Weg nach unten und blieb benommen liegen.

„Geschafft“, wisperte sie.

Stöhnend drehte sie sich auf den Rücken und richtete sich etwas auf, um die Treppe hinaufzusehen. Aber sie hörte nur, wie Medon brüllend etwas zertrümmerte.

„Verschwinde, du Scheusal. Hier kommst du nicht rein“, rief Lea wütend.

„Wir sind noch lange nicht fertig, kleine Schönheit“, drang seine grollende Stimme zu ihr.

Lea traute ihren Augen nicht, als sich die Wände des Treppenaufgangs verschoben. Zudem rieselten Späne und Holzstaub auf sie herab, da sich die Decke hob.

„Nein“, keuchte sie erstickt, in dem Moment, als Medon die Stufen hinabgepoltert kam.

Sofort packte er Lea an den Haaren und zerrte sie in die Kajüte. Dort warf er sie aufs Bett und riss ihr das Nachthemd vom Leib.

Während der ganzen Tortur hatte sie nicht einen Schmerzensschrei von sich gegeben, doch jetzt schrie sie. Voller Entsetzen beobachtete Lea, wie er die Schnallen seines Brustpanzers öffnete und sprang vom Bett. Allerdings kniete er vor der Tür, sodass sie sich unter dem zertrümmerten Tisch verkroch.

Als Nalia im Audienzzimmer ankam, war Halldor bereits anwesend. Er stand an einem Fenster und starrte aufs Meer hinaus.

„Gut, dass Ihr hier seid. Es gibt einiges zu besprechen.“

Nalia setzte sich in ihren Sessel und winkte ihren Leibdiener herbei.

„Melf, bring uns bitte ein paar Erfrischungen. Und man soll Hauptmann Celvin ausrichten, dass ich ihn sprechen möchte.“

Er verneigte sich und verschwand lautlos, um seine Aufträge auszuführen.

„Halldor, setzt Euch bitte zu mir.“

Er nahm neben Nalia Platz, zog seine Lederhandschuhe aus und legte diese auf den Tisch.

„Gibt es Neuigkeiten von unseren Schiffen?“, fragte sie.

Halldor sah sie sehr ernst an.

„Ja, es kam vorhin eine Möwe mit Nachricht von Kapitänin Fanya. Sie bittet um weitere Flotten zur Unterstützung, weil immer mehr fremde Schiffe auftauchen.“

Nalia trommelte nervös mit den Fingern.

„Was schlagt Ihr vor, Halldor? Ich bin in solchen Dingen ziemlich unerfahren.“

Der General schielte auf ihre Finger, die unablässig auf die Armlehne trommelten. Kurzerhand legte er seine Hand auf ihre.

„Am wichtigsten ist es, Stärke zu zeigen. Euer Gemahl ist seit zwei Sommern verschollen, und das Wohl des Landes liegt nun in Eurer Hand. Aber Ihr seid nicht allein. Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um Euch zu helfen. In allen Belangen.“

Nalia überlegte kurz, ob sie ihm ihre Hand entziehen sollte, beließ sie aber an Ort und Stelle.

„Ich danke Euch, Halldor. Ich werde Eure Hilfe gerne annehmen und auch brauchen.“

„Wir müssen einen Plan erstellen, um die Sicherheit des Volkes zu gewährleisten. Das ist das Erste, was zu tun wäre. Das heißt, wir müssen Eure Kommandanten zusammenrufen“, sagte er.

Nalia bekam plötzlich einen ganz trockenen Mund, als er ihre Hand leicht drückte.

„In Ordnung. Kümmert Euch darum!“

„Ja, Hoheit.“

Halldor sah sie seltsam an, senkte aber dann betreten den Blick.

„Wollt Ihr mir etwas sagen, General?“

Es klopfte an der Tür, woraufhin Halldor hastig seine Hand zurückzog.

Die Königin wartete, bis Melf und die anderen Diener die Tabletts abgestellt hatten.

„Danke. Ihr könnt nun gehen.“

Melf verbeugte sich.

„Hauptmann Celvin wartet draußen.“

„Dann schickt ihn herein!“

Nalia bedachte Halldor mit einem Seitenblick, und wandte sich schnell Celvin zu.

„Erhebt Euch, Hauptmann, und gesellt Euch zu uns. Ich möchte, dass Ihr Euch mit General Halldor und einigen anderen Gedanken macht, wie wir unsere Truppen am sinnvollsten einsetzen können. Zuerst müssen wir jedoch einen neuen Kommandanten der Königsgarde ernennen. Hat jemand einen Vorschlag zu machen?“

Halldor beugte sich vor.

„Der Hauptmann der Stadtwache dient Euch seit zwanzig Sommern. Ich könnte mir niemanden vorstellen, der besser für dieses Amt geeignet wäre. Er ist ein guter Anführer, fantastischer Schwertkämpfer, und er kennt die Stadt wie kein anderer.“

Nalia überlegte einen Moment.

„Ist er nicht Euer Ziehvater?“

Er senkte den Blick.

„Ja, meine Königin. Aber das schmälert nicht seine Fähigkeiten.“

Celvin sprang Halldor bei.

„Hoheit, ich kann die Worte von General Halldor nur bestätigen. Wenn einer diesen Posten verdient hat, dann Hauptmann Bigelis.“

Die Königin sah von einem zum anderen.

„In Ordnung, ich vertraue auf Euer Urteil. Dann brauchen wir jetzt wohl einen neuen Hauptmann der Stadtwache.“

„Ich werde Kommandant Bigelis fragen, ob er jemanden für diesen Posten hat.“

„Ja, tut das. Am besten Ihr nehmt General Halldor mit. Ich möchte alle Kommandanten und Hauptmänner zu einer Besprechung hier versammelt haben, und zwar in einer Stunde.“

Celvin verbeugte sich und ging aus der Tür. Halldor blieb unschlüssig davor stehen und drehte sich noch einmal zu ihr um.

„Auf ein Wort, Eure Hoheit?“

Nalia war ebenfalls auf dem Weg zur Tür gewesen und blickte zu ihm auf. „Sicher.“

„Ich habe mich gefragt, ob Ihr mir die Ehre erweist, Euch zum Abendmahl begleiten zu dürfen?“

Die Königin lächelte breit, schüttelte aber den Kopf.

„Es wäre mir eine Freude, General. Aber für heute muss ich Euch leider absagen. Wir haben einen neuen Gast.“

Halldor schaute betreten zu Boden und wollte sich der Tür zuwenden, doch Nalia fügte schnell hinzu: „Aber morgen Abend wäre ich noch frei.“

Halldor verbeugte sich lächelnd und mit leuchtenden Augen.

Draußen wurde er von Celvin erwartet, der ihn fragte, ob etwas geschehen sei. Halldor schüttelte daraufhin grinsend den Kopf und lief einfach los. Celvin versuchte, mit ihm Schritt zu halten.

„Hat dir die Königin mitgeteilt, wer heute angereist ist?“

Halldor zuckte mit den Schultern.

„Nein. Wieso?“

„Meine Soldaten sind wenig begeistert davon, vor seiner Tür stehen zu müssen. Ich muss sie stündlich ablösen lassen.“

Halldor hob verwundert die Augenbrauen.

„Ja und, wer ist es nun?“

„Sagt dir der Name ‚Morkson‘ etwas?“

Halldor blieb unvermittelt stehen.

„Der ‚Morkson‘?“

„Ja, genau der.“

Ungläubig schüttelte Halldor den Kopf.

„Verfluchter Mist! Was will er hier?“

Der Hauptmann zuckte mit den Schultern.

„Das musst du unsere Königin fragen. Oder ihn. Er wird heute Abend an der Tafel sitzen.“

Halldor warf die Hände in die Luft.

„Bei allen gütigen Göttern. Was kommt als nächstes?“

„Ich fürchte, nichts Gutes, mein Freund. Wir müssen die anderen zusammentrommeln. Kümmerst du dich um den Flottenkommandant und deinen Vater?“

Halldor schritt wieder schneller aus.

„Ja, ich bin schon unterwegs. Bis später!“

Halldor machte sich zunächst auf den Weg zu seinem Vater, um ihn darauf vorzubereiten, dass er bald umziehen würde und neue Uniformen brauchte. Celvin schickte einige Boten los, um sämtliche Hauptmänner und Kommandanten zusammenzutrommeln.

Derweil war Valamar bei der Königin. Während sie vor ihm auf und ab ging, erhielt er einige Anweisungen.

„Sendet Nachrichten an alle Stadthalter, Lords und Lehnsherren. Sie sollen ihre Truppen zusammenziehen und sich bereithalten. Des Weiteren brauchen wir Späher mit Flügeln, oder welche mit Kiemen und Flossen. Schaut in Euren schlauen Büchern nach, welche Wesen sich dafür eignen und wie wir sie zu unseren Gunsten einsetzen können. Wir müssen mehr über die Fremden erfahren und wissen, womit wir es zu tun haben.“

Valamar spielte nervös mit seinen unzähligen Anhängern.

„Die Nachrichten zu versenden sollte kein Problem darstellen, meine Königin. Aber die Späher … nun ja. Ich komme nicht mehr an meine Bücher heran.“

Nalia stockte mitten im Schritt.

„Was soll das heißen? Wieso kommt Ihr nicht mehr an Eure Bücher heran?“

Valamar senkte den Blick.

„Ich habe einen starken Zauber angewandt, und jetzt sind die Regale von einer Pflanze überwuchert. Sie will mich verschlingen, sobald ich dem Regal zu nahe komme. Außerdem schießt sie Pfeile ab, die ein Schlafgift enthalten.“

Nalia war kurz davor, ihren Magier am Kragen zu packen und durchzuschütteln.

„Valamar, seid Ihr von allen guten Göttern verlassen? Seht zu, dass Ihr das in den Griff bekommt. Und zwar sofort!“

Der Magier eilte aus dem Raum. Die Königin brauchte einige Zeit, um sich zu beruhigen. Dieser Mann war einfach unfassbar.

Wenig später stand Nalia inmitten der Männer, die ihre Soldaten, Truppen und Schiffe befehligten. Sie hatte es zumindest geschafft, Halldors Vater zum Kommandanten der Königsgarde zu ernennen und ihn gebeten, einen Ersatz für ihn als Hauptmann der Stadtwache zu finden. Bis dahin würde Celvin diese Aufgabe mit übernehmen, da es noch einen weiteren Hauptmann der Königsgarde gab. Dies war bislang das einzige Mal gewesen, dass sie zu Wort gekommen war. Nachdem Halldor die Fakten über den vermeintlichen Feind aufgezählt hatte, wurde es laut im Audienzraum. Die Männer diskutierten und schrien sich gegenseitig an. Jeder wusste besser als der andere, was wie zu tun sei.

Nach einer Weile wurde ihr die Schreierei zu viel und sie bat mehrmals um Ruhe, worauf niemand reagierte. Auch dass sie auf ihren Stuhl stieg, interessierte keinen. Doch alle verstummten und sahen sie fast schon erschüttert an, als Nalia brüllte.

„Ruhe, verdammt noch mal!“

Sie sah jedem Einzelnen kurz in die Augen, bevor sie erbost sagte: „Na also! Wenn ich dann die ungeteilte Aufmerksamkeit der Herren habe, dann würde ich euch gerne etwas mitteilen.“

Sie wartete, bis sich alle Männer ihr zugewandt hatten.

„Wir haben keine Zeit für solche Streitereien. Ich will, dass ihr mit Ruhe an diese Sache herangeht und mir eure Vorschläge unterbreitet. Und jetzt raus hier, ich erwarte morgen Mittag einen ersten Bericht.“

Als sich die Türen hinter den Männern schlossen, holte Nalia tief Luft und sah zu ihrem Diener, der neben der rechten Tür stand.

„Melf, ich würde mich gerne etwas frisch machen und andere Kleidung anlegen.“

Er verbeugte sich.

„Es ist bereits alles bereitgestellt, meine Königin.“

Nalia rang sich ein Lächeln ab.

„Danke, Melf. Wenn ich dich nicht hätte.“

Der Diener verbeugte sich erneut und wies mit einer Hand auf ihr Gemach. Einige Zeit später kehrte Nalia erfrischt und in einem neuen Kleid in den Audienzraum zurück.

„Melf, sag der Dienerschaft, sie mögen die Gäste in den Empfangssaal bringen. Und sie sollen Prinz Morkson nicht vergessen.“

„Ja, Eure Hoheit.“

Nalia warf noch einen Blick in den Spiegel, bevor sie auf den Balkon hinaus trat. Die Sonne ging bereits unter und verwandelte den Himmel in ein rotes Inferno.

Kurz schaute sie in den Raum zurück, wo sich derzeit niemand aufhielt, und zog dann eine goldene Kette aus ihrem Ausschnitt. Daran baumelte ein Anhänger, bestehend aus einem violett schimmernden Stein in Form einer Träne.

„Ich brauche dich heute Abend, alte Freundin“, flüsterte sie.

Nalia schloss ihre Augen und murmelte eine kurze Beschwörungsformel. Die Luft um sie herum begann zu flimmern. Vor ihr wurde eine schemenhafte Gestalt sichtbar, die mit jedem Wort an Substanz gewann, bis zuletzt eine Frau vor ihr stand. Sie neigte ihr Haupt vor der Königin und blickte dann zu ihr auf, da sie einen Kopf kleiner war. Zudem besaß sie eine zierliche Statur, aber Nalia wusste, dass der Schein trog. Diese Frau würde es mit einem halben Dutzend ihrer Leibwachen aufnehmen und die Männer binnen weniger Herzschläge aufs Kreuz legen, ohne außer Atem zu geraten.

„Seid gegrüßt, Wächterin.“

„Was kann ich für Euch tun, meine Herrin?“

Nalia erzählte ihr von dem gefährlichen Gast, worauf die silbergrauen Augen der Wächterin einen tiefen Fliederton annahmen. Nalia schaute sie verwundert an, weil sie ihre weißblonden Haare zu einem strengen Zopf zusammenband. Dann legte sie ihre Hand auf den Schwertknauf.

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