Kitabı oku: «Scarlet Cheeks: Unschuldige Verlockung»
Alexis Kay
Scarlet Cheeks 1: Unschuldige Verlockung
© 2015/2021 Plaisir d’Amour Verlag, D-64678 Lindenfels
www.plaisirdamour.de
info@plaisirdamourbooks.com
© Covergestaltung: Sabrina Dahlenburg
(www.art-for-your-book.de)
© Coverfoto: Shutterstock.com
ISBN Taschenbuch: 978-3-86495-516-7
ISBN eBook: 978-3-86495-517-4
Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Dieses eBook darf weder auszugsweise noch vollständig per E-Mail, Fotokopie, Fax oder jegliches anderes Kommunikationsmittel ohne die ausdrückliche Genehmigung des Verlages oder der Autorin weitergegeben werden.
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Autorin
Widmung
Im Jahr 2020 ist die Mutter genau doppelt so alt wie
ihr Sohn …
Keine Angst, das wird keine typische Matheaufgabe. Ich habe nicht vor, meine Leser*innen schon auf den ersten Seiten zu vergraulen. Hier und jetzt muss niemand die grauen Gehirnzellen anstrengen, mit Zahlen und Variablen jonglieren, um eine Gleichung aufzustellen und die Aufgabe zu lösen …
Bild ich’s mir ein, oder habe ich gerade tatsächlich ein erleichtertes Aufatmen gehört?
Nichtsdestotrotz.
Meine Leser*innen können sich nun also beruhigt zurücklehnen, es sich so richtig gemütlich machen und in die Geschichte von Irina und Alain eintauchen.
Viel Vergnügen!
Lösung:
Kay,
ich möchte dir damit sagen, dass ich dich schon mein halbes Leben lang liebe!
Kapitel 1
„Uaaah!“, dringt es laut und herzhaft aus meinem weit aufgerissenen Mund, während ich räkelnd alle Glieder von mir strecke. Eine lange Nacht mit furchtbar wenig Schlaf liegt hinter mir.
Nein, ich bin nicht um die Häuser gezogen, reagiere auch nicht auf den bevorstehenden Vollmond und am allerwenigsten habe ich etwas nicht Jugendfreies getrieben. Letzteres ist … war unter diesem Dach undenkbar.
Zunächst konnte ich vor lauter Gedanken den Schlaf nicht finden, hinzu kamen Aufregung und Vorfreude, die mich immer wieder wachkitzelten … und dann war da noch dieses Stechen in meinem Herzen, das ich nach wie vor verspüre: Wehmut. Vielleicht wollte ich einfach nur den Abschied von meinen vertrauten vier Wänden etwas hinauszögern.
Den zartrosa getönten Wänden, die wohl ihren farbigen Anstrich erhalten haben, während ich noch ein kleines Mädchen war – ganz in meiner Prinzessinnen-Phase.
Erst kam die Zeit, in der ich mit meinen zierlichen Händchen Höhlenmalerei betrieben habe. Später habe ich die Wände mit Bildern von Pferden geschmückt, die jedoch schon bald Balletttänzerinnen in Posen wie Arabesque, Attitude, Croisé und Scherensprüngen weichen mussten. Als schwärmerischer Teenager wurden sie mit Postern von Boygroups tapeziert und die Einschlaglöcher der Nägel – anstatt sie sauber zuzuspachteln – damit spielerisch verdeckt. Inzwischen sind die Wände wieder kahl und tragen die Spuren der verflossenen Jahre wie Gekritzel, kleine Löcher und vergilbte Klebereste an sich, und wie sie wurde auch ich von der Vergangenheit geprägt.
Neunzehn Jahre ist es her, seit meine Eltern mit mir in diese schmucke Stadtwohnung gezogen sind. Die ersten dreizehn Jahre verbrachte ich wohl behütet in der Obhut beider Elternteile. Eine glückliche Familie wie im Bilderbuch: Vater, Mutter, Kind. So, wie es eigentlich sein sollte, es tief in mir verankert ist und ich es in Zukunft selbst erstrebe, falls ich den Richtigen dazu finde.
Nicht, dass ich explizit danach suche. Mit meinen beinahe zwanzig Jahren bleibt mir dafür noch genügend Zeit. Ich habe also keine Eile. Kein Ticken im Hinterkopf. Doch meine Unschuld schwebt wie ein Damoklesschwert über meinem Haupt, was ich nicht zuletzt Paps zu verdanken habe.
Oh, Jesus, Maria und Josef! Ich wurde nicht streng katholisch erzogen, um einen Zusammenhang mit meiner Konfession schon vorneweg auszuschließen. Dennoch möchte ich meine Jungfräulichkeit nicht an irgendeinen oder den erstbesten Deppen verschwenden.
Scheiße! Widersprüchlicher kann man es nicht in Worte fassen. Meiner These nach müsste der Mann, dem ich meine Unschuld schenke, der Mann meines Lebens werden, und das genau in dieser Reihenfolge. Also nicht nach dem Motto: Kein Sex vor der Ehe!
Aber wie meine Mutter immer zu sagen pflegte: Bis dahin fließt noch viel Wasser die Rhone hinunter!
Still vor mich hin lächelnd erinnere ich mich an die Zeit, als ich wie jedes kleine Mädchen, das ein gutes Verhältnis zu seinem Vater hegt, am liebsten diesen geheiratet hätte, und peinlich, peinlich ist mir diese Vorstellung jetzt, wenn ich daran zurückdenke. Doch Mamas früher Tod vor sechs Jahren riss unser beider Leben gewaltig aus den Fugen. Unsere Vater-Tochter-Beziehung litt unweigerlich darunter, bekam einen regelrechten Knacks.
Nicht zu vergleichen mit dem Eselsohr, das Paps einst anstelle eines Lesezeichens in die obere Ecke der Seite meines Lieblingsmärchenbuches Schneewittchen und die sieben Zwerge, aus dem er mir abends vor dem Zubettgehen immer vorgelesen hat, falzte. Sondern eher zu vergleichen mit dieser tiefen, eingerissenen Furche auf der letzten Seite, die entstand, als ich ihm als Teenager wutentbrannt und mit den Worten: „Steck dir dein ödes Märchen sonst wohin! Aus dem Alter bin ich raus!“, das Buch gegen die Brust geschleudert habe.
Nichtsdestotrotz war ich das einzige Überbleibsel ihrer Liebe und dementsprechend wurde ich auch behandelt. Aus seiner kleinen Prinzessin ist eine Prinzessin im goldenen Käfig geworden. Der Vater, der seine Tochter auf Händen trug, ihr jeden Wunsch von den Augen ablas und auch manchmal ein Auge zudrückte, sich von ihr um den kleinen Finger wickeln ließ, mutierte zu einem gestressten, übereifrigen und vom Beschützerinstinkt getriebenen Vollzeit-Daddy.
Daddy? Despot wäre wesentlich angemessener.
Aber jetzt tue ich ihm wohl unrecht. Zu seiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich damals mitten in meiner Pubertät steckte, also werde ich es bei der Bezeichnung Übervater belassen.
Mittlerweile haben sich die Wogen geglättet. Die letzte Seite von Schneewittchen wurde gebügelt und geklebt und wir haben uns einigermaßen zusammengerauft. Doch wie man meinem Buch die Strapazen heute noch ansieht, blieb auch bei mir der Ruf als unantastbare Hauptmannstochter haften.
Die Jungs in meinem Alter fürchteten meinen Vater. Ausreden wie zum Beispiel: „Mir ist ein Marschbefehl ins Haus geflattert“, „Ich steh kurz vor der Aushebung“ oder „Bald muss ich in die RS einrücken“, waren an der Tagesordnung und ziemlich frustrierend. So habe ich mit süßen sechzehn den Entschluss gefasst, dass ich mich nur auf einen Typen einlasse, der Zivilschutz leistet, die RS respektive Rekrutenschule schon hinter sich gebracht hat oder alt genug ist, Paps die Stirn zu bieten. Ersteres traf auf Riley zu. Und das desaströse Date mit ihm vor einem knappen Jahr hat auch dazu geführt, dass ich die Liste mit einem fetten 25+ ergänzt habe. Von da an habe ich den unreifen Jungs in meinem Alter die kalte Schulter gezeigt.
Ich setze mich auf. Mein Blick fällt auf einen Stapel gepackter Kisten, die von einem Umzugsunternehmen in mein neues Zuhause nachgeliefert werden sollen. Toilettenutensilien, Unterwäsche, Strümpfe, warme Kleidung, darunter meinen platzsparend vakuumverpackten Skianzug – sicher ist sicher, schließlich wohne ich von nun an in der Arktis –, Eisbärenabwehr… äh … Paps’ Pfefferspray und, und, und habe ich in meinem Rollkoffer verstaut, den ich neben der Zimmertür abgestellt habe, damit ich ihn nicht vergesse.
Wie graust es mir, in die Kälte ziehen zu müssen, habe ich den kräftezehrenden Winter doch gerade erst hinter mich gebracht. Es ist April. Die Tage werden wieder länger und vor allem wärmer. Im Rhonetal hat der Frühling bereits begonnen. Es grünt, die Blüten sprießen, während die mächtige Bergkette, die uns umgibt, noch in eine Schneedecke gehüllt ist. Einige davon tragen die weiße Pracht das ganze Jahr über. Und jetzt verschlägt es mich ausgerechnet nach Zermatt: 1.000 Meter Höhenunterschied und durchschnittlich gemessene acht Grad kälter, 365 Tage im Jahr Skifahren dank Gletscherpisten. Schon der bloße Gedanke daran lässt mich erschaudern, da brauche ich gar nicht erst aus dem Fenster zu sehen und die noch verschneiten Berggipfel zu betrachten.
Mein Vater lässt meiner Cousine Corinne und mir eine Drei-Zimmer-Mansardenwohnung herrichten. Sie befindet sich im Haus meiner Tante, seiner Schwester.
So ganz lässt er mich also nicht von der Leine.
Seit Mama mit mir schwanger war, pflegte Paps nur noch telefonischen Kontakt zu Marie. Zu seinen Eltern hat er den Kontakt wohl ganz abgebrochen. Soweit ich mich entsinnen kann, hat Paps keinen einzigen Fuß mehr in sein Heimatdorf gesetzt.
Schon als Kind habe ich eher widerwillig meine Winter- beziehungsweise Sportferien bei Tante Marie und ihrer Familie verbracht. Selbst die Skipisten, die Eisbahn, die Rodelbahn, der Kletterpark, das Kino und die vielen Geschäfte vermochten meine Laune nicht zu bessern. Einziger Lichtblick: meine Cousine Corinne, meine beste Freundin.
Obwohl das abgelegene, urige Dörfchen für Touristen einiges zu bieten hat, während der Hochsaison steigt die Einwohnerzahl von 6.000 auf bis zu 35.000 Seelen an, zeigt es auch seine Schattenseiten. In den Wintermonaten ist es manchmal von der Außenwelt abgeschnitten, ausgestorben, falls die Lawine im Spalt des imposanten Bergtrichters ihre Bahn nimmt, die Gleise und die Zufahrtsstraße, die ausschließlich mit Bewilligung befahren werden darf, unter sich begräbt.
Da läuft es mir eiskalt den Rücken runter. Kein Wunder, dass es meine Mutter in die Stadt gezogen hat und mein Vater ihr aus Liebe gefolgt ist. Erst seit dem Tod seiner Frau zieht er es wieder in Erwägung, zu seinen Wurzeln zurückzukehren.
Vielleicht rührt meine Abneigung also auch daher, weil Mama es mir als Kind so eingetrichtert und ihren Unmut auf mich übertragen hat …
Ich sollte die Vorurteile abstreifen und mein Herz für meine neue Heimat – meinen Ursprung öffnen …
Umstrukturierungen beim Bund zwingen Paps dazu, aufs Militärareal zu ziehen und nicht mehr zu pendeln. Mich mitzunehmen stellte keine Option für ihn dar, warum auch immer, und da ich ihm hoch und heilig versprochen habe, mich in die Obhut von Tante Marie zu begeben, gab es auch keinen Grund mehr, die bevorstehende Beförderung zum Major auszuschlagen.
Lauter Männer in Uniform! Lechz!
Schmunzelnd verschränke ich die Arme hinter dem Kopf und lasse mich schwärmend zurück aufs Bett fallen. Paps’ Beweggründe robben gerade vor meinem inneren Auge durch den Schlamm oder sie formieren sich, stehen stramm in tarnfarbenen Anzügen, das Sturmgewehr vorgehängt, in Reih und Glied und salutieren.
„Hauptmann, ich habe dich durchschaut!“, rufe ich laut aus und fuchtle mit dem Zeigefinger.
„Irina. Bist du wach?“, ertönt es gedämpft.
Wenn man vom Teufel spricht!
Paps klopft an und streckt den Kopf durch den Türspalt. „Das Taxi, das dich zum Matterhorn-Terminal bringen wird, fährt in einer Stunde vor. Spute dich, damit du den Shuttlezug nicht verpasst.“ Er runzelt die Stirn, als er meinen erhobenen Zeigefinger sieht.
Ups! Ich grinse ertappt, klappe meinen Finger wie die Klinge eines Schweizer Offiziersmessers zu und stelle den Militaristen in Paps mit einem „Ich komm gleich runter, Hauptmann!“ zufrieden.
Das Einrasten der Tür ist wie ein Startschuss. Ich hüpfe aus dem Bett, ergreife den bereitgelegten Kleiderstapel, bestehend aus einer bequemen Skinny-Jeans und einem gerippten Feinstrickpulli – beides in der Farbe Schwarz, mit welcher man laut Corinne, diplomierte Farb- und Modestilberaterin, nichts falsch machen kann –, und verziehe mich damit ins angrenzende Badezimmer. Gründlich putze ich mir die Zähne, wasche mein Gesicht und bändige meine langen Haare. Mit gewohnten Handgriffen setze ich die dunkelblauen Kontaktlinsen ein und schminke mich.
Meine Augen werden sich wohl nie an die Linsen gewöhnen. Ohne würde ich prächtig sehen, doch eisblaue Augen wirken so kühl und unnahbar. Eine wunderschöne und seltene Augenfarbe, die ich von meinem Vater und dessen Familie geerbt habe, aber sie scheint die Leute ungemein zu verunsichern oder macht ihnen gar Angst. In Paps’ Beruf eine nützliche Eigenschaft, jedoch sind meine Erfahrungen damit eher negativ.
Ich habe meinen ersten und bisher letzten Freund – Date … Speed-Date trifft es noch besser – damit verschreckt, als ich während der Pause einer Kinovorstellung meine Kontaktlinsen entfernt habe, da meine Augen unter der 3D-Brille auszutrocknen drohten. Nach der Vorstellung stotterte Riley etwas von einem Anruf und murmelte eine plumpe Entschuldigung. Er ließ mich wortwörtlich im Regen stehen und brauste mit seinem Auto davon. Eine Art Flucht. Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich angenommen, der Hauptmann würde dahinterstecken.
Meine Mutter hatte pechschwarzes Haar, wie ich es habe. In der Familie meines Vaters sind alle blond. Paps nannte mich darum oft liebevoll sein Schneewittchen, doch dieses liebliche Kosewort ist ihm nach dem Vorfall mit dem Märchenbuch wohl entfallen.
Die Haut so weiß wie Schnee,
die Lippen so rot wie Blut,
das Haar so schwarz wie Ebenholz
und die Augen so blau wie Gletschereis.
Als ich noch ein kleines Mädchen war, hat er mir erklärt, der Gletscher in unserer Heimat würde bei Mondschein im gleichen Blau leuchten wie meine Augen …
Selbst der Kettenanhänger meiner Mutter, den ich als Andenken an sie trage, ist eisblau und strahlt mit meinen Augen um die Wette. Von den passenden Ohrringen ist seit jeher nur noch einer übrig, welchen ich bei einem Juwelier zu einem Dermal Anchor Piercing habe schmieden lassen. Seit meinem achtzehnten Geburtstag glitzert das Steinchen nun zwischen meinen Brüsten, ganz nah an meinem Herzen …
Fertig angezogen und meinen Rollkoffer in der Hand trete ich meinem Vater gegenüber, um mich von ihm zu verabschieden. Kein Abschied für immer, aber der erste Schritt in die Selbstständigkeit.
„Irina, mach dir nicht allzu viele Sorgen. Du wirst dich bald einleben.“ Mein Vater drückt mich fest an seine Brust und küsst mich, mit einem Hauch von Wehmut in seinem Blick, auf die Stirn. „Vergiss nicht, Marie von mir zu grüßen.“
Ich bin aufgewühlt. In meinem Innern tobt ein Sturm. Ein Sturm der Gefühle. Freudige Erwartung, Bedauern, Heimweh … Klar werde ich meinen Paps vermissen, aber in gewisser Weise freue ich mich auch auf die mir frisch anvertraute Freiheit. Mit meinen bald zwanzig Jahren ist es an der Zeit, flügge zu werden.
Mich nach etlichen langen Telefonaten mit Corinne endlich wieder richtig auszutauschen, von Angesicht zu Angesicht, wird mir mein Heimweh bestimmt vertreiben. Außerdem kann ich mir ihre Erfahrung mit Männern zunutze machen. Nachhilfe in Sachen Liebe sozusagen.
Jetzt werde ich mich erst einmal erholen. Ein, zwei oder drei Wochen vielleicht. Nach meiner dreijährigen Lehre als Kauffrau, dem Prüfungsstress, dem Abschluss und dem Praktikum eine wohlverdiente Belohnung. Erst dann werde ich mich um einen neuen Job kümmern. Vielleicht hat Corinne eine Ahnung, wo ich mich bewerben könnte, oder es ergibt sich ganz von selbst etwas.
Herrje, in einem Dorf mit so vielen Bars, Hotels und Einkaufsmöglichkeiten wird das wohl nicht so schwer sein!, denke ich mir. Ich muss ja nicht zurück in ein stickiges Büro.
„Tochter.“ Die Stimme meines Vaters holt mich ins Hier und Jetzt zurück. „Kopf hoch. In deinem neuen Zuhause erwartet dich eine kleine Überraschung. Damit du dich auch dort sportlichen Aktivitäten widmest und um dich vom Heimweh ein wenig abzulenken, habe ich Corinne beauftragt, etwas für dich vorzubereiten. Für den nötigen Unterricht ist ebenfalls gesorgt.“
Skifahren. Darauf würde ich fast wetten. Doch wenn das ein Aufmunterungsversuch hätte werden sollen, so ging er gewaltig nach hinten los. Vor lauter Unmut darüber seufze ich auf und werfe Paps einen Muss-das-denn-sein-Blick zu.
Dieser lässt sich davon aber nicht beirren. Grinsend zaubert er einen Skipass – die Bestätigung, dass ich mit meiner Vermutung goldrichtig liege – mit, oh Wunder, ganz passablem Foto und eine zweite Karte aus der Brusttasche seines weißen Hemds und fächert sie wie Spielkarten auf. Sein Ass im Ärmel ist definitiv Karte Nummer zwei: eine Kreditkarte.
„Motivation genug?“, fragt er mich mit erhobener Augenbraue und scheint auf eine Antwort oder eine Reaktion zu warten.
Skeptisch sehe ich ihn an. So viel also zum Thema: auf eigenen Beinen stehen.
„Irina. Nimm sie! Es soll dir an nichts fehlen.“ Mein Vater bedenkt mich mit einem aufmunternden Lächeln.
Bis ich mich eingelebt und einen Job gefunden habe, kann ein kleiner Zuschuss von Paps’ Seite bestimmt nicht schaden …
„Okay“, räuspere ich mich und nicke.
Zufrieden steckt er beide Karten in die Tasche meiner Jeans, nimmt mir den Koffer ab und begleitet mich zum Taxi. Nachdem er mein Gepäck dem Fahrer ausgehändigt hat, öffnet er zuvorkommend die Wagentür. Wehmütig lässt er sie hinter mir wieder ins Schloss fallen und ich kurble rasch die Scheibe herunter.
Hmmm. Sport sollte ich tatsächlich ins Auge fassen, wenn sich dadurch schon Muskelkater ankündigt …
„Irina. Wenn du irgendetwas brauchst, du Probleme hast, reden möchtest, was auch immer, genier dich nicht, mich anzurufen. Du musst nicht von heute auf morgen alles allein meistern.“
„Paps. Ich werd schon klarkommen. Dir fällt der Abschied ja schwerer als mir“, bedauere ich ihn. „Mach dir bitte keine Sorgen um mich. Corinne hat bestimmt einen sexy Skilehrer engagiert, um mich auf andere Gedanken zu bringen.“ Kokett zwinkere ich ihm zu.
Seine Miene wird plötzlich ernst wie die Stimme, die mir entgegenschlägt: „Tochter, denke daran: Kein dahergelaufener Kerl, der mir das Liebste auf der Welt nehmen will, erhält einen Freifahrtschein! Er wird einer gründlichen Überprüfung unterzogen.“
Fängt er schon wieder an? Genervt verdrehe ich die Augen. „Damit drohst du schon seit meinem sechzehnten Geburtstag.“
„Du weißt, dass ich dazu in der Lage bin …“
Ach ja, woher?
Unweigerlich driften meine Gedanken in die Vergangenheit ab und ich erinnere mich daran, wie der Hauptmann es sich nach dem Vortrag über „Die Armee, mein Arbeitgeber“ nicht nehmen ließ, vor meinen Klassenkameraden noch eine Anmerkung in eigener Sache fallen zu lassen und den Groll, den ich einen Monat lang auf ihn hegte, in Kauf zu nehmen. „So oder so sehen wir uns in ein paar Jährchen bei der Rekrutierung wieder, und ich werde mir jeden Einzelnen von euch hormongesteuerten Scheißern merken, der meiner Tochter zu nahe tritt!“ Okay. Für die Variante Berufsmilitarist hat sich wohl keiner von meinen Mitschülern freiwillig gemeldet …
„Und du wirst auch nicht davor zurückschrecken, ich weiß. Du wirst deine militärischen Beziehungen spielen lassen, dubiose Verhörmethoden anwenden und, und, und …“ Gelangweilt wiederhole ich die Worte, die mein Vater mir Mal für Mal eingetrichtert hat.
„Du bist immer noch der Meinung, dass ich scherze.“ Paps runzelt die Stirn.
„Ja. Bisher waren’s nur leere Drohungen!“, antworte ich und verschränke die Arme auf der heruntergelassenen Scheibe.
Nachdem er seinen Standpunkt vor meiner Klasse unmissverständlich vertreten hat, hat sich kein Junge mehr an mich herangetraut, außer Riley …
Riley? Ich werde blass um die Nasenspitze.
„Riley Schmidt“, sagt mein Vater kurz und knapp, doch diese zwei Worte lassen mir das Blut in den Adern gefrieren.
Erschrocken sehe ich ihn an. „Du warst der Grund für Rileys Flucht? Ich habe immer angenommen, er hätte mich wegen meiner Augenfarbe abserviert. Das erste Mal seit Jahren habe ich mich endlich getraut, mich ohne diese dämlichen Kontaktlinsen in der Öffentlichkeit blicken zu lassen, und du …“ Innerlich gebe ich einen zornigen Aufschrei von mir.
„Irina. Ich habe dir schon immer gut zugeredet, dass du diese Dinger nicht brauchst“, lässt Paps verlauten.
„Was soll’s.“ Gleichgültig zucke ich mit den Schultern. „Riley wäre bestimmt nicht der Richtige für mich gewesen, jetzt wo ich Gewissheit habe, dass er sich von dir hat beeinflussen lassen. Aber eines Tages, René, werde ich dir einen Mann vorstellen, der dir gewachsen ist.“ Die Entschlossenheit in meiner Stimme ist auch dem Hauptmann nicht entgangen, nicht zuletzt deswegen, weil ich ihn beim Vornamen genannt habe.
„Dieser Herausforderung trete ich gerne gegenüber“, erklärt er und unterdrückt kläglich ein Schmunzeln.
„Hauptmann!“ Ich salutiere zum Abschied.
Der Taxifahrer macht sich für die einstündige Fahrt bereit. Ein letztes Mal blicke ich zurück. Mein Vater winkt. Er wirkt geknickt. Ich werfe ihm eine Kusshand zu, bevor das Taxi um die Ecke biegt. Eine Träne rollt über meine Wange, während ich mich wieder gerade hinsetze und nach vorn schaue. Nicht nur durch die Frontscheibe, sondern auch in eine selbstständige Zukunft.
Schluss jetzt!, ermahne ich mich und wische die Träne weg. Seit dem Tod meiner Mutter bin ich sehr nahe am Wasser gebaut. Ich sehe Paps allerspätestens am 7. Dezember zu meinem 20. Geburtstag wieder, rufe ich mir in Erinnerung.
Als ich mich gesammelt habe, nehme ich mein iPad zur Hand, in der Hoffnung, mir mit einem Liebesroman die Zeit etwas vertreiben zu können. Doch nach nicht einmal zwei Sätzen unterbricht mich schon der erste ungeduldige Anruf meiner Cousine.
„Hallo Cousinchen. Bist du bereits unterwegs? Du, ich freue mich riesig auf dich.“
Corinne und ich, wir sind wie Schwestern. Ich bin froh, ihre Stimme zu hören, so fällt mir der Abschied wesentlich leichter. „Hi Corinne. Ja, ich bin gerade ins Taxi gestiegen.“ Ich werfe einen kurzen Blick auf die Uhr auf dem Display. „In anderthalb Stunden bin ich da. Ich freue mich auch.“
„Es wartet eine Überraschung auf dich“, haucht sie geheimnisvoll in ihr Handy.
„Lass mich raten, ein Paar Ski?“
Wieder verdrehe ich die Augen, was sie natürlich nicht sehen kann, also fährt sie munter fort: „René, diese Tratschta… äh … dieser Tratschonkel! Ich hab mir solche Mühe gegeben, seinen Auftrag auszuführen, durfte kein Sterbenswörtchen darüber verlieren, eine geheime Mission sozusagen, und nun stellt sich heraus, dass er derjenige ist, der die Klappe nicht halten konnte.“
„Aber Corinne. Ich kann doch gar nicht mehr Skifahren …“ … und Privatunterricht in meinem Alter ist mir zu peinlich, führe ich den Satz in Gedanken zu Ende. Im Geiste sehe ich mich schon – die Skier in der V-Formation – den Idiotenhügel hinunterpflügen.
„Dafür ist auch gesorgt. Ich konnte einen echt heißen Skilehrer engagieren. Samuels Jahrgänger und zugleich bester Freund …“
Dass er in Sams Alter ist, hallt in meinem Ohr nach, derart euphorisch hat sie es gesungen, noch dazu macht es mich stutzig.
„Ein Ass auf den Brettern. Eigentlich fährt Kev ja Skicross-Wettkämpfe. Momentan trainiert er nicht ganz so hart und arbeitet bei uns im Dorf in der Skischule mit.“
Es scheint mir so, als wolle mir Corinne diesen Typen schmackhaft machen. „Sag mal, willst du mich verk…“
Tuut, tuut.
Scheiße! Kein Netz.
Ich tippe eine Nachricht und hoffe, dass sie meine Cousine bald erreichen wird:
Sorry. Funkloch. Holst du mich bitte gegen 11 beim Umschlagplatz ab?
Der beste Freund meines Vetters also. Wie alt ist Sam noch gleich? Corinne ist drei Jahre älter als ich, dreiundzwanzig, und Sam, ihr Bruder, ist wiederum drei Jahre älter als sie. Sechsundzwanzig!
Ein potenzieller Kandidat?
Den wesentlichsten Punkt auf meiner Liste kann ich schon mal abhaken …
Und da dämmert es mir: die Liste. Corinne kennt meine Punkte darauf in- und auswendig. Schließlich ist sie die Initiantin der Do-to-Liste, wie sie sie damals kurzerhand getauft hat.
Nein, hier wurde nichts vertauscht. Corinne hat auch nicht gestottert. Sie heißt, ohne Scheiß, Do-to-Liste. Hergeleitet von: Don’t touch! Im Sinne von: Lass gefälligst die Finger von diesen Typen! Oder in Corinnes Fall: diesem Typ. Sie hat sich tatsächlich nur einen einzigen Namen notiert, der mir aber leider entfallen ist.
Schmunzelnd schaue ich durchs Fenster und genieße die letzten Meter der gewohnten Umgebung. Wehmut ergreift mein Herz. Doch die Tränen, die ich jetzt vergieße, schiebe ich auf die Kontaktlinsen. Sie jucken und brennen. Ich krame ein Spiegelchen aus meiner Handtasche und entferne vorsichtig die Fremdkörper aus meinen Augen. Es ist wohl wirklich an der Zeit, mir diesen Tick abzugewöhnen. Ich setze mir stattdessen die Sonnenbrille auf. So ganz entblößt möchte ich mich meiner Zukunft dann doch nicht stellen …
Der Shuttlezug, auf welchen ich umgestiegen bin, erreicht nach einer zwölfminütigen Fahrt den autofreien Kurort.
Endstation! Ab hier geht’s zu Fuß weiter … für mich jedenfalls.
Ich ziehe mir die Jacke über, ergreife den Rollkoffer und steige aus. Die Luft, die mich empfängt, ist wie erwartet etwas kühler, als ich es aus dem Tal gewohnt bin. Ich atme ein … zweimal, dreimal … sauge sie tief in meine Lungen und gerate ins Schwärmen: Sie ist rein … frisch … kristallklare Bergluft … mit einem Hauch von … Ich schnuppere. Kurze, abgehackte Atemzüge. Pferd? Angewidert ziehe ich die Nase kraus. Pferdemist!
Auf dem Umschlagplatz herrscht reges Treiben. Touristen strömen aus. Nostalgische Postkutschen bespannt mit kräftigen Pferden – daher weht also dieses strenge Aroma, zudem zeigen die dampfenden Pferdeäpfel auf, wie kalt es wirklich ist und dass es meine warm gefütterte Lederjacke gut verträgt –, Elektro-Taxis und E-Busse stehen für den Abtransport der Hotelgäste bereit. Einzige Umweltsünder: Die Helikopter, die am äußeren Dorfrand auf dem Heliport auf einer Anhöhe zur Schau gestellt werden. Eigentlich für Rettungsflüge vorgesehen, doch werden sie auch für Heli-Skiing, Rundflüge, Transporte und, wer’s sich leisten kann, Taxiflüge genutzt.
Ich halte Ausschau nach meiner Cousine. Eine überschwänglich winkende Blondine zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Nicht nur ich fühle mich angesprochen und winke zurück, obwohl sie definitiv mich meint, denn es handelt sich dabei um Corinne.
Sie ist eine attraktive, schlanke Frau mit großen, dunkelblauen Augen, hellblonden, langen Haaren, die mit ihrem Look mal wieder ihr Händchen für Mode beweist. In einer schwarzen, engen Stoffhose, darunter blitzen die Spitzen von ein Paar Lack-Pumps hervor, einem weißen Top und einem hauchdünnen, schwarzen Blazer steht sie dann plötzlich vor mir.
Beim Betrachten ihres Aufzugs stellt’s mir die Haare zu Berge. Mich friert’s regelrecht.
„Irina!“ Corinne fällt mir um den Hals und drückt mir drei Küsschen abwechselnd auf die Wangen … ein Countdown.
Drei, zwei, eins, zähle ich in Gedanken abwärts, und schon nimmt die Modepolizei mein Outfit in Augenschein.
Corinne mustert mich von oben bis unten und kommt zum Schluss: „Gibt’s was zu betrauern? Willst du auf eine Beerdigung? Oder steht dein schwarzer Aufzug symbolisch für den Abschied von deinem alten Leben?“
Wie jetzt?! „Ich dachte, mit Schwarz könne man nichts falsch machen?“
„Stimmt. Aber bei deinem hellen Hautton musst du farbige Akzente setzen, damit du nicht so blass wirkst …“ Neckisch kneift sie mich in die Wange.
„Du predigst mir hier gerade etwas von Farbe. Wo bekennst du denn Farbe? Weiß gehört bekanntlich nicht dazu, Frau Farb-“, ich zeichne Anführungszeichen in der Luft, „und Modestilberaterin!“
„Touché … nein warte …“
Mein siegreiches Lachen weicht einem Flunsch, als sie mir die roten Sohlen ihrer Pumps präsentiert.
„Mach dir nichts draus, Cousinchen. Dafür bin ich ja jetzt da. Ich stehe dir mit Rat und Tat zur Seite. Aber eins“, ihr Zeigefinger schnellt in die Höhe, „muss ich noch loswerden …“
Was kommt denn jetzt noch? Ich verdrehe die Augen.
Ihr Finger stupst den Zipper meiner Jacke an und bringt ihn zum Baumeln. „Die ist etwas übertrieben, findest du nicht?“, spöttelt sie und grinst wie ein Honigkuchenpferd.
„Ich bin die Kälte nicht gewohnt.“ Bibbernd stehe ich vor ihr.
„Kälte? Es ist beinahe zwanzig Grad warm, und du tust gerade so, als wäre es tiefster Winter.“ Sie umfasst den Griff meines Rollkoffers. „Komm, wir genehmigen uns einen Burger in Sams Bar. Dort ist es schön warm!“, zieht sie mich weiter auf.
Na, das kann ja heiter werden …
Hilfe! An das Kopfsteinpflaster in der Bahnhofstraße konnte ich mich gar nicht mehr erinnern. Wie auch, sind Straßen und Wege doch im Winter von festgetretenem Schnee bedeckt. Ich habe mich bei Corinne im Vorhinein lediglich erkundigt, ob die Straßen aper, also schneefrei sind.
Der Rollkoffer klappert über die unebenen Pflastersteine mit den tiefen, zum Teil ausgespülten Fugen und verursacht einen Heidenlärm.
Mann, ist das peinlich!
Corinne scheint’s nicht zu stören, sie lässt ihn munter weiterruckeln. Ich hingegen hätte den Griff längst verstaut und würde mein Gepäck tragen. Die Einheimischen grinsen und nicken Corinne freundlich zu, wissend, dass der Koffer der peinlich berührten Touristin neben ihr gehört.
Eigentlich bin ich ja auch einheimisch, glaubt man meinem Pass, aber ich fühle mich fremd und verloren, etwas fehl am Platz.