Kitabı oku: «Scarlet Cheeks: Unschuldige Verlockung»
Alexis Kay
Scarlet Cheeks 1: Unschuldige Verlockung
© 2015/2021 Plaisir d’Amour Verlag, D-64678 Lindenfels
www.plaisirdamour.de
info@plaisirdamourbooks.com
© Covergestaltung: Sabrina Dahlenburg
(www.art-for-your-book.de)
© Coverfoto: Shutterstock.com
ISBN Taschenbuch: 978-3-86495-516-7
ISBN eBook: 978-3-86495-517-4
Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Dieses eBook darf weder auszugsweise noch vollständig per E-Mail, Fotokopie, Fax oder jegliches anderes Kommunikationsmittel ohne die ausdrückliche Genehmigung des Verlages oder der Autorin weitergegeben werden.
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Autorin
Widmung
Im Jahr 2020 ist die Mutter genau doppelt so alt wie
ihr Sohn …
Keine Angst, das wird keine typische Matheaufgabe. Ich habe nicht vor, meine Leser*innen schon auf den ersten Seiten zu vergraulen. Hier und jetzt muss niemand die grauen Gehirnzellen anstrengen, mit Zahlen und Variablen jonglieren, um eine Gleichung aufzustellen und die Aufgabe zu lösen …
Bild ich’s mir ein, oder habe ich gerade tatsächlich ein erleichtertes Aufatmen gehört?
Nichtsdestotrotz.
Meine Leser*innen können sich nun also beruhigt zurücklehnen, es sich so richtig gemütlich machen und in die Geschichte von Irina und Alain eintauchen.
Viel Vergnügen!
Lösung:
Kay,
ich möchte dir damit sagen, dass ich dich schon mein halbes Leben lang liebe!
Kapitel 1
„Uaaah!“, dringt es laut und herzhaft aus meinem weit aufgerissenen Mund, während ich räkelnd alle Glieder von mir strecke. Eine lange Nacht mit furchtbar wenig Schlaf liegt hinter mir.
Nein, ich bin nicht um die Häuser gezogen, reagiere auch nicht auf den bevorstehenden Vollmond und am allerwenigsten habe ich etwas nicht Jugendfreies getrieben. Letzteres ist … war unter diesem Dach undenkbar.
Zunächst konnte ich vor lauter Gedanken den Schlaf nicht finden, hinzu kamen Aufregung und Vorfreude, die mich immer wieder wachkitzelten … und dann war da noch dieses Stechen in meinem Herzen, das ich nach wie vor verspüre: Wehmut. Vielleicht wollte ich einfach nur den Abschied von meinen vertrauten vier Wänden etwas hinauszögern.
Den zartrosa getönten Wänden, die wohl ihren farbigen Anstrich erhalten haben, während ich noch ein kleines Mädchen war – ganz in meiner Prinzessinnen-Phase.
Erst kam die Zeit, in der ich mit meinen zierlichen Händchen Höhlenmalerei betrieben habe. Später habe ich die Wände mit Bildern von Pferden geschmückt, die jedoch schon bald Balletttänzerinnen in Posen wie Arabesque, Attitude, Croisé und Scherensprüngen weichen mussten. Als schwärmerischer Teenager wurden sie mit Postern von Boygroups tapeziert und die Einschlaglöcher der Nägel – anstatt sie sauber zuzuspachteln – damit spielerisch verdeckt. Inzwischen sind die Wände wieder kahl und tragen die Spuren der verflossenen Jahre wie Gekritzel, kleine Löcher und vergilbte Klebereste an sich, und wie sie wurde auch ich von der Vergangenheit geprägt.
Neunzehn Jahre ist es her, seit meine Eltern mit mir in diese schmucke Stadtwohnung gezogen sind. Die ersten dreizehn Jahre verbrachte ich wohl behütet in der Obhut beider Elternteile. Eine glückliche Familie wie im Bilderbuch: Vater, Mutter, Kind. So, wie es eigentlich sein sollte, es tief in mir verankert ist und ich es in Zukunft selbst erstrebe, falls ich den Richtigen dazu finde.
Nicht, dass ich explizit danach suche. Mit meinen beinahe zwanzig Jahren bleibt mir dafür noch genügend Zeit. Ich habe also keine Eile. Kein Ticken im Hinterkopf. Doch meine Unschuld schwebt wie ein Damoklesschwert über meinem Haupt, was ich nicht zuletzt Paps zu verdanken habe.
Oh, Jesus, Maria und Josef! Ich wurde nicht streng katholisch erzogen, um einen Zusammenhang mit meiner Konfession schon vorneweg auszuschließen. Dennoch möchte ich meine Jungfräulichkeit nicht an irgendeinen oder den erstbesten Deppen verschwenden.
Scheiße! Widersprüchlicher kann man es nicht in Worte fassen. Meiner These nach müsste der Mann, dem ich meine Unschuld schenke, der Mann meines Lebens werden, und das genau in dieser Reihenfolge. Also nicht nach dem Motto: Kein Sex vor der Ehe!
Aber wie meine Mutter immer zu sagen pflegte: Bis dahin fließt noch viel Wasser die Rhone hinunter!
Still vor mich hin lächelnd erinnere ich mich an die Zeit, als ich wie jedes kleine Mädchen, das ein gutes Verhältnis zu seinem Vater hegt, am liebsten diesen geheiratet hätte, und peinlich, peinlich ist mir diese Vorstellung jetzt, wenn ich daran zurückdenke. Doch Mamas früher Tod vor sechs Jahren riss unser beider Leben gewaltig aus den Fugen. Unsere Vater-Tochter-Beziehung litt unweigerlich darunter, bekam einen regelrechten Knacks.
Nicht zu vergleichen mit dem Eselsohr, das Paps einst anstelle eines Lesezeichens in die obere Ecke der Seite meines Lieblingsmärchenbuches Schneewittchen und die sieben Zwerge, aus dem er mir abends vor dem Zubettgehen immer vorgelesen hat, falzte. Sondern eher zu vergleichen mit dieser tiefen, eingerissenen Furche auf der letzten Seite, die entstand, als ich ihm als Teenager wutentbrannt und mit den Worten: „Steck dir dein ödes Märchen sonst wohin! Aus dem Alter bin ich raus!“, das Buch gegen die Brust geschleudert habe.
Nichtsdestotrotz war ich das einzige Überbleibsel ihrer Liebe und dementsprechend wurde ich auch behandelt. Aus seiner kleinen Prinzessin ist eine Prinzessin im goldenen Käfig geworden. Der Vater, der seine Tochter auf Händen trug, ihr jeden Wunsch von den Augen ablas und auch manchmal ein Auge zudrückte, sich von ihr um den kleinen Finger wickeln ließ, mutierte zu einem gestressten, übereifrigen und vom Beschützerinstinkt getriebenen Vollzeit-Daddy.
Daddy? Despot wäre wesentlich angemessener.
Aber jetzt tue ich ihm wohl unrecht. Zu seiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich damals mitten in meiner Pubertät steckte, also werde ich es bei der Bezeichnung Übervater belassen.
Mittlerweile haben sich die Wogen geglättet. Die letzte Seite von Schneewittchen wurde gebügelt und geklebt und wir haben uns einigermaßen zusammengerauft. Doch wie man meinem Buch die Strapazen heute noch ansieht, blieb auch bei mir der Ruf als unantastbare Hauptmannstochter haften.
Die Jungs in meinem Alter fürchteten meinen Vater. Ausreden wie zum Beispiel: „Mir ist ein Marschbefehl ins Haus geflattert“, „Ich steh kurz vor der Aushebung“ oder „Bald muss ich in die RS einrücken“, waren an der Tagesordnung und ziemlich frustrierend. So habe ich mit süßen sechzehn den Entschluss gefasst, dass ich mich nur auf einen Typen einlasse, der Zivilschutz leistet, die RS respektive Rekrutenschule schon hinter sich gebracht hat oder alt genug ist, Paps die Stirn zu bieten. Ersteres traf auf Riley zu. Und das desaströse Date mit ihm vor einem knappen Jahr hat auch dazu geführt, dass ich die Liste mit einem fetten 25+ ergänzt habe. Von da an habe ich den unreifen Jungs in meinem Alter die kalte Schulter gezeigt.
Ich setze mich auf. Mein Blick fällt auf einen Stapel gepackter Kisten, die von einem Umzugsunternehmen in mein neues Zuhause nachgeliefert werden sollen. Toilettenutensilien, Unterwäsche, Strümpfe, warme Kleidung, darunter meinen platzsparend vakuumverpackten Skianzug – sicher ist sicher, schließlich wohne ich von nun an in der Arktis –, Eisbärenabwehr… äh … Paps’ Pfefferspray und, und, und habe ich in meinem Rollkoffer verstaut, den ich neben der Zimmertür abgestellt habe, damit ich ihn nicht vergesse.
Wie graust es mir, in die Kälte ziehen zu müssen, habe ich den kräftezehrenden Winter doch gerade erst hinter mich gebracht. Es ist April. Die Tage werden wieder länger und vor allem wärmer. Im Rhonetal hat der Frühling bereits begonnen. Es grünt, die Blüten sprießen, während die mächtige Bergkette, die uns umgibt, noch in eine Schneedecke gehüllt ist. Einige davon tragen die weiße Pracht das ganze Jahr über. Und jetzt verschlägt es mich ausgerechnet nach Zermatt: 1.000 Meter Höhenunterschied und durchschnittlich gemessene acht Grad kälter, 365 Tage im Jahr Skifahren dank Gletscherpisten. Schon der bloße Gedanke daran lässt mich erschaudern, da brauche ich gar nicht erst aus dem Fenster zu sehen und die noch verschneiten Berggipfel zu betrachten.
Mein Vater lässt meiner Cousine Corinne und mir eine Drei-Zimmer-Mansardenwohnung herrichten. Sie befindet sich im Haus meiner Tante, seiner Schwester.
So ganz lässt er mich also nicht von der Leine.
Seit Mama mit mir schwanger war, pflegte Paps nur noch telefonischen Kontakt zu Marie. Zu seinen Eltern hat er den Kontakt wohl ganz abgebrochen. Soweit ich mich entsinnen kann, hat Paps keinen einzigen Fuß mehr in sein Heimatdorf gesetzt.
Schon als Kind habe ich eher widerwillig meine Winter- beziehungsweise Sportferien bei Tante Marie und ihrer Familie verbracht. Selbst die Skipisten, die Eisbahn, die Rodelbahn, der Kletterpark, das Kino und die vielen Geschäfte vermochten meine Laune nicht zu bessern. Einziger Lichtblick: meine Cousine Corinne, meine beste Freundin.
Obwohl das abgelegene, urige Dörfchen für Touristen einiges zu bieten hat, während der Hochsaison steigt die Einwohnerzahl von 6.000 auf bis zu 35.000 Seelen an, zeigt es auch seine Schattenseiten. In den Wintermonaten ist es manchmal von der Außenwelt abgeschnitten, ausgestorben, falls die Lawine im Spalt des imposanten Bergtrichters ihre Bahn nimmt, die Gleise und die Zufahrtsstraße, die ausschließlich mit Bewilligung befahren werden darf, unter sich begräbt.
Da läuft es mir eiskalt den Rücken runter. Kein Wunder, dass es meine Mutter in die Stadt gezogen hat und mein Vater ihr aus Liebe gefolgt ist. Erst seit dem Tod seiner Frau zieht er es wieder in Erwägung, zu seinen Wurzeln zurückzukehren.
Vielleicht rührt meine Abneigung also auch daher, weil Mama es mir als Kind so eingetrichtert und ihren Unmut auf mich übertragen hat …
Ich sollte die Vorurteile abstreifen und mein Herz für meine neue Heimat – meinen Ursprung öffnen …
Umstrukturierungen beim Bund zwingen Paps dazu, aufs Militärareal zu ziehen und nicht mehr zu pendeln. Mich mitzunehmen stellte keine Option für ihn dar, warum auch immer, und da ich ihm hoch und heilig versprochen habe, mich in die Obhut von Tante Marie zu begeben, gab es auch keinen Grund mehr, die bevorstehende Beförderung zum Major auszuschlagen.
Lauter Männer in Uniform! Lechz!
Schmunzelnd verschränke ich die Arme hinter dem Kopf und lasse mich schwärmend zurück aufs Bett fallen. Paps’ Beweggründe robben gerade vor meinem inneren Auge durch den Schlamm oder sie formieren sich, stehen stramm in tarnfarbenen Anzügen, das Sturmgewehr vorgehängt, in Reih und Glied und salutieren.
„Hauptmann, ich habe dich durchschaut!“, rufe ich laut aus und fuchtle mit dem Zeigefinger.
„Irina. Bist du wach?“, ertönt es gedämpft.
Wenn man vom Teufel spricht!
Paps klopft an und streckt den Kopf durch den Türspalt. „Das Taxi, das dich zum Matterhorn-Terminal bringen wird, fährt in einer Stunde vor. Spute dich, damit du den Shuttlezug nicht verpasst.“ Er runzelt die Stirn, als er meinen erhobenen Zeigefinger sieht.
Ups! Ich grinse ertappt, klappe meinen Finger wie die Klinge eines Schweizer Offiziersmessers zu und stelle den Militaristen in Paps mit einem „Ich komm gleich runter, Hauptmann!“ zufrieden.
Das Einrasten der Tür ist wie ein Startschuss. Ich hüpfe aus dem Bett, ergreife den bereitgelegten Kleiderstapel, bestehend aus einer bequemen Skinny-Jeans und einem gerippten Feinstrickpulli – beides in der Farbe Schwarz, mit welcher man laut Corinne, diplomierte Farb- und Modestilberaterin, nichts falsch machen kann –, und verziehe mich damit ins angrenzende Badezimmer. Gründlich putze ich mir die Zähne, wasche mein Gesicht und bändige meine langen Haare. Mit gewohnten Handgriffen setze ich die dunkelblauen Kontaktlinsen ein und schminke mich.
Meine Augen werden sich wohl nie an die Linsen gewöhnen. Ohne würde ich prächtig sehen, doch eisblaue Augen wirken so kühl und unnahbar. Eine wunderschöne und seltene Augenfarbe, die ich von meinem Vater und dessen Familie geerbt habe, aber sie scheint die Leute ungemein zu verunsichern oder macht ihnen gar Angst. In Paps’ Beruf eine nützliche Eigenschaft, jedoch sind meine Erfahrungen damit eher negativ.
Ich habe meinen ersten und bisher letzten Freund – Date … Speed-Date trifft es noch besser – damit verschreckt, als ich während der Pause einer Kinovorstellung meine Kontaktlinsen entfernt habe, da meine Augen unter der 3D-Brille auszutrocknen drohten. Nach der Vorstellung stotterte Riley etwas von einem Anruf und murmelte eine plumpe Entschuldigung. Er ließ mich wortwörtlich im Regen stehen und brauste mit seinem Auto davon. Eine Art Flucht. Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich angenommen, der Hauptmann würde dahinterstecken.
Meine Mutter hatte pechschwarzes Haar, wie ich es habe. In der Familie meines Vaters sind alle blond. Paps nannte mich darum oft liebevoll sein Schneewittchen, doch dieses liebliche Kosewort ist ihm nach dem Vorfall mit dem Märchenbuch wohl entfallen.
Die Haut so weiß wie Schnee,
die Lippen so rot wie Blut,
das Haar so schwarz wie Ebenholz
und die Augen so blau wie Gletschereis.
Als ich noch ein kleines Mädchen war, hat er mir erklärt, der Gletscher in unserer Heimat würde bei Mondschein im gleichen Blau leuchten wie meine Augen …
Selbst der Kettenanhänger meiner Mutter, den ich als Andenken an sie trage, ist eisblau und strahlt mit meinen Augen um die Wette. Von den passenden Ohrringen ist seit jeher nur noch einer übrig, welchen ich bei einem Juwelier zu einem Dermal Anchor Piercing habe schmieden lassen. Seit meinem achtzehnten Geburtstag glitzert das Steinchen nun zwischen meinen Brüsten, ganz nah an meinem Herzen …
Fertig angezogen und meinen Rollkoffer in der Hand trete ich meinem Vater gegenüber, um mich von ihm zu verabschieden. Kein Abschied für immer, aber der erste Schritt in die Selbstständigkeit.
„Irina, mach dir nicht allzu viele Sorgen. Du wirst dich bald einleben.“ Mein Vater drückt mich fest an seine Brust und küsst mich, mit einem Hauch von Wehmut in seinem Blick, auf die Stirn. „Vergiss nicht, Marie von mir zu grüßen.“
Ich bin aufgewühlt. In meinem Innern tobt ein Sturm. Ein Sturm der Gefühle. Freudige Erwartung, Bedauern, Heimweh … Klar werde ich meinen Paps vermissen, aber in gewisser Weise freue ich mich auch auf die mir frisch anvertraute Freiheit. Mit meinen bald zwanzig Jahren ist es an der Zeit, flügge zu werden.
Mich nach etlichen langen Telefonaten mit Corinne endlich wieder richtig auszutauschen, von Angesicht zu Angesicht, wird mir mein Heimweh bestimmt vertreiben. Außerdem kann ich mir ihre Erfahrung mit Männern zunutze machen. Nachhilfe in Sachen Liebe sozusagen.
Jetzt werde ich mich erst einmal erholen. Ein, zwei oder drei Wochen vielleicht. Nach meiner dreijährigen Lehre als Kauffrau, dem Prüfungsstress, dem Abschluss und dem Praktikum eine wohlverdiente Belohnung. Erst dann werde ich mich um einen neuen Job kümmern. Vielleicht hat Corinne eine Ahnung, wo ich mich bewerben könnte, oder es ergibt sich ganz von selbst etwas.
Herrje, in einem Dorf mit so vielen Bars, Hotels und Einkaufsmöglichkeiten wird das wohl nicht so schwer sein!, denke ich mir. Ich muss ja nicht zurück in ein stickiges Büro.
„Tochter.“ Die Stimme meines Vaters holt mich ins Hier und Jetzt zurück. „Kopf hoch. In deinem neuen Zuhause erwartet dich eine kleine Überraschung. Damit du dich auch dort sportlichen Aktivitäten widmest und um dich vom Heimweh ein wenig abzulenken, habe ich Corinne beauftragt, etwas für dich vorzubereiten. Für den nötigen Unterricht ist ebenfalls gesorgt.“
Skifahren. Darauf würde ich fast wetten. Doch wenn das ein Aufmunterungsversuch hätte werden sollen, so ging er gewaltig nach hinten los. Vor lauter Unmut darüber seufze ich auf und werfe Paps einen Muss-das-denn-sein-Blick zu.
Dieser lässt sich davon aber nicht beirren. Grinsend zaubert er einen Skipass – die Bestätigung, dass ich mit meiner Vermutung goldrichtig liege – mit, oh Wunder, ganz passablem Foto und eine zweite Karte aus der Brusttasche seines weißen Hemds und fächert sie wie Spielkarten auf. Sein Ass im Ärmel ist definitiv Karte Nummer zwei: eine Kreditkarte.
„Motivation genug?“, fragt er mich mit erhobener Augenbraue und scheint auf eine Antwort oder eine Reaktion zu warten.
Skeptisch sehe ich ihn an. So viel also zum Thema: auf eigenen Beinen stehen.
„Irina. Nimm sie! Es soll dir an nichts fehlen.“ Mein Vater bedenkt mich mit einem aufmunternden Lächeln.
Bis ich mich eingelebt und einen Job gefunden habe, kann ein kleiner Zuschuss von Paps’ Seite bestimmt nicht schaden …
„Okay“, räuspere ich mich und nicke.
Zufrieden steckt er beide Karten in die Tasche meiner Jeans, nimmt mir den Koffer ab und begleitet mich zum Taxi. Nachdem er mein Gepäck dem Fahrer ausgehändigt hat, öffnet er zuvorkommend die Wagentür. Wehmütig lässt er sie hinter mir wieder ins Schloss fallen und ich kurble rasch die Scheibe herunter.
Hmmm. Sport sollte ich tatsächlich ins Auge fassen, wenn sich dadurch schon Muskelkater ankündigt …
„Irina. Wenn du irgendetwas brauchst, du Probleme hast, reden möchtest, was auch immer, genier dich nicht, mich anzurufen. Du musst nicht von heute auf morgen alles allein meistern.“
„Paps. Ich werd schon klarkommen. Dir fällt der Abschied ja schwerer als mir“, bedauere ich ihn. „Mach dir bitte keine Sorgen um mich. Corinne hat bestimmt einen sexy Skilehrer engagiert, um mich auf andere Gedanken zu bringen.“ Kokett zwinkere ich ihm zu.
Seine Miene wird plötzlich ernst wie die Stimme, die mir entgegenschlägt: „Tochter, denke daran: Kein dahergelaufener Kerl, der mir das Liebste auf der Welt nehmen will, erhält einen Freifahrtschein! Er wird einer gründlichen Überprüfung unterzogen.“
Fängt er schon wieder an? Genervt verdrehe ich die Augen. „Damit drohst du schon seit meinem sechzehnten Geburtstag.“
„Du weißt, dass ich dazu in der Lage bin …“
Ach ja, woher?
Unweigerlich driften meine Gedanken in die Vergangenheit ab und ich erinnere mich daran, wie der Hauptmann es sich nach dem Vortrag über „Die Armee, mein Arbeitgeber“ nicht nehmen ließ, vor meinen Klassenkameraden noch eine Anmerkung in eigener Sache fallen zu lassen und den Groll, den ich einen Monat lang auf ihn hegte, in Kauf zu nehmen. „So oder so sehen wir uns in ein paar Jährchen bei der Rekrutierung wieder, und ich werde mir jeden Einzelnen von euch hormongesteuerten Scheißern merken, der meiner Tochter zu nahe tritt!“ Okay. Für die Variante Berufsmilitarist hat sich wohl keiner von meinen Mitschülern freiwillig gemeldet …
„Und du wirst auch nicht davor zurückschrecken, ich weiß. Du wirst deine militärischen Beziehungen spielen lassen, dubiose Verhörmethoden anwenden und, und, und …“ Gelangweilt wiederhole ich die Worte, die mein Vater mir Mal für Mal eingetrichtert hat.
„Du bist immer noch der Meinung, dass ich scherze.“ Paps runzelt die Stirn.
„Ja. Bisher waren’s nur leere Drohungen!“, antworte ich und verschränke die Arme auf der heruntergelassenen Scheibe.
Nachdem er seinen Standpunkt vor meiner Klasse unmissverständlich vertreten hat, hat sich kein Junge mehr an mich herangetraut, außer Riley …
Riley? Ich werde blass um die Nasenspitze.
„Riley Schmidt“, sagt mein Vater kurz und knapp, doch diese zwei Worte lassen mir das Blut in den Adern gefrieren.
Erschrocken sehe ich ihn an. „Du warst der Grund für Rileys Flucht? Ich habe immer angenommen, er hätte mich wegen meiner Augenfarbe abserviert. Das erste Mal seit Jahren habe ich mich endlich getraut, mich ohne diese dämlichen Kontaktlinsen in der Öffentlichkeit blicken zu lassen, und du …“ Innerlich gebe ich einen zornigen Aufschrei von mir.
„Irina. Ich habe dir schon immer gut zugeredet, dass du diese Dinger nicht brauchst“, lässt Paps verlauten.
„Was soll’s.“ Gleichgültig zucke ich mit den Schultern. „Riley wäre bestimmt nicht der Richtige für mich gewesen, jetzt wo ich Gewissheit habe, dass er sich von dir hat beeinflussen lassen. Aber eines Tages, René, werde ich dir einen Mann vorstellen, der dir gewachsen ist.“ Die Entschlossenheit in meiner Stimme ist auch dem Hauptmann nicht entgangen, nicht zuletzt deswegen, weil ich ihn beim Vornamen genannt habe.
„Dieser Herausforderung trete ich gerne gegenüber“, erklärt er und unterdrückt kläglich ein Schmunzeln.
„Hauptmann!“ Ich salutiere zum Abschied.
Der Taxifahrer macht sich für die einstündige Fahrt bereit. Ein letztes Mal blicke ich zurück. Mein Vater winkt. Er wirkt geknickt. Ich werfe ihm eine Kusshand zu, bevor das Taxi um die Ecke biegt. Eine Träne rollt über meine Wange, während ich mich wieder gerade hinsetze und nach vorn schaue. Nicht nur durch die Frontscheibe, sondern auch in eine selbstständige Zukunft.
Schluss jetzt!, ermahne ich mich und wische die Träne weg. Seit dem Tod meiner Mutter bin ich sehr nahe am Wasser gebaut. Ich sehe Paps allerspätestens am 7. Dezember zu meinem 20. Geburtstag wieder, rufe ich mir in Erinnerung.
Als ich mich gesammelt habe, nehme ich mein iPad zur Hand, in der Hoffnung, mir mit einem Liebesroman die Zeit etwas vertreiben zu können. Doch nach nicht einmal zwei Sätzen unterbricht mich schon der erste ungeduldige Anruf meiner Cousine.
„Hallo Cousinchen. Bist du bereits unterwegs? Du, ich freue mich riesig auf dich.“
Corinne und ich, wir sind wie Schwestern. Ich bin froh, ihre Stimme zu hören, so fällt mir der Abschied wesentlich leichter. „Hi Corinne. Ja, ich bin gerade ins Taxi gestiegen.“ Ich werfe einen kurzen Blick auf die Uhr auf dem Display. „In anderthalb Stunden bin ich da. Ich freue mich auch.“
„Es wartet eine Überraschung auf dich“, haucht sie geheimnisvoll in ihr Handy.
„Lass mich raten, ein Paar Ski?“
Wieder verdrehe ich die Augen, was sie natürlich nicht sehen kann, also fährt sie munter fort: „René, diese Tratschta… äh … dieser Tratschonkel! Ich hab mir solche Mühe gegeben, seinen Auftrag auszuführen, durfte kein Sterbenswörtchen darüber verlieren, eine geheime Mission sozusagen, und nun stellt sich heraus, dass er derjenige ist, der die Klappe nicht halten konnte.“
„Aber Corinne. Ich kann doch gar nicht mehr Skifahren …“ … und Privatunterricht in meinem Alter ist mir zu peinlich, führe ich den Satz in Gedanken zu Ende. Im Geiste sehe ich mich schon – die Skier in der V-Formation – den Idiotenhügel hinunterpflügen.
„Dafür ist auch gesorgt. Ich konnte einen echt heißen Skilehrer engagieren. Samuels Jahrgänger und zugleich bester Freund …“
Dass er in Sams Alter ist, hallt in meinem Ohr nach, derart euphorisch hat sie es gesungen, noch dazu macht es mich stutzig.
„Ein Ass auf den Brettern. Eigentlich fährt Kev ja Skicross-Wettkämpfe. Momentan trainiert er nicht ganz so hart und arbeitet bei uns im Dorf in der Skischule mit.“
Es scheint mir so, als wolle mir Corinne diesen Typen schmackhaft machen. „Sag mal, willst du mich verk…“
Tuut, tuut.
Scheiße! Kein Netz.
Ich tippe eine Nachricht und hoffe, dass sie meine Cousine bald erreichen wird:
Sorry. Funkloch. Holst du mich bitte gegen 11 beim Umschlagplatz ab?
Der beste Freund meines Vetters also. Wie alt ist Sam noch gleich? Corinne ist drei Jahre älter als ich, dreiundzwanzig, und Sam, ihr Bruder, ist wiederum drei Jahre älter als sie. Sechsundzwanzig!
Ein potenzieller Kandidat?
Den wesentlichsten Punkt auf meiner Liste kann ich schon mal abhaken …
Und da dämmert es mir: die Liste. Corinne kennt meine Punkte darauf in- und auswendig. Schließlich ist sie die Initiantin der Do-to-Liste, wie sie sie damals kurzerhand getauft hat.
Nein, hier wurde nichts vertauscht. Corinne hat auch nicht gestottert. Sie heißt, ohne Scheiß, Do-to-Liste. Hergeleitet von: Don’t touch! Im Sinne von: Lass gefälligst die Finger von diesen Typen! Oder in Corinnes Fall: diesem Typ. Sie hat sich tatsächlich nur einen einzigen Namen notiert, der mir aber leider entfallen ist.
Schmunzelnd schaue ich durchs Fenster und genieße die letzten Meter der gewohnten Umgebung. Wehmut ergreift mein Herz. Doch die Tränen, die ich jetzt vergieße, schiebe ich auf die Kontaktlinsen. Sie jucken und brennen. Ich krame ein Spiegelchen aus meiner Handtasche und entferne vorsichtig die Fremdkörper aus meinen Augen. Es ist wohl wirklich an der Zeit, mir diesen Tick abzugewöhnen. Ich setze mir stattdessen die Sonnenbrille auf. So ganz entblößt möchte ich mich meiner Zukunft dann doch nicht stellen …
Der Shuttlezug, auf welchen ich umgestiegen bin, erreicht nach einer zwölfminütigen Fahrt den autofreien Kurort.
Endstation! Ab hier geht’s zu Fuß weiter … für mich jedenfalls.
Ich ziehe mir die Jacke über, ergreife den Rollkoffer und steige aus. Die Luft, die mich empfängt, ist wie erwartet etwas kühler, als ich es aus dem Tal gewohnt bin. Ich atme ein … zweimal, dreimal … sauge sie tief in meine Lungen und gerate ins Schwärmen: Sie ist rein … frisch … kristallklare Bergluft … mit einem Hauch von … Ich schnuppere. Kurze, abgehackte Atemzüge. Pferd? Angewidert ziehe ich die Nase kraus. Pferdemist!
Auf dem Umschlagplatz herrscht reges Treiben. Touristen strömen aus. Nostalgische Postkutschen bespannt mit kräftigen Pferden – daher weht also dieses strenge Aroma, zudem zeigen die dampfenden Pferdeäpfel auf, wie kalt es wirklich ist und dass es meine warm gefütterte Lederjacke gut verträgt –, Elektro-Taxis und E-Busse stehen für den Abtransport der Hotelgäste bereit. Einzige Umweltsünder: Die Helikopter, die am äußeren Dorfrand auf dem Heliport auf einer Anhöhe zur Schau gestellt werden. Eigentlich für Rettungsflüge vorgesehen, doch werden sie auch für Heli-Skiing, Rundflüge, Transporte und, wer’s sich leisten kann, Taxiflüge genutzt.
Ich halte Ausschau nach meiner Cousine. Eine überschwänglich winkende Blondine zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Nicht nur ich fühle mich angesprochen und winke zurück, obwohl sie definitiv mich meint, denn es handelt sich dabei um Corinne.
Sie ist eine attraktive, schlanke Frau mit großen, dunkelblauen Augen, hellblonden, langen Haaren, die mit ihrem Look mal wieder ihr Händchen für Mode beweist. In einer schwarzen, engen Stoffhose, darunter blitzen die Spitzen von ein Paar Lack-Pumps hervor, einem weißen Top und einem hauchdünnen, schwarzen Blazer steht sie dann plötzlich vor mir.
Beim Betrachten ihres Aufzugs stellt’s mir die Haare zu Berge. Mich friert’s regelrecht.
„Irina!“ Corinne fällt mir um den Hals und drückt mir drei Küsschen abwechselnd auf die Wangen … ein Countdown.
Drei, zwei, eins, zähle ich in Gedanken abwärts, und schon nimmt die Modepolizei mein Outfit in Augenschein.
Corinne mustert mich von oben bis unten und kommt zum Schluss: „Gibt’s was zu betrauern? Willst du auf eine Beerdigung? Oder steht dein schwarzer Aufzug symbolisch für den Abschied von deinem alten Leben?“
Wie jetzt?! „Ich dachte, mit Schwarz könne man nichts falsch machen?“
„Stimmt. Aber bei deinem hellen Hautton musst du farbige Akzente setzen, damit du nicht so blass wirkst …“ Neckisch kneift sie mich in die Wange.
„Du predigst mir hier gerade etwas von Farbe. Wo bekennst du denn Farbe? Weiß gehört bekanntlich nicht dazu, Frau Farb-“, ich zeichne Anführungszeichen in der Luft, „und Modestilberaterin!“
„Touché … nein warte …“
Mein siegreiches Lachen weicht einem Flunsch, als sie mir die roten Sohlen ihrer Pumps präsentiert.
„Mach dir nichts draus, Cousinchen. Dafür bin ich ja jetzt da. Ich stehe dir mit Rat und Tat zur Seite. Aber eins“, ihr Zeigefinger schnellt in die Höhe, „muss ich noch loswerden …“
Was kommt denn jetzt noch? Ich verdrehe die Augen.
Ihr Finger stupst den Zipper meiner Jacke an und bringt ihn zum Baumeln. „Die ist etwas übertrieben, findest du nicht?“, spöttelt sie und grinst wie ein Honigkuchenpferd.
„Ich bin die Kälte nicht gewohnt.“ Bibbernd stehe ich vor ihr.
„Kälte? Es ist beinahe zwanzig Grad warm, und du tust gerade so, als wäre es tiefster Winter.“ Sie umfasst den Griff meines Rollkoffers. „Komm, wir genehmigen uns einen Burger in Sams Bar. Dort ist es schön warm!“, zieht sie mich weiter auf.
Na, das kann ja heiter werden …
Hilfe! An das Kopfsteinpflaster in der Bahnhofstraße konnte ich mich gar nicht mehr erinnern. Wie auch, sind Straßen und Wege doch im Winter von festgetretenem Schnee bedeckt. Ich habe mich bei Corinne im Vorhinein lediglich erkundigt, ob die Straßen aper, also schneefrei sind.
Der Rollkoffer klappert über die unebenen Pflastersteine mit den tiefen, zum Teil ausgespülten Fugen und verursacht einen Heidenlärm.
Mann, ist das peinlich!
Corinne scheint’s nicht zu stören, sie lässt ihn munter weiterruckeln. Ich hingegen hätte den Griff längst verstaut und würde mein Gepäck tragen. Die Einheimischen grinsen und nicken Corinne freundlich zu, wissend, dass der Koffer der peinlich berührten Touristin neben ihr gehört.
Eigentlich bin ich ja auch einheimisch, glaubt man meinem Pass, aber ich fühle mich fremd und verloren, etwas fehl am Platz.
Wiederum habe ich keine Mühe damit, die Feriengäste von den Dorfbewohnern zu unterscheiden. Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass die meisten der hiesigen Touristen Asiaten sind.
Wie Prozessionsraupen bewegen sie sich fort, und wir befinden uns mitten in ihrem Zug.
Lässig drehe ich mich einmal um 360 Grad, möchte die Umgebung auf mich wirken lassen und bringe dabei die Schar zum Stocken. Doch ich achte nicht auf die bösen Blicke der Passanten. Meine Aufmerksamkeit gilt einzig und allein der verschneiten Bergkulisse und dem einen, prachtvollsten Berg unter ihnen, dem Wahrzeichen des Dorfes, dem Matterhorn, dessen Spitze leider von einer Wolke verdeckt wird. Aber ich werde schon noch in den Genuss kommen, es in seiner vollen Pracht zu bewundern …
Bin ja jetzt für eine Weile hier oder gar für immer?
„Es ist nicht mehr weit. Nur noch fünf Minuten“, höre ich Corinne sagen.
Gut. Ich genieße nochmals die Aussicht und erspähe ein einzelnes majestätisches Haus auf einer Anhöhe. Ein Palast mit Blick aufs ganze Dorf. Wow, staune ich und bin gerade im Begriff, Corinne zu fragen, was es mit dem Gebäude auf sich hat, als ich unfreiwillig gestoppt werde. Der dünne, vier Zentimeter hohe Absatz meines Kitten Heels hat sich zwischen den Pflastersteinen eingehakt.
Ich stecke fest.
„Verdammt!“, fluche ich so gar nicht ladylike. Hätte ich doch bloß meine Sneakers angezogen.
Doch alles Rütteln ist zwecklos. Es bringt mich nur noch mehr in Schwierigkeiten. Ich gerate vollends aus dem Gleichgewicht.
Plötzlich ist es, als würde alles um mich herum in Zeitlupe ablaufen. Ich bin mein eigener Beobachter, stehe neben mir und kann mir praktisch selbst dabei zuschauen, wie ich zur Seite kippe. Geistesgegenwärtig ergreift jemand meinen ausgestreckten Arm, mit welchem ich mich hätte abstützen wollen. Ich pralle seitwärts gegen eine starke, harte Männerbrust.
Die saubere Bergluft vermischt sich mit Aftershave und einer betörend männlichen Duftnote. Verstohlen sauge ich noch mehr des herrlichen Aromas in meine Lungen, das meine Sinne berauscht und meine Knie weich werden lässt. Den festen Stand habe ich ja ohnehin schon verloren.
„Hoppla“, ertönt eine tiefe, raue Stimme und jagt einen Schauder meinen Rücken hinunter.
Wie kann ein „Hoppla“, ein einfacher Ausdruck, den heutzutage kein Mensch mehr benutzt, nur so höllisch sexy rüberkommen?
Ich blicke, trotz Sonnenbrille, schüchtern zu ihm auf. Die dunkle Stimme gehört einem attraktiven jungen Mann, welchen ich auf Mitte bis Ende zwanzig schätze. Meinem Retter, der mich vor einer unsanften, peinlichen Landung bewahrt hat. Meine Unerfahrenheit und meine Schüchternheit lassen mich erröten. Außerdem ist mir meine Unbeholfenheit unsagbar peinlich. So senke ich scheu mein Haupt, als er vor mich tritt.
Verlegen mustere ich den Schönling von unten bis oben. Ein Schlipsträger. Der groß gewachsene Typ trägt einen eleganten schwarzen Anzug, ein schwarzes Hemd und eine graue Krawatte. Sein Lächeln wirkt gequält. Wahrscheinlich habe ich gerade sein Chi aus dem Gleichgewicht gebracht. Strähnen seines wilden, dunkelbraunen Haares, welches er geschmeidig mit den Fingern durchkämmt, fallen ihm wieder ins Gesicht. Er nimmt die filigrane Pilotenbrille ab, faltet sie und steckt einen Bügel in die Innentasche seines Jacketts. Knapp oberhalb des Knopfes prangt ein rotes Etikett mit den vier großen Lettern: H U G O – Hugo Boss.
Sein interessierter Blick wandert über meinen Körper, lässt mich taumeln.
„Ist alles in Ordnung? Haben Sie sich verletzt, Fräulein?“, erkundigt er sich fürsorglich, während seine linke Hand meinen Arm immer noch fest umschlungen hält.
Seine Schönheit verschlägt mir wortwörtlich die Sprache. Durch ein Räuspern erhalte ich meine Stimme zurück. „Ja und nein“, antworte ich etwas zittrig. „Ich habe mir nicht wehgetan, nur …“ Ungern reiße ich den Blick von seinem hübschen Gesicht los. Ohne die Sonnenbrille wäre ich wohl nicht in der Lage gewesen, es so lange zu betrachten. Ich blicke zu Boden, auf meinen linken Fuß. Mit Ruckeln versuche ich mich zu befreien, doch der Absatz will sich einfach nicht lösen und bleibt fest verankert.
Hilfe!, flehe ich stumm.
Sofort erkennt er meine missliche Lage. Sein fester Griff wandert von meinem Unterarm zu meiner Hand. Seine Haut kommt mit meiner in Kontakt.
Mmmmh! Angenehm warm und weich. Bestimmt sind es keine Hände, die hart anpacken müssen.
Irina! Der Typ trägt einen Designeranzug. Der arbeitet sicherlich nicht auf dem Bau!, flüstert mir meine innere Stimme zu.
Durch das Strecken seines Arms, während er sich vor mir aufs Knie senkt, um mich zu erlösen, tritt seine wohl nicht gerade billige Uhr hervor.
Noch ein Beweis dafür! Einfach alles an ihm schreit: TEUER!
Doch ich lasse mich nicht davon blenden und mein Blick wandert wieder zu diesem unheimlich attraktiven, markanten Gesicht und diesen Augen, umgeben von feinen Lachfältchen, die mich einen Augenblick lang von unten herauf anstrahlen. Meine Atmung gerät kurz ins Stocken.
Welche Augenfarbe er wohl hat? Durch meine Sonnenbrille lässt sich das nicht so genau sagen …
Mein Herz klopft wie wild, meine Hand in der seinen reagiert mit einem leichten Prickeln in den Fingerspitzen. Als er erneut seinen Kopf hebt und mich anlächelt, drohe ich zu zerschmelzen. Die Hitze, die in mir aufsteigt, bringt meine Wangen abermals zum Glühen, verleiht ihnen einen scharlachroten Touch. Ich fühle mich fiebrig.
„Seien Sie nicht verlegen. Stöckelschuhe und Kopfsteinpflaster vertragen sich einfach nicht.“ Er zwinkert mir zu.
Verdammt, er muss meine Röte bemerkt haben.
Doch irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass der Fremde mit mir flirtet. Einen Atemzug lang senkt er den Blick. Seine Fingerspitzen streicheln zärtlich über meinen Fußrücken, bevor die langen Finger meinen Knöchel umschließen. Ich erbebe unter der sachten, intimen Berührung.
Was erlaubt er sich? Wenn ich nicht gefangen gewesen wäre, hätte ich ihm einen Tritt verpasst.
Mein Zittern ist ihm ebenfalls nicht entgangen. „Ruhig Blut …“ Mit sanfter Stimme redet er auf mich ein, wie wenn er eine Stute besänftigen möchte, die beim Hufauskratzen bockt. Innerlich schnaube ich aufgebracht. Mit geschicktem Ruckeln und einer leichten Drehung gelingt es ihm schlussendlich, mich zu befreien.
Ich atme erleichtert auf, vergesse die Empörung, die mich soeben noch einzunehmen drohte. „Vielen Dank“, bringe ich gerade so über die Lippen und atme einmal tief durch. „Ich sollte es eigentlich besser wissen. Dort, wo ich aufgewachsen bin, wurde jede noch so kleine Gasse damit gepflastert. Der Tod eines jeden Pfennigabsatzes. Erst als eine Frau das Zepter übernommen hat und Stadtpräsidentin wurde, sind die Wege zunehmend High-Heels-freundlicher geworden … äh … sorry … Hier habe ich wahrlich nicht mit Kopfsteinpflaster gerechnet.“ Ich bedenke meinen Helden mit einem scheuen Lächeln, denn dieser plötzliche Redefluss, mein Mitteilungsdrang, überrascht mich.
Der hübsche Mann zu meinen Füßen richtet sich wieder auf, glättet souverän seinen Anzug und zupft die Ärmel zurecht.
Erst jetzt bemerke ich den Husky, der artig neben ihm sitzt, uns mit schräg gelegtem Kopf, gespitzten Ohren und seinen treuen eisblauen Augen aufmerksam beobachtet.
Wow, ein Prachtexemplar … wie sein Herrchen!, denke ich mir schmunzelnd.
Mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung erhebt sich der Hund, schreitet auf mich zu und beginnt an meinen Fingern zu lecken. Ich zucke zurück. Es ist ein anmutiges, großes Tier, welches mir Respekt einflößt. Mein Retter registriert mein Unbehagen und ruft den Husky streng zurück.
Hmmm. Wie hat er ihn genannt? Sein Name klingt nach … Whiskey?
„Sorry.“ Mit einem verlegenen, doch unverschämten Grinsen entschuldigt er sich und streicht sich hektisch mit einer Hand durchs Haar. „Eigentlich ist er Fremden gegenüber eher scheu.“
Sein Haar. Am liebsten würde ich auch gleich zulangen. Ob es sich so weich anfühlt, wie es aussieht?
Ein unwiderstehliches Lächeln umspielt seinen Mund.
Sein Mund, seine vollen Lippen. Hier stelle ich mir dieselbe Frage. Wie würde es sich anfühlen, von ihm geküsst zu werden? Wie würde er schmecken? Würde sein Dreitagebart piksen? Meine Haut sich röten, wenn er mit seinem Mund quälend langsam meinen Körper erkundet?
Plötzlich verspüre ich dieses lustvolle Ziehen in meinem Unterleib. Eine in diesem Ausmaß noch nie dagewesene Sehnsucht, wie sie in einer abgeschwächten Form nur auftritt, wenn ich diese verteufelten erotischen Romane lese. Meine Reaktion auf ihn erschreckt mich, und als ich mich dabei ertappe, wie ich ihn mit offenem Mund anschmachte, presse ich hastig meine Lippen fest aufeinander.
Während er seinem Husky kurz über das samtig weiche Fell streichelt, ergreife ich die günstige Gelegenheit, Adonis noch ein letztes Mal genauer unter die Lupe zu nehmen, ohne diesen getrübten Braunton. Ich hebe vorsichtig meine Sonnenbrille an.
Als hätte er nur darauf gewartet, dass ich meine Augen entblöße, treffen sich unsere Blicke. Das Herz in meiner Brust beginnt zu flattern und droht auszubrechen. Der Fremde zieht mich in seinen Bann. Seine Augen wirken zwar kalt, was wohl unweigerlich der Farbe der Iris geschuldet ist, aber sie sind wunderschön. Sie strahlen in einem satten, kühlen Blauton und sind meinen sehr ähnlich …
Meiner Augenfarbe ohne die lästigen farbigen Kontaktlinsen!, dämmert es mir und ich lasse augenblicklich die Sonnenbrille wieder auf die Nase sinken. Nicht gerade ein flirtfördernder Schachzug, aber ein Schutzschild gegen die Autorität, die mir so plötzlich entgegenschlägt.
Da liegt ein Ausdruck in seinen Augen. Ich bemerke das Kribbeln auf meiner Haut und wie sich die Härchen auf meinen Armen aufrichten. Trotzdem versuche ich mir einzureden, dass es bestimmt auf die ungewohnte Temperatur zurückzuführen ist und nicht auf das plötzlich so unheimlich selbstsichere Auftreten dieses Mannes, das ich als eine Art Schutzmechanismus deute. Eine Maske.
Der Vater-Tochter-Tag vor fünf Jahren kommt mir wieder in den Sinn. Ich durfte meinen Paps zur Arbeit begleiten und konnte mit ansehen, wie er einen Soldaten allein mit seinem strengen Blick entwaffnet hat. Sofern man ein vorlautes, schmutziges Mundwerk als Waffe bezeichnen konnte …
Das Klingeln seines Handys reißt mich aus meinen Gedanken.
Haben wir uns die ganze Zeit nur angestarrt? Als wäre die Zeit eingefroren! Aber nein. Die Menschenschar um uns ist nicht stehen geblieben. Nur wir beide sind erstarrt und ernten ein missmutiges Murren der vorbeigehenden Passanten.
„Ihr Handy.“
Der Schönling sieht mich entgeistert an.
„Ihr Handy klingelt“, versuche ich noch einmal zu ihm durchzudringen und schenke ihm ein Lächeln.
Er tastet sich ab und zieht sein Smartphone aus der Brustinnentasche seines Sakkos. „Foster … Verdammt!“, ertönt es in einem herrischen, genervten Tonfall, als er den Anruf entgegennimmt, und es ist, als wäre ich mit einem Kübel kalten Wassers übergossen worden.
Mein Mund klappt auf. Der äußere Schein trügt eben doch manchmal.
„Irina? Irina. Wo bist du?“ Irgendwo in der Menschenmenge vernehme ich Corinnes Rufen.
Ich fasse mir ein Herz, gehe kurz in die Hocke und streichle dem Husky übers weiche Fell. „Bye Süßer!“ Der Hund erhebt sich und schwänzelt freudig. Danach werfe ich einen letzten Blick auf sein Herrchen, dessen Miene wieder freundlicher ausfällt, bedenke ihn mit einem Nicken und ergreife die Gelegenheit zur Flucht, solange er noch in das Gespräch verwickelt ist. Stress bei der Arbeit, nehme ich an.
Wie sich Hunde schüttelnd vom Wasser im Fell befreien können, hoffe auch ich mich durch den Schauder, der meinen Körper abermals erbeben lässt, mental von dieser Begegnung, dieser buchstäblich kalten Dusche, lösen zu können, doch ich verbleibe weiterhin innerlich aufgewühlt und fröstelnd.
Samuel begrüßt seine Schwester und mich bereits am Eingang und führt uns voller Stolz hinunter in seine Bar. Sie besitzt einen urig-alpinen Charme und wurde mit modernen Möbeln aufgepeppt. Die VIP-Lounge hinter der Glasscheibe ist ein echter Blickfang, und so steuert Sam, mit uns beiden im Arm, direkt darauf zu.
Ich lasse mich in einen der schwarzen Polstersessel fallen, Corinne nimmt gegenüber Platz. Gleichzeitig legen wir unsere Sonnenbrillen auf den hölzernen Clubtisch.
„Und, Cousinchen, hat Onkel René dich endlich in die Freiheit entlassen?“, erkundigt sich Samuel.
„Ach Sam. So schlimm ist unser Onkel nun auch wieder nicht!“, mischt sich Corinne ein.
„Ach nein? Ein Kontrollfreak sondergleichen, der Hauptmann. Also, Kleines, genieße deine frisch erworbene Freiheit.“ Er zwinkert. „Champagner zur Feier des Unabhängigkeitstages?“
„Für mich bitte ein Mineralwasser.“ Corinnes Antwort kommt etwas prompt.
Ich mustere sie argwöhnisch.
Sams Augenbrauen schnellen hoch.
„Was ist? Ich habe ein Antibiotikum verschrieben bekommen, wegen der Grippe“, rechtfertigt sie sich genervt, mit einer plötzlich so nasalen Stimme, dass sie nur gespielt sein kann.
„Ich nehme gerne ein Glas, Sam.“
„Bring uns doch bitte zwei Raclette-Burger“, komplettiert sie die Bestellung. Corinne schlägt ein Bein übers andere und nascht vom Schälchen mit dem Knabbergebäck.
„Wow. Da ist Sams Traum endlich in Erfüllung gegangen. Eine eigene Bar!“, sage ich anerkennend, während dieser unsere Getränke holen geht.
„Ja, das ist er. Mit etwas Unterstützung. Da fällt mir ein, übermorgen sind wir bei Oma und Opa zum Abendessen eingeladen …“
„Funktioniert die Gondel immer noch?“, frage ich grinsend und hoffe inständig, dass sie mittlerweile den Geist aufgegeben hat. Unsere Großeltern wohnen etwas abgelegen. Zum Haus, das noch dazu höher gelegen ist, führt eine kleine Privatgondel.
„Selbstverständlich. Erinnerst du dich daran, wie wir einen Nachmittag lang damit einfach nur rauf- und runtergefahren sind?“
„Natürlich. Bis sie wegen eines Stromausfalls mitten im Hang hängen geblieben ist. Ein Grund dafür, dass ich solche Gerätschaften meide.“ Ich lege meine Stirn in Falten.
„Ach komm schon. War doch ganz witzig.“
„Für dich vielleicht“, erkläre ich missbilligend. Ich schnappe Corinne die letzte Salzstange vor der Nase weg und knabbere genüsslich die einzelnen Salzkristalle vom Stängel, bevor ich den Rest verzehre.
„Dann betrachte die Seilbahn morgen als Vorbereitung.“
Entnervt stöhne ich auf: „Das ist nicht dein Ernst, oder? Morgen schon?“
„Ja. Kevin steht dir morgen den ganzen Tag über zur Verfügung.“ Etwas in ihrer Stimme klingt vielversprechend.
Und wieder beschleicht mich diese Vorahnung. „Sag mal, willst du mich verkuppeln?“
„Wann hast du unsere Großeltern eigentlich das letzte Mal gesehen?“, lenkt sie offenbar ab.
„Seit Mamas Beerdigung … nicht mehr. Paps selbst ist auch nicht so erfreut gewesen, als er erfahren hat, dass ich, während ich die Ferien bei euch verbracht habe, Kontakt zu ihnen aufgenommen habe.“
„Da du jetzt volljährig bist, ist es wohl deine Entscheidung. Am Sonntag sind wir bei ihnen zum Abendessen eingeladen … Basta! Da kann sich der Hauptmann am anderen Ende der Schweiz die Zähne ausbeißen! Und den großzügigen Anteil, den sie jedem Enkelkind auszahlen, wirst du nicht ablehnen.“ Corinne ist unerbittlich.
„Großzügiger Anteil? Was meinst du damit?“
„Ups. Da habe ich wohl etwas zu viel verraten. Jedenfalls, wie dachtest du, kann sich Sam so etwas aufbauen?“ Eine Frage, die wohl keiner Antwort mehr bedarf.
Sam serviert die Getränke und die Burger.
Genüsslich beiße ich in meinen Cheeseburger. „Mmmmh. Schmeckt köstlich“, sage ich, während ich kaue. „Sorry.“ Ich lächle verschämt, verstecke meinen Mund hinter der Hand und schlucke den Bissen runter.
Sam grinst mich an. „Geht aufs Haus, Kleines!“
„Vetter. Falls du irgendwann eine Aushilfe gebrauchen könntest, ich würde mich gerne anbieten …“
„Hmmm … Aber Irina, mit deiner Ausbildung gehörst du nicht hinter eine Bar.“ Dieser Satz hätte auch von Paps stammen können. „Außerdem habe ich momentan keine Vollzeitstelle zu besetzen, aber vielleicht kann Corinne ihre Beziehungen sp…“
Corinne räuspert sich laut. „Bruderherz!“
Ein kurzer Blickwechsel zwischen Bruder und Schwester, stumme Kommunikation, der ich nicht folgen kann, doch die Geschwister verstehen sich auch ohne Worte.
„Offenbar habt ihr noch einiges zu klären … Allerdings, wenn Not am Mann herrscht, könnte ich dich schon ab und zu aufbieten, liebes Cousinchen, also werde ich bestimmt auf dein Angebot zurückkommen.“ Sam verlässt die Lounge.
Bevor ich Corinne auf ihr Blickgefecht mit Sam ansprechen kann, lenkt sie erneut ganz offensichtlich auf ein anderes Thema: „Sag mal, was ist eigentlich aus diesem Andy geworden, der dich anstelle von Riley nach Hause gefahren hat?“
„Nur ein guter Freund, den ich in jeder Notlage anrufen kann, und der Bruder meiner besten Freundin.“
„Ein guter Freund, der dich geküsst hat“, lässt sie mit singender Stimme verlauten. „Ach so, wo ist er abgeblieben?“, bohrt sie nüchtern weiter.
„Er bereist Australien“, antworte ich kurz und knapp.
„Okay. Daraus schließe ich, dass du immer noch keinen Sex hattest.“
„Corinne!“, schreie ich empört auf und bin dankbar dafür, dass wir die Lounge für uns haben.
„Oh Süße. Dann werden wir dich mal auf die hiesigen Männer loslassen, oder umgekehrt …“
Es ist bereits dunkel, als Corinne die Tür zu unserer gemeinsamen Wohnung aufschließt. Durch den Spalt ertastet sie den seitlich angebrachten Lichtschalter und präsentiert mir mit einem „Tadaa“ und einem schwungvollen Tritt gegen die Tür mein neues Heim.
Ich trete in den geräumigen Hausgang mit Garderobe und großem Spiegel, wo Corinne für den Augenblick meinen Koffer abstellt, ehe sie mit der Führung beginnt.
„Erste Tür links. Das Bad und wie versprochen mit Badewanne.“
Die Beleuchtung flammt auf und gewährt mir einen Blick auf eine kleine, aber feine Wohlfühloase: Eine Toilette, zwei runde Waschtische mit separat beleuchteten Spiegeln, die einem wohl auch jede noch so kleine Pore aufzeigen, und eine großzügige Badewanne, die mit stark gemustertem Holz verschalt ist und liebevoll dem Rand entlang mit Vanilleduftkerzen dekoriert wurde. Selbst an eine Badewannenauflage mit Buchstütze und Glashalter hat Corinne gedacht. Der schwarze Fliesenboden wurde mit einer pinken, flauschigen Badgarnitur versehen, drei der vier Wände sind mit hellbraunen Platten gefliest, die vierte mit Naturstein. In der Dachschräge geradewegs über der Wanne befindet sich ein Dachfenster.
„Baden unterm Sternenhimmel“, flüstert meine Cousine geheimnisvoll und gesteht mir mit ihrem offensichtlichen, übertriebenen Blinzeln jede noch so kleine Schandtat.
Als Nächstes zeigt sie mir die Zimmer. Beide sind fast identisch, jedoch spiegelverkehrt. Das moderne große Bett befindet sich unter dem Dachfenster, parallel zur Tür. Ein mächtiger Schrank mit verspiegelten Schwebetüren erstreckt sich der linken Wand entlang bis zum Winkel, an dem die Dachschräge beginnt. Gegenüber vom Schrank, zu meiner Rechten, steht der Schreibtisch. Da Corinne mich vor einer Weile nach meiner Lieblingsfarbe gefragt hat, ließ sie die Wand dahinter violett streichen und hat das Bett mit lila Bettwäsche bezogen. Ich fühle mich sofort heimelig.
Wir verlassen mein Zimmer und biegen um die Ecke. Eine L-förmige, moderne Küche mit Insel erstrahlt in weißem Glanz. Hier wurde bisher nicht sehr viel gekocht, nehme ich an. Ich beäuge Corinne mit einem Schmunzeln auf den Lippen.
„Was ist?“ Sie zuckt gleichgültig mit den Schultern, weiß, was mir gerade durch den Kopf geht. „Ich ess halt bei Ma… bei Mama unten.“
Der schwarze Fliesenboden ergänzt sich ausgezeichnet zu den weißen Wänden und den feuerroten Kacheln in der Küche, die offen ist zum Ess- und Wohnbereich. Die rustikale Holzwand, vor der ein wärmender Schweden-Ofen steht, verleiht dem modernen, weißen Esstisch mit den rot lackierten Holzstühlen und der dunkelgrauen Stoffcouch, geziert mit lilafarbenen Barockkissen, einen gewissen Kontrast.
Ich werde mich wohl gar nicht entscheiden können, welcher Anblick fesselnder ist: die flackernden Flammen hinter der Glasscheibe des Cheminéeofens oder eine Liebesschnulze auf dem großen Flatscreen an der Wand gegenüber.
Obwohl hier das Urige mit dem Modernen kombiniert wurde, wirkt alles ganz harmonisch.
„Und? Wie findest du es?“, fragt Corinne aufgeregt, reibt die Handflächen aneinander und buhlt um Anerkennung.
„Wow. Ich bin sprachlos. So modern …“
„Was hast du denn gedacht, dass wir in einer Alphütte hausen, ohne Warmwasser und ohne Strom? Typisch Städter eben …“
„Danke Corinne. Du hast einen wunderbaren Geschmack!“ Begeistert falle ich ihr um den Hals und stimme sie wieder milde.
„Gern geschehen“, antwortet sie und gähnt. „Ich werd schlafen gehen.“
Ihre plötzliche Müdigkeit macht mich stutzig. Doch ich lasse mich nicht beirren, mir nichts anmerken und stelle sie mit den folgenden Worten auf die Probe: „Kein Problem. Ich finde mich schon allein zurecht.“
„Was hast du denn noch vor?“, fragt sie scheinheilig nach.
„Auspacken?“ Ich hebe die Augenbraue, schürze die Lippen, während ich sie intensiv mustere.
„Das kannst du auch morgen noch erledigen.“
Sie will mich loswerden. Definitiv.
„Corinne. Du benimmst dich echt merkwürdig, um nicht zu sagen, äußerst verdächtig.“ Ich bemerke ihren schuldbewussten Blick. „Also. Wann kommt er?“ Ich stemme die Fäuste in die Hüften und beharre auf eine Antwort.
„Um zehn“, antwortet sie mir knapp.
„Dann habe ich ja noch ein wenig Zeit, um mich bettfertig zu machen. Erklärst du’s mir morgen?“
Sie nickt. „Danke, Süße, und denk daran, es heißt, dass das, was man in der ersten Nacht im neuen Heim träumt, in Erfüllung gehen wird … Darum träum fein, Cousinchen.“
Schon bald darauf liege ich erschöpft in meinem neuen Bett. Corinnes Aberglaube hat auch mich befallen. Ich schließe die Lider und drifte mit dem Gedanken: Bitte lass es kein Albtraum werden, in meine Traumwelt ab.
~*~
Eisige Windböen wirbeln den Neuschnee auf und peitschen mir die losen Kristallkörnchen ins Gesicht. Die Augen geschützt hinter einer Sonnenbrille, die Mütze so weit wie möglich über die Ohren gezogen, den Reißverschluss der Skijacke bis zum Anschlag geschlossen, ergreife ich mit den behandschuhten Fingern die Kapuze, ziehe sie mir bis tief ins Gesicht und kämpfe beinahe blind gegen den bitterkalten Sturm an. Man kann kaum die Hand vor Augen sehen, geschweige denn die schneebedeckte Bergkulisse, um sich an ihr zu orientieren.
Einen Fuß vor den anderen setzend, die freie Hand zum Schutze vor meinem Körper ausgestreckt, wate ich durch den meterhohen Schnee, dessen vereiste Kruste unter jedem kräftezehrenden Tritt knackt und mich tief einsacken lässt. Die Skischuhe fühlen sich wie Blei an meinen schmalen, zierlichen Füßen an, wenn man doch sonst nur Ballett- und Stöckelschuhe gewohnt ist, und lassen mich praktisch auf der Stelle treten. Die Schritte, bevor ich gezwungenermaßen rasten muss, kann ich an einer Hand abzählen. Ein kleiner Trost: Die eng- und hochgeschlossenen Schalenschuhe halten meine Füße warm.
Ich habe mich in das an der Piste angrenzende Wäldchen gerettet, um zwischen und unter den hohen, nadeligen Föhren Schutz zu suchen. Sie beschützen mich zwar etwas vor dem Sturm, andererseits nicht vor den frostigen Temperaturen, die, je länger ich ausharre, ihren Tribut zollen.
Ich nutze das kurze Zeitfenster, die Windstille, ziehe, oh graust es mir, den Handschuh von der rechten Hand und fische mein Mobiltelefon aus der Jackentasche. Der runde Knopf lässt das Display flüchtig aufleuchten, doch meine Finger sind zu kalt und zu steif, um den Touchscreen zu bedienen. Das Handy reagiert nicht und schaltet wiederum in den Standby. Abermals drücke ich die Home-Taste, um es zum Leben zu erwecken, jedoch erfolglos. Das Display bleibt schwarz. Mist! Ich lasse das nutzlose Gerät wieder verschwinden, bekomme mit größter Mühe den Handschuh übergestreift und begebe mich tiefer ins Waldesinnere, auf der Suche nach einem Unterschlupf.
Ich wate und wate, zittere dabei wie Espenlaub, und mein Körper aktiviert auch noch die letzte Schutzmaßnahme, damit mir etwas wärmer wird: Meine Zähne klappern laut und unkontrolliert. Dennoch schleicht sich die Kälte in meine Gliedmaßen, entzieht meinen Fingern jegliches Gefühl. Meine Nase pikst, als befänden sich darin keine feinen Härchen, sondern spitze Nadeln, Mini-Eiszapfen. Zudem werde ich beinahe meines Geruchssinns beraubt, und beim Atmen durch den Mund drohen meine spröden Lippen aufzuplatzen.
Wärmend reibe ich die Hände aneinander, führe sie zu meinem Mund und puste in die zu einer Schale geformten Handflächen. Der laue, feuchte Atem wird zu einer Nebelwolke und beschlägt die dunklen Brillengläser. Einen Wimpernschlag später bilden sich auf der glatten, spiegelnden Oberfläche kleine Wassertröpfchen, die sich zu einem Rinnsal formieren und, von der Schwerkraft angezogen, am unteren Brillenrand sammeln, dort zu Eiskristallen gefrieren.
Ich bin in einem verdammten Albtraum gefangen!
„Hilfe!“, brülle ich aus Leibeskräften gegen den durch die Äste tosenden Wind an, aber mein verzweifelter Ruf findet kein Gehör. Jeder tiefe Atemzug brennt in meiner Lunge und trotzdem starte ich noch einen Versuch: „Hilfe! Hört mich denn niemand?“ Ich lausche angestrengt, doch außer den Geräuschen einer unberechenbaren Natur – pfeifender Wind, knackende Äste, aufeinander reibende, klirrende Eisplatten, knirschender Schnee – umgibt mich nichts … gähnende Leere, keine Menschenseele. Selbst die Tiere haben sich in ihre Löcher, Höhlen, Nester zurückgezogen und halten Winterschlaf oder suchen Schutz vor Kälte und Sturm.
Je länger ich durch den kniehohen, weißen Bodenbelag stapfe, mich durch die dichten, aufwirbelnden Flocken kämpfe, die zwischen den Baumstämmen hindurchpreschen und mir ins Gesicht prasseln, meinem Kinn das Gefühl geben, als verdammtes Stecknadelkissen herhalten zu müssen, und je finsterer es um mich herum wird, umso mehr keimt Angst in mir auf, diese eisige Hölle nicht mehr lebend zu verlassen.
Verdammter Schneesturm!
Verdammte arktische Kälte!
Verfluchte Berge!
Unter der dicken Skijacke, die nicht die Wärme bietet, wie sie vom Hersteller angepriesen wurde, bricht mir der kalte Angstschweiß durch sämtliche Poren und droht mich nur noch mehr auszukühlen. Zudem spüre ich, wie eine körperliche und geistige Erschöpfung auf mich hereinstürzt. Mein Kampf, der Kälte zu trotzen, scheitert kläglich.
Am Ende meiner Kräfte lehne ich mich gegen einen Baumstamm. Meine müden Beine geben nach und ich sacke in die Hocke. Hoffnungslosigkeit treibt mir brennende Tränen in die Augen, die ich mühselig aus den Augenwinkeln presse und die bei der Berührung meiner Wangen zwickend zu Eis erstarren. Ich ziehe die Handschuhe aus, nehme meine Sonnenbrille ab, löse eine der gefrorenen Tränen ziepend von meiner Haut und führe sie mir auf der Spitze des Zeigefingers vor Augen. Ich sehe, wie sich flackerndes, warmes Licht darin spiegelt, bilde mir gar ein, ein wärmendes Kaminfeuer zu riechen. Mühsam blinzle ich gegen die Schneeflocken an, und tatsächlich erspähe ich eine bewohnte Berghütte, keine dreißig Schritte mehr von mir entfernt.
Ich schöpfe meine letzten Kraftreserven, rappele mich wieder auf die Beine und begebe mich auf die noch so kleine, lodernde Flamme im beschlagenen Fenster zu. Sie wächst wie auch die Hoffnung in mir.
Gleich! Gleich bin ich in Sicherheit … in der Wärme.
Mein Blick ist starr auf das durch die überbrückte Entfernung immer größer werdende glühende Holzscheit im Kamin gerichtet.
Das Ziel, die rettende Tür, schon beinahe in Griffnähe, gerate ich auf der festgetretenen und vom Schmelzwasser glasierten Schneedecke ins Schlittern. In meiner Not erfasse ich die Klinke und platze geradewegs mit der Tür ins Haus, lande auf allen vieren auf dem rauen, alten Holzboden. Mollige Wärme schlägt mir entgegen, bringt meine Haut zum Glühen, ebenso wie das irritierte Gesicht des Hausherrn meine Wangen in einem feurigen Rot erstrahlen lässt, als ich verschämt zu ihm aufsehe.
„So…so…sorry. I…ich fr…frie…re.“ Die klappernden Zähne lassen mich stottern. „B…b…bitte gew…währen Sie m…m…mir U…u…unterschl…upf.“
Sein Gesicht liegt halb im Schatten, die andere Hälfte spiegelt das flimmernde Muster des Feuers wider, welches ihm ein mysteriöses Aussehen verleiht, aber dennoch nicht viel von seinen Gesichtszügen preisgibt; einzig seine eisblauen Augen stechen hervor. In den frostigen Iriden flackert Mitleid auf und das kleine Ebenbild der Flamme, die im Kamin lodert.
Der gezwungene Gastgeber macht eine einladende Bewegung zum Cheminée, verschwindet aus meinem Blickfeld und schließt die offene Tür rasch hinter mir zu, damit die Wärme nicht entweichen kann.
Ich krieche über den unebenen, knarrenden Holzboden zum Feuer und lasse mich auf dem cremefarbenen gewobenen Teppich nieder, der sich unmittelbar davor befindet. Gierig strecke ich die Hände der wärmenden Quelle entgegen, setze sie der wohltuenden Hitze aus, die das lodernde Holzscheit ausstrahlt. Ich reibe meine Handteller immer wieder aneinander, puste hinein und führe die lauen Flächen zu meinen Wangen, um auch mein unterkühltes Gesicht zu temperieren. Doch das Schlottern nimmt kein Ende.
„Sie sind ja vollkommen durchgefroren; doch solange Sie in den kalten, durchnässten Sachen stecken, können Sie nicht auftauen … Erst mal müssen wir Sie davon befreien, damit die Hitze direkt an Ihren Körper gelangt …“
In meinem Sichtfeld erscheinen seine Filzpantoffeln. Mein Blick wandert seine ausgewaschene Jeans entlang hoch, gleitet über den schwarzen, gerippten Rollkragenpulli, welcher seinen athletischen Oberkörper und die breiten Schultern bedeckt, und zu guter Letzt, seiner Worte bewusst, sehe ich entgeistert in seine so vertraut wirkenden Augen.
„Das soll keine billige Anmache sein“, weiß er meinen bestürzten Gesichtsausdruck zu deuten und hebt entwaffnet die Hände.
Eigentlich klingt seine Erklärung plausibel, muss ich mir eingestehen.
Mühsam knie ich mich auf und lasse mich erschöpft zurück auf die Fersen sinken. Viele kleine, piksende Nadelspitzen bohren sich in meine Fingerkuppen, meine Handflächen brennen wie Feuer. Ich bin nicht in der Lage, den Zipper meiner Winterjacke zu fassen, geschweige denn die geschlossenen, halb gefrorenen Metallschnallen meiner Skischuhe zu öffnen. Meine Hilflosigkeit treibt mir die Tränen in die Augen.
„Ruhig Blut, Kleine“, dringt es vertraut an mein Ohr. Ich spüre prickelnde Wärme tief in meinem Unterleib aufkeimen, jedoch rührt sie nicht vom flackernden Cheminée-Feuer, sondern von seiner sanften, doch rauchigen Stimme, die mich beruhigend umgarnt.
Der junge Hüttenwart kniet sich vor mich hin, schält mich aus der beinahe starr gefrorenen Jacke, rupft mir die Mütze vom Kopf und entblößt mein langes, schwarzes, glänzendes Haar, das sich in seidenen Wellen über meine Schulter und meinen Rücken ergießt.
Sein schmaler Mund, von einem kurz gestutzten, dunklen Bart umrahmt, öffnet sich zu einem anerkennenden Raunen und nähert sich meinen vor Kälte kribbelnden Lippen. Sein warmer Atem umschmeichelt sie, prickelt auf meiner unterkühlten Haut rund um meinen Mund.
„Deine Lippen sind ganz blau, soll ich sie wärmen?“
War das jetzt eine Aufforderung zum Kuss? Seinem verschmitzten Grinsen nach zu urteilen, ja.
Wie hypnotisiert blicke ich auf den verlockenden Mund, der von feinen Fältchen umgeben ist, wenn seine Mundwinkel zucken, und verspüre tief in meinem Innern ein sehnsüchtiges Verlangen danach.
Nur sein Kuss, seine Nähe, seine Körperwärme können mir Linderung verschaffen!
Ich schließe ergeben die Augen, recke ihm mein Kinn entgegen, erteile ihm somit die stumme Einwilligung. Seine Hände umfassen mein Gesicht und er bläst seinen heißen Atem gegen meine Lippen, zeichnet ihre Konturen nach, verursacht ein aufregendes Kribbeln. Sein minziger Atem sickert in meine Mundhöhle und ich sauge ihn dürstend in mich auf. Plötzlich ist es die Zunge des Fremden, die die Prozedur wiederholt, dem angehauchten Pinselstrich seines Odems folgt, ehe sie sich zwischen meine Lippen drängt, die ausgekühlte Höhle durchforstet und ihr einheizt. Sie gleitet über die oberen Zähne, die wie Eiszapfen von der Decke ragen, und umkreist meine Zunge, hüllt sie in warmen Speichel, kitzelt sie wach, während sich seine weichen Lippen sachte auf meine pressen. Seine Sanftmut und seine Glut dringen tief in mein Innerstes, erwärmen mein Herz und erhitzen mich von innen. Die äußere Hülle, meine Haut, mein Körper, bleibt nach wie vor steif und gefroren und macht sich mit Beben und Zähneklappern bemerkbar. Unweigerlich gerät seine Zunge zwischen meine Zähne, was ihn, im wahrsten Sinne des Wortes, verbissen zurückweichen lässt.
„So…so…sorry“, stammle ich und lächle zerknirscht, bedauere zugleich den abrupten Verlust seiner Zärtlichkeit.
„Ich muss mich entschuldigen, denn ich hab mich dazu hinreißen lassen. Erst mal muss dir warm werden. Du musst zu Kräften kommen.“ Er bedenkt mich mit einem vielversprechenden Lächeln, das mich entzückt auf eine Fortsetzung hoffen lässt, und verliert keine Zeit mehr, mich aus den feuchtkalten Kleidern zu schälen. Als Erstes öffnet er den Klettverschluss und die vereisten Schnallen der Skischuhe und befreit meine eingepferchten Füße.
Ein genießerisches Stöhnen entweicht meiner Kehle, als ich die Zehen wieder uneingeschränkt bewegen kann, allerdings verursacht das Blut, das den Weg in die unterkühlten Spitzen findet, ein fieses Brennen, als wäre ich barfuß in einen Ameisenhaufen getreten. Mein Stöhnen geht in ein Jaulen über und ich lasse mich gequält zurück auf den Teppich sinken.
Der Fremde nestelt am Bund meiner Skihose, öffnet Knopf und Reißverschluss. Ich erleichtere ihm das Abstreifen, indem ich meinen Hintern anhebe. Dasselbe Schicksal blüht meiner Strumpfhose, was mir, oh Gott bewahre, die Schamesröte ins Gesicht treibt, weil sie meinen Modefauxpas von heute Morgen aufdeckt: einen rosa Hello-Kitty-Slip. Die zuckenden Mundwinkel meines Retters zeigen, wie viel Mühe es ihn kostet, nicht bis über beide Ohren zu grinsen.
Nach dieser kurzen, zum Schmunzeln verlockenden Ablenkung, fährt er zügig fort. Bald sitze ich nur noch in Slip und BH da. Erst hatte ich ja Bammel, mich auszuziehen, Furcht, mir wäre noch kälter zumute als zuvor, doch die warme Innenluft umschmeichelt meinen Körper sofort, zudem hüllt mich der Hausherr in eine flauschige Wolldecke. Ich kann es mir nicht verkneifen, daran zu riechen, und schlinge mir die Decke über Mund und Nase, inhaliere die Frühlingsfrische des Waschmittels, die Erinnerungen an zu Hause weckt und mir einen sehnsüchtigen Seufzer entringt, als Wehmut mein Herz erfasst.
Ein dunkles Räuspern holt mich ins Hier und Jetzt zurück. In meinem Augenwinkel erscheint eine fordernd dargestreckte Hand. Ich schlüpfe aus Slip und BH und reiche ihm die kühlen, feuchten Fetzen. Bibbernd kauere ich mich wieder zusammen, ziehe die Knie an, darauf bedacht, von Kopf bis Fuß alles, sogar den kleinen Zeh, unter der mollig warmen Decke verschwinden zu lassen.
Nachdem mein Gastgeber die kalten, durchnässten Sachen nahe am Kamin an einer improvisierten Wäscheleine aufgehängt hat, auch seinen Pulli, der wohl ebenfalls etwas Schmelzwasser abbekommen hat, gesellt er sich zu mir.
„Ich hab hier oben leider weder Strom noch Warmwasser, das ich dir auf die Schnelle als Tee oder Kaffee anbieten könnte, doch“, er zieht einen kleinen Edelstahl-Flachmann aus der hinteren Hosentasche, schraubt den Verschluss auf und führt das gluckernde Behältnis an meine Lippen, „Trink! Es wird dir Linderung verschaffen.“
Vorsichtig hebt er es an und ich erhasche einen Blick auf zwei auf den Kopf gestellte, große, geschwungene Lettern, die Initialen A. F., ehe die hochprozentige Flüssigkeit mit meinen Lippen in Berührung kommt, sich, wie’s mir scheint, bis in meine Eingeweide brennt und meiner Kehle ein milderndes „Aaah“ entringt, mich ordentlich durchschüttelt. Er hat nicht zu viel versprochen. Das alkoholische Getränk wärmt mich von innen, vielmehr aber benebelt es meinen Verstand. Ich werde meiner Vernunft beraubt und zunehmend enthemmter.
Das Augenmerk des jungen Hüttenwarts lenkt sich auf meine in einem sündigen Rot lackierten Zehennägel, als sich meine Füße näher ans Feuer wagen, nicht mehr von Nadeln gepeinigt werden und nach Wärme streben. Seine kräftigen Hände schließen sich um meine Fußgelenke, und er führt sie zu seinem Schritt. Ich spüre die zuckende Härte unter meinen Fußballen, fühle mich geschmeichelt, in ihm Lust zu erwecken.
Seine Handflächen streicheln über meinen Fußrücken, reiben das unterkühlte straffe Fleisch, erzeugen damit Wärme, zugleich regen sie die Blutzirkulation weiter an. Wohlig seufzend schließe ich die Augen, genieße seine Liebkosungen und lasse meinen Oberkörper auf den Teppich sinken. Er hebt meinen rechten Fuß an der Ferse an. Sein heißer Atem trifft auf meine Haut, wird von den kratzigen Stoppeln seines Dreitagebarts begleitet, wandert über den Rist und jagt ein erotisches Prickeln meine Beine hoch, das sich zwischen meinen Schenkeln bündelt. Mein leises Stöhnen bestärkt ihn. Er wiederholt die Prozedur, und auch den anderen Fuß lässt er nicht außer Acht. Es scheint mir, als treffe sein heißer Atem geradewegs auf meine Scham. Ein leichtes, vorfreudiges Pochen erwacht in meinem Schoß. Ich zittere, meine Lippen beben, jedoch ist nicht mehr nur die Kälte der alleinige Grund, sondern mein lange unterdrücktes Verlangen.
Im Schutze der Decke, dem Fremden verborgen, fahren meine Fingerspitzen verstohlen über meinen schlanken Hals, gleiten tiefer über die sich heftig hebende und senkende Brust, streifen dabei eine der harten Knospen. Sie wandern über die weiche Haut meines straffen Bauches, erklimmen den gestutzten Venushügel und schieben sich zwischen die feuchten, geschwollenen Falten. Ein Wimmern entschlüpft meiner Kehle, als ich mit der Kuppe die verlangend pulsierende Perle streife, den Ursprung meiner aufkeimenden Lust. Zeige- und Ringfinger teilen die rosigen Lippen, verschaffen mir besseren Zugriff, während mein Mittelfinger sich den Weg zur Quelle bahnt, die herausströmende, cremige Feuchtigkeit lustvoll auf meiner pochenden Klit einmassiert. Ich beiße mir auf die Unterlippe und verhindere ein wollüstiges Aufstöhnen, als wohlige Wärme meinen Körper durchflutet.
Ach, wäre es doch seine Hand, die mich verwöhnt …
Räkelnd neige ich meinen Kopf zur Seite, blinzle neugierig unter meinen langen, schwarzen Wimpern hervor, um ihn, meinen Retter in der Not, meinen Traummann, heimlich zu mustern, mir Anreiz zu verschaffen, doch sein Gesicht liegt im Schatten, da er mit dem Rücken zum Feuer kniet. Einzig seine blauen Augen funkeln. Zuvor noch lüstern auf meine Körpermitte gerichtet, blicken sie jetzt, in derselben Intensität, zu mir hoch.
Hat er einen Fußfetisch oder warum ist er derart erregt?
Eine böse Vorahnung überkommt mich. Ich hebe meinen Kopf an, mein Kinn berührt das nackte Dekolleté und meine Augen wandern den schmalen Streifen entblößter Haut entlang, der sich wie ein Pfad zwischen meinen beiden Hügeln hindurch bis zu meinem Geschlecht schlängelt. Reglos bleibt die Hand auf meiner Scham ruhen, verkrampft sich kurz, aber bevor ich sie wegziehen, mein Gesicht verschämt in der Armbeuge vergraben kann, beugt er sich zu mir vor und bedeckt meine zierliche Hand unter seiner.
„Auch eine effiziente Art, ins Schwitzen zu kommen, ein Solospiel. Jedoch kenne ich da eine viel effektivere Variante, deinen Körper auf Temperaturen beziehungsweise auf Touren zu bringen …“
Seine rau gehauchten Worte gehen mir durch Mark und Bein, bringen meinen Körper abermals zum Zittern und versehen ihn mit einer Gänsehaut. Mithilfe meiner Füße, die an seinem Sixpack ruhen, hätte ich ihn wegstoßen können, allerdings würde ich mich selbst belügen, meinem Körper Zärtlichkeit verwehren, nach der er sich offensichtlich sehnt, nach der ich mich sehne: Seinen mollig warmen Mund, seine kräftigen Hände überall auf meiner Haut zu spüren, nach einem richtigen Kuss und nicht bloß Höhlenforschung, die einzig und allein dem Zweck diente, mich zu erwärmen.
Ein zuversichtliches Lächeln liegt auf den Lippen meines Romeos, und es wird noch breiter, als ich zustimmend nicke. Ich entspanne meine Beine, als seine Hände sachte über meine Schenkel streicheln, lasse ihn weiter zu mir vordringen. Seine Hände schließen sich um meine Knöchel und er führt meine Fußsohlen hinter seinem knackigen, festen Hintern zusammen, spreizt meine Schenkel. Diesmal seiner Aufmerksamkeit voll bewusst, halte ich den Atem an, als er meine offen liegende Spalte sorgfältig betrachtet, und lasse die Luft erleichtert und zufrieden wieder entweichen, als ein anerkennender Laut seine Lippen verlässt.
Seine Fingerspitzen treten den Rückweg an, tänzeln über meinen Fußrücken, von den Unterschenkeln übers Knie zu den Oberschenkeln, Zentimeter für Zentimeter liebkosen sie meine weiche Haut, bis sie auf dem Schamhügel aufeinandertreffen und sich seine Finger ineinander verschränken, alle, bis auf die Daumen. Diese streicheln meine Schenkelinnenseiten entlang, gleiten durch die Furche zwischen Schenkel und Scham, ehe sie die äußeren, vor Feuchtigkeit glänzenden Lippen teilen.
Zeitgleich zu seinem tiefen Einatmen schließe ich die Augen. Als sein warmer Atem auf meine empfindsamste Stelle trifft, er milde dagegenbläst, spüre ich, wie sich dieses wohlige Kribbeln in mir ausbreitet, pure Vorfreude sich durch meinen Körper bahnt und sich daraus ein unbändiges Verlangen entwickelt, von ihm berührt, geleckt, befriedigt zu werden. Sachte gleitet seine warme, feuchte Zunge zwischen meine Schamlippen, erkundet meine intimste Zone, begleitet von meinem lustvollen Stöhnen. Meine ungehaltenen Laute stacheln ihn an, seine Zunge wird fordernder. Meine Lust peitscht wie die Flammen des Kaminfeuers in die Höhe, als er an meiner geschwollenen Perle saugt und sie mit den Zähnen traktiert. Ich bin kaum in der Lage, der Reizüberflutung, die meinen Körper befällt, standzuhalten. Wimmernd winde ich mich auf der Decke, die Fingernägel kratzen über das gewobene Material des Teppichs, um dem Beben entgegenzuwirken. Auch meine Oberschenkel bleiben von Kratzern nicht verschont, als meine Hände fahrig darüberstreichen.
Ich umfasse das Gesicht meines Liebhabers, spüre die piksenden Stoppeln unter meinen Handflächen, während ich ihn mit Streicheleinheiten dazu bringe, von mir abzulassen, damit ich nicht mehr drohe, innerlich zu verglühen. Sein dunkles Lachen vibriert gegen meine überempfindliche Scham, ehe er mich freigibt.
Bewundernd gleitet mein Blick, gefolgt von meinen Händen, über seinen kräftigen Rücken, der das Spiel der Flammen widerspiegelt, als er sich quälend langsam auf mich zubewegt, jeden Quadratzentimeter meiner Haut mit neckischen Liebesbissen und sanften, mildernden Küssen verwöhnt.
„Küss mich … Wärme mich mit deinem Körper … Schlaf mit mir …“, flüstere ich und beiße mir verschämt auf die Unterlippe. Es liegt eindeutig am Schnaps, dass ich meine Sehnsüchte so offen aussprechen kann. Oder?
Er beugt sich über mich, leckt sich die glänzenden Lippen, nach denen ich so lechze, und nähert sich meinem Gesicht, senkt sich auf seine Arme. Sachte umfassen seine Hände mein Gesicht, die Daumen streicheln über meine erhitzten Wangen. Ein erwartungsvolles Kribbeln durchläuft meinen Körper, als sein lauer Atem meine Stupsnase kitzelt, bevor sich seine Lippen auf meine senken und er mich unendlich zärtlich küsst, mich von meiner eigenen Lust kosten lässt.
Meine Fingerspitzen gleiten seine Wirbelsäule entlang, hoch bis zu seinem Nacken, und als sie den Rückweg antreten, meine Nägel den schmalen Grat hinunterkratzen, wird sein Körper von einer Gänsehaut überzogen.
Er seufzt wohlig in meinen Mund, vertieft seinen Kuss.
Meine Daumen verschwinden unter dem Hosenbund, setzen ihre Erkundungstour dem Bund entlang zur Knopfleiste fort, bis die Ausbuchtung seiner Jeans im Trichter meiner Hände liegt.
Mein Romeo stöhnt lustvoll auf, reckt sich meinen Handflächen entgegen.
Habe ich gerade die Erlaubnis bekommen, seine Erektion zu befreien?
Er blinzelt unter den dunklen Wimpern hervor, seine blauen Augen leuchten vor Begierde. „Du kannst mit mir anstellen, was immer dir beliebt. Deine Lust führt uns durch diesen Traum. Sie steht im Mittelpunkt. Lass deiner Fantasie freien Lauf. Ich werde es genießen, was auch immer du für mich vorgesehen hast“, beantwortet er meine unausgesprochene Frage und hilft mir dabei, die Knöpfe seiner Jeans zu öffnen.
Als er sich aufrichtet, entblößt er eine bis zum Anschlag gespannte seidene, schwarze Boxershorts. Er fasst in ihren Bund und streift sich auch diese bis zu den Knöcheln runter, gewährt mir einen ausgiebigen Blick auf seinen kräftigen und bereits voll erigierten Penis, umgeben von dunkelbraunem, säuberlich gestutztem Schamhaar. Mein Lover scheint meinen bewundernden, ehrfürchtigen Blick zu genießen.
Wie er wohl schmecken mag?
Ich streife meine unerklärbare Scheu ab, rappele mich hoch und knie mich vor ihn hin. Parallel gleiten meine Hände von den Knien aufwärts zu seinen Leisten. Rosig und steif reckt sein Schwanz sich mir entgegen, und ich lecke mir genüsslich die Lippen. Der leicht herbe Duft, vermischt mit wohlriechender Seife und einem Hauch von Moschus, kriecht mir in die Nase und berauscht meine Sinne. Ich kann es kaum erwarten, von ihm zu kosten, doch erst …
Federleicht und von meiner Neugier getrieben streichle ich über seine beachtliche Erektion, die wippend und zuckend gegen meine Handfläche stößt, ja, sich geradewegs in meine Hand drängt. Meine Finger schließen sich um den äußerlich samtenen, innerlich hingegen harten Stab, und ich bewege meine Hand auf und ab. Erst sind meine Bemühungen etwas zögerlich, doch mit dem Zunehmen seiner ungehaltenen Laute, seinem rauen, schnellen Atmen, werde ich mutiger. Sie und das Verlangen, das sich auf seinem Gesicht widerspiegelt, sind mein Ansporn.
Ein erster Lusttropfen quillt aus der Öffnung. Ich benetze meine Lippen, lecke über die pralle Eichel und nehme den salzigen Tropfen auf. Tief in mir erwacht das Begehren, mehr von ihm zu kosten, ihn zu befriedigen, ihn bis zur Ekstase zu treiben. Ich stülpe meine Lippen über die glatte Spitze und presse meine Zunge dagegen. Sein Schwanz pulsiert auf ihr und in meiner Faust. Ich umschmeichle ihn mit meiner flatternden Zunge, lecke ihn gierig und sauge, bis Romeos Oberschenkel unter meiner Handfläche erzittert.
Mit einem kräftigen Griff in mein Haar zwingt er meinen Kopf in den Nacken, bringt mich dazu, von ihm abzulassen. Den Körper bebend vom Streben nach Sauerstoff und dem unbändigen Verlangen, das in mir tobt, sehe ich trunken zu ihm auf.
„Süße … sachte!“ Sein Daumen gleitet über meine nasse Unterlippe, trocknet meinen Mundwinkel. „Mit einem Höhepunkt enden gewöhnlich auch die Träume. Willst du deinen Traum wirklich so ausklingen lassen? Unbefriedigt zurückbleiben, wenn ich vor dir wie eine Seifenblase zerplatze?“ Mein Lover geht vor mir in die Hocke, betrachtet mich eingehend. „Du hast einen Wunsch geäußert und diesen würde ich dir gerne erfüllen …“ Mit einem Ruck hebt er mich auf seine Arme, trägt mich durch den spartanisch eingerichteten Raum zum antiken, schmalen Eichenbett, das gerade mal Platz für eine Person bietet. Behutsam stellt er mich ab und bettet die rot-weiß karierte Bettwäsche im Alpenstil zur Seite, damit ich mich setzen kann. Romeo kniet sich vor mich hin, legt seine Hände auf meine Schenkel und sieht fragend zu mir auf. „Hast du immer noch das Bedürfnis, dass ich dich wärme, dich mit meinem Körper bedecke? Mehr Platz bietet dieses Bett nämlich nicht … Ich habe nicht mit Besuch gerechnet.“ Er lächelt etwas verschämt.
Seine Lippen wecken eine Gier, der ich nicht widerstehen kann. Meine Finger ertasten sein Gesicht, die Nägel kratzen über die Stoppeln, ehe ich die Hände zärtlich an seine Wangen lege und seine Frage mit einem Kuss bejahe.
Langsam erhebt er sich, die Lippen noch immer auf meinen, unsere Zungen umschmeicheln einander, während er sich an mich schmiegt, mich mit sanftem Druck in Position bringt. Er stupst mich neckisch mit der Nase an, traktiert meinen Hals mit Liebesbissen, schenkt mir Milderung mit sachten Küssen, als ich mich ergebe, meinen Kopf aufs weiche Kissen bette. Romeo stützt sich auf seine Unterarme ab, um mich nicht mit seinem vollen Gewicht zu belasten. Ich genieße seine Wärme, während er mich mit seinem Körper bedeckt; merk ich doch, dass ich im Vergleich zu ihm nach wie vor ein Eiszapfen bin.
Etwas Heißes, Hartes stößt pochend gegen meine Scham, reibt sich an ihr und sendet ein Prickeln durch meine geschwollenen Lippen, als sie geteilt werden.
Mein Liebhaber hält jedoch inne, schürt meine Lust, meine Sehnsucht. Ebenso ist sein Gesicht meinem so nah, dass sein Atem meinen Mund streichelt, meine Lippen lockt. Er ködert mich. Ich muss mich ihm entgegenrecken, um mehr von ihm zu bekommen. Zeitgleich, als meine Lippen seine berühren, meine Arme sich um seinen Nacken schlingen, die Zunge seinen Mund einnimmt, sich mit seiner duelliert, dringt er mit einem rücksichtsvollen Stoß in mein Geschlecht.
Das Stöhnen, das er mir entlockt, als ich ihn endlich in mir spüre, wird von seinem Mund gedämpft. Zudem nehme ich ein Pulsieren tief zwischen meinen Schenkeln wahr, das an Intensität zunimmt, wenn sich meine Mitte lustvoll um seine Härte schließt. Es rührt nicht nur von meinem Schoß, sondern auch von seinem Penis, von welchem ich so herrlich ausgefüllt werde.
Mein Lover verharrt einen Augenblick, gewährt uns eine Verschnaufpause, um uns aneinander zu gewöhnen, ehe er beginnt, sich sachte in mir zu bewegen. Er kreist mit den Hüften, gleitet ein Stück weit aus mir heraus und erobert mich aufs Neue. Der gleichmäßige, bedächtige Rhythmus seiner Stöße gleicht sich dem seines Atems an. Sie werden rauer, ungehaltener und schneller.
Prickelnde Hitze zieht sich durch meinen Schoß, die Reibung unserer beiden Körper erwärmt meine Haut. Schweiß tritt aus all meinen Poren. Ich recke mich ihm immer wieder entgegen, lechze nach seinem Schwanz und empfange ihn stöhnend. Schon bald fiebere ich meinem Höhepunkt entgegen …
Kurz bevor der Orgasmus über mich hereinbricht, umfassen die Hände meines Geliebten mein Gesicht, die Daumen liebkosen sachte meine erhitzten Wangen. „Irina!“, dringt seine Stimme rau an mein Ohr. „Lass mich dir noch ein letztes Mal in die Augen sehen …“
Flatternd öffne ich meine Lider; berauscht von der Hitze, die in mir tobt, blinzle ich gegen den Nebelschleier an und werde vom intensiven Blau seiner Augen gebannt. Das Einzige an ihm, das ich noch klar wahrnehmen kann. Mein Liebhaber verblasst nach und nach. Ich versuche ihn zu fassen, mich an ihm festzuhalten, doch eine Art Schweißfilm auf seiner Haut verhindert dies. Verzweifelt kämpfe ich gegen das aufkeimende unbekannte Gefühl in meinem Innern an, um ihn noch länger bei mir zu haben.
„Ruhig … Liebes … Lass es zu …“
Seine Stimme schwindet. Jedoch erobert die Glut, die er mit seinen letzten Stößen in meinem Unterleib entfacht, meinen bebenden Körper. Sie erhitzt mich von der Zehenspitze bis zur Kopfhaut, wie mein Liebster es mir versprochen hat …
~*~
Völlig außer Atem schlage ich die Augen auf. Meine Brust hebt und senkt sich heftig samt meiner linken Hand, die auf dem schweißnassen Dekolleté ruht. Darunter rast mein Herz, als würde es gleich zerspringen. Dieses unbeschreibliche, intensive Gefühl, das sich an meinem schutzlosen Körper vergangen, mich im Schlaf überwältigt hat, zieht sich an seinen Ursprungsort zurück. Es tätigt seinen letzten Atemzug unter meinen Fingerspitzen und erstirbt mit sachten Schlägen.
Heißes, nasses Fleisch ummantelt meine Finger und mir wird schlagartig klar, wo sich meine rechte Hand befindet: Sie bedeckt meinen Venushügel; Zeige-, Mittel- und Ringfinger liegen auf meiner geschwollenen, überreizten Perle.
Wie zu Anfang meines erotischen Traums, als ich meinem Liebhaber diesen Anblick bot … Wie hat er es genannt? Solospiel?
Und wie im Traum hebe ich meinen Kopf an, mein Kinn berührt das nackte, verschwitzte Dekolleté und meine Augen wandern über den Oberkörper hinab zu der Hand, die sich in meine Panty verirrt hat. Der Schein des Mondes, der durchs Dachfenster dringt, setzt das Bett und meine aufreizende, sündige Pose in Szene, denn er überzieht die Blässe meiner Haut mit einem perlmuttartigen Schimmer.
Da habe ich dem Mann im Mond wohl eine Peepshow geboten …
Beschämt ziehe ich die Hand aus dem Höschen, strample die Decke von den Beinen, die sich um meine Unterschenkel verheddert hat, und flüchte an das Kopfende des Bettes, rette mich aus dem kühlen blauen Strahl des Trabanten. Ich lehne mich gegen das Kopfteil, ziehe meine Knie an, mache mich so klein wie möglich, sodass nur noch die Zehenspitzen vom Schein erfasst werden.
Ich werde mein Zimmer umstellen müssen, oder vielleicht hilft auch schon ein Rollo … War der Mond schuld an meinem Sextraum? Ich reagiere wohl doch empfindlich auf die Mondphasen. Liegt das am Höhenunterschied? Immerhin bin ich ihm hier oben in den Bergen einen knappen Kilometer näher …
Dass ich mich im Schlaf befummelt habe, mich gar zum Orgasmus gebracht habe, das ist mir noch nie untergekommen. Selbst im Wachzustand tue ich mich schwer damit, um nicht zu sagen, erfolglos. Immer wieder wurde ich ausgebremst von meiner Scham, dem Gedanken, dass sich das nicht gehört. Hätte ich nicht den eindeutigen, cremigen Beweis zwischen meinen Fingerspitzen, die ich aneinanderreibe, und mich in dieser offensichtlichen Pose vorgefunden, hätte ich wirklich gedacht, dass allein die Bilder in meinem Kopf für meinen ersten Höhepunkt verantwortlich waren.
Mein Hirngespinst, mein Kopfkino, mein imaginärer Liebhaber waren ausschlaggebend für meinen, im wahrsten Sinne des Wortes, feuchten Traum … Seine Augen, seine Stimme, sein Geruch … seine Taten. Ich habe unsere heißkalte Begegnung, die Gefühle, die er in mir wachgerufen hat, in diesem Traum verarbeitet, der dieselben Attribute aufwies – heiß und kalt …
Hugo Boss hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen und durch ihn sollte ich jetzt erschöpft sein, doch ich bin zu aufgewühlt, werde den Schlaf wohl auch nicht mehr auf Anhieb finden …
Auf Zehenspitzen begebe ich mich, mit frischer Wäsche und Kimono über dem Arm, ins Bad, um mich zu waschen und umzuziehen. Hinterher mache ich es mir im Wohnzimmer auf dem Sofa gemütlich. Ich verschränke die Arme auf der Rückenlehne, bette mein Kinn auf die improvisierte Stütze und blicke zum Fenster hinaus. Der Mond präsentiert sich als mächtige runde Scheibe, als Vollmond, und hüllt die Berggipfel in eine azurblaue Decke. Selbst die Sterne scheinen in den Bergen heller zu leuchten als in der Stadt – büßen sie doch dort durchs künstliche Lichtermeer, durch die Entfernung viel von ihrem Glanz ein.
Im rechten Augenwinkel vernehme ich das Aufflackern eines Lichts. Es hat die Form eines Dreiecks und zieht sofort meine gesamte Aufmerksamkeit, meine Bewunderung auf sich. Der oberste Stock der Villa auf der Anhöhe ist hell erleuchtet. Die Front muss vollständig aus Glas gefertigt sein. Ein Glaspalast.
Meine Augen formen sich zu Schlitzen, um ein genaueres Bild vom vermeintlichen Herrscherhaus zu erhaschen, Details zu erkennen, und ich bemerke eine dunkle Gestalt, einen Schatten am Fenster. Der Hausherr starrt ebenfalls in die Ferne, findet wohl auch keinen Schlaf.
Ich bilde mir ein, unter seinem Schutze zu stehen. Wärme umschmeichelt mein Herz. Mein Körper wird von einem wohligen Gefühl erfasst. Sanft lullt es mich ein. Meine Lider flattern zu und endlich falle ich, mit dem Empfinden behütet und bewacht zu werden, in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Kapitel 2
Klapperndes Geschirr lässt mich aus dem Schlaf hochschrecken. Es hört sich ganz danach an, als ob Corinne die Frühstückstheke deckt, und es riecht auch so. Der Geruch von frisch aufgebrühtem Kaffee und gebackenen Brötchen lockt mich in die Küche. Schlaftrunken biege ich um die Ecke und erstarre in meiner, von einem herzhaften Gähnen begleiteten, morgendlichen Streckübung, sowie ich vor einem beinahe nackten Kerl stehe, sein bestes Stück unter einer Karo-Boxershorts verborgen.
Vor Schreck rutscht mir das Herz in die Hose. Hose? Schlagartig wird mir bewusst, ich trage einen Pyjametti; eine kurze Panty mit Hemdchen. Der Kimono, den ich darüber gezogen habe, ist noch nicht einmal geschlossen. Sofort bin ich hellwach und richte hastig den knappen Morgenmantel, binde die Schleife zu, damit ich dem unerwarteten Gast keine allzu tiefen Einblicke mehr gewähre.
Nur mit Mühe gelingt es ihm, seinen Blick von meinen Brüsten loszureißen, obwohl diese jetzt vollkommen von dem seidenen Stoff bedeckt sind. Ein spitzbübisches Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus, bei seinem Hipsterbart wäre es mir fast entgangen. Ebenso widersprüchlich jungenhaft kratzt er sich am Hinterkopf, spannt dabei seinen Bizeps an.
Ach herrje, ich weiß gar nicht mehr, wo ich hinsehen soll …
Wen habe ich da eigentlich vor mir? Corinnes Liebhaber? Da sie ihren nächtlichen Besucher nicht weiter erwähnt hat, habe ich angenommen, es wäre nichts Ernstes, doch er bleibt bis zum Morgen, macht sogar Frühstück, deckt den Tisch für drei … Ihr Freund? Warum dann diese Geheimniskrämerei?
Ich verschränke die Arme vor der Brust. Mein Herz befindet sich nun wieder an Ort und Stelle.
„Hallo Irina. Ich bin Marc, Corinnes Freund.“
Diese Stimme kommt mir bekannt vor, auch die Gestik und die Mimik, jedoch nicht in Verbindung mit diesem, ich schlucke trocken, barbarisch behaarten Gesicht und diesen graublauen Augen.
„Corinne hat mir schon viel von dir erzählt.“ Er streckt mir seine Hand entgegen, die ich zaghaft ergreife.
„Das kann ich von dir leider nicht behaupten. Ich habe erst gestern Nacht von deiner Existenz erfahren.“ Mein Lächeln ist genauso schüchtern wie mein Händedruck.
„Wie ich sehe, habt ihr bereits Bekanntschaft gemacht.“ Corinne gesellt sich zu Marc, legt ihre Hände an sein Gesicht, ihre manikürten Fingernägel durchforsten seine Hipsterbehaarung, während sie ihn zärtlich küsst.
Wahrscheinlich dauert der Guten-Morgen-Kuss noch ein klein wenig länger und so verziehe ich mich in mein Zimmer, um mir etwas überzuziehen.
Corinne und Marc, der sich in der Zwischenzeit ebenfalls angezogen hat, sitzen an der Küchenbar und frühstücken. Ich hocke mich den beiden gegenüber an den gedeckten freien Platz. Eigentlich wäre jetzt genau der richtige Zeitpunkt für ein Verhör. Ich brenne darauf zu erfahren, wie sie sich kennengelernt haben, wie lange sie schon zusammen sind und möchte nebenher auch der Tatsache auf den Grund gehen, warum mir Marc so verdammt bekannt vorkommt, doch Corinne lenkt gekonnt von sich ab.
„Cousinchen. Wann hast du dir das Piercing stechen lassen?“ Sie zeigt auf das eisblaue Steinchen zwischen meinen Brüsten.
Wieder wird Marcs Aufmerksamkeit auf meinen Busen gelenkt. Das herrlich duftende Brötchen, in das ich gerade so genüsslich gebissen habe, rutscht nur schwerfällig meine Kehle runter.
„An meinem 18. Geburtstag“, kläre ich sie krächzend auf.
Sie quittiert es mit einem Daumen-hoch, während Marcs Blick von meinem Piercing zum Kettchen, dessen Anhänger genauso glitzert, fasziniert zu meinen ebenso eisblauen Augen wandert. „Mit deinen Augen könntest du Alains Husky Konkurrenz machen“, sagt er nichts ahnend und tritt ins Fettnäpfchen.
„Bitte?“ Irritiert lege ich mein Brötchen zurück auf den Teller. „Du vergleichst mich mit einem Hund?“ Ich bin empört.
„Nicht, Marc! Wunder Punkt!“, zischt Corinne.
Die bedrückende Stille, die eingetreten ist, dauert schon viel zu lange an. Marc wurde der Mund verboten, der wird bestimmt kein neues Thema mehr aufgreifen, und Corinne, der sehe ich an, dass sie sich innerlich grün und blau ärgert. So bekomme ich endlich die Chance zu fragen, was mir schon so lange auf der Zunge brennt: „Erzählt mal. Wie habt ihr euch kennengelernt?“ Mein Blick schweift von einem zum anderen.
Marc ist es, der das Wort ergreift: „Corinne und ich sind eigentlich schon seit dem Kindergarten befreundet.“
„Befreundet? Du hast mich gequält wie, wo und wann du nur konntest. Du Schuft!“ Sie verpasst ihm einen Rüffel. „Er hat mich im Sandkasten mit Sand beworfen. In der Grundschule an den Haaren gezogen und mich als Hamsterbacke beschimpft.“ Um es zu veranschaulichen, plustert sie die Wangen auf. „Später hat er mir bei jeder Gelegenheit unter den Rock geschaut, dieser Lüstling!“, äußert sie sich melodramatisch.
„Musst du immer noch darauf rumhacken, Chérie?“ Marc spielt den Gekränkten. „Ich habe mich doch schon tausendfach bei dir entschuldigt.“
Während sich Corinne und Marc ein heißes Wortgefecht liefern, ihre Funken nur so versprühen, rührt sich in meinem Innern ein Hauch von Neid …
„Entschuldigt? Du hast erst damit aufgehört, als ich dir eine ordentliche Abreibung verpasst habe“, stellt sie richtig. „Erst danach kamst du angekrochen und batest mich um Verzeihung.“
„Besser spät als nie“, bemerkt er feixend und knufft Corinne in die Seite, sodass sie vom Stuhl hochschreckt.
Schmunzelnd betrachte ich das Schauspiel und kann mir nur mit Mühe das dümmliche Grinsen verkneifen, das mein Gesicht einzunehmen droht. Was sich liebt, das neckt sich, denke ich mir. Die beiden turteln wie ein frisch verliebtes Paar und so rührt sich in mir die Frage: „Und wie lange seid ihr schon zusammen?“
„Seit drei Jahren“, antwortet sie und blickt Marc verliebt in die Augen.
„Und du erwähnst ihn erst jetzt?“, frage ich verblüfft.
„Ich wollte eben nicht, dass der Hauptmann Wind davon kriegt.“
Seufzend verdrehe ich die Augen. Paps mal wieder … Auch Corinne blieb von seinem Beschützerdrang kaum verschont, als Onkel Peter, ihr Dad, das Weite gesucht hatte.
„Du, Marcs Vater ist der Inhaber mehrerer Hotels, Restaurants und Bars in der Gegend. Auch der Heliport gehört zu seinen bescheidenen Bauten. Außerdem hat er großen Einfluss auf die Bergbahnen. Wenn du einen Job suchst, bist du bei meinem Schatz an der richtigen Adresse.“ Sie klopft Marc dabei auf die Schulter.
Dieser mustert mich. „Nach Kellnerinnen und Barmaids halten wir immer Ausschau …“
„Marc!“ Ein tadelnder Unterton liegt in ihrer Stimme.
„Als Restaurantleiterin sehe ich sie nicht, tut mir leid, dafür ist sie eindeutig zu jung …“, seufzt er und möchte gerade in sein mit Schinken belegtes Brötchen beißen, doch Corinne lässt einfach nicht locker.
„Schatz. Die Gastronomie scheint mir eh nicht das Richtige zu sein. Ich dachte da eher …“
„… an den Verwaltungstrakt?“, führt Marc Corinnes Satz zu Ende. „Du weißt, das ist nicht mein Metier.“
„Aber ich dachte, du könntest beim Senior oder bei deinem Bruder ein gutes Wort für sie einlegen.“
Er runzelt die Stirn. „Chérie. Ich bin froh, wenn sich die beiden nicht in meinen Bereich einmischen, also halte ich mich auch aus ihren Angelegenheiten heraus. Du weißt, wie ich es hasse, überhaupt einen Fuß in den beschissenen Bürotrakt setzen zu müssen …“ Marc ist der Appetit vergangen und schiebt seinen Teller von sich.
„Bitte, Marc“, beharrt sie.
„Ach Corinne. Lass ihn. Streitet euch nicht meinetwegen. Ich werde mich selbst um eine Arbeitsstelle kümmern“, versuche ich sie zu beschwichtigen, doch meine Cousine verzieht sich beleidigt ins Bad. „Du hast kein sonderlich gutes Verhältnis zu deinem Vater und … deinem Bruder?“, frage ich vorsichtig nach.
„Mein Vater ist ein altes Scheusal … deprimiert und herrisch. Mein Bruder ist auf dem besten Weg, es ihm gleichzutun“, lästert er über seine Familie.
„Oh!“
Warum weiß ich nicht, wann es besser ist, ein Thema ad acta zu legen? Weil die Tatsache, dass er einen Bruder hat, dich nicht mehr loslässt!
„Bevor du mich nach meiner Mutter fragst … Nein, die hat ihn nicht verlassen, sie ist gestorben. Ich durfte sie nie kennenlernen …“ Marc verstummt.
„Das tut mir leid, Marc.“ Mitfühlend lege ich die Hand auf meine Brust. Ich kann seinen Verlust nachempfinden.
„Irina. Wenn es dir nichts ausmacht … Ich hoffe, du hast nichts dagegen, wenn ich des Öfteren hier übernachte?“, fragt er etwas zögerlich.
„Ich kann mir vorstellen, dass ein reiner Männerhaushalt ziemlich anstrengend sein kann. Ich habe nichts dagegen.“
„Oh nein. Ich wohne nicht mit den beiden zusammen. Jeder von uns dreien hat eine eigene Wohnung, dennoch befinden sie sich alle im selben Haus. Man läuft sich andauernd über den Weg.“
„Ich verstehe dich … Es macht mir wirklich nichts aus.“
Er stößt einen Seufzer der Erleichterung aus.
„Siehst du, Schatz. Das war doch gar kein Problem, sie danach zu fragen.“ Corinne gesellt sich wieder zu uns. Ihr Gemüt hat sich beruhigt.
„Ich beiße nicht, obwohl du mich mit einem Hund verglichen hast“, scherze ich.
„Irina. So habe ich das doch nicht gemeint. Deine Augenfarbe. Sie sieht der eines Huskys …“
„Marc. Ich nehme dich auf den Arm und fasse es als Kompliment auf, außer du denkst dabei an ein wirklich bösartiges Exemplar …“ Ich hebe fragend eine Augenbraue.
Entgeistert sieht er mich an.
„Sie hat dich ertappt!“ Corinne bricht in lautes Gelächter aus.
„Du musst zugeben, dass Alains Husky mich nicht leiden kann.“
„Ach komm schon, Marc. Bourbon kann auch anders …“
Bourbon.
Das Puzzlestück ist mir einfach so in den Schoß gefallen, ebenso meine mit Butter beschmierte Brötchenhälfte. „Sch…“ Mein Fluch verstummt abrupt, als ich feststelle, dass ich Glück hatte und der Aufstrich nicht auf meiner Hose gelandet ist.
„Ach Irina. Macht doch nichts. Du musst dich eh noch für die Piste umziehen.“
„Ist nichts passiert. Ich habe ausnahmsweise einmal die richtige Seite bestrichen“, scherze ich, während ich das Brötchen zurück auf den Teller lege. Der Appetit ist mir aber definitiv vergangen, denn statt Hunger schwirren jetzt bestimmt tausend Schmetterlinge in meinem Bauch umher. „Bourbon? Wie Bourbon Whiskey?“
Wie war noch mal sein Vorname? Etwas mit A. Leider habe ich nicht aufgepasst. Wiederhole noch mal seinen Namen! A… Erwartungsvoll sehe ich zu Marc, den Mund bestimmt weit geöffnet. Aaaa…
„Ja, das auch. Aber ich meine Bourbon, den Husky meines Bruders Alain.“
Alain.
Der Fremde, der mir zur Hilfe geeilt ist. Hugo Boss. Die Gestik, die Stimme, die Mimik … der Husky. Es kann sich nur um ihn handeln. „Foster“, huscht mir sein aufgeschnappter Familienname über die Lippen. Mein Herz schlägt beim Gedanken an ihn einen Tick schneller.
Corinne und Marc gucken zuerst sich und dann mich mit großen Augen an. „Woher …“
Marc wird von Corinne unterbrochen: „Du hast Alain kennengelernt?“ Sie macht sich nicht die Mühe, ihr Entsetzen darüber zu verbergen.
„Er ist mir zu Hilfe geeilt, als sich der Absatz meines Schuhs zwischen den Pflastersteinen verkantet hat“, gerate ich schon fast ins Schwärmen. Die Gleichgültigkeit, die ich in den Satz legen wollte, verfliegt, und ich rufe mir Marcs Worte in Erinnerung, um die Euphorie, die mich zu erfassen droht, zu vertreiben. „Ein etwas unangenehmer Zeitgenosse. Er hat den Anruf, der uns unterbrochen hat, mit einem Fluch entgegengenommen und die Person am anderen Ende der Leitung ziemlich zur Schnecke gemacht.“ Und so himmle ich ihn lieber still vor mich hin an.
Innerlich seufze ich verliebt, als meine Gedanken zum Traum wegdriften, in dem er und ich die Hauptrollen spielten … Durch meinen Körper rast ein Prickeln und kleine, feine Erhebungen bilden sich überall auf meiner Haut. Vor meinem inneren Auge flimmert die Szene, als er sich quälend langsam zu mir hocharbeitet, meinen Oberkörper mit seinem Mund verwöhnt. Ich spüre die Hitze, die in meine Wangen steigt, und dieses Kribbeln, als sich diese treulosen Nippel unter meinem Top aufrichten. Mein Traumprinz beugt sich über mich … Gleich, gleich werden er und Alain eins sein … Jedoch, ehe ich sein Bild zu fassen bekomme, zerreißt Corinne es mit ihren Worten in der Luft.
„Alain ist ein Blender, Irina!“
Ihre Warnung holt mich ins Hier und Jetzt zurück. Hastig verschränke ich die Arme vor meiner verräterischen Brust. Hoffentlich hat mich diese allzu offensichtliche Kaschierung nicht verraten …
„Auf den ersten Blick, rein äußerlich, der Traumprinz schlechthin: gut aussehend, geschniegelt und gestriegelt … reich – Prinz Charming, denn er kann wahrlich auch charmant sein, seine Beute umgarnen, um an sein Ziel zu gelangen. Doch innerlich ist er der reinste Widerspruch, und so kann er diese Fassade, diesen Schein, nur für eine kurze Zeit aufrechterhalten … Das Resultat am Morgen danach, also sozusagen auf den zweiten Blick: Der Traum ist zerplatzt und der Prinz hat sich wortwörtlich in Luft aufgelöst … Mehr als ein One-Night-Stand würdest du für ihn nicht sein …“
„Ich habe ja gar nichts gesagt“, rechtfertige ich mich rasch, hebe dabei entwaffnet die Hände. Corinne hat mir einen Dämpfer verpasst und mir mit ihrer ausführlichen Schilderung über meinen vermeintlichen Traumprinzen die natürliche Blässe zurück auf die Wangen gezaubert – eventuell auch eine Nuance heller.
„Ich sah’s an deinem Blick, Irina, und dein entzückter Seufzer war auch nicht zu überhören.“
Seufzer? Also doch nicht die Nippel … Arrgh …
Allerdings beschleicht mich nun ein ungutes Gefühl. „Corinne, deine Moralpredigt klingt, als hättest du selbst diese Erfahrung gemacht …“
„Gottlob nein! Von einheimischen Frauen lässt er prinzipiell die Finger. Er kann sich ja unmöglich durchs ganze Dorf vögeln … Hat er dir irgendwelche Avancen gemacht?“ Corinne hat sich vom Hocker erhoben, macht ihrem Ärger Luft und fordert von mir in ihrer überlegenen Haltung eine Antwort.
„Wir haben kaum zwei Sätze mitein…“
„Chérie. Beruhige dich …“, redet Marc sanft auf seine aufgebrachte Freundin ein und lenkt dabei ihren Fokus auf sich.
„Nimm dir deinen Bruder zur Brust!“ Sie tippt mit dem Zeigefinger gegen die besagte Körperstelle.
„Sollte Irina Alains Aufmerksamkeit erregt haben, so wird er nichts dem Zufall überlassen und früher oder später herausfinden, dass sie sozusagen tabu ist … Er wird sich an ihr nicht die Finger verbrennen. Außerdem ist deine Cousine erwachsen und nimmt sich deine Worte bestimmt zu Herzen, nicht wahr, Irina?“ Marc wirft mir einen verschwörerischen Blick zu. Es scheint ihm wichtig zu sein, dass sich Corinne nicht allzu sehr aufregt. Sein Nicken ist ansteckend.
Ich tue es ihm gleich und nicke wie ein Wackeldackel. Ein stummes Versprechen, das zum Scheitern verurteilt ist.
„Trag deinen Teil dazu bei, damit er es eher früher statt später herausfindet!“, beharrt sie und plustert die Wangen auf, lässt ihren Atem wiederum laut entweichen. „Ich geh mich umziehen. Unser Spaziergang kommt mir gelegen, denn ich muss dringend an die frische Luft.“
Ich habe dasselbe vor und mache mich schneetauglich. Eine Abkühlung wird mir ebenfalls guttun.
„So willst du doch nicht wirklich auf die Piste, Irina. Der Skianzug … Die Farbe ist einfach grässlich“, schilt Corinne mich, als ich in einem lilafarbenen Einteiler vor sie trete. Scheinbar ist sie wieder sie selbst. Guten Morgen, Modepolizei! „Gott sei Dank bin ich so vorausschauend und habe dir zu den Skiern noch den passenden Dress besorgt …“
Und so stehe ich nun, eingekleidet in einen klassischen, schwarzen, zweiteiligen Skianzug – mit roten Zipperschlaufen als Alibi-Farbtupfer –, in der stickigen Kabine der Bergbahn und kämpfe, schlotternd an allen Gliedern, gegen die aufkeimende Höhenangst an.
Tief durchatmen, Irina! Du hast es gleich geschafft. Nur noch ein paar Meter.
Die Seilbahn legt mit heftigem Geruckel an der Bergstation an. Meine Beine zittern immer noch und die Knie sind butterweich, als ich mit den Skiern in der Hand die Kabine verlasse. Mit der anderen Hand wische ich mir den Schweiß von der Stirn.
Da kriegen mich keine zehn Pferde mehr rein!, schwöre ich mir.
„Irina. Das ist Kevin. Er wird deine Skikenntnisse ein wenig auf Vordermann bringen.“ Corinne zieht den sportlichen und sehr attraktiven Typen, der sich gerade noch lässig gegen das Geländer gelehnt hat, näher an mich heran.
„Hi.“ Kevin bugsiert die Sonnenbrille auf seinen Kopf. Er strahlt mich mit seinen haselnussbraunen Augen an, jedoch formen sich seine vollen Lippen zu einem O und in seinem von der Sonne gebräunten kantigen Gesicht spiegelt sich ganz plötzlich Verwunderung.
Oh ja, seinem Teint nach zu urteilen, verbringt er wohl die meiste Zeit an der frischen Luft.
„Hallo Kevin. Freut mich, dich kennenzulernen.“ Lächelnd halte ich ihm die Hand hin. Nach einem flüchtigen Blickwechsel mit Corinne, die ihm verschwörerisch zuzwinkert, ergreift er zögernd meine Hand, und ich kann in seinen Zügen noch immer schieres Erstaunen lesen.
„Irina. Die Freude ist ganz meinerseits.“ Endlich entlocke ich ihm ein Lächeln. Kevin hält meine Hand weiterhin in seiner gefangen und blickt mich lange an, verlässt gedanklich diese Sphäre. Zuerst war er unschlüssig, ob er mir überhaupt die Hand reichen soll, und nun lässt er sie nicht mehr los.
„Kumpel.“ Marc umfasst seine Schulter und drückt sie. „Reiß dich von ihr los, Mann!“
„Ihre Augen …“ Kevin scheint nach wie vor zu schweben. Doch dann besinnt er sich und gibt mich frei. „Sorry. Als Corinne mich als Skilehrer für ihre kleine Cousine, ihr Cousinchen, angeheuert hat, dachte ich, dass sie ein kleines Mädchen meint. Aber du bist … du bist …“
„Ein großes Mädchen?“, führe ich seinen Satz zu Ende.
„Eine wunderhübsche junge Frau. Deine Augen schimmern wie das tiefe Blau eines unergründlichen … ähm … Verdammt! Ich hab den Faden verloren …“ Verlegen kratzt er sich am Hinterkopf, bringt sein dunkelbraunes wirres Haar nur noch mehr durcheinander.
„Ozeans?“, frage ich und schenke ihm ein hinreißendes Lächeln.
„Genau“, stimmt er mir zu.
„Danke.“ Etwas irritiert blicke ich zu Corinne, denn eine bedrückende Stille kündigt sich an.
„Jedenfalls besser, als sie mit den Augen eines Huskys zu vergleichen. So. Habt ein paar schöne Stunden zusammen. Um 14 Uhr treffen wir uns zum Mittagessen neben der Station. Okay?“
Kevin und ich nicken synchron.
„Und Kev. Bring sie heil zurück!“, fügt Corinne ernst hinzu und spaziert Händchen haltend mit Marc davon.
Ich schaue den beiden kopfschüttelnd hinterher und sehe, wie sie frech grinsend zurückblickt.
Ein Verkupplungsversuch! Unmissverständlich!
„Na, dann wollen wir mal.“ Kevin schnallt sich die Skier an. „Bitte zieh die Brille an. Mit Schneeblindheit ist nicht zu spaßen.“
Während ich die Sonnenbrille aufsetze und die Skischuhe in die Skier einklinke, löchert er mich mit Fragen: „Wann warst du das letzte Mal auf der Piste?“
„Ich schätze mal, als ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war“, antworte ich wahrheitsgetreu und blicke ihn sorgenvoll an.
„Mach dir nicht allzu viele Gedanken. Skifahren verlernt man nicht so schnell. Ich werde dir die Grundlagen wieder zeigen und spätestens …“
Es überkommt mich einfach. Ich setze mich in Bewegung und fahre, als hätte ich nie damit aufgehört, neben ihm vorbei. Unten am Sessellift bremse ich so scharfkantig ab, dass der hinterste Mann der Schlange komplett mit Schneestaub eingedeckt wird. Dieser stöhnt auf, als einzelne Eiskristalle mit seinem Nacken in Berührung kommen.
„Es tut mir so leid“, flüstere ich und lächle zerknirscht.
Er schnaubt mich verächtlich an, während er sich von Kopf bis Fuß durchschüttelt, um sich vom dünnen Schneefilm zu befreien.
„Bitte glauben Sie mir. Das war keine Absicht.“
Sein Gesichtsausdruck erhellt sich etwas, denn seine Mundwinkel zucken unter der großen, orangegelb spiegelnden Skibrille, die mir mein etwas verzerrtes Ich vor Augen führt. Kevins Spiegelbild taucht neben meinem auf, und er kommt sanft neben mir zum Stehen.
„Das war ja schon ganz gut. Nur mit dem Bremsen scheint’s noch ein wenig zu hapern.“
Der Fremde presst die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen, dreht den Kopf und starrt wieder nach vorn, schließt zu den anderen auf.
Bei dem bin ich ganz klar unten durch!
Wir rücken immer näher an den Lift. Unbehaglichkeit macht sich in mir breit. Nervös stochere ich mit den Skistöcken im Schnee herum. Ein Sessel nach dem anderen kommt leer zur Station zurück. Das Gehänge mit den Sitzen passiert scheppernd die Umlenkrolle, lässt mich jedes Mal aufs Neue zusammenzucken, und wird beladen wieder den Hügel hochbefördert. Die Schlange vor uns wird immer kleiner und dann sind wir an der Reihe.
„Kev. Das Auf- und Absteigen bereitet mir Sorgen.“ Unsicher begebe ich mich aufs Förderband, und ich höre schon, wie der Zweiersessel naht.
„Keine Angst. Ich werde dich halten“, flirtet Kevin.
Mit seiner Hilfe und dem wachsamen Auge des Liftangestellten, der das Tempo des Gefährts drosselt, schaffe ich es unfallfrei auf den Sessel.
„Siehst du, das lief ja schon ganz gut. Jetzt genießen wir die Aussicht.“
Die Aussicht genießen? Besser nicht. Dieses schaukelnde Ding bereitet mir Unbehagen, und so verwickle ich Kevin in ein Gespräch, um mich abzulenken.
„Kev. Kanntest du den Typen vor uns?“, frage ich und unterbreche die bedrückende Stille.
„Das war Alain Fosters Clique. Derjenige, der die Schneefontäne abbekommen hat, war Ryan.“
Okay. Diesmal weiß ich, dass es an der Zeit ist, das Thema zu wechseln. Es ist nicht zu übersehen und zu überhören, dass er nicht gut auf die Kerle zu sprechen ist.
„Bist du hier geboren?“, starte ich einen neuen Versuch, Konversation zu führen.
„Nein“, winkt er ab. „Ich bin als Zwölfjähriger hergezogen. Meine Eltern empfanden den Ort als ideal. Ich kann das ganze Jahr hindurch für meinen Sport trainieren.“
„Du wohnst noch bei deinen Eltern?“, frage ich unsicher nach.
„Um Himmels willen! Nein! Meine Eltern sind wieder in die Stadt gezogen. Seit ich zwanzig bin, lebe ich allein. Und du, Irina?“
Wieder ruckelt der Sessel, während er einen Mast passiert. Ich kralle mich einerseits an Kevin, andererseits an der Armlehne fest und wage es kaum zu atmen.
„Ich wohne mit Corinne zusammen. Seit gestern“, antworte ich heiser und außer Puste, als ich mich gefangen habe.
Seine Mundwinkel verziehen sich zu einem Lächeln, während er meine behandschuhte Hand umfasst und sachte auf mich einredet: „So ist es gut. Schön weiterreden, unterhalte dich mit mir und sieh am besten mich dabei an … Als Corinne von ihrer kleinen Cousine gesprochen hat, dachte ich wirklich an ein zwölfjähriges Mädchen. Wie alt bist du eigentlich?“
Das Ablenkungsmanöver scheint zu wirken.
„Ich werde am 7. Dezember zwanzig.“ Das Gespräch kommt in die Gänge.
„Was hast du gelernt? Oder hast du studiert?“, fragt er mich neugierig.
„Ich habe eine Lehre als Kauffrau mit berufsbegleitender Matura absolviert.“
„Nicht schlecht“, sagt er anerkennend, richtet seinen Blick kurz nach vorn. „Wir haben’s gleich hinter uns.“
Der Sessellift ruckelt. Wir nähern uns dem Abstiegsort. Ich sehe ihn panisch an.
„Keine Angst. Ich halte dich. Du wirst nicht fallen.“ Kevin öffnet den Bügel und hakt sich bei mir unter. Er hält mich fest, während wir den nicht sehr steilen Abstiegshügel hinuntergleiten.
Huch. Geschafft.
Nach drei Abfahrten bin ich endgültig reif für eine Pause, obwohl sich eine erste Erschöpfung schon nach der nervenaufreibenden Seilbahnfahrt auf den Berg bemerkbar gemacht hat. Kevin fährt mit mir zu einer Schnee-Bar am Rande der Piste. Après-Ski-Gaudi in rustikaler Atmosphäre, in einer Bar, die als Berghütte getarnt ist.
„Irina. Du warst großartig. Ich habe dir doch prophezeit, dass du beim dritten Mal ganz allein vom Lift fahren kannst“, lobt er mich.
„Danke“, murmle ich und setze mich geschafft auf einen der knarrenden Hocker neben ihn an die Bar. Die Handschuhe und die Sonnenbrille lege ich auf die Holztheke.
„Du siehst müde aus.“ Kevin mustert mich besonnen, indes lässt er seinen Zeigefinger über meinen Handrücken gleiten.
Die zärtliche Liebkosung überrumpelt mich und ich entziehe ihm jäh meine Hand. Ich bin nicht darauf gefasst gewesen, dennoch fühlte es sich lediglich nach der Berührung eines Freundes an.
Nicht so die von Foster …
Kevin murmelt ein verlegenes „Sorry“ und reicht mir ein Glas Sekt, welches ich nach dem Anstoßen hastig an die Lippen setze.
„Mineralwasser hätte sich wohl besser geeignet. Trink nicht zu schnell. In der Höhenluft verstärkt sich die Wirkung des Alkohols. Wir müssen die Fahrt noch zu Ende bringen“, klärt er mich fürsorglich auf.
Die Tatsache, dass ich mein Glas bereits geleert habe und seine Warnung etwas zu spät kommt, entlockt mir ein mädchenhaftes Kichern.
Kevin gibt der Bardame ein Zeichen.
„Kev. Du versuchst doch nicht etwa, das Fräulein abzufüllen?“
Diese Stimme. Liegt es am Alkohol oder warum kribbelt plötzlich mein ganzer Körper?
„Foster!“, grummelt Kevin. „Ist das nicht eher deine Masche und die deiner Meute?“
„Diese Tour habe ich nicht nötig …“
Wenn man vom Teufel spricht … Na ja, bei Alain Foster reicht wohl der bloße Gedanke … Und wie ihn Corinne beschrieben hat, wird ihm diese Bezeichnung vollkommen gerecht.
Mit pochendem Herzen drehe ich mich zum blauäugigen Verführer um und werde mir seiner Künste bewusst, als ich meinen Blick nicht mehr von ihm losreißen kann. Mein Traumprinz steht in Fleisch und Blut vor mir, allerdings bringe ich außer einem einfachen heiseren „Hi“ nichts zustande, denn mein Innerstes ist in Aufruhr. Es fühlt sich an, als wäre in meinem Bauch ein Glas voller Schmetterlinge geöffnet worden, die jetzt wirr umherschwirren und dort ihr Unwesen treiben.
Von seinem Blick gebannt, wie unter Hypnose, sehe ich, dass er seine Hand nach meinem Gesicht ausstreckt und sie zärtlich an meine erhitzte Wange schmiegt. In Alains gletscherblauen Augen flackert kurz etwas auf, kaum wahrnehmbar. Hätte ich geblinzelt, wäre es mir wohl entgangen.
War es Wiedersehensfreude … oder gar dieses pure Verlangen, das auch mich erfasst, wenn wir aufeinandertreffen … seine Haut mit meiner in Berührung kommt?
„Die Kleine hat schon ganz rosige Wangen. Sophie, serviere ihr eine Apfelschorle gegen den Durst und besser keinen Alkohol mehr, sodass sie mir ja heil unten ankommt“, wendet er sich an die Barmaid, ohne die Augen von mir zu lassen.
„Ja, Chef“, dringt es an mein Ohr.
„Oder bin ich gar der Auslöser? Hmmm?“, schmunzelt er anzüglich und seine Augen funkeln belustigt.
Ich möchte aufbegehren, doch ich kann mich nicht rühren. Seine Berührung lähmt mich, und ich vergesse für einen Moment die Beschimpfung, die ich ihm an den Kopf werfen wollte. In meinem Kopf schwirrt nur noch ein Gedanke: Wie gerne würde ich diese Lippen auf meinen spüren.
Unmittelbar neben uns scheppert ein Barhocker unheilvoll über den Holzboden – einem Schreckschuss gleich.
Kevin!
Foster setzt sich die Sonnenbrille auf die Nase, kappt unsere Verbindungen; den Blick- und den Hautkontakt, versteht die unmissverständliche Warnung und tritt den Rückzug an. „Sophie. Einen beruhigenden Whisky für Kevin und verbuche alle Getränke unter Spesen …“, ordert er im Gehen.
Sprachlos sehe ich zu, wie Alain aus meinem Blickfeld verschwindet, und reibe über die noch von seiner Liebkosung kribbelnde Wange.
„Sophie. Lass gut sein. Wir müssen los.“ Kevin schlüpft in die Skijacke.
„Kev. Diesen edlen Tropfen würde ich mir nicht entgehen lassen …“ Die Barmaid sieht lächelnd zu ihm auf, die geöffnete Flasche Whisky in der einen Hand, das Glas in der anderen.
„Danke. Ich verzichte.“ Kevin fischt einen Zehner aus seinem Portemonnaie und legt ihn auf den Tresen. „Komm, Irina. Corinne und Marc warten bereits“, stößt er ärgerlich hervor.
„Tschüss.“ Ich rutsche vom Hocker.
Sophie mustert mich schmunzelnd, holt tief Luft, öffnet den Mund, als wolle sie mir noch eine Warnung mit auf den Weg geben, doch sie belässt es bei einem leisen, kurzen „Bye“.
Völlig ausgelaugt setze ich mich zu Corinne und Marc an den Tisch auf der Sonnenterrasse, umzingelt von einem atemberaubenden Bergpanorama. Schon bald schmore ich in meiner schwarzen Skijacke. So ziehe ich sie aus, hänge sie über die Stuhllehne und lehne mich dagegen. Ich werfe meinen Kopf in den Nacken und lasse mich von der prallen Sonne bräunen.
„Und? Wie war’s?“ Corinne hat mir eine kurze Verschnaufpause gegönnt, doch jetzt will sie alles wissen.
Kevin, der neben mir Platz genommen hat, lässt mich aber überhaupt nicht zu Wort kommen. „Irina hat sich echt wacker geschlagen. Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ihr mich gefragt habt, ob ich ihr Stunden gebe. Sie ist ein Naturtalent und es hat mir echt Spaß gemacht, Zeit mit ihr zu verbringen.“
Ich lächle, aber innerlich bin ich nach wie vor etwas aufgewühlt. Die Begegnung mit Foster steckt mir noch tief in den Knochen. Und dass ich mit Komplimenten überhäuft werde, bin ich gar nicht gewohnt. „Danke“, flüstere ich verlegen.
Corinne und Marc werfen sich verschwörerische Blicke zu.
„Kevin. Wie wär’s mit einem Bierchen an der Bar?“, schlägt Marc vor.
„Da sag ich nicht Nein.“
„So. Erzähl. Kev ist ja hin und weg von dir und dich lässt es kalt“, fällt Corinne mit der Tür ins Haus, als wir unter uns sind.
„Er ist nett“, antworte ich kurz und knapp, lasse sie nicht allzu weit vordringen.
„Nett? Irina. Er sieht verdammt gut aus.“
„Wenn er dir so gut gefällt, dann nimm du ihn doch. Ach ja. Ich vergaß, du hast dich für Marc entschieden. Da ist es doch nur fair, wenn ich meine Entscheidungen ebenfalls selber treffen kann“, erkläre ich forsch.
Sie guckt mich mit großen Augen an. „Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?“
Wenn sie wüsste! Eine große namens Alain.
„Entschuldige mich für einen Moment. Wo ist die Toilette?“
„Neben der Bar die Treppe runter“, antwortet sie gekränkt.
Als ich das Restaurant betrete, ziehe ich meine Sonnenbrille aus und klemme sie an mein Top. Ich erblicke Kevin und Marc, die, mir den Rücken zugewandt, an der Bar stehen. Die Treppe zu den Toiletten befindet sich direkt daneben. Ich schreite darauf zu und erst jetzt bemerke ich die Truppe am Tisch daneben, die lautstark diskutiert. Es ist dieselbe Meute wie unten am Sessellift. Alains Clique. Er selbst scheint nicht anwesend. Ich versuche, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen, allerdings ist das mit Skischuhen eine wahre Kunst. Sie klappern auf dem Holzboden wie der Hammer, der anstelle des Nagels auf die Vertäfelung trifft. Das Gespräch verstummt, als ich unmittelbar neben dem Tisch stehe, und im Augenwinkel registriere ich mit Unbehagen: Sie beobachten mich wie ein Rudel hungriger Wölfe ihre Beute. Ich beschleunige meinen Gang und atme erleichtert auf, sobald ich die Treppe erreicht habe. Mit einem Blick über die Schulter vergewissere ich mich, dass mir niemand folgt. Doch der Alphawolf, der unten an der Treppe lauert, raubt mir den Atem und lässt mich in der Bewegung innehalten wie ein Reh, das ins Scheinwerferlicht eines Pkws gerät.
„Verfolgen Sie mich etwa?“ Alain Foster sieht zu mir auf. Aus seiner Stimme filtere ich Belustigung, doch sein Gesicht zeigt sie nicht.
„Ich … ich.“
Herrgott noch mal, Irina! Reiß dich zusammen! Nimm die Antwort, die du dir während der Abfahrt bereitgelegt hast, als du die Szene in der Schneebar noch einmal durchgespielt hast, und denk nicht wieder an seine Lippen!
Zu spät! Aber immerhin habe ich die passende Bemerkung noch nicht vergessen. „Bilden Sie sich bloß nichts darauf ein“, zische ich, ergreife den Handlauf und stolziere die Treppe hinunter, soweit das mit Skischuhen überhaupt möglich ist. Er schreitet nach oben, direkt auf mich zu. Große Möglichkeit, ihm zu entrinnen, bietet diese schmale Treppe nicht. Er treibt mich in die Enge, Rückwärtsgehen stellt keine Option dar. „Machen Sie das mit Absicht?“, frage ich ihn patzig, als wir einander auf Augenhöhe gegenübertreten.
Dieser Teufel weiß genau, welche Wirkung er auf Frauen hat, und nutzt dies schamlos aus. Sein Gehabe macht mich rasend. Nicht im Geringsten bin ich ihm gewachsen und so verfluche ich gedanklich meine Unerfahrenheit gegenüber Männern. Nachhilfe und Übung hätte ich dringend nötig.
„Was?“, fragt Foster, der eine Stufe unter mir breitbeinig stehen bleibt. Seine Augen funkeln provokativ.
Um mich gegen ihn zu wappnen, schalte ich in den Zicken-Modus und schnalze missbilligend mit der Zunge. „Sie hätten sich wohl eine Sekunde gedulden können, bis ich unten angekommen bin“, gifte ich und halte seinem Blick stand.
„So viel Zeit habe ich nicht. Gehen gehört, soweit ich mich entsinne, nicht zu Ihren Stärken.“
Ich will mich schon gegen ihn auflehnen, atme tief ein, doch da bemerke ich die leicht zuckenden Mundwinkel und ich schlucke meine Beleidigungen runter. Stattdessen entgegne ich erhobenen Hauptes: „Als das Ego verteilt wurde, hast du wohl doppelt zugeschlagen?“ Ich habe mich nicht ins Schneckenhaus zurückgezogen und triumphiere innerlich, weil mir direkt was Passendes eingefallen ist. In Gedanken klopfe ich mir anerkennend auf die Schulter.
„Der Konter war nicht schlecht, Kleine.“ Jetzt grinst Foster bis über beide Ohren.
Da fällt mir zum ersten Mal das Grübchen, die kleine Furche in seiner linken Wange auf. Wahrscheinlich liegt es daran, dass er sich heute Morgen frisch rasiert hat. Ich bin hin und weg, fühle mich magisch davon angezogen. Meine Hand hebt sich ganz von selbst. Es ist wie ein Zwang: Ich muss Alain berühren! Meine Fingerkuppen prickeln bereits vor Vorfreude. Ich schließe einen Atemzug lang die Augen, befeuchte meine trockenen Lippen und flüstere: „Trotz deines harten Auftretens scheinst du viel zu lachen …“ Sexy! Meine Hand schmiegt sich an seine Wange und ich lasse sanft meinen Daumen über das Grübchen gleiten. Die Luft um uns lädt sich statisch auf. Das Kribbeln in meinem Finger, der seine Haut liebkost, in meiner Handfläche, in die Alain seine Wange bettet, breitet sich auf meinen ganzen Körper aus. Foster erschaudert unter meiner Berührung und ich bemerke die so plötzlich auftretenden feinen Erhebungen seiner Haut.
Gänsehaut! Ich habe ihm eine Gänsehaut beschert.
„Das ist eine Narbe. Aber bekanntlich kommen Narben bei Frauen ziemlich gut an.“
Habe ich sexy etwa laut ausgesprochen?
Seine Lippen verziehen sich zu einem wohlgefälligen Grinsen und die kleine Delle gewinnt noch etwas an Tiefe. Doch dann glättet sich die Haut wieder und er wirkt nachdenklich. „Nichtsdestotrotz. Nicht alle Narben haben diesen Effekt. Ein vernarbtes Herz wirkt eher abschreckend …“
„Dennoch. Die Narbe auf deiner Wange lässt dich doppelt strahlen, wenn du dein Lächeln zeigst. Sie sieht aus wie ein Grübchen …“
Plötzlich ist er mir so nah, er raubt mir wortwörtlich die Luft zum Atmen. Sein Mundwinkel streift meinen, seine Wange schmiegt sich an meine. Ich spüre jede Unebenheit, jeden Makel seiner Haut, jedes nachwachsende Barthaar und Alains Wärme. Das herbe Aftershave weht unweigerlich in meine Nase und betört mich. Ich suche Halt an seinen Schultern.
Sein Atem kitzelt an meinem Ohr. „Oh Irina, sag, in welchem Hotel bist du untergekommen … jedenfalls in keinem von meinen.“
Nach Oh Irina konnte ich seinen Worten nicht mehr folgen. Meinen Namen aus seinem Mund zu hören, diese Sinnlichkeit in seiner Stimme, fühle ich mit jeder Faser meines Körpers. Jedes einzelne Härchen steht mir zu Berge.
Aber woher?! „Woher weißt du, wie ich heiße? Hat Marc dir …“
„Marc?“, krächzt Alain. „Woher zum Teufel kennst du meinen Bruder?“ Schockiert weiten sich seine Augen.
„Er ist der Freund mei…“
Alain lässt mich nicht ausreden. „Du bist keine Touristin … Du bist Corinnes Cousine“, unterbricht er mich und bringt wieder eine gesunde Distanz zwischen uns. „Fuck!“, flucht er, dabei fährt er sich nervös mit beiden Händen durchs Haar. Am Hinterkopf, einzelne Strähnen lugen zwischen seinen langen Fingern hervor, ballt er seine Hände zu Fäusten und rauft sich mit einem tiefen Knurren wortwörtlich die Haare. „Verdammte Scheiße!“
Ich zucke zusammen, als er mich bei den Schultern packt und sich hektisch an mir vorbeizwängt. Foster ergreift die Flucht.
Toll! Ist mir mein Ruf etwa vorausgeeilt?
Eine Fluchtirade vor mich hin murmelnd verlasse ich die Toilette. Meine Gedanken kreisen nach wie vor um das Zusammentreffen von gerade eben, und ich schelte mich als Idiot.
„Ich habe mir deine Beschuldigung wirklich verdient … Irina. Stimmt’s?“
Entgeistert blicke ich in ein grünes Augenpaar, das mich unter blonden buschigen Augenbrauen interessiert mustert. „Sorry. Sie waren nicht damit gemeint.“ Wer ist das? „Es tut mir leid. Ich kann Sie nicht einordnen. Kennen wir uns?“
„Ich bin der Schneemann …“
Schneemann?
„Der Typ, der heute Morgen die Schneefontäne abbekommen und darauf nicht sonderlich freundlich reagiert hat. Darum möchte ich mich entschuldigen.“ Schuldbewusst sieht er mich an.
„Herrje! Noch mal. Es tut mir wirklich leid. Ryan, nicht wahr?“
Er nickt, pustet sich die blonde Strähne aus dem Auge, die sich hinter seinem Ohr gelöst hat, und reicht mir die Hand. „Oha. Gut informiert.“ In seiner Stimme schwingt Bewunderung mit.
„Kevin hat den Namen nach deiner unfreiwilligen Dusche erwähnt. Woher …“
„Äh … Ich habe deinen Namen ebenfalls von Kev aufgeschnappt, Irina. Darf ich dich als Entschuldigung heute Abend zu einem Drink einladen?“, fragt er freundlich. Allerdings flackert da etwas in seinen Augen auf, was ich nicht zu deuten vermag und ein unerklärliches Kribbeln in meinem Nacken verursacht.
Skeptisch mustere ich ihn, kaue dabei immer wieder auf meiner Wange herum.
Du hast etwas Übung dringend nötig … eine Flirtprobe … ganz unverbindlich … und es kann bestimmt nicht schaden, ein paar Leute mehr zu kennen … Los. Gib dir einen Ruck und sag ja!
„Okay.“
Ein Lächeln huscht über seine Lippen, als ich zustimme. „Um 21 Uhr im Gallery?“
„Den Laden kenne ich zwar nicht, aber bestimmt ist er in einem Dorf nicht schwer zu finden.“ Auch ich schenke ihm ein Lächeln.
„Laden?“ Ryan grinst. „Das Gallery ist wohl der größte Gebäudekomplex hier in der Umgebung. Den kannst du nicht verfehlen.“
„Ein Club?“
„Hotel, Spa, Restaurant, Bar, Kunstgalerie und Büro, alles unter einem Dach. Am besten treffen wir uns im Club an der Bar. Meine Schicht ist dann auch bald zu Ende.“
„Barkeeper?“, rate ich.
„Unter anderem. Ich manage den Club.“ Ryan bauscht sich vor mir auf und prahlt. „Also Süße. Dann bis heute Abend?“
„Unter einer Bedingung“, lenke ich ein.
Er sieht mich verdattert an. Damit hat er wohl nicht gerechnet.
„Du mixt mir den Cocktail höchstpersönlich.“ Ich tippe ihm mit dem Zeigefinger auf die Brust.
„Versprochen.“ Ryan drückt mir zum Abschied einen Kuss auf die Wange und sucht die Herrentoilette auf.
Kapitel 3
„Irina. Bitte. Ich muss mal … dringend.“ Corinne poltert gegen die Badezimmertür. Ich halte in der Bewegung inne, den Mund leicht geöffnet, die Augen weit aufgerissen, das Bürstchen mit der schwarzen Wimperntusche gefährlich nahe am Auge. „Du bist schon seit über einer Stunde da drin. Ist alles in Ordnung?“
Corinne hätte ja wahrlich das bessere Händchen dafür, jedoch wenn ich sie um Hilfe bitten würde, müsste ich ihr auch unweigerlich das Date mit Ryan gestehen. Ich habe es aber bewusst für mich behalten, um allfälligen Fragen zu entgehen. Doch jetzt muss ich wohl oder übel mit der Sprache herausrücken. „Nur noch fünf Minuten. Bin gleich so weit …“, gewähre ich mir eine letzte Galgenfrist.
„Okay. Aber länger kann ich wirklich nicht warten.“
Ich atme tief durch, setze das Bürstchen von Neuem an, verleihe meinen Wimpern den Volumen-Effekt und damit ich nicht ganz so blass wirke, trage ich einen Hauch von Rouge auf.
Ein Blick aufs Handy verrät mir: Ich bin spät dran. Gott sei Dank lässt sich mein feines, gestuftes Haar mit ein paar wenigen Handgriffen leicht bändigen und ich stecke es mir mit kleinen Klemmen hoch. Gekleidet in ein lila Top, einen dunkelblauen, knielangen Jeansrock und schwarze Stulpen verlasse ich das Bad.
„Wow. Gehst du noch aus?“, fragt Corinne verwundert, als sie sich an mir vorbeizwängt, um ihre Notdurft zu verrichten.
Ich nutze die Gunst der Stunde, um einem Verhör zu entgehen, schlüpfe in die violetten Ankle Boots und nehme meine schwarze Lederjacke vom Garderobenhaken.
„Ich habe ein Date“, informiere ich sie kurz und knapp, ergreife meine Tasche und flüchte.
„Mit Kevin?“
Doch meine Antwort auf Corinnes Frage ist eine sich schließende Tür.
Punkt 21 Uhr betrete ich den Club des Gallery. Beim Googeln fand ich nicht nur die Adresse heraus, sondern auch, dass der ganze Komplex zu Fosters Imperium gehört.
So viel zum Thema: Ich manage den Club.
Ryan, du Angeber!
Meine Jacke habe ich nach einer Ausweiskontrolle an der Garderobe abgegeben. Typisch! Ich musste schon öfters meine Identitätskarte zücken, um meine Volljährigkeit zu beweisen.
Ich schreite die Treppe hinunter und bleibe auf der zweitletzten Stufe stehen. Von hier aus kann ich über alle Köpfe hinwegblicken, geradewegs zum anderen Ende des Raums, zur Bar, hinter der Ryan steht. Dahinter, vor belichtetem Spiegelglas, türmt sich eine außergewöhnlich große Auswahl an Alkoholika.
Die farbigen Scheinwerfer an der Decke setzen die Tanzfläche zu meinen Füßen mit einem wechselnden und flackernden Lichtspiel in Szene. Der Bass vibriert unter meinen Sohlen, nichtsdestotrotz lädt mich die Musik nicht zum Tanzen ein. Ich mag keine Remixes und die Lautstärke setzt Heiserkeit am Ende des Abends praktisch voraus.
Ich atme einmal tief durch, bevor ich ins Meer von tanzenden Leuten eintauche und mich zur Theke durchschlängele. Obwohl die Nacht noch relativ jung ist, ist die Tanzfläche rappelvoll. Ich erhasche einen einzigen freien Barhocker, direkt vor Ryan, als wäre der Platz für mich reserviert worden. So steuere ich darauf zu, während ich den geschickten Barkeeper bei der Arbeit beobachte.
In einem dunkelgrauen, hochgekrempelten Hemd mit schwarzer Fliege und Hosenträgern steht er hinter dem aus Mahagoni gefertigten Tresen. Kräftige Unterarme kommen zum Vorschein, als er den Shaker schüttelt. Ryan scheint sein Handwerk zu verstehen. Er serviert dem Gast gekonnt und mit schnellen Handgriffen einen pfirsichfarbenen Cocktail mit Zuckerrand und Früchtegarnitur.
Langsam schreite ich auf ihn zu. Ryan fixiert mich und blinzelt. Im ersten Augenblick wirkt er überrascht, doch dann beginnen seine Mundwinkel zu zucken, formen sich zu einem süffisanten Grinsen. Sein interessierter Blick schweift über meinen Körper und es kommt mir vor, als würde er mich vor seinem inneren Auge ausziehen. Seine grünen Augen funkeln wie die eines ausgehungerten Wolfes, der gerade das Lamm, welches er als seine Beute auserkoren hat, in Augenschein nimmt.
Scheiße! Das ist überhaupt nicht in meinem Interesse. Ich bin kurz davor umzukehren, aber er winkt mich zu sich und deutet auf den freien Barhocker ihm gegenüber. Nur nicht so schüchtern! Ich gebe mir einen Ruck, setze mich wieder in Bewegung.
„Hi“, sage ich. Obendrein bedenke ich ihn mit einem scheuen Lächeln.
„Hallo, schöne Frau.“ Ryan begrüßt mich. Noch bevor ich mich setzen kann, stemmt er sich über die Bar, legt eine Hand in meinen Nacken und drückt seinen Mund auf meinen.
Ich ziehe scharf den Atem ein. Damit habe ich weiß Gott nicht gerechnet. Als ich aus meiner Starre erwache, stoße ich ihn von mir.
Er wirkt perplex, dennoch dringt ein verschmitztes, einfaches „Sorry“ über seine Lippen, als würde es ihm nicht im Geringsten leidtun.
„Wir beide haben wohl unterschiedliche Erwartungen, wie dieser Abend enden wird“, bemerke ich kühl. Angewidert von seiner großspurigen Art wende ich mich wieder zur Tür.
„Bitte geh nicht, Irina“, versucht er mich mit flehender Stimme zurückzuhalten. „Bitte bleib. Es tut mir leid.“ Betteln steht ihm nicht, ist wider seine Natur und plötzlich dringt einmal mehr diese überhebliche Großkotzigkeit an die Oberfläche: „Gib dir eine Chance, mich besser kennenzulernen.“ Nach und nach werde ich mir seiner charakterlichen Defizite bewusst. „Lass mich dir den versprochenen Cocktail mixen. Nach meiner Schicht begleite ich dich nach Hause, wenn es immer noch dein Wunsch ist, denn im Dunkeln lasse ich dich ungern allein losziehen …“
„Hey. Ich bin in einer Stadt aufgewachsen.“ Ich lasse mich provozieren.
„So?“ Ryans Augen werden schmal, als er mich interessiert mustert. „Siehst du, ich weiß rein gar nichts von dir. Gib mir die Chance, dich besser kennenzulernen. Bitte.“ Das Bitte kommt etwas zögerlich über seine Lippen. „Magst du Kokosnuss?“, fragt er mich mit hochgehobener Augenbraue und legt den Kopf schief. Diesmal hält sein blondes Haar still, denn er hat es ordentlich gegelt.
Ich nicke und setze mich auf den Barhocker. Während Ryan mir meinen Cocktail mixt, drehe ich mich zur Tanzfläche um. Ich bin erpicht darauf, ein bekanntes Gesicht zu entdecken. Doch Fehlanzeige. Die Leute, die ich hier im Dorf kenne, lassen sich an einer Hand abzählen, und keiner davon ist anwesend … außer, man ist der Besitzer der Bar.
Alain Foster.
Innerlich stöhne ich auf. Er sitzt, geschalt in Anzug und dunkelblauem Hemd, das seine eisigen Augen besonders betont, mit einer hübschen Brünetten in der Lounge und flirtet ungeniert. Ich verspüre einen Stich in meiner Brustgegend. Eifersucht? Ich kenne diesen blasierten Snob doch kaum, ein Dandy sondergleichen … und ein Schürzenjäger, denn er lässt definitiv nichts anbrennen …
Die Enttäuschung lässt sich nicht mehr unterdrücken. Ich drehe mich schmollend zur Bar um und Ryan serviert mir meinen Cocktail. Geistesabwesend krame ich mein Portemonnaie aus der Tasche.
„Nein, Süße. Du bist eingeladen. Zum Wohl.“ Ein gönnerhaftes Grinsen huscht über seine Lippen, während er seinen Tequila auf ex trinkt.
Ich flüstere ein „Danke“ und ziehe kräftig am Strohhalm. Ryans Blick ist immer noch auf mich geheftet, er scheint auf ein Urteil zu warten. „Mmmmh. Echt lecker.“ Rum, Kokosnuss, Ananas … „Eine Piña Colada?“
Er nickt bedächtig, lässt mich keine Sekunde mehr aus den Augen …
Nach dem Cocktail und sehr vielen, sich schon zu gut um wahr zu sein angehörten Informationen über Ryan, rückt sein Feierabend in greifbare Nähe.
„Ich muss noch kurz etwas für den Schichtwechsel vorbereiten. Treffen wir uns in fünf Minuten draußen?“, haucht er in mein Ohr und mir entschlüpft ein beschwipstes Kichern, weil mich der Hauch seines Atems kitzelt.
Ryan nimmt sich noch mehr Freiheiten. Sein Zeigefinger streichelt über meinen Handrücken, gleitet meinen Arm entlang hoch. Er schmiegt seine schwielige Hand an meine Wange, dabei liebkost sein Daumen meine Unterlippe. Willenlos ergebe ich mich ihm, zucke jedoch zurück, da seine Liebkosung bis tief unter meine Haut sickert und mich erschaudern lässt. Ein selbstgefälliges Grinsen schleicht sich auf sein Gesicht, während sich die Härchen auf meinem Arm aufrichten. Es scheint mir, als hätte ich seinen Test bestanden.
„Danke, dass du mich nach Hause begleitest. Ich habe wohl schon einen leichten Schwips …“
Ryan murmelt noch etwas Unverständliches, bevor er die Bar durch die Tür fürs Personal verlässt.
Ich schlürfe den letzten Tropfen aus dem Glas und rutsche vom Barhocker. Hoppla! Meine Beine wollen mir nicht mehr wirklich gehorchen. Mir wird auf einmal ganz warm und schwummrig. Der Alkohol entfaltet seine Wirkung rasend schnell. Ich kann nur hilflos zusehen, wie sich meine Motorik in Luft auflöst.
Für einen Sekundenbruchteil kollidieren meine Augen mit seinem kühlen, durchdringenden Blick … Foster!
Ich reiße mich zusammen und irgendwie schaffe ich es doch noch, mich durch die Menge zu quetschen.
So atme ich auf, als ich die Garderobe erreiche. Schwankend beuge ich mich nach vorn und stütze mich auf den Oberschenkeln ab. Der Raum scheint sich zu drehen. Ich bekomme kaum Luft. Das Herz in meiner Brust pocht wie wild, als würde es jeden Moment seinen letzten Schlag tätigen und zerspringen.
„Ist Ihnen schlecht?“ Die Dame hinter dem Garderobentresen beäugt mich besorgt. „Wollen Sie sich kurz hinsetzen?“
„Ich vertrag nicht so viel“, lalle ich und lächle beschämt. Ich schließe kurzzeitig die Augen. Noch bevor ich meine Lider wieder zu öffnen vermag, ist sie bei mir.
„Soll ich jemanden für Sie anrufen?“ Sie hakt sich bei mir unter, geleitet mich zu einem Stuhl.
„Corinne. Meine Cousine.“ Ich atme tief durch.
„Können Sie mir die Nummer oder den Nachnamen nennen?“
Mein Kopf ist wie leer gefegt. Der einzige Name, der mir noch einfällt, ist „Foster“.
„Ich hole Ihnen Hilfe. Rühren Sie sich nicht von der Stelle.“ Die Garderobenlady verschwindet durch die Tür, aus der ich gerade hereingetorkelt bin.
Frische Luft! Ich brauche frische Luft.
Es gelingt mir, mich vom Stuhl zu erheben, und so kämpfe ich mich zum Ausgang, wo mich ein frischer, wohltuender Luftzug empfängt – und Ryan.
„Da bist du ja.“ Er schreitet aus einer dunklen Ecke auf mich zu. „Geht es dir nicht gut?“ Achtlos schnippt er den Zigarettenstummel zu Boden.
„Mir ist schwummrig. Bitte halt mich …“ Ich ergreife den Stoff seines Hemds, kralle mich daran fest, als meine Beine drohen nachzugeben, was sie schlussendlich auch tun. Hätte Ryan nicht seine Arme um mich geschlungen, wäre ich wie ein schwerer Sack Kartoffeln zu Boden gerasselt. Doch plötzlich fühle ich mich federleicht. Verwirrt öffne ich meine Augen und sehe, dass Ryan mich trägt.
„Danke. Ich w…w…woh…“ Meine Zunge treibt ihre eigenen Spielchen.
„Schsch, Süße. Nicht nötig. Ich kenne deine Adresse …“ Sein raues Atmen rührt vermutlich von der Anstrengung her.
Bald … bald bin ich zu Hause. Jetzt kann ich mich fallen lassen. Ryan wird mich wohlbehütet nach Hause bringen, wo ich meinen Rausch ausschlafen kann …
Sein Gesicht verschwimmt vor meinen Augen. Meine Lider werden schwer, und obwohl ich mich in seinen Armen eigentlich sicher fühlen sollte, widerstrebt es mir gewaltig, die Augen zu schließen. Schuld daran ist dieses siegessichere, maliziöse Lächeln, das sich kurz vor meinem letzten Wimpernschlag auf seine Lippen gestohlen hat …
Noch versuche ich der Knall auf Fall auftretenden und unerklärlichen Müdigkeit zu trotzen, doch letztendlich erliege ich ihr kläglich.
Ein stechender Schmerz jagt über meine linke Schulter und erschüttert mich bis ins Mark. Erschrocken und angsterfüllt schlage ich die Augen auf. Mein Atem überschlägt sich beinahe. Das Rauschen des Blutes in meinen Ohren überdeckt jegliche Umgebungsgeräusche. Im ersten Augenblick ist mein Sichtfeld entrückt, doch nach und nach stellt es sich ein und ich sehe wieder klar. Dennoch bin ich der Meinung, mich in einem Albtraum zu befinden, denn das Bild, das sich mir bietet, ist bizarr: Ryan beugt sich über mich, mit der rechten Hand, die von einem schwarzen Lederhandschuh ummantelt wird, umfasst er ein Jagdmesser. Die Damaszener Klinge ist blutverschmiert und die rote, warme Flüssigkeit befolgt das Gesetz der Physik, sammelt sich an der Spitze, tropft zu Boden. Das schmerzliche Pochen, welches ich in meiner Schulter verspüre, hält mich wach, und ich realisiere plötzlich, dass es mein Blut ist, das vergossen wurde.
Ich schreie aus Leibeskräften auf, aber mein Hilferuf verstummt abrupt unter Ryans linker Hand. Scharf ziehe ich die mit Ledergeruch durchzogene Luft in die Lungen. Meine Nasenflügel weiten sich, flattern. Ich fürchte zu ersticken, doch ich kann mich nicht rühren, mich nicht wehren, denn meine Hände sind unter meinem Körper gefangen, wurden gar gefesselt. Das Gewicht meines Angreifers auf meinem Becken presst mich fest zu Boden. Mein Körper bebt, weil ich vor Angst zittere. Ich bin Ryan ausgeliefert, vollends ausgeliefert. Meine Hilflosigkeit treibt mir Tränen in die Augen. Das Messer, auf das ich meinen Blick so starr gerichtet habe, verschwimmt.
Rau und heiser schildert er mir seine Vision: „Süße. Ich habe nicht vor, dich umzubringen. Ich will dich ficken, Schlampe! Foster zuvorkommen und nicht immer an zweiter Stelle stehen. Einmal ein Loch benutzen, in dem er seinen Schwanz noch nicht versenkt hat. Ironie des Schicksals, dass mir das ausgerechnet bei der Frau gelingt, die zu ihm vordringen kann … Ich habe euer amouröses Geplänkel auf der Treppe beobachtet … Oh Irina … Das war nicht Foster, wie er leibt und lebt, der selbst ernannte Ladykiller, denn dieser gesteht sich keine Schwächen ein. Umso mehr wird es ihn treffen, nicht nur aus dem Grund, nämlich weil er dich nicht haben kann, sondern dass ich ihn diesmal ausgebootet habe, ich mich mit dir als Erster vergnügt habe.“ Seine Stimme ist durchtränkt mit blankem Hass und Eifersucht. Zum Schluss bekommt sie gar eine zuckersüße Note, die seinen Irrsinn unterstreicht: „Das mit dem Schnitt tut mir übrigens leid, Baby. Halt still. Ich will dich nicht noch mehr verletzen …“
Ich brülle gegen seine Hand, als die kalte Klinge meine Haut am Bauch streift, sich langsam, aber mühelos durch mein Top hocharbeitet, nach und nach meinen Oberkörper freilegt, den filigranen Steg des BHs durchtrennt und meinen Busen entblößt.
„Na ja, normalerweise bevorzuge ich ja größere Titten, C-Körbchen im Minimum … Doch diesmal geht es lediglich darum, Foster eins auszuwischen und nicht um meine Vorlieben … Nichtsdestotrotz werde ich meinen Spaß mit dir haben …“ Ryan klemmt sich die Messerklinge zwischen die Zähne. Seine frei gewordene Hand wölbt sich um meine Brust und packt unerbittlich zu.
Ich stöhne den Schmerz in den Knebel. Wären seine Finger nicht vom Leder bedeckt gewesen, hätten sich seine Nägel tief in mein Fleisch gebohrt. Vergebens versuche ich, mich aus seinen Fängen zu befreien, gegen ihn zu agieren.
„Schlampe! Wirst du wohl stillhalten …“
Im Augenwinkel bekomme ich mit, wie sich die Damastklinge dicht an meinem Gesicht vorbei ins Grüne bohrt. In Nullkommanichts versteife ich mich, bewege mich keinen Millimeter mehr und gebe keinen Mucks von mir. Ich verfalle in eine Art Schockstarre. Die Ohnmacht droht mich zu ergreifen.
„Das soll dir eine Warnung sein! Wie ich sehe, ist sie angekommen“, knurrt mein Peiniger bedrohlich. Er verlagert sein Gewicht, verschafft sich Zugang zu meinen Schenkeln. Sein Daumen gleitet unter den Saum des Rocks, und Ryan drapiert den Jeansstoff die Oberschenkel hoch, dabei flucht er ungehalten, da es ihn unnötig Zeit kostet. Mit der Baumwollpanty jedoch macht er kurzen Prozess. Sie leistet kaum Widerstand, als er sie der Naht entlang zerreißt.
Entsetzt starre ich ihn an. Ryans Augen sind beinahe schwarz vor unheilvoller Begierde. Sein Blick zeigt keine Gnade. Die Erkenntnis trifft mich wie ein Vorschlaghammer: Er wird es durchziehen! Er wird mich vergewaltigen!
Abermals schreie ich aus Leibeskräften gegen seine Hand. Noch ein letztes Mal mobilisiere ich meine Reserven und versuche, gegen ihn anzukämpfen, mich gegen die Ohnmacht, die mich zu übermannen droht, zu wehren. Doch als ich höre, wie sich der Reißverschluss seiner Hose langsam öffnet – dieses simple und dennoch einschneidende Geräusch unterstreicht meine Unterlegenheit –, ergebe ich mich meinem Schicksal und schließe die Augen.
Ich bin chancenlos.
„Es ist immer dasselbe Spiel mit euch Weibern. Zuerst spielt ihr die unnahbare Jungfrau, und trotzdem liegt ihr plötzlich willenlos unter mir.“ Ryan lacht dunkel.
Ich gebe mich auf, als sein Gewicht sich auf mich drückt und mir die Luft aus den Lungen quetscht. Mein gequältes Stöhnen wird von seiner Hand erstickt. Meine Nasenlöcher blähen sich auf und füllen sich mit dem schweren, aufdringlichen Geruch seines Aftershaves. Ich unterdrücke das Atmen und heiße die Bewusstlosigkeit willkommen …
„Ich liebe den Augenblick, in dem ihr erkennt, dass euer Schicksal besiegelt ist“, haucht er in mein Ohr.
Regungslos liege ich unter ihm und leiste keine Gegenwehr mehr, während er meine Beine spreizt. Dunkelheit breitet sich wie eine Decke über mir aus. Mein Körper erschlafft.
Vertraute, doch weit entfernte Stimmen dringen an mein Ohr und plötzlich tritt eine unheimliche Erleichterung ein. In unmittelbarer Nähe bricht ein Tumult aus. Markerschütternde Schreie … Kraftausdrücke … blasphemische Flüche … dumpfe Schläge … Gestöhne … und eine weibliche Stimme. Ganz nah. So vertraut, aber verzweifelt …
„Irina! Irina. Bitte wach auf.“
Corinne … Ich spüre ihr sanftes Rütteln.
„Irina! Alain. Sie reagiert nicht auf mich. Was soll ich tun?“
Ich höre Ryans Jammerlaute, sein schmerzverzerrtes Stöhnen. Nebenher auch Alains verbale Entgleisungen. „Du elendes Stück Scheiße …“
Alain! Er ist hier …
„Oh mein Gott! Sie blutet. Das Schwein hat sie verletzt. Alain. Bitte komm her. Überlass ihn deinen Männern.“
Alain!
„Herrgott noch mal! Foster! Sie verlangt nach dir! Weiß Gott, warum.“ Wenn ich könnte, würde ich mir die Ohren zuhalten, so dermaßen verausgabt sich Corinne.
Schwere Schritte nähern sich mit einem dumpfen Stakkato. Sie werden immer lauter und deuten auf Rennen hin.
„Wir müssen sie kurz aufrichten, um sie von den Fesseln zu befreien.“
Im Unterbewusstsein bekomme ich mit, wie sie mich aufsetzen. Ich spüre Alains Körperwärme, rieche sein Rasierwasser.
„Dieses Arschloch hat ihre Hände mit Hosenträgern zusammengeschnürt …“ Corinne klingt entsetzt.
„Hier. Nimm mein Sackmesser und durchtrenn sie.“
Einen Ruck später sind meine Arme frei. Behutsam werde ich wieder auf den Boden gebettet.
Kalt. Mir ist kalt. Ich zittere wie Espenlaub, als ich Alains Nähe, seiner Wärme beraubt werde.
„Eine Decke. Corinne. Hol eine Decke.“
„Marc holt eine. Wenn du glaubst, ich lass dich nur eine Sekunde mit ihr allein …“ Plötzlich tritt sie Foster wieder misstrauisch und feindselig gegenüber.
Ein tiefes, bedrohliches Knurren, das sehr wahrscheinlich Corinne gilt, lässt mich zusammenzucken. Erneut vernehme ich Schritte und augenblicklich wird mir warm.
„Chérie. Bitte beruhige dich. Lass meinen Bruder machen. Schenk ihm etwas Vertrauen.“
Marc …
„René … Mein Onkel wird mir den Kopf abreißen. Ryan. Dieser Dreckskerl. Sie war doch noch Jungfrau“, schluchzt Corinne.
„Es ist nichts passiert. Alain war rechtzeitig da.“
Gott sei Dank!
Meine Augenlider beginnen zu flattern, als sich mein Bewusstsein an die Oberfläche kämpft. Starke Hände schmiegen sich an meine Wangen. „Irina.“ Seine sanfte Stimme holt mich zurück. Alains Konturen werden immer klarer. Der Nebelschleier lichtet sich und ich sehe sein Gesicht ganz deutlich vor mir. Aber darin spiegelt sich nicht wie so oft Überheblichkeit, nein, es spiegelt sich Besorgnis wider.
„Alain …“ Meine Stimme bricht. Ich schlucke trocken und schwer, befeuchte meine spröden Lippen, räuspere mich.
„Schsch, Kleine. Du bist in Sicherheit …“, redet er beruhigend auf mich ein, streicht mir liebevoll eine Strähne hinters Ohr.
In Sicherheit!
Ich stöhne schwach auf, strenge mich an, zwischen den noch halb geöffneten Augendeckeln seinen Blick zu erwidern, doch sie sind wie aus Blei gegossen. „So müde …“, murmle ich und schließe die Lider.
„Chef!“
Bei der fremden Stimme zucke ich zusammen und öffne schlagartig die Augen.
„Nicht jetzt, Paul!“ Alain wendet den Blick nicht von mir ab und streichelt zärtlich über mein Haar, besänftigt mich. Ich fixiere mich auf seine blauen Augen, die eine beruhigende und berauschende Wirkung auf mich haben – wie Drogen. Ich fühle mich benommen, doch das Herz in meiner Brust pocht wie wild.
„Ryan ist uns entwischt, aber wir konnten diese Ampulle aus seiner Tasche sicherstellen.“
Murrend löst Foster die Verbindung und blickt zu dem stämmigen Security auf.
„K.-o.-Tropfen?“, fragt Marc.
„Mit Sicherheit. Wie bei den anderen.“ Paul hält das Fläschchen wie eine Trophäe zwischen den behandschuhten Fingern. Er schnippt dagegen und die farblose Flüssigkeit gluckert.
„Findet ihn!“, knurrt Alain. „Keine Polizei! Ich nehme mich der Sache persönlich an.“
„Warte, Paul! Aber Alain …“ Doch Marc wird von seinem Bruder jäh unterbrochen.
„Findet das Arschloch!“, herrscht dieser den Security an.
Paul wartet nicht eine Sekunde, bevor er dem Befehl seines Chefs Folge leistet, und spurtet los.
Alains undurchdringliche Miene lichtet sich, als er sich wieder mir zuwendet. Seine Hand schmiegt sich zärtlich an meine Wange und sein Daumen streichelt sachte über meine bebende Unterlippe. „Schlaf, Irina. Schließ deine Augen. Es kann dir nichts mehr geschehen.“ Alain hebt mich hoch, bettet mich in seine Arme, drückt mich gegen seine Brust.
Ich atme tief ein und nehme seinen vertrauten Geruch in mich auf. Er riecht so herrlich nach Mann, Frühlingsfrische und einem Hauch von Whisky.
„Du bist in Sicherheit. In meiner Obhut“, wispert er in mein Haar.
Bleib bei mir!
Corinnes verächtliches Schnauben rückt in weite Ferne.
Kapitel 4
Schweißgebadet schrecke ich aus dem Schlaf hoch und sitze kerzengerade im Bett. Ein Albtraum. Mein Herz klopft heftig. Mein Atem geht schnell. Strähnen haften auf meiner schweißnassen Stirn und lassen sich nur mühsam mit den Fingern hinters Ohr kämmen. Ein fremdes Hemd klebt an meinem verschwitzten Körper.
Wessen Hemd ist das?
Ich packe es beim Kragen und rieche daran. Es duftet herrlich und vertraut. Nach Alain, nach seinem Aftershave …
Wo ist er?
Was ist passiert?
Was mache ich hier?
Wo zum Teufel ist hier?
Es ist noch dunkel. Nur eine Nachttischlampe erhellt den Raum. Ich lasse meinen Blick durch das luxuriöse und modern eingerichtete, jedoch unpersönliche Zimmer schweifen. Ein Hotelzimmer? Gar eine Suite? Meine Fingerspitzen gleiten über die Stickerei auf dem Kissen. Tatsächlich! Mit goldenem Faden sind kunstvoll fünf Sterne und in Zierschrift der Name des Hotels eingestickt worden: Gallery. Fosters Hotel.
Leises Schnarchen dringt aus einer finsteren Ecke zu mir herüber. Langes, blondes Haar wellt sich über der Decke. Corinne. Sie schläft auf einem Ledersessel und ist bis zum Kopf in eine Decke gekuschelt.
Jetzt dämmert es mir. Es war kein Traum. Das alles ist wirklich geschehen. Bruchstückweise kommt die Erinnerung zurück. Doch ehe ich ins Grübeln gerate, zieht ein Gespräch aus dem Nebenzimmer meine gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Ich vernehme klar und deutlich die Stimmen zweier Männer, die sogar Corinnes Schnarchen übertönen. Der schwache Lichtstrahl, der ins Zimmer dringt, zeigt mir, dass die Tür zum Vorzimmer nur angelehnt wurde. So verhalte ich mich ruhig und belausche die angeregte Unterhaltung.
„Corinne ist außer sich vor Sorge.“
„Hast du gewusst, dass sich dieses naive Ding mit Ryan trifft? Ich habe dich doch über meinen Verdacht in Kenntnis gesetzt, dass einer aus unseren Reihen etwas mit den Vergewaltigungen zu tun haben könnte. Du hättest es verhindern müssen!“
„Sie hat nicht einmal Corinne davon erzählt. Wahrscheinlich nimmt sie ihr den Verkupplungsversuch mit Kevin ziemlich übel.“
„Ein getarntes Date mit dem Goldjungen, als hätte sie das nötig.“
„Ähm, Alain. Redest du vom Date oder vom Unterricht?“
„Ich hab sie Skifahren sehen, Marc. Kevin hatte ja gar nichts zu tun. Ich hoffe, sie muss für die vermeintliche Lektion nicht auch noch bezahlen, oder ist Kev zur Escort-Branche gewechselt und arbeitet jetzt nebenher als Callboy?“ Alains Stimme trieft vor Spott.
„Das klingt … es klingt, als wärst du … Alain!“ Empörtes Schnauben, wahrscheinlich stammt es sowohl von Marc als auch von Alain. „Du bist über meine Zukunftspläne mit Corinne im Bilde. Wehe dir, solltest du sie mir in nächster Zeit verärgern!“
„Bruderherz! Du mutierst zu einem Pantoffelhelden!“
„Wart’s ab, Alain. Wart’s nur ab …“
„Ich bin immun dagegen, Brüderchen. Nichtsdestotrotz bin ich froh, dass wenigstens einer von uns beiden an den Fortbestand unseres Familiennamens denkt und den Stammbaum weiterführen will. Mein Ding ist das nicht. Ich glaub nicht an …“ Ein Handyklingeln verschluckt Alains restliche Worte. „Paul. Wie ist der Zwischenstand? … Fuck! … Lasst keinen Stein auf dem anderen und findet diesen Hurensohn!“
„Alain. Beruhige dich …“
„Ryan ist uns wohl entwischt. In seiner Wohnung war er nicht.“
„Merde!“
„Er kann nur zu Fuß geflohen sein. Die Überwachungskameras am Terminal hätten ihn gefilmt. Paul hat die Bänder mehrfach überprüft.“ Alain bringt den Satz gähnend zu Ende.
„Du solltest ins Bett. Du warst die ganze Zeit über auf und bist ihr nicht von der Seite gewichen.“
„Zuerst werde ich mich noch um ihre Schulter kümmern. Wenn Irina nicht von allein erwacht, muss ich sie wecken. Sonst wird’s mit dem Nähen noch schmerzhafter, denn dann müssen die Wundränder nachbearbeitet werden.“
„Nicht, Alain. Ich übergeb mich gleich …“
„Und du wunderst dich, dass man dich bei der Armee für dienstuntauglich erklärt hat …“
Während die beiden übers Militär diskutieren – ich hab schon allein von Paps’ Gesprächen so die Ohren voll und kann’s partout nicht mehr hören –, untersuche ich meine Schulter. Als ich sie berühre und das Hemd zur Seite schieben will, durchfährt mich ein Schmerz, den ich wegzuatmen versuche. Zudem stelle ich mit Entsetzen fest: Das weiße Pflaster ist mit Blut durchtränkt. Da ich den Schmerz noch nicht verarbeitet habe und das viele Blut mich schockiert, entringt sich meiner Kehle ein unterdrückter, gepeinigter Aufschrei.
Alain und Marc platzen beide gleichzeitig zur Tür herein. Corinne schlägt abrupt die Augen auf und stürzt auf mich zu. „Irina. Wie geht es dir?“
„Den Umständen entsprechend“, antworte ich schwach. Ich lege die Hand auf die Stirn und blinzle gegen das grelle Licht an. Als ich mich daran gewöhnt habe, wandert mein Blick zu Alain. Ich mustere ihn argwöhnisch. Tiefe Sorgenfalten treten auf seine Stirn, die Augen sind umrahmt von dunklen Ringen. „Marc hat recht. Du brauchst dringend eine Mütze voll Schlaf.“
Ein müdes Lächeln huscht über Alains Lippen, aber dann wird ihm klar, dass ich gelauscht habe. „Wie viel hast du mitbekommen?“
Ertappt sehe ich auf meine ineinander gefalteten Hände. „Ich weiß, dass Ryan geflohen ist und … ach Corinne.“ Wiederum kühn nehme ich Blickkontakt zu ihr auf. Sie leidet sichtbar, und so will ich sie erlösen. „Ich nehme dir die Sache mit Kev sicherlich nicht übel.“
Sie seufzt erleichtert auf.
„Okay. Das beantwortet meine Frage … die ganze Unterhaltung“, stellt Foster nüchtern fest.
„Meine Schulter. Wie tief ist der Schnitt?“, frage ich, während ich den Kopf etwas zur Seite neige, in mein Haar fasse und es über die rechte Schulter kämme.
„Irina. Die Wunde muss genäht werden und ich möchte es nicht länger aufschieben.“ Die Art und Weise, wie er sich meinen Namen auf der Zunge zergehen lässt, entzückt mich, und ich realisiere erst im Nachhinein, als er die Hand nach mir ausstreckt, wohl um das Pflaster zu lösen, den Sinn seiner Worte.
„Du? Du willst die Wunde nähen?“ Entsetzt weiche ich zurück. „Ich dachte, du nimmst Marc auf den Arm!“ Schon allein beim Gedanken von Nadel und Faden wird mir schlecht.
Doch Corinne weiß mich zu besänftigen. Wenn sie schon Partei für Alain Foster ergreift, wird schon was dran sein an der Sache und es beweist mir sein Können. „Irina. Schwer vorstellbar, dass das jetzt aus meinem Mund kommt, aber du kannst Alain vertrauen … in dieser Angelegenheit jedenfalls.“ Corinne streichelt über meinen nackten Schenkel, der unter der Decke hervorlugt.
Alain greift zu einem dunkelgrünen Koffer neben dem Nachttisch, der zweifelsohne an die Armee erinnert, und setzt sich dann zu mir aufs Bett. Während er alles vorbereitet, bemerke ich, wie sich Corinne langsam rückwärts Richtung Tür schleicht.
„Es tut mir leid, Irina. Aber ich kann dir da nicht beistehen. Mein Magen.“ Sie verschränkt die Arme vor dem Bauch und bläht die Backen auf.
„Ich verstehe. Du kannst kein Blut sehen.“
Sie nickt. „Ich warte draußen.“ Auch Marc will sich verziehen. „Du bleibst!“, weist Corinne ihn forsch zurecht.
Er sieht mich flehend an, rupft sich mit der Hand am Kinn beinahe die Barthaare aus.
„Marc. Geh ruhig. Ich vertraue ihm“, sage ich und tätschle unbewusst Alains Oberschenkel. Als mir klar wird, wo sich meine Hand gerade befindet, ziehe ich sie rasch wieder weg.
Leise schließt Marc die Tür hinter sich.
„Du bist kein Arzt, also, woher kannst du das?“ Die Patzigkeit in meiner Stimme war keineswegs beabsichtigt.
Doch Alain steht mir geduldig Rede und Antwort: „Meinem Vater gehört der Heliport mit den Rettungsmaschinen. Voraussetzung, um nach seinem Ableben, in weit entfernter Zukunft, sein Erbe überhaupt antreten zu können, ist, dass seine Söhne, also Marc und ich, sich mit den diversen Sparten seines Vermächtnisses auseinandersetzen. Ich habe mich nach meinem Master of Business Administration noch zusätzlich zum Rettungssanitäter ausbilden lassen.“ Mein tiefes Einatmen und der daraus resultierende Ansatz eines Einspruches entgehen ihm nicht und er hebt rasch den Zeigefinger, um mir anzudeuten, dass er noch nicht zu Ende gesprochen hat. „Bevor du mich jetzt darauf hinweisen willst, dass ein Rettungssanitäter keine Befugnis zum Nähen hat, und du offenbar nach wie vor annimmst, dass ich meine Nähkünste der aufgezwungenen Handarbeit in der Grundschule zu verdanken habe, will ich auch noch deine letzten Zweifel aus der Welt schaffen. Ich werde im Militär als Feldsanitäter eingesetzt. Während meiner Ausbildung und den Wiederholungskursen der Armee habe ich auch die Leidenschaft fürs Fliegen entdeckt, und so absolvierte ich nebenbei noch das Helikopterprevet.“
Prahlhans!, denke ich im ersten Moment, doch dann bedauere ich den Gedanken und die Tatsache, ihm unrecht getan zu haben. „Bist du Superman?“, frage ich anerkennend.
„Nein, nur extrem ehrgeizig.“ Alain grinst breit. „Aber danke fürs Kompliment.“ Er scheint ehrlich berührt.
Er leistet Militärdienst, hat eine ansehnliche Ausbildung, ja sogar zwei, steht, kurz gesagt, mit beiden Beinen fest im Leben. Diesen Typen muss mir der Himmel geschickt haben. Hatte gar Mama ihre Hände mit im Spiel und versucht, zwischen Paps und mir zu agieren? Bestimmt war unser Zusammentreffen kein Zufall. Aber vielleicht reine Berechnung seinerseits, und ich lasse mich nun von ihm blenden!, interpretiere ich Corinnes Warnung. Nichtsdestotrotz, bis auf die winzig kleine Tatsache – die du nicht außer Acht lassen solltest!, mahnt mich mein Unterbewusstsein –, dass Alain ein Weiberheld ist, wäre er der perfekte Schwiegersohn und bei Weitem in der Lage, Paps die Stirn zu bieten.
„Sag mir, Alain, wie lässt sich das alles unter einen Hut bringen?“
„Leider bleibt mir Letzteres nur während der Wintermonate vorbehalten und auch nur, wenn am Heliport Not am Mann herrscht. Für gewöhnlich verbringe ich Frühling, Sommer und Herbst in meinem stickigen Büro“, seufzt er schwermütig.
„Und was machst du, um all dem zu entfliehen? Was hast du für Hobbys? Nicht, dass du mit dreißig einen Herzinfarkt erleidest …“, frage ich eher belustigt als besorgt.
„Oh Irina. Dann hätte ich ja nur noch vierzehn Monate zu leben“, schmunzelt er. „Aber das Fliegen ist mein Hobby, Kleine. Und Snowboarden, Freeriden. Beim Heli-Boarding kann ich beides kombinieren, auch wenn ich nicht selbst am Knüppel sitze.“
„Hört sich aber ziemlich aufwendig an. Und um nur mal kurz abzuschalten?“, quetsche ich ihn aus.
„Willst du das wirklich wissen?“
Es klingt beinahe so, als würde er mich vor seiner ehrlichen Antwort schützen wollen, was mich umso neugieriger macht und mich nicken lässt wie Einsteins Trinkente.
„Sex. Unverbindlichen, unkomplizierten, tabulosen Sex. No strings attached …“, antwortet er mit einer rauen, verführerischen Stimme, die tief unter meine Haut dringt und mir eine wohlige Gänsehaut beschert. Alains blaue Augen funkeln herausfordernd. Mein Herz setzt kurz aus und schlägt daraufhin doppelt so schnell weiter, nur um den verpassten Schlag zu kompensieren.
„Oh.“ Ich kann seinem Blick nicht standhalten, wende die Augen ab und merke, wie sich meine Wangen erhitzen. Verlegen senke ich die Lider.
„Hey“, flüstert er und hebt mit dem Zeigefinger sachte mein Kinn an. „Vertrau mir, Irina. Ich hab mich unter Kontrolle.“
Ich blicke ihn scheu, doch mit großen Augen an. In meine Gedanken schleicht sich ein Schade. Was mich zutiefst schockiert, denn so darf ich nicht denken, nicht nach alledem, was mir gerade widerfahren ist …
Beinahe widerfahren ist! Beinahe! Alain hat rechtzeitig eingegriffen …
„Irina? Darf ich?“ Alain holt mich ins Hier und Jetzt zurück. „Ich muss dich, Rechtens wegen, um deine Einwilligung zum Nähen bitten …“
„Mach dir keine Sorgen, ich werde dich schon nicht verklagen. Kannst ruhig loslegen … Ich bin froh, wenn ich die Sache hinter mich gebracht habe.“
„Tapfere Kleine!“
Behutsam schiebt er das Hemd von meiner linken Schulter. Unter anderen Umständen würde mir das sogar gefallen, aber nicht, wenn ich daran denke, was mir noch bevorsteht. Spritze, Nadel und Faden. Der Gedanke ist ernüchternd.
Alain streift sich ein Paar Einweghandschuhe über und beginnt mit allergrößter Vorsicht, die Gaze zu lösen. Ein Zischen entfährt mir trotzdem. Ich reiße mich zusammen, verspanne meinen Kiefer, als er mit einem Wattepad, vollgesaugt mit Jod, die Wunde säubert und desinfiziert. Er nimmt ein Fläschchen und eine steril verpackte Spritze aus dem Koffer.
Ich kann nicht hinsehen …
Und doch werde ich Opfer meiner Neugierde und verfolge gespannt jeden seiner Handgriffe. Alain versenkt die Nadel im Fläschchen und die Spritze füllt sich sukzessiv mit der klaren Flüssigkeit. Fragend sehe ich ihn an und er fühlt sich verpflichtet, mir alles haarklein zu erklären.
„Das ist eine Lokalanästhesie. Sie dient der Schmerzausschaltung durch Unterbrechung der Schmerzleitungsfunktion der Nerven. Jetzt musst du ein letztes Mal ganz stark sein. Danach legen wir eine kurze Pause ein, damit die Spritze wirken kann.“
Ich halte die Luft an, als Alain mir die Flüssigkeit in die Schulter injiziert. Autsch! Meine Atmung kommt wieder in die Gänge.
„Das smaragdgrüne Hemd, das du trägst, hast du das eigens für den Eingriff angezogen?“, ziehe ich ihn liebevoll auf, um meine Nervosität zu vertreiben, die sich während des Wartens zugespitzt hat, und beiße mir auf die bebende Unterlippe.
„Du meinst, um dem Nachbild-Effekt vorzubeugen und die Patientin zu beruhigen? Nein, Irina. Das ist das Ersatzhemd aus meinem Büro im Trakt nebenan, da ich das blaue einer Jungfrau in Nöten geopfert habe, und ich muss sagen, es steht ihr ausgezeichnet und lässt ihre Augen ganz besonders erstrahlen“, schmeichelt er mir.
„Da…da…danke“, stottere ich heiser, noch immer am Bibbern.
„Hmmm.“ Alains intensives Mustern steigert meine innere Unruhe. „Wenn ich mir dich so ansehe, scheint das Grün, die Farbe der Hoffnung, der man auch eine beruhigende Eigenschaft nachsagt, nicht zu wirken. Du bist unsagbar nervös … So will ich dich nicht länger warten lassen …“
Nachdem er sich mehrmals versichert hat, dass ich nichts mehr spüre, nimmt er die Nadel, in welcher der Faden schon direkt integriert ist, und näht sorgfältig, Stich für Stich, die sechs Zentimeter lange, aufklaffende Wunde. Ganz behutsam und vorsichtig.
„Irina, vergiss das Atmen nicht!“, ermahnt er mich. „Gesicht nach rechts. Ich kann nicht riskieren, dass du mir hier ohnmächtig wirst. Du bist schon ganz blass.“
„Der Anblick meines eigenen Blutes macht mir nichts aus, fremdes jedoch schürt meinen Unwillen.“ Trotzdem gehorche ich ihm und drehe den Kopf zur Seite. Durch die Verlagerung rutscht das weite Hemd tiefer und legt meine linke Brust frei. Der Reflex lässt mich im Stich. Ich bin in meiner Beweglichkeit eingeschränkt und kann den ungewollten Striptease nicht abwenden. Was aber immerhin noch einwandfrei funktioniert, ist mein Schamgefühl, das mir diesen gewissen unerwünschten Nebeneffekt auf die Wangen zaubert.
Alain hält in seiner Bewegung inne und atmet tief durch. Dann greift er mit seiner linken Hand nach dem Stoff und streift dabei meine Brustwarze. Die Berührung jagt trotz seines Handschuhs eine Art Lustimpuls durch meinen Körper. Augenblicklich richtet sich die kleine Knospe auf. Ein wohliger Seufzer huscht über meine Lippen. Meine Wangen glühen und strahlen mit dem rosigen Nippel um die Wette. Mit größter Mühe und etwas zittrig zieht er den Stoff wieder hoch. Seine Lippen zucken, als würde er einen innerlichen Kampf austragen. Knurrend bringt er seine Hände wieder in Position, atmet tief durch, steht kurz davor, die nächste Naht zu setzen, bricht dann aber wieder ab und schüttelt fluchend seine zitternden Hände mehrmals durch.
„Lenk mich ab! Bring mich auf andere Gedanken, damit ich nicht gleich über dich herfalle“, gesteht er, und es ist ihm verdammt ernst.
Ich ziehe scharf den Atem ein. Mein Herz hämmert gegen meine Brust. Angst jedoch empfinde ich keine, obwohl sich eine Gänsehaut über meinem gesamten Körper ausbreitet. Ich fühle mich buchstäblich betäubt und seine Worte lassen mich keineswegs kalt.
„Herrgott! Ich wäre keinen Deut besser als dieser Dreckskerl.“ Alain verabscheut sich selbst dafür. „Ich prahle mit meiner Beherrschung und dann treibt mich eine nackte, wohlgeformte Brust an den Rand des Wahnsinns …“
„Es wäre nicht dasselbe, wenn ich es auch möchte und …“ … seit meinem Traum wünsche ich mir nichts sehnlicher, füge ich in Gedanken an, denn den Mut, ihm meinen Traum zu gestehen, kann ich nicht aufbringen, und so schenke ich ihm stattdessen ein verlegenes Lächeln.
„Irina. Du stehst immer noch unter dem Einfluss der Droge, die Ryan dir verabreicht hat. Bist du dir bewusst …“
„Alain. Du willst mir das jetzt bloß einreden. Ich bin ganz klar im Kopf!“, versichere ich ihm. In Bezug auf die Droge stimmt es vielleicht, aber dafür scheint er mir meine Sinne zu vernebeln.
„Wenn du wirklich klar bei Verstand wärst, würdest du mich rauswerfen.“
„Dich rauswerfen? Aus deinem eigenen Hotel?“ Ich lache laut auf. „Das wäre ja ein Skandal.“
Seine Mundwinkel zucken, doch ein Lächeln kann ich ihm nicht entringen.
„Ist sie wieder so gut wie neu?“ Corinne streckt den Kopf durch den Türspalt, wagt es aber kaum, einen Blick zu riskieren.
„Wir sind erst bei der Hälfte angelangt.“ Alain klingt mürrisch.
Ohne ein weiteres Wort, von Alains abweisendem Tonfall getroffen, zieht sie sich zurück.
„Ein Kontrollbesuch!“, murrt er. „Sie sorgt sich um dich, weil sie mir nicht über den Weg traut, und das zu Recht.“
Plötzlich herrscht eine bedrückende Stille zwischen uns, da ich nicht weiß, was ich auf seine Bemerkung erwidern kann. Innerlich verfluche ich meine Unerfahrenheit.
Alain macht sich wieder an die Arbeit und näht die letzten Stiche. Ich kann meine Augen nicht von ihm lassen. Er scheint in sich gekehrt, konzentriert sich auf Nadel, Faden und die Verletzung. Verbissen darauf, mich keines Blickes zu würdigen. Gekränkt wische ich mir die Träne von der Wange, die sich unbewusst beim Blinzeln gelöst haben muss.
Nachdem Alain den Faden verknotet und gekürzt hat, atmet er auf, massiert sich den Nacken und streckt sich herzhaft gähnend, ehe er die Naht mit einer Art Paste behutsam betupft. Während des Einwirkens entledigt er sich der Handschuhe, nimmt einen mit Wasser getränkten Wattebausch und entfernt damit das Jod und Blut, das noch an meiner Haut klebt. Anschließend trocknet er sachte meine Schulter und überdeckt die Wunde vorsichtig mit einer selbstklebenden Gaze.
Alain beäugt mich. Unter seinem intensiven Blick kribbelt es auf meiner Haut und darunter beginnt mein Blut regelrecht zu brodeln, als würde er ein My von X-Men Cyclops Fähigkeiten besitzen.
„Du hast da noch was“, sagt er kehlig, legt den Zeigefinger unter mein Kinn und dirigiert es hoch.
Gehorsam lege ich den Kopf in den Nacken, schließe genüsslich die Augen. Mit einem nassen, kaum ausgewrungenen Wattepad säubert er meinen Hals. Das Wasser hätte eigentlich zischend verdampfen müssen, so erhitzt fühle ich mich. Ich spüre, wie sich einige Tropfen lösen, über Hals und Dekolleté perlen, sich am Piercing zwischen den Brüsten sammeln und ihren Weg gemeinsam, zu einem einzigen großen Rinnsal formiert, fortsetzen, mir dabei ein Kichern entlocken, weil es mich so furchtbar kitzelt.
Neugierig blinzle ich unter den langen Wimpern hervor, als sich plötzlich unsere Blicke treffen. Blanke Begierde lodert in seinen Augen und entflammt die Luft um uns. Sie flimmert wie von der prallen Sommersonne erhitzter Asphalt und wird ganz und gar unbrauchbar, scheint meine Lungen nicht mehr zu nähren, denn ich schnaufe abgehackt, schnell, benötige mehr davon, oder liegt es auch daran, dass er mir den lebensnotwendigen Sauerstoff wortwörtlich vor der Nase wegstiehlt? Alains Gesicht ist meinem so nah. Seine laue, gebrauchte Atemluft kitzelt an meiner Nasenspitze, quält und lockt mich zugleich.
Oh! Bitte küss mich!
Als hätte er mein stummes Flehen erhört, lässt er das Pad fallen und umfasst mit seinen warmen, starken Händen mein Gesicht. Freudige Erwartung durchflutet meinen Körper. Meine Augen flattern zu, die Lippen sind ohnehin schon leicht offen. Ich schmecke bereits die Minze seines Atems auf der Zunge. Doch auf einen Kuss warte ich vergebens.
Ich raffe all meinen Mut zusammen und wispere: „Alain. Küss mich.“ Kurz blinzle ich und sehe, wie er gebannt auf meine Lippen starrt. Meinem Ziel ganz nah hauche ich ein einladendes „Bitte“. Ich lege die Handflächen auf seine Oberschenkel, die er daraufhin anspannt und mich spüren lässt, wie durchtrainiert er ist.
Oder kann es sein, dass er sich gar meinetwegen verspannt?
Alain neigt meinen Kopf etwas nach vorn, berührt mit dem Mund sachte meine Stirn und erklärt mir leise: „Irina.“ Ich genieße das Prickeln auf meiner Haut, welches sein Atem und seine Daumen, die zärtlich meine Wangen liebkosen, verursachen. „Dein reizendes Angebot ehrt mich …“ Er sagt es in diesem gewissen Ton, als würde gleich ein Aber folgen, so stelle ich mich mental auf eine Zurückweisung ein. „Aber es wäre nicht richtig, deinen hilflosen … willenlosen Zustand auszunutzen.“ Beim Reden streicheln seine Lippen tröstend meine Haut, und mit der Gewissheit, dass Alain in dieser Position meine Tränen nicht sehen kann, lasse ich ihnen freien Lauf. „Nach allem, was du in den letzten Stunden durchgemacht hast, halte ich einen Kuss, hier und jetzt, nicht für angebracht.“
Die Tränen versiegen. Hoffnung keimt in mir auf, er könnte es an einem anderen Ort, zu einem anderen Zeitpunkt in Erwägung ziehen …
„Corinne mag mich vielleicht als Arsch bezeichnen …“ Seine Lippen beben auf meiner Stirn und ich ahne, dass er ein Lachen unterdrückt. „Doch ein so großer bin ich somit auch wieder nicht.“
Ich bedecke seine Hände, sehe fragend zu ihm auf und hoffe auf eine ehrliche Antwort. „Dann ist es also nicht wahr, dass du tonnenweise Touristinnen abschleppst, sie durchvögelst und anschließend sich selbst überlässt?“
Ach herrje! So vorwurfsvoll hätte das eigentlich nicht klingen sollen … eher hoffnungsvoll, dass er mir widerspricht und nicht der Schürzenjäger ist, zu dem er von meiner Cousine erklärt wurde. Halt! Das vermeintliche Gerücht kam von zwei Seiten. Ryan hat ihn ebenfalls, jedoch im Gegensatz zu ihr anerkennend, als Ladykiller bezeichnet … So wirst du von Alain bestenfalls eine Beschönigung der Tatsachen zu hören bekommen!
„So … so ist das nicht.“ Auf eine gewisse Art schockiert löst er sich von mir und steht auf. „Ich spiele immer mit offenen Karten, Irina. Die Ladys wissen, worauf sie sich einlassen, und manch einer kommt ein Urlaubsflirt“, das aufwertende Wort unterstreicht er mit Gänsefüßchen in der Luft, „gerade gelegen.“
Wie vermutet, redet er’s sich schön, und ich muss einsehen: „Mehr als eine Nacht mit dir hätte ich also nicht bekommen …“
„Mein Interesse an dir wäre rein körperlich. Unverbindlicher Sex. Mehr nicht. Ich bin keineswegs an einer Beziehung interessiert …“
„Nur Sex? Ich … ich weiß nicht …“, stottere ich, kralle mir unbewusst die Bettdecke und ziehe sie mir über die Beine.
„Was du davon halten sollst?“, führt er meinen Satz korrekt zu Ende.
Ich nicke kaum merklich.
Einen Augenblick lang starrt Alain mich an. Augen und Mund weit aufgerissen. Er schüttelt ungläubig den Kopf. „Irina! Das sollte keine Aufforderung dazu sein! Nach den neusten Erkenntnissen, der Tatsache, dass du Corinnes Cousine bist, hier im Dorf wohnst und wir uns jetzt wohl oder übel öfters über den Weg laufen werden, rät mir mein Verstand, einen gesunden Abstand einzuhalten … Ich werde für dich einen Termin beim Dorfarzt vereinbaren, damit er dir in zehn bis vierzehn Tagen die Fäden ziehen kann. Uns beiden zuliebe werde ich dich nicht mehr anrühren …“
Ich gebe mir keine Mühe mehr, meine Enttäuschung zu verbergen, und blicke auf meine angespannten Finger, die die Decke noch immer umklammern. Im Augenwinkel erkenne ich, dass er eilig seinen Koffer zusammenpackt.
Die metallenen Schnallen rasten ein. Alain umfasst den Griff, bereit zu gehen, doch er wirft einen letzten Blick auf mich, hält inne und flüstert: „Kopf hoch! Es wäre eine Schande, deine Jungfräulichkeit an mich zu verschwenden!“
Geplättet sehe ich zu, wie er zur Tür schreitet. „Woher … Corinne!“, stöhne ich entnervt. „Alain. Warte.“ Ich stehe auf, mache ein paar Schritte auf ihn zu, ehe mir bewusst wird, dass ich außer dem Hemd nichts trage. Hastig zupfe ich es zurecht.
„Irina. Du solltest dich etwas ausruhen, versuche, ein wenig zu schlafen, solange die Betäubung wirkt. Bis Sonnenaufgang sind es noch vier Stunden. Ich werde Corinne wieder hereinbitten.“
„Danke. Danke, dass du mich rechtzeitig gefunden hast … und es tut mir leid“, nicht wirklich, „dass ich dir das Date mit dieser hübschen Brünetten vermasselt habe.“
Entgeistert starrt er mich an. „Du hast mich mit Zo… ihr gesehen? Das Treffen war rein geschäftlicher Natur“, rechtfertigt er sich. „Warum bist du denn nicht direkt zu mir gekommen, als du die ersten Anzeichen gespürt hast?“ Alain stellt den Koffer neben der Tür ab und führt mich zurück zum Bett. Seine Hand berührt kaum merklich meinen bedeckten Rücken. Er gibt sich alle Mühe, nicht mehr mit mir in Berührung zu kommen, dennoch fühlt es sich wie eine Hot-Stone-Massage an, die tief unter meine Haut dringt, jedenfalls bilde ich mir das ein, und ich fördere den Druck seiner Hand, indem ich den Weg zum Bett etwas hinauszögere.
„Wie hätte ich denn ahnen können, dass ich es mit einem potenziellen Vergewaltiger zu tun habe?“
Im Nachhinein wird mir klar, ich hätte Ryan beim Cocktailmixen auf die Hände sehen sollen. Wie oft hat Paps mir diese Regeln eingetrichtert: Getränke niemals unbeaufsichtigt stehen lassen. Keine offenen Getränke von Unbekannten annehmen. Bei Übelkeit sich nicht an Unbekannte wenden … Und ich habe sie alle außer Acht gelassen!
Alain hebt die Decke, bittet mich mit einer Handbewegung aufs Bett und deckt mich fürsorglich zu. „Irina. Wie bist du eigentlich an Ryan geraten?“, fragt er schonend nach und setzt sich, eine gesunde Distanz einhaltend, auf die Bettkante.
„Alain. Ich habe mich Ryan nicht an den Hals geworfen, falls du das von mir denkst. Er hat mich angesprochen, mich zu einem Drink eingeladen …“ Ich erzähle ihm, was vorgefallen ist, und erst jetzt, da ich mir die Begegnungen mit Ryan noch einmal vor Augen führe, fügen sich die Puzzleteile zusammen. „Und das alles … deinetwegen.“
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