Kitabı oku: «Messalina», sayfa 3
Betroffen senkte Abalanda das Haupt. Er war tief enttäuscht. Nicht Abscheu, wie er erwartet, sondern ein genußfreudiges Begehren durchzitterte das Mädchen, das er in der stillen, sich gern verbergenden Liebe verehrte, die den Männern seiner nordischen Heimat eigen war. Dort warb man um das Weib und mußte sich den Besitz erkämpfen. In diesem brünstigen Rom aber raste die Liebe nackt vor den Augen alles Volkes und warf sich jedem an den Hals, der ihrer, wenn auch nur flüchtig, begehrte.
Messala hatte den jungen Mann beobachtet. Er kannte das Leben genau, war zu sehr Menschenkenner, als daß er nicht längst bemerkt hätte, wie es um das Herz seines Gastfreundes stand. Der Aënobarbus strich sich über den rötlichen Bart, der sich seit Lucius Domitius den meisten Männern der Familie vererbte.
Man erzählte: zwei göttliche Jünglinge hätten vor Zeiten durch Berührung das dunkle Haupthaar und den Bart des Lucius zu rot schimmernder Erzfarbe verwandelt, um so ihre olympische Herkunft zu erweisen.
Nachdenklich seinen »Erzbart« krauend, beugte Messala sich vor und musterte das stille Antlitz Abalandas. Er sann. Gewiß war es besser, den Kaiser zu bitten, den jungen Nordländer einem andern Hause in Rom als Gast zu überweisen. Caligula hatte durch die Einladung Valeria Messalinas zum Gastmahle dargetan, welchen Gefallen er an ihr fand. Noch immer war die Gunst der Cäsaren ungesucht den Aënobarbi zugefallen. Nur Caligula hatte bis jetzt gezögert. Aber jetzt, da der Imperator das unüberlegte, jugendlich abweisende Verhalten des Mädchens nicht übelgenommen, ja auch die ungehorsame Weigerung, an seiner Seite den Zirkusspielen beizuwohnen, weder sonderlich beachtet noch geahndet hatte, blühte neues ungeahntes Heil der Familie. Er, der Vater, würde Messalina schon lehren, ihr Glück zu begreifen. Zwar war ihr starker Selbstwille – der ererbte »Eisenkopf« als Familieneigentümlichkeit – nicht leicht zu brechen. Offenbar gefiel ihr auch die in Rom nicht bräuchliche und als fremdartig um so anziehendere stumme Verehrung des Gastes aus Germanien. Ehe aber hieraus ernstere Zuneigung sich entwickelte, mußte ein Riegel vorgeschoben werden. Eine Römerin und ein Barbar – unmöglich! ...
Glücklicherweise gab Caligula gerade jetzt das Zeichen zum vorzeitigen Aufbruch. Er hatte sich satt gesehen an dem mänadischen Gebaren der Weiber in der Arena und versprach sich vom Wettrennen der nackten Schar nun keine gesteigerte Belustigung. Bevor er die Tribüne verließ, verharrte er noch einen Augenblick neben seinem Elfenbeinstuhle. Er suchte mit den Augen die Reihen der ihn grüßenden Vornehmen ab, einen Blick auf Valeria Messalina zu erhaschen.
Messala trat rasch neben seine Tochter. »Dränge dich vor und grüße den Kaiser besonders zuvorkommend!« befahl er.
Das Mädchen, noch im Banne des Erlebten befangen, gehorchte, fast ohne zu wissen, was sie tat. Auch die Mutter Lepida schob sie an den Schultern vorwärts. So hob Valeria Messalina beide Arme und winkte in kindlicher Gebärde, noch im Rausche der Erregung über die ungewohnten starken Eindrücke auf ihr junges, kaum erwecktes Gemüt.
Befriedigt gewahrte der Vater, daß Caligula huldreich den Gruß erwiderte. Der Kaiser nickte mehrmals zu der Reihe hinauf und rief dann den Prätor zu sich, dem er eindringlich einen Auftrag erteilte. Unter den begeisterten Zurufen der Menge verließ er sodann den Zirkus.
Wenig später kam Proculejus Gillo und sprach den Messala an.
»Der Kaiser läßt dir sagen, du mögest es nicht als Ungnade auffassen, wenn er dich ersuchen läßt, statt dem von ihm gegebenen Gastmahle dem Gastmahle seines Günstlings Protogenes beizuwohnen,« bestellte der Prätor.
»Ich fasse es durchaus als eine Gunstbezeigung auf,« versicherte Messala Barbatus klüglich mit erhobener Stimme. Denn er erfaßte sofort den Grund dieser Ausladung. Caligula wollte Valeria Messalina zum Gaste, allein, ohne Gegenwart der Eltern. Die Wahl des neuen Gastgebers freilich war eine Kränkung. Denn der Grieche Protogenes galt in Rom als der widerwärtigste Speichellecker des Kaisers und als des Imperators Gehilfe im Ersinnen so mancher Greueltat.
»Der Kaiser läßt dir ferner danken, daß du mit den Deinen so vergnügt die heute von ihm dem Volke gebotenen Zirkusspiele verfolgt hast,« setzte Proculejus hinzu.
»Triffst du den Kaiser noch?« erkundigte sich Messala hocherfreut.
»Selbstverständlich, da ich ihn zum Palatin zurückgeleite.«
»So bitte ich dich, dem Kaiser folgendes zu sagen: ich hätte ihm gern selbst erzählt, daß ich mit meiner Tochter einen harten Auftritt hatte wegen ihres ungezogenen Auflehnens gegen seine geheiligte Person und Gnade. Valeria Messalina ist noch zu unerfahren, die Fülle dieser Gunst voll zu würdigen. Sie ist von uns, ihren Eltern, nunmehr belehrt und zurechtgewiesen und freut sich der ihr zuteil gewordenen Bevorzugung. Sie wird dem Kaiser Abbitte leisten. Und ich selbst, ich kann dem Kaiser meine Ergebenheit nicht besser beweisen, als daß ich Valeria Messalina gestatte, unbeaufsichtigt einem Gastmahle im kaiserlichen Palast beizuwohnen.«
Der Prätor lächelte verbindlich und meinte, die Stimme dämpfend: »Ich kenne dich als einen klugen Mann, Valerius Messala. Sei versichert, daß ich dem Kaiser getreulich deine Worte berichten werde. Doch ich nannte dich einen klugen Mann. Es wird dir also recht sein, wenn ich dem Kaiser vorenthalte, daß du besondere Betonung legst auf das ›Unbeaufsichtigtbleiben‹ deiner Tochter.«
Proculejus Gillo grüßte und eilte dem Kaiser nach.
In der Arena begann der Wettlauf der Weiber. Ihrem Jauchzen nach war ihnen jetzt, nach dem Scheiden des Kaisers, weniger um einen ehrbringenden Kampf zu tun als um eine eigene Belustigung und um Zurschaustellen ihrer körperlichen Vorzüge und ihrer geheimsten Reize.
Abalanda sprach finster zu seines Gastgebers Tochter: »Du hörtest, Valeria Messalina, was dein Vater sagte und was er von dir verlangt?«
Sogleich unterbrach sie ihn ärgerlich: »Du bist hier, um unsere Bräuche zu erlernen. Dann merke dir auch, mein Freund, daß es gegen römische Sitte verstößt, andere in ihrem Vergnügen zu stören.«
»Dir gefällt dieses tolle Gebaren?« wunderte er sich kopfschüttelnd.
»Du bist doch ein Mann,« erwiderte sie mit heißen Wangen. »Ich begreife nicht, daß es dir nicht Freude bereitet, diesem hübschen Spiele des Dahinstürmens schöner Glieder und weiblicher Formen zu folgen.«
»Du bist anders, als du noch gestern warst, Valeria Messalina,« raunte er vorwurfsvoll.
»Vielleicht bin ich so, wie ich fortan sein werde,« gab sie geheimnisvoll achselzuckend zurück.
»Auch wenn mich das sehr traurig stimmt?« fragte er verzagt.
»Wir haben in Rom nicht Zeit, traurig zu sein. So lehrte man mich.«
Damit wandte sie sich der Arena wieder zu, um sich nichts von dem aufwühlenden Bilde des Wettlaufes entgehen zu lassen. Schweigend harrte Abalanda neben ihr aus.
Er dachte, es gäbe für römische Gesinnung und Gesittung kein besseres Symbol als dieses Rennen dort unten auf dem Sande, den die Septembersonne in sprühendes Silber verzauberte. Was war dieses blinkende Dahinstürmen der nackten Frauenleiber mit dem bacchischen Jubelrufe der Lust aus den Lippen anderes als ein Abbild des von allem Höheren des Daseins gelösten tierischen Triebes nach einem vergänglichen, kurzen Glücke des Augenblickes?
3
Die bläuliche Farbe des Marmors verlieh dem Badewasser ein durchsichtiges Türkisblau, als wäre die nach starken Essenzen duftende Flüssigkeit in der Wanne dem Meere entnommen. Von diesem Naß ließ Valeria Messalina behaglich den jungen Körper umfluten.
Wohlig regungslos lag sie in dem Bassin. Sie erfrischte sich von der Anstrengung des langen, staubigen Aufenthaltes im Zirkus, um vorbereitet zu sein auf die neuen Forderungen, die das Gastmahl im kaiserlichen Palaste an sie stellen würde.
Einmal erhob sie den Arm und beobachtete, wie klare Tropfen von den Fingerspitzen in die Wanne zurückfielen, wie die kristallhellen Wasserstreifchen auf der Haut des Armes dahinrieselten, ein Gefühl erweckend, als streichele kosend eine unsichtbare, linde Hand. Dann tauchte der Arm zurück in den blauen Schimmer.
Wieder unbeweglich rastete die Schönheit der Mädchenglieder in dem kühlenden Wasser, das die Haut so wundersam täuschend färbte, als leuchte die lebensgroße Gestalt einer Göttin aus Elfenbein durch einen sie umschließenden riesigen Aquamarin.
Valeria Messalina sann dem im Zirkus Erlebten nach.
Doch dachte sie nicht an die Greuelbilder der einander zerfleischenden Netzfechter und ihrer Gegner: der mit dem Sichelschwert kämpfenden Mirmillonen und der mit der knochenzerschmetternden Kugel am Riemen bewaffneten Sekutoren – auch nicht an das blutspritzende Ringen zwischen Mensch und Raubtier, nicht an das Wutgebrüll der verwundeten Bestien, noch an die Schmerzensschreie der Unterliegenden – nicht an den tödlichen Ikarusflug des unseligen Menalippus – nicht an jenen Menschen, der unter schauerlichen Rufen bald irrsinnig in der Arena umherrannte, bald sich kreischend vor Schmerz im Sande wälzte in dem vergeblichen Trachten, das lodernde Gezüngel des auf seinem Körper brennenden Harzes zu ersticken.
An all dieses Häßliche und Abstoßende dachte dieses junge und lebensfrohe Geschöpf nicht.
Aber alle Schönheiten des Bildes der Rennerinnen suchte sie sich noch einmal zurückzurufen. Wie die geschmeidigen Körper dahineilten, als wären sie mit Windesschwingen beflügelt. Dort, wo die Sonne sie traf, waren sie wie zum Dasein erwachte goldene Statuen über den Sand geglitten – im Schatten der Spina glichen sie dann wieder marmornen Gestalten, denen die Sehnsucht, zu leben, Odem eingezaubert hatte. – Sie dachte daran, wie die weißen Körper beim Niederstürzen durcheinander taumelten, übereinander fortrollten und in der glühenden Röte, die das sonnendurchleuchtete Purpursegel über alle Vorgänge in der Arena goß, aus Flammenzungen geschaffenen Gebilden ähnelten – dann wieder durcheinander wirbelten, als ergötze sich die Gottheit in heiterem Spiele mit dem Schönsten, das sie erschaffen: vollendeten nackten Frauenleibern.
Ein geringschätziges Lächeln rieselte jetzt um Valeria Messalinas ausdrucksvollen Mund. Dann kam ein halblautes, silbernes Lachen über die roten Lippen. Sie hatte an den Nordländer Abalanda gedacht. Wie war es möglich, daß ein Mann – ein Mann! – vor dem Anblick der Rennerinnen das bärtige Kinn in die Toga vergrub und schamhaft den Blick senkte?! Dem Barbaren aus dem Lande der Unwirtlichkeit, fern der sieghaft leichtlebigen, sonnendurchglühten Freudigkeit Roms, ihm fehlte das Verständnis für das Schöne. Nüchtern und blutlos, glutarm war er. Ebenso sonderbar war sein nordisch zurückhaltendes Werben um ihre Gunst, das sich kaum je wirklich verriet und sich nur manchmal durch ein rasches Aufleuchten des Blickes sehnsüchtig offenbarte.
So warb man nicht um ein römisches Mädchen! Das hatte ihr Fabulla verraten.
Fabulla wartete vor der Tür des Baderaumes. Valeria Messalina rief hastig den Namen der Sklavin. Der schwere Vorhang aus dunkelblauem Filze, mit malachitfarbenen Ornamenten aus schmalen Seidenstreifen über und über benäht, schob sich nur ganz wenig zurück. Denn sein Gewicht diente dazu, die Tür so fest zu verschließen, daß in die wohlige Wärme des Gemaches keine Zugluft dringen konnte.
Fabulla trat ein. Sie war von gutem Wuchs, den die kurze Tunika der Sklavinnen mehr enthüllte als verbarg. Das Gewand bedeckte die Brust, die Schultern und den Nacken nur wenig. Auch die über kräftigen Knien sich muskelstark aufbauende Prallheit der Oberschenkel blieb halb entblößt. Fabullas Gesicht mit den nicht sehr großen, aber klugen braunen Augen unter steil nach den Schläfen abfallenden Brauen war ein Gemisch von bäuerlicher Hübschheit und dreist verschmitzter Schläue. Sie war die vertrauteste Dienerin der Valeria Messalina und hatte als Verna, als im Hause geborene Sklavin, das Vorrecht, sich zutraulicher zu benehmen als sonst eine Dienende.
»Wenn du nicht gerufen hättest, Herrin, so wäre ich jetzt von selbst gekommen, dich aus dem Bade zu scheuchen,« rief sie und zeigte lachend ihr gesundes Gebiß. Mit einem flinken Griffe löste sie den Wollgurt von den Hüften, dann die bronzene Fibel, die ihr die Tunika auf den Schultern festhielt. Nun stand sie ohne Hülle da, bereit, ohne Gefährdung ihres Gewandes den nassen Körper Valeria Messalinas zu massieren.
»So«, ermunterte sie, »nun komm, Herrin, und laß dich kneten. Oder befiehlst du Aufidia?«
»Nein, deine Hände sind geschickter,« lehnte Valeria Messalina ab. »Aber laß mich noch ein wenig im Wasser ruhen. Du sollst mir zunächst ein paar Fragen beantworten.«
»Nur zu, Domina, frage, soviel du magst,« forderte Fabulla auf, indem sie sich am Rande des Marmorbeckens niederließ. Ihr entblößter Körper fand sein Spiegelbild auf der unbewegten Oberfläche des Wassers. Die Sklavin schnupperte mit der kecken Nase. »Hmmm – wie deine Badeessenzen gut duften! Wer das auch so haben könnte!« Mit einem drolligen Seufzer sah sie listig die junge Tochter des Hauses an.
Valeria Messalina musterte die drallen Formen der Untergebenen. »Du siehst reinlich und appetitlich aus –«
»Wie immer,« warf Fabulla scherzend ein, wohlgefällig über ihren Körper streifend.
»So komm in die Wanne und knete mich im Wasser,« fuhr das Mädchen fort. »Dann hast du gleich Teil an meinem duftenden Bade.«
Fabulla klatschte auf den derben Oberschenkel. »Du hast da eine neue Bademanier ersonnen, Herrin. Du bist erfinderisch wie der Kaiser. Erzähle ihm davon, wenn du heute mit ihm tafelst.«
»Er wird sich nicht für solche Nichtigkeiten interessieren,« erwiderte Valeria Messalina. »Auch wird mein Platz wohl kaum auf dem Tischbette des Kaisers sein.«
»Dumm genug von ihm, wenn er sich eine so köstliche Nachbarin entgehen läßt,« meinte Fabulla. »Doch was wolltest du eigentlich fragen, Herrin? Ich werde zwar zu unwissend sein, dir dienen zu können, immerhin frage.«
Valeria Messalina blickte versonnen auf die Wandbilder von der Hand eines sizilischen Künstlers, die den Baderaum schmückten. Es war ein buntbewegtes Spiel von Nereiden und Tritonen in den Wellen des Meeres.
»Sage mir, Fabulla, du bist fünf Jahre älter als ich und hörst so manches in den Gesindekammern hinten im Hause – warum hat der Kaiser mich heute zu seinem Gastmahle geladen – absichtlich allein – ohne die Eltern?!«
Fabulla drückte ein Auge zu. Ihr Gesicht war köstlich heimliches Belustigtsein. »Ich weiß es nicht,« suchte sie auszuweichen.
Valeria Messalina zürnte.
»Du weißt es sehr gut. Du verbirgst es mir, wie meine Mutter es mir zu verbergen sucht. Ist das der Dank für meine Güte gegen dich?!«
Sie wandte unmutig die Glieder im Wasser.
»Herrin,« entgegnete die Sklavin, »es dürfte schwerlich meine Sache sein, dich über die Bedeutung dieser Einladung aufzuklären. Hätte meine Aufklärung in deinem Gemüte und deinen Entschließungen Folgen, so könnte mir das empfindliche Strafe eintragen.«
Das junge Mädchen richtete sich im Wasser auf. »Habe ich dich je bestraft?« fragte sie unwillig.
»Gewiß nicht,« bestätigte Fabulla eifrig mit einer demütig dankbaren Gebärde. Dann zog sie die Knie empor und umschloß mit ineinander gelegten Händen ihre Beine. »Nie hast du gegen mich oder eine meiner Gefährtinnen die greuliche Stachelpeitsche erhoben. Seitdem ich allein dir dienen darf, bleibt mein Rücken und auch meine Brüste frei von Schmerz und Wunden. Domina Lepida, deine Mutter, aber weiß die Peitsche um so besser zu gebrauchen, wenn das geringste Versehen ihren Zorn erregt.«
»Laß das!« unterbrach Valeria Messalina mit zusammengezogenen Brauen. »Nicht über meine Mutter habe ich dich gefragt. – Ich merke schon, du willst dich der Antwort auf meine Frage entziehen. Wenn ich dir nicht befehlen soll, auch für mich einmal die Stachelpeitsche zu holen, so rede endlich.«
Fabulla blickte hilflos drein.
»Domina, ahnst du denn wirklich nicht den Grund dieser Einladung?!« fragte sie und blinzelte in die helle Sonne über dem geöffneten Dach, den eindringlich forschenden Augen der Herrin auszuweichen.
Zum Glücke Fabullas rief draußen vor dem dicken Filzvorhang der hierzu bestimmte Sklave die Zeit aus. Es war die neunte Tagesstunde seit Sonnenaufgang, und in der zehnten sollte das Gastmahl Caligulas beginnen. Das heikle Zwiegespräch wurde durch den Stundenruf unterbrochen. Fabulla atmete befreit auf.
»Es ist höchste Zeit!« rief aufgeschreckt Valeria Messalina. »Steig' rasch zu mir in die Wanne und knete mich, damit wir schnell das Bad beenden.«
Die Verna schlüpfte eilig in das duftende Wasser. Mit geschickten Händen walkte sie alle fleischigen Teile des ebenmäßigen Körpers, ohne durch Zupacken und Drücken wehe zu tun.
»Schnell, schnell,« trieb das Mädchen die Sklavin an, »wir haben kaum Zeit zum Ankleiden. So. Genug.«
Damit sprang sie auf und entschlüpfte der Wanne.
Auf dem Ruhelager war bereits eine Endromis handgerecht ausgebreitet. Auf diesem aus zottiger Wolle gewebten, purpurgefärbten Mantel von tyrischem Rot bettete die Sklavin jetzt den weißblühenden Leib der Domina. Einen Augenblick erfreute sie sich an dem schönen Bilde des auf der üppigen Purpurunterlage ruhenden Gefüges ranker, junger Glieder. Dann wickelte sie die Endromis dicht um Valeria Messalina und rieb und frottierte aufs neue.
Mittlerweile war auch sie selbst trocken geworden und bekleidete sich eilig mit der Tunika.
Aus der Wand ragte der aus Erz gegossene Kopf eines Hirsches, der sein aus Gold getriebenes Geweih wie zum Kampfe gesenkt hielt. Die Sprossen des Gehörns dienten zum Aufhängen von Kleidungsstücken, von Mänteln und Tüchern. Von hier nahm Fabulla eine andere, saphirblaue Endromis, in die sie die Herrin hüllte, nachdem Valeria Messalina sich, erfrischt und belebt, erhoben hatte.
Nun begaben die beiden Frauen sich in das nebenan liegende Ankleidegemach.
Hier harrten schon andere Sklavinnen. Sie hielten muschelförmige Schalen mit Salben und Schminken bereit, kleine Kristallgefäße mit Parfümerien, ferner Tuniken und Stolen von schneeweißer Farbe zur Auswahl für das Festgewand dieses Abends. Zwei Dienerinnen breiteten Lacernen in mannigfachen Farben aus, damit die Herrin unter diesen Männermänteln einen Überwurf für den Weg in der Sänfte wähle.
Noch in die blaue Endromis gehüllt, nahm Valeria Messalina Platz in einem Sessel, dessen Seitenlehnen aus Schildkrot mit goldenen Intarsien gefertigt waren. Fabulla entblößte den Nacken der Domina, den eine hierzu bestimmte Sklavin sofort mit einer stark duftenden, aber rasch verdunstenden Essenz zu salben begann. Nur ein zarter, erfrischender Hauch blieb auf der Haut und in den Nackenhaaren Valeria Messalinas verfangen.
Kaum war dies beendet, kniete ein Mädchen vor der Domina nieder und hielt ihr den Spiegel, eine zu Hochglanz polierte große Silberscheibe, entgegen, in dem sie den Werdegang der Frisur verfolgen konnte. Eine ältere Sklavin, mit Namen Laronia, ordnete die Haare, trocknete sie mit heißen Tüchern, um dann durch erhitzte Elfenbeinstäbchen das schwarze Gewoge zu wellen und in Locken zu zwingen. Laronias kundige Finger waren im Hause berühmt. Im Nu entstand die Haartracht, die von einem seidenen Doppelbande durchflochten und zusammengehalten wurde. Dann befestigte Laronia die Haarbänder mit kostbaren Nadeln. Ihre Köpfe waren aus Edelsteinen und reihten sich unter ihren flinken Händen über dem Weiß der Seidenbänder zu einem blitzenden Sternendiademe.
Jetzt kam das Schminken. Doch Fabulla riet zu mäßigem Gebrauch.
»Dein junges Antlitz ist am schönsten, wenn es in seinen natürlichen Gaben prangt,« versicherte sie lebhaft. »Laß dir damit genügen, daß ich die Lippen ein wenig röte, den Augenbrauen ein bißchen nachhelfe und einen unmerklichen Überhauch vom Ruß einer Nußschale an die Wimpern bringe.«
Auch das war ebenso sorgsam wie schnell vollbracht. Und nun winkte Fabulla die Sklavinnen mit den Tuniken und Stolen herbei.
Das Ankleiden geschah unter tiefem Schweigen. Nur ab und zu unterbrach ein befehlendes Wort der Domina die Stille im Räume. Oder die in einem winzigen Käfig aus golddrähtigem Geflechte gefangene Zikade zirpte halb süß, halb schrill ein paar Triller in das wortlose Hantieren der Sklavinnen, von denen jede ihres genau bestimmten Amtes zu walten, ihre sorgsam einstudierte Rolle in diesem wichtigen Akte der Toilette der jungen Herrin zu spielen hatte.
Das weite Gemach mit den Wänden aus kostbarem grünem Marmor Lakedämoniens, mit den Säulen aus Porphyr war von der Feierlichkeit und Stille einer heiligen Handlung erfüllt.
Fabulla streifte der Herrin die Tunika aus feinster weißer Seide über und gürtete dieses hemdartige, ärmellose Kleidungsstück dicht unter dem jungen Busen der Domina. Rasch brachte eine andere Sklavin die Stola herbei, die Fabulla durch Hefteln auf den Schultern befestigte und mit einer von Goldfäden durchflochtenen Seidenschnur über den Hüften zusammenraffte. So floß das schneeige Oberkleid, kostbar nur durch die Kostbarkeit des Stoffes, doch ohne jeden anderen Schmuck, in reichen Falten nieder an der hohen, jungen Gestalt. Während ein Mädchen die Gewänder mit Parfüm besprengte, ließ Valeria Messalina sich die mit Edelsteinen besetzten Socci auf die Füße streifen. Und nun war sie fertig.
In diesem Augenblicke trat Domina Lepida ein.
Sie blieb bei dem Türvorhang stehen, überrascht von dem anmutigen Anblick, der sich ihr bot: der Kreis der jungen, hübschen Dienerinnen und in seiner Mitte die Tochter, ein Bild jungfräulicher Frische und Unberührtheit.
Während Fabulla noch hurtig die fast vergessenen Ohrgehänge – für jede Seite drei birnenförmige, durch Goldkettchen getragene Perlen – befestigte, reichte eine andere Sklavin eine Silberplatte dar. Valeria Messalina wählte einige mit Smaragden und Beryllen besetzte Armreifen, die sie über ihre schmalen kleinen Hände auf den Oberarm streifte, und eine Anzahl kostbarer Ringe. Nun trat Domina Lepida näher.
»Du wirst großen Eindruck machen, mein Kind, auf dem ersten Gastmahle, das du besuchst,« sagte die Mutter stolz.
»Sie gleicht ganz dir, edle Domina,« behauptete Fabulla. Sie ließ niemals eine Gelegenheit ungenützt, wenn die ihr als Hausgeborenen vergönnte Wortfreiheit ihr gestattete, sich durch eine gut angebrachte Bemerkung in Gunst zu setzen.
»Befahl dir der Kaiser denn aber nicht, ein koisches Gewand zu tragen?« mahnte Lepida mit Bedenken die Tochter.
»Ich habe diese Zumutung zurückgewiesen,« erklärte Valeria Messalina, trotzig die Oberlippe nagend. »Ihr alle fürchtet den Cäsar über Gebühr. Er verträgt die Wahrheit sehr gut, sobald er erkennt, daß einer den Mut zur Wahrheit hat. Das bewies Abalanda heute im Zirkus.«
»Abalanda ist der Gesandte eines fremden Fürsten und daher als Gast unverletzlich,« warf die Mutter ein.
»Lud der Kaiser mich nicht als Gast zu seinem Mahle? Auch ich muß ihm also unverletzlich sein.«
»Du kennst Caligula nicht, wie wir alle ihn kennen,« warnte Lepida eindringlich. »Kleide dich um, mein Kind.«
»Ich müßte die Schamhaftigkeit verlernt haben, ehe ich mich entschließe, durchsichtige Gewänder zu tragen.«
Fabulla flüsterte der Freundin Laronia zu: »Dann dürfen wir schon morgen solche Gewänder bereithalten.« –
»Du meintest, Mutter, ich kenne den Kaiser nicht?« fuhr Valeria Messalina nach kurzem Nachdenken fort. »Ich glaube, du hättest richtiger gesagt, der Kaiser kenne mich nicht. Das Beispiel Abalandas hat mich erst recht ermutigt. Ich werde mich seinen Launen nicht beugen, wenn ihr, du und der Vater, mich auch zwingt, schutzlos und führerlos in seinen Palast zu gehen.«
»Dann spielst du mit deinem Leben!« rief die Mutter entsetzt.
Das Mädchen lachte hell und glücklich auf. »Mit dem Leben zu spielen, ist lockend. Vielleicht gerade deshalb, weil es erst heute für mich begonnen hat.«
Valeria Messalina umarmte die Mutter herzlich und rief:
»Tränen entstellen dich, Mutter. Ich will den ersten Weg, den ich ins Leben tue, nicht unter deinen Tränen gehen. Das könnte üble Vorbedeutung haben. – Darum weine nicht. Was kann mir geschehen! Hat man mir nicht verheißen, ich würde Kaiserin sein?«
»Caligulas Gattin Cäsonia lebt noch,« sagte Domina Lepida ernst und mit Betonung.
Die Tochter machte eine abweisende Gebärde. »Mag sie noch lange leben! Ich denke nicht an Caligula. Er ist mir zu häßlich, zu plump mit seinem Bocksgesicht, das heute auf dem Forum ein Schaudern in mir hervorrief. Es wird nach ihm einen andern Kaiser geben.«
Mit einem raschen, forschenden Blicke tiefster Bestürzung musterte Lepida die Mienen der Sklavinnen, die diesen gefährlichen Worten kichernd lauschten. Doch – sie waren bisher alle treu befunden und wurden von Valeria Messalina gut behandelt. Lepida brauchte unter ihnen eine Angeberin nicht zu fürchten.
»Wir wollen die pränestinischen Lose befragen,« schlug Domina vor. »Wenn sie Gutes besagen, so wird mich das beruhigen.«
»Wie du willst, Mutter. – Doch sie können nur Gutes künden,« entgegnete das Mädchen zuversichtlich. »Ruft Ulsis und den Knaben Elpenor.«
Fabulla, stets diensteifrig, eilte aus dem Gemache, während Valeria Messalina eine Auswahl traf unter den Lacernen. Sie wählte einen veilchenfarbenen Überwurf, dessen Ränder reiche Stickerei in gelber Seide zierte. Der Besatz stellte aufgeblühte Dotterblumen dar, deren Staubgefäße von eingenähten Bernsteinkügelchen gebildet wurden.
»Du willst dich für den Weg in der Sänfte in einen Mannesmantel hüllen?« staunte Domina Lepida.
»Es ist eine Laune,« gab das Mädchen zurück. »Ich habe verschiedene Lacernen mit Stickereien schmücken lassen und finde, es sieht sehr hübsch aus. Diese Umhüllungen sind bequem. Warum soll man sie verschmähen? Warum sollen nur Männer ihre kosende Weichheit genießen?«
»Es gilt als ungehörig für eine Frau, ein Stück der Männerkleidung zu tragen,« erinnerte die Mutter.
»Ist es auch ungehörig, wenn ein Mann Frauenkleider anzieht?« fragte Valeria Messalina.
»Selbstverständlich!«
»Nun, dann wird der Cäsar nichts an mir auszusetzen haben. Denn ich hörte, daß er sich häufig mit Weiberkleidern behängt.«
»Er ist der Cäsar.«
»Und ich nehme für mich in Anspruch, was ihm erlaubt ist,« schnitt Valeria Messalina das Gespräch kurz und schnippisch ab.
Domina Lepida kannte den Eigenwillen ihres Kindes. Sie seufzte und schwieg.
Fabulla kam zurück. In ihrer Begleitung folgte ein schöner Knabe und die dunkelhäutige Sklavin Ulsis. Ihre mattbraunen Glieder waren nur dürftig mit einem Linnenkleide von krassem Rot verhüllt. Um den Hals trug sie allerlei sonderbaren Schmuck und eine zehnfache Reihe dicker Glasperlen, hinter denen sich der volle Busen verbarg.
Ulsis warf sich der jungen Herrin zu Füßen und berührte dreimal mit der Stirn das Mosaik des Fußbodens, bevor sie die unergründlichen Tieraugen stumm fragend auf Valeria Messalina richtete.
»Du sollst uns die Lose deuten,« befahl die Domina. Ulsis gab dem kleinen Griechenknaben einen Wink. Elpenor war bescheiden an der Tür stehengeblieben. Nun trat er mit zierlichen Schritten näher, vorsichtig ein Elfenbeinkästchen vor sich her tragend, das er der jungen Herrin überreichte. Sie ging damit in einen Winkel des Gemaches. Dort setzte sie das Kästchen auf ein aus der Wand hervorragendes zierliches Kapitäl. Eine sonderbare Figur aus Kupferguß stand auf dem Vorsprung. Valeria Messalina entzündete das Rauchopfer. Die aufmerksame Fabulla hatte alles vorbereitet. Ein betäubender Duft entströmte dem zur Decke aufsteigenden Rauchwirbel.
Mittlerweile hatte Ulsis ihrer Gürteltasche ein Lorbeerblatt entnommen, auf dem sie jetzt nach Seherinnenart kaute. Sie saß in der Hockstellung äthiopischer Sklavinnen mit gesenktem Haupte. Zu ihr ging nun Valeria Messalina und hielt ihr das geöffnete Elfenbeinkästchen hin. Ulsis entnahm dem Behältnis eine Faustvoll Stäbchen und warf die aus dem Holz der Ulme geschnitzten Lose zu Boden.
Sogleich eilte Elpenor herbei und suchte, wie seines Amtes war, mit geschlossenen Augen vier Lose aus, jedes einzeln der Afrikanerin übergebend. Sie schob je eines der Stäbchen zwischen die Finger der zur Faust geschlossenen Hand und starrte eine Weile auf die seltsamen Zeichen, die in das Oberteil der Ulmenhölzchen eingeritzt waren.
Alle Dienerinnen und Elpenor hatten sich an die Wand des Gemaches zurückgezogen. Nur Valeria Messalina, ein unmerkliches Lächeln der Zuversicht um den Mund, und Domina Lepida, mit vor Erwartung verhaltenem Atem, standen bei Ulsis, die in tiefer Versenktheit die Zeichen las.
Ein lautes Zirpen der Zikade schien die Sklavin endlich zu erwecken. Jetzt erhob sie den Blick und sah Valeria Messalina lange regungslos an.
»Hüte dich vor der Freundlichkeit deiner Venus,« begann sie endlich murmelnd zu weissagen. »Sie wird dir viel geben, mehr noch nehmen. Was sie dir gibt, macht dich zur Herrin. Was sie dir nimmt, macht dich zur Dienerin. Als Dienerin wirst du das Lager der Ärmsten aller Armen teilen. Als Herrin wirst du den Göttern gleich sein und in Palästen wohnen. Deine Lose sind tiefste Tiefe und höchste Höhe zugleich. An deinem Aufgange herrscht Venus. An deinem Untergange herrscht Mars. In deinem Mittag regiert die Sonne. Gen deine Nacht regiert Saturnus. Ein Leu wird dich zu Höhen tragen. Aber aus einem Gefäß wird ein Wasser fließen, in welchem Saturnus dich fortspült in die Tiefen der Einsamkeit. – Denn deine Sonne ist von einem Skorpion vergiftet.«
»Ein Leu wird mich zur Höhe tragen?« forschte Valeria Messalina erregt, nachdem Ulsis eine Weile stumm geblieben. »Nennt ihr in deiner Heimat den Löwen nicht ein königliches Tier?«