Kitabı oku: «Sportsucht und pathologisches Bewegungsverhalten»

Autorinnen und Autoren
Jens Kleinert
Prof. Dr. Jens Kleinert, Dipl.-Sportlehrer; approb. Arzt; Leiter der Abteilung Gesundheit & Sozialpsychologie des Psychologischen Instituts der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS); Arbeitsschwerpunkte Motivation, Emotion, Psychische Gesundheit, Stress, Gruppe/Beziehung; 2004–2006 Professur für Sport und Gesundheit am Institut für Sportwissenschaft der Universität Würzburg; seit 2006 Professur für Sport- und Gesundheitspsychologie an der DSHS Köln; seit 2014 und bis 2024 Prorektor für Studium und Lehre der DSHS Köln.
Almut Zeeck
Prof. Dr. Almut Zeeck, FÄ für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, FÄ für Psychiatrie und Psychotherapie, Zusatzbez. Psychoanalyse, ist stellvertretende ärztl. Direktorin an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg; Koordinatorin der Arbeitsgruppe Anorexia Nervosa für die S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Essstörungen, Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen (DGESS); Forschungsschwerpunkte: Essstörungen, Essstörungen und Sport, Psychotherapieforschung, Versorgungsforschung.
Heiko Ziemainz
PD Dr. Heiko Ziemainz, Akademischer Direktor am Department für Sportwissenschaft und Sport an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, u.a. verantwortlich für den Bereich Sportpsychologie, Schwimmen und Triathlon; Forschungsschwerpunkte: Sportsucht, Lauftherapie, Sportpsychologische Trainingsverfahren, Wohlbefinden und Sport.
Unter Mitarbeit von
Hanna Raven und Anna Wasserkampf, beide Psychologisches Institut der Deutschen Sporthochschule Köln.
Jens Kleinert Almut Zeeck Heiko Ziemainz
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Pharmakologische Daten verändern sich ständig. Verlag und Autoren tragen dafür Sorge, dass alle gemachten Angaben dem derzeitigen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung hierfür kann jedoch nicht übernommen werden. Es empfiehlt sich, die Angaben anhand des Beipackzettels und der entsprechenden Fachinformationen zu überprüfen. Aufgrund der Auswahl häufig angewendeter Arzneimittel besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.
Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.
Dieses Werk enthält Hinweise/Links zu externen Websites Dritter, auf deren Inhalt der Verlag keinen Einfluss hat und die der Haftung der jeweiligen Seitenanbieter oder -betreiber unterliegen. Zum Zeitpunkt der Verlinkung wurden die externen Websites auf mögliche Rechtsverstöße überprüft und dabei keine Rechtsverletzung festgestellt. Ohne konkrete Hinweise auf eine solche Rechtsverletzung ist eine permanente inhaltliche Kontrolle der verlinkten Seiten nicht zumutbar. Sollten jedoch Rechtsverletzungen bekannt werden, werden die betroffenen externen Links soweit möglich unverzüglich entfernt.
1. Auflage 2020
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-035637-5
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-035638-2
epub: ISBN 978-3-17-035639-9
mobi: ISBN 978-3-17-035640-5
Geleitwort der Reihenherausgeber
Während einzelne Berichte über suchtartige Verhaltensweisen im Kontext von Bewegung und Sport (Anorexia nervosa, Marathonläufer, Gewichtheber etc.) schon seit vielen Jahren kursieren, ist die systematische empirische Erarbeitung dieses für die Gesellschaft zunehmend wichtigen Feldes erst in den letzten Jahren gelungen.
Durch die Konzeptualisierung der Verhaltenssüchte ist es möglich, typische suchtartige Handlungsweisen und Erlebensweisen bei Menschen mit intensiver oder exzessiver Sportausübung und Bewegungsdrang zu beschreiben und einer Therapie zugänglich zu machen. Es ist dem interdisziplinären Autorenteam zu verdanken, nicht nur die psychologischen sondern auch die sportsoziologischen und die den einzelnen Bewegungs- und Sportarten immanenten besonderen Mechanismen darzustellen. Selbstverständlich ist auch bei diesen Störungen sehr auf die Komorbidität und deren Behandlung zu achten, allerdings erklärt diese Komorbidität vor allem bei schweren Fällen nicht die gesamte Varianz und es sind auch Konzepte der Verhaltenssüchte anzuwenden, um den Klienten zu helfen.
Entscheidend ist hierbei die Kenntnis und Wachsamkeit von Psychotherapeuten und Psychiatern aber auch anderen Berufsgruppen, exzessives Sport- und Bewegungsverhalten nicht nur als kuriose Normvariante oder modische Welle abzutun, sondern den Leidensdruck und die dahinterliegenden Motivationen und Mechanismen beim Patienten zu erkennen.
Oliver Bilke-Hentsch, Luzern
Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank, Köln
Michael Klein, Köln
Inhalt
1 Geleitwort der Reihenherausgeber
2 1 Einführung
3 Jens Kleinert, Almut Zeeck und Heiko Ziemainz
4 2 Bestimmungsmerkmale und Kriterien der Sportsucht
5 Jens Kleinert
6 2.1 Bestimmungsmerkmale der Sportsucht
7 2.1.1 Exzessives Sporttreiben
8 2.1.2 Maladaptivität
9 2.1.3 Leidensdruck und Krankheitseinsicht
10 2.1.4 Zwangserleben
11 2.2 Kriterien der Sportsucht
12 2.2.1 Toleranzentwicklung
13 2.2.2 Entzugssymptome
14 2.2.3 Non-Intentionalität
15 2.2.4 Kontrollverlust
16 2.2.5 Aufwand
17 2.2.6 Soziale Vernachlässigung und Konflikt
18 2.2.7 Maladaptive Kontinuität
19 2.3 Bedeutung von Suchtkriterien für die Sportsucht
20 3 Epidemiologie der Sportsucht
21 Jens Kleinert
22 3.1 Zur Methodik im Rahmen der Epidemiologie der Sportsucht
23 3.2 Prävalenz der Sportsucht bei Sporttreibenden
24 3.3 Prävalenz der Sportsucht in der Gesamtbevölkerung
25 3.4 Primäre und sekundäre Sportsucht
26 4 Verhaltensspezifika
27 4.1 Formen, Typisierung und Komorbidität der Sportsucht
28 Jens Kleinert
29 4.1.1 Drei-Achsen-Typisierung der Sportsucht
30 4.1.2 Ätiologische Typisierung: Primäre vs. sekundäre Sportsucht
31 4.1.3 Verhaltensregulative Typisierung: egosyntone vs. egodystone Sportsucht
32 4.1.4 Aktivitätsgebundene Typisierung: Ausdauer-, Ästhetik- und Erlebnistyp
33 4.1.5 Komorbidität
34 4.2 Sportsucht und Ausdauersport
35 Heiko Ziemainz
36 4.2.1 Ausdauer
37 4.2.2 Prävalenz
38 4.2.3 Sportsucht und Ausdauersportart
39 4.2.4 Sportsucht und Geschlecht
40 4.2.5 Sportsucht und Alter
41 4.2.6 Sportsucht und Trainingsalter/Belastungsnormative im Ausdauersport
42 4.2.7 Probleme
43 4.3 Essstörungen und Sportsucht
44 Almut Zeeck
45 4.3.1 Symptomatik
46 4.3.2 Sportsucht bei Essstörungen: Risikofaktoren und Ätiologie
47 4.3.3 Häufigkeit
48 4.3.4 Klinische Bedeutung
49 4.4 Muskeldysmorphie und Sportsucht
50 Almut Zeeck
51 4.4.1 Muskeldysmorphie: Symptomatik und diagnostische Kriterien
52 4.4.2 Der Drang nach Muskularität – ein männliches Problem? Risikofaktoren und Ätiologie
53 4.4.3 Häufigkeit
54 4.4.4 Muskeldysmorphie und Sportsucht
55 4.5 Self-Tracking und Sportsucht
56 Jens Kleinert, Hanna Raven und Anna Wasserkampf
57 4.5.1 Zum Phänomen des Self-Tracking
58 4.5.2 Motivation zum Self-Tracking
59 4.5.3 Self-Tracking und Sportsucht
60 4.5.4 Fazit
61 4.6 Sportsucht im Fitness- und Kraftsport
62 Heiko Ziemainz
63 4.6.1 Begriffsklärung
64 4.6.2 Untersuchungen im Bereich Sportsucht und Kraftsport
65 4.6.3 Probleme
66 5 Atiologische und psychosoziale Aspekte der Sportsucht
67 5.1 Modelle und Erklärungsansätze von Sportsucht
68 Heiko Ziemainz
69 5.1.1 Physiologisch-orientierte Erklärungsansätze
70 5.1.2 Psychologisch orientierte Erklärungsansätze
71 5.1.3 Multidimensionale prozessorientierte Modelle
72 5.2 Sportsucht und Leidenschaft
73 Jens Kleinert
74 5.2.1 Harmonische und obsessive Leidenschaft
75 5.2.2 Zusammenhänge von Sportleidenschaft und Sportsucht
76 5.2.3 Fazit
77 5.3 Selbstideal, Körpererleben und Sport
78 Almut Zeeck
79 5.3.1 Einfluss sozialer Normen auf Selbstideal und Körpererleben
80 5.3.2 Selbstideal und Sportsucht
81 6 Diagnostik der Sportsucht
82 6.1 Fragebögen zur Erfassung der Sportsucht
83 Jens Kleinert
84 6.1.1 Übersicht zu bestehenden Instrumenten
85 6.1.2 Güte von Sportsuchtfragebögen
86 6.1.3 Sportsuchtfragebögen in der klinischen Diagnostik
87 6.2 Klinische Diagnostik der Sportsucht
88 Jens Kleinert, Almut Zeeck und Heiko Ziemainz
89 6.2.1 Meta-Kriterien der klinischen Diagnose
90 6.2.2 Methoden der klinischen Diagnostik
91 6.2.3 Differentialdiagnostik
92 7 Therapie und Prävention
93 7.1 Therapeutische Ansätze bei Sportsucht
94 Almut Zeeck
95 7.1.1 Ziele der Therapie
96 7.1.2 Behandlungskomponenten
97 7.1.3 Sportsucht bei Essstörungen
98 7.1.4 Beispiele für ambulante Programme
99 7.1.5 Beispiele für stationäre Programme
100 7.1.6 Muskeldysmorphie
101 7.2 Prävention der Sportsucht
102 Jens Kleinert
103 7.2.1 Formen der Prävention
104 7.2.2 Zielbereiche von Gesundheitsförderung und Prävention der Sportsucht
105 7.2.3 Psychosoziale, gesundheitsförderliche Ziele von Sport
106 7.2.4 Prävention der Sportsucht
107 7.2.5 Früherkennung
108 7.2.6 Maßnahmenebenen und Fazit
109 8 Ausblick
110 Jens Kleinert, Almut Zeeck und Heiko Ziemainz
111 Literatur
112 Stichwortregister
1
Einführung
Jens Kleinert, Almut Zeeck und Heiko Ziemainz
Herr W. (24) wird an eine psychosomatische Ambulanz verwiesen. Seine körperliche Verfassung ist bedenklich. Auffallend sind schlechte Stoffwechselwerte, seine Fußsohlen sind teilweise blutig, sein Puls ist kritisch niedrig (< 30 Schläge/Min.), sein Körpergewicht liegt bei einem BMI von 19 kg/m2.
In der Anamnese zeigt sich, dass Herr W. ein Lauftraining von durchschnittlich 100 km pro Woche durchführt. Als er wegen einer Ermüdungsfraktur das Lauftraining unterbrechen musste, kam es zu einer depressiven Krise. In dieser Zeit hatte er Angst zuzunehmen, und sein BMI sank auf 17,0 kg/m2.
Freunde habe er eigentlich nie gehabt, vermisse sie auch nicht. Das Laufen sei für ihn der einzige Weg, mit Konflikten und Anspannung umzugehen. Die Sorgen der Ärzte verstehe er nicht wirklich. Eigentlich ginge es ihm soweit gut. Er wolle weiter trainieren. Das Laufen sei das einzige, was er habe.
Vieles in diesem Fallbeispiel wirkt zweifellos »unnormal« oder »krankhaft«. Sporttreiben ist für Herrn W. offensichtlich etwas Zwanghaftes, nicht Kontrollierbares. Er treibt Sport, obwohl er sich selbst hierdurch Schaden zufügt – körperlich, psychisch und vermutlich auch sozial. Dieses Zusammentreffen von Selbstschädigung, exzessivem Ausmaß von Sportaktivität und fehlender Kontrolle des eigenen Verhaltens legen den Verdacht auf eine Sportsucht nahe.
Das Phänomen Sportsucht geht geschichtlich auf eine Studie aus dem Jahr 1970 zurück: Baekeland (1970) beobachtete im Rahmen einer eigenen Untersuchung, dass einzelne Probanden selbst durch Geld nicht dazu zu bewegen waren, ihr Sporttreiben für eine bestimmte Zeit aufzuhören. Er vermutete einen suchtartigen Hintergrund. Seitdem wurden eine Vielzahl von Studien durchgeführt, die Sportsucht näher beschrieben haben und ihre Bedingungen analysierten (s. die Übersichtsarbeiten von Adams und Kirkby 2002, Adams et al. 2003, Allegre et al. 2006, Breuer und Kleinert 2009, De Coverley Veale 1987, Hausenblas und Symons Downs 2002a, Kleinert 2014).
Anfangs haben sich Untersuchungen zur Sportsucht auf extreme Ausdaueraktivitäten (z. B. Laufen, Schwimmen, Radfahren) beschränkt. Suchtartiges Verhalten kann jedoch im Grunde bei jeder Form von Bewegungsaktivität entstehen, beispielsweise im Fitnesstraining oder Erlebnisbereich, weswegen wir in diesem Buch neben Sportsucht auch von suchtartigem Bewegungsverhalten sprechen.
Mit dem vorliegenden Buch wollen wir den aktuellen Stand zum Thema Sportsucht aufbereiten. Dies betrifft insbesondere begriffliche Fragen (z. B. Definitionen;
Kap. 2), aber auch Fragen der Häufigkeit des Auftretens (
Kap. 3). Weiterhin werden typische Felder für das Auftreten von Sportsucht (z. B. Ausdauersport, Fitnesssport) sowie Zusammenhänge mit anderen Störungsbildern (z. B. Essstörungen, Muskeldysmorphie) erläutert (
Kap. 4). Nach einer Darstellung von pathogenetischen Modellen und Entstehungsbedingungen (
Kap. 5) werden abschließend diagnostische (
Kap. 6) und präventive sowie therapeutische Ansätze (
Kap. 7) besprochen.
Dieses Buch soll aber auch verdeutlichen, in welcher Form sich Sportsucht oder suchtartiges Bewegungsverhalten von einer gesunden, für die persönliche Entwicklung positiven Bewegungs- und Sportaktivität unterscheidet. Denn unter dem Strich bleiben Sport und Bewegung etwas, was entscheidende und positive Effekte für die psychische Gesundheit (Biddle und Asare 2011), für die Therapie und Rehabilitation körperlicher Erkrankungen (Rost 2005) und auch im Falle von psychischen Erkrankungen (Hölter 2011) hat.
2
Bestimmungsmerkmale und Kriterien der Sportsucht
Jens Kleinert
In mindestens dreierlei Hinsicht ist die Definition der Sportsucht schwierig. Erstens ist es – wie auch bei anderen Verhaltenssüchten – schwer einzuschätzen, ab wann Sporttreiben tatsächlich als eine Sucht im krankhaften Sinne bezeichnet werden kann. Zweitens sind die Erscheinungsformen und Ausprägungen so vielfältig und unterschiedlich, dass es problematisch erscheint, die bzw. eine Sportsucht zu beschreiben. Und drittens ist auffälliges Sport- und Bewegungsverhalten in den meisten Fällen eng verbunden mit anderen psychischen Auffälligkeiten oder Störungen, weshalb es häufig nicht einfach ist, Sportsucht von anderen psychischen Erkrankungen klar abzugrenzen.
Das vorliegende Kapitel fokussiert insbesondere die erste Herausforderung, nämlich die Frage, ab wann Sportreiben oder körperliche Aktivität suchtartige Züge annehmen oder sogar als krankhaftes Verhalten bezeichnet werden müssen. Zur Beantwortung dieser Frage werden neben der vorliegenden Sportsucht-Literatur auch die grundsätzlichen Kriterien von Sucht und Abhängigkeit verwendet, wenn auch die Übertragung dieser Kriterien auf die Sportsucht mit Vorsicht vorgenommen werden muss.
2.1 Bestimmungsmerkmale der Sportsucht
Bereits die Vielzahl von Begrifflichkeiten, mit denen die Sportsucht umschrieben wird, zeigt die Uneindeutigkeit in ihrer Darstellung. Während im deutschsprachigen Raum zumeist von Sportsucht (»exercise addiction«) gesprochen wird, findet sich in der internationalen Literatur häufig auch der Begriff der Sportabhängigkeit (»exercise dependence«). Andere Umschreibungen bringen weitere Akzente ein, zum Beispiel die Zwanghaftigkeit des Verhaltens (»compulsive exercise«) oder die Verbindung mit Essstörungen (»running anorectics«). Schließlich zeigen frühere Wortschöpfungen, dass im Bereich des Laufsports die Anfänge der Sportsuchtforschung lagen (»obligatory runners«, »running addiction«). Im vorliegenden Buch werden wir der Einfachheit halber in der Regel den Begriff der Sportsucht verwenden, der alle Formen der bewegungsbezogenen Abhängigkeit miteinschließen soll. An Stellen, an denen der Begriff sehr weit gefasst gemeint ist, wird allgemeiner von »problematischem Sporttreiben« gesprochen.
2.1.1 Exzessives Sporttreiben
Das auf den ersten Blick zentrale Merkmal der Sportsucht ist sicherlich die Sport- und Bewegungsaktivität selbst. Daher ist ein auffallend hohes Ausmaß an körperlicher Aktivität trotz aller Schwierigkeiten, Sportsucht zu definieren, ein wichtiges Merkmal. Diese auch als »exzessives Sporttreiben« bezeichnete Auffälligkeit ist jedoch keinesfalls ausreichend, um Sportsucht im Sinne einer krankhaften Störung zu definieren. Der Sportumfang alleine ist somit kein hinreichendes wissenschaftliches oder klinisches Kriterium, was auch daran deutlich wird, dass hohe Sportumfänge im Leistungssport gang und gebe sind. So beschreiben Tucker und Collins (2012), dass zum Beispiel 1000 Trainingsstunden pro Jahr im Hochleistungsbereich vieler Sportarten eher die Regel als die Ausnahme sind. Solche wöchentlichen Trainingsumfänge von 20 oder mehr Stunden lassen sich sicherlich nicht abgrenzen vom Sportumfang eines Sportsüchtigen. Aufgrund dieser schweren Einschätzbarkeit exzessiver Sportaktivität als gut oder schlecht bzw. gesund oder krank wurde in der Vergangenheit grundsätzlich diskutiert, ob stark ausgeprägtes Sport- und Bewegungsverhalten problematisch ist oder behandelt werden muss. In diesen Diskussionen wurde auch häufig von einer »positiven« Sucht (»positive addiction«) gesprochen (Carmack und Martens 1979; Glasser 1976; De La Torre 1995), da ja umfangreicher Sport grundsätzlich auch zu positiven Konsequenzen führen kann (z. B. körperliche oder psychische Gesundheit). Der Begriff »positive Sucht« ist jedoch aus theoretischer und klinischer Sicht unangemessen, da bei einer Sucht laut Definition grundsätzlich die negativen Umstände die denkbaren positiven Aspekte des Verhaltens deutlich übersteigen. Mit dieser Lesart unterscheidet sich der wissenschaftliche Suchtbegriff von der manchmal im Alltag üblichen Art und Weise, das Wort »süchtig« zu verwenden (nämlich für etwas, was man besonders gern oder häufig macht).
Exzessives Sportreiben ist im Sinne der Sportsucht als maßloses Sporttreiben zu verstehen. Maßlos heißt hier, »dies in einer übersteigerten, übertriebenen oder ausufernden Form –letztlich also in ungewöhnlichem Umfang – zu tun; exzessiv bedeutet aber auch, Sport und Bewegung zügellos und unersättlich zu treiben, das heißt Grenzen sowie Zweck- oder Sinnbezüge zu missachten« (Kleinert et al. 2013). Es geht also bei der Beurteilung von »exzessiv« nicht oder weniger um die Einschätzung der Quantität, sondern vielmehr um die Einschätzung der Funktionalität und Sinnhaftigkeit. Daher sind hohe Sportumfänge im Leistungssport im Rahmen der beruflichen Sportkarriere als funktional (d. h. zweckmäßig) und meist auch sinnvoll einzustufen. Die Aspekte der Funktionalität und Sinnhaftigkeit berühren darüber hinaus die Frage des Kontrollverlustes, der als ein Grundkriterium von Verhaltenssüchten weiter unten (
Kap. 2) besprochen wird.
Auch in der Sportsuchtforschung finden sich Hinweise darauf, dass der bloße Umfang von Sport sich kaum als Kriterium für Sportsucht eignet (Bamber et al. 2003). So fanden Davis et al. (1993) heraus, dass zwischen Sportumfang und anderen Suchtsymptomen nur geringe Zusammenhänge bestehen. Andersherum stellt sich die Frage, ob eine Sportsucht auch bei einem geringen Umfang von Sport bzw. körperlicher Aktivität denkbar ist. Auch wenn hierzu bislang keine abschließende Antwort vorliegt, kann angenommen werden, dass (sehr) niedrige Sportumfänge das Vorliegen einer Sportsucht ausschließen (siehe aber besondere Aspekte des zwanghaften Sporttreibens bei Essstörungen,
Kap. 4.3). Die Erfassung von Sportumfängen könnte daher meist zwar als Ausschlusskriterium dienen, aber kaum als hinreichendes Kriterium für Sportsucht.
2.1.2 Maladaptivität
Neben dem Begriff des exzessiven Sporttreibens ist der Begriff der Maladaptivität in Definitionen der Sportsucht sehr häufig zu finden (De Coverley Veale 1987; Hausenblas und Symons Downs 2002a). So beschreiben Symons Downs, Hausenblas und Nigg Sportsucht als »maladaptive pattern of excessive exercise behavior that manifests in physiological, psychosocial, and cognitive symptoms« (Symons Downs et al. 2004, S. 185). Von Maladaptivität kann dann gesprochen werden, »wenn das Sport- und Bewegungsverhalten die persönliche Entwicklung des Betroffenen langfristig und maßgeblich beeinträchtigt, behindert oder unterdrückt« (Kleinert 2014, S. 169). Diese negative Auswirkung des exzessiven Sport- oder Bewegungsverhaltens auf die eigene Entwicklung kann daher auch als Leitkriterium für die klinische Relevanz der Sportsucht dienen (Kleinert et al. 2013).
Die Ausprägungen von Maladaptivität sind ebenso wie die Ausprägungen von Entwicklungsprozessen mehrdimensional (d. h. körperlich, psychisch und sozial). In körperlicher Hinsicht zeigt sich eine maladaptive Entwicklung beispielsweise in häufigen Verletzungen oder Erkrankungen, die sich daraus ergeben, dass die Betroffenen zu viel trainieren und sich körperlich überfordern oder schwächen (z. B. mit negativen Auswirkungen auf den Bewegungsapparat oder auch das Immunsystem). In psychologischer Hinsicht könnten sich maladaptive Entwicklungen darin zeigen, dass das Selbst- und Körperkonzept leidet (z. B. Abhängigkeit des Selbstwerts von sportlicher Aktivität, depressive Stimmungslage, wenn kein Sport getrieben werden kann); aus sozialer Sicht sind typische Anzeichen einer maladaptiven Entwicklung Probleme in der Familie, in der Ausbildung oder im Beruf (z. B. Konflikte in Beziehungen aufgrund der hohen Bedeutung des Sports, sozialer Rückzug oder Vernachlässigung der beruflichen Ausbildung).
Wenn Sporttreiben nicht nur nach seinem Umfang, sondern nach seiner Bedeutung im Rahmen der Entwicklung des Betroffenen beurteilt wird, ist eine Unterscheidung von »normalem« und »krankhaftem« Sport- und Bewegungsverhalten deutlich einfacher: »In light of this definition pathogenic exercisers could be distinguished from the other high-volume exercisers, like athletes, who maintain control over their training, have a fixed schedule of training to also meet other life-obligations, and encounter no harmful or negative consequences as a result of their intensive training« (Egorov und Szabo 2013, S. 200).
2.1.3 Leidensdruck und Krankheitseinsicht
Neben dem Merkmal der Maladaptivität wird im Zusammenhang mit Suchtverhalten auch der Leidensdruck der Betroffenen hervorgehoben. Der subjektive Leidensdruck beschreibt ein Gefühl der Betroffenen, dass das Verhalten ihnen schadet, ihr Wohlbefinden und ihre Entwicklung darunter leiden und dass sich etwas ändern muss. Diese Gefühlslage wird auch in einem 2016 veröffentlichten Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) als mitentscheidendes Kriterium zur Bestimmung einer krankhaften Verhaltenssucht (im Vergleich zum unproblematischen Verhalten) betont (DGPPN 2016). Andererseits ist gerade bei der Sportsucht nicht selten, dass ein (nach objektiven Kriterien) offensichtlich problematisches Sport- oder Bewegungsverhalten (anfänglich) ohne Leidensdruck besteht. Leidensdruck ist daher zwar ein sehr bedeutsames Merkmal, kann jedoch vermutlich nicht in jedem Stadium einer Sportsucht als zwingend notwendig (d. h. obligat) bezeichnet werden.
Das Ausmaß des Leidensdrucks geht einher mit dem Ausmaß an negativem Affekt (d. h. negativer Gefühlslage), der mit dem Sport und der körperlichen Aktivität in Verbindung steht. Dieser negative Affekt kann sich auf den Sport selbst beziehen (z. B. ein Gefühl des Zwangs und des Sportreiben-Müssens) oder auch auf das Gefühl, durch den Sport wichtige Bedürfnisse nicht befriedigen zu können (z. B. Vernachlässigung von Familie und Freunden). Da zugleich bei Sportsüchtigen der Sport die hauptsächliche Möglichkeit ist, negative Affekte zu regulieren (also sich besser zu fühlen), entsteht ein innerer Konflikt zwischen dem Nicht-Wollen (weil Sport der Entwicklung nicht guttut) und dem Müssen (aufgrund des Zwangsgefühls). Dieser Konflikt geht mit einer starken Spannungslage einher (d. h. Dissonanz), die selbst wieder als unangenehm erlebt wird.
In den Fällen von Sportsucht, in denen Leidensdruck ausgeprägt ist, führt dieser dazu, dass zunehmend auch eine rationale Krankheitseinsicht entsteht. Das heißt, dass die Betroffenen nicht nur fühlen, sondern auch wissen, dass sich etwas ändern muss. Diese rationale Krankheitseinsicht führt in solchen Fällen dazu, dass eine Behandlung nicht nur akzeptiert, sondern oft auch gewünscht wird. Wie häufig und wie stark dieser Behandlungswunsch vorliegt, ist empirisch nicht gesichert – aus der klinischen Praxis werden häufig Fälle von Sportsucht ohne Leidensdruck geschildet.
2.1.4 Zwangserleben
Zwangserleben ist dadurch charakterisiert, dass die Betroffenen das Gefühl haben, nicht Herr über die eigene Entscheidung zum Sporttreiben zu sein. Stattdessen erleben die Betroffenen ein Gefühl des Ausgeliefertseins. Mit anderen Worten: Die Betroffenen beherrschen nicht den Sport, sondern fühlen sich vom Sport beherrscht (
Kap. 2.2.3 zu Non-Intentionalität und
Kap. 2.2.5 zu Aufwand).
Die Rolle des Zwangs als Bestimmungsmerkmal der Sportsucht ist nicht eindeutig geklärt und wird in der Fachliteratur entsprechend unterschiedlich gesehen. Auf der einen Seite wird das Zwangserleben als bedeutsamer und wichtiger Bestandteil der Sportsucht beschrieben – so bereits in den frühen Veröffentlichungen von Morgan (1979). Auf der anderen Seite wird der Zwang vielfach nicht mehr als Kardinalsymptom bezeichnet und stattdessen in abgeschwächter Form von fehlender Absicht (intention effects) gesprochen (Symons Downs et al. 2004). Es lassen sich demnach zwei Lager beschreiben: Die einen Autoren sehen den erlebten Zwang zum Sporttreiben als ein notwendiges Kriterium an (De Coverley Veale 1987; Gulker et al. 2001; Taranis et al. 2011a), während andere verschiedene Formen der Sportsucht favorisieren, die mehr oder weniger mit dem Phänomen des Zwangs verbunden sind (Davis et al. 1993, S. 613; Freimuth et al. 2011, S. 4071; Kleinert et al. 2013; Kleinert und Wasserkampf 2016;
Kap. 4.1).
2.2 Kriterien der Sportsucht
Die Sportsucht besitzt keinen anerkannten, eigenständigen Eintrag in den gängigen Klassifikationssystemen für psychische Störungen (ICD-10 Dilling 2010 oder DSM-5 American Psychiatric Association 2013). Auch in der vorläufigen Fassung der ICD-11 (WHO 2019) ist Sportsucht nicht als eigenständiges Krankheitsbild aufgenommen. Allerdings wurde bereits 1979 für Sportsucht eine Symptom-Trias aus sozialen/beruflichen Konflikten, Entzugssymptomen und Zwanghaftigkeit vorgeschlagen (Morgan 1979). In den folgenden Jahren bezogen sich die meisten Autorengruppen in der Beschreibung der Suchtkomponenten von Sportsucht auf die generellen Merkmale bzw. Kriterien für Sucht (Davison et al. 2007; De Coverley Veale 1987; Hausenblas und Symons Downs 2002a). Mit dieser Entwicklung wird die Sportsucht als klassische Verhaltenssucht charakterisiert (Thalemann 2009; vgl. auch die Übersichtsarbeiten von Adams und Kirkby 2002; Adams et al. 2003; Allegre et al. 2006).
Die derzeit neueste Systematik zur Bestimmung von Süchten und Verhaltenssüchten ist das »Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders« in seiner fünften Fassung (DSM-5; American Psychiatric Association 2013). Der DSM-5 dient der Systematisierung und Klassifizierung von psychischen Störungen inklusive der Festlegung verschiedener Schweregrade. In Hinsicht auf Süchte wurden im DSM-5 grundlegende Veränderungen vorgenommen. Beispielsweise wurde die frühere Kategorie »substanzbezogene Störungen« in »Sucht und verwandte Störungen« umbenannt, was die strikte Trennung von substanzbezogenen Süchten (z. B. Alkohol, Drogen) und verhaltensbezogenen Süchten (z. B. Kaufsucht, Spielsucht) zumindest teilweise auflöst. Weiterhin wurden die zuvor getrennten Diagnosen von »Missbrauch« und »Abhängigkeit« zusammengeführt.
Unverändert im DSM-5 ist jedoch, dass die Sportsucht keine eigenständige Beschreibung oder Definition erfährt. Stattdessen muss oder sollte sich die Sportsucht in ihren Bestimmungsmerkmalen an den übergeordneten, das heißt grundsätzlichen Kriterien von suchtartigem Verhalten orientieren. Diese Kriterien sind dem DSM-5 nach in elf Facetten beschreibbar. Von diesen elf Facetten sind sieben im Vergleich zur bisherigen Literatur zur Sportsucht (Adams und Kirkby 2002; Allegre et al. 2006; Hausenblas und Symons Downs 2002a) konstant geblieben (
Tab. 2.1). Diese sieben sind die Kriterien Toleranz, Entzugssymptome, Non-Intentionalität, Kontrollverlust, Zeitaufwand, (Sozialer) Konflikt und Beharren/Zwang.
Tab. 2.1: Gegenüberstellung üblicherweise genannter Sportsuchtkriterien (linke Spalte; z. B. Hausenblas und Symons Downs 2002a) und Abhängigkeitskriterien nach DSM-5 (mittlere Spalte).

Anmerkungen: Nach Hausenblas und Symons Downs (2002a) muss bei Vorliegen von drei oder mehr der in der linken Spalte genannten Kriterien eine Sportsucht angenommen werden; in der Neufassung des DSM-5 wird eine Einteilung der Symptomatik in »mild« (2–3 Kriterien), »moderat« (4–5 Kriterien) und »schwer« (mindestens 6 Kriterien) vorgenommen.
2.2.1 Toleranzentwicklung
Im Zusammenhang mit Sportsucht wird Toleranzentwicklung damit beschrieben, dass ein zunehmender Umfang an Sport notwendig wird, um gewünschte Effekte zu erreichen oder dass bei gleichbleibendem Umfang Effekte niedriger ausfallen (Hausenblas und Symons Downs 2002a). Der hiermit beschriebene suchtrelevante Mechanismus der »Toleranzentwicklung« ist jedoch bezogen auf den Sport ein normaler Prozess der Leistungsentwicklung. Mit anderen Worten: Ohne eine stetige Steigerung von Trainingsumfängen ist im Sport (insbesondere im Wettkampf- und Leistungssport) eine Steigerung von konditionellen Komponenten (z. B. Kraft, Ausdauerleistung, Beweglichkeit) oder von technisch-taktischen Kompetenzen nicht möglich. Die Steigerung von Trainingsumfängen und/oder Trainingsintensitäten ist daher in normaler und notwendiger Prozess, um neue Trainingsreize zu schaffen und hierdurch Anpassungsprozesse auszulösen (Hottenrott und Neumann 2017). Das Kriterium »Toleranzentwicklung« besitzt daher im Falle der Sportsucht einen zweifelhaften, doppeldeutigen Wert.
Allerdings wäre das Suchtkriterium »Toleranzentwicklung« dann angebracht, wenn der Effekt einer Dosissteigerung (mehr oder intensiverer Sport) nicht an einem Trainings- oder Leistungsziel ausgerichtet ist, sondern auf die Affektregulation (d. h. die Regulation von Spannungszuständen oder einer emotionalen Balance). Das bedeutet, eine suchtrelevante Toleranzentwicklung besteht nur dann, wenn Intensitäten und Umfänge ausschließlich aus Gründen der Psychoregulation gesteigert werden. Toleranzentwicklung dürfte demnach nicht allein an der Steigerung des zeitlichen Aufwands für Sport gemessen werden, sondern an der hiermit verbunden Zwecksetzung.
Unter Berücksichtigung des Zusatzkriteriums »Zwecksetzung« können jedoch Veränderungen von Sportumfängen durchaus wichtige Anzeichen für ein problematisches, vielleicht klinisch relevantes Verhalten sein. Allerdings müssen solche Beobachtungen fachgerecht (d. h. sportwissenschaftlich) interpretiert werden und in den psychosozialen Gesamtkontext des Betroffenen eingeordnet werden. Die fachgerechte Beurteilung betrifft gleichermaßen die Trainingssituation (z. B. extreme muskuläre Veränderungen bei exzessivem Bodybuilding oder extreme Verlängerung von Laufstrecken) als auch die hiermit verknüpften Einstellungs- und Motivstrukturen der Betroffenen (vgl. Bamber et al. 2003).
2.2.2 Entzugssymptome
Entzugssymptome werden in allen Übersichtsarbeiten zur Sportsucht als wichtiges Kriterium beschrieben (Hausenblas und Symons Downs 2002a). Sie treten üblicherweise in sportfreien Intervallen auf (z. B. nach 1–2 Tagen; Sachs und Pargman 1984). Formen von Entzugssymptomen sind psychischer Natur (z. B. Unruhe), körperlicher Art (z. B. Veränderung des Ruhepulses) und können auch das Verhalten betreffen (z. B. vermehrte Aggressivität).
Im Vordergrund und für den Betroffenen am meisten belastend sind psychische Entzugssymptome. Die Patienten fühlen sich ruhelos, angespannt, gereizt, nervös, erschöpft oder ängstlich. Neben diesen affektiv-emotionalen Symptomen sind auch Aufmerksamkeitsprobleme oder Konzentrationsschwäche (d. h. kognitive Symptome) denkbar, aber angesichts der fehlenden Nennung in der Literatur offensichtlich selten.
In körperlicher Hinsicht werden im Zusammenhang mit Sportsucht ein erhöhter Hautwiderstand, Anzeichen muskulärer Erschöpfung oder Magen-Darm-Störungen berichtet (Pierce 1994). Auch Schlafstörungen treten bei Sportentzug auf, vermutlich als Zeichen einer neurovegetativen Störung (vgl. Grüsser-Sinopoli et al. 2006). Besonders sollte beachtet werden, wenn Sport primär dazu eingesetzt wird, Entzugssymptome zu lindern (d. h. relief craving), da in diesen Fällen eine Sportsucht besonders naheliegt, denn: Je stärker Entzugssymptome und Toleranzentwicklung ausgeprägt sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass dem Verhalten (auch) eine körperliche Abhängigkeit zu Grunde liegt (Hausenblas und Symons Downs 2002a), was den Suchtprozess intensiviert. Grundsätzlich sollten bei starken körperlichen Symptomen Alternativerklärungen differentialdignostisch abgeklärt werden (
Kap. 6.2).
2.2.3 Non-Intentionalität
Nach Hausenblas und Symons Downs (2002a) umschreiben »intention effects« die Tatsache, dass die Betroffenen länger, umfangreicher oder intensiver Sport treiben, als sie dies eigentlich beabsichtigten (d. h. »intendierten«). Offensichtlich fehlt Sportsüchtigen die Fähigkeit, ihr Verhalten willentlich zu steuern (Freimuth et al. 2011). Oder anders: Die Steuerung des Verhaltens ist stattdessen gefühlsbetont (»Affektregulation«). Ziel dieser Verhaltenssteuerung ist es somit, positiven Affekt zu erlangen (reward craving), also zum Beispiel eine euphorisierende Wirkung zu erreichen (was häufig mit subjektiv »Kick« oder »Adrenalinschub« bezeichnet wird). Um derartige Gefühle zu erlangen, können die Aktivitäten weit über das hinausgehen, was eigentlich geplant war. Ebenso gefühlsbetont und ähnlich non-intentional ist es, wenn die Betroffenen durch die körperliche Aktivität negative Affekte (bzw. Entzugssymptome) lindern (s. oben »relief craving«) oder das Auftreten von negativem Affekt »prophylaktisch« verhindern wollen.
2.2.4 Kontrollverlust
Kontrollverlust beschreibt den starken Wunsch oder die erfolgslosen Versuche, den Umfang oder die Intensität des Sporttreibens zu reduzieren (Hausenblas und Symons Downs 2002a). Erfolglose Versuche, Sport oder Bewegung einzugrenzen, können darin bestehen, dass Sportabstinenz gar nicht oder nur für kurze Zeit bzw. innerhalb eines gewissen Zeitraums möglich war. Bislang liegen keine ausreichenden oder konsistenten Erfahrungen darüber vor, wie sehr Kontrollverlust bei Sportsüchtigen ausgeprägt ist und wie relevant dieses Kriterium bei der Beurteilung von Sportsucht ist. Bedeutsam in diesem Zusammenhang ist, dass das Sporttreiben bei Sportsüchtigen nicht als Kontrollverlust, sondern als Kontrollgewinn erlebt wird, da durch die körperliche Aktivität ein Gefühl der Kontrolle über den eigenen Körper erlebt und angestrebt wird (s. hierzu auch Hinweise zum Kontrollverlust im Kapitel 4.3 zu Essstörungen).
2.2.5 Aufwand
In der Sportsuchtliteratur wird das Thema Aufwand zumeist mit dem Zeitumfang in Verbindung gebracht, den Sportsüchtige mit sportlichen Aktivitäten verbringen (Hausenblas und Symons Downs 2002a). In Bezug auf das Sporttreiben selbst ist bereits weiter oben beschrieben worden, dass hohe Umfänge der Sport- und Bewegungsaktivität kein hinreichendes Kriterium für Sportsucht sind (
Kap. 2.1.1). Sport- und Bewegungsumfänge müssen individuell unter Berücksichtigung der Lebenssituation, des Leistungsniveaus und der biopsychosozialen Begleitumstände (z. B. Verletzungen, Stimmungslage, soziale Situation) eingeschätzt werden.
Im Rahmen der Diskussion um Zeitaufwände wird allerdings vernachlässigt, dass die zeitlichen Aufwände nicht nur das Sporttreiben selbst, sondern auch verschiedene Aktivitäten betreffen, die in engem Bezug zum Sport stehen. Hierbei spielen zum Beispiel organisatorische Aufwände für die Planung und Vorbereitung des Sporttreibens eine Rolle. Solche Aufwände betreffen den »sportfreien« Alltag, insbesondere die Trainingsplanung, Trainingskontrolle oder die Beschaffung von Sportausrüstungen oder Hintergrundinformationen. Durch diese Aktivitäten übernimmt der Sport die Vorherrschaft im Alltag der Patienten (Bamber et al. 2000; Bamber et al. 2003) und verdrängt andere wichtige Aspekte und Lebensbereiche.
Ein wichtiger Lebensbereich, der hiervon betroffen ist, ist das Ernährungsverhalten. Ernährung und Essen sind nicht nur bei der sekundären Sportsucht relevant (in Form einer vorliegenden Essstörung), sondern betreffen vermutlich alle Sportsüchtigen. Der Grund hierfür liegt in der engen Verbindung von Ernährung und Sport, die bereits bei unauffällig Sporttreibenden zu beobachten ist (Beschäftigung mit Vitaminen/Spurenelementen, Eiweißen [insbes. Kraftsportarten] oder Kohlenhydraten [Ausdauersportarten]). Darüber hinaus sollte angemessene Ernährung insbesondere bei intensiver Sportaktivität gut organisiert sein. Vermutlich ist diese Organisation im Falle eines gestörten Sportverhaltens ebenfalls beeinträchtigt, was zu einer unangemessenen Fixierung auf Ernährung und in der Folge auch zu hohen diesbezüglichen Aufwänden führen kann (bis hin zur Einnahme illegaler Substanzen). Denkbar ist sogar, dass derartige Entwicklungen dazu führen, dass sich sekundäre Essstörungen ausbilden.
2.2.6 Soziale Vernachlässigung und Konflikt
Soziale Vernachlässigung und Konflikt beschreibt die Beobachtung, dass angesichts des Vorherrschens der Sport- und Bewegungsaktivität wichtige soziale oder berufliche Aktivitäten und Lebensbereiche in den Hintergrund treten (Hausenblas und Symons Downs 2002a). Diese Vernachlässigung des sonstigen Lebens ist besonders bedeutsam im familiären oder partnerschaftlichen Umfeld; allerdings sind auch Ausbildung, Beruf und die Freizeitaktivitäten hiervon in typischer Weise betroffen.
Der Konflikt tritt sowohl intrapsychisch als auch zwischenmenschlich (interpersonal) in Erscheinung. Der intrapsychische Konflikt äußert sich dadurch, dass die Betroffenen das Zurückdrängen der anderen Lebensbereiche bewusst wahrnehmen und ein innerer Kampf zwischen konkurrierenden Bedürfnissen und Wünschen stattfindet. In diesem Kampf unterliegen zumeist die sozialen Bedürfnisse zu Gunsten der suchtgebundenen Motive. Der zwischenmenschliche Konflikt äußert sich in Streitigkeiten mit dem Partner, der Familie oder dem Freundeskreis (Veale 1995; Grüsser-Sinopoli et al. 2006), die dadurch entstehen, dass die sozialen Bezugspersonen wahrnehmen, zurückgewiesen zu werden und entsprechend mehr Zeit und Raum einfordern. Darüber hinaus entstehen berufliche Konflikte dadurch, dass sportbedingt Aufmerksamkeit und Engagement sinken können, was zu nachlassenden Leistungen bzw. Fehlern führt.
2.2.7 Maladaptive Kontinuität
Von maladaptiver Kontinuität kann gesprochen werden, wenn das Sport- und Bewegungsverhalten auch dann noch ausgeführt wird, wenn negative psychische und/oder körperliche Konsequenzen bereits bestehen oder sich verstärken bzw. auftreten können. In körperlicher Hinsicht wird dies besonders deutlich beim Thema Verletzungen und Beschwerden. Die Betroffenen trainieren trotz Verletzungen und Beschwerden weiter, was dadurch erklärt wird, dass diese bagatellisiert oder sogar ignoriert werden (Adams und Kirkby 1998). Selbst von ärztlicher Seite strikt empfohlene Zwangspausen werden nicht eingehalten und missachtet (Adams und Kirkby 1998). Hiermit verbunden ist die Unterschätzung von Erholungs- und Regenerationsphasen. Hierdurch bedingt kann es neben orthopädischen Problemen auch zu Beschwerden der inneren Organe bis hin zu Erkrankungen infolge eines geschwächten Immunsystems kommen. Da in schweren Fällen solche Probleme entweder ignoriert oder nicht genügend auskuriert werden, sind massive Gefährdungen der Gesundheit denkbar.
In das zuvor beschriebene Symptomfeld gehört auch das Thema Schmerzmittel. Durch Schmerzmittel oder entzündungshemmende Mittel (insbesondere nichtsteroidale Analgetika, Kortikoide bis hin zu Antibiotika) werden Beschwerden bekämpft, was in zweifacher Hinsicht problematisch ist. Zum einen werden auf diese Weise wichtige, warnende Schmerzsignale ausgeschaltet, was die Überforderung verstärkt. Zum zweiten geht der Substanzkonsum selbst mit teils drastischen Nebenwirkungen einher, die eine zusätzliche gesundheitliche Gefährdung darstellen.
2.3 Bedeutung von Suchtkriterien für die Sportsucht
Die Bedeutung der verschiedenen Suchtkriterien (
Tab. 2.1) für den speziellen Fall der Sportsucht ist abschließend nicht geklärt. Grundsätzlich muss hervorgehoben werden, dass die genannten Kriterien nicht als obligate (also in allen Fällen vorliegende) Kriterien zu verstehen sind. Stattdessen kann eine Sportsucht auch vorliegen, wenn nur einige der genannten Kriterien zutreffen. Sportsucht ist demnach immer ein Symptomkomplex (d. h. ein Syndrom), der aber bei verschiedenen Betroffenen unterschiedliche Symptome einbezieht. Daher legten Hausenblas und Symons Downs (2002a) fest, dass von den sieben Kriterien der Sportsuchtliteratur (
Tab. 2.1, linke Spalte) gleichzeitig drei oder mehr beliebige Kriterien vorliegen müssen, um eine Sportsucht annehmen zu können. In Hinsicht auf den neuen Katalog des DSM-5 (
Tab. 2.1, mittlere Spalte) wurde eine Einteilung der Symptomatik in »mild« (2–3 Kriterien), »moderat« (4–5 Kriterien) und »schwer« (mindestens 6 Kriterien) vorgenommen.
Es bleibt aber unklar, ob Festlegungen für Verhaltenssüchte im Allgemeinen auch für die Sportsucht gelten können. Diesbezüglich wurde in diesem Abschnitt beispielsweise das Kriterium Toleranzentwicklung kritisch diskutiert. Auch bleibt unklar, ob es unter den genannten Kriterien solche erster Ordnung (also besonders bedeutsame) gibt, die im Vergleich zu anderen Kriterien eine stärkere Berücksichtigung im Rahmen der Diagnose besitzen sollten (
Kap. 6). In jedem Fall zeigen die genannten Aspekte auf, dass für die Feststellung einer behandlungsbedürftigen Sportsucht die vielfältigen, sehr unterschiedlichen psycho-sozialen Bedingungen sorgfältig, genau und differenziert betrachtet werden müssen – die in der Öffentlichkeit gern vorgenommene ausschließliche Orientierung am Kriterium »exzessives Sporttreiben« reicht bei weitem nicht aus.
3
Epidemiologie der Sportsucht
Jens Kleinert
Die schlechte Nachricht zuerst: Zahlen zur Häufigkeit bzw. Auftretenswahrscheinlichkeit (Prävalenz) der Sportsucht sind bis heute kaum verlässlich. Hierfür lassen sich zwei Hauptgründe feststellen, die insbesondere in der Vorgehensweise der Forschung begründet sind: Erstens ist die Art und Weise, wie Sportsucht erfasst bzw. gemessen wird, problematisch. Eine Seite des Problems ist hierbei, dass uneinheitlich gemessen wird, also mit unterschiedlichen Fragebögen oder anderen Methoden. Die andere Seite des Problems ist, dass die verwendeten Messmethoden die Sportsucht nicht verlässlich genug, also nicht genau oder eindeutig genug, erfassen. Kurz: Aus dem Ergebnis eines Fragebogens oder einer anderen Methode lässt sich das Vorliegen einer Sportsucht nicht eindeutig ableiten. Der zweite Hauptgrund für die unklaren Befunde der Epidemiologie liegt in den Untersuchungsgruppen, in denen die Häufigkeit von Sportsucht bislang überprüft wurde. Diese Gruppen sind nicht repräsentativ für Sporttreibende oder für die Gesamtbevölkerung; stattdessen wurden in den Untersuchungen zumeist sehr spezifische Sportarten untersucht, weswegen sich die Ergebnisse nur bedingt auf andere Sportarten und natürlich auch nicht auf die Gesamtbevölkerung übertragen lassen. Beide Gründe, also das Problem der uneinheitlichen und ungenauen Messung sowie das Problem der selektiven und wenig repräsentativen Untersuchungsgruppen, werden in diesem Kapitel behandelt.
Eine weitere Schwierigkeit in der Erfassung von Sportsucht besteht darin, dass Verhaltenssüchte häufig maskiert, das heißt nicht ohne weiteres zu entdecken, sind. Diese Maskierung ist damit begründet, dass das problematische Verhalten grundsätzlich eine gewisse Normalität beinhaltet: Essen, Einkaufen, Sporttreiben sind normale menschliche Verhaltensweisen, weswegen normale und krankhafte Ausprägungen bei Sportsucht oder anderen Verhaltenssüchten eng beieinander liegen (Egorov und Szabo 2013) und daher Übergänge zwischen gesund und krank fließend sein können und zudem vom Kontext (z. B. Leistungs- oder Freizeitsport) abhängen. Diese Verschmelzung erschwert die Abgrenzung von gesund und krank.
Trotz der geschilderten Probleme lohnt es sich, die Forschungslage zur Epidemiologie von Sportsucht aufzuarbeiten. Zwar zeigt die Forschung noch kein abschließendes, epidemiologisches Bild, allerdings können im vorliegenden Kapitel zwei Ziele erreicht werden. Erstens hilft die Beschreibung der Problemlage im Zusammenhang mit der Betrachtung von Prävalenzen dabei, Forschungslücken und hiermit notwendige, zukünftige wissenschaftliche Arbeiten abzuleiten. Und zweitens hilft das Zusammentragen der bestehenden Datenlage ein erstes, wenn auch vorläufiges und nicht allgemeingültiges oder in allen Fällen übertragbares Bild über die Auftretenswahrscheinlichkeit von Sportsucht zu erstellen.
3.1 Zur Methodik im Rahmen der Epidemiologie der Sportsucht
Die Epidemiologie der Sportsucht wird in der Literatur nicht als eigenständige Zielstellung von Forschung verfolgt. Stattdessen sind Zahlen zum Ausmaß und zur Häufigkeit eher Nebenaspekte anderer Forschungsziele, zum Beispiel der Erforschung von Risikofaktoren oder Konsequenzen von Sportsucht. Zugleich wird hiermit an Messinstrumente zur Erfassung von Sportsucht kein strenger klinischer Standard angelegt. Dieser Standard scheint aus Sicht vieler Forscher/innen nicht notwendig, da es für die in den Forschungsarbeiten befragten einzelnen Sportler/innen keine (therapeutischen) Konsequenzen hat, wenn sie fälschlich als sportsüchtig oder als unauffällig bzw. gesund bezeichnet werden. Bedeutsam ist lediglich die Verlässlichkeit des Gesamtwertes (nicht der einzelnen fallbezogenen Aussage). Im Gegensatz dazu erfordert die klinische Praxis (
Kap. 5.3) auch im Einzelfall eine genauere und möglichst verlässliche Messung von Sportsucht (d. h. eine »Diagnostik«), aus der mit einer hohen Wahrscheinlichkeit eine therapeutische Konsequenz erwächst. Zusammengefasst kann also gesagt werden, dass Fragebögen zur Sport- und Bewegungssucht vor allem für Forschungszwecke entwickelt wurden. Sie genügen daher häufig zwar den Kriterien guter Forschung (z. B. bezüglich der theoretischen Herleitung der Fragebogenstruktur oder der einzelnen Aussagen/Fragen des Bogens oder der Konsistenz bzw. Reliabilität von Unterkategorien), jedoch nicht den Kriterien guter klinischer Praxis. Insbesondere besitzen sie keine klinisch verlässlichen Cut-Off-Werte, also Werte, ab denen mit hoher Wahrscheinlichkeit im Einzelfall eine klinisch behandlungsbedürftige Sportsucht angenommen werden kann (Sensitivität des Tests;
Kap. 6.1). Stattdessen lassen die Fragebögen nur eine Risikoabwägung zu. So ergibt sich beispielsweise für die »Exercise Dependence Scale« (EDS; Hausenblas und Symons Downs 2002b) anhand der Auswertung eine dreistufige Kategorisierung in »at risk for exercise dependence«, »nondependend-symptomatic« und »nondependend-asymptomatic« (für den deutschen EDS-D s. Zeeck et al. 2013).
Die zuvor beschriebene fehlende klinische Verlässlichkeit von bestehenden Messinstrumenten liegt zum Teil auch daran, dass Kriterien für Sportsucht nicht eindeutig definiert sind (Terry et al. 2004) und in verschiedenen Fragebögen durch unterschiedliche Fragen oder Aussagen umgesetzt werden. So ist bis heute unklar, ob Kriterien, die für Verhaltenssüchte typisch sind, in gleicher Weise auch auf die Sportsucht zutreffen. Ein Beispiel hierfür ist das Kriterium von Zwangserleben oder Entzug: Zwang wird in manchen Fragebögen zur Sportsucht operationalisiert, indem gefragt wird, ob man mehr Sport treibt, als man sich vorgenommen hatte. Bei Kenntnis des Leistungssports erweist sich dies nur sehr bedingt als gute Frage für einen behandlungsbedürftigen Zwang (Symons Downs et al. 2004). Ein weiteres Beispiel: Bezogen auf Entzugssymptome fragen einzelne Sportsuchtinstrumente, ob man Sport treibt, um sich weniger gereizt oder angespannt zu fühlen (Symons Downs et al. 2004). Wenn dies ein Kriterium für Sportsucht wäre, würden viele Gesundheitssportler Entzugssymptome besitzen. Auch aufgrund solcher problematischen Ansätze, Sportsucht zu erfassen, werden positive Zusammenhänge zwischen gesundheitsbezogenen (und positiv zu bewertenden) Sportmotiven und einer auf diese Art gemessenen »Sportsucht« gefunden und kritisch diskutiert, »denn in manchen Aspekten überschneiden sich die erfragten Symptome von Sportsucht mit Verhaltensweisen, die sich zwangsläufig aus intensivem sportlichen Training ergeben« (Zeeck et al. 2013, S. 104). Entsprechend dieser Problematik müssen insbesondere Fragebögen zur (vermeintlichen) Erfassung von Sportsucht mit kritischer Distanz beurteilt werden (
Kap. 5.1).
3.2 Prävalenz der Sportsucht bei Sporttreibenden
Die geschilderten Probleme der eindeutigen Diagnostik von Sportsucht und der Ableitung von epidemiologischen Daten müssen nicht zwingend dazu führen, dass Forschungsdaten zur Häufigkeit von Sportsucht nicht berücksichtigt werden können. Stattdessen ist es wichtiger, diese Informationen richtig einzuordnen. Entsprechend empfehlen die Entwickler derartiger Forschungsfragebögen selbst, die Ergebnisse eher als symptomatische Hinweise oder Risikoeinschätzungen und nicht als Diagnosen zu bewerten (Hausenblas und Symons Downs 2002b; Terry et al. 2004). Ein weiteres, ermutigendes Indiz für die Verwendbarkeit der Daten ist auch, dass die Daten aus unterschiedlichen Instrumenten zu vergleichbaren Ergebnissen führen (Egorov und Szabo 2013). Es kann also davon ausgegangen werden, dass Hinweise zur Häufigkeit und zum Auftreten von Sportsucht, die mit den bestehenden Instrumenten erbracht wurden, zumindest eine gute Schätzung darstellen (Sussman et al. 2011b). Trotz dieser Güte bleibt die fehlende Eignung vieler Instrumente für eine abschließende Einzeldiagnostik bestehen (
Kap. 6.2).
Die gute Schätzung der epidemiologischen Situation aus Forschungsdaten gilt vor allem für die zwei bekanntesten Fragebogeninstrumente, nämlich die »Exercise Dependence Scale« (EDS; Hausenblas und Symons Downs 2002b; deutsch: Zeeck et al. 2013) und das »Exercise Addiction Inventory« (EAI; Terry et al. 2004; deutsch: Ziemainz et al. 2013). Beide Instrumente sind hinsichtlich wichtiger Gütekriterien (z. B. Sensitivität, Reliabilität) ähnlich (Mónok et al. 2012;
Kap. 6.1.1). In der Übersichtsarbeit von Egorov und Szabo (2013) werden 23 Studien aufgeführt, von denen sechs Studien den EDS und fünf Studien den EAI verwendet haben. In diesen 23 Studien wurden ausschließlich Sporttreibende befragt. Die Häufigkeiten von auffälligen Werten (d. h. stark erhöhtes Risiko für Sportsucht) unterscheidet sich zwischen den aufgeführten Studien sehr stark und rangiert zwischen 1,8 % und 77 % (Median 8,25 %;
Abb. 3.1). Andere Übersichtsarbeiten bestätigen diese großen Streuungen und Unterschiede (Landolfi 2013).
Zwischen den beiden Hauptinstrumenten (EDS, EAI) zeigten sich in der Übersichtsarbeit von Egorov und Szabo (2013) keine bedeutsamen Unterschiede: Studien, die den EDS verwendeten, schwanken zumeist zwischen 1,8 % und 6,6 % (ein Ausreißer mit 50 %), während Studien unter Verwendung des EAI zwischen 1,8 % und 8,5 % schwanken (zwei Ausreißer mit 19,9 % und 29,6 %). Auffallend ist, dass von den elf Studien, die andere Fragebögen verwendeten, nur vier unter 10 % lagen (Mittel = 26 %). Dies könnte darauf hinweisen, dass Studien mit anderen Fragebögen als dem EDS oder dem EAI die Häufigkeit von Sportsucht (deutlich) überschätzen.

Abb. 3.1: Häufigkeit auffälliger Werte (d. h. stark erhöhtes Risiko für Sportsucht auf der Basis vorgegebener Empfehlungen) in verschiedenen Forschungsarbeiten zur Sportsucht (Daten aus Egorov und Szabo 2013)
Noch größer als der Einfluss des benutzten Fragebogens ist vermutlich die Wahl der befragten Gruppe. Je nachdem, welche Sportart, welche Population oder welcher Aktivitätssektor befragt wird, unterscheidet sich die gemessene Häufigkeit zum Zeitpunkt der Befragung (Punktprävalenz) starkt. Dies wird anhand der Daten in der Übersichtsarbeit von Egorov und Szabo (2013) deutlich: Wenn in den Studien (Sport-)Studierende befragt wurden (sieben Studien), ergab sich eine mittlere Häufigkeit von 6 % auffälligen Personen (3–15 %), bei Fitnesssportlern (ebenfalls sieben Studien) ergab sich eine mittlere Häufigkeit von 23 % (2–41 %) auffälligen Datensätzen und bei Befragung von Läufern oder Triathleten (auch sieben Studien) ergaben sich im Mittel in 35 % (3–77 %) der Fälle auffällige Daten. Wenn diese Daten auch vorerst einen beschreibenden (und keinen metaanalytischen) Charakter haben, so wird doch der große Unterschied zwischen den Prävalenzen der verschiedenen Befragungsgruppen deutlich. Zugleich scheint sich die häufige Annahme zu bestätigen, dass bestimmte Sportarten (z. B. Ausdauersport) ein höheres Risikoprofil beinhalten als andere. Außerdem liegt die Vermutung nahe, dass auch im Fitnesssport nicht selten eine Zwangsorientierung und hiermit verbunden ein gewisses Abhängigkeitspotenzial vorliegt. Trotz allem fallen auch innerhalb dieser unterschiedlichen drei Populationen die extrem hohen Streuungen auf, was darauf verweisen könnte, dass weitere Kriterien (z. B. Leistungsstärke, Erhebungsinstrument) eine bedeutsame Rolle für die Prävalenz spielen. Diese unterschiedlichen Einflusskriterien auf die Prävalenz wurden jedoch bislang nicht systematisch untersucht. Das heißt, es liegen keine repräsentativen und vor allem metaanalytischen Arbeiten vor, in denen die naheliegenden Faktoren Alter, Geschlecht, Leistungsstärke, Sportart, Untersuchungsmethode systematisch in Bezug auf ihren statistischen Einfluss auf die Prävalenzrate untersucht wurden.
Die Schätzungen und Vermutungen vieler Forscherinnen und Forscher sind jedoch bislang nicht widerlegt und können weiterhin angenommen werden. Im Sport insgesamt kann von (niedrig) einstelligen Prävalenzen für ein hohes Sportsuchtrisiko ausgegangen werden (mit starken Streuungen zwischen Sportarten) (Hausenblas und Symons Downs 2002a; Griffiths et al. 2005). Auch im deutschsprachigen Raum lassen sich diese Zahlen bestätigen (Zeeck et al. 2013; Ziemainz et al. 2013).
3.3 Prävalenz der Sportsucht in der Gesamtbevölkerung
Im Vergleich zu den geschilderten Zahlen ist bezogen auf die Gesamtbevölkerung naturgemäß von deutlich geringeren Prävalenzraten auszugehen (Szabo 2000; Terry et al. 2004; Veale 1995). Allerdings sind Studien, in denen das Merkmal Sportsucht in der Gesamtbevölkerung erfasst wird, sehr selten. Einerseits scheint dies nachvollziehbar, da Sportsucht nur bei zumindest regelmäßiger Sportaktivität ein sinnvolles Krankheitsmerkmal ist. Andererseits würden Studien in der Gesamtbevölkerung erfassen, wie hoch das Risiko bei jeglicher Form von Sportaktivität ist (im Unterschied zu den stark selektiven Stichproben der meisten bestehenden Untersuchungen). Auch die Lebenszeitprävalenz ließe sich nur durch Studien in der Gesamtbevölkerung erheben (erfasst werden in den Studien überwiegend Punktprävalenzen).
Eine der wenigen repräsentativen Studien in dieser Richtung wurde an der ungarischen Bevölkerung durchgeführt. Mónok et al. (2012) untersuchten einen Datensatz von 3183 Ungarn zwischen 18 and 64 Jahren. Von diesen äußerten 474 (also 14,9 %), zumindest einmal pro Woche regelmäßig sportaktiv zu sein. In dieser Studie zeigte sich je nach Befragungsinstrument ein Anteil von 1,9 % auffälliger Daten (bei Verwendung des EDS) bzw. 3,2 % auffälliger Personen (Verwendung des EAI). Bezogen auf die Gesamtbevölkerung ergibt dies eine (Risiko-)Prävalenz von 0,3 % bzw. 0,5 %. Diese Zahlen zeigen einerseits, dass die Rate an auffälligen Sporttreibenden insgesamt vermutlich eher an der Untergrenze der vorliegenden Angaben in bestehenden Studien liegt (
Abb. 3.1), oder anders: die Studien berücksichtigen vermutlich überwiegend Problemgruppen, die eine höhere Risikoprävalenz besitzen. Andererseits erscheint eine Prävalenz von 2–3 % relativ hoch, was allerdings stark relativiert werden muss, denn diese Prävalenz bezeichnet, wie zuvor diskutiert, lediglich das Risiko, nicht aber das Vorliegen einer Sportsucht. Je nach Spezifität und Sensitivität der Fragebögen (also je nach Umfang falsch-positiver Werte;
Kap. 6.1) liegt die tatsächliche Prävalenz vermutlich deutlich niedriger. Entsprechend zeigten Müller et al. (2014), dass sich nur jeder zweite Verdacht auf eine Sportsucht (erfasst anhand des deutschsprachigen EDS) mittels eines diagnostischen Interviews bestätigen lässt.
3.4 Primäre und sekundäre Sportsucht
Die bislang diskutierten Zahlen zur Prävalenz der Sportsucht unterscheiden nicht zwischen primärer und sekundärer Sportsucht. Eine solche Unterscheidung (die auch bei anderen Suchtformen vorgenommen wird) ist nicht nur aus ätiologischer, sondern auch aus epidemiologischer Sicht bedeutsam. Von sekundärer Sportsucht wird gesprochen, wenn sich das auffällige Sport- und Bewegungsverhalten erst in Folge oder als Begleiterscheinung einer anderen klinischen Störung ergibt (wie z. B. Essstörungen, Körperbildstörungen oder der Zwangsstörung; Brewerton et al. 1995, Davis und Kaptein 2006, Gulker et al. 2001, Kleinert 2014). Im Rahmen solcher Störungsbilder wird von den Betroffenen Sport und Bewegung häufig instrumentalisiert, um entweder mit der Grundstörung zurecht zu kommen (d. h. zur Kompensation) oder die Grundstörung ausleben zu können (d. h. zur Realisation;
Kap. 5.1). In diesen Fällen einer sekundären Sportsucht liegt dann zwar der Symptomkomplex der Sportsucht vor, allerdings steckt das eigentliche und ursächliche klinisch-psychische Problem nicht im Sport- und Bewegungsverhalten selbst. Demgegenüber wird von primärer Sportsucht gesprochen, wenn sich das auffällige Verhalten im Sporttreiben selbst bzw. in der Auseinandersetzung mit dem Sport selbst entwickelt (Kleinert 2014).
Diese Einteilung in eine primäre und sekundäre Sportsucht wird von einigen Autoren unterstützt (Breuer und Kleinert 2009; Freimuth et al. 2011; Kleinert 2014; Veale 1995), wenngleich sie auch nicht kritiklos bleibt (Keski-Rahkonen 2001; Zeeck und Schlegel 2012). Insbesondere ist in der Praxis ätiologisch nicht immer nachweisbar, welche der bestehenden Störungsbilder ursprünglich entscheidend war, zum Beispiel ob die Essstörung zu einem sportsüchtigen Verhalten oder die Sportsucht zu einem essgestörtem Verhalten geführt hat (»Henne-Ei-Problem«). Gleichzeitig weisen jedoch Untersuchungen darauf hin, dass Sportsüchtige ohne Vorliegen anderer Störungen (d. h. eindeutig primär Sportsüchtige) eine andere Motivationsstruktur (Blaydon et al. 2002) und auch in anderen Merkmalen (Freimuth et al. 2011) Unterschiede zu vermutlich sekundär Sportsüchtigen zeigen. In der epidemiologischen Betrachtung wäre die Unterscheidung einer primären und einer sekundären Sportsucht deshalb wichtig, da allein die starke Verbindung von Essstörungen und auffälligem Sport- und Bewegungsverhalten (Davis und Kaptein 2006) die Prävalenz der Sportsucht überwiegend erklärt. Oder anders: Sportsüchtige, die kein auffallendes Essverhalten zeigen, sind einerseits relativ selten, andererseits ein Hinweis darauf, dass Sportsucht nicht allein als sekundäre Erscheinung, also als Konsequenz einer anderer Störung auftritt.
Die primäre Sportsucht, das heißt das krankhafte Sport- und Bewegungsverhalten ohne vorhergehende andere psychische Auffälligkeiten, ist jedoch vermutlich selten (Szabo 2000; Terry et al. 2004; Veale 1995). Breuer und Kleinert (2009) leiten aus den vorliegenden Zahlen und Untersuchungsbedingungen ab, dass die primäre Sportsucht je nach Krankheitsgrad (und zugrundeliegendem Instrument) bei Sportlern eine Lebenszeitprävalenz von 0,1–1 % hat. Zugleich lässt sich also sagen, dass die reine Form der Sportsucht, also ohne Begleitstörungen wie zum Beispiel Ess-, Körper- oder Zwangsstörung, eher die Ausnahme ist. Die Prävalenz der sekundären Sportsucht ist deutlich höher, was daran liegt, dass bestimmte Störungsbilder sehr häufig mit Anzeichen einer Sportsucht einhergehen. Nach Zeeck und Schlegel (2012) zeigen beispielsweise 40–70 % der Menschen mit Essstörungen auffälliges Sportverhalten. Demnach besitzen sehr wahrscheinlich die meisten sportsuchtauffälligen Patienten in der Praxis eine sekundäre Symptomatik in Folge oder im Zusammenhang mit einer grundlegenden Essstörung (
Kap. 4.3). Die reine, primäre Sportsucht bleibt die Ausnahme (Breuer und Kleinert 2009).
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.