Kitabı oku: «Der schlechtgefesselte Prometheus»
Übersetzer: Franz Blei
e-artnow, 2022
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EAN 4066338121424
Im August des Jahres 189., nachmittags um zwei Uhr, ereignete sich dieser sonderbare Vorfall:
Auf dem Boulevard, der von der Madeleine zur Oper führt, wurde ein dicker Herr mittleren Alters, durch nichts sonst merkwürdig als durch seine ungewöhnliche Korpulenz, von einem mageren Herrn angehalten, der ihm lächelnd und jedenfalls, glaube ich, ohne an was Böses zu denken, ein Taschentuch übergab, das der Dicke hatte fallen lassen. Dieser dankte ohne viel Redensarten und wollte seinen Weg fortsetzen, als er sich plötzlich zu dem Magern neigte, wie um eine Auskunft bittend, die dieser ihm geben sollte; denn der dicke Herr zog sofort Tintenfass und Feder aus der Tasche und reichte beides mit einem Briefumschlag, den er bishin in der Hand gehalten hatte, dem Mageren. Die Vorübergehenden konnten sehen, wie dieser alsbald eine Adresse auf den Umschlag schrieb. – Hier aber beginnt das Sonderbare der Geschichte, das gleichwohl keine Zeitung gebracht hat: Der magere Herr, der Feder und Tinte zurückgab, hatte noch nicht Zeit für ein lächelndes Adieu gehabt, als der Dicke ihm zum Zeichen des Dankes eine Ohrfeige versetzte. Worauf er in einen Wagen stieg und verschwand, bevor auch nur einer der Zuschauer (darunter ich selbst) sich von der Überraschung erholt hatte noch einem eingefallen wäre, den Menschen festzuhalten.
Ich weiss seit dem, dass es Zeus, der Bankier, war.
Der magere Herr war durch die Aufmerksamkeit der Menge sichtlich geniert und beteuerte, dass er die Ohrfeige kaum gespürt hätte – dabei lief ihm das Blut aus den Nasenlöchern und von einer zerrissenen Lippe. Er bat, man möchte ihn in Ruhe lassen, um alles nur in Ruhe lassen, worauf die Spaziergänger sich zerstreuten. Der Leser möge erlauben, dass wir uns jetzt nicht weiter mit einem beschäftigen, den er in der Folge noch genügend oft wiedersehen wird.
Chronik einer Privatmoral
I
Ich will nicht von der öffentlichen Moral sprechen, weil es keine gibt – doch bei dieser Gelegenheit eine Anekdote:
Als Prometheus auf der Höhe des Kaukasus heraus bekommen hatte, dass ihn die Ketten, Klammern, Zwangsjacken, Brustwehren und andre Skrupel, überhaupt alles, steif machte, richtete er sich, um die Lage zu wechseln, auf der linken Seite in die Höhe, streckte seinen rechten Arm und stieg zwischen vier und fünf Uhr im Herbst auf den Boulevard herunter, der von der Madeleine zur Oper führt.
Verschiedene Pariser Berühmtheiten jagten an ihm vorbei. Wo gehen die hin? fragte er sich und, nachdem er sich in einem Café vor einem Bock niedergelassen, den Kellner: »Kellner, wo gehen die hin?«
Geschichte vom Kellner und vom Müllionär
Wenn der Herr sie wie ich jeden Tag wieder zurückkommen sähe, sagte der Kellner, könnte er ebensogut fragen woher sie kommen. Das ist nämlich ganz alles eins, weil sie jeden Tag wieder zurückkommen. Ich sage mir: sie kommen zurück, weil sie nicht gefunden haben. Jetzt wird mich der Herr fragen: was suchen sie? weil der Herr wissen möchte, was ich darauf antworte. Und so fragte Prometheus: Was suchen sie?
Und der Kellner: Weil sie nicht dort bleiben, so ist es das Glück nicht. Der Herr mag mir glauben oder nicht – und er kam ganz nah und flüsterte: – Was die suchen, das ist ihre Persönlichkeit; – der Herr sind nicht von hier?
Nein, sagte Prometheus.
Übrigens, das sieht man, sagte der Kellner; ja: Persönlichkeit; das, was wir hier Idiosynkrasie nennen. Ich zum Beispiel, wie Sie mich da sehen, Sie würden schwören, ich sei ein Kellner. Aber kein Gedanke! Das bin ich nur so – aus Liebhaberei. Sie mögen mir glauben oder nicht; ich habe ein inneres Leben: ich beobachte. Es gibt nichts Interessanteres als die Persönlichkeiten; und dann die Beziehungen unter den Persönlichkeiten. Das ist hier in diesem Restaurant sehr gut eingerichtet, mit diesen Tischen für drei. Ich erkläre Ihnen den ganzen Betrieb sofort. Sie speisen doch bald, nicht? Man stellt Ihnen …
Prometheus war ein bisschen müde. Der Kellner fuhr fort: Ja, diese Tische für drei, das ist es, was ich ausserordentlich bequem finde: drei Herren kommen; man stellt sie einander vor (natürlich nur wenn sie es wünschen), denn in meinem Restaurant muss man vor dem Diner seinen Namen angeben; und dann, was man macht: um so schlimmer, wenn man sich täuscht. Dann setzt man sich (ich nicht); man unterhält sich (ich natürlich nicht) – aber ich stelle den Kontakt her; ich höre zu; ich forsche aus; ich dirigiere die Konversation. Am Ende des Diners kenne ich drei innere Wesen, drei Persönlichkeiten! Jene kennen nichts. Ich, Sie verstehen doch, ich höre, ich mache die Beziehung; jene gehen auf die Beziehung ein. – Sie werden mich fragen, was mir das einbringt? – Ganz und gar nichts. Es ist mein Vergnügen, Beziehungen zu schaffen … O! nicht für mich …, nein, so wie, möchte man sagen, etwas, das man gratis abgibt, eine Gratistätigkeit, eine Gratishandlung!
Prometheus schien ein wenig ermüdet. Der Kellner fuhr fort: Eine Gratishandlung! Sagt Ihnen das nichts, gar nichts? – Mir scheint das ganz ausserordentlich. Ich habe lange gedacht, das sei es, was den Menschen vom Tiere unterscheidet – eine Gratistätigkeit. Ich nannte den Menschen: das Tier, das einer Gratistätigkeit fähig; – aber später habe ich das Gegenteil gedacht: dass er das einzige Wesen ist, unfähig etwas umsonst zu tun; – umsonst! denken Sie mal; ohne Vernunft – ja, gut, das gebe ich Ihnen zu – aber ohne Grund: dazu ist er unfähig! Unfähig! Übrigens fing mir das an langweilig zu werden. Ich sagte mir immer: warum macht er das? warum macht er dies? … Ich will trotzdem nicht behaupten, dass ich Determinist bin … übrigens, dabei fällt mir eine Anekdote ein:
Ich habe einen Freund, Herr; der ist, Sie werdens nicht glauben, Müllionär. Intelligent ist er auch. Der sagte sich: etwas tun umsonst? wie das? Sie müssen nicht vergessen, nicht um eine Tätigkeit, die nichts einbringt, handelt es sich, denn ohne das … nein, eine umsonst! ein Akt, der durch nichts motiviert ist. Verstehen Sie? Nicht Interesse, nicht Leidenschaft, Nichts. Die interesselose uninteressierte Tat, geboren aus sich selber. Ohne Zweck, ohne Meister. Die freie Tat, die Autochtontat.
Wie? machte Prometheus.
Passen Sie gut auf, sagte der Kellner. Mein Freund kommt eines Morgens den Boulevard herunter, mit einem fünfhundert Franksschein in einem Couvert und einer bereitgehaltenen Ohrfeige in der Hand.
Es handelt sich darum, einen zu finden ohne ihn sich auszusuchen. Also, auf der Strasse lässt er sein Taschentuch fallen und zu dem, der es aufhebt (der gutmütig ist, weil er es aufhebt) sagt der Müllionär: – Entschuldigen Sie, mein Herr, sollten Sie vielleicht jemanden kennen?
Der andere: Ja, Mehrere.
Der Müllionär: Dann haben Sie, hoffe ich, die Güte und schreiben seinen Namen auf diesen Umschlag; hier ist Tisch, Tinte, Feder … Der andere schreibt als ein Gutmütiger; dann: Bitte, möchten Sie mir jetzt erklären …?
Der Müllionär antwortet: – Das ist ein Prinzip; dann (ich vergass zu erwähnen, dass er sehr stark ist) haut er ihm die Ohrfeige ins Gesicht, die er in der Hand trug, ruft einen Fiaker an und verschwindet.
Verstehen Sie? Zwei einfach geschenkte Taten auf einmal! Dieser fünfhundert Franksschein an eine Adresse, die er nicht gewählt hat und diese Ohrfeige, für einen, der sie sich ganz allein gewählt hat, indem er ihm das Taschentuch aufhob. Sagen Sie, ist das nicht etwa gratis und geschenkt?
Und die Relation! die Beziehung! Ich wette, Sie beachten die Beziehung nicht genügend; während nämlich die Tat umsonst ist, ist sie auch wie wir hier sagen: reversibel, heimfällig; so nämlich: der eine, der 500 Franks für eine Ohrfeige bekommen, der andere, der eine Ohrfeige für 500 Franks erhalten hat … und dann: weiss man nichts weiter … man geht auseinander, verliert sich. – Denken Sie doch! Eine Leistung absolut umsonst! Es gibt nichts, das demoralisierender wäre. – Aber der Herr beginnt Hunger zu bekommen; ich bitte vielmals um Entschuldigung; man kommt so ins Plaudern … Möchten mir der Herr gefälligst seinen Namen sagen, – wegen der Vorstellung … – Prometheus, sagte Prometheus einfach.
Prometheus! Ich sagte ja gleich, der Herr sind nicht von hier … und Beschäftigung, wenn ich bitten darf?
Keine, sagte Prometheus.
Ach nein, sagte der Kellner mit einem süssen Lächeln. – Nein. Man braucht ja den Herrn bloss anzusehen, um zu wissen, dass er sich mit etwas beschäftigt.
Das ist so lang her, stammelte Prometheus.
Um so schlimmer, um so schlimmer, sagte der Kellner. Übrigens möge sich der Herr beruhigen. Ich stelle, wenn man will, mit dem Namen vor, aber nie mit der Beschäftigung. – Und die Ihre, mein Herr … was beliebten Sie zu machen?
Zündhölzer, murmelte Prometheus errötend.
Das Schweigen, das nun folgte, war etwas peinlich. Der Kellner sah ein, dass er unrecht hatte, so auf seiner Frage zu bestehen, Prometheus fühlte, dass er nicht recht tat, darauf zu antworten.
Im Tone des Tröstens fing der Kellner an: Nun, der Herr machen ja keine mehr … Aber etwas muss ich doch einschreiben, ich kann doch nicht einfach schreiben: Prometheus Punkt. Der Herr hat doch gewiss eine Profession, eine Spezialität … oder weiss doch wenigstens etwas zu machen …
Nichts, erklärte Prometheus.
Dann schreiben wir: Schriftsteller. – Nun, wenn es dem Herrn gefällig ist, in den Speisesaal einzutreten? ich serviere nicht draussen. Und er schrie hinein: Einen Tisch für Drei! Einen! … Durch zwei Türen traten zwei Herren ein. Man sah, wie sie dem Kellner ihre Namen nannten. Aber da die Vorstellung nicht verlangt wurde, setzten sie sich ohne das. Und als sie sassen:
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