Kitabı oku: «Mords-Töwerland», sayfa 2
Dengel und Carmen liefen zur Holländerin, die mit dem Kampfstiefel Tanjas Hals niederdrückte.
»Sie hat sicher nach Verstärkung telefoniert«, schrie der geflohene Schwerverbrecher, als er die Polizeibeamtin erkannte.
Antje widersprach. »Ich habe sie beobachtet, als sie mit dem Hund vom Strand hochgekommen ist. Sie hat nicht telefoniert und …«
»Mir scheißegal, erschieß sie!«, drängte Dengel aufgeregt. »Keine Zeugen! Ist das so schwer zu verstehen?«
Emma bellte, als Carmen die Waffe aus der Gürteltasche holte und sie ihrem Frauchen an den Kopf hielt. Aus dem Augenwinkel sah Tanja, wie Dengel mit einem brutalen Tritt dafür sorgte, dass sich ihre Hündin trollte. »Worauf wartest du? Schieß!«
»Sie ist Polizistin«, gab Carmen zu bedenken. »Gibt schlechtes Karma, und sie jagen doppelt so viele Bullen hinter uns her.«
Dengel spürte sanften Wind über sein Gesicht streicheln und änderte mit Blick in den klarer werdenden Himmel seine Meinung. »Ok, Planänderung. Sie verständigt den Notruf für den Hubschrauber, dann stellt niemand dumme Fragen. Sperrt sie weg.«
Im selben Augenblick schreckten klackende Hufe die Flüchtigen auf. Hastig zogen sie die Beamtin hinter die Mülltonne.
Dengels Gesicht strahlte beim Anblick der Plankutsche, die auf sie zusteuerte. »Das Schicksal meint es gut mit uns, Mädels. Genau damit fahren wir zum Landeplatz.« Er griff Carmens Hand und kontrollierte die Zeit auf ihrer Armbanduhr. »In einer halben Stunde Abmarsch. Lasst alles zurück, was nicht gebraucht wird. Wir dürfen nicht zu schwer sein.«
Der Kutscher mit Zigarette im Mund hatte die Personen beim Seeferienheim nicht bemerkt. Als aus dem Nichts ein Plastikball zwischen die Hinterbeine der Lastpferde schoss, ahnte er nicht, was ihn erwarten würde. Die Tiere bäumten sich erschrocken auf und wieherten. Mit Peitsche und guten Worten brachte er das Gespann zur Ruhe. Doch statt die Fahrt fortzusetzen, hob er die Arme, denn zwei maskierte Gestalten mit Gewehren bedeuteten ihm, vom Bock abzusteigen.
Tanja Krüger fand sich in einem Schlafraum mit Etagenbetten wieder. Der Kopf brummte ihr vom Schlag, den ihr die siebte Person verpasst hatte. Sie schleppte sich zum vergitterten Fenster. Das Stück Himmel, das sie sehen konnte, war trüb und grau, aber kein Sturm tobte mehr über die Insel. Am anderen Ende des Hofes entdeckte sie ihre Hündin. Emma lag bewegungslos in einer Blutlache. Sie haben Emma getötet, dachte sie, genauso, wie sie Jan getötet haben. Tränen rannen ihr über die Wange. Voller Wut eilte sie zur Tür, die plötzlich vor ihr aufgerissen wurde. Die spanisch sprechende Frau betrat mit übergezogener Sturmhaube den Raum. Sie reichte Tanja das ausgefallene Diensthandy, das in ihrer Jacke gesteckt hatte.
»Akku ist geladen«, sagte Carmen knapp. »Dreh dich um.«
Durch das Fenster sah Tanja, wie zwei Kämpfer einen übel zugerichteten Mann durch den Hof schleiften.
»Wer ist das?«, fragte sie entsetzt.
»Ein hübscher Kerl, dem die Gäule durchgegangen sind und ihn halb tot getrampelt haben«, bekam sie zur Antwort. »Du wählst jetzt die 112, sagst, wer du bist, und forderst einen Rettungshubschrauber an. Sonst stirbt der Kutscher.«
Unter vorgehaltener Waffe tätigte die Beamtin den Notruf. Die Einsatzzentrale erkundigte sich nach der Verletzung, beruhigte sie, dass der Rettungsdienst die Erstversorgung übernehme, und schickte den Hubschrauber los. In zehn Minuten würde er auf der Wiese beim Hafen eintreffen. Zufrieden nahm Carmen der Polizistin das Handy weg und öffnete die Tür. Zwei Männer kamen herein, warfen den Kutscher vor Tanjas Füße und verschwanden. Aus der Nase tropfte Blut, mehr an Verletzungen entdeckte sie bei ihm nicht. »Geht’s?«, vergewisserte sie sich.
Der Kutscher nickte und deutete zum Fenster. Nun hörte auch Tanja, wie sich der Planwagen in Bewegung setzte. Sie sprang zur verschlossenen Tür und rüttelte. Eine Zeit lang sah der Verletzte ihr dabei zu und wischte sich das Gesicht mit einem herumliegenden Bettlaken ab. Dann rappelte er sich auf, öffnete die Fensterladen und stieß von innen das Gitter auf.
»Danke«, sagte Tanja perplex. »Bleib hier, ich schicke Hilfe, ja?«
Mit einem Sprung war sie draußen auf dem Hof. Doch Emma lag nicht mehr dort, wo sie sie gesehen hatte. Sie starrte sekundenlang auf die Blutlache auf dem Asphalt, wieder rannen Tränen über ihre Wangen. Was sollte sie bloß tun? Die Verbrecher hatten einen Vorsprung, der Hubschrauber landete in wenigen Minuten. Weit und breit keine Inseljäger, geschweige denn Verstärkung. Schweren Herzens rannte sie los und stolperte über den Militärrucksack, der als Tormarkierung hergehalten hatte. Rasch öffnete sie ihn und staunte. »Perfekt!«, machte sie sich Mut und erinnerte sich, wie sie bei der Polizeiausbildung mit einem G3 Schnellfeuergewehr Trainingseinheiten absolviert hatte.
Gleich darauf schlug sie das Fenster des Gebäudes mit der Aufschrift »Büro und Kiosk« ein. Sie fand ein vorsintflutliches Scheibentelefon und alarmierte die Feuerwehr. »Rückt sofort zum Hafen aus«, befahl sie. »Ich bin auf dem Weg.«
Sie war bereits davongeeilt, als der Kutscher in den Hof trat.
*
Die Plankutsche erreichte den Hafen zusammen mit den Löschzügen und den Rettungswagen. Das Sirenengeheul des Großeinsatzes trieb Juister und Touristen hinaus zum Hafengelände. Menschenmassen wie zur Hochsaison fanden sich zusammen, ohne zu wissen, was vor sich ging. Der Kolumbianer auf dem Bock trieb unbeeindruckt die Pferde voran. Unsichtbar unter der Plane saß Dengel mit der bewaffneten Mannschaft.
Mit dem gesicherten Gewehr im Bollerwagen eines konfiszierten Fahrrads näherte sich die Inselpolizistin dem Hafen. Der Hubschrauber landete gerade auf der Wiese neben dem Leuchtturm. Im Rotorwind sprangen Notarzt und Sanitäter heraus und blickten sich nach dem Schwerverletzten um. In dem Moment wurde die Kutschenplane weggezogen. Dengel und die bewaffneten Kämpfer sprangen heraus und verscheuchten die zwei zu Tode erschrockenen Helfer. Die Zuschauer, die augenblicklich die Gefahr erkannten, riefen und winkten sie zu sich, bis Dengel eine Salve in die Luft abfeuerte. In Todesangst suchten die Schaulustigen Schutz in den umliegenden Gebäuden. Nachdem der Rettungspilot vom Sitz gezerrt war, sprangen die Verbrecher in den Hubschrauber.
Tanja Krüger erreichte den Einsatzort. Sie stieß das Fahrrad von sich, schnappte das Gewehr und lief auf den aufsteigenden Helikopter zu. Sie schrie. Doch die Lautstärke des Propellerwirbels machte ihre Worte nutzlos. Niemand verstand auch nur eine Silbe von dem, was sie in die Luft brüllte. Dennoch rief sie: »Halt, Polizei! Landen Sie sofort! Oder ich schieße.«
Trotz Sichtkontakt zur Beamtin mit G3 im Anschlag hob die Maschine unter ohrenbetäubendem Geratter ab. Tanja spürte, wie in dem infernalischen Lärm sich absolute Ruhe in ihr breitmachte. Der Hubschrauber stieg beständig in die Luft. In etwa 50 Meter Höhe lenkte der Pilot die Maschine um die eigene Achse. Da erschien Hannes Dengel in ihrem Blickfeld. Direkt im Lauf des Gewehrs. Er grinste durch die Scheibe wie der Teufel auf dem Flug zur Hölle. Er war schuld, dass drei Polizeibeamte im Sterben lagen. Jan lag tot im Sand vergraben, Emma hatte er zu Tode getreten. Sie allein war der Arm der Gerechtigkeit. Jetzt und hier auf Juist. Sie zielte auf den Rotorkopf und gab mehrere Feuerstöße ab. Als die von Einschlägen getroffene Mechanik beschädigt wurde, geriet der Hubschrauber ins Trudeln und stürzte in Sekundenschnelle herab. Knapp neben dem Leuchtturm krachte die Maschine zu Boden und kippte auf die Seite. Die Rotorblätter schlugen tiefe Furchen in die Wiese, ehe sie in Stücke zerbrachen und durch die Luft jagten. Tanja Krüger duckte sich rechtzeitig und ließ sich fallen. Sie reagierte als Erste, als der donnergleiche Knall des Aufpralles verebbt war. »Los!«, schrie sie den Rettungskräften zu. »Seht nach ihnen!«
Feuerwehrleute und Sanitäter stürmten zu dem millionenteuren Wrack. Mit schwerem Werkzeug gelang es ihnen, die verkeilten Türen aufzubrechen. Ein silbern schimmerndes Metallstück ragte aus Dengels Kopf. Über seinen leblosen Augen war die Schirmmütze mit dem Sinnspruch »Juist sehen und sterben« lesbar geblieben. Auch keiner der anderen Insassen hatte den Abschuss überlebt.
So ruhig Tanja noch vor ein paar Minuten gewesen war, so sehr zitterte sie jetzt am ganzen Körper. Sie konzentrierte sich auf ihre Atmung und auf das, was eigentlich im Moment so überflüssig wie nur sonst was war. Aber unumgänglich. Den notwendigen Bericht an das Polizeikommissariat in Norden. Doch als sie plötzlich den Kutscher entdeckte, der Emma im Arm hielt, war ihr vollkommen egal, wie viele Berichte sie zu schreiben hatte. Sie rannte einfach nur zu ihm und starrte glücklich auf ihre Hündin.
»Ich dachte, Emma sei tot«, brachte sie mit brüchiger Stimme hervor.
Der freundlich lächelnde Retter reichte ihr die Hündin. Wortkarg wie das Juister Seezeichen, das in den aufkommenden Sonnenstrahlen glänzte, streichelte er das Tier.
»Jetzt brauche ich einen Schnaps«, hörte sie sich sagen. Sie war überrascht über die gelungene Intonation. »Du auch?«
Der Mörder vom Schiffchenteich
Gisa Pauly
Juist ist in der Nacht verdammt dunkel. Und ich bin ganz allein. Weit und breit kein Mensch. Wenn ich ehrlich bin, fürchte ich mich ein bisschen im Dunkeln auf der Insel. Außerdem ist es viel zu spät, um irgendwo um Hilfe zu bitten. Die Restaurants sind geschlossen, sogar in der »Spelunke« ist schon alles dunkel. Und die schließt immer als Letzte. Es muss also schon weit nach Mitternacht sein. Irgendwie habe ich total mein Zeitgefühl verloren. Das passiert mir oft, wenn um mich herum etwas Aufwühlendes geschieht. Herbert bäuchlings im Schiffchenteich! Mein Herbert! Wenn das nicht aufwühlend ist! Mit dem Gesicht im Wasser! Und er rührt sich nicht mehr. So was von aufwühlend!
Mein geliebter Herbert! Wie konnte das passieren? Was soll ich nur ohne ihn machen? Und wie soll ich in die Ferienwohnung kommen? Den Schlüssel hat er garantiert in der Hosentasche, aber da gehe ich nicht ran. Ums Verrecken nicht. Eigentlich müsste ich wohl die Polizei verständigen. Gibt’s auf Juist überhaupt eine Polizeistation? Mein Gott, ich bin total durcheinander. Doch, halt – als wir das letzte Mal auf Juist waren, hat Herbert seine Geldbörse verloren. Da waren wir gemeinsam auf dem Revier. Das war gar nicht weit von hier. Aber ich bin viel zu aufgeregt, um jetzt im Dunkeln den Weg zu finden. Und wahrscheinlich ist da auch keiner mehr wach. Auf Juist schläft doch alles. Hätte ich mich bloß nicht verleiten lassen, die alte Frau Sönksen zu besuchen. Aber die ist ja immer so allein, die freut sich über Gesellschaft. In ihrer Keksdose hat sie immer dieses herrliche Schwarz-Weiß-Gebäck, das ich so gerne mag. Und Herbert konnte ja wirklich mal zwei, drei Stunden ohne mich zurechtkommen, oder?
Doch da sieht man’s mal wieder: Wenn ich nicht auf ihn aufpasse, passiert etwas. Ausgerutscht und unglücklich gestürzt? Dachte ich auch zuerst, aber nun hatte ich Zeit, mir das gründlich zu überlegen. Nein, nein, das glaube ich einfach nicht. Nicht nach dem Ärger heute Nachmittag. Das kann kein Zufall sein …
Ich liebe Kurkonzerte. Noch mehr als Herbert. Eigentlich geht er nur mir zuliebe hin, das weiß ich. Und das habe ich ihm immer hoch angerechnet. Mir gefällt die Musik, die auf Kurkonzerten zu Gehör gebracht wird. Nicht diese schnellen Rhythmen mit den lauten Bässen, sondern zarte Weisen mit vielen Geigen. Am besten sind die Walzermelodien. Herrlich! Ich singe dann auch sehr gerne mit. Ganz leise nur, ziemlich zurückhaltend. Und es macht mich traurig, wenn Herbert sagt, mein Gejaule sei kaum zu ertragen. Das tut mir weh, obwohl er dabei lächelt. Aber wenn dann diese Schunkelmelodien erklingen, kann ich einfach nicht anders. Nein, ich schunkele nicht, das mag ich nicht, aber ich singe gern mit. Der Dirigent hatte sogar ausdrücklich dazu aufgefordert. Also habe ich nicht nur leise, sondern auch ein bisschen lauter gesungen. Aber was passiert? Herbert und ich werden angemacht. Auf ganz hässliche und gemeine Weise. Das wäre ja nicht anzuhören. Ich träfe keinen Ton. Und dieses schreckliche Gejaule … Ja, die Leute haben meinen Gesang tatsächlich auch so genannt. So wie Herbert! So was von herzlos!
Aber auf meinen Herbert kann ich mich verlassen, er ist immer loyal. Obwohl ich weiß, dass er meinen Gesang nicht schätzt, stand er felsenfest an meiner Seite. »Ich liebe es, wenn Walli singt«, hat er gesagt und eine alte Frau mit lila gefärbten Haaren bitterböse angesehen. »Glauben Sie wirklich, dass Ihr schriller Altfrauensopran schöner klingt?«
Jetzt hatte Herbert aber was gesagt. Ein Riesentumult brach aus. Die alte Frau mit den lila gefärbten Haaren verteidigte ihren Sopran mit aller Kraft. Und davon hatte sie noch eine Menge auf Lager, das muss man sagen. Meine Güte, ist die auf uns losgegangen!
»Unverschämtheit! Dreistigkeit! Diese Jugend von heute!« Was sie noch alles gesagt hat oder besser gekreischt hat, das weiß ich gar nicht mehr so genau. Auf jeden Fall musste das Kurkonzert abgebrochen werden.
Das Lager der Besucher spaltete sich daraufhin. Einige schlugen sich auf die Seite dieser schrecklichen Frau, nicht wenige aber waren der Meinung, dass ich nicht schlechter singe als sie. Der Dirigent wollte nicht in den Streit hineingezogen werden und verschwand mit seinem Ensemble derart eilig, dass der Cellist über sein Instrument stolperte und in die Kesselpauke fiel. Eine an sich bestürzende Tatsache, die aber große Heiterkeit erzeugte und von den Streitigkeiten vorübergehend ablenkte.
Herbert war danach sogar richtig gut drauf. Ich glaube, er hatte das Gefühl, einen Sieg errungen zu haben. Jedenfalls holte er sich von dem Stand, der hinter dem Konzertpavillon aufgebaut worden war, ein weiteres Bier und sah mit dem Glas in der Hand zu, wie die Konzertbesucher in alle Richtungen davonströmten.
Und nun liegt mein Herbert im Schiffchenteich und rührt sich nicht mehr. Dass ich in der Stunde seines Todes nicht bei ihm war, macht mir schwer zu schaffen. Ach, Herbert …
Was jetzt? Warten, bis die Sonne aufgeht? Irgendwann wird hier jemand auftauchen, der die nötigen Schritte einleitet, klar. Will ich dann überhaupt noch hier sein? Natürlich müsste ich die alte Frau beschuldigen, die von ihren Freundinnen Thea genannt wurde. Sie hat meinen Herbert auf dem Gewissen, keine Frage. Wahrscheinlich hat sie auch schon ihren Ehemann abgemurkst, als er es wagte, ihr zu widersprechen. Wer ihr Kurkonzert stört und noch dazu ihren Sopran kritisiert, den schickt sie ins Jenseits. So eine ist das! Anders kann das gar nicht gewesen sein.
Vermutlich hat sie uns lange aufgelauert, bis es zu dunkeln begann, bis niemand mehr auf der Straße zu sehen war. Das geht schnell auf Juist. Vor allem in der Nebensaison, wenn auf der Insel fast nur alte Leute Urlaub machen. Herbert und ich gehen dann gerne spazieren, wenn die Dunkelheit vom Meer herüberkommt und sich über die Insel stülpt, wenn es still wird, wenn auch das Hufgeklapper nicht mehr zu hören ist, wenn die Urlauber in ihren Hotels und Pensionen oder in den Ferienwohnungen sitzen und zu Abend essen. Leider konnte Herbert sich heute nicht entschließen, wo wir essen wollten. Mir ist ja am liebsten, wenn wir zu Moni gehen, bei ihr schmeckt es mir immer. Aber Herbert hat mir erklärt, dass ein Bratkartoffelverhältnis nicht unbedingt etwas damit zu tun hat, dass dort täglich Bratkartoffeln serviert werden. Überhaupt geht Herbert lieber in den »Friesenhof« oder ins »Hafenrestaurant« als zu Moni. Jedenfalls, wenn er Hunger hat. Dass er aber auch immer so lange braucht, um sich zu entscheiden! Hätte er einen schnellen Entschluss gefasst, dann wäre diese schreckliche Sache vermutlich gar nicht passiert. Aber Herbert hatte zunächst keinen rechten Appetit und überlegte dann so lange hin und her, bis es in keinem Restaurant mehr einen freien Tisch gab. Und dann war ich es leid. Ich hatte keine Lust, bis zum Schlafengehen mit Herbert zu überlegen, wo wir essen gehen wollen. Ich habe mich dann einfach verdrückt. Umgedreht und abgehauen! Zu Frau Sönksen. Von dem Schrei, den Herbert mir nachschickte, habe ich mich nicht zurückholen lassen. Manchmal muss man einem Mann eben zeigen, dass man sich nicht alles bieten lässt.
Ich gehe zum Hafen, aber da ist nichts zu sehen und zu hören, schaue im Strandhotel nach, wo es nie ganz dunkel ist. Doch ich brauche mir nur den Nachtportier anzusehen, der vor seinem Monitor döst … Nein, von dem habe ich keine Hilfe zu erwarten. Kann ich auch verstehen. Was hat der mit meinem toten Herbert zu tun?
Also doch das Polizeirevier! Aber Pustekuchen! Da ist es genauso dunkel wie überall, nur das Schild, auf dem »Polizei« steht, ist beleuchtet. Die Tür ist zu, hinter den Fenstern brennt kein Licht. Verdammt, ich will in mein Bett. Wenn ich Herbert nicht mehr helfen kann, gibt es keinen Grund, am Schiffchenteich sitzen zu bleiben. Am besten, ich gehe zu Moni. Dass sie mir Herbert abspenstig machen wollte, muss ich dann allerdings vergessen. Kann ich das? Eifersucht ist ein Gefühl, das sehr wehtut. Und immer, wenn Moni meinen Herbert angesehen hat, habe ich unter diesem Schmerz gelitten. Tief in mir drin. Ausgehalten habe ich das nur, weil ich Moni trotz allem mag. Und weil sie immer nett zu mir ist.
Der Weg zu ihr ist nicht weit. Ein paar Hundert Meter Richtung Loog, dann das kleine Haus auf der rechten Seite. Klar, da ist auch alles dunkel. Aber der Strandkorb steht noch im Vorgarten, und darin liegt eine Decke. Dort werde ich es den Rest der Nacht aushalten.
Dass ich so tief und fest geschlafen habe, kann nur daran liegen, dass ich von den Geschehnissen des vergangenen Tages fix und fertig war. Der eine kommt nach solch schrecklichen Ereignissen nicht in Schlaf, bei mir ist es anders, ich falle glatt ins Koma. Also … gewissermaßen. Ich komme erst zu mir, als die Gartenpforte knirscht und Schritte zu hören sind. Himmel, ich weiß zunächst gar nicht, wo ich bin. Als ich endlich klar denken kann, haben die beiden Polizeibeamten schon den Vorgarten durchquert und an Monis Tür geschellt. Mich haben sie im Strandkorb gar nicht gesehen. Und ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt erst mal abwarte. Besonders freundlich gucken die beiden nicht. Denen traue ich zu, dass sie denjenigen, der Herbert am nächsten gestanden hat, am ehesten verdächtigen. Und das wäre natürlich ich.
Moni ist noch ziemlich verschlafen, als sie die Tür öffnet. Und als sie hört, dass Herbert tot im Schiffchenteich gefunden worden ist, fängt sie gleich an zu schreien und zu weinen.
»Das kann doch nicht wahr sein!«
Das stöhnt sie immer wieder, und ich will schon aufstehen und ihr zur Seite springen. Aber da sagt sie mit einem Mal: »Wo ist überhaupt Walli?«
Die Polizisten gucken sich fragend an und bitten darum, eingelassen zu werden. Die Tür fällt hinter ihnen ins Schloss, und ich sitze im Strandkorb wie gelähmt. Wieso hat Moni gleich nach mir gefragt? Will sie mich etwa verdächtigen?
Ich schleiche ums Haus herum und stelle fest, dass die Terrassentür nicht ganz geschlossen ist. Ich kann hören, wie einer der Polizisten sagt: »Kann sein, dass er über irgendwas gestolpert und dann in den Schiffchenteich gefallen ist. Möglich, dass er sich dabei den Kopf aufgeschlagen hat, ohnmächtig geworden und ertrunken ist. Kann aber auch sein, dass er gestoßen wurde. Jedenfalls hat er eine klaffende Stirnwunde.«
Gestolpert? So ein Blödsinn! Natürlich wurde er niedergeschlagen, brutal gestoßen. Und ich weiß auch, von wem. Von dieser Thea, die es nicht verwinden konnte, dass Herbert ihr hohes C mit dem Alarm einer alten Lokomotive verglichen hat.
»Hatte er Feinde?«
Oh ja, die hatte er. Oder besser … eine Feindin. Thea mit den lila Haaren.
»Nein«, antwortet Moni. »Herbert war ein lieber Mensch. Den mochten alle.«
Klar, sie war heute Nachmittag ja nicht dabei. Kurkonzerte mag sie nicht. Da lässt sie uns immer allein hingehen.
»Wir haben bereits sein Ferienapartment gesichtet und dabei einige interessante Entdeckungen gemacht«, höre ich jetzt. »Sie hatten Schulden bei Herbert Faber. Und zwar beträchtliche.«
»Na und?«, fängt Moni an zu kreischen. »Deswegen bringe ich ihn doch nicht um.«
»Es sind schon Menschen wegen weniger Geld ermordet worden. 20.000 sind kein Pappenstiel. Wollte er das Geld zurück? Und Sie konnten es ihm nicht geben?«
20.000! Davon hatte ich keine Ahnung. Das ist ja ungeheuerlich.
»Außerdem sollen Sie sehr eifersüchtig sein«, ergänzt der andere Polizist.
»Wer sagt das?«, fragt Moni mit zitternder Stimme. Und als sie keine Antwort bekommt, heult sie los: »Herbert hat mich geliebt. Ich hatte keinen Grund zur Eifersucht.«
Geliebt? Nun bin ich aber ziemlich konsterniert. Mich hat Herbert geliebt, nur mich! Was redet Moni denn da?
Als die Polizisten gehen, liegt mir nichts mehr daran, mich zu Moni zu flüchten und mich von ihr trösten zu lassen. Die Sache ist mir zu heikel. Dass sie Schulden bei Herbert hatte, wusste ich nicht. Und dass sie glaubte, er habe sie mehr geliebt als mich, habe ich auch nicht für möglich gehalten. Mein Gott, ich glaube, ich habe mich noch nie in einem Menschen so getäuscht. Moni! Hast du meinen Herbert auf dem Gewissen? Ein schrecklicher Gedanke! Andererseits … der Verdacht, den die Polizisten geäußert haben, kann nicht schwerwiegend sein, sonst hätten sie Moni mitgenommen. Aber sicherlich sind sie schon längst auf der Suche nach Beweisen. Und sobald die gefunden sind, wird Moni verhaftet. Es sei denn, meine ursprüngliche Vermutung stimmt und Thea mit den lila Haaren steckt hinter Herberts gewaltsamem Tod.
Nur – die Beweislage könnte schwierig sein. Diese Thea wird natürlich alles abstreiten, ihre Freundinnen werden sich vermutlich auf ihre Seite stellen. Und dann? Dann wird die Polizei von Verleumdung reden und sich nicht weiter um die Dame kümmern. Nein, ich brauche hieb- und stichfeste Beweise. Allermindestens schwerwiegende Indizien. Nur … wo kriege ich sie her? Ich muss mir was einfallen lassen.
Das Wichtigste wird sein, mich unauffällig zu verhalten. Die Polizei hat sicherlich meinen Namen notiert, aber ob man mich suchen wird? Ich weiß es nicht. Könnte natürlich sein. Dass ich verschwunden bin, spricht unter Umständen gegen mich. Wer abhaut, ist immer verdächtig. Andererseits … sobald ich die Beweise gegen Thea zusammen habe, wird niemand mehr auf die Idee kommen, mir etwas anzuhängen. Ich habe ja auch überhaupt kein Motiv. Ich habe Herbert geliebt! Und er mich auch! Allerdings … wenn Moni dabei bleibt, dass ihr der erste Platz in Herberts Herzen gehört hat, könnte den Polizisten die Idee kommen, dass ich es bin, die aus Eifersucht gemordet hat. Nein, nein, besser, ich halte mich zurück. Anscheinend werde ich noch gar nicht vermisst. Nur von Moni. Und solange niemand nach mir sucht, kann ich mich umhören, ohne aufzufallen.
Ich ziehe mich an den Strandaufgang am Strandhotel zurück. Da ist immer viel los, ich werde nicht weiter auffallen. Auch wenn man schon nach mir suchen sollte. Das Problem ist nur: Ich habe Hunger. Durst habe ich auch. Aber kein Geld, um mir etwas zu besorgen. Was mache ich nur? Wenn mir vor lauter Hunger die Beine zittern, wie soll ich dann Herberts Tod aufklären?
Strandaufgänge sind in solch einem Fall immer das Beste. Taschen werden zum Strand oder zurück geschleppt, oft abgesetzt, um zu verschnaufen oder einem Kind die Nase zu putzen, da muss man nur schnell und entschlossen sein. Sich einen Leckerbissen schnappen und dann nichts wie weg. Niemand wird gern zum Dieb, aber was soll ich machen? Normalerweise hätte ich mich bei Moni eingefunden, aber auf die kann ich mich ja nicht mehr verlassen.
Der kleine Junge hat eine große Packung mit Zwiebäcken in sein Plastikauto geladen. Er hat genug damit zu tun, es durch den tiefen Sand zu ziehen. Dass seine Zwiebäcke verschwunden sind, als er mit seinen Eltern und seiner großen Schwester endlich an der Wasserkante ankommt, wird sich keiner von denen erklären können. Das ist super gelaufen. Wer will schon gern als Dieb erkannt oder gar verfolgt werden? Es wäre mir ganz schön peinlich gewesen, wenn man mit Fingern auf mich gezeigt und gerufen hätte: »Haltet den Dieb!«
Als ich sämtliche Zwiebäcke verputzt habe, geht es mir schon wesentlich besser. Ich fühle mich stark genug für meine Aufgabe. Wasser habe ich auch getrunken, es gibt ja einige Zapfstellen in der Nähe des Strandaufgangs, also bin ich jetzt ziemlich gut drauf. Rein körperlich gesehen. Wie es in meinem Herzen und meiner Seele aussieht … na, das kann sich wohl jeder denken. Darum werde ich mich später kümmern, wenn Herberts Mörderin hinter Schloss und Riegel sitzt. Jetzt will ich mich erst mal in der Sonne ausstrecken und darauf warten, dass das Kurkonzert beginnt. Da wird Thea mit den lila Haaren garantiert auftauchen, und dann werden wir mal sehen, wie ich sie überführe. Vielleicht macht sie einen Fehler. Und dann …
Als die Musiker noch ihre Instrumente auspacken und stimmen, kommen schon die ersten Konzertbesucher. Viele bleiben erst mal am Schiffchenteich stehen und betrachten gruselnd das Wasser, wundern sich vielleicht sogar, dass es nicht rot gefärbt ist von Herberts Blut.
Ehrlich gesagt, ich wundere mich auch. Dass jemand so umsichtig war und das Wasser gewechselt hat, habe ich nicht erwartet. Bravo! Es gibt auch auf Juist Menschen, die mitdenken. Vermutlich der Besitzer des Spielzeugladens, der die Schiffchen verkauft, die die Kinder hier so gerne schwimmen lassen. Er schreibt immer liebevoll den Namen des Kindes auf das Segel, ehe das Boot über die Ladentheke geht. Der weiß natürlich, dass er kein einziges Schiffchen loswird, wenn das Wasser im Schiffchenteich nicht klar, sondern rot gefärbt ist.
»Es hilft ja nichts«, höre ich jemanden sagen. »Das Leben muss weitergehen.«
Eine Freundin von Thea! Wo die ist, wird auch Thea nicht mehr weit sein.
Da! Ich erkenne sie schon von Weitem. Ihre lila Haare sind ja nicht zu übersehen. Sie kommt in der Begleitung ihrer Freundinnen, das habe ich ja erwartet. Ich setze mich auf den Rasen, wie es viele tun, die nicht nur die Musik hören, sondern währenddessen auch für frische Bräune sorgen wollen, tue gelangweilt, habe aber in Wirklichkeit Thea und ihre Freundinnen fest im Blick.
»Da drinnen ist er gefunden worden«, sagt eine mit viel Pathos in der Stimme. »Schrecklich!«
Thea hat tatsächlich die Stirn, dies zu bestätigen. »Ja, ganz fürchterlich. Obwohl … ein sympathischer Mensch war das nicht. So was gönnt man ja seinem ärgsten Feind nicht.«
Diese Heuchlerin!
»Wo mag er jetzt sein?«, fragt eine andere mit Gänsehaut auf der Stimme, als wollte sie hören, dass mein Herbert im Kühlhaus des Kurhauses gelandet sei. »Auf Juist gibt’s doch keine Pathologie.«
»Er wird dort sein, wo auch die toten Juister hinkommen, die eines natürlichen Todes sterben. Auf der Insel werden die Menschen ja auch mal krank und müssen irgendwann den Löffel abgeben. Trotz des guten Klimas.« Theas Freundin kommt sich sehr schlau vor mit diesem Satz. »Und beerdigt werden sie hier auch.«
Aber Thea weiß es besser. »Ein Mordopfer wird erst beerdigt, wenn der Mord aufgeklärt und der Mörder gefunden ist.«
»Ehrlich?« All ihre Freundinnen sind entgeistert. »Und wenn das Wochen dauert?«
»Er muss nur gut gekühlt werden.«
Ich kann mir das nicht anhören. Die Vorstellung, dass mein Herbert irgendwo gekühlt wird wie ein Brathähnchen, das spätestens in drei Tagen verzehrt werden muss, macht mir schwer zu schaffen. Herbert war immer so stark, so klug, hat mich beschützt, stand immer an meiner Seite und war stets loyal. Das hat man ja gesehen, als die lilafarbene Thea mich beim Kurkonzert beleidigt hat.
Während am Schiffchenteich darüber gerätselt wird, wer Herbert auf dem Gewissen haben könnte, und Thea so tut, als könne sie es sich nicht erklären, wird mir übel. Gut, dass ich noch nichts Vernünftiges gegessen habe, sonst hätte ich womöglich dem Dirigenten des Kurorchesters vor die Füße gekotzt, der gerade die Bühne betritt.
Zum Glück werde ich jedoch abgelenkt. Wen sehe ich da auf den Schiffchenteich zukommen? Die alte Frau Sönksen! Was für eine Freude! Obwohl sie ja gewissermaßen schuld an Herberts Tod ist. Nein, sie ist nicht schuldig, höchstens mitschuldig. Wenn sie nicht dieses wahnsinnig leckere Schwarz-Weiß-Gebäck produzierte, dann wäre das alles nicht passiert, das muss mal ganz klar gesagt werden.
Ich hätte Thea daran hindern können, meinen Herbert in den Schiffchenteich zu stoßen. Okay, okay, ich habe noch immer keine Beweise, aber Theas Verhalten zeigt doch, dass sie schuldig ist. Wie harmlos sie tut! Wie mitfühlend sie sich gibt! Dahinter erkennt man doch gleich ihr schlechtes Gewissen.
»Walli!«
Nun hat Frau Sönksen mich auch gesehen. Mich hält jetzt nichts mehr. Aufgeregt laufe ich zu ihr, um sie zu begrüßen. Meine liebe Frau Sönksen! Herbert mochte sie genauso gern wie ich. Er ließ mich immer allein zu ihr laufen, der Weg war ja nicht weit, und er vertraute mir. So wie gestern Abend. Wie oft hat er gesagt: »Meinetwegen mach einen Besuch bei Frau Sönksen …« Gestern Abend allerdings nicht. Da habe ich den Entschluss gefasst, ohne auf Herberts Aufforderung zu warten. Wäre er doch nur mit mir in den »Friesenhof« gegangen! Dann hätte mich der Hunger nicht zu Frau Sönksen getrieben.
Ich setze an zu einem großen Sprung, will Frau Sönksen auf den Schoß hüpfen, aber mit einem Mal werde ich zurückgerissen, jemand hält mich, etwas hält mich, irgendwas …
»Vorsicht! Die Leine!«, höre ich jemanden schreien.
In diesem Moment komme ich keinen Schritt weiter. Straff gespannt ist sie, meine Leine, irgendwo fest verhakt. Sie zerrt an mir, zieht mich zurück … da höre ich einen weiteren Schrei. Dann einen riesigen Platsch, das Wasser spritzt bis auf meinen Rücken. Und schließlich dieses ausgesprochen hässliche Geräusch, wenn ein Knochen knirscht und zerbirst.