Kitabı oku: «Erlös mich, wenn du kannst», sayfa 2
Nur ein Gedanke kommt mir noch. Was würde Amara dazu sagen, dass wir jetzt hier wohnen? Ich habe über drei Jahre nur wenig mit ihr gesprochen und wenn, dann auch nur telefonisch. Also sollte ich sie anrufen, denn sie ist eine sehr gute Freundin für mich geworden. Warum der Kontakt fast abgebrochen ist, weiß ich nicht so recht. Anscheinend lag es daran, dass ich mein Leben mit Manuel gefunden habe sowie keine Visionen mehr hatte. Aber wie ich erfahren sollte, hat sie stets über mich Bescheid gewusst und meine Wege unsichtbar verfolgt. Ich brauchte mir also deswegen keine Vorwürfe zu machen.
Jetzt schiebe ich all diese Gedanken erst einmal beiseite, schwenke meine Beine endlich aus dem Bett und stehe auf. Nur mit dem Morgenmantel bekleidet gehe ich in die Küche hinunter und bleibe erstaunt in der Tür stehen. Der Tisch ist schon gedeckt und es liegt der Duft von frischem Kaffee in der Luft. Aber wo ist Manuel? Ich schaue ins Wohnzimmer und da kommt er gerade zur Terrassentür herein. Mit einem bunten Strauß von Wiesenblumen schwebt er an mir vorbei. Lächelnd sehe ich ihm nach und weiß, dass nur diese Blumen unseren Garten hinterm Haus schmücken, etwas anderes hat momentan noch keine Chance zu blühen. Aber so schlecht sind sie gar nicht, ganz im Gegenteil, so ein wilder Garten hat auch was für sich. Kurz darauf stellt er sie, in einer passenden Vase, auf den Frühstückstisch und es ist wirklich ein schöner Anblick. Ich setze mich aber noch nicht, sondern suche nach meinem Handy. Ich finde es auf dem Couchtisch und wähle sofort die Nummer von Amara.
„Hallo, Stella, alles in Ordnung?“, fragt sie so schnell, dass einen schwindelig werden kann.
„Hallo, Amara. Es ist alles Okay. Ich wollte dir nur sagen, dass wir jetzt in unserem neuen Haus wohnen“, sage ich und lächele Manuel verlegen an, der neben mir steht und aufmunternd nickt.
„Das weiß ich doch schon längst, meine Süße. Ich wünsche euch alles Gute im neuen Heim“, höre ich Amara am anderen Ende kichern.
„Ja, wie soll es anders sein“, kommt nur kurz von mir. Den Anruf hätte ich mir echt sparen können.
„Hast du etwas geträumt in der ersten Nacht?“, fragt Amara überraschend und mein Lächeln verschwindet für einen Moment.
„Nein“, piepse ich, denn ich weiß, dass das in ihren Augen garantiert etwas zu sagen hat.
„Gut so. Es beginnt ein vollkommen neuer Abschnitt für dich oder besser gesagt für euch. Dein Unterbewusstsein wird selbst noch nicht wissen, wie es weiter geht“, erklärt sie mir einfühlsam.
„Und das ist gut?“, frage ich zögerlich.
„Frage, ob ich mit dem Puzzlestück recht habe“, flüstert Manuel mir ins Ohr.
„Ja, er hat recht“, antwortet sie, bevor ich sie stellen kann. „Das Puzzle ist fast fertig. Es gibt nur noch wenige Teile und die wirst du bald finden. Oder sie finden dich“, lacht Amara.
„Was passiert, wenn es fertig ist?“, will ich wissen und Unbehagen macht sich in meiner Magengegend breit.
„Dann weißt du, warum du die Visionen hattest und wo sie eigentlich hergekommen sind. Alles hat einen Grund, so auch alles, was du schon durchlebt hast. Lass es auf dich zukommen, du wirst es sowieso nicht ändern können. Du kannst jetzt eigentlich nur noch Antworten bekommen und die wünsche ich dir von ganzem Herzen“, sagt Amara und löst in mir eher ein Durcheinander aus, als das sie mich beruhigt und noch weniger meinen nervösen Magen.
„Ich werde die Augen offen halten“, murmele ich in den Hörer.
„Ach Mädchen, mach dich nicht verrückt. Du wirst nichts finden, es findet dich. Lebe einfach und genieße den schönen Sommer in eurem neuen Haus“, erwidert Amara und ich sehe sie vor mir, wie sie den Kopf darüber schüttelt, dass ich mir schon wieder Sorgen mache. Also sollte ich es auch sein lassen und einfach leben, wie sie es sagt.
„Vielen Dank, dass du Zeit für mich hattest. Ich werde deinen Rat befolgen“, lache ich nun auch, denn es hat wirklich keinen Sinn, sich den Kopf zu zermürben.
„Immer gerne. Du hast meine Nummer und ich bin stets für dich da. Ich wünsche euch einen schönen Sonntag. Tschau meine Lieben.“
Die letzten Worte von Amara treffen mich wie ein Schlag. Es ist Sonntag früh morgens und sie hat ohne zu zögern abgenommen. Man sollte an diesem Tag niemanden stören. Aber bei Amara ist es anders und das hat sie mir wieder einmal bewiesen. Menschen, die sie tief in ihr Herz geschlossen hat, für die ist sie immer da, egal wann.
Ich lege das Handy weg, atme tief durch und spüre, dass sich mein Magen wieder beruhigt und ich sogar Hunger habe. So folge ich Manuel in die Küche und nehme an den so hübsch geschmückten Tisch platz. Wie schön wäre es, jetzt auf der Terrasse in der Sonne zu sitzen, aber auch das wird eines Tages möglich sein. Jetzt genießen wir erst einmal in aller Ruhe das Frühstück und dann werde ich mich um mein Arbeitszimmer kümmern, ob es nun Sonntag ist oder nicht.
Kapitel 3
Eine Woche wohnen wir jetzt schon hier und haben uns langsam in dem neuen Heim eingelebt. Manuel hat sich die letzten sieben Tage um den Garten hinter dem Haus gekümmert. Jetzt sieht er ein wenig ordentlicher aus. Der Rasenmäher hat es in zwei Gängen doch geschafft, sich durch das hohe Gras zu kämpfen und dabei ist auch einiges zum Vorschein gekommen. Die Vorbesitzer haben wahrscheinlich Kinder gehabt, denn mein Mann hat Spielsachen gefunden, die auf kleinere Kinder hinweisen. Diese hat er in eine Kiste geräumt, die in den Keller gewandert ist. Ich selbst, hatte noch keine Zeit, es mir anzusehen, denn dieses alte Zeug zu behalten ist nicht in meinem Sinn. Aber ich werde irgendwann die notwendige Zeit dafür aufbringen, es auszusortieren und momentan stört es da unten im Keller niemanden.
Unsere Gartenmöbel, die wir von meinen Eltern zum Einzug geschenkt bekommen haben, stehen mittlerweile auf der Terrasse. Benutzt wurden sie jedoch noch nicht. Jeder hatte sich für die erste Woche Ziele gesetzt und sie auch fast alle erreicht. Dass wir uns dabei kaum gesehen haben, war vorprogrammiert. Wie gesagt hat Manuel im Garten gutzutun gehabt und ich habe die Sachen aus den restlichen Kartons ausgeräumt und an ihren neuen Standorten verteilt. Anschließend habe ich mich in mein Arbeitszimmer zurückgezogen. Da war ebenfalls noch einiges zu erledigen. Am Dienstag hatte ich dann die Zeit mich wieder meinen Schmuckstücken zu widmen, ebenso lief der Verkauf überraschend gut an.
So stehe ich jetzt mit einem Korb, wo mehrere Päckchen drin sind, die zur Post gebracht werden müssen, in der Küche und schreibe noch schnell einen Einkaufszettel. Es ist dringend Zeit, dass ich nicht nur den Kühlschrank auffülle.
Manuel ist heute Morgen sehr früh weg, er hat den ersten Arbeitstag an der Schule. Er wird in den Vorbereitungen für das neue Schuljahr von Anfang an mit einbezogen. Ihm war die Aufregung anzumerken, aber ich bin mir sicher, dass er das alles hervorragend meistern wird.
Ich dagegen habe einige Wege zu erledigen, wie Einwohnermeldeamt, das Auto ummelden und die Päckchen zur Post bringen. Da kam es mir ganz entgegen, dass gestern ein Prospekt von der Stadt in unserem Briefkasten war. Heute ist Markttag und so habe ich die Gelegenheit, mir das anzuschauen und vielleicht auch ein paar Leute kennenzulernen. Irgendwie freue ich mich darauf, einen Zugang zu den hier lebenden Menschen zu finden. Ich kann nur hoffen, dass mir nicht gerade heute Visionen in die Quere kommen, da ich ja schon Jahre keine mehr hatte, warum dann jetzt und hier.
Also packe ich alles zusammen und gehe los. Ich nehme nicht das Auto, denn laut des Infoblattes sollte es nicht zu weit sein. Während ich an den Häusern entlanggehe, sehe ich kaum eine Menschenseele. Sind alle schon auf dem Markt, oder ist es doch eine öde Stadt? Ich hatte mich vor dem Kauf ein wenig über das kleine Städtchen versucht zu erkundigen, habe jedoch kaum etwas erfahren. Wir wussten, dass es hier alles gibt, was man zum Leben braucht, aber ein besonderer Ruf eilt der Stadt keinesfalls voraus. Uns hat das nicht gestört, denn ich arbeite von zu Hause aus und finde die meisten Kunden sowieso über meinen Online-Shop. Manuel hat auf seine Bewerbung sofort die Stelle an der hiesigen Schule zugesprochen bekommen. Zur Zeit hat also jeder zu tun und wir brauchen momentan nicht viel mehr zum Leben. Wenn wir doch einmal ins Kino wollen oder vielleicht zum Tanzen in eine Disco, da können wir auch ein paar Kilometer mit dem Auto fahren.
Nach fast einer halben Stunde, also doch etwas weiter, als ich gedacht habe, komme ich auf dem Markt an. Ich laufe an den Ständen vorbei, wo frisches Gemüse, Pflanzen von einem Gärtner, Backwaren und Fleischerzeugnisse angeboten werden. Dazwischen stehen noch drei Wagen die Speisen zum Mitnehmen anbieten, aber es fehlen die Leute. Es ist kaum jemand hier und so ziehe ich fast alle Blicke der Verkäufer auf mich. Ich bin die Neue, die Fremde und sie beobachten mich mit neugierigen Augen. Sie folgen mir, bis ich die Gelegenheit bekomme, im Rathaus verschwinden zu können. So unwohl habe ich mich lange nicht mehr gefühlt. Ich bin nicht einmal dazu gekommen, etwas auf dem Markt zu kaufen und die rechte Lust darauf ist mir sehr schnell vergangen. Ich werde jetzt die Formalitäten erledigen, zum Glück ist das alles hier im Gebäude und dann auf dem kürzesten Weg wieder nach Hause gehen. Einkaufen werde ich heute Nachmittag. Am Stadtrand ist ein Discounter, wo ich bestimmt nicht so auffalle und angestarrt werde. Die wenigen Kilometer nehme ich gern auf mich.
Aus dem Rathaus heraus, biege ich in eine andere Richtung, um nicht noch einmal über den Markt laufen zu müssen. Zwei Nebenstraßen entlang komme ich auch wieder auf die Hauptstraße. Ich staune nicht schlecht, denn mein Weg führt mich an mehreren kleinen Läden vorbei. Schreibwaren, Buchhandel, Spielzeugladen sowie eine Bäckerei und eine Fleischerei. Hier fühle ich mich eindeutig wohler und am liebsten würde ich jetzt in den Buchladen gehen. In den Büchern stöbern und vielleicht etwas finden, wo man sich hinein vertiefen kann, aber ich habe leider wenig Zeit. Zu Hause wartet meine Arbeit darauf, erledigt zu werden. Nach dem Kauf des Hauses und dem Umzug brauchen wir jetzt jeden Cent.
So gehe ich schweren Herzens weiter und hole als erstes ein frisch gebackenes Brot und im nächsten Moment stehe ich in der Fleischerei. Der Geruch von leckerer Wurst steigt mir in die Nase und das Wasser läuft mir förmlich im Mund zusammen. Die Verkäuferin ist sehr freundlich und bedient mich ohne eines neugierigen Blickes. Das sie anscheinend in ihren eigenen Gedanken gefangen ist, fällt mir nicht auf.
Ich kaufe nicht so viel, eigentlich nur einzelne Proben, da wir erst einmal sehen müssen, ob es uns schmeckt. Man kann ja nicht nur nach dem Geruch gehen, obwohl der wirklich lecker ist. Ich lege das Geld in die kleine Schale, die auf der Theke steht und dann nehme ich die Tüte, die die Verkäuferin mir herüber reicht. Dabei berühren sich eher flüchtig unsere Hände und sofort durchfährt mich ein Schlag. Wie vom Blitz getroffen taumele ich nach hinten und stechende Schmerzen explodieren regelrecht in meinem Kopf.
Eine Vision! Jetzt und hier? Ich hatte schon ewig keine mehr und dachte, ich könnte hier endlich ruhiger leben. Mit den Gedanken stolpere ich an den Stehtisch, der in der Ecke des Ladens steht und kann mich gerade noch festhalten. In der Sekunde kommen die Blitze, die ich nur zu gut kenne und kurz darauf sehe ich die Bilder. Ich höre die Frauen hinter mir tuscheln, aber ich schließe die Augen und widme mich allein den Bildern, um vielleicht helfen zu können, obwohl ich hier noch fremd bin.
Ich sehe zwei Männer, die mit einer Kuh kämpfen. Sie versuchen, diese auf einen Anhänger zu ziehen, jedoch stemmt sich das Tier so sehr dagegen, dass sie kaum etwas ausrichten können. Dann geht der eine nach hinten und legt seine Hände auf das Hinterteil der Kuh und versucht sie mit aller Kraft auf den Wagen zu schieben. Aber auch das klappt nicht. Gerade als er zur Seite treten will, holt das Tier aus und tritt mit den Hinterbeinen dem Mann voll gegen den Oberkörper. Dieser fliegt nach hinten und bleibt regungslos an der Mauer des Stalles liegen. Der andere lässt erschrocken die Kuh los, die natürlich ihre Chance nutzt und schnellstens auf die Weide zu den weiteren Tieren zurückläuft. Er unternimmt nichts dagegen, sondern rennt zu dem verletzten Mann und beugt sich zu seinem Kollegen hinunter. Er rüttelt ihn, aber es kommt kein Lebenszeichen mehr von ihm. Ich sehe, wie das Blut aus einem Mundwinkel läuft und ich bin mir sofort sicher, dass er tot ist.
In diesem Moment spüre ich eine Hand auf meiner Schulter und öffne erschrocken wieder die Augen.
„Junge Frau, alles in Ordnung?“, fragt mich die Verkäuferin und stellt mir gleichzeitig ein Glas Wasser auf den Tisch.
„Ja, Danke. Es geht schon wieder“, antworte ich leise, denn die Kopfschmerzen sind noch nicht ganz verschwunden.
„Trinken Sie einen Schluck Wasser. Das tut Ihnen bestimmt gut“, redet sie höflich weiter.
„Danke“, nicke ich ihr zu und sie geht wieder hinter ihre Theke, um ihrer Arbeit nachzugehen.
Das kühle Wasser läuft durch meine Kehle und überraschend schnell verschwinden die letzten Schmerzen.
Jetzt kann ich wieder klar denken und überlege, wie ich das dieser Frau sagen soll. Es ist bestimmt ihr Mann, denn die Berührung unserer Hände hat diese Vision ausgelöst. Normalerweise kommen sie stets ohne Kontakt zu den Betroffenen. Ich habe sie weder gesehen noch gekannt. Das hier ist also etwas ganz anderes, was mich mehr als nervös macht.
Was wird sie wohl sagen, wenn ich ihr jetzt damit komme, dass ihr Mann einen Unfall haben wird? Sie kennen mich nicht und der richtige Zeitpunkt, mich gerade mit einer Vorhersehung vorzustellen, ist es wohl auch nicht. Ich grübele, wie ich am besten vorgehen sollte, denn viel Zeit werden wir aus meiner Erfahrung her nicht mehr haben.
In diesem Moment kommt eine andere Frau in den Laden und begrüßt die Verkäuferin sehr vertraulich. Ich nehme einen weiteren Schluck Wasser und lausche gezwungener Maßen dem Gespräch, denn jetzt kann ich mich erst recht nicht an die Frau des Fleischers wenden.
„Hallo meine Liebe. Ich habe dein Päckchen schon fertig gemacht“, sagt diese hinter der Theke und reicht eine volle Tüte zu der anderen hinüber.
„Danke dir“, lächelt die Kundin und redet weiter: „Und, wie geht es dir heute? Ich habe wie versprochen die verwelkten Blumen von dem Grab deines Mannes heruntergenommen und einen bunt gemischten Strauß aus meinem Garten in die Vase gestellt. Du musst also nicht gleich loslaufen. Es hat bis zum Wochenende Zeit.“
„Das ist aber lieb von dir. Ich habe sowieso keine Zeit. Heute kommen noch Schweinehälften und so muss ich auch noch im Schlachthaus mit helfen“, antwortet die Frau mit einem Schulterzucken.
„Katrin, da wirst du dir wohl doch noch jemanden holen müssen. Ihr zwei könnt das doch nicht alleine schaffen. Und er hat doch auch Familie und kann nicht rund um die Uhr hier bei dir sein“, sagt die Frau vor der Theke.
„Es sind doch gerade zwei Monate. Ich brauche noch etwas Zeit, um einen genauen Überblick zu bekommen, was ich mir noch zusätzlich leisten kann oder auch nicht. Ich will ja schließlich den Laden nicht verlieren. Frank hat das alles aufgebaut“, schluchzt die Frau und ich wende nun den Blick zu ihnen hinüber.
Beide flüstern noch etwas, was ich jedoch nicht verstehe. Dann drückt die Katrin ruckartig den Rücken durch, atmet einmal tief ein und ist nur Sekunden später wieder die resolute Verkäuferin. Wie kann man nach dem Tod des eigenen Mannes so einfach weitermachen? Aber sie wird nicht umhinkönnen und schon ziemlich stark sein. Die Frauen nicken sich noch einmal zu und dann verlässt die Kundin wieder das Geschäft.
Ich schaue ihr durch das Fenster hinterher und die Fragen schleichen sich in meinem Kopf und breiten sich rasend schnell aus.
Ihr Mann ist schon tot. Seit zwei Monaten! Wieso habe ich dann diese Vision erlebt? Ich brauche und kann doch nicht mehr helfen. Was soll das? Welche Aufgabe wird mir jetzt gestellt? Oder gibt es für mich nichts mehr zu tun und es waren nur die übergroßen Gefühle der Frau, die mir diese Vision geschickt haben. Ihr Schmerz und die Trauer sind wahrscheinlich so stark und trotzdem steht sie hier im Geschäft und zusätzlich noch im Schlachthaus. Irgendwie ist es klar, dass sich das über kurz oder lang entlädt. Aber warum gerade bei mir? Weil ich wohl die Einzige bin, die dafür empfänglich ist. Ich bin froh, nicht auf sie zugegangen zu sein, um helfen zu wollen. Da hätte ich mich ja komplett zum Affen gemacht und schneller einen Ruf hier in der Stadt, als mir lieb gewesen wäre.
Da ich momentan keine Antworten auf die vielen Fragen in meinem Kopf finde, trinke ich das Glas Wasser aus und stelle es auf die Theke. Ich bedanke mich noch einmal höflich und verlasse den Laden. Vor der Tür atme ich mit einem tiefen Zug die frische Sommerluft ein. Nach ein paar weiteren Zügen fühle ich mich wieder richtig gut. Mein Kopf ist klar und die Gedanken sind weg. Ich möchte unbedingt das Erlebte vergessen und mache mich schnellstens auf den Heimweg.
Kapitel 4
Ich bin aus der Stadtmitte heraus und meine Schritte werden langsamer. Ich schnaufe durch, denn die Schrittgeschwindigkeit, die ich an den Tag gelegt habe, ist nicht typisch für mich. Jetzt fallen mir die schönen Vorgärten der Eigenheime auf, die an der Straße entlang gebaut wurden. Sie sind nicht die neusten und wahrscheinlich genauso alt, wie das was wir gekauft haben, aber sie sind alle hübsch und ordentlich. Ich schaue an den Häusern entlang und am Ende dieser Straße steht unseres, es ist das Letzte in der Siedlung. Ich hoffe, dass es bei uns in einiger Zeit ebenso so schön aussehen wird. Ich nehme den Anblick der vielen Blumen und Sträucher und deren Anordnung in mich auf. Ich werde noch langsamer und bleibe letztendlich stehen, denn eine Pflanze, die ich noch nie gesehen habe, hat mein Interesse geweckt. Sie leuchtet in einem tiefen Lila. Die Blüte ist groß und voll und sie wird von fleißigen Bienen umschwirrt. Fasziniert von der Schönheit bemerke ich nicht, wie sich mir jemand nähert.
„Sie ist wunderschön, nicht wahr“, spricht plötzlich eine Frau neben mir und ich fahre erschrocken zusammen. Schnell ziehe ich meine Hand zurück, die gerade eine der Blüten berühren wollte.
„Ja, so eine Blume habe ich noch nie gesehen“, finde ich meine Stimme wieder und lächele die Frau an.
„Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sie heißt. Wir haben sie vor einigen Jahren aus dem Urlaub mitgebracht. Sie stammt aus Spanien“, antwortet mir die Frau mit einem etwas erzwungenen Lächeln. Warum wusste ich in diesem Moment noch nicht, aber es scheint eine schmerzende Erinnerung zu sein.
„Na ja, unser Garten wird wohl auch bald so aussehen“, sage ich und will mich zum Gehen wenden.
„Ach, Sie sind die Neuen in unserer Gemeinde. Sie haben da ein schönes Häuschen gekauft“, kommt von ihr und ich bemerke einen komisch klingenden Unterton.
„Ja. Wir wohnen seit ein paar Tagen hier“, murmele ich und beobachte die Frau sehr intensiv, denn mir wird gleichzeitig etwas mulmig.
„Dann auf eine gute Nachbarschaft. Ich bin Frau Büttner“, sagt sie und reicht mir die Hand.
„Hallo, ich bin Frau Schmieder“, antworte ich, zögere aber, ihre Hand zu nehmen.
Das tut sie stattdessen und ich breche fast gleichzeitig zusammen.
Schon wieder machen sich die stechenden Schmerzen in meinem Kopf breit und ich suche nur noch nach einer Sitzgelegenheit. Zum Glück ist ein paar Schritte weiter eine Bushaltestelle und da steht auch eine Bank. Blitzschnell lasse ich mich auf ihr nieder und massiere meine pochenden Schläfen. Das nützt jedoch wenig und schon kommen die Bilder. Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen.
Gleichzeitig bemerke ich etwas verschwommen, wie sich Frau Büttner besorgt vor mich kniet und nach meinen Händen greift. Dadurch werden die Schmerzen noch intensiver und automatisch schließen sich meine Augen. Ich vermag es nicht zu verhindern und ihr ebenso nicht die Hände zu entziehen. So bin ich gezwungen, mir die Bilder anzusehen, ob ich will oder nicht.
Ich sehe wieder einen Mann, der auf dem Boden entlang kriecht. Es ist ein Dielenboden und scheint etwas älter zu sein. Er ist von stechendem Qualm umgeben, der komischerweise sogar mir im Hals kratzt. Irgendwo brennt es und er kämpft sich mit letzter Kraft zu einer Klappe und rüttelt daran. Er ist anscheinend auf einem Dachboden und ich kann nur vermuten, dass es die Bodenluke ist, die nach unten ins Haus führt.
So sehr er auch zieht und klopft, sie lässt sich nicht öffnen. Es dauert nicht lange und ihm verlassen die Kräfte und er sackt in sich zusammen. Das letzte Bild zeigt mir, wie er leblos vor der Luke liegen bleibt, die seine Rettung hätte sein können.
Es kratzt in meinem Hals und ich muss husten. Dann öffne ich wieder meine Augen. Auch sie brennen, als hätte ich mich gerade selbst in diesem Qualm aufgehalten. Frau Büttner hält immer noch meine Hände und ich will sie ihr sofort entziehen, aber das ist nun nicht mehr nötig. Ich habe alles gesehen und glaube nicht, dass die Vision noch einmal aufflammt. Ein paar tiefe Atemzüge und das Kratzen im Hals lässt wieder nach. Dass ich jetzt die Visionen sogar körperlich mit durchlebe, ist auch etwas Neues. Was ist hier nur los? Wird es am Ende noch schlimmer? War es ein Fehler hierherzuziehen? Wurde ich in dem Traum über das Haus getäuscht? War es reine Absicht, dass wir in diesen Ort, in dieses Haus ziehen? Aber von wem?
„Frau Schmieder, alles in Ordnung?“, fragt mich die sehr nett scheinende Frau zögerlich, ja fast ängstlich.
„Es geht schon wieder. Ich habe ab und zu mal solche Attacken. Das ist Migräne“, lüge ich sie an, denn von meinen Visionen braucht sie nichts zu wissen. Keiner von hier sollte davon erfahren. Und sie brauchen es auch nicht, denn meine Hilfe brauchen sie offensichtlich nicht mehr.
Frau Büttner setzt sich neben mich und nun sehe ich erst, dass sie vollkommen in schwarz gekleidet ist. Ihr trauriger Blick ist an mir gefesselt. Also kam auch hier, wie ich schon vermutet habe, die Vision zu spät. Warum kann ich das sehen? Was soll ich damit anfangen? Es macht mich wütend nicht helfen zu können, denn das war immer der Sinn dieser Visionen.
„Frau Büttner kommen Sie bitte mal? Wir sollten noch einmal über die Dachschiefer reden“, unterbricht ein Mann meine Gedanken und ich schaue automatisch nach hinten. Das Dach wird gerade neu gedeckt und einer der Handwerker hat Frau Büttner gerufen.
Vor dem Haus liegen mehrere verkohlte Balken und an der Fassade sind Wasserschäden zu erkennen. Ich darf mir jedoch nicht anmerken lassen, dass das, was ich da sehe, mit meiner angeblichen Migräne zusammenhängt.
„Oh, was ist denn da passiert?“, frage ich deshalb anscheinend neugierig, wobei ich schon längst alles weiß, zumindest erahnen kann.
„Der Dachstuhl hat gebrannt“, antwortet mir die Frau leise.
„Um Himmels Willen, aber Hauptsache, das Haus ist nicht unbewohnbar“, flüstere ich und würde mich am liebsten davonschleichen. Einfach der unangenehmen Situation entfliehen. Mich hält jedoch etwas zurück.
„Wenn ich hätte wählen können, hätte ich auf das Haus gern verzichtet. Aber nicht auf meinen Mann“, seufzt Frau Büttner neben mir und nun bin ich es, die nach ihren Händen greift.
„Es tut mir so leid“, schlucke ich die Worte fast hinunter.
„Er wollte nur eine Kleinigkeit reparieren“, kommt noch leiser von ihr.
„Schon in Ordnung. Sie müssen mir nicht...“, beginne ich zu stottern, aber insgeheim steigt meine Neugierde auf das, was sie denkt zu wissen.
„Er hat es nicht mehr bis zur Bodenluke geschafft. Der Rauch war zu stark“, sagt sie und die Bilder flackern wieder vor meinem inneren Auge auf.
Er lag doch an der Luke, aber sie war verschlossen. Ich habe gesehen, wie er vergeblich versucht hat, sie zu öffnen. Das ist merkwürdig, mein Unterbewusstsein sagt mir jedoch, dass ich das für mich behalten sollte. Und wieder wird mir mulmig und ich spüre, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Ich hatte zwei Visionen kurz hintereinander und jedes Mal war meine Hilfe nicht mehr nötig. Gerade das war sonst immer meine Aufgabe. Ich habe mich stets gut und bestätigt gefühlt, wenn ich helfen konnte. Aber jetzt fühle ich mich richtig schlecht, weil ich gesehen habe wie die Männer sterben und gleichzeitig platzt fast mein Kopf von den vielen Fragen, die sich darin breitmachen.
„Sie sollten zu dem Handwerker gehen. Der wollte doch mit Ihnen reden. Und ich muss auch nach Hause“, sage ich und stehe auf. Ich helfe ihr noch hoch und schon huscht sie durch das kleine Gartentürchen auf ihr Grundstück. Erst als sie im Haus verschwunden ist, mache ich mich auch auf den Weg.
Die letzten hundert Meter gehe ich mit gesenktem Kopf und meine Schritte werden wieder immer schneller. Mein Innerstes will einfach nicht mehr, dass ich noch jemanden begegne und ich werde auch niemanden dazu die Gelegenheit bieten.
Ein paar Minuten später schließe ich hastig die Haustür von innen und es kommt mir vor, als würde eine schwere Last von meinen Schultern fallen. Ich fühle mich hier sicher und vielleicht auch schon mehr zu Hause, wie es eigentlich sein sollte. Aber von der ersten Sekunde an fühlte es sich richtig und heimisch an und damit haben auch die Möbel zu tun, die ich alle unbedingt behalten wollte. Warum weiß ich ebenfalls bis heute nicht.
Aber was ist mit der Stadt und den Leuten? Werde ich noch mehr von diesen Visionen haben, wenn ich jemanden begegne? Kann ich ihnen irgendwie aus dem Weg gehen? Aber wie sollte ich das anstellen? Es gibt allerlei Besorgungen und die erledigen sich nicht von selbst.
Voll in den Gedanken gefangen lege ich das Päckchen vom Fleischer in den Kühlschrank und gehe in das Wohnzimmer. Augenblicklich werden meine Beine schwer und zwingen mich zum Hinzulegen. Kaum liege ich auf der Couch, fallen mir die Augen zu. Das Erlebte hat mich doch mehr mitgenommen, als ich mir vorgestellt habe, obwohl es eigentlich sonst erst hinterher richtig losgegangen ist. Ich musste immer alles organisieren und den Leuten Bescheid geben, damit den Menschen, meistens waren es Kinder, geholfen werden konnte. Jetzt ist aber alles schon vorbei und ich bin so geschafft und innerlich kaputt, was ich so noch nicht erlebt habe.
Ich lasse mir die Vorfälle zum wiederholten mal durch den Kopf gehen und suche nach irgendwelchen Lösungen. Ich komme jedoch nicht weit und alles verschwimmt, bis es nur noch schwarz ist.
„Schatz ich bin da“, höre ich Manuel und er reißt mich aus einem Zustand, den ich nicht als Schlaf zu benennen vermag.
Ich bleibe liegen, weil mein Körper sich wie Blei anfühlt und die Augenlider sind ebenso schwer, dass ich sie nicht auf bekomme. Also warte ich einfach, denn er wird schon zu mir kommen und so ist es auch.
„Alles Okay bei dir?“, fragt er mich. Ich schlage die Augen widerwillig auf und sehe ich ihn verschlafen an.
Er sitzt mir mit einem breiten Grinsen gegenüber, was ich schon lange nicht mehr bei ihm gesehen habe.
Ich setze mich auf und lächele ihn etwas gezwungen an, was er aber gar nicht wahrnimmt.
„Du kannst dir das nicht vorstellen. Ich bin der einzige Mann an dieser Schule, außer dem Hausmeister natürlich. Glaubst du das?“, spricht er weiter, ohne auf eine Antwort zu warten, auf seiner selbst gestellten Frage.
„Ich sehe es dir an. Du freust dich anscheinend wie ein Teenager darüber“, lache ich ihn nun aufrichtig an, denn ich bin mir sicher, dass das kein Problem für uns werden wird. Aber hier geht es ja auch nicht um ihn, anscheinend ziehe ich die Probleme magisch an.
Denn, was mir dagegen passiert ist, macht mir wirklich Sorgen. So ändert sich mein Gesichtsausdruck wieder und ich lasse mich zurück in die Polster fallen.
Wie soll ich das Manuel erklären, wenn ich es selbst kaum begreifen kann? Ich habe gehofft, dass sich hier alles ändert, jedoch das Gegenteil ist eingetreten. Manuel hatte wohl recht. Ist das etwa ein Puzzleteil? Aber wie passt das in mein Leben?
„Stella, was ist passiert?“ Manuel sieht plötzlich ernst aus und greift nach meiner Hand.
Ich weiß, dass ich mich gerade an diesen Händen festhalten kann, denn sie waren schon immer für mich da. Aber Manuel ist gerade so gut drauf. Kann ich ihn jetzt die gute Laune damit verderben? Während ich mir diese Frage stelle, klingelt es an der Tür und so komme ich gar nicht dazu, ihm irgendetwas zu erklären.
Er springt auf und läuft aus dem Wohnzimmer. Im Hintergrund höre ich, wie sich Manuel mit einer Frau unterhält, aber leider verstehe ich von hier aus kein einziges Wort. Kurz darauf schließt sich die Haustür wieder.
„Wer war das?“, will ich wissen und quäle mich von der Couch hoch. Wie benommen gehe ich in die Küche und sehe, wie Manuel gerade einen Kuchen auf die Arbeitsplatte stellt.
„Das war die Nachbarin. Sie begrüßt uns hier in der Gemeinde mit einem Kuchen. Ist doch nett, oder?“, wendet sich Manuel mir zu.
„Ja, sehr nett“, antworte ich und bin mir im selben Moment nicht ganz sicher. Die Erfahrungen mit den hier lebenden Leuten stecken mir wortwörtlich noch in den Knochen.
Aber der Kuchen sieht wirklich köstlich aus und so mache ich Kaffee. Nach ein paar Minuten ist er fertig und ich stelle Tassen und Teller auf das Tablett. Das Wetter ist so schön, da muss man draußen auf der Terrasse sitzen.
Ich hole ein Messer, um den Kuchen anzuschneiden. Aber als ich den Teller berühre, fällt es mir aus der Hand. Augenblicklich durchfährt ein fast nicht auszuhaltender Schmerz meinen Kopf. Meine Hände greifen nach Manuel und er kann mich gerade noch festhalten, sonst wäre ich gestürzt. Er bringt mich mit aller Kraft in das Wohnzimmer. Dort drückt er mich in einen Sessel. Reagieren ist nicht mehr möglich, ich schließe nur noch die Augen und dann sehe ich auch schon wieder die Bilder.
