Kitabı oku: «Erlös mich, wenn du kannst», sayfa 3
Ich bin mitten in einem Wald und vor mir stehen zwei Waldarbeiter. Sie haben die typischen grünen Arbeitssachen an und tragen orange Helme. Der eine hat eine Motorsäge in den Händen und sägt gerade eine große Fichte an, wo er als nächstes wahrscheinlich einen Keil hineinschlägt. Der andere wartet wahrscheinlich darauf, dass der Baum fällt, damit er danach mit seiner Säge die Äste entfernen kann. Im Augenwinkel sehe ich, wie er sich hinkniet und eine Flüssigkeit in das Gerät füllt. Ich kenne es von meinem Vater, er hat auch so eine Motorsäge. So muss es Öl oder Benzin sein. Aber die Bilder führen mich zurück zu den anderen Arbeiter. Dort ist indessen der Keil schon fast komplett in dem Baumstamm geschlagen. Sogar ich weiß, in welche Richtung der Baum fallen sollte. Aber so ist es nicht. Aus einem nicht ersichtlichen Grund beugt sich der gewaltige Stamm zur falschen Seite. Dann fällt er über den Schwerpunkt, was eigentlich gar nicht passieren dürfte, in die Richtung des immer noch knienden Arbeiters. Mir bleibt ein Schrei im Halse stecken, genauso wie dem Mann mit der laufenden Säge in der Hand und schon saust der Baum zu Boden. Dann wird es still. Das Gerät verstummt und sogar die Vögel hören auf zu singen. Absolute Stille erfüllt den gesamten Wald und langsam nähere ich mich den unter dem Baum liegenden Mann. Zwischen den Zweigen hindurch sehe ich ihn liegen. Den Helm hat er nicht mehr auf, der ist durch den Aufprall meterweit davongeflogen. Seine Augen sind weit geöffnet und aus Mund und Ohren läuft Blut. Ehe der andere Arbeiter bei ihm ist, wird mir wieder klar, dass auch er tot ist. Ich wende meinen Blick von ihm ab und bin gleichzeitig zurück in der Gegenwart.
Manuel sitzt vor mir auf dem Fußboden und hält meine Hände. Ihm steht das Entsetzten ins Gesicht geschrieben. Seine Augen beobachten jede Bewegung, die ich mache, aufmerksam und er ist wie auf dem Sprung. Wenn ich jetzt in Ohnmacht fallen würde, wäre er sofort da und würde mich auffangen.
Ich versuche, ruhig und gleichmäßig zu atmen und gleichzeitig lasse ich die Infos noch einmal durch meinen Kopf laufen. Wieder kommt die Hilfe, die ich anbieten könnte, zu spät. Das ist nun der dritte Mann, dem ich beim Sterben zusehen musste. Warum kommen diese Visionen? Was soll das verdammt noch mal, wenn ich sowieso nicht helfen kann? Das war doch immer so. Diese Gabe kommt mir plötzlich sinnlos und als eine unbeschreibliche Last vor.
„Stella“, höre ich Manuel ganz leise neben mir sagen.
„Das war die dritte Vision heute“, flüstere ich mit kratziger Stimme, denn mein Mund ist staubtrocken. Ich stehe auf und gehe mit immer noch zitternden Beinen in die Küche, um mir ein Glas Wasser zu holen. Den Kaffee habe ich total vergessen, aber als ich den Kuchen sehe, schnürt es mir schon wieder die Kehle zu. Noch eine Vision von der Art erträgt mein Körper nicht mehr. Der Kopf fühlt sich wie in einem Schraubstock an und ich muss mich anstrengen, überhaupt einen klaren Gedanken fassen zu können.
„Was hast du gesehen? Wo müssen wir hin?“, fragt Manuel aufgeregt. Er ist schon fast an der Tür und wartet nur noch auf mich. Er denkt natürlich, dass jetzt jemand schnellstens meine Hilfe braucht, wie es auch normalerweise wäre.
„Wir müssen nirgendwohin“, erwidere ich gequält und gehe mit dem Glas Wasser hinaus auf die Terrasse. Manuel folgt mir und setzt sich mit einem unverständlichen Blick zu mir.
„Ich hatte heute schon zwei andere Visionen“, wiederhole ich mich, aber Manuel hört einfach nur zu. „Bei allen waren die Männer, um die es ging, schon tot“, lege ich nach und er sieht ungläubig zu mir herüber.
„Das ist aber neu. Ich denke du sollst helfen“, murmelt Manuel fast zu sich selbst, aber ich habe jedes Wort verstanden.
„Das dachte ich auch. Aber ab heute ist das wohl anders. Warum kann ich dir nicht sagen. Ich verstehe es selbst nicht“, gebe ich von mir und schüttele meinen Kopf, der immer noch schmerzt.
„Welche Männer waren es denn? Sind sie hier aus der Stadt?“, will Manuel wissen.
„Ja, sie sind alle von hier. Der erste war der Fleischermeister und dann ein anderer Nachbar. Zwei Häuser von uns entfernt“, antworte ich mit einer Hand an der Schläfe und die andere hält das Glas, an dem ich immer wieder kurz nippe.
„Aber wie ist es denn dazu gekommen?“, hakt Manuel nun ungläubig nach.
„Ich habe die Frauen berührt. Die Fleischerin, als sie mir die Tüte mit der Wurst, die ich eingekauft habe, gegeben hat und die andere Frau hat mir zur Begrüßung einfach nur die Hand gegeben, als wir vor ihrem Garten standen. Der Fleischer ist schon zwei Monate tot. Bei dem zweiten Mann, ich glaub, der hieß Büttner, weiß ich es nicht“, erkläre ich Manuel, der mir mit offen stehendem Mund gegenüber sitzt und gespannt zuhört. „War denn die Nachbarin, die den Kuchen gebracht hat auch schwarz gekleidet?“, frage ich leise und schaue zum Nachbargrundstück hinüber, kann aber niemanden sehen.
„Ja, war sie. Aber da habe ich mir nichts dabei gedacht“, kommt kopfschüttelnd von Manuel.
„Wie denn auch. Woher solltest du denn wissen, was ich heute schon alles erlebt habe“, winke ich ab und überlege dann, wie es weiter gehen soll.
Waren es alle, oder gibt es hier noch mehr Verstorbene? Haben sie etwas miteinander zu tun? Warum sterben so viele noch nicht so alte Männer hintereinander? Kann ich das Haus noch verlassen? Kann ich überhaupt noch jemanden von hier die Hand geben, oder einfach nur berühren? Wie stark ist die Energie, dass ich die dritte Vision nicht durch die Frau direkt, sondern durch einen Gegenstand von ihr bekommen habe?
Langsam beschleicht mich Panik. Mein Körper beginnt zu zittern, ohne das es mir kalt ist. Ich brauche nun selbst Hilfe. Aber an wen soll ich mich wenden? Den Leuten hier kann ich von meinen Visionen doch nicht erzählen. Da stünde ich sofort als Außenseiterin da. Obwohl ich gerne wissen möchte, was das mit den Toten auf sich hat. Und wer könnte mich besser darüber aufklären, als die Frauen selbst.
Ich schließe die Augen und plötzlich erscheint Amaras Bild vor mir. Na klar, warum bin ich nicht gleich darauf gekommen. Sie kann mir bestimmt sagen, was sich hier abspielt.
Vielleicht hat sie es in den Karten schon längst gesehen, wie es mit mir weitergeht und was hinter den Visionen steckt. Mit dieser Hoffnung rufe ich Amara an und werde, bis sie bei uns ist, das Haus auf keinen Fall mehr verlassen.
Kapitel 5
Es hat keine Stunde gedauert und Amara steht vor unserer Tür.
„Danke, dass du so schnell gekommen bist“, sage ich und bitte sie herein.
„Das ist doch selbstverständlich“, antwortet Amara und ihre Augen fliegen sofort durch den Flur. Ich beobachte sie und bemerke, wie sie alles genau unter die Lupe nimmt.
Ich führe sie in das Wohnzimmer, wo sie mitten im Raum stehen bleibt und etwas finster um sich schaut.
„Was ist? Gefällt es dir nicht?“, frage ich nervös, denn ihr Gesichtsausdruck lässt sich nicht deuten.
„Doch es ist gemütlich, aber die Möbel habt nicht ihr ausgesucht“, entgegnet sie und sieht mich intensiv an.
„Nein, die waren alle noch hier. Alles war abgedeckt und so haben wir sie säubern lassen. Mir gefielen sie von Anfang an und so wollte ich sie auch behalten. Ist das nicht gut?“, frage ich mit zitternder Stimme.
„Wie man es nimmt“, kommt von Amara, die vorsichtig über die Lehne des Sessels fährt. „Wenn man denjenigen gekannt hat, dem sie gehört haben, ist das kein Problem. Aber ihr habt sie von einer fremden Person übernommen. Ich weiß nicht, ob ich das gemacht hätte“, lächelt sie mich etwas gezwungen an und nimmt dann doch in dem Sessel platz.
„Wir wissen wirklich nicht, wer hier gewohnt hat. Nur, dass das Haus fast zwanzig Jahre leer stand. Dafür sind die Möbel noch in einen prima Zustand“, bemerke ich und wundere mich nun auch darüber.
„So lange? Warum wollte es denn niemand haben?“, fragt sich Amara selbst und ihr Blick schweift schon wieder prüfend durch den Raum.
„Das haben wir noch nicht herausbekommen. Aber ich habe dich wegen etwas anderen hergebeten“, schlucke ich und überlege, wie ich es ihr am besten sagen soll.
„Es hängt alles zusammen“, platzt Amara heraus und sieht mich ernst an.
„Wie meinst du das?“, will ich wissen und meine Hände fangen an zu zittern. Schnell verstecke ich sie unter den Oberschenkeln, aber Amara hat es längst bemerkt.
„Was ist los? Warum bist du so neben der Spur?“, fragt Amara mich direkt.
„Ich hatte wieder Visionen“, erwidere ich leise.
„Und nun weißt du nicht, wie die Leute auf dich reagieren, wenn du jemanden hilfst, den du gar nicht kennst“, meint Amara nachdenklich.
„Nein, es ist ganz anders“, beginne ich und muss erst einmal tief durchatmen, weil mein Herz anfängt, schneller zu schlagen. „Die Männer sind schon alle tot“, rede ich weiter und Amaras Augen werden immer größer. Sie sitzt mir ziemlich steif und angespannt gegenüber, was ich nicht von ihr kenne. Ihre Gelassenheit fehlt und das macht mich noch unsicherer.
„Erkläre mir alles von vorn“, fordert sie mich auf und ich tue ihr den Gefallen, obwohl ich dadurch nochmals jedes Detail gedanklich durchleben muss.
Ich erzähle ihr also, wie ich in der Stadt war. Von der Begegnung mit der Frau aus dem Fleischergeschäft und von der netten Frau Büttner vor ihrem Garten. Zuletzt natürlich auch von dem Kuchen, wo ich diese Nachbarin nicht einmal gesehen habe.
„Und du hast sie nur leicht berührt?“, fragt Amara ernst und mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken.
„Ja, und sofort waren die Visionen da. Bei der Letzten reichte sogar nur der Teller von der Frau, um die Verbindung herzustellen“, erkläre ich ihr nochmals und sehe die Bilder schon wieder vor mir.
„Aber warum waren sie denn schon tot? Das ist doch das ganze Gegenteil von deiner Gabe“, spricht Amara leise weiter und ich bemerke, wie es in ihr arbeitet.
„Das ist ja so komisch. Ich konnte immer denjenigen helfen, aber nun stehe ich da und kann mit den Informationen nichts anfangen. Warum soll ich denn wissen, wie die Männer umgekommen sind?“, schüttele ich verständnislos den Kopf.
„Vielleicht hängt es mit dem Haus zusammen“, flüstert Amara vor sich hin.
„Was soll denn das Haus damit zu tun haben?“, hake ich nach, denn ich kann keinen Zusammenhang erkennen.
„Stella, ich habe die Karten gelegt, um zu sehen, ob ihr in diesem Haus glücklich werden könnt“, fängt sie an und stützt ihren Kopf in ihre Hände. Sie sieht etwas verwirrt aus, spricht aber weiter. „Ich bin allerdings nicht weit gekommen. Ich habe gesehen, dass die erste Zeit sehr schwer für euch werden wird. Sie haben mir gezeigt, dass ihr kämpfen müsst, um hier dazuzugehören“, erklärt mir Amara vorsichtig und ich verstehe ihre Worte nicht.
„Konntest du gar nichts sehen?“, will ich unbedingt wissen.
„Es sind Dinge, die ich nicht zuordnen kann. Immer wieder kommt mir die Vergangenheit des Hauses in die Quere. Was es aber genau ist, kann ich nicht deuten. Mir scheint es so, als solltet ihr etwas aufarbeiten“, spricht Amara, aber ihre Stimme zeigt mir, dass sie nicht einmal selbst daran glaubt, was sie da sagt.
„Es wäre vielleicht das Beste, wir finden erst einmal heraus, wer hier zuletzt gewohnt hat“, meldet sich Manuel zu Wort.
„Ja, das solltet ihr“, stimmt Amara ihm sofort zu.
„Denkt ihr da gibt es eine Verbindung?“, frage ich ungläubig.
„Das könnte sein. Du weißt bis heute nicht, wer dir das Haus angeboten hat und du behältst die alten Möbel von dieser Person, weil sie dir gefallen. Vielleicht steckt da viel mehr dahinter, als wir jetzt vermuten. Die Visionen können dir auch nur die Vergangenheit zeigen. Du kannst den Männern nicht mehr helfen, weil sie schon tot sind. Außerdem hast du doch keine Beziehungen zu den Frauen, dass schon eine Berührung reicht, um den Grund ihrer Trauer zu sehen. Da muss es noch eine andere Verbindung geben. Die Frauen, die toten Männer, das Haus, was schon ewig leer steht und, und, und...“, Amara wird immer lauter und nervöser, was mir nicht verborgen bleibt.
„Amara, was hast du in den Karten gesehen?“, frage ich sie auf den Kopf hin, weil ich vermute, dass sie mir nicht die ganze Wahrheit sagt.
„Nichts, das ist es eben. Stella, ich konnte nicht tiefer hineingehen. Irgendetwas blockiert mich sobald ich die Karten für euch lege. Es legt sich ein Schleier darüber und den kann ich nicht durchbrechen. Ich kann euch nicht mal sagen, wie das alles weiter geht, nur das ihr am Ende hier sehr glücklich werdet. Mir kommt es so vor, dass ich euch nicht sagen darf, was ihr tun sollt. Ihr müsst es allein herausfinden“, erklärt uns Amara und nun schaut auch Manuel etwas beängstigt in die Runde.
„Puzzlestücke“, platzt Manuel plötzlich wieder heraus.
„Was? Wie meinst du das denn jetzt?“, fahre ich ihn vielleicht zu streng an, denn er weicht ein Stück zurück.
„Wir haben ja schon mal von einem Puzzle geredet“, hilft Amara Manuel. „Alles was du hier erlebst hat einen Sinn. Hier ist etwas, oder jemand, der unbedingt will, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Jeder Schritt hat einen Sinn und führt euch zu eurem Glück“, redet Amara nun wieder leise auf mich ein.
„Jemand?“, piepse ich und fühle mich augenblicklich beobachtet. Gleichzeitig fällt mir ein, wie Amara sich hier umgesehen hat. Weiß sie doch mehr, als sie uns sagen will? Nein, das möchte ich einfach nicht glauben. Sie war immer offen, ehrlich und aufrichtig zu mir.
„Stella, du darfst dich nicht verrückt machen lassen. Du wirst jeden Tag dem Geheimnis etwas näher kommen und ihr werdet es zusammen durchstehen. Ihr müsst nur daran denken, dass ihr hier sehr glücklich werden könnt“, versucht mich Amara zu beruhigen.
„Und wenn wir das nicht schaffen?“, entgegne ich ihr.
„Das kann ich mir nicht vorstellen. Du musst nur offen sein für das, was auf dich zukommt, auch wenn du es nicht glauben willst“, hält Amara dagegen.
„Wie meinst du das denn wieder? Weißt du mehr als du uns sagen willst“, zische ich nun auch Amara an und bereue aber sofort mein Verhalten nicht unter Kontrolle zu haben.
„Bleib ruhig“, sagt Manuel und greift nach meinen Händen.
„Ich kann dir nur sagen, dass alles von diesem Haus ausgeht. Lass es auf dich zukommen. Es wird sich alles zum Guten wenden“, betont Amara noch einmal, aber mir fällt es schwer, mich damit abzufinden.
„Dann ziehen wir eben wieder aus“, bricht es aus mir heraus und in dem Moment schlägt die Terrassentür zu, die ich offengelassen habe. Amara zuckt zusammen und schaut mürrisch in die Richtung der Tür.
„Was ist hier los?“, stottere ich und starre ebenfalls dahin.
„Es wird wohl nichts bringen wieder auszuziehen. Es wird dich immer wieder einholen und so wird es besser sein, du nimmst diese Aufgabe jetzt an“, flüstert Amara, steht auf und hat wohl im Sinn, auf dem schnellsten Weg von hier zu verschwinden.
„Uns will jemand hier festhalten. Kannst du mir nicht helfen?“, schaue ich sie entsetzt und flehend zugleich an, aber sie schüttelt nur mit dem Kopf.
„Nein, ich darf anscheinend nicht und ich könnte es auch nicht. Eins ist aber sicher, du bist nie in Gefahr. Dir wird nichts passieren, du sollst nur etwas in Ordnung bringen. Was es ist, kann ich dir jedoch nicht sagen, ich weiß es wirklich nicht“, kommt von Amara und sie zieht mich in ihre Arme.
„Ich werde dir helfen. Du bist nicht allein, egal wer oder was hier ist“, sagt Manuel im Hintergrund und seiner Hilfe kann ich mir absolut sicher sein. Wird sie jedoch reichen? Darf er mir überhaupt zur Seite stehen? Betrifft es allein mich und er wird auch blockiert. Dann ist er am Ende vielleicht ebenso außer Stande mir zu helfen.
„Du schaffst das. Du musst versuchen dich abzulenken“, murmelt Amara ganz nahe an meinem Ohr und reißt mich so aus den Gedanken, die wieder anfangen zu kreisen.
„Wie soll ich das denn machen?“
„Was ist eigentlich mir deiner neuen Schmuckkollektion?“, fällt Amara im nächsten Moment ein und bewegt sich immer weiter zur Tür. Sie will einfach nur noch weg, was ich jedoch gar nicht mehr so richtig mitbekomme. Dank ihr habe ich plötzlich etwas ganz andres im Sinn. Die Schmuckstücke, die ich schon lange entwerfen und kreieren wollte.
„Dazu bin ich noch gar nicht gekommen“, gebe ich nachdenklich, aber ehrlich zu.
„Na, dann hast du doch etwas zu tun. Mach dich an die Arbeit und lasse die düsteren Gedanken hinter dir“, lächelt Amara aufrichtig.
„Du hast Recht. Ich werde mich in die Arbeit stürzen. Bestellungen gibt es bestimmt auch schon wieder“, schmunzele ich zurück und öffne Amara die Tür, vor der wir schon längst stehen.
Ich winke Amara noch einmal zu und dann sind auf einem Mal die Bedenken wegen des Hauses und was so auf mich zukommen könnte wie weggeblasen und in meinem Kopf gehe ich schon alles durch, was die neue Kollektion betrifft. Das wird sehr viel Arbeit und eigentlich bin ich darüber froh, denn das wird mich wohl wirklich ablenken.
Amara hat mir noch einmal gesagt, dass ich jeder Zeit anrufen kann, auch wenn kaum Möglichkeiten bestehen, mir weiterzuhelfen. Aber ein beruhigendes Telefonat vermag schon Wunder zu bewirken.
Ich schließe die Tür und Manuels Arme schlingen sich um meinen Körper. Ich lasse es zu und falle regelrecht an seine Brust.
„Wir schaffen das schon, egal wer oder was da ist“, flüstert er mir so leise ins Ohr, dass es niemand anders hören kann.
„Hm“, kommt nur von mir, zu mehr bin ich nicht fähig.
Der Gedanke, dass sich irgendetwas hier im Haus befindet, was unser Leben beeinflusst, jagt mir einen Schauer über den Rücken. Ich werde es herausfinden und versuchen, mich dem entgegenzustellen, aber es ist schon angsteinflößend, wenn man nicht weiß, was alles auf einen zukommen könnte.
Kapitel 6
Manuel ist heute sehr früh in die Schule und seit dem sitze ich in meinem Arbeitszimmer. Als Erstes habe ich die Bestellungen abgearbeitet und bemerkt, dass ich fast keine Vorräte mehr habe, um diese zu bedienen. Ich sollte mich nun voll in die Arbeit stürzen, wobei die neue Kollektion jetzt noch etwas warten muss. So vergehen die Stunden wie im Fluge. Erst als sich mein Magen bemerkbar macht, schaue ich auf die Uhr. Es ist schon nach zwölf und so räume ich den Arbeitstisch auf, denn ich habe genug geschafft und kann mich nun doch, nachdem ich etwas gegessen habe, um die Erweiterung meiner Kollektion kümmern. Ich lege die neuen Steine schon einmal auf eine weiße Unterlage und bei dem Anblick vergesse ich darüber den Hunger. Ich bleibe sitzen und meine Hände arbeiten von ganz allein weiter.
Zwei Stunden später, nach absoluter konzentrierter Arbeit, merke ich, wie Unruhe in mir aufsteigt. Ich fühle mich beobachtet und es kommt mir vor, als würde die Luft zum Atmen im Raum immer geringer. Langsam drehe ich mich um und meine Augen suchen das Zimmer ab. Im ersten Moment kann ich nichts entdecken, bis ich im Augenwinkel den Schaukelstuhl schwingen sehe. Mein Blick bleibt an ihm hängen und augenblicklich steht er wieder still. Habe ich mir das eingebildet? Nein! Ich habe es genau gesehen. Ich stehe auf und öffne das Fenster, um frischen Sauerstoff hereinzulassen. Nach ein paar tiefen Zügen will ich hinunter in die Küche gehen. Der Magen schmerzt schon fast, weil ich den Hunger übergangen habe.
Aber so weit kommt es nicht. Meine Beine führen mich automatisch auf den Schaukelstuhl zu. Kurz davor bleiben sie stehen und was ich da sehe, überschreitet mein Verständnis. Über dem Stuhl hängt wie immer ein Schaffell und darauf liegt ein Buch. Nicht irgendein Buch, nein, eine Bibel. Wie kommt die denn hier her? Ich habe noch nie eine besessen. Schnell drehe ich mich im Kreis und überzeuge mich davon, dass ich wirklich allein bin. Allein? Und wer hat dann das Buch auf den Stuhl gelegt? Ich husche zur Tür und schaue die Treppe hinunter.
„Manuel? Bist du da?“, rufe ich, bekomme jedoch keine Antwort.
Ich will hinuntergehen, aber irgendetwas zwingt mich zurück in mein Arbeitszimmer. Wie von jemand Fremden geführt, nehme ich das Buch in die Hand und mir fallen sogleich zwei Klebezettel auf, die an der Seite herausschauen und anscheinend bestimmte Abschnitte des Buches markieren sollen.
Etwas unwillig nehme ich die Bibel und gehe nun endlich nach unten. Sie landet erst einmal auf der Arbeitsplatte in der Küche. Sie nicht aus dem Auge lassend, suche ich im Kühlschrank nach etwas, was meinen Hunger stillen könnte. Ich werde fündig und schiebe eine kleine Lasagne in die Backröhre. Ich stelle die Uhr ein und so lange habe ich jetzt auch Zeit, um in die Bibel hineinzuschauen. Das erste Mal in meinem Leben habe ich solch ein Buch in den Händen.
Ich schlage eine der markierten Seiten auf und sofort fällt mir eine angestrichene Stelle auf. Es ist nicht viel, aber ich muss trotzdem mein Gehirn erst einmal auf die Schreibweise einstellen. Die Bibel ist in alter deutscher Schrift geschrieben, die ich einst von meiner Oma ein wenig gelernt habe. So fällt es mir nicht allzu schwer, die Worte zu entziffern.
Hebräer 1, 14:
Sind sie nicht allesamt dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die das Heil ererben sollen?
Ich schließe die Augen und lasse die Worte auf mich wirken. Sie sind komisch geschrieben und so vermag ich nicht gleich zu erkennen, was damit gemeint ist. Mir ist bewusst, dass Bibel lesen schwer sein kann, aber so? Ich überlege nicht weiter, sondern schlage die zweite markierte Seite auf. Auch da sind wieder ein paar Zeilen angestrichen.
Hebräer 13, 2:
Gastfrei zu sein, vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.
Um Gottes willen, was soll das denn heißen?
Mir fällt das Buch fast aus den Händen und meine Augen durchsuchen, soweit es möglich ist, die Zimmer. Ich kann wieder nichts sehen, aber spüre, dass ich wirklich nicht allein bin.
Was ist hier nur los? Wer könnte denn durch unser Haus schwirren? Will mir jemand nur Angst machen? Nein, das glaube ich nicht. Dann wären bestimmt schon andere Sachen passiert, die uns richtig in Panik versetzt hätten.
Was soll ich jetzt tun? Nach demjenigen rufen? Aber nach wem denn eigentlich? Einem Geist? Oder einem Engel? Gibt es da einen Unterschied? Wer könnte mir das denn erklären? Amara? Sie hat gesagt, dass sie von jemanden blockiert wird und uns somit nicht weiterhelfen kann. Ist das dieser Engel? Sind diese Wesen dazu überhaupt im Stande? Und was vermögen sie dann noch alles anzurichten? Verdammt, wer ist in der Lage mir zu helfen?
Bibel? Kirche? Natürlich, der Pfarrer!
Ich lege das Buch auf den Couchtisch in das Wohnzimmer, schalte den Backofen aus, obwohl die Lasagne noch gar nicht fertig ist, laufe zurück und greife doch wieder nach der Bibel. Mit ihr verlasse ich hastig das Haus in Richtung Kirche. Meinen knurrenden Magen ignoriere ich nun zum zweiten Mal komplett. Ich laufe, so schnell meine Beine es ermöglichen, die Bibel an die Brust gedrückt und den Kopf gesenkt, damit ich ja niemanden in die Augen schauen muss. Wenn mir jemand entgegenkommt, wechsele ich die Straßenseite aus Angst vor irgendwelchen Berührungen und dann vielleicht auch wieder einer Vision.
Kurze Zeit später stehe ich nun vor der großen Tür der Kirche. Ich brauche etwas Kraft, um sie aufdrücken zu können und husche hindurch, wobei sie sich schwerfällig hinter mir wieder schließt. Nach ein paar Minuten, in denen ich mich an das düstere Licht und die Kühle gewöhnt habe, laufen meine Beine langsam und ehrfürchtig auf den Altar zu. Ich bin nicht gläubig und bis heute nur sehr selten in einer Kirche gewesen. Beeindruckt von der Größe dieses Gotteshauses, bemerke ich nicht einmal, dass ich anscheinend nicht allein hier bin.
Ich verbeuge mich vor dem Altar, als hätte ich das schon öfters gemacht und wäre das Normalste der Welt. Dann trete ich ein paar Schritte zurück, will mich auf die erste Bank setzen, um das alles erst einmal auf mich wirken zu lassen. Dabei fällt mein Blick auf eine ältere Dame, die einige Reihen weiter hinten sitzt und mich mit entsetzt aufgerissenen Augen anstarrt. Ich versuche noch sie anzulächeln, aber in diesen Moment steht sie auf und wird leichenblass. Sie hält sich mit ihren alten, vor Angst bebenden Händen an der Lehne der Vorderbank fest und schreit, ohne den Blick von mir zu wenden.
„Sie soll gehen! Sie ist wieder da und wird uns alle ins Verderben stürzen“, kreischt sie los.
Ihre Worte ersticken fast in ihrer Kehle und ich bekomme Angst, dass sie am Ende umfällt.
Plötzlich packt mich der Pfarrer an den Schultern und schiebt mich zur Seite. Ich erschrecke, da ich ihn gar nicht habe kommen sehen. Er bittet mich, platz zu nehmen und die Dame möglichst nicht mehr anzusehen. Dem entspreche ich gern, denn der Frau ist das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben und ich weiß nicht warum. Anscheinend hat es mit mir zu tun, aber was sie gesagt hat, entzieht sich meinem Verständnis. Während der Pfarrer die Frau beruhigt und aus der Kirche hinausführt, schallen ihre Worte immer noch in meinem Kopf. Sie ist wieder da! Was denkt denn die Frau, wer ich bin? Ich bin doch das erste Mal hier und es ist absolut nicht möglich, dass sie mich kennt.
Keine zwei Minuten später steht der Pfarrer wieder neben mir und sieht mich ernst an. Es ist ein erstaunlich junger Mann und ich könnte mir vorstellen, dass er noch nicht lange hier in der Kirche tätig ist. Ich sitze einfach da, den Schrecken des Gehörten noch in den Knochen und halte die Bibel verkrampft an meine Brust gepresst. Dazu schaue ich etwas ängstlich zu ihm auf.
„Wer sind Sie denn?“, fragt er jetzt ruhig und nimmt neben mir platz. Seine Gesichtszüge werden weicher, wohl weil er merkt, dass mich ebenso die Angst gepackt hat.
„Ich wohne seit einer Woche hier im Ort“, presse ich durch meine zusammengekniffenen Lippen und ich bin mir nicht sicher, ob sie zu verstehen sind. Zeitgleich streift mein Blick seine Augen, die auf einmal Wärme versprühen und mir anscheinend zeigen wollen, dass ich vor ihm keine Angst haben muss.
„Sind Sie die neuen Besitzer des letzten Hauses in der Siedlung?“, lächelt er mich an und ich werde etwas lockerer.
„Ja, das haben wir vor einem halben Jahr gekauft“, antworte ich und lasse gleichzeitig die Bibel in den Schoß sinken. Sie ist so schwer und meine Hände tun mir schon weh, weil ich sie so verkrampft festgehalten habe.
„Warum laufen Sie denn mit einer Bibel durch die Gegend? Wir haben hier jede Menge davon und man muss wirklich nicht die eigene mitbringen“, schmunzelt er mich an.
„Ich habe erhofft hier ein paar Antworten zu bekommen“, murmele ich und schaue verlegen zu Boden.
„Dann müssen Sie die mir stellen. Wenn Sie nicht gerade eine Gabe haben mit unserem Herrn persönlich reden zu können, werden Sie sonst keine Antworten bekommen“, sagt er sicher und ich zucke bei seinen Worten zusammen. Wenn er wüsste! Natürlich habe ich eine Gabe, aber die nützt mir hier vor Gott überhaupt nichts.
„Alles in Ordnung mit Ihnen? Oder habe ich etwas falsches gesagt?“, weicht er verlegen zurück, beobachtet mich jedoch sehr genau.
„Na ja, wegen der Gabe“, beginne ich zu stottern und überlege, ob ich ihm eine Erklärung geben sollte. Aber wen denn sonst. Vielleicht versteht er mich und außerdem hat er ja auch so was wie Schweigepflicht. Also ist er verpflichtet, dafür zu sorgen, dass das von mir Gesagte, hier in der Kirche und bei ihm bleibt.
„Das habe ich nicht so gemeint“, spricht er schnell und macht Anstalten aufzustehen.
„Ich habe eine“, platze ich heraus und seine Augen fixieren mich nun erst recht. „Ich habe seit ich zehn Jahre alt war Visionen“, rede ich unbeirrt weiter.
„Das ist ja interessant. Wir sollten nach hinten gehen und in Ruhe darüber reden. Das ist doch nicht alles, was Sie auf den Herzen haben?“, fragt er und ich nicke ihm schüchtern zu.
Er steht auf und bittet mich, mit einer Geste ihm zu folgen. Mein Blick huscht noch einmal über die Bankreihen, aber wir sind allein. Warum können wir dann nicht gleich hier reden? Oder hat die Kirche überall Ohren? Ich frage jedoch nicht, sondern laufe ihm hinterher. Neben dem Altar ist eine Tür und die führt uns in ein kleines Hinterzimmer. Hier scheint der Pfarrer seinen Papierkram zu erledigen, denn auf dem Tisch liegen einige Ordner.
„Setzen Sie sich doch bitte“, fordert er mich auf und dem komm ich nach. Schnell räumt er die Akten zusammen und lässt sie in einem Schrank verschwinden.
Ich lege die Bibel auf den nun freien Tisch und atme tief durch. Wie soll ich ihm das alles erklären?
„Was haben Sie denn für Fragen? Oder darf ich erst einmal fragen, was für Visionen Sie haben?“, beginnt er, nachdem er sich ebenfalls gesetzt hat.
Ich schaue in sein Gesicht, was jetzt sehr freundlich aussieht. Seine Augen werden immer größer und zeigen mir so, dass er neugierig ist, auf das, was ich zu erzählen habe.
„Die Visionen haben mir immer Unfälle gezeigt, die am nächsten Tag passieren sollten. Ich konnte mit Hilfe einiger Vertrauten den Betroffenen helfen. Ja, ich habe manchen sogar vor dem Tod bewahrt“, sage ich gerade heraus. Mit jedem Wort werde ich lockerer und der Pfarrer aufmerksamer.
„Das ist doch eine gute Sache“, nickt er mir aufmunternd zu.
„Ja, schon, aber seit ich hier wohne, ist das anders“, flüstere ich.
„Haben Sie zu ihren Visionen Fragen? Da kann ich vielleicht gar nicht helfen“, sagt der Pfarrer ehrlich.
„Nein, eigentlich nicht. Ich wollte gern etwas über das Haus und deren Vorbesitzer wissen. Denn irgendetwas ist da nicht so, wie es sein sollte“, versuche ich vorsichtig zu erklären.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.
