Kitabı oku: «Reisen ist wie Verliebtsein»
Von Wien in die Welt
12 Kurztrips mit Amalthea

Besuchen Sie uns im Internet unter: amalthea.at
© 2017 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT
Umschlagabbildung: AKON Ansichtskarten Online; iStock.com
Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten
Gesetzt aus der 11/14 pt Minion Pro Regular
Printed in the EU
ISBN 978-3-99050-069-9
eISBN 978-3-903083-56-1
Inhalt
Warum ein Buch über die Villen von Bad Ischl?
Gebrauchsanweisung
Entdeckungstour Eins

1 Alltag in der Sommerfrische. Die Villa Albrecht und die Villa Schodterer
Kurhausstraße (vormals Erzherzogin Marie-Valerie-Straße) 7 und 9
2 Die Villa Seilern
Tänzlgasse 11
3 Die Nestroy-Villa
Nestroyweg 1
4 Ladislaus Dirsztay und seine Söhne
Wiesingerstraße 9 (vormals Elisabethstraße)
5 Oscar Straus und der Stern’sche Familienclan
Wiesingerstraße 1 (vormals Elisabethstraße)
6 Die Ischler Hotelierstochter Friedl Harrer und der Filmregisseur Walter Straus
Hotel Goldenes Kreuz, Kreuzplatz 7
7 Der 18. August. Kaisers Geburtstag
Kaiservilla, Jainzen 38
8 Das Rosenstöckl, Ischls Musikerhaus
Esplanade 6a
Entdeckungstour Zwei

9 Villa Max Tauber
Traunkai 17
10 Franz und Sophie Lehár
Lehárkai 8
11 Velours de Vienne. Die Villa der Familie Reichert
Siriuskoglgasse 9
12 Villa Sickingen-Starhemberg
Grazerstraße 27
13 Villa Landauer
Frauengasse 2
14 Die Villa am Gries oder Villa Gisela
Frauengasse 4
15 Villa Wild-Kux
Frauengasse 10
Entdeckungstour Drei

16 Villa Grünwald
Kaltenbachstraße 9
17 Die Villa einer Wohltäterin
Kaltenbachstraße 20
18 Eine Staatsaffäre um die Bundesbahn
Bauerstraße 10
19 Munition, Telefone und der König der Hochöfen. Villa Adele, später Freya
Brennerstraße 15
20 Die Sarsteiner-Villa, die Emmerich Kálmán nie besessen hat
Emmerich-Kálmán-Straße 1
21 Josef Jarno und Hansi Niese
Emmerich-Kálmán-Straße 3
22 Der vergessene Operettenstar Louise Kartousch und der brillante Strafverteidiger Hermann Kraszna
Ahornstraße 8
23 Julius Brammer
Kalvarienbergweg 16
24 Villa Vockner/Pancera/Haenel
Concordiastraße 3
25 Ein Sonderfall – Wilhelm Haenel
Entdeckungstour Vier

26 Das Radfahrer-Huldigungsfest und die Dumba-Stiftung
Kaltenbachstraße 15
27 The King and I. Johann Strauß
Kaltenbachstraße 36
28 Olga Hauser wehrt sich
Kaltenbachstraße 30
29 Naturwissenschafter unter sich. Die Villa Maass-Portheim
Lindaustraße 7
30 Ein Roman und die Wirklichkeit. Die Villa Schönthan
Lärchenwaldstraße 14
31 Ein vergessener Star. Jenny Gross
Dr. Höchsmann-Straße 4
32 Leschetizky-Villa
Leschetizkygasse 8
Entdeckungstour Fünf

33 Das Gigerltum der Verbauerung. Oscar Blumenthal und der echte Giesecke
Engleithenstraße 19
34 Gut Engleithen
Engleithenstraße 17
35 Heinrich Ohrenstein, der Zement-Baron
Dumbastraße 8
36 Rudolph Schanzer und sein Kreis
Dumbastraße 6
Entdeckungstour Sechs

37 Alexander Girardi, der große Volksschauspieler
Steinfeldstraße 7
38 Ida Bodanzky-von Hartungen-Reik. Eine Pianistin mit vielen Namen
Steinfeldstraße (vormals Girardistraße) 12
Entdeckungstour Sieben

39 Die Schratt-Villa, die niemals Katharina Schratt gehörte
Steinbruch 43
40 Dornröschen in Haiden
Salzburger Straße 148
Anmerkungen
Quellen und Literatur
Bildnachweis
Namenregister
Die Autorin
2 Die Villa Seilern
Tänzlgasse 11
Eine der eindrucksvollsten und schönsten Villen – den massiven Betonanbau muss man ausblenden – befindet sich hinter dem Kurhaus; in diesem Teil Ischls entstehen Anfang der 1880er-Jahre etliche Villen, um den steigenden Bedarf nach standesgemäßen Sommerwohnungen zu befriedigen. Doch keine erreicht die Eleganz und Großzügigkeit der sogenannten Villa Seilern, die den Namen ihrer Erbauerin bis heute trägt.
1881 erwirbt Elise Reichsgräfin von Seilern ein großes Grundstück und beauftragt den Wiener Stadtbaumeister Wilhelm Pils mit der Ausführung des geplanten Hauses – interessant, dass auch bei diesem Projekt keiner der großen Wiener Stararchitekten der Ringstraße zum Zug kommt, sondern ein Praktiker. Ihm gelingt ein Bau, der seinesgleichen sucht, repräsentativ und großzügig zugleich. 1883 kann Elise Seilern bereits in der eigenen Villa absteigen – keine sehr lange Bauzeit für ein so großes Objekt. Über dem Eingang prangt ein Allianzwappen der Familien Seilern und Stürgkh, aus der Elise stammt. Gemeinsam mit ihrer Schwester Anna Gräfin Paar verbringt sie nun jeden Sommer in ihrem Ischler Refugium und führt hier ein großes Haus. Dabei vergisst sie jedoch nicht, der Ischler Bevölkerung Gutes zu tun, und ruft eine Wohltätigkeitsveranstaltung ins Leben, die 16 Jahre lang zum fixen Bestandteil des Ischler Sommerlebens zählt. 1890 findet erstmals eine Tombola im Kursalon statt, der Erlös kommt dem Armen- und Waisenhaus »Charitas« in Ischl zugute. Inserate in den Kurlisten machen das Publikum aufmerksam, Billetts kosten einen Gulden: »Diejenigen P. T. [Pleno Titulo] Wohlthäter, welche Gegenstände schenken wollen, werden ersucht, dieselben an Frau Gräfin von Seilern, Villa Seilern, Tänzelgasse Nr. 11, einzusenden.« Rund um Kaisers Geburtstag am 18. August befinden sich besonders viele Menschen in Ischl, Elise von Seilern nützt dies aus und wählt für ihre Veranstaltung immer ein Datum in zeitlicher Nähe zu diesem Höhepunkt des Ischler Sommerlebens. 1895 gibt es noch einen besonderen Anreiz, wie in der Kurliste propagiert wird: »So wie alle Jahre hat auch heuer der Allerhöchste Hof die Gnade gehabt, viele prachtvolle Gegenstände zu spenden.«

Villa Seilern, einst und heute

Inserat für die Tombola der Gräfin Seilern, Curlisten Bad Ischl, 18.8.1891
Ein Jahr vor ihrem Tod verkauft Elise Seilern im Jahr 1908 ihre Villa um 110 000 Kronen an Ernst Landau, und es kommt die Frage auf, wer sich denn diesen Prachtbesitz leisten kann?6 Dazu muss man ein wenig ausholen: Ernst Landaus Großvater, geboren im galizischen Brody, hat es in die Welt hinausgezogen. Über Odessa und Budapest ist er nach Wien gekommen, wo er sich als Großhändler erfolgreich etabliert und eine Basis für die kommende Generation legt. Sein Sohn mit dem wunderbaren Namen Horace lebt und wirkt in Triest und kann als Gigant der italienischen Finanzwelt mit großem politischen Einfluss gelten. Sein enormes Vermögen legt er in Büchern und Kunst an – eine beeindruckende Sammlung entsteht. Und wo zieht es einen dermaßen einflussreichen Bankier im Sommer hin? Richtig, nach Ischl, ins Zentrum der Macht. 1886 steigt Horace hier erstmals im Grandhotel Bauer ab.
1908 erwirbt also sein Neffe Ernst die Villa Seilern, er kann auf die großen finanziellen Reserven seiner Familie zurückgreifen, gehört doch seinem Vater Albert das Hotel Imperial in Wien, geerbt von dessen Bruder Horace. Albert wird als »sehr joviale Persönlichkeit und echter Lebenskünstler«7 bezeichnet. »In weiten Kreisen in Wien und in Budapest kannte man den hageren, aufrechten, heiteren weißbärtigen Greis mit dem sonoren Organ.« War sein Vater aus Galizien nach Wien gelangt, weitet Albert seine Tätigkeit bis nach Amerika und in den Orient aus – eine äußerst mobile Familie. Zehn Jahre lang dient nun die Ischler Villa als Mittelpunkt des sommerlichen Familienlebens, 1918 verkauft Ernst Landau. Das Ende der Monarchie markiert zugleich auch das Ende des sagenhaften Reichtums der Familie Landau.
Nach einem kurzen Zwischenspiel – die Villa ist für fünf Jahre im Besitz des k. u. k. Hof- und Armeelieferanten Matthias Wotroubek, der auch die benachbarte Nestroy-Villa, die als Egger-Villa bezeichnet wird, erwirbt (siehe Kapitel 3) – prägt ab 1923 eine weitere schillernde Familie die Geschichte der Villa: Oskar und Nelly Inwald von Waldtreu kaufen beide Villen und nennen somit einen Besitz von einem Hektar mitten in der Stadt ihr Eigen.
Oskars Vater Josef hat sein Geld mit Glasfabriken in Böhmen gemacht und hinterlässt seinen zahlreichen Kindern ein großes Vermögen. Oskar studiert Chemie, ein für die Glaserzeugung durchaus bedeutendes Fachwissen, doch ernsthafte Forschung und Produktentwicklung interessieren ihn nur mäßig. Sein eigentliches Faible gilt Autos. Er fungiert als Vizepräsident des Österreichischen Automobilclubs und ist mit diesem Amt offenbar völlig ausgelastet, seine Tätigkeit als Verwaltungsratsmitglied der familieneigenen Glasfabriken kann wohl eher als repräsentativ angesehen werden. Oskars Privatleben gestaltet sich turbulent: Im Jahr 1900 heiratet er in Washington Meta Wimpffen, die jedoch nur ein Jahr später bei der Geburt ihrer Tochter Maria stirbt. Oskar heiratet ein zweites Mal, seine zweite Frau Nelly stirbt im Jahr 1936 an den Folgen ihrer Drogensucht. Zu diesem Zeitpunkt ist seine Tochter Maria bereits seit zehn Jahren mit Géza Erös de Bethlenfalva verheiratet, dessen Familie Schloss Hüttenstein nahe St. Gilgen besitzt. Auch er stammt aus einer schillernden Familie. Gézas gleichnamiger Onkel war mit Elsa Gutmann8 aus der bedeutenden Kohlenindustriellen-Familie verheiratet, die in zweiter Ehe den regierenden Fürsten Liechtenstein heiratet, eine etwas unkonventionelle Verbindung. Géza junior und sein Schwiegervater Oskar Inwald teilen die Begeisterung für Autos und stehen im Mittelpunkt der Gesellschaft: Das Hochzeitsfoto von Géza und Maria wird im Wiener Salonblatt abgedruckt.

Die Hochzeit von Géza und Maria Erös im Salonblatt, 1.11.1925
Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten handeln Oskar und Géza rasch, um den Besitz zu erhalten. Im Juni 1938 verfasst ein eifriger Ischler Bürger zahlreiche Informationsblätter über die jüdischen Villenbesitzer mit haarsträubenden Aussagen und Denunziationen. Es geht immer in dieselbe Richtung: Juden, die sich während des Krieges oder der sogenannten Inflationszeit bereichert hätten, würden sich nun in Ischl einkaufen, ein Klischee, das sich durch alle der beschriebenen Fälle zieht. »Er [Oskar] verkehrte nur mit Juden, hauptsächlich solchen aus der Tschechoslowakei, und war häufiger Besucher des Golfplatzes in Wirling, bei dem der als Kommunist bekannte Mandl eine Funktion hatte.«9 Was auch immer diese Informationen zur Sache tun.
Bald bekommen die Behörden jedoch heraus, dass ihnen dieser Besitz, einer der schönsten, größten und wertvollsten in Ischl, weggeschnappt wurde. Und zwar durch einen Kaufvertrag zwischen Oskar und Géza, der, von der Vermögensverkehrsstelle bewilligt, bereits am 8. Oktober 1938 ins Grundbuch eingetragen wurde. Nun zeigt sich einmal mehr, wie radikal die Ischler Nazis sich sogar gegen die Vermögensverkehrsstelle stellen. Am 10. Oktober empört sich Anton Kaindlsdorfer, der Direktor der Sparkasse Bad Ischl und seines Zeichens Ortsgruppenleiter, darüber: »Dieser Vertrag dient also in Wirklichkeit nur dazu, um diese wertvolle große Liegenschaft in Bad Ischl irgendwie der Familie zu sichern.«10 Damit hat er zweifellos recht. Und er schreibt auch gleich an die Gestapo: »Der Jude Inwald besitzt große Fabriken im Sudetenland und ist sehr reich. Sein Schwiegersohn Géza Erös hat einen großen Lebensaufwand geführt und ist für die Zukunft auch sonst von Seiten dieses Juden versorgt worden.« Die üblichen Denunziationen.
Dann kommt er auf den Punkt, denn es ist klar, »dass der Jude Inwald diese Liegenschaft im Werte von ungefähr RM 100 000 verkaufen muss und dass der Kaufpreis dann den Reichsbehörden jederzeit zum freien Zugriffe offensteht. Wenn der Jude Inwald ins Ausland reisen würde, dann muss er auch die Reichsfluchtsteuer zahlen.« In diese Berechnung fiele nun der Ischler Besitz nicht mehr, da Inwald ein »entgeltliches Rechtsgeschäft« mit seinem Schwiegersohn »fingiert« habe. Auch Géza Erös wird nicht verschont, denn dieser sei »geistig wenigstens ebenso verjudet« wie sein Schwiegervater und »körperlich nach den Mitteilungen, die uns zugekommen sind, zweifellos ein Halbjude«11. Was für ein Ton in der Welt der Denunzianten. Der Gestapo wird dieser Fall nahegebracht, um zu verhindern, dass vielleicht auch andere jüdische Villenbesitzer auf die Idee kommen, ihren Besitz an nichtjüdische Verwandte zu verkaufen – dann wäre der ganze radikale Arisierungsplan der Ischler verdorben. »Jeder Jude hat dann einen entfernten arischen Verwandten, dem er seine Liegenschaft übergibt und dann lebt wieder die ganze Mischpoche hier.« Dies würde die Enteignung wertvoller Besitzungen wie der Villa Landauer (siehe Kapitel 13) ernsthaft gefährden. Daher muss die Gestapo sofort eingreifen: »Unsere ganze mühevolle Arbeit hier ist dadurch wertlos und das dritte Reich, für welches wir kämpfen wollen, hat einen nicht wieder gutzumachenden Schaden.« Also: Die Gestapo möge die bereits im Grundbuch eingetragene Eigentumsübertragung revidieren und Oskar Inwald und Géza Erös gleich verhaften. Doch die Gestapo denkt überhaupt nicht daran, diesen Vorschlägen nachzukommen, und lässt sich mit der Recherche Zeit. Am 18. Juni 1940 erhält Wilhelm Haenel (siehe Kapitel 25) als Sonderbeauftragter für die Übertragung jüdischen Besitzes ein Antwortschreiben: »Auf Grund des Ermittlungsergebnisses konnte der Tatbestand der Tarnung jüdischen Vermögens nicht festgesetzt werden.«12
Oskar Inwald stirbt am 31. Dezember 1938 in seiner Wiener Wohnung, Géza und Maria Erös sehen keine Zukunft in Österreich und gehen nach New York. 1951 verkaufen sie die Villa Seilern an die Lehrerkrankenfürsorge für Oberösterreich – auf elegante Aristokratie und mondäne Nouveaux Riches folgen Kurgäste. Auch das ist ein Zug der Zeit des 20. Jahrhunderts.
Bildnachweis
Bad Ischl, Stadtmuseum: 144, 145, 147, 149, 241
Lothar Bienenstein: 24, 91, 97, 124, 158, 175, 181, 189, 197
Eva Cserey, Ein Salzburger Renaissanceofen im Christlichen Museum zu Gran: 115
Familie Dirsztay: 40
Henry Grunwald, Ein Walzer muss es sein: 108, 111
IMAGNO: 33, 45, 47, 53, 62, 69, 71, 73, 74, 98, 132, 140, 151, 154, 165, 167, 168, 177, 179, 185, 194, 201, 205, 231, 238
KHM-Museumsverband, Theatermuseum Wien: 107
Franz Mailer, Oscar Straus: 43
Familie Neumann-Spallart: 79, 81, 82
Oberösterreichisches Landesarchiv: 65
Österreichisches Nationalbibliothek/ANNO: 19, 25, 27, 36, 39, 55, 57, 61, 75, 78, 87, 100, 119, 127, 130, 134, 136, 146, 162, 170, 171, 173, 190, 211, 228, 232
Privat: 10, 13, 24, 84, 91, 95, 97, 101, 116, 117, 124, 159, 175, 200, 208, 235, 237, 244, 248, 143, 169
Erwin Rauscher: 31, 46, 59, 67, 90, 207, 213, 216, 219, 223, 224
Sprengel-Museum Hannover: 37
Bad-Ischl-Karten im Vor- und Nachsatz: © arbeitsgemeinschaft kartographie
Der Verlag hat alle Rechte abgeklärt. Konnten in einzelnen Fällen die Rechteinhaber der reproduzierten Bilder nicht ausfindig gemacht werden, bitten wir, dem Verlag bestehende Ansprüche zu melden.

Sämtliche Abbildungen im Buch sind mit freundlicher Genehmigung des Verbandes Mühlviertler Alm abgedruckt. www.muehlviertleralm.at
Besuchen Sie uns im Internet unter
www.amalthea.at
© 2012 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Schutzumschlaggestaltung: Kurt Hamtil, verlagsbüro wien
Schutzumschlag: Engelskapelle und Johannesbrunnen am Hof
der Familie Irxenmayr in Pierbach, © Verband Mühlviertler Alm
Wanderkarte auf Seite 228/229: © GISDAT/Michael Strasser
Herstellung: Franz Hanns
Gesetzt aus der 11/14 Punkt Minion
Gedruckt in der EU
ISBN 978-3-85002-809-7
eISBN 978-3-902862-12-9
Am Ziel
Angekommen.
Eigentlich könnte ich das Buch damit schon beenden. Mit dem Wort ist alles gesagt. Wer angekommen ist, ist dort, wo er hin wollte im Leben. Er hat seinen Platz gefunden. Er ist daheim. Er ist bei sich. Umgeben von Menschen, mit denen er alt werden möchte. Angekommen. Fertig.
Im Verlag hat man mir gesagt, dass das so nicht geht. Das genügt nicht für ein Buch, Herr Doktor, haben sie gesagt, Sie als Hautarzt wissen das vielleicht nicht, ist ja nicht direkt Ihr Metier. Aber Autoren arbeiten nicht so.
Das hat mich schon stutzig gemacht. Aber dann ist mir ein polnischer Autor eingefallen, Stanislaw Lec hat er geheißen. Und er hat gesagt: »Ich wollte der Welt nur ein einziges Wort sagen. Da ich es nicht konnte, wurde ich Schriftsteller.« Das hat mir eingeleuchtet, man soll von den Guten lernen.
Wobei es so gar nicht mein Ehrgeiz ist, mich als Schriftsteller hervorzutun. Ich möchte nur in Worte fassen, worauf es mir ankommt.
Und das ist: ankommen.
Ich persönlich bin optimistisch, dass es mir bald gelingen dürfte. Ich habe eine Idee, wie es auch anderen gelingen könnte. Ich habe eine Vision von dem Weg, den man gehen muss. Zu sich. Auf andere zu. Und mit ihnen in eine bessere Gesellschaft. Ich nannte ihn Johannesweg.
Wobei es so gar nicht meine Eitelkeit ist, mich als Person in den Vordergrund zu stellen. Ich wollte nur einen Namen haben, für das, womit ich auf die Leute zukommen möchte. In meinem Freundeskreis hat man mir gesagt, dass das schon in Ordnung ist. So heißt du halt einmal, Johannes, haben sie gesagt, mit dem Namen bist du auf die Welt gekommen. Damit hat dein Lebensweg begonnen.
Und damit beginnt der Weg eines jeden. Jeder kommt auf die Welt und damit zum ersten Mal an.
Gleich nach der Geburt ist man also dort, wo man sein Lebtag wieder hin will. Vielleicht nicht unbedingt schon am richtigen Platz, aber ganz bei sich. Nur weiß man das noch nicht. Und noch viel weniger kann man was dafür. Man hat nichts dazu getan, um auf die Welt zu kommen. Umso mehr kann man dafür tun, seinen Weg zu finden. Das Leben ist ungerecht, fad ist es nicht.
Deshalb strudelt man sich von dem Tag der Geburt an dafür ab, auf sein Ziel zuzusteuern. Auf einer Geraden ist man dabei nicht unterwegs, das brauche ich niemandem zu erzählen, der auf eigenen Beinen stehen kann. Bei manchen ist das früher, bei anderen später. Meistens ist man einigermaßen selbstständig, wenn man nicht mehr fragt, wo man herkommt, und nicht mehr sagt, wo man hingeht. An dieser Weggabelung geht es dann in alle Richtungen zum Erwachsensein.
Egal, welche man nimmt, man schleicht sich auf Umwegen ans Ziel an. Was vorwiegend daran liegt, dass man es noch gar nicht kennt, dieses Ziel. Das ist mitunter ärgerlich, aber nicht schlecht eingerichtet vom Leben. Man muss schon einmal falsch abbiegen, um den richtigen Weg zu finden. Man muss schon hie und da in die verkehrte Richtung rennen, um den rechten Weg zu erkennen. Man muss schon ab und zu Abkürzungen nehmen, um Zeit zu gewinnen. Man muss schon da und dort in Sackgassen landen, um sich neu zu orientieren. Man muss sich schon dann und wann auf dem Weg anderer verirren, um auf den eigenen einzuschwenken. Man muss schon immer wieder stehen bleiben, um weiterzukommen. Die Methode ist mühsam, unsinnig ist sie nicht.
Wenn man genug Erfahrung gesammelt hat, ist man alt genug, um sie auszunutzen. Das hab nicht ich mir ausgedacht, das ist von William Somerset Maugham. Ich hab’s nur weitergedacht und bin draufgekommen, dass man seine Erfahrungen in jedem Alter anders ausnutzt.
Bis zwanzig kommt es einem nicht so sehr drauf an, dass man ankommt, sondern wie man bei anderen ankommt.
Man ist Kind, in der Pubertät, ein Jugendlicher. Alles Lebensphasen, in denen man sich überhaupt nicht auskennt. Und je mehr man über sich erfährt, desto weniger weiß man etwas mit sich anzufangen. Was das eine Stadium vom anderen unterscheidet, sind Vorsilben. Man will geliebt, beliebt, verliebt sein. Ankommen, das hätte ich mir als Tattoo auf die Stirn ritzen lassen, ist in dem Alter noch kein Thema. Man wär schon froh, wenn man wüsste, wo man hin soll mit sich.
Und doch sind diese Jahre der Prägestempel auf dem Leben. Und wenn die Erfahrungen die Summe aller Irrtümer sind, dann werden sie während dieser Zeit vorwiegend von anderen begangen. Wo man hineingeboren wird, wie man erzogen ist, womit man aufwachsen musste, bestimmt, wem man vertraut, was man sich zutraut, ob man sich überhaupt was traut. Den Rucksack, den man später auf dem Buckel hat, schleppt man seit damals mit. Wie schwer man daran zu tragen hat, entscheidet man nicht selber. Wie lange man ihn trägt, schon.
Ich bin so einiges von dem, was mich bedrückt hat, erst sehr spät losgeworden. Wie ein Lastenesel konnte ich lange nicht unterscheiden, ob man mir Klumpert oder was von Wert aufgeladen hat. Bis ich endlich den Mut aufbrachte, den Rucksack aufzumachen, den Inhalt anzuschauen und das Schwerwiegendste auszumisten. Mir war erheblich leichter nachher. Und mit jedem Plunder, den ich abwerfe, haben es die anderen leichter mit mir.
Bis dreißig ist man dem Ankommen noch immer nicht viel näher. Man kommt ziemlich dran, auf vieles drauf und an manchem nicht vorbei.
Man ist ein Twen. Und damit in der Lebensphase der großen Entscheidungen. Was könnte ich werden? Mit wem möchte ich mich zusammentun? Wie oft will ich mich vermehren? Ich bin Hautarzt geworden. Ich habe meine erste Frau geheiratet. Ich habe zwei Kinder bekommen. Und eine Ahnung, wieso etliches schiefläuft im Leben.
Die ersten Erfahrungen, auf denen meine Idee zum Johannesweg fußt, machte ich in der Praxis. An der Haut sieht man, ob sich jemand wohl fühlt in ihr oder ob ihn was krank macht. Ich sammelte die Fakten, konnte sie aber noch nicht zusammensetzen. Die Botschaft, dass etwas nicht stimmt an, mit und um uns, war bei mir angekommen. Aber ich war selber einer, an dem etwas nicht stimmte. Zu beschäftigt, um mich mit dem Wesentlichen zu beschäftigen. Zu geschafft, um mehr zu tun, als mir die Reputation des Tüchtigen und meiner Familie die Existenz des guten Mittelstandes zu erschaffen. In der Sturm-und-Drang-Zeit besteht der Sinn des Lebens darin, voranzukommen.
Ab vierzig kommt man langsam dazu, sich Gedanken übers Ankommen zu machen, und darüber, was da auf einen zukommen könnte.
Man ist in den besten Jahren. Man hat sich im Leben eingelebt. Bei den einen wachsen die Sorgen mit den Kindern mit, die anderen haben ihre eigenen Probleme. Das, was man sich aufgebaut hat, ist fast fertig. Man feiert Dachgleiche. Und hegt doch schon die leise Befürchtung, die Decke könnte einem auf den Kopf fallen.
Mit zunehmender medizinischer Kompetenz gelang es mir nach und nach, die Mitteilungen der Haut immer schneller zu lesen und immer besser zu verstehen. Midlifecrisis stand auf meiner. Aber Ärzte sind miese Patienten, insbesondere in der eigenen Praxis. Bei den anderen wusste ich genau, was nicht in Ordnung war. Ich hatte gelernt, ihnen unter die Haut zu schauen. Bei mir schummelte ich mich um die Diagnose herum, dass es so nicht weitergehen konnte.
Schließlich sagte ich es mir. So kann es nicht weitergehen. Wenn es so weitergeht, bist du tot, lange bevor du stirbst. Die Therapie, die du brauchst, heißt Veränderung, verschreib sie dir endlich. Und ich verschrieb sie mir. Ich heiratete meine zweite Frau. Sie schenkte mir zwei Kinder. Und eine neue Lebensaufgabe. Wir bauten den Johanneshof um. Den Platz, an dem ich ankommen sollte.
Ab sechzig kommt man nicht drum herum, dass einen das überkommt, was man die Gunst des Alters nennt.
Man ist im Spätsommer des Lebens. Man ist ein bisschen bequemer, ein bisschen gesetzter, ein bisschen nachdenklicher geworden. Man ist noch gut zu Fuß, aber man überlegt sich seine Schritte genauer. Die Siebenmeilenstiefel, die man so lange getragen hat, zieht man nur noch in Gedanken an. Wenn jemand die Beine in die Hand nimmt, dann ist es die Fantasie, die den Wunschvorstellungen, den nicht erfüllten Träumen auf den Fersen bleiben will.
Bei mir begann sie zu galoppieren, als ich mir vorstellte, was ich mit dem Herbst meines Lebens anstellen sollte. Am Ball zu bleiben, indem ich ihn mit einem Schläger über neun Löcher treibe, erschien mir etwas wenig. Und die Lösung war kein Golfplatz mit achtzehn Löchern. Die Lösung war der Johannesweg.
Hintergrund des Ganzen ist ein globales Gefühl der Unruhe und der Unsicherheit. In ökonomisch holprigen Zeiten sehnen sich die Menschen wieder nach Substanz, nach wahren Werten wie Freundschaft, Familie, Glaube, Zuversicht. Was man sucht, findet man in keinem Sparbuch, keiner Aktie und keinem Wertpapier. Man sucht das Vertrauen in sich und in die Zukunft, man sucht das Glück. Der Johannesweg soll den Menschen den Mut machen, den sie brauchen, um nach vorne zu schauen. Er soll ihnen dabei helfen, sich wieder auf sich selbst zu besinnen. Und er soll ihre geistige und körperliche Gesundheit fördern.
Um zu sehen, wie nötig wir das haben, braucht man kein Arzt zu sein. Aber es hilft. Man lügt sich leichter in die Tasche eines Nadelstreifsakkos als in die auf einem weißen Kittel. Der Anstieg der Burnout-Erkrankungen ist kein Geheimnis. Der Stress nimmt überhand. Gemeinsam mit dem Rest der unerträglichen Schwere des Seins fügt sich alles in eine gewisse Endzeitstimmung. Die latente Panik macht langsam, aber sicher krank. Das möchte ich ändern.
Und irgendwann, dort auf meinem Johanneshof, angekommen in der Gewissheit, dass ich mehr als Golfspielen will, hatte ich die Idee, wie das funktionieren könnte. Es sind bloß zwölf Stationen, über die man zum Ziel kommt. Und das ist für jeden Einzelnen: gesund und zufrieden bis ins hohe Alter im Einklang mit den Gesetzen der Natur und in Harmonie mit seinen Mitmenschen zu leben.
Diese zwölf Stationen sind Gegenstand meiner Vision und Inhalt dieses Buches. Sie sind einleuchtend, leicht zu praktizieren sind sie nicht. Sonst wären wir alle schon dort angekommen, wo wir hin wollen. Sonst wäre die Gesellschaft schon die, in der wir leben wollen.
Ich möchte jeden bewegen mit meiner Idee. Sie soll ans Herz gehen und einem in die Glieder fahren. Einen seelisch aufrichten und körperlich antreiben. Um die Stationen geistig durchzugehen, habe ich sie hier aufgeschrieben. Um sie physisch zu durchwandern, gibt es den Johannesweg auch in natura. In Oberösterreich, ausgehend von der Gemeinde Pierbach im Mühlviertel.
Der Johannesweg ist die österreichische Antwort auf den Jakobsweg. Es ist kein Ausstieg, es ist ein Einlenken. Zweiundsiebzig Kilometer lang schlängelt sich der Weg durch ein paar der sehenswertesten Gegenden des Landes und führt ans Licht. Das Symbol des Lichts in der Pflanzenwelt ist die weiße Lilie. Deshalb wurde die Strecke nach der Form ihrer Blüte abgesteckt. Würde jemand den Johannesweg vom Himmel aus betrachten, läge eine riesige Lilie unter ihm.
Der Tag, an dem der Johannesweg erstmals begangen wird, ist der Tag von Johannes dem Täufer. Er war der Cousin von Jesus und der erste Rufer in der Wüste. Seine Worte haben viel mit den Werten zu tun, die heute, zweitausend Jahre später, wieder von Bedeutung sind. Dass auch der Täufer ein Johannes war, fügt sich wie ein kostbarer, alter Stein ins Mosaik meiner Vision von einer neuen Zukunft.
Wobei es so gar nicht meine Intention ist, mich hier mit einer Art Religion hervorzutun. Die Werte, um die es mir geht, kommen in jeder Religion vor. Die zwölf Stationen des Johanneswegs sind weder Gebote noch Dogmen, weder Glaubenssätze noch Vorschriften, weder Befehle noch Aufträge. Sie haben nichts mit Müssen zu tun, sie mögen das Können fördern. Sie sind eine Einladung, sich der Pflichten aller zu besinnen, um die Rechte jedes Einzelnen zu stärken. Das ist der Sinn dieser Bewegung.
Um miteinander etwas zu bewirken, habe ich einen Verein zum Johannesweg gegründet. Wer ihm beitreten will, hilft nicht nur sich selbst auf seinem Weg in ein gesundes Morgen, sondern auch anderen. Mit dem Mitgliedsbeitrag werden bedürftige und behinderte Menschen unterstützt. Das ist der Zweck dieser Gemeinschaft.
Wer im Unterholz des Johanneswegs nach esoterischem Kleinod suchen will, wird mit Sicherheit enttäuscht sein. Mit Esoterik kann und will ich nicht aufwarten. Meine Absicht ist es nicht, andere von dem zu überzeugen, wovon ich überzeugt bin. Schlimmer, ich habe gar keine Absicht. Ich hatte nur eine Idee. Und leiste mir den Luxus einer Vision. Mit erhobenem Zeigefinger kann man mit niemandem Hand in Hand gehen. Schon gar nicht auf dem Johannesweg.
Ich lade jeden ein, mich zu begleiten. Ich freue mich über alle, die mitkommen. Ich wünsche jedem, dass er ankommt. Am Ziel seines Johanneswegs.
Am Weg
Die zwölf Stationen des Johanneswegs
1 Humor soll dein Leben begleiten, denn er beflügelt deinen Geist und erfreut die Gesellschaft.
2 Bewahre die Geduld, dann kannst du den Tag ohne Hast erleben.
3 Bleibe mutig, es befreit dich von lähmender Angst, der Basis vieler Krankheiten.
4 Werde großzügig und strebe nicht gierig nach noch mehr.
5 Sei tolerant gegenüber deinem Gesprächspartner und akzeptiere auch seine Vorstellungen.
6 Erhöhe dich nicht selbst und sprich nicht abfällig über die anderen – früher oder später fällt es auf dich zurück.
7 Sei hilfsbereit und ein guter Gastgeber – es lohnt sich für beide Seiten.
8 Halte Maß in allen Dingen, besonders auch beim Essen und Trinken.
9 Egal, wie alt du bist, jammere nicht und sei zufrieden mit deinem Los.
10 Pflege deinen Körper, aber identifiziere dich nicht mit ihm, sondern halte ihn in Balance mit deinem Inneren.
11 Der Ernst des Lebens braucht Freude als Treibstoff der Lebendigkeit.
12 Der Schlüssel zum gesunden Altern liegt in deinem Alltag.