Kitabı oku: «Reisen ist wie Verliebtsein»
Von Wien in die Welt
12 Kurztrips mit Amalthea

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© 2017 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT
Umschlagabbildung: AKON Ansichtskarten Online; iStock.com
Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten
Gesetzt aus der 11/14 pt Minion Pro Regular
Printed in the EU
ISBN 978-3-99050-069-9
eISBN 978-3-903083-56-1
Inhalt
Warum ein Buch über die Villen von Bad Ischl?
Gebrauchsanweisung
Entdeckungstour Eins

1 Alltag in der Sommerfrische. Die Villa Albrecht und die Villa Schodterer
Kurhausstraße (vormals Erzherzogin Marie-Valerie-Straße) 7 und 9
2 Die Villa Seilern
Tänzlgasse 11
3 Die Nestroy-Villa
Nestroyweg 1
4 Ladislaus Dirsztay und seine Söhne
Wiesingerstraße 9 (vormals Elisabethstraße)
5 Oscar Straus und der Stern’sche Familienclan
Wiesingerstraße 1 (vormals Elisabethstraße)
6 Die Ischler Hotelierstochter Friedl Harrer und der Filmregisseur Walter Straus
Hotel Goldenes Kreuz, Kreuzplatz 7
7 Der 18. August. Kaisers Geburtstag
Kaiservilla, Jainzen 38
8 Das Rosenstöckl, Ischls Musikerhaus
Esplanade 6a
Entdeckungstour Zwei

9 Villa Max Tauber
Traunkai 17
10 Franz und Sophie Lehár
Lehárkai 8
11 Velours de Vienne. Die Villa der Familie Reichert
Siriuskoglgasse 9
12 Villa Sickingen-Starhemberg
Grazerstraße 27
13 Villa Landauer
Frauengasse 2
14 Die Villa am Gries oder Villa Gisela
Frauengasse 4
15 Villa Wild-Kux
Frauengasse 10
Entdeckungstour Drei

16 Villa Grünwald
Kaltenbachstraße 9
17 Die Villa einer Wohltäterin
Kaltenbachstraße 20
18 Eine Staatsaffäre um die Bundesbahn
Bauerstraße 10
19 Munition, Telefone und der König der Hochöfen. Villa Adele, später Freya
Brennerstraße 15
20 Die Sarsteiner-Villa, die Emmerich Kálmán nie besessen hat
Emmerich-Kálmán-Straße 1
21 Josef Jarno und Hansi Niese
Emmerich-Kálmán-Straße 3
22 Der vergessene Operettenstar Louise Kartousch und der brillante Strafverteidiger Hermann Kraszna
Ahornstraße 8
23 Julius Brammer
Kalvarienbergweg 16
24 Villa Vockner/Pancera/Haenel
Concordiastraße 3
25 Ein Sonderfall – Wilhelm Haenel
Entdeckungstour Vier

26 Das Radfahrer-Huldigungsfest und die Dumba-Stiftung
Kaltenbachstraße 15
27 The King and I. Johann Strauß
Kaltenbachstraße 36
28 Olga Hauser wehrt sich
Kaltenbachstraße 30
29 Naturwissenschafter unter sich. Die Villa Maass-Portheim
Lindaustraße 7
30 Ein Roman und die Wirklichkeit. Die Villa Schönthan
Lärchenwaldstraße 14
31 Ein vergessener Star. Jenny Gross
Dr. Höchsmann-Straße 4
32 Leschetizky-Villa
Leschetizkygasse 8
Entdeckungstour Fünf

33 Das Gigerltum der Verbauerung. Oscar Blumenthal und der echte Giesecke
Engleithenstraße 19
34 Gut Engleithen
Engleithenstraße 17
35 Heinrich Ohrenstein, der Zement-Baron
Dumbastraße 8
36 Rudolph Schanzer und sein Kreis
Dumbastraße 6
Entdeckungstour Sechs

37 Alexander Girardi, der große Volksschauspieler
Steinfeldstraße 7
38 Ida Bodanzky-von Hartungen-Reik. Eine Pianistin mit vielen Namen
Steinfeldstraße (vormals Girardistraße) 12
Entdeckungstour Sieben

39 Die Schratt-Villa, die niemals Katharina Schratt gehörte
Steinbruch 43
40 Dornröschen in Haiden
Salzburger Straße 148
Anmerkungen
Quellen und Literatur
Bildnachweis
Namenregister
Die Autorin
2 Die Villa Seilern
Tänzlgasse 11
Eine der eindrucksvollsten und schönsten Villen – den massiven Betonanbau muss man ausblenden – befindet sich hinter dem Kurhaus; in diesem Teil Ischls entstehen Anfang der 1880er-Jahre etliche Villen, um den steigenden Bedarf nach standesgemäßen Sommerwohnungen zu befriedigen. Doch keine erreicht die Eleganz und Großzügigkeit der sogenannten Villa Seilern, die den Namen ihrer Erbauerin bis heute trägt.
1881 erwirbt Elise Reichsgräfin von Seilern ein großes Grundstück und beauftragt den Wiener Stadtbaumeister Wilhelm Pils mit der Ausführung des geplanten Hauses – interessant, dass auch bei diesem Projekt keiner der großen Wiener Stararchitekten der Ringstraße zum Zug kommt, sondern ein Praktiker. Ihm gelingt ein Bau, der seinesgleichen sucht, repräsentativ und großzügig zugleich. 1883 kann Elise Seilern bereits in der eigenen Villa absteigen – keine sehr lange Bauzeit für ein so großes Objekt. Über dem Eingang prangt ein Allianzwappen der Familien Seilern und Stürgkh, aus der Elise stammt. Gemeinsam mit ihrer Schwester Anna Gräfin Paar verbringt sie nun jeden Sommer in ihrem Ischler Refugium und führt hier ein großes Haus. Dabei vergisst sie jedoch nicht, der Ischler Bevölkerung Gutes zu tun, und ruft eine Wohltätigkeitsveranstaltung ins Leben, die 16 Jahre lang zum fixen Bestandteil des Ischler Sommerlebens zählt. 1890 findet erstmals eine Tombola im Kursalon statt, der Erlös kommt dem Armen- und Waisenhaus »Charitas« in Ischl zugute. Inserate in den Kurlisten machen das Publikum aufmerksam, Billetts kosten einen Gulden: »Diejenigen P. T. [Pleno Titulo] Wohlthäter, welche Gegenstände schenken wollen, werden ersucht, dieselben an Frau Gräfin von Seilern, Villa Seilern, Tänzelgasse Nr. 11, einzusenden.« Rund um Kaisers Geburtstag am 18. August befinden sich besonders viele Menschen in Ischl, Elise von Seilern nützt dies aus und wählt für ihre Veranstaltung immer ein Datum in zeitlicher Nähe zu diesem Höhepunkt des Ischler Sommerlebens. 1895 gibt es noch einen besonderen Anreiz, wie in der Kurliste propagiert wird: »So wie alle Jahre hat auch heuer der Allerhöchste Hof die Gnade gehabt, viele prachtvolle Gegenstände zu spenden.«

Villa Seilern, einst und heute

Inserat für die Tombola der Gräfin Seilern, Curlisten Bad Ischl, 18.8.1891
Ein Jahr vor ihrem Tod verkauft Elise Seilern im Jahr 1908 ihre Villa um 110 000 Kronen an Ernst Landau, und es kommt die Frage auf, wer sich denn diesen Prachtbesitz leisten kann?6 Dazu muss man ein wenig ausholen: Ernst Landaus Großvater, geboren im galizischen Brody, hat es in die Welt hinausgezogen. Über Odessa und Budapest ist er nach Wien gekommen, wo er sich als Großhändler erfolgreich etabliert und eine Basis für die kommende Generation legt. Sein Sohn mit dem wunderbaren Namen Horace lebt und wirkt in Triest und kann als Gigant der italienischen Finanzwelt mit großem politischen Einfluss gelten. Sein enormes Vermögen legt er in Büchern und Kunst an – eine beeindruckende Sammlung entsteht. Und wo zieht es einen dermaßen einflussreichen Bankier im Sommer hin? Richtig, nach Ischl, ins Zentrum der Macht. 1886 steigt Horace hier erstmals im Grandhotel Bauer ab.
1908 erwirbt also sein Neffe Ernst die Villa Seilern, er kann auf die großen finanziellen Reserven seiner Familie zurückgreifen, gehört doch seinem Vater Albert das Hotel Imperial in Wien, geerbt von dessen Bruder Horace. Albert wird als »sehr joviale Persönlichkeit und echter Lebenskünstler«7 bezeichnet. »In weiten Kreisen in Wien und in Budapest kannte man den hageren, aufrechten, heiteren weißbärtigen Greis mit dem sonoren Organ.« War sein Vater aus Galizien nach Wien gelangt, weitet Albert seine Tätigkeit bis nach Amerika und in den Orient aus – eine äußerst mobile Familie. Zehn Jahre lang dient nun die Ischler Villa als Mittelpunkt des sommerlichen Familienlebens, 1918 verkauft Ernst Landau. Das Ende der Monarchie markiert zugleich auch das Ende des sagenhaften Reichtums der Familie Landau.
Nach einem kurzen Zwischenspiel – die Villa ist für fünf Jahre im Besitz des k. u. k. Hof- und Armeelieferanten Matthias Wotroubek, der auch die benachbarte Nestroy-Villa, die als Egger-Villa bezeichnet wird, erwirbt (siehe Kapitel 3) – prägt ab 1923 eine weitere schillernde Familie die Geschichte der Villa: Oskar und Nelly Inwald von Waldtreu kaufen beide Villen und nennen somit einen Besitz von einem Hektar mitten in der Stadt ihr Eigen.
Oskars Vater Josef hat sein Geld mit Glasfabriken in Böhmen gemacht und hinterlässt seinen zahlreichen Kindern ein großes Vermögen. Oskar studiert Chemie, ein für die Glaserzeugung durchaus bedeutendes Fachwissen, doch ernsthafte Forschung und Produktentwicklung interessieren ihn nur mäßig. Sein eigentliches Faible gilt Autos. Er fungiert als Vizepräsident des Österreichischen Automobilclubs und ist mit diesem Amt offenbar völlig ausgelastet, seine Tätigkeit als Verwaltungsratsmitglied der familieneigenen Glasfabriken kann wohl eher als repräsentativ angesehen werden. Oskars Privatleben gestaltet sich turbulent: Im Jahr 1900 heiratet er in Washington Meta Wimpffen, die jedoch nur ein Jahr später bei der Geburt ihrer Tochter Maria stirbt. Oskar heiratet ein zweites Mal, seine zweite Frau Nelly stirbt im Jahr 1936 an den Folgen ihrer Drogensucht. Zu diesem Zeitpunkt ist seine Tochter Maria bereits seit zehn Jahren mit Géza Erös de Bethlenfalva verheiratet, dessen Familie Schloss Hüttenstein nahe St. Gilgen besitzt. Auch er stammt aus einer schillernden Familie. Gézas gleichnamiger Onkel war mit Elsa Gutmann8 aus der bedeutenden Kohlenindustriellen-Familie verheiratet, die in zweiter Ehe den regierenden Fürsten Liechtenstein heiratet, eine etwas unkonventionelle Verbindung. Géza junior und sein Schwiegervater Oskar Inwald teilen die Begeisterung für Autos und stehen im Mittelpunkt der Gesellschaft: Das Hochzeitsfoto von Géza und Maria wird im Wiener Salonblatt abgedruckt.

Die Hochzeit von Géza und Maria Erös im Salonblatt, 1.11.1925
Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten handeln Oskar und Géza rasch, um den Besitz zu erhalten. Im Juni 1938 verfasst ein eifriger Ischler Bürger zahlreiche Informationsblätter über die jüdischen Villenbesitzer mit haarsträubenden Aussagen und Denunziationen. Es geht immer in dieselbe Richtung: Juden, die sich während des Krieges oder der sogenannten Inflationszeit bereichert hätten, würden sich nun in Ischl einkaufen, ein Klischee, das sich durch alle der beschriebenen Fälle zieht. »Er [Oskar] verkehrte nur mit Juden, hauptsächlich solchen aus der Tschechoslowakei, und war häufiger Besucher des Golfplatzes in Wirling, bei dem der als Kommunist bekannte Mandl eine Funktion hatte.«9 Was auch immer diese Informationen zur Sache tun.
Bald bekommen die Behörden jedoch heraus, dass ihnen dieser Besitz, einer der schönsten, größten und wertvollsten in Ischl, weggeschnappt wurde. Und zwar durch einen Kaufvertrag zwischen Oskar und Géza, der, von der Vermögensverkehrsstelle bewilligt, bereits am 8. Oktober 1938 ins Grundbuch eingetragen wurde. Nun zeigt sich einmal mehr, wie radikal die Ischler Nazis sich sogar gegen die Vermögensverkehrsstelle stellen. Am 10. Oktober empört sich Anton Kaindlsdorfer, der Direktor der Sparkasse Bad Ischl und seines Zeichens Ortsgruppenleiter, darüber: »Dieser Vertrag dient also in Wirklichkeit nur dazu, um diese wertvolle große Liegenschaft in Bad Ischl irgendwie der Familie zu sichern.«10 Damit hat er zweifellos recht. Und er schreibt auch gleich an die Gestapo: »Der Jude Inwald besitzt große Fabriken im Sudetenland und ist sehr reich. Sein Schwiegersohn Géza Erös hat einen großen Lebensaufwand geführt und ist für die Zukunft auch sonst von Seiten dieses Juden versorgt worden.« Die üblichen Denunziationen.
Dann kommt er auf den Punkt, denn es ist klar, »dass der Jude Inwald diese Liegenschaft im Werte von ungefähr RM 100 000 verkaufen muss und dass der Kaufpreis dann den Reichsbehörden jederzeit zum freien Zugriffe offensteht. Wenn der Jude Inwald ins Ausland reisen würde, dann muss er auch die Reichsfluchtsteuer zahlen.« In diese Berechnung fiele nun der Ischler Besitz nicht mehr, da Inwald ein »entgeltliches Rechtsgeschäft« mit seinem Schwiegersohn »fingiert« habe. Auch Géza Erös wird nicht verschont, denn dieser sei »geistig wenigstens ebenso verjudet« wie sein Schwiegervater und »körperlich nach den Mitteilungen, die uns zugekommen sind, zweifellos ein Halbjude«11. Was für ein Ton in der Welt der Denunzianten. Der Gestapo wird dieser Fall nahegebracht, um zu verhindern, dass vielleicht auch andere jüdische Villenbesitzer auf die Idee kommen, ihren Besitz an nichtjüdische Verwandte zu verkaufen – dann wäre der ganze radikale Arisierungsplan der Ischler verdorben. »Jeder Jude hat dann einen entfernten arischen Verwandten, dem er seine Liegenschaft übergibt und dann lebt wieder die ganze Mischpoche hier.« Dies würde die Enteignung wertvoller Besitzungen wie der Villa Landauer (siehe Kapitel 13) ernsthaft gefährden. Daher muss die Gestapo sofort eingreifen: »Unsere ganze mühevolle Arbeit hier ist dadurch wertlos und das dritte Reich, für welches wir kämpfen wollen, hat einen nicht wieder gutzumachenden Schaden.« Also: Die Gestapo möge die bereits im Grundbuch eingetragene Eigentumsübertragung revidieren und Oskar Inwald und Géza Erös gleich verhaften. Doch die Gestapo denkt überhaupt nicht daran, diesen Vorschlägen nachzukommen, und lässt sich mit der Recherche Zeit. Am 18. Juni 1940 erhält Wilhelm Haenel (siehe Kapitel 25) als Sonderbeauftragter für die Übertragung jüdischen Besitzes ein Antwortschreiben: »Auf Grund des Ermittlungsergebnisses konnte der Tatbestand der Tarnung jüdischen Vermögens nicht festgesetzt werden.«12
Oskar Inwald stirbt am 31. Dezember 1938 in seiner Wiener Wohnung, Géza und Maria Erös sehen keine Zukunft in Österreich und gehen nach New York. 1951 verkaufen sie die Villa Seilern an die Lehrerkrankenfürsorge für Oberösterreich – auf elegante Aristokratie und mondäne Nouveaux Riches folgen Kurgäste. Auch das ist ein Zug der Zeit des 20. Jahrhunderts.
Bildnachweis
Bad Ischl, Stadtmuseum: 144, 145, 147, 149, 241
Lothar Bienenstein: 24, 91, 97, 124, 158, 175, 181, 189, 197
Eva Cserey, Ein Salzburger Renaissanceofen im Christlichen Museum zu Gran: 115
Familie Dirsztay: 40
Henry Grunwald, Ein Walzer muss es sein: 108, 111
IMAGNO: 33, 45, 47, 53, 62, 69, 71, 73, 74, 98, 132, 140, 151, 154, 165, 167, 168, 177, 179, 185, 194, 201, 205, 231, 238
KHM-Museumsverband, Theatermuseum Wien: 107
Franz Mailer, Oscar Straus: 43
Familie Neumann-Spallart: 79, 81, 82
Oberösterreichisches Landesarchiv: 65
Österreichisches Nationalbibliothek/ANNO: 19, 25, 27, 36, 39, 55, 57, 61, 75, 78, 87, 100, 119, 127, 130, 134, 136, 146, 162, 170, 171, 173, 190, 211, 228, 232
Privat: 10, 13, 24, 84, 91, 95, 97, 101, 116, 117, 124, 159, 175, 200, 208, 235, 237, 244, 248, 143, 169
Erwin Rauscher: 31, 46, 59, 67, 90, 207, 213, 216, 219, 223, 224
Sprengel-Museum Hannover: 37
Bad-Ischl-Karten im Vor- und Nachsatz: © arbeitsgemeinschaft kartographie
Der Verlag hat alle Rechte abgeklärt. Konnten in einzelnen Fällen die Rechteinhaber der reproduzierten Bilder nicht ausfindig gemacht werden, bitten wir, dem Verlag bestehende Ansprüche zu melden.

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Schutzumschlag: Engelskapelle und Johannesbrunnen am Hof
der Familie Irxenmayr in Pierbach, © Verband Mühlviertler Alm
Wanderkarte auf Seite 228/229: © GISDAT/Michael Strasser
Herstellung: Franz Hanns
Gesetzt aus der 11/14 Punkt Minion
Gedruckt in der EU
ISBN 978-3-85002-809-7
eISBN 978-3-902862-12-9
Am Ziel
Angekommen.
Eigentlich könnte ich das Buch damit schon beenden. Mit dem Wort ist alles gesagt. Wer angekommen ist, ist dort, wo er hin wollte im Leben. Er hat seinen Platz gefunden. Er ist daheim. Er ist bei sich. Umgeben von Menschen, mit denen er alt werden möchte. Angekommen. Fertig.
Im Verlag hat man mir gesagt, dass das so nicht geht. Das genügt nicht für ein Buch, Herr Doktor, haben sie gesagt, Sie als Hautarzt wissen das vielleicht nicht, ist ja nicht direkt Ihr Metier. Aber Autoren arbeiten nicht so.
Das hat mich schon stutzig gemacht. Aber dann ist mir ein polnischer Autor eingefallen, Stanislaw Lec hat er geheißen. Und er hat gesagt: »Ich wollte der Welt nur ein einziges Wort sagen. Da ich es nicht konnte, wurde ich Schriftsteller.« Das hat mir eingeleuchtet, man soll von den Guten lernen.
Wobei es so gar nicht mein Ehrgeiz ist, mich als Schriftsteller hervorzutun. Ich möchte nur in Worte fassen, worauf es mir ankommt.
Und das ist: ankommen.
Ich persönlich bin optimistisch, dass es mir bald gelingen dürfte. Ich habe eine Idee, wie es auch anderen gelingen könnte. Ich habe eine Vision von dem Weg, den man gehen muss. Zu sich. Auf andere zu. Und mit ihnen in eine bessere Gesellschaft. Ich nannte ihn Johannesweg.
Wobei es so gar nicht meine Eitelkeit ist, mich als Person in den Vordergrund zu stellen. Ich wollte nur einen Namen haben, für das, womit ich auf die Leute zukommen möchte. In meinem Freundeskreis hat man mir gesagt, dass das schon in Ordnung ist. So heißt du halt einmal, Johannes, haben sie gesagt, mit dem Namen bist du auf die Welt gekommen. Damit hat dein Lebensweg begonnen.
Und damit beginnt der Weg eines jeden. Jeder kommt auf die Welt und damit zum ersten Mal an.
Gleich nach der Geburt ist man also dort, wo man sein Lebtag wieder hin will. Vielleicht nicht unbedingt schon am richtigen Platz, aber ganz bei sich. Nur weiß man das noch nicht. Und noch viel weniger kann man was dafür. Man hat nichts dazu getan, um auf die Welt zu kommen. Umso mehr kann man dafür tun, seinen Weg zu finden. Das Leben ist ungerecht, fad ist es nicht.
Deshalb strudelt man sich von dem Tag der Geburt an dafür ab, auf sein Ziel zuzusteuern. Auf einer Geraden ist man dabei nicht unterwegs, das brauche ich niemandem zu erzählen, der auf eigenen Beinen stehen kann. Bei manchen ist das früher, bei anderen später. Meistens ist man einigermaßen selbstständig, wenn man nicht mehr fragt, wo man herkommt, und nicht mehr sagt, wo man hingeht. An dieser Weggabelung geht es dann in alle Richtungen zum Erwachsensein.
Egal, welche man nimmt, man schleicht sich auf Umwegen ans Ziel an. Was vorwiegend daran liegt, dass man es noch gar nicht kennt, dieses Ziel. Das ist mitunter ärgerlich, aber nicht schlecht eingerichtet vom Leben. Man muss schon einmal falsch abbiegen, um den richtigen Weg zu finden. Man muss schon hie und da in die verkehrte Richtung rennen, um den rechten Weg zu erkennen. Man muss schon ab und zu Abkürzungen nehmen, um Zeit zu gewinnen. Man muss schon da und dort in Sackgassen landen, um sich neu zu orientieren. Man muss sich schon dann und wann auf dem Weg anderer verirren, um auf den eigenen einzuschwenken. Man muss schon immer wieder stehen bleiben, um weiterzukommen. Die Methode ist mühsam, unsinnig ist sie nicht.
Wenn man genug Erfahrung gesammelt hat, ist man alt genug, um sie auszunutzen. Das hab nicht ich mir ausgedacht, das ist von William Somerset Maugham. Ich hab’s nur weitergedacht und bin draufgekommen, dass man seine Erfahrungen in jedem Alter anders ausnutzt.
Bis zwanzig kommt es einem nicht so sehr drauf an, dass man ankommt, sondern wie man bei anderen ankommt.
Man ist Kind, in der Pubertät, ein Jugendlicher. Alles Lebensphasen, in denen man sich überhaupt nicht auskennt. Und je mehr man über sich erfährt, desto weniger weiß man etwas mit sich anzufangen. Was das eine Stadium vom anderen unterscheidet, sind Vorsilben. Man will geliebt, beliebt, verliebt sein. Ankommen, das hätte ich mir als Tattoo auf die Stirn ritzen lassen, ist in dem Alter noch kein Thema. Man wär schon froh, wenn man wüsste, wo man hin soll mit sich.
Und doch sind diese Jahre der Prägestempel auf dem Leben. Und wenn die Erfahrungen die Summe aller Irrtümer sind, dann werden sie während dieser Zeit vorwiegend von anderen begangen. Wo man hineingeboren wird, wie man erzogen ist, womit man aufwachsen musste, bestimmt, wem man vertraut, was man sich zutraut, ob man sich überhaupt was traut. Den Rucksack, den man später auf dem Buckel hat, schleppt man seit damals mit. Wie schwer man daran zu tragen hat, entscheidet man nicht selber. Wie lange man ihn trägt, schon.
Ich bin so einiges von dem, was mich bedrückt hat, erst sehr spät losgeworden. Wie ein Lastenesel konnte ich lange nicht unterscheiden, ob man mir Klumpert oder was von Wert aufgeladen hat. Bis ich endlich den Mut aufbrachte, den Rucksack aufzumachen, den Inhalt anzuschauen und das Schwerwiegendste auszumisten. Mir war erheblich leichter nachher. Und mit jedem Plunder, den ich abwerfe, haben es die anderen leichter mit mir.
Bis dreißig ist man dem Ankommen noch immer nicht viel näher. Man kommt ziemlich dran, auf vieles drauf und an manchem nicht vorbei.
Man ist ein Twen. Und damit in der Lebensphase der großen Entscheidungen. Was könnte ich werden? Mit wem möchte ich mich zusammentun? Wie oft will ich mich vermehren? Ich bin Hautarzt geworden. Ich habe meine erste Frau geheiratet. Ich habe zwei Kinder bekommen. Und eine Ahnung, wieso etliches schiefläuft im Leben.
Die ersten Erfahrungen, auf denen meine Idee zum Johannesweg fußt, machte ich in der Praxis. An der Haut sieht man, ob sich jemand wohl fühlt in ihr oder ob ihn was krank macht. Ich sammelte die Fakten, konnte sie aber noch nicht zusammensetzen. Die Botschaft, dass etwas nicht stimmt an, mit und um uns, war bei mir angekommen. Aber ich war selber einer, an dem etwas nicht stimmte. Zu beschäftigt, um mich mit dem Wesentlichen zu beschäftigen. Zu geschafft, um mehr zu tun, als mir die Reputation des Tüchtigen und meiner Familie die Existenz des guten Mittelstandes zu erschaffen. In der Sturm-und-Drang-Zeit besteht der Sinn des Lebens darin, voranzukommen.
Ab vierzig kommt man langsam dazu, sich Gedanken übers Ankommen zu machen, und darüber, was da auf einen zukommen könnte.
Man ist in den besten Jahren. Man hat sich im Leben eingelebt. Bei den einen wachsen die Sorgen mit den Kindern mit, die anderen haben ihre eigenen Probleme. Das, was man sich aufgebaut hat, ist fast fertig. Man feiert Dachgleiche. Und hegt doch schon die leise Befürchtung, die Decke könnte einem auf den Kopf fallen.
Mit zunehmender medizinischer Kompetenz gelang es mir nach und nach, die Mitteilungen der Haut immer schneller zu lesen und immer besser zu verstehen. Midlifecrisis stand auf meiner. Aber Ärzte sind miese Patienten, insbesondere in der eigenen Praxis. Bei den anderen wusste ich genau, was nicht in Ordnung war. Ich hatte gelernt, ihnen unter die Haut zu schauen. Bei mir schummelte ich mich um die Diagnose herum, dass es so nicht weitergehen konnte.
Schließlich sagte ich es mir. So kann es nicht weitergehen. Wenn es so weitergeht, bist du tot, lange bevor du stirbst. Die Therapie, die du brauchst, heißt Veränderung, verschreib sie dir endlich. Und ich verschrieb sie mir. Ich heiratete meine zweite Frau. Sie schenkte mir zwei Kinder. Und eine neue Lebensaufgabe. Wir bauten den Johanneshof um. Den Platz, an dem ich ankommen sollte.
Ab sechzig kommt man nicht drum herum, dass einen das überkommt, was man die Gunst des Alters nennt.
Man ist im Spätsommer des Lebens. Man ist ein bisschen bequemer, ein bisschen gesetzter, ein bisschen nachdenklicher geworden. Man ist noch gut zu Fuß, aber man überlegt sich seine Schritte genauer. Die Siebenmeilenstiefel, die man so lange getragen hat, zieht man nur noch in Gedanken an. Wenn jemand die Beine in die Hand nimmt, dann ist es die Fantasie, die den Wunschvorstellungen, den nicht erfüllten Träumen auf den Fersen bleiben will.
Bei mir begann sie zu galoppieren, als ich mir vorstellte, was ich mit dem Herbst meines Lebens anstellen sollte. Am Ball zu bleiben, indem ich ihn mit einem Schläger über neun Löcher treibe, erschien mir etwas wenig. Und die Lösung war kein Golfplatz mit achtzehn Löchern. Die Lösung war der Johannesweg.
Hintergrund des Ganzen ist ein globales Gefühl der Unruhe und der Unsicherheit. In ökonomisch holprigen Zeiten sehnen sich die Menschen wieder nach Substanz, nach wahren Werten wie Freundschaft, Familie, Glaube, Zuversicht. Was man sucht, findet man in keinem Sparbuch, keiner Aktie und keinem Wertpapier. Man sucht das Vertrauen in sich und in die Zukunft, man sucht das Glück. Der Johannesweg soll den Menschen den Mut machen, den sie brauchen, um nach vorne zu schauen. Er soll ihnen dabei helfen, sich wieder auf sich selbst zu besinnen. Und er soll ihre geistige und körperliche Gesundheit fördern.
Um zu sehen, wie nötig wir das haben, braucht man kein Arzt zu sein. Aber es hilft. Man lügt sich leichter in die Tasche eines Nadelstreifsakkos als in die auf einem weißen Kittel. Der Anstieg der Burnout-Erkrankungen ist kein Geheimnis. Der Stress nimmt überhand. Gemeinsam mit dem Rest der unerträglichen Schwere des Seins fügt sich alles in eine gewisse Endzeitstimmung. Die latente Panik macht langsam, aber sicher krank. Das möchte ich ändern.
Und irgendwann, dort auf meinem Johanneshof, angekommen in der Gewissheit, dass ich mehr als Golfspielen will, hatte ich die Idee, wie das funktionieren könnte. Es sind bloß zwölf Stationen, über die man zum Ziel kommt. Und das ist für jeden Einzelnen: gesund und zufrieden bis ins hohe Alter im Einklang mit den Gesetzen der Natur und in Harmonie mit seinen Mitmenschen zu leben.
Diese zwölf Stationen sind Gegenstand meiner Vision und Inhalt dieses Buches. Sie sind einleuchtend, leicht zu praktizieren sind sie nicht. Sonst wären wir alle schon dort angekommen, wo wir hin wollen. Sonst wäre die Gesellschaft schon die, in der wir leben wollen.
Ich möchte jeden bewegen mit meiner Idee. Sie soll ans Herz gehen und einem in die Glieder fahren. Einen seelisch aufrichten und körperlich antreiben. Um die Stationen geistig durchzugehen, habe ich sie hier aufgeschrieben. Um sie physisch zu durchwandern, gibt es den Johannesweg auch in natura. In Oberösterreich, ausgehend von der Gemeinde Pierbach im Mühlviertel.
Der Johannesweg ist die österreichische Antwort auf den Jakobsweg. Es ist kein Ausstieg, es ist ein Einlenken. Zweiundsiebzig Kilometer lang schlängelt sich der Weg durch ein paar der sehenswertesten Gegenden des Landes und führt ans Licht. Das Symbol des Lichts in der Pflanzenwelt ist die weiße Lilie. Deshalb wurde die Strecke nach der Form ihrer Blüte abgesteckt. Würde jemand den Johannesweg vom Himmel aus betrachten, läge eine riesige Lilie unter ihm.
Der Tag, an dem der Johannesweg erstmals begangen wird, ist der Tag von Johannes dem Täufer. Er war der Cousin von Jesus und der erste Rufer in der Wüste. Seine Worte haben viel mit den Werten zu tun, die heute, zweitausend Jahre später, wieder von Bedeutung sind. Dass auch der Täufer ein Johannes war, fügt sich wie ein kostbarer, alter Stein ins Mosaik meiner Vision von einer neuen Zukunft.
Wobei es so gar nicht meine Intention ist, mich hier mit einer Art Religion hervorzutun. Die Werte, um die es mir geht, kommen in jeder Religion vor. Die zwölf Stationen des Johanneswegs sind weder Gebote noch Dogmen, weder Glaubenssätze noch Vorschriften, weder Befehle noch Aufträge. Sie haben nichts mit Müssen zu tun, sie mögen das Können fördern. Sie sind eine Einladung, sich der Pflichten aller zu besinnen, um die Rechte jedes Einzelnen zu stärken. Das ist der Sinn dieser Bewegung.
Um miteinander etwas zu bewirken, habe ich einen Verein zum Johannesweg gegründet. Wer ihm beitreten will, hilft nicht nur sich selbst auf seinem Weg in ein gesundes Morgen, sondern auch anderen. Mit dem Mitgliedsbeitrag werden bedürftige und behinderte Menschen unterstützt. Das ist der Zweck dieser Gemeinschaft.
Wer im Unterholz des Johanneswegs nach esoterischem Kleinod suchen will, wird mit Sicherheit enttäuscht sein. Mit Esoterik kann und will ich nicht aufwarten. Meine Absicht ist es nicht, andere von dem zu überzeugen, wovon ich überzeugt bin. Schlimmer, ich habe gar keine Absicht. Ich hatte nur eine Idee. Und leiste mir den Luxus einer Vision. Mit erhobenem Zeigefinger kann man mit niemandem Hand in Hand gehen. Schon gar nicht auf dem Johannesweg.
Ich lade jeden ein, mich zu begleiten. Ich freue mich über alle, die mitkommen. Ich wünsche jedem, dass er ankommt. Am Ziel seines Johanneswegs.
Am Weg
Die zwölf Stationen des Johanneswegs
1 Humor soll dein Leben begleiten, denn er beflügelt deinen Geist und erfreut die Gesellschaft.
2 Bewahre die Geduld, dann kannst du den Tag ohne Hast erleben.
3 Bleibe mutig, es befreit dich von lähmender Angst, der Basis vieler Krankheiten.
4 Werde großzügig und strebe nicht gierig nach noch mehr.
5 Sei tolerant gegenüber deinem Gesprächspartner und akzeptiere auch seine Vorstellungen.
6 Erhöhe dich nicht selbst und sprich nicht abfällig über die anderen – früher oder später fällt es auf dich zurück.
7 Sei hilfsbereit und ein guter Gastgeber – es lohnt sich für beide Seiten.
8 Halte Maß in allen Dingen, besonders auch beim Essen und Trinken.
9 Egal, wie alt du bist, jammere nicht und sei zufrieden mit deinem Los.
10 Pflege deinen Körper, aber identifiziere dich nicht mit ihm, sondern halte ihn in Balance mit deinem Inneren.
11 Der Ernst des Lebens braucht Freude als Treibstoff der Lebendigkeit.
12 Der Schlüssel zum gesunden Altern liegt in deinem Alltag.

Bildnachweis
Helmut Luther (17, 33, 57, 64, 71, 81, 86, 99, 115, 117, 125, 129, 139, 160, 164, 184, 195, 203, 213, 216, 223, 227, 237, 249, 260, 267, 270), Wikimedia Commons/Lungoleno (28), Archiv des Amalthea Verlages (41, 44, 53, 93, 175, 201, 235), AKON Ansichtskarten Online (55, 255, 265), Biblioteca Archivio del CSSEO (61), Wikimedia Commons/Tropenmuseum, part of the National Museum of World Cultures (75), IMAGNO/Austrian Archives (S) (105), lacollina.org (108), IMAGNO/Franz Hubmann (135), IMAGNO/Österreichische Nationalbibliothek (147, 243), Wikimedia Commons/Foto: FORTEPAN/Budapest Fõváros Levéltára (171), IMAGNO/Sigmund Freud Privatstiftung (183), Wikimedia Commons/WestportWiki (198), SRS – Rene van Bakel (204)
Übersichtskarte Seite 10/11: © arbeitsgemeinschaft kartographie
Der Verlag hat alle Rechte abgeklärt. Konnten in einzelnen Fällen die Rechteinhaber der reproduzierten Bilder nicht ausfindig gemacht werden, bitten wir, dem Verlag bestehende Ansprüche zu melden.
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Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT
Umschlagabbildung: Das Café Principe Umberto in Abbazia, Kroatien, Postkarte um 1920 © IMAGNO/Archiv Dr. Samsinger
Herstellung und Satz: Lothar Bienenstein KG
Gesetzt aus der Minion Pro und Museo Sans 500
Printed in the EU
ISBN 978-3-99050-072-9
eISBN 978-3-903083-58-5
Inhalt
Einleitung
Drei Brüder
CLES – VERVÒ
Pezzi grossi – schwere Brocken
VILLA LAGARINA – NOGAREDO
Ein capostazione, der das große Los gezogen hat
MORI – ARCO – RIVA
Wiege eines Bundeskanzlers
RIVA
Ein landschaftsmensch
NAGO
Treu der Pflicht, fest im Recht
PRIMIERO
Der Weltmusiker aus Legnago
LEGNAGO
In Venedig fing alles an
VENEDIG – MESTRE
Ihr Blick ging in die Ferne
GORIZIA– CORMÒNS
slowenischer Ikarus
GORIZIA
Ein Nachfahre von Eichendorffs taugenichts
GORIZIA – TRIEST
Die Welt als Bühne
TRIEST
Haifisch aus dem Ghetto
TRIEST
schatten der Vergangenheit
OPICINA – TRIEST
Es gibt keine Alpen mehr als hindernde schranke
TRIEST
Im Auge des Zyklons
TRIEST
capo, Nero, Deca
TRIEST
Wo Pferde Vorfahrt haben
LIPICA
Mother’s little helper
OPATIJA
Zwei Erfindungen
RIJEKA
Traumgestalt aus der Pampa
VIŽINADA
Ein glückloser Erfinder
MOTOVUN
Wie schön wäre es als Feuerwehrmann auf Brijuni
DIE BRIJUNI-INSELN
Glück einsamer Nachtwachen
PULA
Nachwort
Literaturverzeichnis
Personenregister
Ortsregister
In Venedig fing alles an
VENEDIG – MESTRE
Mit rund einer Million Zeichnungen und druckgrafischen Blättern gehört die Wiener Albertina zu den bedeutendsten Kunstsammlungen der Welt. Was heute hinsichtlich Größe und Bedeutung den Rahmen unseres Vorstellungsvermögens sprengt, hat eher bescheidene Ursprünge. Friedrich Heinrich Füger, Historienmaler und Vizedirektor der Wiener Akademie, hat den großen Augenblick festgehalten: Mit stolzgeschwellter Brust präsentieren Herzog Albert und seine Gemahlin Maria Christina Kaiserin Maria Theresia, was sie von ihrer Grand Tour mitgebracht haben, eine Sammlung von dreißigtausend kostbaren Drucken. Der Mittelsmann, der dem hohen Paar die Frucht seiner »beglückenden Mühen« in seinem Palazzo in Venedig als Geschenk überreicht hat, ist ein alter Bekannter. Graf Giacomo Durazzo, kaiserlicher Gesandter in Venedig, war zehn Jahre lang Leiter der Wiener Hoftheater gewesen. Dort hatte man sich kennen und schätzen gelernt. Man teilte eine Leidenschaft für das Theater, liebte die Musik und die bildende Kunst. 1774 bat der sechsunddreißigjährige Herzog seinen Vertrauten in Venedig um einen Gefallen: Er möge für ihn eine Sammlung zeitgenössischer Drucke anlegen, geordnet nach Schulen und Kunstregionen und bitteschön nicht zu bescheiden! Vorbild waren die französischen Enzyklopädisten, die das Wissen ihrer zeit in lehrhafter Absicht zusammenfassten. Graf Durazzo und Herzog Albert waren Mitglieder einer Freimaurerloge, beide fühlten sich von den Idealen der Aufklärung beseelt.
In Venedig hat also alles angefangen. Mit den nötigen Mitteln und Kennerschaft ausgestattet, schuf dort Graf Durazzo die Keimzelle der Albertina. zu Recherchezwecken will ich ebenfalls eine kleine »Grand Tour« in die Serenissima unternehmen. Auch Venedig lag einst in Österreich. Durchstreift man die Stadt mit Blick auf Gemeinsamkeiten im zeichen des Doppeladlers, lassen sich überraschende Entdeckungen machen.

Venedig, Palazzo Loredan
Meine erste führt auf das Dach von Marco Loredans Palazzo – ein grandioser Auftakt. Die Hälfte seiner vierundfünfzig Jahre hat der Adelige in London verbracht, zuerst als Student an der renommierten London School of Economics, dann als Händler an der Börse, wo er ordentlich Geld scheffelte. Schließlich ist er nach Venedig zurückgekehrt. »Sie lässt einen nicht los«, sagt der Vier- undfünfzigjährige über die Heimatstadt. Unter seinen vielen geerbten Titeln darf Marco Durazzo auch den eines »Graf(en) von Österreich« führen. »Als die Stadt 1798 nach dem Frieden von Campo Formio an Österreich fiel, boten die Habsburger uns den Prinzentitel an – wir lehnten selbstverständlich ab, die Republik Venedig wurde ja nicht freiwillig zum österreichischen Herzogtum.« Den Grafentitel nahmen die Loredans dann doch zähneknirschend an, bei allem Stolz waren sie stets Realpolitiker.
Mit seinem geblümten, bis zum Nabel geöffneten Hemd und einem speckigen Ledergürtel um die schmalen Hüften ähnelt der Vierundfünfzigjährige allerdings eher einem Bohemien als einem Börsenmakler, erst recht erkennt man in ihm nicht den Grafen, der Wert auf ein distinguiertes Auftreten legt. Marco Loredans mit Büchern und Kunstkatalogen vollgestopfte Dachgeschosswohnung – er organisiert Kongresse und Kunstausstellungen – erinnert an eine Studentenunterkunft. Und hinge an der Wand in seinem Wohnzimmer, wo Marco aus einer alten Mokkakanne Espresso ausschenkt, nicht die Kopie eines Portraitbildes von Giovanni Bellini, man könnte glatt vergessen, wo man sich befindet. Auf Bellinis Bild, es zeigt Marcos Ahnen Leonardo Loredan und ziert heute die London National Gallery, trägt der fünfundsiebzigste Herrscher der Seerepublik die zere-monialkleidung des Dogen: ein golddurchwirktes Stehkragengewand und eine hornförmige Kappe mit scharlachrotem Stirnband, den Corno Ducale. Im Gegensatz zu seinem Vorfahren aus dem 15. Jahrhundert, der in kerzengerader Haltung unnahbar zur Seite blickt, wirkt Marco Loredan aufgeschlossen und natürlich. Und doch ist die Ähnlichkeit unübersehbar: Dieselben markanten Gesichtszüge, ein schmales Kinn, dazu eine spitze Nase und ein kleiner Mund, was dem Gesicht eigentlich einen asketischen zug verleihen würde, wären da nicht Marco Loredans ganzer Habitus und die legeren Kleider, welche bekanntlich schon immer Leute gemacht haben.
Venedig sei eine stille Stadt, sagt Marco, er selbst besitze schon lange kein Auto mehr. »Wenn ich mich auf der Terraferma bewege, nehme ich einen Mietwagen.« Für Transporte und längere Wege in der Stadt benützt der Graf von Österreich sein Motorboot, das er in der »Cavone« genannten Garage seines Palazzos im Sestiere di San Polo parkt. Venedig kann tatsächlich still sein. Nachdem der Strom der Tagesausflügler langsam verebbt war und die übrigen Besucher sich in ihre Quartiere zurückge zogen hatten, konnte ich gestern Abend durch das geöffnete Fenster in meinem B & B Hotel die Schritte der Passanten auf der Gasse hören, auch das Geplätscher des brackigen Kanales, der um die Hausecke vorbeiführt, und das Gurren der Tauben, die in Mauernischen ihr Gefieder putzten. In den Morgenstunden beobachtete ich, wie die Lenker der Lastkähne auf ihren Gefährten alles Mögliche transportierten: Kühlschränke, Matratzen, Bauschutt, sogar die Toten mittels eigener Hebebühne – bevor sie die zu niedrigen Brücken passierten, hinten auf ihren Kähnen stehend, neigten die Lenker ein wenig ihren Kopf, was sie stolz und vornehm wirken ließ.
»Komm, ich zeige dir, warum ich zurückgekehrt bin!«, sagt Marco Loredan, deshalb begleite ich ihn nun zum Dach seines Palazzos hinauf. Es geht über eine abgetretene Holzstiege, vorbei an wurmstichigen Balken – an einem der mannsdicken Stämme hat der Graf ein TRX-Band zur Körperertüchtigung aufgehängt. Oben, beim Blick über das Dächergewirr, verschlägt es mir den Atem. Kein Dach ist wie das andere: Gleich einem Gebirge reihen sich die ziegelroten Flächen aneinander, manche ähneln durchgelegenen Betten, andere sind steil wie das Matterhorn. Es ist eine Symphonie unterschiedlich geneigter Winkel, überragt von gewaltigen, im Sonnenlicht funkelnden Kirchenkuppeln. zwischen dem Rot der Dachziegel und der Kupferpatina der Kirchendächer klaffen düstere Gassen, algenfarbene Kanäle, und mitten hindurch windet sich wie ein silbernes Schuppentier der Canal Grande, an dessen Saum die allerschönsten Palazzi kleben. »Seit über tausend Jahren gehört unsere Familie zu den führenden Geschlechtern Venedigs – und im Gegensatz zu vielen anderen gibt es uns noch«, sagt Marco Loredan mit einem feinen Lächeln. Er kann sich auf der Dachterrasse nach allen Seiten umdrehen und braucht nur die Hand auszustrecken, um wie nebenbei anzumerken: Diesen oder jenen Patrizierpalast mit reicher Marmorverzierung bewohne gerade eine Tante, ein Cousin oder Bruder – oder zumindest habe er einst den mächtigen Loredans gehört. Wie der Palazzo im Sestiere Dorsoduro am Canal Grande, der heute zum Besitz eines Freundes gehört. Unter dem Dogen Francesco Loredan wurde das Gebäude 1754 zum Sitz des Österreichischen Botschafters, daher sein Name »Palazzo Loredan dell’ Ambasciatore«. Von 1764 bis 1784 residierte in dem prachtvollen Gebäude aus dem 15. Jahrhundert Giacomo Durazzo als kaiserlicher Botschafter. Von Herzog Albert unter Gentlemen gebeten, erwies er ihm den schon erwähnten Gefallen – wofür die Nachwelt allen Grund zur Dankbarkeit hat.
Zweimal in seiner langen Geschichte, von 1797 bis 1805 und von 1815 bis 1866, gehörte Venedig zum Habsburgerimperium. Doch schon vorher gab es viele Verbindungen zwischen der Serenissima und dem Kaiserreich. Der Doge Pietro Grimani war ein Freund des Türkenbezwingers Prinz Eugen. Der in Venedig geborene Abenteurer Giacomo Casanova kam 1784 nach Wien, wo er Sekretär des venezianischen Gesandten wurde und seine letzten Jahre als Bibliothekar des Grafen von Waldstein auf dessen Schloss im Norden Tschechiens verbrachte. Überall würden sie aufs Freundlichste empfangen und »so mit Ehren überhäuft …, dass man uns nicht nur durch dem Secretaire vom Hauß in der gondola abhohlen und nach Hause begleiten lässt, sondern oft der Nobile selbst uns nach Hause fährt«, berichtet Leopold Mozart am 6. März 1771 an Gattin und Tochter und zählt unter den ersten Häusern, »der ganzen Nobleße«, die Cornero, Grimani, Mocenigo, Dolfin, Valier etc. auf – und vergisst dabei auch den Grafen Durazzo nicht. Am 20. Februar hatte Vater Mozart den Lieben daheim gemeldet: »Wir sind schon bald in den Gondeln gefahren, die ersten Tage bewegte sich im Schlafe das ganze Bett, und ich glaubte immer, ich wäre in der gondola.«
Von San Marco über die Riva degli Schiavoni erreicht man den Sestiere Castello, eines der ältesten Stadtviertel, und kommt so zur Kirche San Giovanni in Bragora, wo Antonio Vivaldi am 6. Mai 1687 offiziell getauft wurde – nach einer Nottaufe im Geburtshaus, weil sein schlechter Gesundheitszustand ein Durchkommen fraglich erscheinen ließ. Von Karl VI., der ihn bewunderte und dem er sein Opus 9, »La Cetra«, gewidmet hat, erhielt er nach einem Treffen 1728 in Triest den Titel Cavagliere verliehen und folgte dann einer kaiserlichen Einladung nach Wien, wo er für immer blieb.
Das Sestiere Castello bildet den Schwanz am Fischleib, den die Stadt Venedig darstellt. Wandert man von dort über die Rialto-Brücke nach Westen Richtung Bahnhof beziehungsweise Autobusstation, gelangt man zur Frari-Kirche. Dazu kann man den Hauptweg parallel zum Canal Grande nehmen, wo das Ziel auf jeder Hausecke in großen schwarzen Lettern aufgedruckt ist. Jedoch tagsüber ist hier das Vorankommen unter den Menschenmassen eine rechte Plage. Deshalb schlage ich mich mit einer Karte durch die ruhigeren Seitengassen, wo aus dem Fenster gelehnte Frauen einen Schwatz halten oder ihre Wäsche an Drähten zum Trocknen aufhängen. In der Frari-Kirche erhebt sich links vom Eingang als weiße Pyramide wie das Grab eines Pharaos das Kenotaph Antonio Canovas. Begraben wurde der klassizistische Bildhauer in seinem Heimatdorf Possagno bei Bassano del Grappa. Mit einem Zug trauernder Frauen, der sich dem Eingang nähert, sowie auf der anderen Seite einem Löwen neben einem geflügelten Jüngling ähnelt das Scheingrab in der Frari-Kirche frappierend dem Grabmal von Erzherzogin Maria Christina in der Augustinerkirche in Wien. Der Witwer Albert hat es bei Canova bestellt.
Die vom preußischen Gesandten in Wien, Otto Christoph von Podewils, als hübsch und kapriziös beschriebene Erzherzogin war die Lieblingstochter von Kaiserin Maria Theresia, was den Neid ihrer Geschwister hervorrief. Die kunstsinnige Tochter musizierte gerne und malte Genrebilder nach dem Vorbild der französischen und holländischen Meister. Ihre Verbindung mit Prinz Albert von Sachsen war eine Liebesheirat gewesen und wurde – ein äußerst seltener Fall unter den damaligen Fürstenhäusern – von der Mutter unterstützt. Maria Theresia besorgte dem Paar eine standesgemäße Unterkunft in Preßburg, indem sie Albert zum Statthalter von Ungarn ernannte und das Schloss aufwändig renovieren ließ. Als Mitgift bekam Maria Christina das Herzogtum Teschen. Nach der Heirat am 5. April 1766 verfügte das Paar über ein Vermögen von vier Millionen Gulden – was heute etwa sechzig Millionen Euro entspricht. Im Jahr darauf brachen »Mimi« und »Berti«, wie sie sich liebevoll nannten, zu einer Italienreise auf, wo sie in Parma, Florenz, Neapel und Modena die Geschwister der Erzherzogin besuchten. In Neapel kletterte Albert zusammen mit dem britischen Botschafter auf den Vesuv. Den kulturellen Höhepunkt erreichte ihre Bildungsreise am 4. Juli 1776 in Venedig mit der feierlichen Übergabe der von Graf Durazzo in der Zwischenzeit gehorteten Schätze. Beigefügt war der Kollektion wertvoller Drucke ein Werkverzeichnis von eintausendvierhundert Künstlern mitsamt biografischen Abrissen. Im Vorwort, einem Manifest des neuen Mäzenatentums, erklärte Durazzo, dass die Sammlung nicht allein fürstlicher Repräsentationslust zu dienen habe, sondern der moralischen und ästhetischen Erziehung der Menschheit. An jenem 4. Juli, der bis heute als Geburtstag der Albertina gilt, unterzeichneten die Gründerväter die Unabhängigkeitserklärung Amerikas, ein schöner, gleichwohl signifikanter Zufall. Im gleichen Jahr brach James Cook zu seiner dritten und letzten Reise in den Pazifik auf: Wir sind in der Epoche der Aufklärung, die das Jenseits entzaubern und das Leben im Diesseits mit unerschütterlichem Optimismus verbessern wollte.
Ganz hat dieser Plan bekanntlich nicht funktioniert. Zweifellos gelungen aber ist die seit 1919 zum österreichischen Staatseigentum gehörende Albertina. Wer war jener Mann, der den entscheidenden Anstoß zur Gründung der weltberühmten Sammlung gab? Am 27. April 1717 kam Giacomo Durazzo in Genua als dritter Sohn (der Erstgeborene starb schon im Kindesalter) eines der ältesten und bedeutendsten Adelsgeschlechter der Seerepublik auf die Welt. Die Musik und das Theater spielten bei seiner Erziehung eine herausragende Rolle. Großonkel Eugenio war Theaterimpresario, wie es Giacomos älterer Bruder Marcello werden sollte, der in der Stadt drei öffentliche Theater leitete und in seinem Wohnsitz im Palazzo Baldi – heute UNESCO Welterbestätte – das private »Teatro Falcone« errichten ließ, zu dessen Gästen Goldoni, Casanova und Rousseau gehörten. Als drittgeborener Sohn war Giacomo für die geistliche Laufbahn bestimmt. Doch scheinen persönliche Veranlagung und familiendynastische Interessen dazu geführt zu haben, dass er Diplomat wurde – der ältere Bruder Marcello stieg überraschend zum Familienoberhaupt und später zum Dogen auf, was für den Jüngeren einen Weg frei machte. Mit zweiunddreißig Jahren erhielt er das Amt des Botschafters der Republik Genua am Wiener Hof, ein glücklicher Umschwung, auch wenn das Wandeln auf dem diplomatischen Parkett großes Geschick verlangte: Es galt, die Wogen nach dem Österreichischen Erbfolgekrieg zu glätten, in welchem Genua die Partei des Gegners ergriffen hatte. Der junge Graf löste die Aufgabe offenbar zufriedenstellend. Er fand im Staatskanzler Kaunitz einen mächtigen Freund, der ihm die Türen zu den höchsten Kreisen öffnete. 1750 heiratete Durazzo die schöne achtzehnjährige Ernestine Ungnad von Weißenwolff. Als Generalspektakeldirektor wurde er Herr über das Theater am Kärntnertor sowie über das Burgtheater. Während Kaunitz auf der politischen Bühne eine Allianz mit dem ehemaligen Gegner Frankreich einfädelte, agierte Durazzo in kultureller Friedensmission. Als Oberleiter des Musik- und Theaterwesens reformierte er in Zusammenarbeit mit Christoph Willibald Gluck das Wiener Theaterwesen, indem er ein französisches Schauspiel- und Singspielensemble für das Burgtheater engagierte und so nach französischem Beispiel die Opéra-Comique etablierte.

Marco Loredan, Graf von Österreich, auf dem Dach seines Palazzos
Doch es kam wie so oft: Intriganten nützten eine Reise Durazzos, um in seiner Abwesenheit Gerüchte zu streuen und fanden ein geneigtes Ohr bei Maria Theresias Sohn Joseph II., der die frankophilen Tendenzen mit Misstrauen verfolgte. 1764 wurde Durazzo zum Rücktritt gezwungen. Kaunitz, der ihm die Treue hielt, konnte dem Grafen immerhin den Posten eines kaiserlichen Gesandten in Venedig sichern – wir Albertina-Freunde zollen ihm dafür ewig Anerkennung.
Giacomo Durazzo und Venedig, das war also keine Herzensangelegenheit – jedenfalls nicht von Anfang an. Doch die Stadt bot dem Musenjünger reiche Anregungen. Neben dem Theater, der Musik und dem Ballett entwickelte der Graf eine weitere Leidenschaft: das Sammeln von Drucken und seltenen Büchern, wozu es im damals wichtigsten europäischen Zentrum des Buchdrucks reichlich Gelegenheit gab. Heute hütet die Nationalbibliothek von Turin einen Teil von Durazzos kostbarer Bibliothek, darunter die weltweit größte Kollektion von Manuskripten Antonio Vivaldis. Er korrespondierte mit Voltaire und Rousseau. Und er förderte Künstler. 1771 war Mozart Gast in seinem Palazzo am Canal Grande. 1775 beherbergte Graf Durazzo den ligurischen Maler Giovanni David, der ihn sowie seine Frau Ernestine portraitierte und sich als Dekorateur des Theaters La Fenice verdient machte. Außerdem sammelte Durazzo schöne Häuser. Neben seiner Residenz im Palazzo Loredan am Canal Grande besaß er Landhäuser in Treviso, Padua und Mestre. Keine dieser Villen ist erhalten geblieben, doch vom Landhaus in Mestre existieren Pläne, die der Kunsthistoriker Armando Fabio Ivaldi in einer Abhandlung über diese Villa veröffentlichte – und vielleicht gibt es ja irgendwelche Reste.
Das Landhaus habe »in Capo nel Canal di Mestre« gestanden, zitiert Ivaldi eine historische Quelle. Dort, wo der Kanal von Mestre beginnt, starte ich meine Vor-Ort-Recherche. Wenn Venedig den Traum einer Stadt darstellt, dann wartet in Mestre das grausame Erwachen. Alles, was in der Serenissima den schönen Schein trüben könnte – Industrieanlagen, überfüllte Autobahnknäuel, ein stinkender Großhafen, Einkaufszentren und Lagerhallen – konzentriert sich hier mit geballter Hässlichkeit. Auch zum Flughafen Marco Polo ist es nicht weit. Frühmorgens oder am Abend begegnet man in Mestre all jenen Hotelangestellten, Kellnern, chinesischen Imbissbetreibern sowie pakistanischen Regenschirmverkäufern, die in Venedig, sobald es zu regnen beginnt, plötzlich wie aus dem Nichts auftauchen und dort doch keinen bezahlbaren Platz zum Schlafen finden. In nur einer Generation hätte die Stadt beinahe die Hälfte ihrer Bevölkerung eingebüßt, erklärt mir der Barista in einer Seitengasse zur Via Terraglio, als ich bei ihm als einziger Gast einen Spriz trinke (übrigens ein Relikt aus der österreichischen Zeit). »Nach den vergangenen Wahlen hoffen wir nun, dass der erste rechts orientierte Bürgermeister seit dreißig Jahren etwas unternimmt, sonst gehört Venedig endgültig den Ausländern.«
Terraglio hieß früher der Kanaldamm zwischen Treviso und Mestre, an dem entlang die venezianischen Patrizier ihre Sommervillen errichteten. »Er ist inzwischen unter der Hauptstraße verschwunden«, erzählt ein Rentnerehepaar, das in einer Querstraße einen runden Turm aus dem 17. Jahrhundert bewohnt. In der abflauenden Hitze des Spätnachmittages schneidet das Paar die Rosenhecke vor seinem Haus zurück. Es gibt an der Straße zwischen Mestre und Treviso noch andere historische Bauten, manche recht gut erhalten, an anderen wachsen Bäumchen auf den Fenstersimsen. Von Durazzos Villa entdecke ich keinen Stein. Auch die freundlichen Turmbewohner wissen nichts von einer Durazzo-Villa, den Namen des einstigen kaiserlichen Botschafters hätten sie noch nie gehört. Dafür erfahre ich von ihnen, dass »hier Napoleon vorbeizog«.
Kunsthistoriker Ivaldi meint, dass die Lage der Villa strategisch gut gewählt war: Einerseits konnte man die Lagunenstadt mit dem Boot schnell erreichen, andererseits führten wichtige Straßen vorbei, sodass Kuriere unbemerkt vorbeischauen konnten. Ein Zeitgenosse äußerte sich voll Bewunderung über die edlen Gemälde, Möbel, Marmor- und Bronzefiguren, mit denen die Villa »nobile e graziosa« eingerichtet war. Sogar die »co-mode(n)« Gästezimmer hätten den »buon gusto« des kaiserlichen Botschafters bezeugt. Auf einer Zeichnung ist der Garten dargestellt: ein geometrisch geordnetes Gesamtkunstwerk aus beschnittenen Büschen, in das Grün getupften Marmorfiguren und gemauerten Halbkreisen sowie sich sternförmig oder rechtwinklig kreuzenden Wegen, die zur Freitreppe und dem Prachtportal führen. Zur Villa gehörten außerdem ein Privattheater und eine Bibliothek. Mit Lockenperücke und wallendem Mantel, so haben Jakob Mathias Schmutzer und Joseph Wagner den Botschafter 1765 in einem Kupferstich portraitiert. Vielleicht war es in der Villa in Mestre, wo Giacomo Durazzo, wie ihn die beiden Wiener Künstler darstellen, mit der erhobenen Linken auf das Bücherregal in seinem Rücken weist und mit der Rechten in einem Stoß Manuskripten blättert. Ein homme de lettres, Freund der Musen und der gepflegten Konversation, so wollte er gesehen werden. Und so können wir Nachgeborenen uns ein Bild von ihm machen.
In San Moisè in Venedigs Sestiere San Marco hat Giacomo Durazzo seine letzte Ruhestätte gefunden. Die Grabplatte, ein von zahllosen Füßen glatt geschliffener roter Marmor, befindet sich vor den Treppen zum Hauptaltar, wo Gott, von trompetenden Engeln flankiert, Moses die Gesetzestafeln überreicht. Obwohl nahe am Markusplatz, ist es still in der Kirche, vor den Seitenaltären brennen Wachskerzen.
Erneut in die Flut der Venedigpilger tauche ich für mein nächstes Ziel, den Palazzo dell’ Ambasciatore, wohin mich bedruckte Bodenaufkleber lotsen. Sie sollen Biennale-Besuchern den Weg weisen. Während der großen Kunstschau präsentieren im Palazzo dell’ Ambasciatore gerade vierzig Künstler aus dem In- und Ausland ihre Werke. Stilechter, aber leider ziemlich teuer wäre die Annäherung mit dem Boot. Der heutige Palazzobesitzer Filippo Gaggia zeigt mir die mit Trompe-l’oeil und Kronleuchtern geschmückten Säle im Piano Nobile. Die Gaggias wären keine Adeligen, ein Großvater hätte als Tourismusunternehmer und Industrieller Geschäfte gemacht, erzählt der sympathische Signore. Auch er scheint etwas von Geld zu verstehen. Die Appartements, die Gaggia im einstigen Botschafterpalast vermietet, kosten bis zu zweitausendzweihundert Euro pro Nacht. Leider wurde das Gemäuer Ende des 19. Jahrhunderts durch einen Brand stark beschädigt, sodass sich aus der Zeit Giacomo Durazzos keine Erinnerungsstücke erhalten haben. Immerhin, die Biennale-Teilnehmer bringen wieder Kunst ins Haus. Etwa ein aus silbernen Blechteilen zusammenmontiertes Zelt, es ähnelt einem Dinosaurierpanzer und steht im Garten an der Rückseite. Bis auf einen von der Decke baumelnden Getränkekastenwagen sowie eingeschalteten Fernsehgeräten an den Wänden ist das Zelt leer – und Leere, das mag die Botschaft sein, entsteht, wenn sich gegensätzliche Welten paaren. Bleibt nur die Frage, was Giacomo Durazzo dazu sagen würde.

Für Herta
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Umschlagabbildung: Auguste Hirsch, »Kalliope unterrichtet den jungen Orpheus
in der Musik«, 1863, Öl auf Leinwand © akg-images/picturedesk.com
Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten
Gesetzt aus der 11,15/14,9 pt New Caledonia
Printed in the EU
ISBN 978-3-99050-096-5
eISBN 978-3-903083-71-4
Inhalt
Vorwort
privatissime I

Mutters Traum
Erinnerungen zwischen Leobschütz, Zweibrücken und Wien
drammatico

Dopo la scena
Freie Fahrt für Musiktouristen!
Eins zu eins
Tosca und die Security
Butterfly hat überlebt
Von Nagasaki nach London
Hoher Besuch
Tausendsassa Albert Lortzing
arioso

Die Welt des Leo Slezak
Ein Müllerssohn aus Mährisch-Schönberg
Wiedergeburt einer Göttin
Ein Tag mit Commendatore Giovanni Battista Meneghini
cantabile

»Schläft ein Lied in allen Dingen …«
Von Franz Schubert bis Elvis Presley
»So leb denn wohl, du stilles Haus …«
Raimund und das Köhlerlied
Ist das Wienerlied noch zeitgemäß?
Vom »Kleinen Café« bis zum »Herrgott aus Staa«
maestoso

Für Elise recte Therese
Die Katastrophe von Walkersdorf
»Für dich erblühend in Wonne …«
Das Blumenmädchen von Bayreuth
Die heitere Stadt
Johannes Brahms und seine Wahlheimat Wien
»Aufhören, das ist ja furchtbar!«
Gustav Mahler in Iglau
addolorato

Die Todesschüsse von Mittersill
Gedenkblatt für Anton Webern
Das »Winterklavier«
Hugo Wolf in Perchtoldsdorf
»Nimm dich in Acht, Junge!«
Fritz Wunderlich, der Weltstar aus der Provinz
leggiero

Die Kalorienkönigin
Emmerich Kálmán und Maria Pervich
Radio Belgrad, 21.57 Uhr
Die Geschichte von Lili und Marleen
Die Zither nahm er mit ins Grab
Anton Karas und Der Dritte Mann 203
appassionato

Saison am Ossiachersee
Alban Berg und seine Tochter Albine Scheuchl
Wiener Affären
Ein Premierenstreik, eine Watschen und ein Furz
quodlibet

Genie und Ketzer
Der Tiroler Geigenbauer Jacob Stainer
Goldner Klang in dunkler Zeit
Das Wiener Neujahrskonzert
Mozart schlägt Beethoven
Zu Besuch beim Enzesfelder Bücherflohmarkt
Der Opernbus
Von Pressburg bis New York
privatissime II

»Kommst du morgen wieder?«
Dank an meine Musiker
Textnachweis
Personenregister
Eins zu eins
Tosca und die Security
Im »Aldrovandi«, meinem Hotel im Nobelviertel der Villa Borghese, ist alles wie immer: Der Doorman trägt Gehrock und Zylinder, und auch der Chauffeur, der den Shuttle-Service zum Stadtzentrum abwickelt, würde sich nie mit einer jener albernen Zipfelhauben verunstalten, wie sie in den skandinavischen Ländern in Mode gekommen sind. Das vorweihnachtliche Rom kommt ohne penetrante Stimmungsmache aus. In Siena, damals vor zwölf Jahren, hatten sie mir noch ein Bäumchen ins Zimmer gestellt. Heute, im Zeichen des auch in Italien streng gehandhabten Tabakverbots, sind die Rauchmelder so hochentwickelt, dass sie schon beim Anzünden der kleinsten Kerze Alarm schlügen. »Natale« wird in der Ewigen Stadt betont cool gefeiert. Unter den Hotelbediensteten sind kaum noch Italiener: Der Oberkellner ist Rumäne, das Zimmermädchen kommt aus Bangladesch, der Gärtner aus Peru.
Auch der Anblick der bewaffneten Sicherheitskräfte, die vor sämtlichen öffentlichen Einrichtungen und insbesondere vor den diplomatischen Vertretungen postiert sind, lässt kaum Gemütlichkeit aufkommen: Carabinieri und Militär teilen sich den 24-Stunden-Job.
Dezember 2016, auch die Frontseiten der italienischen Zeitungen sind mit Berichten über das Attentat auf den russischen Botschafter in der Türkei und den Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt zugepflastert. Dass ich mir mit dem Phänomen Gewalt leichter tue als das Gros der ausschließlich auf Standard-Sightseeing programmierten Touristen, hängt mit meinem Reiseziel zusammen: Ich bin in Rom, um an diesen vier Tagen die Originalschauplätze der Puccini-Oper Tosca zu erkun den, und da sind in Textbuch wie in Partitur Mord und Totschlag das beherrschende Thema. In der in Echtzeit 18 und auf der Bühne gar auf zweieinhalb Stunden komprimierten Spielhandlung geht es derart martialisch zu, dass am Ende keiner der vier Protagonisten mehr am Leben ist: Der als Republikanerführer von seinen politischen Gegnern verfolgte Cesare Angelotti verübt im Augenblick seiner Verhaftung Selbstmord; sein Freund und Helfer, der Maler Mario Cavaradossi, wird gefoltert und hingerichtet; Polizeichef Vitello Scarpia, der »Tyrann von Rom«, stirbt an den Dolchstichen, die ihm die von ihm begehrte Sängerin Floria Tosca in höchster Not zufügt; und diese selbst stürzt sich am Gipfel ihrer Verzweiflung in die Fluten des Tiber. Ein Thriller fürwahr, Opern-Verismo pur.
Was Giacomo Puccinis Tosca von anderen Bühnenwerken unterscheidet: Es ist unter denen, die ich kenne, das einzige, dessen Schauplätze – Kirche, Adelspalast und Kerker – nahezu 1:1 der Wirklichkeit nachgebildet und bis zum heutigen Tag, also über zwei Jahrhunderte nach den fiktiven Ereignissen, vollständig erhalten geblieben sind. Für den Rom-Besucher, der der Nummer 10 in der Rangliste der meistgespielten Opern an Ort und Stelle nachspürt, bedeutet dies eine Kette von Wonnen der Wiedererkennung – es sei denn, er stieße sich daran, dass »alles« so offen und klar zutage liegt, seiner Fantasie zu wenig Spielraum bleibt für Unvorhergesehenes, für Geheimnis und Spekulation.
Exakt dem Ablauf der von dem französischen Dramatiker Victorien Sardou um 1885 ersonnenen, von den italienischen Librettisten Giuseppe Giacosa und Luigi Illica zum Operntext adaptierten und von Giacomo Puccini anno 1898 vertonten Bühnenhandlung folgend, beginne ich meinen Rundgang am Schauplatz des 1. Aktes: in der Kirche Sant’Andrea della Valle. Wir befinden uns mitten in der Altstadt von Rom; was anderwärts Fußgängerzone wäre, ist hier ein einziges Verkehrschaos, das durch die kurzgeschalteten Ampeln des Corso Vittorio Emanuele kaum zu entwirren ist. Die prachtvolle Architektur der Basilika, zu der auch Michelangelo sein Teil beigesteuert hat, ist ein hervorragendes Beispiel für den Übergang von der Spätrenaissance zum Hochbarock: Über 70 Jahre wurde daran gebaut. Die Höhe der Kuppel, die den einschiffigen Bau krönt, wird nur von der des Petersdoms übertroffen. Sebastian-Verehrer halten die alte Legende am Leben, an dieser Stelle seien die sterblichen Überreste des ersten Märtyrers von Rom gefunden und geborgen worden.
Bei Sonnenschein ist das Kircheninnere von mattem, honigfarbenem Licht erfüllt, für die von 7.30 bis 19.45 Uhr eingeschaltete Tonbandbeschallung hat man sanften Barockgesang ausgewählt. Der Kerzenstand ist von händischem Anzünden auf elektronischen Knopfdruck umgestellt, die in fünf verschiedenen Sprachen erhältlichen Andachtsbildchen kommen aus dem Automaten. Statt Informationsmaterial über die Baugeschichte von Sant’Andrea della Valle bietet die beim Eingang postierte Andenkenhändlerin ausschließlich religiöse Erbauungsliteratur an; an das ehemals in reicher Auswahl erhältliche Ansichtskartensortiment erinnert nur noch ein an die Wand geheftetes Werbeplakat, das ich selbst gegen ein kräftig erhöhtes Spendengeld wohl kaum abnehmen dürfte. Das Fehlen jeglichen Hinweises auf Tosca, deren 1. Akt an diesem heiligen Ort spielt, lässt auf bewusst strenge Trennung von Liturgie und Literatur schließen: Mit solch weltlichem Teufelszeug will man hier nichts zu tun haben. Dazu ist das Theater da, nicht ein Kirchenraum. Ich bleibe also mir selbst überlassen und meiner Fantasie, mir jenen Platz bei der Kanzel vorzustellen, wo Cavaradossi seine Staffelei aufgestellt hat und sein Madonnenbild malt, oder nach jener Seitenkapelle Ausschau zu halten, die dem Gefängnisausbrecher Angelotti als Proviantversteck und Fluchtweg gedient haben könnte. Nur der geschäftige Mesner (dessen Rolle sich für mich auf ewig mit der Erinnerung an den unvergleichlichen Carl Dönch der alten Wiener Tosca-Inszenierung verbindet) könnte konkrete Gestalt annehmen, würde ich für meinen Besuch von Sant’Andrea della Valle nicht einen x-beliebigen Zeitpunkt wählen, sondern einer der täglichen 9- beziehungsweise 19-Uhr-Messen beiwohnen.

Tosca, 1. Akt: die Kirche Sant’Andrea della Valle
Zu der Vormittagsstunde, da ich mich in Sant’Andrea della Valle aufhalte, ist es still in dem heimeligen Gotteshaus. In den Sitzreihen, wo ich Cavaradossis Begegnung mit seiner Geliebten, der Sängerin Floria Tosca, zu imaginieren versuche, erblicke ich nur eine Handvoll Betende; der junge Mann im Arbeitskittel, der sich vor dem Hochaltar zu schaffen macht, ist ein Fliesenleger, der mit ruhiger Hand ein paar der brüchigen alten Platten gegen neue austauscht. Und doch – das Thema Gewalt, das Puccinis Meisterwerk durch alle drei Akte beherrscht, bleibt auch an diesem heiligen Ort nicht gänzlich ausgespart: Mein Blick fällt auf eine Anschlagtafel, die den Besucher nicht nur zu gottgefälligem Verhalten im Kirchenraum, sondern auch zu tatkräftigem Einschreiten ermahnt, sollte er Zeuge eines Vorfalls werden, der nach Polizeieinsatz verlangt. Das Merkblatt ist schon ein wenig zerknittert und vergilbt: Hoffentlich ist die in großen Lettern angeführte Telefonnummer der nächstgelegenen Carabinieri-Station auf dem jüngsten Stand.
Auf dem jüngsten Stand sind die Sicherheitsvorkehrungen jedenfalls an der nächsten Station meines Tosca-Rundgangs, dem Palazzo Farnese (in dem der 2. Akt der Oper spielt). Vom berühmten Campo dei Fiori her, wo inzwischen die traditionellen Stände der Blumenhändler von der Billig-Konkurrenz der Textil- und Lederbranche bedrängt werden, nähere ich mich dem majestätischen Monumentalbau aus dem 16. Jahrhundert, der heute zur Gänze in französischer Hand ist und neben der Botschaft des großen EU-Partners auch dessen Archäologisches Institut und die Französische Schule beherbergt.
Hier zwecks Besichtigung Einlass zu finden, setzt ein kompliziertes Verfahren voraus: Noch von Wien aus und Wochen vor meiner Anreise bringe ich übers Internet meinen Antrag ein, zu einer der regelmäßig stattfindenden Führungen zugelassen zu werden. Während für die Einreise nach Italien der Personalausweis ausreicht, wird mir für den Zutritt zum Palazzo Farnese der Reisepass abverlangt; die per E-Mail übermittelte »confirmation d’inscription« hat mich zuvor schon mit der gebotenen Strenge und dreisprachig (französisch, italienisch und englisch) darüber aufgeklärt, dass ich mich spätestens 15 Minuten vor Beginn der Führung am Ort des Geschehens einzufinden, keine Kinder unter zehn Jahren mitzubringen, Kamera und Video im Hotel zu lassen sowie mein Reisegepäck auf eine Handtasche von »petit format« zu beschränken habe. Damit es zu keinerlei Störung des Botschaftsbetriebes kommt, ist für den Einlass 17 Uhr vorgesehen – in den drei Etagen des Palazzo Farnese gehen die ersten Lichter aus.
Ich bin vor der Zeit zur Stelle, überbrücke die Wartezeit mit einem Martini im »Caffè Farnese«, dessen Fenster den Blick freigeben auf die dem Palast vorgelagerte Piazza gleichen Namens. Schon von hier aus kann ich mir ein Bild von den Sicherheitsvorkehrungen machen, die das Botschaftsgebäude vor Übergriffen schützen: Die Absperrung reicht über die gesamte Frontseite, dahinter ein schwer bewaffneter Bereitschaftswagen der Polizei, ein dichter Cordon aus Carabinieri und Militär, dazu Security-Männer in Zivil. Bevor ich im Caffè meine Zeche begleiche, stöbere ich rasch noch ein bisschen in der Bibliothek, die im Hinterzimmer des Lokals eine komplette Regalwand einnimmt. Es ist wohl die Hinterlassenschaft eines früheren Besitzers: Boccaccio, Daphne du Maurier, Papst Johannes XXIII.
Unterdessen hat sich vor dem Palazzo Farnese unsere Besuchergruppe zusammengefunden, 25 Personen sind zugelassen, sie kommen aus den verschiedenen EU-Staaten, auch aus Japan, Kanada und den USA. Unsere Führerin mit dem schönen Namen Lavinia geleitet uns nach der Überprüfung unserer Papiere zu einer Art Leibesvisitation light – alles mit römischer Gelassenheit, Scherzworte da und dort, eine einheimische Passantin nützt die Gelegenheit, einem der Security-Leute einen Weihnachts-Panettone zuzustecken. Ein zweiter, von der Identifizierung meines Herkunftsstaates sichtlich angetan, bricht in einen Hymnus auf Grinzing aus – ich kläre ihn darüber auf, dass sich der Heurigenbetrieb seit den Tagen seines Wien-Aufenthalts stark verändert hat.
Lavinia zieht ihr 45-minütiges Programm straff durch, beschränkt sich bei ihren Erklärungen aufs Kunstgeschichtliche und Dynastische, erst auf mein Drängen lässt sie sich auch auf ein kurzes Extempore zum Thema Tosca ein. Ja, die riesige, über zwei Stockwerke reichende, 18 Meter hohe Haupthalle mit der 3 Meter starken Eichenholzdecke sei – Puccinis Oper zufolge – als das »Vorzimmer« zu den Gemächern des teuflischen Polizeichefs Scarpia anzusehen, in denen heute Seine Exzellenz der französische Botschafter residiere. Sie lässt dabei einen Anflug von Herablassung erkennen: »Na ja, Theater!« Aber immerhin, so viel Respekt muss sein: »Großes Theater!«
Die Kunstschätze des Palazzo Farnese, an dessen Architektur Michelangelo drei Jahre mitgewirkt hat, sind überwältigend, und überwältigend ist der Bau, den Kardinal Alessandro Farnese 1517 in Auftrag gegeben und aufgrund seiner Ernennung zum Papst (Paul III.) noch um etliches vergrößert hat. Die sechs Lilien im Portalwappen signalisieren die Grandezza der Familie Farnese, Schlüssel und Tiara stehen für die Macht des Vatikans.
Auch die Geschichte der Übereignung des gewaltigen Bauwerks an Frankreich darf nicht zu kurz kommen: Elisabetta, eine der Farnese aus späterer Zeit, heiratet 1714 den Bourbonenkönig Philipp V., der in Personalunion König von Neapel ist. So kommt der Palast in den Besitz des Hauses Bourbon, das auch über Frankreich herrscht. Mit der Installierung der französischen Botschaft in der Mehrzahl der Räumlichkeiten lässt man sich allerdings bis 1874, mit der Inbesitznahme der Liegenschaft durch die République française gar bis 1911 Zeit. Die auf 25 Jahre bemessene Rückkaufklausel, die sich der italienische Staat vorbehält, wird zum Ablaufdatum 1936 von Mussolini genutzt, sodass der Palazzo Farnese seither wieder italienisches Eigentum, jedoch für die nachfolgenden 99 Jahre an Frankreich vermietet ist – zu dem symbolischen Betrag von 1 Lira (aus der inzwischen 1 Euro geworden ist. Ja, alles wird teurer …).

2. Akt: der Palazzo Farnese, seit 1874 Sitz der französischen Botschaft
Ich frage Lavinia nach dem weiteren Schicksal der ruhmreichen Gründerfamilie. Nein, sagt sie, die bis ins 13. Jahrhundert nachweisbaren Farnese seien ausgestorben, schon 1731 ihr Mannesstamm erloschen – kein Wunder bei so viel Geistlichkeit in ihren Reihen. Schlimm genug, dass Alessandro, »ihr« Papst, einen Sohn gezeugt habe: Es ist der 1503 geborene und 1547 ermordete Pier Luigi.
Während die anderen aus unserer Besuchergruppe sich nach Details der im Palazzo versammelten Kunstwerke und insbesondere nach den Beiträgen Michelangelos, Sangallos und all der anderen großen Meister erkundigen, geht mir, dem Opern-Freak, unablässig der Name Scarpia durch den Kopf. Der Palazzo Farnese ist es ja, wo der geile Wüterich amtiert, seine Intrigen spinnt, seine Opfer foltert, seine Hinrichtungen anordnet und vor allem die Sängerin Floria Tosca sexuell bedrängt. Da ist mit den Bearbeitern des Stoffes wohl die Fantasie durchgegangen: Unvorstellbar, dass einem noch so mächtigen Polizeichef ein Ort von dieser Größe und Erhabenheit für sein Wirken zur Verfügung stehen könnte. Da hat die für jede Art von Prunk und Exzess anfällige Theatergattung Oper wieder einmal ordentlich über die Stränge geschlagen. Wie sollte Tosca in einem solchen Koloss von Halle in ihr Vissi d’arte (Nur der Schönheit weiht’ ich mein Leben) oder Unmensch Scarpia in sein Ella verà (Sie wird kommen) ausbrechen?
Fremdenführerin Lavinia beteiligt sich an solchen Spekulationen sowieso nicht, ebenso kompetent wie zügig leitet sie von einer der Skulpturen zur anderen, von einer der Freskenwände zur nächsten über, lässt mich mit meinen Fantasien allein. Eine Frage, die ich von mir aus unterdrücke, ist die nach Renata Tebaldi. Die überragende Primadonna der 1960er-Jahre ist unter »meinen« vielen Toscas eine der eindrucksvollsten gewesen; die Schallplatte mit ihr, Mario del Monaco und George London sollte ich wieder einmal auflegen. Ist ihr, der 2004 in San Marino Verstorbenen, in Gestalt der Uferstraße Lungotevere dei Tebaldi, auf die ich aus einem der rückwärtigen Fenster des Palazzo Farnese blicken kann, ein Denkmal errichtet worden? Die Stadtchronik von Rom schafft Klarheit: Die Tebaldi sind ein altes italienisches Patriziergeschlecht, haben mit der »Engelsstimme« aus dem vorigen Jahrhundert nichts zu tun. Keine Mühe habe ich dagegen mit der Siegeskantate, die Puccini zu Beginn des 2. Aktes aus dem unteren Stockwerk des Palastes dringen lässt: In keinem der zahllosen Konzertsäle von Rom kann ich mir die Huldigungsmusik für die Königin von Neapel authentischer vorstellen als hier.
Dritter Tag, Engelsburg. Der trutzige Rundbau am jenseitigen Ufer des Tiber, ursprünglich von Kaiser Hadrian im 2. Jahrhundert nach Christus als Mausoleum für sich und seine Familie errichtet, sieben Jahrhunderte später zur Festung und zur Zufluchtsstätte verfolgter Päpste ausgebaut und schließlich als Staatsgefängnis genutzt, ist unter den drei Tosca-Schauplätzen von Rom derjenige, der den meisten Zulauf hat: Kein Tourist würde darauf verzichten, den Schauder der stockfinsteren Kerkergänge, Waffenkammern und Verliese auf sich wirken zu lassen, von der Plattform des obersten Geschoßes den Blick auf die Millionen-Metropole zu genießen und dem Geläut von St. Peter zu lauschen.
Hinter diesen Mauern sind sowohl weltliche wie Kirchenfürsten eingesessen, der Physiker Galileo Galilei ebenso wie der Philosoph Giordano Bruno, während Papst Sixtus V. in einem der Keller die Goldreserven des Vatikans einlagern ließ. Als 1798 Napoleons Truppen das Castel Sant’Angelo einnahmen, war es eine ihrer ersten Maßnahmen, die in Stein gemeißelten päpstlichen Wappen am Eingang des Kolosses bis zur Unkenntlichkeit zu zertrümmern.

INHALT
Warum dieses Buch?
Passeggiata mit Ruggero
Accademia Italiana della Cucina
Passeggiata II
Die Märkte
Il Volontariato
Passeggiata III
Fellini
Monte Conero
Passeggiata IV
Die Oper
Libertà e Giustizia
Passeggiata V
Die Carabinieri
Pasta
Passeggiata VI
Dreher, Haas & Co.
Viva l’Italia …?
Todi
La Mamma
Der neue Kapitän
Passeggiata VII
Die letzten Tage von Pompeji
Ostia
Ich bin Bauer
Lucca
Giuseppe Garibaldi
Passeggiata VIII
Bergamo
Der Papst sieht fern
Bomarzo
Passeggiata IX
Personenregister
PASSEGGIATA MIT RUGGERO
Flanieren – ein aus der Mode gekommenes Wort, spazieren ohne Ziel, ohne Zeitdruck. Ruggero kann das noch, den Spaziergang, die Passeggiata.
Er ist mein ältester Freund in Venedig, im doppelten Sinn. Jetzt ist er gerade einundneunzig Jahre alt geworden und bis auf die Probleme mit der nachlassenden Hörkraft geht es ihm gut. Ruggero war einmal Schneider, danach Hotelbesitzer und seit einigen Jahren ist er Privatier. Das Schneiderhandwerk hat er mit Freuden ausgeübt – auch für prominente Kunden wie den Grafen Zorzi, guter Geist der jungen Biennale, oder für den Sohn des Komponisten Ermanno Wolf-Ferrari, er war Maler. Und weil er keine Lehrlinge mehr bekam, weil das Handwerk schon in den frühen Sechzigerjahren da und dort dem Tourismus weichen musste, hat er aufgegeben und sich mit dem väterlichen Erbe ein Haus mit kleinem Hotel gekauft.
Dort habe ich immer wieder gewohnt, am Campo Santa Maria Formosa, und habe mich nach und nach mit dem Hausherrn, dem Nachtportier, mit allen hier angefreundet. Wenn ich abends zurückkam vom Bummel, von der Trattoria oder Cantina, oder zumeist von der Piazza, so hat immer irgendein Alberto oder Massimo gewartet, oder Ruggero selbst. Die Flasche Wein stand stets schon bereit – und dann wurde geredet. So habe ich vieles von der Geschichte Venedigs erfahren, das in keinem Reiseführer zu finden ist, habe auch Fragen beantwortet und habe, auch nicht unwichtig, viel gelacht.
Eines Tages kam ich wieder an und spürte im Verhalten meiner Hotelgastgeber eine getragene Feierlichkeit. Ich war pünktlich angekommen, direkt in das Hotel gegangen, ohne Bar-Intermezzo oder Umwege. Ruggero selbst geleitete mich die üblichen zwei Stiegen hinauf, mir folgte der jugendliche Boy mit meinem Gepäck.
Dann machten wir vor demselben kleinen Zimmer Halt wie immer – und Ruggero blickte mich erwartungsvoll an. Sicher, dachte ich, haben sie neu tapeziert oder das Bad hat jetzt goldene Fliesen oder was auch immer. Wir gingen nicht weiter, alle drei. Ruggero gab mir den Zimmerschlüssel, auch wie immer, aber da war ein neuer, schwerer Anhänger dran, und als ich aufsperrte, stand ich in der Tat in einem komplett neu ausstaffierten Raum. Da waren nicht nur die Tapeten tatsächlich neu, auch die Vorhänge der beiden Fenster, da und dort machte sich an der Decke etwas Stuck bemerkbar, wie man ihn nicht nur in Venedig, in Plastik gegossen, kaufen kann. Aber das störte mich nicht, es hat sogar ganz schön ausgesehen. Mein Freund hat eben Geschmack, als einstiger Tailleur.
»Bravo«, sagte ich, »da habt ihr viel Arbeit gehabt!«
Ruggero lächelte und wies auf meinen Schlüsselanhänger. Er war aus Messing, schwer und groß, nicht leicht zu verlieren und auf ihm stand eingraviert: Salone di Gerardo.
Da war ich gerührt. Und so bezahlte ich nun im Monat, was ich sonst für eine einzige Nacht bezahlt hatte. Also kam ich noch öfter hier an, saß noch öfter Stunden nach meiner Heimkehr mit einem der Herren bei Wein und habe noch mehr von Venedig erfahren.
Ruggeros Lieblingsthema ist die Philosophie. Gerade die Deutschen und die Österreicher haben es ihm angetan, allesamt: Husserl, Heidegger, Popper, natürlich auch Freud und Adler. Er spricht nicht Deutsch und so muss er sich manches Zitat und viele Fachausdrücke übersetzen, oder übersetzen lassen. Also habe ich ihm erklärt, was mit »Lebenswelt« gemeint ist, und er hat meine Bildungslücken in der Philosophie geschlossen, teilweise.

Blick aus meinem Fenster auf den Campo Santa Maria Formosa
Damals, das ist alles lange her, war er ein sogenanntes Bild von einem Mann.
In den besten Jahren, so zwischen fünfzig und fünfundfünfzig. Eines Nachts, es war spät und der ersten Flasche war eine zweite gefolgt, hat er düster vor sich hin gestarrt und blieb still. Nach einigen Minuten habe ich ihn gefragt, ob etwas geschehen sei, ob vielleicht ich ihn geärgert hätte.
In die folgende Stille sagte mein Freund Ruggero mit Bedeutung: »Tutti i miei problemi sono sessuali.«*
Ich war von dem Geständnis überrascht, das hätte ich nun überhaupt nicht gedacht. Und eben waren wir doch noch bei Husserl …?
»Ruggero, also, ich weiß nicht, gerade du …?«
Die Antwort folgte auf Italienisch, wie das ganze Gespräch ja in seiner, nicht in meiner Muttersprache geführt wurde. Aber ich gebe sie hier lieber in deutscher Übersetzung wieder:
»Ich muss immer wieder nachdenken, wie ich aus meinem Haus herauskomme oder wieder hineinkomme, ohne dass meine Frau es bemerkt.«
Das war nicht als Pointe gedacht, war kein Herrenwitzlein, er hat es absolut ernst gemeint.
Vor einigen Monaten haben wir wieder diskutiert, nach langen Jahren.
G: »Meinst du nicht auch, dass Denken alleine nicht genügt? Man erkennt denkend etwas, deutet es, und jetzt geht es erst los, man hat das Ergebnis in seinem Alltag umzusetzen. So sucht man, diese Denkergebnisse in schriftliche Formen, in Aussagen zu bringen und das erst recht, wenn man davon lebt, dass man solche Ergebnisse in Büchern zusammenfasst, erfasst. Und von den eigenen Erfahrungen lernt man am allerbesten, von allem, das man selber erlebt, selber getan hat. Du bist ein Philosoph und deutest die Welt und ich schaffe mir meine eigene Welt, mit meinen Büchern, meinen Inszenierungen.«
Ruggero (mit gütignachsichtigem Lächeln): »Ja, ich weiß, du verehrst meinen Landsmann Giambattista Vico, der hat das ja als einen Kernsatz seiner Philosophie formuliert. Also – wir sind soeben dabei, umzusetzen, lassen den Erkenntnissen Taten folgen. Seit Dezember 2011 ist Italien im Wandel, wieder einmal und Gott sei Dank. In den letzten Jahren, vielen Jahren, hat es eine Demütigung bedeutet, im Ausland unterwegs zu sein. Jetzt haben wir wieder Würde, wir finden wieder zu unserem Stil, wir sind innerhalb kurzer Zeit in einem ganz anderen Zustand.
G: »In so kurzer Zeit …?«
R: »Man hat gewartet, viele haben gewartet, voll Sehnsucht, andere haben gekämpft, wie meine Freunde und ich. Berlusconi und die Seinen haben sich ja aufgeführt wie Despoten, haben nur an sich gedacht, er vor allem, nur an sich. Naja, das hat eben eine Weile ganz gut funktioniert und man hat gedacht, es hätte Zukunft.«
G: »Aber ihr habt den Irrtum und seine Folgen spät erkannt und lange geduldet, ja, ihr habt das alles geschätzt und schließlich gewählt, immer wieder.«
R: »Jedes Volk gerät in Momente, sagt Umberto Eco, da es seinen Verstand verliert. Und dabei denkt er an Mussolini, an Hitler, und er denkt auch an die Wahlen, die Berlusconi an die Macht gebracht haben.«
G: »Du hast Hoffnung, du meinst ihr schafft es? Aus eigener Kraft?«
R: »Da war noch vor kurzer Zeit ein Mann, ein grotesker, skurriler, nein besser: Ein burlesker Mann, der mit ausladenden Gesten, kosmetischen Operationen, sich als der Capitano in der Commedia dell’Arte gab. Die ihn gewählt haben, die vielen – ich kenne auch einige – haben das zum Teil eindrucksvoll gefunden und den Mann für einen wirklichen Capitano gehalten, mit seiner Angeberei und diesen Bunga Bunga Schweinereien. Cavaliere, haha, lächerlich, zudem – wer auf sich hält, ist Commendatore, oder noch besser, gar nichts. Siehst du, das ist Italien – die Sehnsucht nach einem starken Mann. Nachdem die Lateranverträge unterzeichnet waren, nach rund sechzig Jahren Krach zwischen dem Papst und Italien, hat Pius XI. gesagt, es sei wohl nötig gewesen, dass die Vorsehung einen Boten sende, und er hat Mussolini gemeint. Hast du das gewusst?«

Mit Gottfried Kumpf in Venedig
G: »Nein, habe ich nicht, aber ich habe immer wieder gehört und gelesen, dass sie Mussolini den Mann der ›Provvidenza‹ genannt haben, der Vorsehung, also daher kommt das!«
R: »Gut, und wir hätten uns also hinsetzen können, über den Mann lachen und warten. Aber wir haben zu lange gewartet. Mittlerweile ist die Wirtschaft kaputt, die Stimmung war jahrelang grauenhaft und die Jugend hat keine Arbeitsplätze.«
G: »Und da hast du Hoffnung, Ruggero?«
R: »Habe ich. Ich bin vor acht Jahren schon Mitglied von ›Libertà e Giustizia‹ geworden, wir haben immerhin hier in Venedig vieles ausrichten können. Und wir arbeiten zusammen mit anderen Vereinigungen, hier zum Beispiel mit ›Pro Rialto‹, wir helfen bei der Suche nach einem Arbeitsplatz, wir übernehmen Schulgeld, Ausbildungskosten. Und jetzt nehmen wir eine Grappa.«
* Alle meine Probleme sind sexuelle.
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Inhalt
Vorwort
Von Kreuzen und Heiligen.
Die Wappen der Bezirke I, II und III

Wien I: Innere Stadt

Wien II: Leopoldstadt

Wien III: Landstraße
Nachwort
Weiterführende Literatur
Bildnachweis
Der Autor
Personen- und Ortsregister
Von Kreuzen und Heiligen. Die Wappen der Bezirke I, II und III
Jeder der 23 Bezirke der Stadt Wien hat sein eigenes Wappen. Die Innere Stadt, der 1. Bezirk, führt das Stadtwappen, ein weißes Kreuz auf rotem Grund, es besteht seit dem 13. Jahrhundert. Der 2. Bezirk, Leopoldstadt, hat ein dreigeteiltes Wappen. Da sieht man auf silbernem Hintergrund den hl. Leopold, den Namenspatron, auf einer grünen Wiese stehen. Er hat ein goldenes Schwert, einen blauen Rock und einen roten Mantel, hermelinbesetzt. Er trägt den Österreichischen Herzogshut, links hält er die Fahne von Niederösterreich, rechts das Modell eines Kirchenbaus. Ihm gegenüber – das Symbol für das Jagdwesen: Ein weißer Hirsch, Zwölfender, trägt inmitten eines goldenen Geweihs ein Kreuz, der Hubertushirsch. Die heutige Praterstraße hieß früher Jägerzeile, der Prater war stets auch Jagdgebiet.
St. Nepomuk steht für den Bezirksteil Zwischenbrücken. Er wird durch die Zunge dargestellt, das Schweigen symbolisierend, Ursache seines Martyriums. Rot auf blauem Grund, umgeben von einem Heiligenschein mit fünf Sternen. Nepomuk hat das Beichtgeheimnis entgegen dem Befehl des Königs nicht gebrochen, er wurde in der Moldau ertränkt und ist somit der Schutzpatron der Brücken. Das Gebiet zwischen dem großen Donauarm und dem kleineren ist also nach seiner Lage benannt.
Der 1. Bezirk war mit dem 2. jahrhundertelang nur durch eine einzige Holzbrücke verbunden, die Schlagbrücke – vor dem Roten Turm, die heutige Schwedenbrücke. Das Gebiet des 2. Bezirks hieß einst »Werd gegenüber dem Roten Turm«, Werd ist ein altes Wort für Insel.
Auch der Bezirk Landstraße hat ein dreigeteiltes Wappen. Der hl. Nikolaus erinnert daran, dass an der Landstraße vor langer Zeit das Niklaskloster stand. Das Gebiet hieß bis ins 13. Jahrhundert Niklasvorstadt, dann aber setzte sich die Hauptverkehrsader durch, die alte Römerstraße, und gab dem Stadtteil seinen Namen. Die beiden anderen Wappenfelder stehen für die Bezirksteile Erdberg und Weißgerber. Eine Erdbeere mit Blättern und Blüten soll den Namen der alten Siedlung erklären, doch der kommt von einem wirklichen Erd-Berg, einem Schutzwall des 12. Jahrhunderts.
Die Weißgerber lebten berufsbedingt nahe am Wasser, die beiden silbernen Böcke im unteren Teil des Wappens sind ihr Symbol – sowohl für das lederverarbeitende Handwerk als auch für den Ortsteil.
So eng verbunden die Schicksale dieser Stadtteile sind, so wenig verbunden waren ihre Durchgangsstraßen. Der Donauarm, der mit dem nicht korrekten Namen Donaukanal leben muss, war jahrhundertelang nur durch Fähren zu überwinden. Erst 1776 wurde hier eine Brücke gebaut, die in zeitgemäßer Form auch heute besteht, die Rotundenbrücke. Sie verbindet die Rasumofskygasse, 3. Bezirk, in gerader Linie mit dem Prater, mit der Rotundenallee.

Man spaziert von der Innenstadt über die Schwedenbrücke und ist in einer anderen Welt. Das war bis 1938 weit deutlicher. Aber nun, im 21. Jahrhundert, hat dieser Stadtteil wieder zu ganz eigenständigem Leben gefunden. Müsste man den 2. Bezirk in einem einzigen Satz beschreiben, so könnte man sich reduzieren auf die Themen »Vergnügen und Mazzesinsel«.
Anhand der Schwedenbrücke lässt sich Wiens Geschichte erzählen. Ihre erste schriftliche Erwähnung erfolgte 1368, durch Jahrhunderte war sie, bis 1782, die einzige Brücke zwischen der Stadt und dem Unteren Werd, wie der heutige 2. Bezirk einst geheißen hat. Sie war aus Holz, immer wieder musste sie neu errichtet werden. Ein Hochwasser, ein Eisstoß konnten sie zerstören – oder ein Kampf um Wien. Sie hieß bis 1811 Schlagbrücke. »Schlag« meint auch »Schlacht«, meint auch das »Schlagen«, also schlachten, durch den Fleischer. Das für Wien bestimmte Schlachtvieh, wie die Rinder aus Ungarn, wurde über die Schlagbrücke getrieben.
Im Unteren Werd – das war das mittelhochdeutsche Wort für Insel – gab es weites Weideland. In der Stadt hatten viele Bewohner Weingärten – aber auch größeren oder kleineren Viehbestand in Wiens Umgebung, vor allem im Unteren Werd. Das führte zu ersten Niederlassungen um das Jahr 1300. Es gab hier auch Weidegründe für Pferde, ebenso für Herden, die später weiter nach Süddeutschland gebracht wurden. Die Stadtgemeinde war der Besitzer dieser Gründe und hatte damit eine permanente Einnahmequelle.
Von der Brücke führte eine Straße in Richtung Tabor, die Kremser Straße. Der Tabor war ein Brückenkopf, eine Verteidigungseinrichtung, die gegen die marodierenden Hussiten im frühen 15. Jahrhundert erbaut wurde, als hier noch ein Donauarm potenzielle Angreifer anzog. Der seltsame Name kommt von den Hussiten selbst. Ihr prominenter Anführer Jan Žižka hatte in der südböhmischen Stadt dieses Namens eine unüberwindliche Festung eingerichtet, deren Namen man gern übernahm. Ab 1420 wurde dieser Brückenkopf ausgebaut, er spielte schon in den Kämpfen 1424/25 eine entscheidende Rolle.
Wien besaß ab Albrecht V. um 1440 mehrere Tabors, jener am heutigen Gaußplatz war der wichtigste. Er gab bald der Kremser Straße ihren heutigen Namen.
Der Untere Werd war keine einheitliche Fläche, sondern eine Anzahl kleiner Inseln zwischen zahlreichen schmaleren Donauarmen, die ihren Lauf bei jedem Hochwasser veränderten – ein großer Kummer für die Bewohner.
1529 kamen die Türken zum ersten Mal. Am 23. September erschienen sie in Wiens Umgebung, am 27. hatten sie die Stadt eingeschlossen. Im Kapitel zur Inneren Stadt war viel von ihnen die Rede, also hier nur ganz kurz: Als die Osmanen nach 17 Tagen die Belagerung aufgaben, waren die Brücken zerstört, die meisten Häuser ebenso. Die kleine Donauflottille hatten schon die Wiener selbst aufgrund des Befehls des Stadtkommandanten Graf Salm verbrannt – die Besatzungen waren geflüchtet, als die Osmanen näher kamen und bekannt wurde, dass sie 400 Schiffe mit Geschützen mitbrachten. Die spanischen Hakenbüchsenschützen bewährten sich bei der Verteidigung der Front an der Donau.
Auf der Stelle begann die Wiederbesiedelung. Zuerst das Lebensnotwendige – das erste Brauhaus wurde schon 1530 errichtet, ein zweites folgte 1536. Neue Siedler kamen und bauten ungefähr in der Gegend Rotensterngasse/Große Sperlgasse.
Ein wichtiger Schritt für die Entwicklung der jungen Siedlung war das Geschenk, das Kaiser Maximilian II. den Jagdgehilfen, Holzarbeitern und Aufsehern des nahen Praters machte. Er gab ihnen Baugründe in der Venediger Au, heute der Praterstraße. Dort hatten viele der Neusiedler Schankgenehmigungen – die Kernzelle des späteren Wurstelpraters. Allerdings durften nur Wein und Bier und kalte Speisen angeboten werden. 1403 erschien der Begriff »Prater« erstmals in den Urkunden.
Wenn die Donau aus ihren – vielfältigen – Ufern trat, war das natürlich in dieser von den vielen kleinen Armen durchzogenen Landschaft schlimmer als in der Stadt selbst. Wer sich hier ansiedelte, musste viel Zukunftsvertrauen haben.
Schon 1376 hatte man versucht, die Donau in den Griff zu bekommen, der Schifffahrt wegen. Über die Donau wurde die Stadt schließlich mit allen nur erdenklichen Gütern versorgt – wenn sie denn ankamen. Der erste Versuch scheiterte, 1455 folgte der nächste, dazu holte man einen Fachmann, den Hydrauliker Caspar Hertneid aus Augsburg. Er hatte der Stadt Wien, die ihn »in Sold genommen«, angekündigt, er werde die Donau derart bearbeiten, dass große Hohenauer Schiffe an die Stadt herankommen könnten – »was aber zu großen Unkosten und Schaden der Stadt nicht vermocht, deshalb verhaftet und an Leib und Gut gestraft werden sollte …«. Herr Hertneid hatte sich offenbar zu viel vorgenommen.
Der »Wasserbaukünstler« hatte verfügt, man möge das Strombett ausschaufeln, aber leider rutschten die gerade gefassten Erdmassen wieder abwärts ins Flussbett, und das bekam der Hydrauliker nicht unter Kontrolle. Er hatte Kosten von 800 Pfund für die Arbeiter kalkuliert, 3000 Wochenlöhne, aber das genügte nicht. Die Donau war immer noch nicht reguliert, und Herr Hertneid landete also im Gefängnis.
Sein Glück war, dass er schon früher auf diesem Gebiet, und zwar erfolgreich, tätig gewesen war. Hertneid hatte für Erzherzog Sigismund von Tirol mehrmals Flussläufe reguliert, das rettete ihn nun vor der Todesstrafe, er wurde freigelassen.
Wo die Römer ihren Wiener Hafen angelegt hatten, im wasserreichsten Arm der Donau, wurde ab 1598 reguliert, im sogenannten Wiener Kanal, dem späteren Donaukanal. Ferdinand Albrecht von Hoyos besaß die Herrschaft Persenbeug, kannte die Donau also. Er hatte sich in den Niederlanden unter dem Statthalter Erzherzog Ernst mit der Technik des Wasserbaus befasst und wurde nun mit Arbeiten an der Donau beauftragt. Hoyos ließ die Ufer befestigen, pflanzte Bäume und Büsche, ließ einige Nebenarme zuschütten und leitete ihr Wasser in den jetzigen Hauptarm. Damit wurde die Schifffahrt wesentlich einfacher.
Es gab immer wieder Versuche, den Strom zu besiegen, aber sie blieben zumeist ohne Erfolg. Als Maria Theresia 1776 Regulierungsarbeiten befahl, baute man einen Damm, den Hubertusdamm. Er wurde geplant und 1787 errichtet von dem Cameralingenieur Johann Sigmund Eutelhuber, der sich jedoch J. S. Huber nannte – nach ihm ist diese technische Meisterleistung benannt. Aber erstens ist dieser Damm beinahe auf der Stelle, kurz nach dem Bau, zusammengebrochen, und zweitens gehört er nicht zur Leopoldstadt, also wollen wir ihn verlassen.
Überschwemmungen sind sehr oft über die Menschen am großen Fluss hereingebrochen. Wenn wir nur an jene denken, die für die Leopoldstadt am schlimmsten waren: 1402, 1438, 1445, 1501 – die ärgste von allen, 1566, 1682, 1716, 1760 – da zerstörte ein Eisstoß die Schlagbrücke, 1768, 1784, 1830, 1850 und endlich 1862. Mit diesem Jahr beginnt die Reihe der Siege über die Donau. Das Hochwasser war so katastrophal, dass die Moritatensänger noch lange davon erzählten:
Ich will ein Liedchen singen, doch glauben sie’s mir auf Ehr’,
es ist gewiß sehr traurig, wird manchem’s Herz g’wiß schwer.
An 1830 war eine Wasserg’fahr,
doch war’s bestimmt noch braver als das 62erjahr.
Selbst Wien, die Residenzstadt, ist teilweis’ überschwemmt,
daß man in manchen Straß’n die Häuser nimma kennt.
1866 wurde vom Wiener Gemeinderat die Donauregulierung beschlossen. Ab 1870 wurde gebaut, eine französische Firma hatte den Auftrag bekommen, mit ihrer reichen Erfahrung aus dem Suezkanalprojekt. Am 30. Mai 1875 wurde gefeiert. 18 Schiffe der Donaudampfschifffahrtsgesellschaft fuhren – den Kaiser an Bord – von der Stadlauer Brücke nach Nussdorf.
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Umschlagmotiv: Die Mariahilfer Straße mit der alten Laimgrubenkirche,
handkoloriertes Glasdiapositiv, um 1905
© IMAGNO/Österreichisches Volkshochschularchiv
Vorsatz: Salomon Kleiner, Palais Trautson
Nachsatz: Carl Otto Czeschka, Die Nibelungen
Layout: Franz Hanns
Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten
Gesetzt aus der 10/14 Excelsior LT Std
Printed in the EU
ISBN 978-3-99050-034-7
eISBN 978-3-903083-19-6
Inhalt
Vorwort

Wien IV: Wieden

Wien V: Margareten

Wien VI: Mariahilf

Wien VII: Neubau

Wien VIII: Josefstadt

Wien IX: Alsergrund
Weiterführende Literatur
Bildnachweis
Der Autor
Personen- und Ortsregister

Die Ur-Margaretener waren Matzleinsdorfer. Ein Herr Otto von Mazilinestorf war Zeuge in einem Prozess – 1136. Damit tritt das einstige Dorf, der heutige Bezirk, in die protokollierte Geschichte ein.
Diese frühe Siedlung befand sich zwischen dem Matzleinsdorfer Platz und der alten Florianikirche, ungefähr bei Wiedner Hauptstraße 106–112.
Bevor wir uns erneut über die schrecklichen 1960er-Jahre aufregen, zu deren Opfern auch die schöne alte Rauchfangkehrerkirche gehört hat, wollen wir noch im Mittelalter bleiben.
1850 kamen die Vorstädte zu Wien, 1861 wurde neu eingeteilt – also steht dieses Jahr am Beginn des Bezirks von heute. Aber 1874 und noch einmal 1907 fielen Stadtplanung und Bürokratie über Margareten her und erst seither hat der Bezirk seine heutige Form.
Er ist aus fünf alten Siedlungen erwachsen – Hundsturm, Laurenzergrund, Matzleinsdorf, Reinprechtsdorf und eben Margareten. Und hier gleich eine Bemerkung zum Bezirksnamen, denn es gilt, eine erfundene Provenienz endlich dahin zu befördern, wohin sie gehört, ins Nichts. Immer wieder kommt jemand und weiß ganz sicher, dass Margarete von Tirol, genannt Maultasch, die Namensgeberin gewesen sei. Sie hat nämlich hier in den letzten Jahren ihres Lebens gewohnt. Doch gestorben ist sie nahe der Minoritenkirche, und die Bezirkspatronin ist eine andere Margarete, die von Antiochia.
Dieser Heiligen hat eine Familie Tirna eine Kapelle gestiftet, am heutigen Margaretenplatz. Rudolf von Tirna, Ludwig von Tirna und dessen Frau Anna besaßen den Hof beim heutigen Margaretenplatz. Die türkischen Scharen haben Hof und Kapelle 1529 weitgehend zerstört. Die Ruinen blieben lange stehen, bis sie 1555 von Miklós Oláh, dem ungarischen Kanzler und Erzbischof von Gran, erworben wurden. Der Primas von Ungarn ließ das Schloss und die Kapelle wieder aufbauen. Dazu gestaltete der bedeutende Schriftsteller und Humanist einen ausgedehnten Schlossgarten im modernen Stil der Spätrenaissance. Das ungarische Miklós entspricht dem deutschen Nikolaus – und aus dem Dorf des Nikolaus wurde Nikolsdorf, 1862 eingemeindete Vorstadt.
Die heilige Margareta stammte aus der südlichen Türkei, die Märtyrerin zählt zu der Gruppe der 14 Nothelfer. Ihr soll der Teufel in Lindwurmgestalt erschienen sein. Früher kannte jedes – katholische – Kind den Merkspruch zum Thema Märtyrerinnen und ihre Attribute: »Die Gretl mit’n Wurm, die Bärbl mit’n Turm, die Kathi mit’n Radl, sein die drei heiligen Madl.«
Dieser Platz ist der seltene Fall eines Zentrums mit historischer Wurzel. Das ist nicht in allen Bezirken so. Der Margaretenbrunnen in der Mitte des Platzes unterstreicht seit 1836 seine Würde. Er zeigt die heilige Margarete mit dem Lindwurm, dem Teufelsdrachen, und erinnert auf diese Weise an die alte Kapelle.
Das eindrucksvollste Bauwerk des Platzes, der Margaretenhof, ist aber weit jünger als die historischen würdevollen Schlossreste um Nr. 2 und 3. An der Stelle des alten Brauhauses steht seit 1885 ein Ensemble mit gleich drei Adressen – Margaretenplatz, Margaretenstraße, Pilgramgasse. Damals richteten sich viele Kommunalpolitiker und Architekten nach Ideen, die aus England kamen. Das Paradebeispiel dafür sind die Cottagesiedlungen in Wien XVIII und XIX, in Hietzing, Lainz, Perchtoldsdorf. In Wien wird das englische Wort traditionell französisch ausgesprochen – also etwa Kottehsch. Mehr dazu, wenn wir einmal dort angelangt sind. Jedenfalls orientierte man sich an britischen urbanen Formen, mit Vorgärten auch im städtischen Verband, geschlossen und so vom Straßenverkehr abgeschirmt.

Margaretenhof
Die Architekten Ferdinand Fellner und Hermann Helmer hatten sich eigentlich auf Theaterbauten spezialisiert – in der Donaumonarchie standen sie in großer Zahl, in ganz Europa waren es 48, in Odessa, Zürich, Karlsbad … Und in Margareten steht als Ausnahme dieses schlossartige Mietshaus, in dem zu wohnen auch eine Prestigeseite hat.
Dabei hat der 5. Bezirk ein zweites Zentrum, an einer der Hauptstraßen, ein auf den ersten Blick einfacher Bau, der dennoch in der ersten Reihe steht – eine Kirche. 1761 begann die Stadt Wien den Sonnenhof, das Margaretner Armenhaus, auszubauen. 1765 wurde der Grundstein für die angeschlossene Kirche gelegt, 1771 wurde sie vom Wiener Kardinal-Erzbischof Christoph von Migazzi geweiht, in Anwesenheit von Maria Theresia und ihrem Sohn und Mitregenten Joseph II. Die Altäre hat Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg entworfen, das Altarbild hat Bartolomeo Altomonte geschaffen. In der Sakristei der Pfarrkirche St. Josef gibt es eine Darstellung des heiligen Leonhard von dem großen Barockmaler Franz Anton Maulpertsch.
Das ist alles von Bedeutung für Wien als Stadt der Kunst, aber den Atem stocken lässt ein Ereignis der Musikwelt. In dieser Kirche ist Franz Schuberts Deutsche Messe zum ersten Mal erklungen. 1826 übergab der Technik-Professor Johann Philipp Neumann seine Texte dem Komponisten, der zwei Fassungen schrieb. Eine weitere, eine von vielen folgenden, brachte Bruder Ferdinand zu Notenpapier. Und so ist in St. Josef zum ersten Mal zu Beginn der Messe die innige Melodie gesungen worden »Wohin soll ich mich wenden«, zum Gloria das machtvolle »Ehre, Ehre sei Gott in der Höhe«.
In ebendieser Pfarrkirche hat Wien von diesem so eminent wienerischen Weltgenie Abschied genommen. In seinem kurzen Leben hat Schubert ein unglaublich reiches Werk geschaffen – acht Symphonien, sieben Messen, Streichquartette und Klavierwerke, er hat dem Lied zum Sieg und den Männerchören in eine neue Zukunft verholfen.
Einmal nur hat er ein großes öffentliches Konzert erleben dürfen, am 26. März 1828, wenige Monate vor seinem Tod. Die Gesellschaft der Musikfreunde spielte im kleinen Redoutensaal Trios und Streichquartette, Josef Vogl sang mehrere Lieder, Josephine Fröhlich, der Grillparzer-Geliebten Kathi Fröhlichs Schwester, brachte mit ihren Schülerinnen Das Ständchen nach dem Gedicht von Franz Grillparzer, ein Männerchor sang Klopstocks Schlachtgesang. Der Reinertrag von 800 Gulden bedeutete einen großen Erfolg, der dem melancholischen Komponisten in ständigen Nöten Hoffnung machte.

So klein der Bezirk, so groß das Angebot. Nur Mariahilf und die Josefstadt sind kleiner.
Der Beginn ist dem anderer Bezirke ähnlich: 1850 schon mit dem Namen Neubau eingemeindet, als 6. Bezirk, ab 1861 wurden die Bezirksgrenzen neu festgelegt, und so kam es 1862 zum 7. Bezirk, der allerdings ein Jahr später abermals seine Grenzen verändert hat.
Wie überall in Wien, so gibt auch am Neubau – man lebt am Neubau, nicht in Neubau – das Wappen einen Überblick über die Bezirksteile. Neubau in der Mitte, rundherum Altlerchenfeld, St. Ulrich, Schottenfeld, Spittelberg. Dazu kommen noch, ohne Symbole im Wappen, Laimgrube und Mariahilf.
Wer jetzt den Kopf schüttelt – dort waren wir doch schon? – hat recht. Die beiden zuletzt genannten Namen sind ebenso im befreundeten Nachbarbezirk Mariahilf zu Hause. Aber das macht nichts – wer zum Beispiel die Grenzen des Salzkammerguts zwischen Oberösterreich, Salzburg und der Steiermark oder die Handlung der Oper Tosca begriffen hat, wird auch Wiens Bezirksgrenzen durchschauen.
Der Neubau ist eine Stadtlandschaft für Spaziergänger, wie auch die benachbarte Josefstadt. Für Flaneure ideal ist der Spittelberg, mit dem Bezirksmuseum, mit zahlreichen Gaststätten, einem Theater mit reichhaltigem Musikprogramm. Schmale Gassen, Barock und Vormärz, authentische Stimmung, keine Disneylandgefahr! Das ist kein Zufall, sondern die Folge eines langen Kampfs. Wie auch um den Naschmarkt, so wurde um den Spittelberg erbittert gekämpft. Die gemeindeeigene Baugesellschaft Gesiba plante den Abriss der dem Verfall preisgegebenen alten Häuser. Ein modernes, zeitgeistiges, schickes Wohngebiet wurde entworfen. Ähnlich ging es beim ehemaligen TGM zu, das ab 1978 in großer Gefahr war, dazu kommen wir am Alsergrund. Das Areal am Spittelberg stand seit 1973 unter Denkmalschutz – aber das bedeutete noch lange nicht die Rettung dieses historischen Teils von Wien. Erst mit der Besetzung des Amerlinghauses kamen neue Gespräche in Gang. Spittelbergbewohner, Denkmalschützer, Architekten und ihre Studenten forderten, das Gebäude in ein Kultur- und Kommunikationszentrum umzugestalten, die Forderung wurde nach zähem, jahrelangem Kampf erfüllt.
Damit war ein intaktes Ensemble gerettet, das in Wiens Kulturgeschichte einen sehr speziellen Platz innehat. Hier war eineinhalb Jahrhunderte lang das Zentrum des Rotlichtmilieus. Außerhalb der Stadtmauer, am Glacis, blühte das Hurenwesen, auch an anderen Stellen der Vorstädte. Am Spittelberg aber ganz besonders – rund 60 Gasthäuser bedachten ihre – männlichen – Gäste nicht nur mit Bier oder Wein und einer minimalen Speisenauswahl, sondern auch in sexualibus et eroticis. Die weiblichen Servierkräfte trugen appetitliche, appetitanregende Berufstracht und waren sich ihrer Pflichten bewusst. Aus diesen Jahren stammt eine Unzahl von Gstanzln und Liedern, die hier nicht zitierbar sind. Der europaweit berühmte Büchersammler und Kenner Franz Haydinger besaß eine einschlägige Kollektion, angelegt ab dem Jahr 1812. Daran kann er selbst noch nicht mitgewirkt haben, er war fünfzehn Jahre alt, zwar wissbegierig, aber auf anderen Gebieten. Er hat diese Spittelberglieder dem Wiener Feuilletonisten und Humoristen Friedrich Schlögl gezeigt – dessen Humor in diesem Fall aber ausgelassen hat. Er war entsetzt: »Schmunzelnd zeigte mir der gefällige Mann diese Scandalosa – es waren fünf Bände im Manuskript – die Haare standen mir zu Berge, als ich nur die ersten Stanzeln las, und ich klappte diese textierte Orgie errötend zu.« Um den Lesern und vor allem mir dieses Erröten, notabene in einem Buch für die ganze Familie, zu ersparen, darf ich einen Hinweis geben: Wer diese Cochonnerien kennenlernen will, möge in der Fachliteratur forschen. Das Fachwerk schlechthin ist in der angeschlossenen Literaturliste zu finden.
Wer sich mit dem heiklen Thema nicht nur in der Theorie befasste, fand sich in guter Gesellschaft. Die Stadtguardia des 17. Jahrhunderts wurde von unterbezahlten Offizieren kommandiert, die vier Monate des Jahres in Sold standen und sich über die acht anderen Monate mit Nebenbeschäftigungen oder Zweitberufen retten mussten. Nachhilfeunterricht für Gymnasiasten zu geben, war nicht ganz ihre Sache. Viele wurden Nebenberufsgastwirte an den Basteien, in üblen Kaschemmen. Dass sie sich deshalb gegenseitig verhaftet hätten, ist nicht bekannt. Immerhin durften sie nicht als Kellnerinnen getarnte Huren in Dienst nehmen, das erotische Material hatte man sich selbst ins Lokal mitzubringen. Und à propos gute Gesellschaft – selbst der Kaiser war sich nicht zu gut für den Spittelbergbesuch.
Joseph II. hatte, früh verwitwet und todunglücklich über den Tod seiner ersten Frau, eine zweite Ehe geschlossen, hatte sie schließen müssen auf Befehl seiner Mutter. Sie soll niemals vollzogen worden sein. Seine Majestät bevorzugte Alternativen, klarerweise inkognito. Am Spittelberg wurde er aus unbekanntem Grund von einem resoluten Gastwirt vor die Türe befördert. Das ereignete sich im Gasthaus »Zum steinernen Löwen«, Gutenberggasse 13. Eine Inschrift an der Gasthauswand verkündet über einer Tür: »Durch dieses Thor im Bogen ist Kaiser Joseph geflogen. 1778.« Das Hauszeichen, der steinerne Löwe, hat die Jahrhunderte überlebt.
Des Kaisers Versuch, die Moral dieser Gassen durch ein Amt zu heben, das hierher verlegt wurde, schlug fehl. Der Vorläufer des späteren Patentamts, zuständig für Gewährung und Archivierung der Privilegien, wie damals die Patente bezeichnet wurden, kam mit Jahresbeginn 1789 in die Gutenberggasse – die Herren k. k. Beamten würden sich gewiss ihrer Würde bewusst sein. Aber der Einfluss der neuen Nachbarn auf die Herren war größer als der von diesen ausgehende auf die Mädeln, die sich ihren Teil von den kaiserlichen Gehältern zu besorgen wussten.

Hauszeichen Gutenberggasse 13, Löwe
Am Neubau kann man stolz sein auf die überraschend vielen Museen dieses Bezirks. Seit aus den k. k. Hofstallungen das Museumsquartier geworden ist, verfügt der Bezirk über sage und schreibe elf verschiedenartige Kunsttempel. Dazu zählen mehrere Museen von Weltruf – auch das älteste des Bezirks, das Museum der Mechitaristen in der Gasse, der das Kloster auf Nr. 4 den Namen gegeben hat. Der armenische Orden kam 1805 von der Insel San Lazzaro in der Lagune von Venedig über das damals österreichische Triest nach Wien. Seit der Begründung des Wiener Klosters – das Gebäude hat Joseph Kornhäusel geplant – bestand hier auch eine Druckerei, die bis 1998 russisch-serbische und armenischsprachige Bücher druckte – und die dazu notwendigen Lettern teilweise selbst hergestellt hatte. Die Mechitaristenpatres aus Wien sind vielfältig tätig – sie leiten Schulen in Istanbul und Beirut, haben in den USA eine Schule gegründet, betreuen eine Pfarre in Budapest.
Ein kurzer Blick auf ein Haus an der anderen Straßenseite, auf Nr. 5. »In diesem Hause wurde Joseph Lanner am 12. April 1801 geboren.« Man könnte nun auf einen Gedenkraum für diesen Walzervizekönig hoffen, aber das wäre vergeblich. Das Haus ist leider nicht zu betreten, man müsste sich als wohnungssuchend ausgeben. Vater Lanner war Handschuhmacher, der Sohn erlernte den Beruf des Graveurs. Aber wichtiger für uns und die Welt ist, dass er sich in diesem Haus als Autodidakt das Geigenspiel beigebracht hat, ja, dass er im Alleingang sogar Musiktheorie erlernt hat!

Die Mechitaristengasse. Links das Kloster, ein Bau von Joseph Kornhäusel, rechts das Geburtshaus von Joseph Lanner
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Seite 219: »Ein Foto der Sotour Austria Hotelbetriebs Gmbh«; Hotel & Palais Strudlhof, Strudlhofgasse 10, 1090 Wien
Nachsatz sowie Seite 128 aus: Czeschka, C. O.; Keim, Franz: Die Nibelungen. Dem deutschen Volke wiedererzählt. Verlag Gerlach und Wiedling, Wien/Leipzig 1909.
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* Der Autor und der Verlag bedanken sich bei Mag. Sylvia Friedrich von der Mohrenapotheke Wien für die freundliche Bereitstellung des Bildes.
Wien-Karten im Vor- und Nachsatz: © arbeitsgemeinschaft kartographie
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Herstellung und Satz: Lothar Bienenstein KG
Gesetzt aus der Minion Pro
Printed in the EU
ISBN 978-3-99050-048-4
eISBN 978-3-903083-31-8
Inhalt
Vorwort
1Post aus dem Paradies
Mohrenapotheke, Wipplingerstraße 12
2Rudolf von Habsburg, der ungeliebte Landesherr
Rudolf-Denkmal, Heeresgeschichtliches Museum
3Die Pest von
Pestsäule, Graben
4Das »Malefizspitzbubenhaus«
Mariahilfer Kirche, Barnabitengasse
5Das Scharlachrennen – woher der Rennweg seinen Namen hat
Rennweg
6Der Tod eines Bürgermeisters
Am Hof
7Ulrich Zwingli und die »Artistenfakultät«
Sonnenfelsgasse 19
8Von Kaspar Tauber zur Familie Jörger: hundert Jahre evangelischer Glaube in Wien
Lutherische Stadtkirche, Dorotheergasse, und Kalvarienbergkirche, St.-Bartholomäus-Platz
9Das »Sühnhaus«
der Büßerinnen
Franziskanerkloster St. Hieronymus, Franziskanerplatz
10 Ein Elefant in Wien
Schloss Kaiserebersdorf
11 Europa wird bunter – Carolus Clusius in Wien
Schloss Neugebäude und Wollzeile 10
12 Das schlechte Gewissen des Fürsten Piccolomini
Servitenkirche, Servitengasse
13 Die Rettung Wiens durch die Türken
Brigittakapelle, Forsthausgasse
14 Über das Streiten vor und nach der Schlacht
Stephansdom: Denkmal zur Türkenbefreiung
15 Makabre Geschichten rund ums Zeughaus
Am Hof 10
16 Ein Zar inkognito – Peter der Große in Wien
Theresianum, Favoritenstraße
17 Ignaz Parhamer, der »Pater Kindergeneral«
Waisenhauskirche, Rennweg
18 Die Trinitarier und das bewegte Leben der Anna Maria Königin
Franz-von-Assisi-Kirche, Mexikoplatz
19 Der Doktor und die Vampire
Augustinerkirche, Augustinerstraße
20 Die Österreicher erobern Berlin
Hadikgasse
21 Blutige Spektakel im Hetztheater
Hetzgasse 2
22 Musik im Augarten – das »Saalgebäude«
Café Restaurant Augarten, Obere Augartenstraße
23 Lorenzo da Ponte und die Gefahren der Liebe
Tiefer Graben/Ecke Heidenschuss
24 Maria Theresia Paradis und der »Wunderheiler« Franz Anton Mesmer
Rasumofskygasse 29
25 Der Rabenstein in der Rossau – Josef II. und die Todesstrafe
Schlickplatz
26 Andreas von Riedel und die »Jakobinerverschwörung«
Schwertgasse 3
27 Rhigas Pheraios und der Kampf um die Freiheit Griechenlands
Rotenturmstraße 21
28 Der Fahnentumult
Wallnerstraße 8
29 Das gescheiterte Attentat auf Napoleon
Schloss Schönbrunn
30 Schillers Freund und Beethovens Vertraute: das Künstlerehepaar Andreas Streicher und Nanette Stein
Ungargasse 27 und 46
31 Die Ludlamshöhle
Graben 30
32 Balzac in Wien
Landstraßer Hauptstraße 31
33 Auf den Spuren Hans Christian Andersens
Naglergasse 12
34 Robert Blum und das Ende der Revolution
Gedenkstein, Währinger Park
35 August Zang und die Gründung der Presse
Johannesgasse 7 und Zentralfriedhof
36 Die Geister der Villa Wertheimstein
Döblinger Hauptstraße 96
37 Sachsen und Hannoveraner in Wien – auf den Spuren der Verbündeten von 1866
Sachsenplatz, Hannovermarkt & Co.
38 Julius Payer – ein Polarforscher als Maler
Gusshausstraße 25
39 Der Streit um die päpstliche Unfehlbarkeit
Altkatholische Kirche, Salvatorgasse
40 Der König von Hawaii in Wien
Hotel Imperial, Kärntner Ring
41 Die Familie Drory und die Geschichte der Gasbeleuchtung
Palais Epstein, Dr.-Karl-Renner-Ring
42 Das »Erweckungserlebnis« des Alfred Hermann Fried
Künstlerhaus, Karlsplatz
43 Emil Holubs afrikanische Visionen
Zentralfriedhof
44 Zwei Erzherzöge und die Geister
Dr.-Karl-Lueger-Platz 2
45 Schani Breitwieser, der »König von Meidling«
Wiener Kriminalmuseum, Große Sperlgasse 24
46 Karl Wilhelm Diefenbach, der »Kohlrabi-Apostel«
Himmelhof, Ober St. Veit
47 Mark Twain, der (un)geliebte Gast aus Amerika
Hotel Métropole, Morzinplatz
48 Karl May im »Reich der Edelmenschen«
Sophiensaal, Marxergasse
49 Der »Wehrmann in Eisen«
Felderstraße 6–8, Arkaden Ecke Rathausstraße
50 Das Attentat auf Hugo Bettauer
Lange Gasse 7
Ausgewählte Literatur
Personenregister
Das Scharlachrennen – woher der Rennweg seinen Namen hat
Rennweg
Herbst des Mittelalters ist eines der berühmtesten Bücher des großen niederländischen Kulturhistorikers Johan Huizinga; es erschien erstmals 1919. Für die Menschen des 14. und 15. Jahrhunderts, so schildert Huizinga darin eindrucksvoll, war das Leben »… eine unaufhörliche Abfolge von Misswirtschaft und Aussaugung, Krieg und Räuberei, Teuerung, Not und Pestilenz« und »… der Druck von Höllenangst, Teufels- und Hexenfurcht hielten ein Gefühl allgemeiner Unsicherheit wach, das wohl dazu angetan war, den Hintergrund des Lebens schwarz zu färben«. Schließlich heißt es: »Es ist eine böse Welt. Das Feuer des Hasses und der Gewalt lodert hoch empor, das Unrecht ist mächtig, der Teufel bedeckt mit seinen schwarzen Fittichen eine düstere Erde.«
Huizinga verwendete treffende und kraftvolle Worte, um die Situation der Menschen zu schildern, und doch dürfen wir keinesfalls annehmen, dass deren Dasein ausschließlich von Kummer und Elend geprägt wurde. Neben verzweifelter Gottes- und Sinnsuche in einer oft feindlichen irdischen Sphäre, neben Askese und Weltabgewandtheit in baldiger Erwartung des Jüngsten Gerichts gab es doch stets auch Übermut und ausgelassene Lebensfreude.

Das populäre Scharlachrennen in St. Marx
Eine ganze Reihe von Volksfesten, von Umzügen, Spektakeln und Spielen sind für das spätmittelalterliche Wien dokumentiert. Da gab es etwa die – nicht zuletzt durch die Neidhart-Sage bekannten – »Veilchenfeste« und die damit verbundene Freude, nach einem langen, entbehrungsreichen Winter endlich wieder blühende Blumen zu sehen. Da gab es die Sommer-Sonnwendfeiern auf dem Hohen Markt, die prachtvollen Adelsturniere am Hof und am Neuen Markt, die bürgerlichen Turniere auf der Brandstätte (das »Bürgerstechen«), die Faschingsumzüge, die Tombolas und das Zielschießen mit Armbrust oder Büchse, es gab das Würfel- und Kartenspiel, das Kegeln und schließlich die Wettbewerbe im Weitwurf schwerer Steine.
Das weitaus berühmteste Volksfest aber bestand in einem Pferderennen, ähnlich jenen in zahlreichen italienischen Städten des Mittelalters (wobei der weltberühmte »Palio« von Siena bekanntlich heute noch stattfindet). Seit dem späten 14. Jahrhundert wurde dieses Wiener »Scharlachrennen« zweimal jährlich vor den Toren der Stadt veranstaltet und daran anschließend ein ebenso populäres Wettlaufen von Männern und Frauen.
Es war kein Fest des Adels, sondern des selbstbewussten Bürgertums, ein Fest der Kaufleute und der Handwerker. Nicht ohne Grund wurde es zeitgleich mit den beiden großen Jahrmärkten abgehalten, die ab Christi Himmelfahrt und rund um den Katharinentag (25. November) für jeweils vier Wochen stattfanden und den Handel in Wien kräftig belebten.
Für Abertausende Zuseher war gesorgt, wenn der feierliche Auszug der Reiter aus der Stadt nach St. Marx begann: Der Stadttrompeter ritt an der Spitze, dahinter die festlich geschmückten Rennpferde, es folgten die Läufer und Läuferinnen, die versammelte Bürgerschaft, die Schützenkompanien mit ihren Fahnenträgern, die Pfeifer und Spielleute und schließlich der Bürgermeister in seinem Galaharnisch, begleitet von seinen Ratsherren.
Auf einer festlichen Tribüne in St. Marx wartete meist bereits der Landesherr mit seinem Hofstaat, der sich das Schauspiel nicht entgehen lassen wollte. Bevor die Reiter mit ihren Pferden losgaloppierten, wurden Wetten auf den Sieger abgeschlossen (manches Mal so hohe, dass sie von der Obrigkeit beanstandet wurden). Die festgelegte Strecke führte über den heutigen Rennweg, der auf diese Weise zu seinem Namen kam, zum Wienfluss und über die Ungargasse zurück nach St. Marx.
Jeder, der zuvor im Rathaus ein Startgeld entrichtet hatte, durfte mit seinem Pferd am Rennen teilnehmen, meist waren es zwischen sechs und 16 Reitern (im Jahr 1515 sogar 39). Dem Sieger winkte keine Geldprämie, sondern ein kostbares scharlachrotes Wolltuch. Im Mittelalter waren Farben von besonderer Bedeutung, konnten sie doch gesellschaftlichen Rang und Ansehen ausdrücken. Das Rot stand besonders weit oben auf der Skala (man denke an das königliche Purpur- oder an das Kardinalsrot), was den Wert des Tuches unterstrich.
Der zweite Preis bestand in einer neuen Armbrust, und wer als Dritter die Ziellinie überquerte, wurde mit einem Trost- oder Spottpreis bedacht: einem Spanferkel (der Ausdruck »Schwein gehabt« hat hier übrigens seine Wurzel, er beschrieb das Glück, gerade noch die letzte Auszeichnung ergattert zu haben).
Nach der Siegerehrung begann der Wettlauf der jungen Burschen, als Letztes folgte jener der Frauen. Es waren dies übrigens die sogenannten »Hübschlerinnen«, Prostituierte, die damals noch nicht so schamhaft versteckt und moralisch verdammt wurden wie in späteren Zeiten, sondern als eigene »Klasse« innerhalb der städtischen Gesellschaft akzeptiert waren. Gerade bei öffentlichen Festen oder feierlichen Einzügen hochgestellter Persönlichkeiten hatten sie etwa als Tänzerinnen ihre fixe Rolle, wurden dafür aus der Stadtkasse bezahlt und anschließend zum Essen eingeladen.
Der Sieger und die Siegerin der Wettläufe bekamen als Preis je ein Stück Barchent, einen teuren Stoff aus Leinen und Baumwolle (die ab dem 14. Jahrhundert aus dem Orient importiert wurde). Ein großes, von der Stadtverwaltung spendiertes Festmahl im Rathaus beendete das offizielle Programm schließlich.
Rund 150 Jahre lang wurde dieses beliebte Volksfest gefeiert, bis ihm die Erste Türkenbelagerung ein Ende setzte. Versuche, es neu zu beleben, misslangen, das letzte »Scharlachrennen« fand 1534 statt.
Ein Elefant in Wien
Schloss Kaiserebersdorf
Zweifellos gibt es Tiere, die man eher mit Wien zu assoziieren bereit ist als Elefanten, und doch behauptet zumindest ein Exemplar dieser Gattung seit knapp 500 Jahren seinen Platz in der österreichischen Kulturgeschichte. 1552 kam er im Gefolge Erzherzog Maximilians, des späteren Kaisers Maximilian II., von Spanien nach Wien.
In der Literatur wird dieser Elefant zumeist Soliman genannt, doch ist sein Name neueren Erkenntnissen zufolge nicht eindeutig belegt. Gepasst hätte er freilich hervorragend, er sollte nämlich, so heißt es, den damaligen Hauptfeind des christlichen Abendlandes, den türkischen Sultan Soliman (Süleyman), verunglimpfen, jenen Mann, der 1529 vergeblich versucht hatte, Wien zu erobern, und gegen den nun – gut 20 Jahre später – immer noch gekämpft wurde. Doch auch der politisch unverfängliche Name Beppo ist zu finden, der im Wienerischen zu Bepperl oder Pepi wurde.
Erzherzog Maximilian, der Sohn Ferdinands I., lebte einige Jahre in Spanien, am Hof der dortigen Habsburger-Verwandtschaft. Verheiratet war er seit 1548 mit seiner Cousine Maria (der Tochter Kaiser Karls V.). Als er im folgenden Jahr zum designierten Nachfolger seines Vaters als König von Böhmen gewählt wurde, beschloss er, mit seiner Familie zurück nach Wien zu ziehen.
Zur gleichen Zeit etwa erhielt Marias kleine Schwester Johanna von ihrem Bräutigam, dem König von Portugal, ein besonderes Geschenk: einen zwölfjährigen Elefantenbullen aus den portugiesischen Kolonien in Indien. 1550 kam dieser aus Goa in Lissabon an. Johanna ihrerseits hielt es offenbar für eine gute Idee, dieses exotische Tier an ihren Schwager Maximilian weiterzuschenken. So geschah es schließlich, und der Erzherzog sollte in seiner österreichischen Heimat noch viel Aufsehen mit diesem Geschenk erregen.
Im Oktober 1551 schiffte sich Maximilian mit seiner Frau, seinen beiden kleinen Kindern, einem großen Gefolge und dem Elefanten nach Genua ein.
Dort wartete bereits eine Abordnung des böhmischen Adels, die ihn als ihren künftigen König feierlich begrüßte und den Zug von nun an ein gutes Stück der Reise begleitete. Maximilians Gefolge war damit auf rund tausend Personen angewachsen, dazu kamen die prächtigen Kutschen und Sänften, die Transportwagen, die Reit- und Lasttiere – und als unbestreitbarer Höhepunkt der Elefantenbulle. Wo immer dieser prunkvolle Zug vorbeikam, sorgte er (und insbesondere das mächtige Tier) für enormes Aufsehen.
In Trient errichtete man ein riesiges hölzernes Gerüst in Elefantenform, aus dem bei Maximilians Einzug ein prächtiges Feuerwerk gezündet wurde. Chronisten und Dichter schrieben über das wundersame Wesen, und Maler und Kupferstecher verewigten es sowohl auf Papier als auch auf mancher Hauswand entlang der Reiseroute.
Durch das winterlich verschneite Hochgebirge ging es über Brixen (wo heute noch das Hotel »Zum Elefanten« steht) nach Innsbruck und auf dem Wasserweg weiter nach Passau. Donauabwärts gelangte man über Linz (auch dort steht noch das »Elefantenhaus« am Hauptplatz) schließlich nach Wien, wo man Anfang März 1552 eintraf.
Der offizielle feierliche Einzug Maximilians fand allerdings erst Wochen später statt. Durch das Kärntnertor führte der Weg die Kärntner Straße entlang, um über Graben und Kohlmarkt zur Hofburg zu gelangen. Tausende Menschen standen dicht gedrängt am Straßenrand, mit einer Mischung aus Neugier und Furcht vor dem noch nie gesehenen Tier. Kamele hatte man schon früher bestaunen können, selbst Löwen sollen in Wien zuvor ausgestellt gewesen sein, aber ein Elefant war eine echte Sensation!
Nichts konnte die Menge mehr fesseln als jenes »seltsame Ungethüm, … schwarz und schwerfällig, mit langgestreckter, gräulicher Nase, weit hinaufgekrümmten, ungeheuern, aber in blendender Weiße glänzenden Hauern«, heißt es in einer späteren Darstellung. Es soll niemand Geringerer als der berühmte Leibarzt Ferdinands I., Wolfgang Lazius, gewesen sein, der die ängstlichen Leute von der Ungefährlichkeit des Tiers überzeugen konnte.
Beim Rossmarkt, wo sich heute der Stock-im-Eisen-Platz befindet, stand damals ein großes Haus, das den Graben in Höhe der Dorotheergasse an seiner östlichen Seite abschloss und nur zwei schmale Gassen als Verbindung in Richtung St. Stephan frei ließ. Bei diesem Haus kam es zu einem Zwischenfall, als ein fünfjähriges Mädchen durch das Geschiebe und Gedränge niedergestoßen wurde und direkt vor die mächtigen Füße des Elefanten fiel. Dieser hob es jedoch – so ist es überliefert – sanft mit seinem Rüssel auf und reichte es seiner erschrockenen Mutter in die Arme zurück. Der Vater des Mädchens, ein hoher landesfürstlicher Beamter namens Anton Gienger, soll daraufhin an der Außenwand des Hauses ein großes Relief mit dem Bildnis des Elefanten und einer Inschrift auf Deutsch und Latein anbringen haben lassen. (Dass Letzteres tatsächlich existierte, ist sicher, ob es Gienger war, der es in Auftrag gab, jedoch nicht.) Der deutsche Text lautete:
Dieses Tier heisst ein Elephant, Welches ist weit und breit bekannt, Seine ganze Gröss, also Gestallt Ist hier gar fleissig abgemallt, Wie der König Maximilian Aus Hispanien hat bringen lan (lassen, Anm.) Im Monat Aprilis fürwar, Als man zelt 1552 Jahr.
Als das Relief später stark verwittert war, ersetzte man es durch ein Fresko, das seinerseits im ausgehenden 18. Jahrhundert übertüncht wurde. Das Haus riss man schließlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollends ab, so wie auch das zweite, weniger bekannte Wiener Elefantenhaus in der Kärntner Straße 47.
Im Bereich des heutigen Stadtparks soll der Elefant für einige Zeit öffentlich zu besichtigen gewesen sein, bevor er nach Kaiserebersdorf gebracht wurde. Das kaiserliche Lustschloss lag weit draußen vor den Toren Wiens und wurde – so wie Schloss Neugebäude – von Maximilian II. sehr geschätzt. Er ließ die alte Anlage ausbauen und brachte im weitläufigen Park die erste Menagerie unter, in der bald auch Löwen, Kamele, Bären, Luchse und andere wilde Tiere gehalten wurden. Jahrzehnte später übersiedelte diese Menagerie nach Neugebäude, und erst Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Tiergarten Schönbrunn eingerichtet.
Der Elefant – ob er nun Soliman oder Pepi hieß – verbrachte in Kaiserebersdorf seinen Lebensabend. Am 18. Dezember 1553 verendete er »incuria rectoris«, durch eine Unachtsamkeit seines indischen Pflegers (und nicht »im Hof des Rektors«, wie ein lange tradierter Lesefehler eines lateinischen Textes nahelegte).
Auch ein toter Elefant stellte damals freilich noch einen großen Wert dar, weshalb Maximilian die Haut sorgsam ausstopfen ließ und seinem Schwager, Herzog Albrecht V. von Bayern, schenkte. Während der alliierten Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg, brachte man das Präparat in einem feuchten Münchner Keller unter, wo es letztendlich verschimmelte. Aus den verwertbaren Resten der Haut stellte man Schuhsohlen her.
Ein Teil Solimans ist jedoch erhalten geblieben: Maximilian II. schenkte einige Elefantenknochen dem ehemaligen Wiener Bürgermeister Sebastian Huetstocker. Dieser ließ die Knochen zu einem Stuhl zusammenfügen und mit reichen Gravuren und einer ausführlichen Inschrift über die Geschichte des Elefanten versehen. Mehrfach vererbt und weiterverkauft kam der Stuhl schließlich in den Besitz des oberösterreichischen Benediktinerklosters Kremsmünster, in dessen Kunstkammer er noch heute zu besichtigen ist.

Der Einzug Maximilians und seines Elefanten in Wien

Für Julietta Ehrlich
und Myriam Faulkner
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Figur Cover rechts © Sophie Denk
Lektorat: Martin Bruny
Satz: Franz Hanns
Gesetzt aus der: Weidemann Book 11/14 pt
Printed in the EU
ISBN 978-3-85002-914-8
eISBN 978-3-902998-63-7
Inhalt
Einleitung – Joey stellt sich vor
SCHLOSS SCHÖNBRUNN
Im Kindermuseum
Kinderleben am Kaiserhof
Eine Reise ins Jahr 1760
Kleine Geschichte von Schönbrunn
Maria Anna, die gelehrte Erzherzogin
Das Schönbrunner Schlosstheater
Königin Marie Antoinette von Frankreich
Die Kindskammern
Die strenge Erziehung
Körper- und Haarpflege
Schminke und Kleidung
Kinderspielzeug
Kronprinz Joseph
Die Geschichte von Josephs Hut
Unterricht und Sport
In der Wagenburg – Fortbewegung am Kaiserhof
Der Sisi-Pfad
Die Schauräume – Repräsentation und Privatleben
Die Räume von Franz Joseph und Elisabeth
Maria Theresias Kinder
Marie Christine, die Lieblingstochter
Karl Joseph, der Lieblingssohn
Karls Unarten
Die weiteren Kinder
Der Spiegelsaal und die Rosa-Zimmer
Die Festsäle
Die Gemächer des Kaisers
Die Wohnung von Erzherzog Franz Karl und Erzherzogin Sophie
Die Berglzimmer im Erdgeschoß
Ein Rundgang durch den Park
Tiergarten und Palmenhaus
Tirolergarten und Gloriette
Brunnen und Römische Ruine
Die Orangerie
DAS GRÜNE WIEN UND DAS WASSER
Vom grünen Prater zum Wurstelprater
Ernst-Happel-Stadion und Stadionbad
Heustadlwasser und Rosenwasser
Das Lusthaus und die Gelsenbar
Von der Freudenau zur Arenawiese
Durch den Wurstelprater
Die Geschichte vom Taffern-Michel
Die Praterattraktionen
Das Riesenrad
Die Reiterin auf dem Riesenrad
Planetarium und Pratermuseum
Die Liliputbahn
Kaiser Joseph II. und der Prater
Von Nußdorf nach Simmering – den Donaukanal entlang
Das Nußdorfer Wehr
Das Wiener Wasser
Am Kanal im 9. Bezirk
Am Wasser im 1. Bezirk
Die Urania: Willkommen bei Kasperl und Pezi
Die Daublerhütten stromabwärts
Mit dem Drahtesel an die Donau
Segen und Fluch der Donau
Die Donauweibchen
Die Donauregulierungen
Das Islamische Zentrum
Donaupark und Donauturm
Die Donauinsel
Das Donauinselfest
Das Schulschiff
Der Millennium Tower
Vom Museumsschiff zum Friedhof der Namenlosen
Das Kaiserschiff
Die Friedenspagode
Der Religionsstifter Buddha
Der Friedhof der Namenlosen
Die Geschichte von Arnold und Vreni
Oberlaa: Pack die Badesachen ein
Der Kurpark Oberlaa
Die Therme
Die Kurkonditorei
AUF DEN SPUREN BERÜHMTER LEUTE
Schubert in Lichtental
Die Kindheit in der Vorstadt
Die Lehr- und Schaffensjahre
Sterbehaus und Grab
Die Falco-Tour
Die Schulzeit
Nie mehr Schule
Der Popstar
Out of the Dark
Die Hundertwasser-Tour
Das Hundertwasser-Krawina-Haus: Kunst
Das Hundertwasser-Village: Kommerz
Das Kunst Haus Wien: Museum
Schiffsstation und Hundertwasserschiff
Das Fernheizwerk Spittelau: Verschönerung
Die Sisi-Tour: Kaiserin Elisabeth und die Kerkerburg
Das Denkmal
Die Hochzeit
Die Kaiserappartements in der Hofburg
Das Sisi-Museum
Die Wohn- und Amtsräume des Kaisers
Die Räume der Kaiserin
Das Turnzimmer (Garderobezimmer)
Die ruhelose Frau
Tod und Begräbnis
Prinz Eugen, der edle Ritter
Das Reiterstandbild und die Bibliothek
Die Winterresidenz
Das Wurstduell
Die Sommerresidenz
Die Sphinx
Der tierfreundliche Prinz
Der Löwe des Prinzen Eugen
Besuch im Oberen Belvedere

SPEZIELLE TOUREN
Durch die Römerstadt Vindobona: Lagermauer und Hauptkanal
Die römischen Ausgrabungen auf dem Michaelerplatz
Das Römermuseum
Vom Pestlazarett zum Klinikum (AKH)
Das Josephinum
Das Lazarettviertel
Die Lepra
Das Schicksal der Kranken
Das Lazarett
Das Allgemeine Krankenhaus
Der St. Marxer Friedhof
Die Pompfüneberer
Lebendig begraben
Mozarts Schädel
Der Bruder des Walzerkönigs
Kornhäusel und Madersperger
Vor Mozarts Grab
Kleine Geschichte des St. Marxer Friedhofs
Der Komiker Hasenhut
Eine Frau reist um die Welt
WISSENSWERTES FÜR COOLE KIDS
Die alten Straßennamen
Die Legende vom Stoß im Himmel
Die Wiener Öffis – Öffentliche Verkehrsmittel in alter Zeit
ANHANG
Kurze Übersicht über die Geschichte Wiens
Kurze Herrscherliste (Regierungsjahre)
Öffnungszeiten
Literatur & wichtige Links für coole Kids
Namenregister
Orts- und Straßenregister
Bildnachweis
Die Falco–Tour
Die Schulzeit
Joey ist ein Fan von Falco. Er mag seine Songs und findet, dass Falcos Stimme einzigartig war, fast wie eine Opernstimme, aber gemischt mit hörbarer Arroganz und wienerischem Klang. »Sein gutes Aussehen und sein Auftreten passten genau dazu«, sagt Joey. »Gehen wir in die Ziegelofengasse in den 5. Bezirk, da ist Falco aufgewachsen.«
Ihr macht euch gleich auf den Weg, und schon bald steht ihr vor Haus Nr. 26.
»Schade, da steht jetzt ein großes Wohnhaus. Von den alten Häusern ist nichts mehr zu sehen. Als Hansi Hölzel am 19. Februar 1957 geboren wurde, wohnte die Familie auf Nr. 26. Die Gasse und das ganze Grätzel waren damals noch recht vorstädtisch und gemütlich.«
»Hat er schon als Kind gesungen?«, willst du wissen.

Die Ziegelofengasse heute
»Das weniger, aber seine Eltern merkten bald, dass er ein musikalisches Wunderkind mit absolutem Gehör war. Er bekam schon mit vier Jahren ein Klavier, einen Stutzflügel, und Klavierunterricht.«
Falcos Mutter hatte in der Ziegelofengasse ein kleines Lebensmittelgeschäft, da stand sie von früh bis spät drinnen und hatte wenig Zeit für ihren Sohn. Als Hansi 1963 in die Volksschule der Piaristen kam, blieb er deshalb am Nachmittag im Halbinternat.
»Komm, ich zeige dir die Schule. Sie ist gleich da vorne an der Ecke zur Wiedner Hauptstraße (Ecke Ziegelofengasse/Wiedner Hauptstraße 82). Hansi glänzte schon im ersten Schuljahr bei der Weihnachtsfeier. Er spielte auf dem Klavier zwei Walzer, den ›Donauwalzer‹ und ›Wiener Blut‹, und das ausgezeichnet. Schon damals soll er gesagt haben, er wolle einmal Popstar werden.«
Nach der Volksschule besuchte Hansi das Gymnasium in der Rainergasse 39, gleich neben der Wiedner Hauptstraße, dessen hässliche Fassade dir Joey anschließend zeigt.
Während er dich wieder in die Ziegelofengasse führt, erfährst du mehr über die Gymnasialzeit: »Als Hansi hier zur Schule ging, kümmerte sich niemand besonders um seine Schulerfolge. Der Vater hatte die Mutter verlassen. Sie musste ihr Geschäft wegen der Konkurrenz der neuen Supermärkte aufgeben und eine Stelle bei der Firma Columbia im Außendienst annehmen. Sie hatte also noch weniger Zeit für ihren Sohn als vorher. Die liebevolle Großmutter, die aus dem Burgenland nach Wien gezogen war und nun ebenfalls in der Ziegelofengasse wohnte, auf Nr. 37, hatte keine Ahnung von den Gegenständen, für die er hätte lernen sollen. Hansi verbrachte viel Zeit bei ihr.«

Der Besuch des Gymnasiums konnte Falco nicht begeistern
Nie mehr Schule
Joey erzählt weiter: »Als die Großmutter 1971 starb, zog Hansi in ihr winziges Quartier über dem Gasthaus ›Altes Fassl‹. Er begann die Schule zu schwänzen – nach der fünften Klasse und einem Fünfer in Mathematik brach er sie ganz ab. Schule war nichts für Hansi, und damit das auch jeder wusste, sang er einige Jahre später ›Nie mehr Schule‹. Mit dem Klavierspiel war es jetzt auch aus: Als ihm sein Vater etwas Geld schenkte, kaufte er sich seine erste Gitarre. Dem Schulabbruch folgte der Abbruch einer Lehre zum Bürokaufmann in der nahen Pensionsversicherungsanstalt (Blechturmgasse Nr. 11).«
»Falco hatte überhaupt keine Berufsausbildung?«, wirfst du ein. »Da muss er schon sehr von sich als Musiker überzeugt gewesen sein!«
»Ja, und mit 17 Jahren widmete er sich endgültig der Musik. Die Gitarre wurde durch eine Bassgitarre ersetzt, Hansi stieg in seine erste Band ein, das Umspannwerk. Die Proben fanden in Kaltenleutgeben statt, er fuhr mit seinem Moped dort hinaus.«
Nach dem Bundesheer besuchte er kurz die Jazz-Abteilung des Wiener Konservatoriums in der Johannesgasse Nr. 4A, ging aber dann für einige Zeit nach Berlin, um dort die Musikszene zu studieren. Zurück in Wien, wohnte er wieder über dem »Alten Fassl«, dessen Besucher in den gemütlichen, holzvertäfelten Räumen und dem kleinen Garten, unter dessen nicht mehr existierendem alten Kastanienbaum Hansi oft saß, gelegentlich seine Bassgitarre hörten.

Mit »Der Kommissar« wurde Falco weltweit berühmt
Der Popstar
»Joey, wie kam Hansi zu seinem Namen Falco? Du weißt das doch sicher.«
»Es gab damals einen erfolgreichen Skispringer aus Ostdeutschland, der ihm sehr imponierte: Falko Weißpflog, genannt ›der Falke‹. Als Hansi 1978 mit der im Jahr davor gegründeten Band Hallucination Copany auf Tour ging und in der Show ›Halluzinationen‹ in München als E-Bassist auftrat, nannte er sich bereits Falco. Damals begann er übrigens zu singen und seinen eigenen Stil zu entwickeln. Der Song ›Ganz Wien‹ wurde zu einem ersten Erfolg, dem bald viele weitere folgten. Die Gedenktafel da oben am Gasthaus erinnert an den von ihm getexteten Song ›Der Kommissar‹ (Musik von Robert Ponger), mit dem er 1981 an die Spitze der Hitparade gelangte.«
»Und trotz der Erfolge wohnte er weiter hier?«, willst du wissen.
»Nicht mehr lange, denn das Haus wurde von Fans belagert, er war ja nun ein Star. Er zog in die Schottenfeldgasse Nr. 7 in eine große Wohnung. 1985 schaffte er mit ›Rock me Amadeus‹ den Durchbruch zum Weltstar.
So hoch oben ist die Luft recht dünn. Es ist nicht leicht, sich dort zu halten, weder privat noch beruflich. Falco schaffte beides nicht. In die für seine vermeintliche Familie gekaufte Wohnung in Hietzing zog er erst gar nicht ein. Sein Weg führte nach Gars am Kamp, wo er eine schöne Villa besaß, dort steht auch sein Denkmal.
Die Wiener erlebten seinen letzten großen Auftritt am 27. Juni 1993 beim Donauinselfest.«
Out of the Dark
Danach zog er sich immer länger in die Dominikanische Republik zurück, wo er am 6. Februar 1998 bei einem Autounfall ums Leben kam. Richtig unheimlich muten seine Worte »Muss ich denn sterben, um zu leben?« an, so als ob er sein frühes Ende vorausgeahnt hätte. Sie stammen aus dem Lied »Out of the Dark« vom gleichnamigen Album, das drei Wochen nach seinem Tod erschien.
Sein Leichnam wurde von einem Flugzeug der Lauda Air nach Wien überführt, wo er im Beisein von über 4000 Fans am 14. Februar 1998 auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt wurde (Gruppe 40, Nr. 64).

Die Falco-Stiege
Willst du von der Ziegelofengasse dorthin fahren, gehst du die Margaretenstraße rechts bis zur Wehrgasse, und diese vor bis zur Rechten Wienzeile. Dort ist die Falcostiege, der 2003 nach dem Star benannten Aufgang zur U4-Station Kettenbrückengasse. Du fährst bis zur Landstraße und danach mit der U3 bis nach Simmering, von wo aus du mit der Straßenbahn 71 bis zum 3. Tor kommst. Dann gehst du einige Minuten geradeaus bis zum Grab, vor dem eine Bank die müden Fans zum Sitzen einlädt.

Falcos letzte Ruhestätte
Das Grabmal stammt vom Steinmetz Erich Zechmeister aus Hollabrunn, es wurde von einem Freund Falcos finanziert und 1999 fertiggestellt. Es besteht aus drei Teilen: dem drei Meter hohen Obelisken aus afrikanischem Granit, der in Tschechien gefertigten, 2,30 Meter hohen Panzerglasplatte in Form einer abgebrochenen CD mit Falcos Foto (»Nachtflug«) sowie den Titeln seiner bekanntesten Werke. Und der Säule mit dem schwarz gefassten Schriftzug »Hans Hölzel 1957–1998«. Sie ist gebrochen, ihr oberer Teil liegt auf dem Grab, als Symbol für seinen frühen Tod. Seine Leistungen, seine Lebensgeschichte und sein musikalisches Nachleben machten ihn zu einem modernen Helden.
Bildnachweis
Bundesgärten (61), Bwag/Commons (93), Cha già José (105), Kunsthistorisches Museum Wien (13, 37, 38), Herbert Ortner (100), Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebs Ges.m.b.H/Agentur Zolles (50), Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebs Ges.m.b.H/Alexander E. Koller (16, 65), Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebs Ges.m.b.H/Johannes Wagner (63), Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebs Ges.m.b.H/Katharina Schiffl (55), Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebs Ges.m.b.H/Peter Olschinsky (57)
sowie Alexander Ehrlich (www.ahre.at), Peter Grasz, Radosveta Iontcheva und Barbara Wolflingseder.
Die restlichen Bilder stammen aus dem Privatarchiv der Autorinnen beziehungsweise aus dem Bildarchiv Wienfuehrung (www.wienfuehrung.com). Die Autorinnen bedanken sich für die Abdruckgenehmigungen.
Der Verlag hat alle Rechte abgeklärt. Konnten in einzelnen Fällen die Rechteinhaber der reproduzierten Bilder nicht ausfindig gemacht werden, bitten wir, dem Verlag bestehende Ansprüche zu melden.


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Gesetzt aus der 11/13,2 Pt. Minion Pro
Printed in the EU
ISBN 978-3-99050-025-5
eISBN 978-3-903083-11-0
Inhalt
Vorwort
1Vom Urmeer zur Ruckerlbahn
Kahlenberg und Leopoldsberg
2Von drei verschwundenen und einem »gefälschten« Schloss
Bellevue, Himmel und Cobenzl
3Wienerwald für Wäschermädeln
Sievering, die Jägerwiese und das Agnesbründl
4Ein alter Feldherr träumt vom Landleben
Der Schwarzenbergpark in Neuwaldegg
5Von unglücklichen Grafen und fanatischen Nazis
Wilhelminen- oder doch Gallitzinberg?
6Ein Dichter im Abseits, ein Sultan auf dem Kopf, ein Feldherr im Gestrüpp
Von Schloss Laudon auf die Sophienalpe
7Von einer sprudelnden Quelle zu einem sterbenden Bürgermeister
Rekawinkel
8Kleine Beeren, große Höhen, weite Blicke
Laaben, Michelbach und Hegerberg
9Spielwiese für Fürsten, Versteck für Mordverdächtige
Der Kalenderberg bei Mödling
10Vergessene Züge, vergessenes Leid
Vom Frauenstein in die Hinterbrühl
11Vom Wiener Edelweiß und brennenden Dornbüschen
Der Eichkogel
12Von verschwundenen Föhren und existierenden Parapluiebäumen
Von der Breiten Föhre zum Anningergipfel
13Von trutzenden Burgen und unsichtbaren Gespenstern
Durchs Helenental
14Von rauchenden Höhlen und spukenden Türmen
Von Bad Vöslau nach Merkenstein
15Ein Stahlbaron mit Sinn für Säulen und Krankenhäuser
Von Berndorf auf den Guglzipf
Literaturverzeichnis
Bildnachweis
Personen- und Ortsregister
Vorwort
Dieses Buch ist ein Lesebuch. Wir wollen die Leserinnen und Leser verführen, in für sie unbekannte oder nicht erschlossene Gegenden des Wienerwaldes vorzudringen, oder aber dort, wo sie unter vielen anderen Ausflüglern ihren üblichen Sonntagsspaziergang absolvieren, einmal einen genaueren Blick auf all die seltsamen Ruinen, Gebäude, Denkmäler und Seltsamkeiten abseits des Weges zu werfen: wo seit dem 17. Jahrhundert vermögende Fürsten und altersmelancholische Feldherren riesige Landschaften inszenierten, wo arme Kränkelnde durch das Loch des Matterhörndls krochen, wo Sigmund Freud überreizte Damen auf Luftkur behandelte und zum ersten Mal einen Traum deutete, wo Mozart sich für seine Zauberflöte inspirieren ließ und Wäschermädeln nach Lottozahlen Ausschau hielten.
Bei allen von uns erwähnten Orten wollen wir die Vielzahl von Deutungen und Bedeutungen ausforschen, die im Alltagswienerisch oft achtlos benützt und abgenützt werden. Wer weiß schon, was der Mars auf der Marswiese treibt, warum der Franz Karl auf der Franz-Karl-Fernsicht so gerne saß und warum der Wilhelminenberg überhaupt nicht Wilhelminenberg heißt.
Keine Angst, Sie werden am Kahlenberg von den Türken weitgehend verschont bleiben und sich stattdessen den Eskapaden einiger Eisenbahn-Spekulanten widmen können, Sie bleiben weit weg von Gumpoldskirchen und seinen Heurigen und Sie werden im Lainzer Tiergarten nicht über etwaige Wildschweine stolpern. Dafür besuchen wir etwa die Elsbeerenbäuerin, kosten von der Quelle des Wienflusses und spüren einen k.-u.-k.-Offizier auf, der im Wienerwald in Eigenregie und mit Spendengeldern Kriegerdenkmäler baute.
Freilich sind die Orte im Wienerwald zufällig ausgewählt, die Auswahl unterlag schlicht und einfach dem subjektiven Blick der Autoren – und ist ohne Ende erweiter- und ergänzbar. Sie sind übrigens von Norden, dem Leopoldsberg, nach Süden, Berndorf, gereiht. Für alle vom Leser schmerzlich vermissten, ganz persönlich hochgehaltenen Orte, Kunstschätze und Anekdoten entschuldigen wir uns schon im Vorhinein. Dafür wollten wir mit starkem Interesse am Detail und einem Bündel an historischen Referenzen die von uns ausgewählten Orte umso eindringlicher beschreiben. Für den Gesamteindruck wichtig sind auch die passgenauen Fotos von Hubert Peterka, bei dem wir uns an dieser Stelle höflich bedanken wollen, auch für die Stunden, die er uns mit der Kamera durch den Wienerwald folgen musste.
Wer Lust und Laune hat, kann auf den von uns beschriebenen Touren auch wandern. Wer weniger Lust und weniger Laune hat, kann nur die halbe Tour absolvieren, oder dieselbe partout verkehrt herum anlegen, oder mit dem PKW die Ruinen und die Gaststätten besuchen, die längs unserer Spaziergänge stationiert sind. Vertrauliche Tipps folgen im Buch stets am Ende jeder Wanderung.
Wer sich schlussendlich zu einer Wanderung entschlossen hat, der möge bitte beachten: Gutes Schuhwerk bildet selbst im stadtnahen Wienerwald die Voraussetzung für eine geglückte und zufriedene Heimkehr. Zudem möge der Wienerwaldwanderer unterscheiden: Da in der Flyschzone im Westen das Wasser im Sandstein nicht versickert, muss man damit rechnen, dass man auch Tage nach einem Regen durch tiefe Gatschlacken stapfen könnte. Ganz anders hingegen ist es im Thermenwienerwald in der südlichen Kalkzone: Schon kurz nach dem Ende der Niederschläge kann man mit Entzücken und Heiterkeit auf trockenen Wegen flanieren.
Somit wünschen wir allen Leserinnen und Lesern eine delikate Lektüre und nach der Lektüre vielleicht auch eine delikate Wanderung!
Konrad Kramar und Beppo Beyerl
Für nützliche Hinweise bedanken sich die Autoren bei Karl Fahringer, Dieter Halama, Detlef Kapp, Lisbeth Mansbart, Jochen Müller, Eva Pappenscheller, Reinhold Posch, Wolfgang Schulz und Franz Vormaurer.
4 Ein alter Feldherr träumt vom Landleben
Der Schwarzenbergpark in Neuwaldegg
Fürstliche Parks beziehungsweise deren Überreste begleiten uns quer durch den ganzen Wienerwald. Wer aber verstehen will, welche Idee, welche Philosophie in diesen Anlagen steckt, muss in den Schwarzenbergpark nach Neuwaldegg. Das klingt aufs Erste ziemlich banal, schließlich zählt der Schwarzenbergpark zu den wahrscheinlich beliebtesten Zielen bei Sonntagsspaziergängen der Wiener. Dort kann man auf asphaltierten Wegen und damit auch mit dem Kinderwagen gehen. Vom nächsten Gasthaus ist man auch nie allzu weit entfernt und große Steigungen lauern erst abseits der Hauptroute. Doch wir wollen uns diesen Park aus der historischen Perspektive anschauen, dann erst entwickelt er seine eigentliche Faszination. Das Gefühl, das dieser Park im 18. Jahrhundert seinen Besuchern vermittelte, lässt sich noch heute nachvollziehen. Dem Geist der Aufklärung und ihrer neu entdeckten Liebe zur Natur kommt man in Wien sonst nirgendwo so nahe wie hier.
Die Schwarzenbergs, so sehr sie sich anderswo um die Architektur verdient gemacht haben mögen, kommen hier absolut zu Unrecht zu Ehren. Als sie Schloss und Park um 1820 übernahmen, kümmerten sie sich kaum um das, was der Gründer der Anlage hier verwirklicht hatte, und nützten Park und Wald eher forstwirtschaftlich und für die Jagd.
Der Mann, der all das erdachte, sich seinen Traum vom Landleben, oder das, was man sich in der späten Barockzeit in fürstlichen Kreisen darunter vorstellte, verwirklichte, ist eine ungewöhnliche und tragische Figur: Franz Moritz Graf Lacy stammte aus einer Adelsfamilie aus der Normandie, die sich aber ständig an einem anderen Eck Europas niederließ. Er wurde 1725 im russischen St. Petersburg geboren, zu einer Zeit, als dort Peter der Große bereits seinen Traum von einer europäischen Barockmetropole Wirklichkeit gemacht hatte. In Irland wuchs er auf. Von dort aber wurde die katholische Familie vertrieben. Sie zählte also zu jenen »Wildgänse« genannten katholischen Geschlechtern, die das protestantische England in Irland nicht haben wollte und die daher – wie Wildgänse eben – quer über Europa verstreut wurden. Die Lacys landeten in einer der traditionellen Hochburgen des katholischen Europa, dem Habsburgerreich und damit in Wien.

Es war eine gigantische Anlage, die Graf Lacy in Neuwaldegg errichten ließ. Der Geist der Aufklärung sollte vom Schloss des Grafen bis hinauf zum Hameau wehen.
Lacy trat in die österreichische Armee ein und wurde einer ihrer bedeutendsten Feldherren. Es ist daher kein Wunder, dass wir ihn auch am Fuß der Maria-Theresien-Statue vor dem Wiener Kunsthistorischen Museum antreffen. Da wir aber wandern und keine Militärhistorie schreiben wollen, ersparen wir uns den ausführlichen Rückblick auf sein Heldenleben und all die unzähligen gewonnenen Schlachten, die er im Dienst zweier Habsburgerherrscher, Maria Theresias und ihres Sohnes Joseph, einfuhr. Was wir uns näher ansehen müssen, um den Geist dieses Parks besser zu verstehen, ist das vertrackte Privatleben des Grafen. Er war niemals verheiratet und hatte keine Kinder, machte sich – anders als viele andere Adelige – nicht die Mühe, seinem Privatleben eine konventionelle Fassade zu geben. Es ist mehr als naheliegend, dass Lacy homosexuell war, und fast ebenso, dass er einen ziemlich berühmten Geliebten hatte: Kaiser Joseph II., Maria Theresias Sohn, ist bereits von mehreren Autoren geoutet worden. Dass es keine zeitgenössischen Beweise – etwa bösartige Berichte ausländischer Botschafter – gibt, die über seine sexuelle Orientierung berichten, ist für das Barock normal. Das Thema war ein großes Tabu. Auch bei Prinz Eugen, heute eine Galionsfiger der Schwulenbewegung, muss man lange graben, bis man auf halbwegs glaubwürdige Hinweise stößt. Was Lacy betrifft, haben wir zumindest einen wunderbar poetischen Hinweis auf seine Beziehung zum Kaiser. Als der Kaiser im Sterben lag, verfasste er einen Abschiedsbrief an Lacy, der in seiner Hingabe und offen dargelegten Zuneigung alle schriftlichen Gepflogenheiten des Barock durchbricht: »Ich sah ihre Tränen um mich fließen. Tränen eines großen Mannes und eines Weisen sind die schönste Apologie. Empfangen Sie dafür, indem ich sie zärtlich umarme, mein Lebewohl. Das Einzige, was ich in der Welt zu verlassen bedauere, ist die kleine Anzahl an Freunden, unter denen sie gewiß der erste sind. Erinnern Sie sich meiner, ihres aufrichtigen Freundes …«
Der Marschall hatte also beste Beziehungen zum Kaiserhaus, er hatte es leicht, große Grundstücke rund um Wien zu erwerben. Wir werden dem auch noch über Ottakring, am Gallitzin- oder Wilhelminenberg, begegnen. Auch dort baute er das erste Schloss, überließ es aber aus bis heute undurchschaubaren Gründen seinem Freund, dem Fürsten Gallitzin, der dort seine Gartenträume verwirklichen durfte.
Lacy wurde bei Maria Theresia vorstellig mit der Bitte, die Wälder rund um das Dorf Neuwaldegg in den Garten seiner Träume verwandeln zu dürfen. Offensichtlich ist ihr Sohn Joseph der Kaiserin ziemlich in den Ohren gelegen, denn sie kümmerte sich per persönlichem Erlass darum, dass Lacy bei seiner Garten-Großbaustelle keine Schwierigkeiten mit der habsburgischen Bürokratie bekam. Sie erteilte ihm quasi einen Persilschein fürs Bäumefällen.
Mit diesem Wissen im Rucksack können wir uns auf den Weg machen. Mit der Straßenbahnlinie 43 fahren wir bis zur Endstation und müssen von dort ein paar Schritte stadtauswärts wandern, um in die erste Gasse links – es ist die Waldegghofgasse – einzubiegen. Kaum sind wir ein paar Meter bergauf gegangen, sehen wir rechts von uns eine ziemlich hohe und abweisende Mauer. Es ist die Außenmauer von Schloss Neuwaldegg, dem Landsitz unseres ehrgeizigen Parkgestalters.
Das Schloss hat lange der Kirche gehört und ist heute im Besitz eines bekannten und nicht überall gut beleumundeten Investmentbankers. Zum Zeitpunkt, als wir das Buch verfasst haben, war eine umfassende Renovierung im Gange. Eine Besichtigung des Schlosses ist seit vielen Jahren nicht möglich, was schade ist, da es sich um eine der schönsten und kunsthistorisch wichtigsten barocken Anlagen der Stadt handelt. Johann Bernhard Fischer von Erlach, einer der bedeutendsten Architekten der Barockzeit im Habsburgerreich und immerhin Schöpfer von Bauwerken wie der Karlskirche oder Schloss Schönbrunn, errichtete es im Auftrag des Grafen Strattmann. Dessen Tochter Eleonore war die engste Freundin und Vertraute des bereits erwähnten Prinzen Eugen, wenn auch nicht seine Geliebte, die manche dem schwulen Prinzen gerne andichten.
In zeitgenössischen Stichen ist das Palais Strattmann von einem riesigen Barockgarten, ganz im Stil des Belvedere, umgeben. Immerhin sind von den unzähligen Statuen, die damals die Anlage bevölkerten, einige bis heute erhalten. Wer sich ein bisschen streckt und über die Mauer späht, kann ein paar Exemplare aus dem sogenannten »Zwergerl garten« – manche der Statuen sind tatsächlich eher niedlich als imposant – sehen. Die Mauer schützt das Schloss sonst leider so gut vor den Blicken der Spaziergänger, dass man sich wirklich Zeit nehmen muss, um eine Vorstellung von der Größe des Ensembles zu bekommen.

Die Familie Schwarzenberg übernahm das Schloss in Neuwaldegg im 19. Jahrhundert. Zum Erhalt der Parkanlage, die heute ihren Namen trägt, trug sie allerdings kaum etwas bei.
Die Familie konnte die Besitzung schließlich nicht mehr erhalten und so bekam Lacy – auch dank der Protektion aus der Hofburg – die Chance, das Schloss zu ersteigern. 1765 – Lacy war inzwischen 40 und damit für damalige Verhältnisse ein älterer Herr – konnte er als verdienter Feldherr darangehen, sich seinen Gartentraum zu erfüllen. In Anbetracht der Größe des Schlosses scheint es ein bisschen kokett, wenn der Graf in einem Brief an Maria Theresia von einem »kleinen Landhäuschen« schreibt, das er sich bei Dornbach »für Gesundheit und Vergnügen« zugelegt habe und wo er jetzt »die Süße des Landlebens« genießen wolle, die er »oftmals zur Entspannung brauche«.
Doch Lacy konnte mit dem von Strattmann dick aufgetragenen barocken Prunk tatsächlich nicht allzu viel anfangen. Er ließ die Schlossfassade von einigem Schmuck befreien und verkleinerte den strengen barocken Garten mit seinen Zierhecken und gestutzten Gehölzen. Er wollte einen neuen Typ Garten schaffen, einen Park im englischen Stil, weitläufig, nahe an der Natur. Es wurde der erste in und um Wien und die zeitgenössischen Experten, reisenden Berichterstatter und adeligen Tagebuchschreiber kamen in Scharen und waren hellauf begeistert. »Ein weitläufiger und ganz vortrefflicher englischer Garten, der übertrifft alles, was mir in dieser Art bekannt ist«, urteilte der Preuße Friedrich Nicolai, ein begeisterter Fürsprecher der Aufklärung und damit auch der neuen Naturliebe. »Auch bin ich nicht im Stande die unaussprechlich herrlichen Anblicke zu schildern, welche aufeinander folgten, so wie wir einen Teil des Gartens nach dem anderen durchwanderten, so wenig als die Empfindungen, von denen unsere Seele erfüllt war.«
Um tatsächlich diesen Park zu erleben, müssen wir jetzt ein größeres Stück Weg hinter uns bringen. Das war übrigens ganz im Sinne des Erfinders. Denn anders als die barocken Fürsten, die Parks direkt vor ihren Schlössern anlegten, sodass man nur die Türen öffnen musste, um hineinspazieren zu können, wollten Adelige wie Lacy die ungestörte Natur in Perfektion inszenieren. Da störte ein Schloss mittendrin. Schließlich war man hier draußen nicht mehr Feldherr oder Adeliger, sondern Landmann – und Lacy verliebte sich mit dem Alter immer mehr in diese Rolle. Den »Eremit von Neuwaldegg« nannte man ihn. Das hat dem naturverliebten Feldherrn sicher geschmeichelt.
Der Prunkbau musste außen vor bleiben und wir gehen die Waldegghofgasse entlang der Schlossmauer hinauf, bis der asphaltierte Weg rechts hinunter in den Schlosspark führt. Die Allee, die wir jetzt vor uns haben, war von Lacy genau so, als Hauptachse seines Parks, angelegt worden. Nur die Kleingartensiedlung am Hang links kam erst später dazu. Den eigentlichen Eingang in den Park markieren zwei obeliskenartige Säulen, die auf beiden Seiten der Allee aufgepflanzt sind. »Maria-Theresien-Schaukel« nannte sie der Volksmund und dichtete die Legende hinzu, dass die Kaiserin bei ihren Besuchen eine Schaukel zwischen den Obelisken aufhängen ließ und sich so die Zeit vertrieb.
Nicht ganz so frei erfunden ist der Herr, der sich auf einem der beiden Obelisken verewigt hat. Der lange kaum beachtete Schriftzug »Kyselak« ist in den letzten Jahren von der Stadt liebevoll aufgefrischt worden. Es ist das Vermächtnis von Joseph Kyselak, einem berüchtigten Spaßvogel aus dem Biedermeier, der auf seinen Wanderungen durch Österreich überall seinen Namen eingravierte. »Kyselaks« wie dieses gibt es heute, 200 Jahre später, nur noch vereinzelt, etwa am Wehrturm in Perchtoldsdorf und auf einer Felswand in der Wachau. Es gibt unzählige Anekdoten über den Bergwanderer, den es bis auf den Chimborazo in Ecuador verschlagen haben soll, inklusive dortiger Verewigung. Die netteste aber ist jene darüber, wie ihn der Kaiser wegen all der Kritzeleien zu sich zitierte. Kyselak erschien in der Hofburg, gelobte wortreich Besserung und hinterließ auf dem Schreibtisch seiner Majestät seinen eingeschnitzten Namen.
Wenn wir jetzt ein Stück bergab gehen, überqueren wir den Alserbach und entdecken auf der rechten Seite das riesige Auffangbecken für den einst wilden Fluss, der wie viele andere Wienerwaldbäche regelmäßig im Frühjahr Hochwasser führte und die Vororte bis zum Gürtel überschwemmte. Die grünen Schleusen, die wir sehen, sind der Beginn des Kanals, in dem der Bach unterirdisch weiterfließt. Er stammt noch aus der Monarchie und wurde fertiggestellt, nachdem das heute so unscheinbare Bacherl 1907 ganz Neuwaldegg und Dornbach überschwemmt hatte. Die »Alserbachforellen«, so nannte man in Wien die Ratten, die den Fluss bevölkerten, sind heute ebenfalls unter die Erde verbannt.
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Umschlagfotos sowie alle Fotos im Buch: © Axel N. Halbhuber
Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten
Gesetzt aus der 11,25/14,7 pt Minion Pro
Printed in the EU
ISBN 978-3-99050-071-2
eISBN 978-3-903083-57-8
Inhalt
Vorwort
by Katrin aka Mama
Prolog
Warum es vollkommen egal ist, dass sich das Kind nicht an eine Reise erinnern wird
Fisch und Feuer
Im Winter zum einsamen Meer: Warum ein Ofen sehenswert ist
Dänemark/Seeland: Odsherred, Kopenhagen
Schneemann und Stallbub
Kleine Entdecker: Warum Hütte und Bauernhof perfekte Basislager sind
Steiermark: Tauplitz, Ennstal, Schladming-Rohrmoos, Dachstein
Wasserratte versus Maskottchen
Konflikt in der Komfortzone: Wie kann mein Sohn Thermen mögen?
Burgenland: Lutzmannsburg
Am See im Fluss
Wasserfahrt in trockener Kiste: Warum kein Opa bei Radtouren fehlen darf
Deutschland/Österreich/Schweiz: Passau bis Wien und Bodenseerunde
Prado und Little Venice
Städte im Buggytempo: Wie ich nach zwanzig Trips ein erstes Mal hatte
Spanien/England: Madrid und London
Schlafende Riesen und tiefe Gräben
Die Almwiese als Spielteppich: Wieso sich Wandern mit Kind neu erfindet
Oberösterreich/Salzburg/Niederösterreich: Gosaukamm und Ötschergräben
Glück trotz Überfluss
Leidenschaftlicher Cluburlauber: Die Emanzipation des Reisekindes
Griechenland: Insel Kos
Höhlenmensch und Beifahrer
Fahrendes Klo und alles dabei: Wie man nie etwas im Zimmer vergisst
Kärnten: Längsee
Hummer und Straßenkatzen
Feiner Bub auf hoher See: Warum der Luxus beim Abenteuer nicht stört
Spanien/Frankreich/Italien/Mittelmeer: Barcelona, Korsika, Saint-Tropez, Portofino, Elba
Pures Leben und Totes Meer
Exotischer Trip von Wüste bis Wasser: Warum der Beduine Valentin nach Hause einlädt
Jordanien: Amman, Jerash, Umm Qais, Totes Meer, Petra, Königsstraße, Wadi Rum, Aqaba
Schokomassage und Fernsehabend
Die Bekehrung des Skeptikers: Wieso ein Kinderhotel nicht furchtbar sein muss
Tirol: Lermoos
Gletschertrip und Zugabe
Disneyland am Dreitausender: Wo der ehrgeizige Sohn sein Skidebüt einforderte
Salzburg: Kitzsteinhorn, Kaprun
Epilog
Warum man zweitens das Reiseprogramm halbieren soll. Und sich erstens vollkommen auf sein Kind einlassen darf.
Danke
Nimm ein Kind an die Hand und lass dich führen. Es wird dich in eine Welt entführen, die du schon längst vergessen hast.
Ein Sprichwort, sicher ein chinesisches
Prolog
Warum es vollkommen egal ist, dass sich das Kind nicht an eine Reise erinnern wird
Schade, dass er sich nicht daran erinnern wird. Ich konnte den Satz nicht mehr hören. Das ganze Gespräch darum nervte. Auf »Ich fliege mit Valentin ans Meer« antworteten Freunde und Bekannte: »Na geh, schade, dass er das später nicht mehr wissen wird.« »Ich fahre mit ihm nach Madrid« – »Ein Pech, dass er nichts von der Stadt mitbekommen wird.« Ich erzählte von Reisen mit dem damals etwa einjährigen Dauerentdecker, Berg, Wüste, Schiff, Rad, wasauchimmer – schade, schade, Pech, Pech, Erinnerung, Erinnerung.
Das Problem an dem Satz: Er ist Unsinn. Aus drei Gründen. Erstens: Dieser Logik folgend sollten wir Kinder bis zum merkfähigen Alter von drei oder vier Jahren in gepolsterte Zimmer sperren und nur grundversorgen. Wozu ein Buch vorlesen, merkt sich ja eh nix, das Kind. Wozu Bausteine, Tiergärten und Babytanzen, wenn das ignorante Krabbelwesen nur an Steckdosen interessiert ist. Schade, dass er sich nicht daran erinnern wird haben Jungeltern ausgesprochen, die mit ihrem Spross wöchentlich zur Babymassage (!) gingen – weil Berührung der Haut, weil frühkindliche Prägung, weil blablabla. Und der Sand in Jordaniens Wüste? Der salzige Nordwind an Dänemarks Küste? Die Gerüche exotischer Früchte auf den Märkten von Amman?
Wer ein Baby versorgt, weiß, dass im Leben anfangs nichts von Dauer ist. Jede Windel ist bald wieder voll, jeder Säuglingswamst bald wieder leer. Aber alles ist ein kleiner Schritt zum großen Sein. Alles dient der Entwicklung, der Prägung, und wieso sollen gerade fremde Städte, Länder und Welten das nicht tun? Johann Nestroy hat gesagt: »In den ersten Lebensjahren eines Kindes bringen ihm die Eltern Gehen und Sprechen bei …« – da kann man das Reisen dazuzählen. Beendet hat er den Satz mit »… in den späteren verlangen sie dann, dass es stillsitzt und den Mund hält«. Dazu zähle ich das Nichtreisen.
Zweitens wurde ich jenen gegenüber misstrauisch, die mir den Satz entgegenschleuderten. Warum reisen die überhaupt? Was ist Reisen? Ist es nicht der salzige Geschmack im Mund, wenn man zu lange auf die Brandung geschaut hat? Das Brennen in den Augen, wenn der Sonnenuntergang sich dem Ende zuneigt? Die erste mexikanische Delikatessen-Heuschrecke zwischen den Zähnen, die erste vergorene Stutenmilch in den Bergen Kirgistans? Berichten wir nicht genau diese Erlebnisse den Daheimgebliebenen? Wir stellen uns hin, mit glänzenden Augen, und sagen: »Dieses Bistro, gleich ums Eck vom Eiffelturm, haben wir entdeckt, das war umwerfend.« Der Satz »Und da waren wir auf dem Eiffelturm« garniert bestenfalls die Parodie einer Diashow. Wir reisen für den Moment, nicht für die bloße Erinnerung. Es ist eine grundsätzliche Frage, die man sich stellen muss.
Man soll Menschen nicht einteilen, aber ich teile sie in Reisende und Urlauber. Oder anders: Ich teile das Wegfahren in Reisen und in Urlaube. Nun mag die Erinnerung bei Urlauben ein epochaler Bestandteil sein, Urlaub dient ja neben der Erholung auch dem Neid, im Büro, bei Verwandten und Freunden. Da werden Poolliege und Frühstücksbuffet zu Sights, wer gibt schon mit dem Kellerbistro an, in dem man die besten Froschschenkel bekommt?
Es wäre also klug, sich der Frage zu stellen, wofür man reist. Um die Bilder ins Album zu bekommen oder ins Herz? Lustiges Paradoxon: Urlauber fotografieren zwar Sehenswürdigkeiten, schreiben auf Postkarten aber, wie Einheimische, Essen und Wetter sind. Erinnerung versus Gefühl. Kinder verbinden das, sie nehmen Kulturen über Menschen und Momente wahr, nicht über Geschichtsbücher.
Aber bezogen auf Schade, dass er sich nicht daran erinnern wird ist selbst dieser Unterschied egal. Das Kind reist nämlich auch im Urlaub. Es klettert auf eine fremde Strandliege genauso wie auf eine antike Säule. Für das Kind ist beides wie ein Kellerbistro.
Drittens: zu den »Reisenden«. Jene, die in jungen Jahren Backpacker waren und in mittleren Jahren noch immer etwas erkunden wollen, die sich einlassen auf das Land und dessen Leute, die eine Nacht im Mehrbettzimmer noch immer wegstecken, wenn es sich lohnt. Die als Erwachsene noch immer die All-inclusive-Komfortzone verlassen, um auf den höchsten Berg der griechischen Urlaubsinsel zu steigen. Menschen, die für erfülltes Fortsein einen Erkenntnisgewinn brauchen, der über den Clubtanz hinausgeht. Die nicht »endlich einmal liegen und ausruhen«, sondern »endlich einmal aufrecht gehen und wach sein« wollen.


Das Drama ist: Sogar manche von diesen sagen Schade, dass er sich nicht daran erinnern wird.
Mir ist bis heute nicht klar, warum Menschen ihr Reiseverhalten ändern, wenn sie Eltern werden. Sie tauschen Rucksack gegen Koffer und abgelegene Pfade gegen ausgetretene Adriastrände. Sie wählen ihr Quartier plötzlich nach der Nähe zum Krankenhaus, assoziieren Sonne nicht mehr mit Auf- und Untergang, sondern mit Gefahr, vor der es sich zu schützen gilt: Hutkrempen in Übergröße mit Nackenlappen, Sonnenbrillen wie Autoscheinwerfer und Sonnencremen wie Dispersionsfarbe – unfassbar, was sich die Babyschutzindustrie einfallen lässt. Die Früher-Reisende-jetzt-Urlaubseltern empfinden Entdeckungen als gefährlich und Unplanbares als russisches Roulette. Sie werden zu jenen »anderen«, die ihnen immer fremd waren. Trotzdem machen sie sich so inbrünstig über Helikoptereltern lustig, dass sie vollkommen übersehen, wie sehr sie über ihren eigenen Kindern kreisen. Zwischen »Man muss Kindern ja Freiräume geben« und »Schatzi, nicht in den Sand greifen, da haben die Krebse Lulu gemacht« passt oft nicht einmal ein Atemzug. Wo kann man Selbstreflexion eigentlich abschalten?
Schade, dass sich die Kinder daran nicht erinnern werden, wenn sie Kinder haben.
Ich kann mir dieses Verhalten nur damit erklären, dass heute zwar fast alle ein Kind wollen, aber erst »irgendwann«. »Irgendwann« sei, sagen sie auf Nachfrage, nach »Karriere/etwas aufbauen« und »noch ganz viel reisen«. Das geht sich bis »irgendwann« eh nie aus, weil die Karriere einem nie mehr als zwei Wochen am Stück freigibt. Aber doch reicht es, um die Überzeugung zu festigen, dass pränatales und postnatales Reisen sich grundsätzlich voneinander unterscheiden müssen. Peru-Rundreise mit Höhepunkt Machu Picchu davor, Jesolo-Woche mit Highlight Rieseneisbecher danach.
Das ist Unsinn. Weil Kinder nicht nur kein Problem beim Reisen sind, oder sagen wir, nicht mehr als ein eingewachsener Zehennagel: Auf den muss man bei der Planung auch Rücksicht nehmen und das große Annapurna-Trekking wird man vielleicht auf die Zeit nach der Heilung verschieben. Kinder sind sogar besser als der Zehennagel: Sie sind die besseren Reisenden. Weil sie nicht eine Liste von Sehenswürdigkeiten abarbeiten, die ohnehin aussehen wie die Bilder in unseren Köpfen. Sie denken sich in Pisa nicht »Der Turm ist ja wirklich schief« und in New York nicht »Bumm, ist die Statue klein«. Sie erwarten nichts, sie erleben es. Nehmen Gerüche auf, Klänge, das Gesicht eines Fremden, den Geschmack einer Speise. Sie reisen im Moment und für das Gefühl. Von Gefühlen kann man noch zehren, wenn Urlaubsfotos in Schubladen und auf Festplatten verrotten.
Denn ganz ehrlich: Wenn ich nach Ihrem schönsten Reisemoment frage, müssen Sie da im Album nachschauen?

Der Abdruck S. 113f. erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Picus Verlag, Wien, aus: Martin Leidenfrost: »Die Welt hinter Wien«, Wien: Picus Verlag, 2008, S. 224f.
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Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Silvia Wahrstätter, vielseitig.co.at
Umschlagmotiv: Gabriele Münter, »Jawlensky und Werefkin«,
Städtische Galerie im Lenbachhaus, München
Satz: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger
& Karl Schaumann GmbH, Heimstetten
Gesetzt aus der 11,25/15 Punkt New Caledonia
Printed in the EU
ISBN 978-3-85002-839-4
eISBN 978-3-902862-43-3
Inhalt
Vorwort
Erlebnisse
Franzl
Keine Rückkehr nach Wagrain
Ein dunkler Punkt
Trappe, Sessel, Ananas
Die Marillen der Frau Colocotroni
Pompe macabre
Es wird kein Wein sein …
8.14 Uhr, Gleis 7
Noblesse und Diskretion
Zweitwohnsitz
Begegnungen
Neues aus der Szene
»Nur Lumpe sind bescheiden …«
Im frei gewählten Exil
Meine Freunde, die Poeten
Hollemann von A bis Z
Entdeckungen
Sozialbau à la Maria Theresia
Der Doppelgänger von Wiener Neustadt
H & M
Die Schuhschachteln des Gendarmen Alois Mayrhuber
Erfahrungen
Autor auf Tour
Lob der Provinz (inklusive Tadel)
Kindermund
Bauernmarkt
Jenseits der Grenzen
Von Seebarn nach Lubowitz
Vaters Typoskript
Anhang
Personenregister
Bildnachweis
8.14 Uhr, Gleis 7
Wangen ist eine Kreisstadt von fünfundzwanzigtausend Einwohnern im Allgäu, auf halber Strecke zwischen Ravensburg und Lindau, keine 20 Kilometer vom deutschen Ufer des Bodensees entfernt. Die ehemals Freie Reichsstadt mit ihrem unter Denkmalschutz stehenden historischen Stadtkern ist heute eines der Zentren der baden-württembergischen Milch- und Käsereiwirtschaft, auch als Luftkurort und als Ausflugsziel für Tagestouristen nicht ohne Bedeutung. Mehr oder minder zufällig ist Wangen überdies eine wichtige Rolle als Zentrum der schlesischen Literatur zugewachsen, die hier nach 1945, auf Initiative einiger in der Region ansässig gewordener Heimatvertriebener aus dem ehemals deutschen Osten, eine bleibende Heimstatt fand. Eichendorff-Museum, Gustav-Freytag-Gedenkstätte und dazu die lebensgroße Bronzefigur des »Taugenichts« – schon auf den ersten Blick wird dem Besucher klar, daß er sich hier in einer Enklave ostdeutscher Kultur auf alemannischem Boden befindet.
Der »Wangener Kreis«, ein loser Zusammenschluß von Autoren, die dem (heute zu Polen gehörenden) schlesischen Raum entstammen, ruft seine Mitglieder und Sympathisanten alljährlich im September zu einer Tagung nach Wangen, und da es dabei ohne den andernorts oft schwer erträglichen Folklorekitsch der Vertriebenenverbände, nämlich sachlich und ressentimentfrei zugeht, nehme auch ich zuweilen an diesen Treffen teil, die mich unaufdringlich an die Stätten meiner eigenen Kindheit erinnern: an das oberschlesische Leobschütz, den Geburtsort meiner Mutter, der auch mir zwischen meinem dritten und elften Lebensjahr Heimat gewesen war.
Ich trete also gern, wenn mir die Einladung zum Herbsttreffen des »Wangener Kreises« ins Haus flattert, die Reise ins Allgäu an, auch wenn es eine weite und umständliche Reise ist. Da ich kein Autofahrer bin, bleibe ich auf Bahn oder Flieger angewiesen, wobei letzteres – mit den Varianten Friedrichshafen oder Zürich – nur wenig Zeitersparnis bringt, höchstens eine Notlösung darstellt. Ich fahre daher normalerweise mit dem Zug, obwohl mir Bahnreisen von über acht Stunden Dauer seit dem Überhandnehmen des Handygequassels in den Zugabteilen eigentlich verleidet sind.
Im Fall Wangen kommt noch hinzu, daß es sich bei diesem Ziel um einen Ort handelt, der mit der Bahn nur sehr schwer zu erreichen ist. Wien–München – das ist eine glatte Sache, inzwischen schon im Stundentakt. Was aber dann? Ich mußte schon in Bahnstationen umsteigen, die ich kaum auf der Landkarte fand: Namen wie Kißlegg, Aulendorf und Hergatz waren mir mit den Jahren zum Albtraum geworden.
Diese Schreckensbilder vor Augen, betrat ich am Morgen des 28. September 2012 den Wiener Westbahnhof. Für die Teilstrecke Wien–München waren keinerlei Unzukömmlichkeiten zu befürchten, und auch der zu gewärtigenden Umsteigerei auf der Reststrecke blickte ich gefaßt entgegen. Railjet-Luxus, fixe Sitzreservierung, reicher Vorrat an Reiselektüre sowie die Aussicht auf einen Platz im Speisewagen taten ein übriges, mich zu beruhigen, ja sogar einen Anflug von Reiselust in mir aufkommen zu lassen. 8.14 Uhr Abfahrt, Gleis 7.
Ich war überpünktlich zur Stelle, Gleis 7 war im Nu gefunden, der neue Westbahnhof ist ein Muster an Übersichtlichkeit und Effizienz.
Das auffallend starke Gedränge auf Gleis 7 schreckte mich nicht – ich hatte ja meine Platzkarte in der Tasche. Auch das dröhnende Stimmengewirr, das an Panik erinnernde Hin- und-her-Gelaufe der Reisenden und ihr sehr bald in lautes Schimpfen übergehendes Verlangen nach Auskunft konnten mich nicht aus der Ruhe bringen. Schließlich kenne ich meine Wiener: Wie schnell werden sie ungeduldig, wie gern geben sie sich der Lust zum »Matschkern« hin!
Doch diesmal, so war sehr bald zu erkennen, ging der Aufruhr über das Normalmaß hinaus: Was war geschehen? Und wo war mein Zug?
Er fiel aus! Auf der Strecke zwischen Westbahnhof und Hütteldorf war in aller Herrgottsfrühe ein Regionalzug entgleist, die Strecke blockiert, der rasche Einsatz einer Ersatzgarnitur ausgeschlossen, jede Voraussage bezüglich Behebung der entstandenen Schäden und möglicher Wiederaufnahme des Westbahnverkehrs ein einziges Rätsel – und das nicht nur für uns Passagiere, sondern offensichtlich auch für die Bediensteten der ÖBB: Keine Lautsprecherdurchsage, kein auf den Perron entsandtes Auskunftsorgan, nichts.
In diesem Augenblick totaler Ratlosigkeit hörte ich auf einmal eine männliche Stimme hinter mir: »Hallo Dietmar, was machst denn du hier?«
Ich drehte mich um: Es war der Ein-Meter-neunzig-Mann Viktor Billek – ein alter Bekannter, dem ich seit Jahren nicht mehr über den Weg gelaufen war. Viktor, legendärer, jedoch von den eigenen Parteifreunden in die Frühpension gemobbter Chef einer der fortschrittlichsten Volkshochschulen Wiens und einer der geistigen Väter der österreichischen Grün-Bewegung, stand neben mir.
Großes Erstaunen, freudige Begrüßung.
Meine Antwort: »Ich will nach Wangen. Und du?«
»Ich auch.«
Viktor: »Und zu welchem Zweck?«
Ich: »Zur Jahrestagung des ›Wangener Kreises‹.«
Viktor: »Und ich zu einem Symposium über Kaspar Hauser.«
Um die Einzigartigkeit dieses Zusammentreffens auf Bahnsteig 7 des Wiener Westbahnhofs zu ermessen, muß ich ein paar Fragen einschieben: Welcher Wiener kennt Wangen? Welcher Wiener weiß überhaupt, wo das ist? Und welcher Wiener weiß, wie man dorthin kommt?
Keiner.
Und dann wollen diese zwei – Viktor Billek und ich – am selben Tag, mit demselben Zug, vollkommen unabhängig voneinander und aus vollkommen unterschiedlichen Gründen – an dasselbe Ziel: nach Wangen! Zufall? Schicksal? Fügung?
Ich weiß es nicht. Und ich weiß auch nicht, welche Geheimwissenschaft, welcher Zweig der Parapsychologie oder welche okkultistische Instanz dafür zuständig wäre, das Mysterium dieser schier unglaublichen Koinzidenz zu entschleiern.
Aber derlei Überlegungen anzustellen, hatten in diesem Augenblick weder Viktor noch ich Zeit: Jetzt ging es nur darum, in aller Eile zu beratschlagen, wie wir trotz Zugausfalls an unser Ziel gelangen würden. Unter den mehreren hundert Wartenden wurden Ratschläge laut, Hütteldorf sei vielleicht eine Möglichkeit, weiterzukommen. Wir schnappten uns also ein Taxi, fuhren nach Hütteldorf. Dort das noch größere Chaos: Der Bahnhof überfüllt, kein hörbares oder gar sichtbares ÖBB-Organ, das darüber Auskunft gab, wie es mit dem Zugverkehr in Richtung Westen weitergehen könnte. Vielleicht würde es Stunden dauern, vielleicht den ganzen Tag? Und was wäre, wenn der Ersatzzug, so er irgendwann doch bereitgestellt werden würde, heillos überfüllt wäre? Wien–München im Stehen? Oder nicht einmal das? Was wäre dann mit meinem Eichendorff, mit Viktors Kaspar Hauser?
Handeln war gefragt. Viktor Billek, in diesem verzweifelten Moment noch einmal ganz der tatkräftig-umsichtige Manager, der er in früheren Jahren gewesen war, übernahm die Führung. Wir rasten mit einem weiteren Taxi zu seinem Haus in Mauer, stiegen dort in seinen Citroën um und legten die Acht-Stunden-Strecke nach Wangen per Pkw zurück. Es wurde eine zwar strapaziöse, doch letzten Endes wundervolle Fahrt. Wann hatte ich zuletzt mit einem derart interessanten, derart inspirierten Mann derart tiefsinnige Gespräche geführt? Selbst ein noch so folgenreiches Zugunglück kann, so lernte ich, sein Gutes haben …