Kitabı oku: «Julies Erwachen»

Yazı tipi:

Anne Karin Elstad

Mein Zimmer nennt sie ihre Stube. »Nun habe ich ein eigenes Zimmer«, schreibt sie in den Briefen nach Hause. Das gibt ihr das Gefühl, erwachsen zu sein, selbständig, wichtig. Mein Zimmer. Allein der Gedanke daran läßt ein berauschendes Gefühl von Freude, von Freiheit in ihr aufkommen. Zu Hause hat sie die Stube immer mit den Geschwistern geteilt, mit der großen Schwester Synna und der kleinen Schwester Johanne. Und als sie letzten Winter auf die Amtsschule ging, wohnte sie mit zwei anderen Mädchen auf einem Zimmer. Das war ja alles gut uns schön, aber sie hat sich immer nach etwas Eigenem gesehnt, nach einem Ort, an dem sie allein sein kann mit ihren Büchern, Gedanken und Träumen.

Zufrieden läßt Julie den Blick durch den sauberen und aufgeräumten Raum wandern. Die Holzwände sind zart rosa gestrichen, die Decke, das Fenster und die Leisten weiß. In der einen Ecke steht ein schwarzer Etagenofen. An der Wand direkt gegenüber das weiße Waschgeschirr mit blauem Blumendekor, die braune Kommode und ihre Sachen, die wohlgeordnet an den Haken hängen. Vor ihrem Bett der runde Nachttisch und der Korbsessel, dessen Sitzpolster mit braunem Kunstleder bezogen ist. Über dem Bett liegt eine Häkeldecke mit demselben Muster wie der Kissenbezug im Korbsessel. An den Fenstern weiße gehäkelte Gardinen, auf dem Waschgestell, auf dem Tisch und auf der Kommode bestickte Decken. Die Bettdecke, das Kissen und die Tischdecken gehören ihr. Es macht ihr Spaß, schöne Dinge anzufertigen. Überhaupt liebt sie alles, was schön ist. Schöne Räume, schöne Gegenstände, die Natur, die Menschen, Musik, Bilder, die Schönheit der Sprache.

Der Ort, in den sie gekommen ist, liegt ein paar Meilen südwestlich von Kristiansund. Es war Glück, daß sie hier bei Kaufmann Fuglevik eine Anstellung gefunden hat, eine Kombination von Verkäuferin und Dienstmädchen. Und im Grunde genommen alles reiner Zufall. Der Vater, der an Fuglevik Fässer und Kisten liefert, hatte mitbekommen, daß im Laden und im Haushalt eine Hilfe gebraucht wurde. Eine Urlaubsvertretung mit der Aussicht auf Festanstellung. Wenn es nach der Mutter gegangen wäre, hätte Synna, die Älteste, hier anfangen sollen. Aber Synna wollte nicht von zu Hause weg. Zum einen war sie nicht im mindesten an einer Arbeit interessiert, bei der man rechnen mußte, sie hatte Angst, nicht schnell genug zu sein. Aber der eigentliche Grund war, daß sie sich sozusagen verlobt hatte, mit einem Burschen aus dem Dorf. Noch dazu mit einem, der den Hof erben würde. Nur Julie wußte davon. Deshalb war Julie nicht sonderlich gekränkt, als die Mutter ihr vorhielt, daß sie ein bißchen zu geschickt alles so hindrehte, wie sie es haben wollte.

So war sie im Frühsommer für drei Wochen hierher gekommen. Und als sie wieder nach Hause fuhr, war sie überglücklich, daß sie im Herbst zurückerwartet wurde. Nun ist sie fast einen Monat hier, und alles ist noch viel besser, als sie es sich erträumt hatte. Am besten gefällt ihr die Arbeit im Laden, dort hat sie auch die meiste Zeit des Tages zu tun. Im Haushalt hilft sie nur mit, wenn es im Geschäft ruhig zugeht, und nach Ladenschluß. Herr Fuglevik und seine Familie sind nett und freundlich. Auch was den Lohn angeht, kann man nichts sagen, fünfundzwanzig Kronen im Monat. Das meiste davon wird sie sparen. Zu diesem Zweck war sie auf der Bank und hat sich ein Sparbuch ausstellen lassen. Für sich selbst braucht sie nicht viel, und Kost und Logis sind frei.

In diesen Wochen hat die Arbeit ihre ganze Kraft und Konzentration gefordert. Viel Neues will gelernt sein. Die Preise der gängisten Waren hat sie sich eingeprägt, damit es beim Verkaufen so schnell geht wie nur möglich. Und dann der Umgang mit den Lebensmittelkarten, die nach Neujahr herausgekommen sind. Es ist nicht leicht, den Leuten begreiflich zu machen, daß eine Person nur alle vier Wochen 800 Gramm Zucker erhält und es deshalb sinnlos ist, mehr zu verlangen, selbst wenn man noch so viel Geld bietet. Die Leute müssen sich auch daran gewöhnen, daß sie nicht zu jeder beliebigen Tageszeit Kaffee trinken können, wenn jeder Person nicht mehr als fünfzig Gramm pro Woche zustehen. Das und daß manche anschreiben lassen wollen, macht ihr am wenigsten Spaß an der Arbeit. Oft findet sie es ungerecht, wenn die Kunden ihren Ärger an ihr auslassen. Aber damit muß man fertig werden, das gehört mit zur Arbeit. Und sie darf nie vergessen, daß sie eine traumhafte Stellung hat. Es gibt viele, die sie darum beneiden, sowohl hier als auch zu Hause im Ort. Die meisten Mädchen vom Lande müssen sich mit einer Arbeit als Dienstmädchen begnügen.

Wenn sie hinter dem Ladentisch steht, hat sie das Gefühl, jemand zu sein. Sie ist drinnen; zwischen ihr und denen, die zum Einkaufen kommen, gibt es eine magische Grenze. Das verleiht Macht. Das weiß sie von früher, als sie noch auf der anderen Seite stand. O ja, die Arbeit macht wirklich Spaß. Die Ware wiegen und die Preise ausrechnen, lange Zahlenkolonnen zusammenzählen, Stoff abmessen und vorsichtig Ratschläge erteilen, Ordnung im Laden halten. Ordnung ist das Steckenpferd von Herrn Fuglevik. Ordnung ist das halbe Leben, pflegt er zu sagen.

Als Julie noch zur Grundschule ging, war sie mit der Tochter des Kaufmanns aus dem Dorf in einer Klasse. Alle Mädchen der Klasse bemühten sich um ihre Gunst – wegen des Ladens. Julie erinnert sich an das seltsam feierliche Gefühl, als sie einmal hinter den Ladentisch durfte und einen Blick in die Schubkästen werfen konnte. Sie enthielten allerlei geheime Schätze, Backpflaumen und Rosinen, Aprikosen und Korinthen, Mandeln und Feigen. Alle Köstlichkeiten dieser Welt schienen an diesem Ort versammelt zu sein, und der Gipfel des irdischen Glücks war es, eine Feige oder einen Kampferdrops in die Hand gedrückt zu bekommen. Die Kaufmannstochter konnte sich ihre Freundinnen nach Belieben aussuchen.

Jetzt, wo sie selber über die Waren herrscht, erinnert sie sich oft an diese Zeit. Hier gefällt es ihr so gut, daß sie manchmal ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn sie an zu Hause denkt. Obwohl sie sich wohl fühlt, hat sie doch mit Heimweh zu kämpfen. Besonders Synna vermißt sie, als Schwester und als beste Freundin. Seit Julies Konfirmation ist es, als wären sie gleichaltrig, auch wenn Synna zwei Jahre älter ist, und sie sind so enge Freundinnen geworden, daß sie keine andere mehr brauchen. Sie teilen alles, haben keine Geheimnisse voreinander. Jetzt müssen sie sich mit Briefen begnügen, aber sie schreiben fleißig, und es ist nicht schwer, etwas zu finden, über das man schreiben kann. Julie hat ihr Leben hier und all die neuen Dinge, die jeder einzelne Tag mit sich bringt, und Synnas Briefe drehen sich ganz um Hans. Hans sagt dies, und Hans tut jenes, und ob Julie meint, daß sie der Mutter bald von ihm erzählen soll? Es ist schrecklich spannend, daß Synna heimlich verlobt ist. Ja, sie vermißt Synna, Johanne und die beiden jüngeren Brüder. Ganz besonders den kleinen Kristen. Wenn sie sich vorstellt, wie er seine rundlichen Ärmchen um ihren Hals legt, muß sie gleich weinen. Und es ist ja eine so weite Reise, daß an einen Besuch zu Hause vor Weihnachten nicht zu denken ist. Nein, sie darf nicht hier sitzen und sich selbst bemitleiden und trübsinnig werden, denn die daheim vermissen sie gewiß nicht, das ist ihr jetzt klar. Heute ist ihr Geburtstag, Sonntag, der 22. September 1918. Achtzehn ist sie geworden, und das dürfte ja wohl ein Ereignis sein, das einen Gruß von zu Hause wert gewesen wäre. Hat sie nicht immer an die Geburtstage von allen gedacht? Aber kein einziger Brief ist gekommen, nicht einmal von Synna.

Niemand hier im Haus weiß, daß sie heute Geburtstag hat. Sie wollte es keinem sagen. Das hätte so aussehen können, als wollte sie eine Extrawurst gebraten haben an diesem Tag, das wäre dann doch zu peinlich gewesen. Und noch peinlicher, wenn Fugleviks gar nichts gemacht hätten. Da ist es schon am besten, den Mund zu halten.

Heute ist ihr freier Tag, der erste, den sie vollkommen frei hat, seit sie hier ist. Sie hat angeboten, beim Mittagessen zu helfen, aber Ane hat nein gesagt. Heute hat sie frei und soll keinen Handschlag tun, hat sie gesagt. Und noch ist es früh am Vormittag, der Tag, der vor ihr liegt, erscheint ihr unendlich lang, besonders wenn sie sich solche dummen Gedanken macht, die sie bedrücken.

Heute abend ist Tanz im Jugendhaus. Jetzt tut es Julie leid, daß sie Solveig, die tagsüber als Haushilfe kommt, abgeschlagen hat mitzugehen. Sie will mit ein paar anderen Mädchen aus dem Ort dorthin. Julie hat nein gesagt, weil sie sich hier noch fremd fühlt. Jetzt ärgert sie sich darüber. Wie soll sie mit den jungen Leuten hier Bekanntschaft schließen, wenn sie nicht mit ihnen ausgeht? Typisch für sie, sich so zu zieren. Wo sie doch schon die zwei Brüder kennt, die sich an den Nachmittagen im Laden herumdrücken. Sie kaufen ein paar Kleinigkeiten, sitzen aber meistens auf der Brottruhe und scherzen mit ihr, so daß sie schon mehr als einmal rot wurde und aus dem Konzept geriet. Sie mag die beiden, aber sie weiß nicht, welcher ihr besser gefällt. Na, darüber muß sie ja nicht jetzt nachdenken. Denn obwohl sie nun achtzehn ist und erwachsen, hat es keine Eile damit, nicht im geringsten. Sie wird sich nicht fest binden, noch lange nicht, weil sie Träume hat, ja, die hat sie. Aber ärgerlich, daß sie die Einladung zum Tanz ausgeschlagen hat. Allein kann sie nicht gehen. Damit würde sie sich im ganzen Ort blamieren. So darf sie jetzt schön allein sein und sich selbst bemitleiden. Aber das ist schließlich ihre eigene Schuld.

Nicht auszuhalten, hier drinnen zu sitzen und zu grübeln, sie muß hinaus. Sie hat sich ein Plätzchen ausgeguckt, eine Anhöhe oberhalb der Kirche. Wenn sie dorthin geht, kann sie das Meer sehen.

Sie sitzt auf einem flachen Felsen und sieht in die Ferne. Weit draußen, wo der Himmel und das Meer ineinander übergehen, schimmert blau der Horizont. Die See hat das leuchtende Blau des Septemberhimmels angenommen, schwingt sich auf zu schaumweißen Wogen, die sich über nackte Felsen und Strand, über Pfähle und Kaianlagen ergießen, so daß sie es bis hier oben hören kann. Landeinwärts ragen die Konturen der Bergrücken auf, die schneebedeckten Gipfel von der Sonne vergoldet. Die Landschaft mit den verstreut liegenden Gehöften glüht in den Herbstfarben, rot, gelb, goldbraun, gesprenkelt mit dem sanften Grün der Espen. Der Tag ist kühl. Obwohl die Sonne an einem klaren Himmel steht, beißt der frische Wind an Wangen und Ohrläppchen.

Von hier kann sie den ganzen Ort überblicken, mit der Kirche, den Bauernhöfen und den kleineren Häusern, dem langgestreckten, weißen Gebäude mit dem Laden, wo sie jetzt wohnt. Schön ist es hier, so schön, daß es ihr die Brust zusammenschnürt, so schön, daß sie am liebsten ein Gedicht schreiben würde über diesen Anblick. Eines Tages wird sie es tun. Wenn sie es überhaupt schafft.

Oh, wie sehr sie doch den Herbst liebt. Wenn andere sagen, sie sehnten sich nach dem Frühling, dann denkt sie, Sehnsucht nach dem Frühling, nein, nach dem Herbst, das ja. Der Frühling ist gefährlich, mit allem, was da grünt und sprießt, mit seiner alles überwältigenden Lebenskraft. Der Herbst aber in seiner Farbenpracht ist so schön, daß es schmerzt. Die Gewißheit, daß bald alles vorbei ist, daß diese Zeit so kurz ist, Wehmut und Trauer wie ein verborgener Strom in all der Schönheit. Die Rastlosigkeit, die Unruhe, die sie in dieser Zeit packt. Auch das Gefühl, daß sie das alles festhalten muß. Ob sie das vielleicht so empfindet, weil sie ein Herbstkind ist?

Im Herbst, sagt man, stirbt alles, Laub und Gras und Blumen. Aber ihre Blumen nicht, denn das sind ihre Träume und ihre Sehnsucht. Blumen, die nie verblühen.

Die Niedergeschlagenheit ist verflogen. Der Brief von zu Hause kommt bestimmt morgen, und tanzen gehen kann sie immer noch. Sie hat noch viel Zeit. Langweilen muß sie sich in ihrem Zimmer auch nicht. Sie hat ja noch die Bücher. Inzwischen kennt sie die Bibliothek, einmal in der Woche ist sie abends geöffnet. Gerade hat sie »Jenny« von Sigrid Undset angefangen, und obwohl sie das Buch schon einmal gelesen hat, ist es wieder genauso spannend wie beim ersten Mal. Damals hat sie es regelrecht verschlungen. Jetzt läßt sie sich mehr Zeit und entdeckt ständig neue Sachen, über die sie sich wundert. Dabei fehlt ihr Synna, denn sie haben immer dieselben Bücher gelesen und hinterher darüber gesprochen. So hatten sie immer noch lange nach der Lektüre eines Buches etwas davon. Besonders bei Büchern, die sie in aller Heimlichkeit ausgeliehen hatten. Bücher, die die Mutter nicht sehen sollte. Solche wie »Jenny«. Die Mutter ist in dieser Beziehung ziemlich prüde. Vielleicht gar nicht so verwunderlich, denn wenn Julie einzelne Stellen in solchen Büchern liest, kommt es schon vor, daß sie rot wird, auch wenn sie mutterseelenallein im Zimmer ist.

Auf dem Weg nach Hause sieht sie jemanden auf sich zukommen, und je näher er herankommt, desto mehr kommt ihr an der Gestalt irgend etwas bekannt vor, an der schlaksigen Art zu gehen. Das kann doch nicht möglich sein . . .? Aber doch, es stimmt, das ist Ingebrikt, der Freund aus Kindertagen. Die Röte, die sie im Gesicht aufflammen spürt, geht zum Glück wieder weg, bevor er heran ist. Was er hier wohl macht? Jedenfalls ist ihm anzusehen, daß er sich über die Begegnung freut. Feierlich streckt er ihr die Hand entgegen:

»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Julie.«

»Danke, aber woher weißt du das?«

Am vergangenen Wochenende war er zu Hause, erzählt er, und da hat er ihre Mutter im Laden getroffen. Als er erwähnte, daß er dieses Wochenende zu einem Schulfreund, der hier im Ort wohnt, nach Hause eingeladen ist, hatte sie ihn gefragt, ob er nicht ein kleines Päckchen für Julie mitnehmen würde. Das hat er getan, und das Päckchen ist bereits abgegeben.

»Du bist bei Fugleviks gewesen?«

»Ja, und ich habe mich richtig wohlerzogen benommen.«

»Und ich dachte schon, die zu Hause hätten mich vergessen.«

»So leicht ist es nun ja nicht, dich zu vergessen, Julie.«

Jetzt ist nicht nur der Wind schuld an ihren roten Wangen, die nun wohl nicht mehr zu übersehen sind. Daß er aber auch so etwas sagt.

Nach der ersten Verlegenheit redet sie wie ein Wasserfall. Wie geht es zu Hause? Was macht dieser und jener? Sie denkt, was sie schon so oft gedacht hat: Wie gut man sich mit Ingebrikt unterhalten kann. Und er weiß über vieles Bescheid, redet kein dummes Zeug daher. Das wäre ja auch noch schöner, er als Lehrersohn. Noch dazu, wo er im Frühjahr das Abitur macht, und davon kann sie wie die meisten jungen Leute aus ihrem Ort nur träumen.

Sie haben sich so viel zu erzählen, daß sie ganz überrascht ist, wie schnell sie zu Hause angekommen sind. Erst da fragt er sie, ob sie heute abend zum Tanz geht.

»Nein, ich glaube nicht.«

»Hast du denn keine Lust?«

»Ja, schon, aber ich habe niemanden, mit dem ich hingehen könnte.«

»Du kannst doch mit uns mitkommen.«

»Aber das geht doch nicht. Was glaubst du, was die Leute dazu sagen würden?«

»Habe ich nicht schon erwähnt, daß ich mich gut benehmen kann, wenn ich will?«

»Ja, aber . . .«

»Gut, dann holen wir dich um sieben ab.«

Bevor sie noch etwas einwenden kann, hat er ihr die Hand gegeben und sich verabschiedet.

Sie bleibt stehen und sieht ihm nach, wie er die Straße hinuntergeht, an den Kais vorbei und am Strand entlang. Eine hoch aufgeschossene Gestalt, die schwarze Schirmmütze mit der schmalen Krempe sitzt lässig hinten im Nacken auf dem gelockten blonden Haar. Die eine Hand in der Tasche, die andere frei schwingend. An der Art, wie er geht, sieht sie, daß er pfeift. Und es scheint ihn nicht im geringsten zu stören, daß Jacke und Hose viel zu kurz sind. Jetzt tritt er nach einem Stein und dreht sich einmal auf der Stelle im Kreis. Wie süß er jetzt ist! Was würde er wohl antworten, wenn sie ihm sagte, daß er süß ist?

Auf einmal fühlt sie sich ungeheuer glücklich. Und hatte er nicht von einem Päckchen gesprochen, das er für sie abgegeben hat?

Ane steht im Flur und nimmt sie in Empfang. Auch sie streckt ihr die Hand entgegen.

»Ich möchte dir herzlich zum Geburtstag gratulieren, Julie. Daß du aber auch nichts gesagt hast, sonst hätte ich mir doch die Zeit genommen, um dir einen Kuchen zu backen.«

»Nein, das ist doch wirklich nicht nötig!«

»Du weißt sicher schon, daß jemand hier war mit einem Päckchen für dich«, sagt Ane, die sie vom Fenster aus gesehen haben muß. »Ich habe ihn gefragt, ob es einen besonderen Anlaß gibt, und so erfahren, daß du heute Geburtstag hast. Also weißt du, Julie, du bist wirklich zu bescheiden. Aber der junge Mann machte einen guten Eindruck.«

»Ja, wir sind zusammen zur Schule gegangen. Er ist der Sohn von unserem Lehrer«, stottert Julie.

»Er ist beim Sohn des Pastors zu Besuch, hat er gesagt, und daß sie in Molde dieselbe Schule besuchen.«

»Sie gehen dort beide in die Abiturklasse. Er hat mich übrigens gefragt, ob ich heute abend mit ihnen zum Tanzen gehe. Ob ich das wohl machen kann?«

»Warum denn nicht? Ein Lehrersohn und der Sohn eines Pastors, bessere Kavaliere kannst du dir doch gar nicht wünschen. Und wenn du erst da bist, kannst du dich ja an Solveig halten. Aber wie ich dich kenne, kannst du auch gut selber auf dich aufpassen.«

Das Päckchen liegt auf dem runden Tisch. Sie sitzt im Sessel und schaut es nur an. Es ist fast wie am Weihnachtsabend. Man möchte die Geschenke auspacken, und gleichzeitig soll die Spannung noch etwas länger anhalten. Außerdem gibt es bald Mittag, sie wird sich das Ganze bis nach dem Essen aufheben. Vorfreude, schönste Freude.

Am Mittagstisch wissen alle Bescheid. Julie steht im Mittelpunkt.

»Du darfst dich zuerst bedienen, du hast heute deinen Ehrentag«, sagt Herr Fuglevik äußerst zuvorkommend.

Ane reicht ihr die Fleischklöße, die Kartoffeln und den gestampften Kohl. Der schmeckt wunderbar und fremd nach Muskat. Sie sitzen um den langen Tisch in der geräumigen Küche, Herr Fuglevik an der einen Stirnseite, Ane an der anderen. In der ersten Zeit hat Julie sie Frau Fuglevik genannt, wurde von ihr aber bald aufgefordert, Ane zu ihr zu sagen. Aber Herr Fuglevik wird nur mit dem Nachnamen angesprochen, auch von Ane, die mit ihm verheiratet ist. Die Kinder sitzen auch mit am Tisch, drei Jungen, die noch die Grundschule besuchen. Zwei erwachsene Töchter gehören auch dazu, aber sie wohnen nicht mehr zu Hause.

Gutmütig neckt Herr Fuglevik sie mit Ingebrikt, und zum Vergnügen der Jungen wird sie rot.

»Der wäre sicher keine schlechte Partie!« sagt Herr Fuglevik.

»Davon kann keine Rede sein«, protestiert sie verlegen, »wir sind bloß zusammen aufgewachsen.«

Beim Aufschnüren des Paketes läßt sie sich Zeit. Erst legt sie das graue Packpapier ordentlich zusammen, dann packt sie die Geschenke von den kleinen Brüdern aus, einen Block Schreibpapier und Briefumschläge mit geblümtem Futter. Von Johanne bekommt sie gestrickte Fingerhandschuhe, die sie mit ihrem Monogramm bestickt hat. Das Päckchen von Synna enthält ein Notizbuch mit festem Einband. In das Buch hat ihr Synna geschrieben: »Ich denke, du wirst für dieses Tagebuch Verwendung haben, jetzt, wo ich nicht mehr bei dir bin und du mir deine Geheimnisse nicht mehr anvertrauen kannst.«

Als sie das Geschenk von der Mutter auspackt, überkommt sie ein schlechtes Gewissen wegen all der vorwurfsvollen Gedanken und des Selbstmitleids von heute früh. Denn die Mutter hat ihr eine wunderschöne Bluse genäht. Aus cremefarbenem, glänzendem Seidenstoff. Und so sorgfältig ausgeführt, von oben bis unten zu knöpfen, mit klitzekleinen Knöpfen, die mit dem Blusenstoff bezogen sind. Dieselben Knöpfe auf den langen Manschetten der gekräuselten Ärmel. Entlang der Knopfleiste gereihte schmale Biesen, dazu ein großer flacher Kragen, besetzt mit Spitzen um den runden Halsausschnitt. Das ist das schönste Kleidungsstück, das sie je besessen hat.

Als ob das nicht mehr als genug wäre, liegt ein Umschlag vom Vater dabei mit fünf Kronen.

»Kauf dir davon, was du möchtest!« hat er auf den beiliegenden Zettel geschrieben.

Julie ist völlig aus dem Häuschen. So viel Aufhebens ist vorher noch nie von ihrem Geburtstag gemacht worden. Und ein Brief ist auch noch dabei und eine Karte von allen gemeinsam.

»Du mußt nicht glauben, daß wir nun jedesmal, wenn du Geburtstag hast, einen solchen Aufwand treiben. Aber dieses Mal bist du ja weit weg von zu Hause und allein, deshalb wollten wir dir in diesem Jahr eine besondere Freude machen. Auch um dich daran zu erinnern, daß du ab jetzt erwachsen bist. Es ist nun bald an der Zeit, daß du darüber nachdenkst, was du mit deinem Leben anfangen willst. Du gehst nun in dein neunzehntes Lebensjahr und bist den Kinderschuhen entwachsen. Die ungezügelte und unschuldige Kindheit liegt hinter dir. Du weißt ja, wir sind für dich da und werden helfen, so gut wir können und soweit es die finanziellen Verhältnisse zulassen. Ich finde, du solltest dieses Jahr nutzen und Erfahrungen sammeln und weiter über die Pläne nachdenken, die wir vor längerer Zeit in diesem Jahr besprochen haben. Daß du die Fähigkeiten dazu besitzt, weißt du.«

Ja, sie wird darüber nachdenken, aber nicht heute, denn dann bekommt sie wieder nur Zweifel und gerät ins Grübeln. Sie will zum Tanz, und sie freut sich darauf. Und sie ist auch sehr glücklich, daß alle zu Hause auf diese Weise an ihren Ehrentag gedacht haben.

Noch ist es viel zu früh, um sich für das Fest fertig zu machen. Das würde nur zur Folge haben, daß sie dort in verknitterten Sachen ankäme. Ruhe zum Lesen hat sie auch nicht mit diesem Durcheinander von Gedanken im Kopf. So bleibt sie im Sessel vor dem Fenster sitzen und blickt nach draußen. Die See, die Landschaft, hin und wieder Spaziergänger, die die Straße entlangkommen, Sonntagsfriede.

Ingebrikt. Seltsam, daß er ausgerechnet jetzt hier aufgetaucht ist. So war es mit ihm in den letzten Jahren aber schon immer. Er ist gekommen und gegangen, auch in ihren Gedanken. Sie war in ihn verliebt, und dann war es vorüber, wieder und wieder. Sie kennen sich nun schon seit Ewigkeiten. Obwohl er zwei Jahre älter ist als sie, waren sie doch in derselben Clique. Schon in der Grundschule hat sie immer nur ihn gesehen. Viele schöne Erinnerungen hängen daran. Sie muß an die mondhellen Winterabende denken, an denen die großen Schlitten vollgepackt wurden mit Kindern und Jugendlichen, und die größten und stärksten Jungen saßen ganz hinten und steuerten den Schlitten mit einem Ast, den sie sich von einem Baum geschnitten hatten. Ingebrikt sorgte immer dafür, daß er hinter ihr saß, so daß er sie festhalten konnte, wenn die Fahrt zu schnell wurde. Das war herrlich aufregend. Und nachdem sie konfirmiert worden war, hatte er nur noch Augen für sie. Sobald das Eis auf dem Fjord trug, waren sie auf Schlittschuhen draußen. Zwischen den Mädchen gab es einen Wettbewerb, wer die nettesten Jungen zum Anschieben gewinnt. Ingebrikt gehörte dazu, er schob sie, bis sie das Gefühl hatte, mit dem hinderlichen Rock, der sich wie ein Segel um die Beine legte, über das Eis zu fliegen. Wenn Tanz war, tanzte er fast nur mit ihr, und für gewöhnlich brachte er sie auch nach Hause. Deshalb war es kein Wunder, daß sie von den anderen für ein Paar gehalten wurden. Aber er war sehr oft weg. Er begann auf dem Gymnasium in Molde und fuhr an den Wochenenden selten nach Hause. Hinzu kam, daß sie letzten Winter die Amtsschule in Vestnes besuchte. Aber diesen Sommer über haben sie sich sehr häufig gesehen.

Es ist schon eine merkwürdige Sache mit Ingebrikt. Trifft sie ihn und sieht sie ihn, flammt die Verliebtheit in ihr auf. Danach hat sie ein paar Tage lang Sehnsucht, und dann ist alles wieder vorbei, sie vergißt ihn völlig, bis er wieder auftaucht und alles von vorn beginnt. Wenn es um solche Dinge geht, ist es mit ihr nun mal nicht wie bei anderen. Sie kann sich so unglaublich leicht verlieben, und genauso schnell ist es auch wieder vorüber. Manchmal fragt sie sich, ob sie es jemals schaffen wird, sich dauerhaft in einen Jungen zu verlieben, denn das ist ja der Traum aller Träume, den einen zu finden, den man den Richtigen nennt.

Er ist in jeder Hinsicht ein Junge, wie man ihn sich nicht besser wünschen kann. Er sieht sehr gut aus mit seinen blonden Haaren und den fröhlichen blauen Augen, er ist nicht sonderlich groß, hat aber eine gute Figur. Ein schöner junger Mann. Intelligent, und man kann sich mit ihm gut unterhalten, aber etwas hat er in seiner Art, mit dem sie nicht zurechtkommt. Er ist eigensinnig, jedesmal wenn sie diskutieren, ist er insgeheim darauf bedacht, recht zu bekommen, das letzte Wort zu behalten. Bei solchen Gelegenheiten ist ihr etwas in seinen Augen aufgefallen, eine Kälte, die sie frösteln läßt. Vielleicht ist es das, was sie bedenklich stimmt. Im Sommer hat er auch so Andeutungen gemacht, die darauf schließen lassen, daß er es ernster meint, als sie es tut. Und das möchte sie auf keinen Fall, sie will sich nicht an einen einzigen binden, noch nicht, noch lange nicht. Schließlich ist zwischen ihnen nicht mehr gewesen, als daß er mit ihr am häufigsten getanzt hat, daß sie es war, die er nach Hause brachte. Es gab sicher viele, die sie darum beneideten. Aber zwischen ihnen ist nie mehr gewesen, als daß sie Hand in Hand nach Hause gingen, wenn es niemand sah, nie mehr als eine flüchtige Umarmung zum Abschied. Und obwohl das alles sehr schön war, heißt das ja wohl noch lange nicht, daß sie ein Liebespaar sind. Oder hat es vielleicht dazu geführt, daß er sich ihrer sicher glaubt? Vorhin war das auch wieder zu merken, als er ihre vorsichtigen Einwände, zum Tanz mitzugehen, einfach überhörte. Er fegte sie hinweg, tat, als würde er sie gar nicht wahrnehmen. Eigensinnig, das ist er.

Wie auch immer, nun sitzt sie wieder da und ist verliebt. Möglicherweise gibt dieser Abend Antwort auf alles, worüber sie nachsinnt?

Sie muß ihre Sachen durchsehen. Die Bluse, die sie geschenkt bekommen hat, will sie heute abend anziehen. Sie wird sie noch einmal mit dem Plätteisen überbügeln müssen. Der Rock aus dem guten Stoff hat das wohl nicht nötig.

Als sie nach unten in die Küche kommt, steht Ane am Herd und kocht Kaffee.

»Gerade wollte ich dich zum Kaffee rufen«, sagt sie zu Julie, die in der Tür steht.

»Ach, ich kann doch eine Tasse hier in der Küche trinken, und dann würde ich gerne meine Bluse bügeln.«

»Natürlich mußt du heute zusammen mit uns Kaffee trinken, weißt du. Erst gibt es Geburtstagskaffee. Bügeln kannst du hinterher.«

Vorsichtig hängt Julie die Bluse über eine Stuhllehne, dort kann Ane sie nicht übersehen und muß sie bewundern.

»Oh, die ist ja wunderschön.«

Und dann erzählt Julie, daß die Bluse ein Geschenk von zu Hause ist, daß sie in dem Paket war und daß ihre Mutter sie genäht hat. Bestimmt mit Hilfe von Synna, die einen Schneiderkursus besucht hat. Dann wird ihr ganz heiß, weil sie schon die ganze Zeit viel zuviel redet.

In der guten Stube ist der Tisch mit dem Festtagsgeschirr gedeckt, mit einem bestickten Tischtuch, das strahlend sauber und frisch gestärkt ist, und mitten auf der Tafel thront eine große Torte. Wieder ist Julie verlegen, das wäre doch nicht . . . Aber Ane sagt, daß es ihnen doch auch Freude bereitet, ihr zeigen zu können, wie sehr sie sie mögen. Sie ist doch so tüchtig, und sie hoffen, sie noch lange hierbehalten zu können.

»Falls du es nicht vorziehst, uns demnächst zu verlassen, um zu heiraten«, neckt Herr Fuglevik sie. »Denn du kommst jetzt ja bald in das Alter.«

Wenn sie doch erst in einem Alter wäre, in dem sie dieses verräterische Rotwerden hinter sich hätte!

»Laß doch das Kind in Ruhe mit deinen Scherzen«, schimpft Ane.

Nicht nur eine leckere Torte mit Konfitüre und viel Sahne hat Ane herbeigezaubert, Julie bekommt auch Geschenke. Von Ane schön bestickte Taschentücher in einer Schachtel und von den Kindern einen Taschenspiegel mit Kamm.

Sie läßt das Bügeleisen auf dem Ofen heiß werden, streicht es auf der Plättdecke gründlich ab. Es darf nicht zu heiß sein, damit es keine Brandflecke auf der wertvollen Bluse gibt, und es darf kein Ruß dran sein. Sicherheitshalber bügelt sie die Bluse von der linken Seite. Das wäre eine schöne Bescherung, wenn sie sie mit Rußflekken verderben würde und ausgerechnet heute eine alte Bluse anziehen müßte.

Sie nimmt sich viel Zeit, um sich zurechtzumachen. Sie wäscht sich von Kopf bis Fuß, legt aus dem kleinen Fläschchen, das nach Maiglöckchen riecht, ein paar Tropfen auf. Aus der Kommode holt sie die feinste Unterwäsche, Mieder und Unterhemd, Schlüpfer und Unterkleid. Alles riecht frisch nach Heidemyrte, die sie selber gepflückt und in kleinen Beuteln aus Verbandmull zwischen die Sachen gelegt hat. Getrocknete Sträuße der Heidemyrte hängen auch zwischen ihren Kleidern an den Haken entlang der Wand. Das hält die Motten fern.

Die Bluse ist wunderbar und paßt sehr schön zu dem marineblauen, knöchellangen Rock aus dünnem Wollstoff, zu dieser Jahreszeit ihr bestes Kleidungsstück. Er ist glockenförmig geschnitten, sitzt eng um die Hüften und wird zum Saum hin sehr weit.

Darüber trägt sie einen breiten Gürtel in demselben Stoff wie der Rock. An den Füßen schwarze Knopfstiefel. Mit Ausnahme der Bluse sind das die Sachen, die sie zur Konfirmation getragen hat.

Sie freut sich über die neue Bluse. Die sie zur Konfirmation bekam, spannt über dem Busen, obwohl sie die Knöpfe schon versetzt hat, soweit es ging. Nun braucht sie sich deshalb nicht mehr zu genieren. Den Rock mußte sie nicht weiter machen. Der war gleich so genäht, daß sie hineinwachsen konnte. An dem Gürtel hat sie auch nichts geändert. Sie sieht fast so aus wie damals. Um den Busen herum und an den Hüften hat sie ein bißchen zugelegt, aber sie ist noch genauso schlank, und gewachsen ist sie auch nicht mehr, glücklicherweise. Bei der Konfirmation war sie die größte von allen Mädchen in der Kirche. Einsneunundsechzig.

₺558,45
Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
05 mayıs 2025
Hacim:
350 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711441114
Yayıncı:
Tercüman:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi: