Kitabı oku: «Studieren und Forschen mit Kind», sayfa 2
1.3 Die Konkurrenz um die Ressource Zeit
Der zentrale Konflikt zwischen den Bedürfnissen der Familie und den Anforderungen der Universität dreht sich um die Ressource Zeit. Stand vor dem ersten Kind noch die Ausbildung oder das Forschen und Lehren an erster Stelle, konkurrieren nun Familie und Universität um Priorisierung und um den größtmöglichen Anteil an der Lebenszeit von Mama und Papa, von Student/in und Forscher/in. Während jedoch das Kind ein bedingungsloses Anrecht auf die Aufmerksamkeit der Eltern hat, drängen existenzielle Notwendigkeiten oder auch der Wunsch nach Selbstverwirklichung die Eltern gleichzeitig zu Studium oder zu Forschung und Lehre.
Trotz der bestehenden Unterschiede in den Anforderungen der einzelnen Qualifikationsstufen ähneln sich die grundlegenden strukturellen Bedingungen von Studium, Promotion, Habilitation und Professur. In Studium und Wissenschaft müssen sich Eltern mit Nichteltern als Kollegen und Kolleginnen vergleichen, denen weit mehr Ressourcen zur Verfügung stehen. Eltern sind weniger flexibel, fallen öfter aus, brauchen mehr Zeit für vergleichbare Leistungen und sind meist älter als die Studierenden/Promovierenden oder Habilitierenden ihrer Vergleichsgruppe. Betroffene haben oft den Eindruck, ‚dreimal so gut‘ sein zu müssen, um für potenzielle Arbeitgeber ihr Manko der Inflexibilität wettzumachen. Der Erfolgsdruck und die Belastung können dadurch sehr hoch werden.
Die Krux und der einzige Weg, Familie und Studium/Wissenschaft für alle zufriedenstellend und erfolgreich zu bewältigen ohne dabei in eine Überforderungsspirale zu gelangen, liegt in einer bewussten Priorisierung und einer effektiven Arbeitsorganisation. Die dem Buch zugrunde liegende Idee ist die tatsächliche Vereinbarkeit von Studium/Wissenschaft und Familie. Dies bedeutet, der Familie den gebührenden Platz einzuräumen und die Anforderungen von Studium und Forschung in den wechselnden Lebensphasen der Kinder auf ein pragmatisch-handhabbares Niveau zu bringen.
Die Erkenntnisse der letzten Jahre zeigen, dass Eltern nicht in signifikant höherem Maß zu den Studien- oder Promotionsabbrechern, jedoch überproportional zu Wissenschaftsaussteigern gehören. Das bedeutet, dass die Vereinbarkeit mit dem zunehmenden Druck als schwierig eingeschätzt wird.
Eltern arbeiten meist effizient, sind diszipliniert und zielorientiert. Trotzdem sind für das Gelingen von Studium, Promotion und Forschung mit Kind verschiedene Faktoren ausschlaggebend. Dazu gehören eine sichere finanzielle Grundversorgung in jeder Phase, ein stabiles soziales Umfeld, gesicherte Kinderbetreuung und eine verständnisvolle akademische Unterstützung. Trotz der Gleichstellungsbemühungen existiert nach wie vor ein eklatanter Unterschied zwischen Müttern und Vätern, da alte Rollenmuster noch greifen und die Mütter meist die Hauptsorge für das Kind tragen und damit weniger Zeit für ihr Studium und ihre Forschung aufwenden können. Die Ausbildungsförderung von Frauen in der Wissenschaft ist dank der Bemühungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft in den letzten Jahren verstärkt in den Blick genommen worden. Besonders die Frauenförderpläne, das Professorinnenprogramm zur Erhöhung des Anteils von Frauen in der Forschung, aber auch die Exzellenzinitiativen als Best-Practice-Beispiele und nicht zuletzt der eingangs erwähnte demografische Wandel und die wachsende Kinderlosigkeit der Bildungseliten haben in diesem Zusammenhang zumindest zu einer Sensibilisierung gegenüber dem Themenfeld „Wissenschaft und Familie“ geführt.[1]
1.4 Universität mit Kind in Deutschland
Im Wintersemester 2015/16 studierten 2.757.799 Personen (davon 1.323.673 Frauen) an 426 Hochschulen, davon 107 Universitäten in Deutschland.[2]
Die 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks zeigt, dass aktuell 5% der Studierenden in Deutschland ein Kind bzw. mehrere Kinder haben, also knapp 138.000 Personen. Während 50% der Eltern verheiratet sind und 32% in einer festen Partnerschaft leben, sind 18% alleinstehend. Der große Unterschied zwischen Studierenden mit und ohne Kind ist der Altersunterschied: Studierende Eltern sind durchschnittlich 31 Jahre alt und damit fast acht Jahre älter als die kinderlose Vergleichsgruppe.[3]
Deutlich höher ist der Anteil der Eltern bei der Gruppe der Promovierenden. Im Wintersemester waren in Deutschland 196.200 Studierende zur Promotion eingeschrieben.[4] Durchschnittlich 15% der Doktorand/innen – und damit mehr als 29.000 – sind Mütter oder Väter (vgl. Kap. 5).
Im Jahr 2016 schlossen laut Statistischem Bundesamt 1.581 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Habilitation ab, davon entfielen 30% (481) auf Frauen. Im Vergleich dazu waren es noch vor zehn Jahren nur 22%. Das Durchschnittsalter lag dabei bei 41 Jahren, wobei Frauen geringfügig älter waren als Männer.[5]
Im wissenschaftlichen Mittelbau ließ sich für das Jahr 2005 am Beispiel von Nordrhein-Westfalen zeigen, dass 78% der Nachwuchswissenschaftlerinnen sowie 71% der Nachwuchswissenschaftler kinderlos waren (Auferkorte-Michaelis 2006). Zum Vergleich: Der Mikrozensus 2006 wies bei Frauen mit Hochschulabschluss in der Altersgruppe der 40–47-jährigen in den westdeutschen Bundesländern eine ‚nur‘ ca. 34-prozentige Kinderlosigkeit aus (21,5% in den ostdeutschen Bundesländern).[6] Die Kinderlosigkeit in der Wissenschaft war zu diesem Zeitpunkt damit eklatant höher als in anderen akademischen Berufszweigen. Leider liegen keine aktuellen, flächendeckenden Daten zur Mutter- oder Vaterschaft dieser Personengruppe vor.
Für das Jahr 2015 verzeichnet das Statistische Bundesamt 4.689 C4-Professuren (also höchstdotierte Stellen) in Deutschland, von denen nur 536 (11,4%) von Frauen besetzt sind. Unter allen anderen Professuren (Juniorprofessuren, W2) entfallen von insgesamt 46.344 Stellen 10.535 (22,7%) auf Frauen. Auch wenn der Frauenanteil nach wie vor schockierend gering ist, lässt sich verglichen mit dem prozentualen Anteil im Jahr 1990/91 von nur 2,6% C4-Professorinnen und 5,5% C3-Professorinnen (Macha/Paetzold, Identität, 123) immerhin ein deutlicher Anstieg nachweisen. Eine empirische Studie zur Kinderlosigkeit und Elternschaft der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen an den nordrhein-westfälischen Universitäten zeigte anhand eines landesweiten Samples von C3- und C4-Inhabern/Inhaberinnen 2004 eine Kinderlosigkeit in beiden Gruppen von Professorinnen von 57,7% (im Vergleich dazu nur 24,1% Kinderlosigkeit bei Professoren).[7] Obwohl die Elternschaft von Professorinnen (und Professoren) bislang nicht bundesweit erhoben wurde, darf angenommen werden, dass maximal die Hälfte aller Professorinnen zugleich Mütter sind.
Von den hochdotierten Professorenstellen entfallen in Deutschland nur 11,4% auf Frauen. Mehr als die Hälfte davon ist vermutlich kinderlos.
Diese Zahlen zeigen, dass es einen Zusammenhang zwischen Geschlecht (männlich/weiblich), Karriereweg und der Entscheidung für oder gegen eine Familiengründung gibt. Männer holen die Elternschaft auf dem Weg zur (für sie gegenüber den weiblichen Mitstreiterinnen wesentlich häufiger erfolgreichen) Professur oft nach, während Frauen sich offenbar immer noch zwischen Karriere und Elternschaft entscheiden (müssen).
Zusammenfassend lassen sich folgende Aussagen treffen: 1. Der Karriereweg von Frauen an den Hochschulen ist immer noch schwierig, wenn auch im Vergleich deutlich verbessert. 2. Frauen, die das Berufsziel Professur verfolgen, bleiben häufig kinderlos. 3. Da Mutterschaft biologisch nur schwer nachgeholt werden kann, existiert eine große Diskrepanz zwischen Frauen und Männern in Bezug auf die Kinderlosigkeit.
1.5 Mütter und Väter: Ein bedeutsamer Unterschied
Frauen und Männer, die studieren, haben inzwischen die gleichen Bedingungen und die gleichen Chancen während des Studiums. Dies ändert sich jedoch meist, sobald sie zu Müttern oder Vätern werden. Nicht etwa, weil sich damit die Grundbedingungen des Studierens ändern würden, sondern weil – oft auch gegen den Willen der Mütter und Väter – mit der Familiengründung eine Retraditionalisierung der Geschlechterrollen stattfindet: Müttern wird stärker die Aufgabe der Kinderbetreuung und ‑erziehung, Vätern die Aufgabe der Familienfinanzierung überantwortet. Entgegen aller Tendenzen zur Gleichberechtigung lässt sich dies nach wie vor beobachten, besonders während der Säuglings- und Kleinkindphasen. Je älter und damit meist selbstständiger die Kinder werden, desto besser lassen sich die Retraditionalisierung und die (oft unbewusste) Festlegung auf die Erfüllung bestimmter Geschlechterrollen wieder abschwächen.
Ein Kind zu bekommen bedeutet neben der Übernahme von Verantwortung für einen anderen Menschen zweierlei: eine Veränderung der eigenen Bedürfnisse und eine Einschränkung der persönlichen Bewegungsfreiheit. Bereits die Schwangerschaft kann für die Mutter körperlich anstrengend sein und zu mehr Ruhebedürfnis und damit geminderter Belastbarkeit führen. Ist das Kind geboren, müssen die Eltern meist mit sehr viel weniger Schlaf auskommen, besonders die Mütter, die ihre Kinder stillen. Das Kümmern um die Kinder, also das Herumtragen, Wickeln, Umziehen, Füttern, Beruhigen, Spielen usw., ist keine Nebensache, sondern ein anstrengender ‚Job‘. Auch unter idealen Betreuungsbedingungen, die täglich ein paar kinderfreie Stunden ermöglichen, sind Eltern, vor allem aber die Mütter körperlich belasteter und oft müde, sodass das eigene Bedürfnis nach mehr Schlaf oder danach, viel Zeit mit dem Nachwuchs zu verbringen, gepaart mit der vielleicht fehlenden Betreuung dazu führt, eine abendliche universitäre Pflichtveranstaltung ausfallen zu lassen oder das Semesterprogramm insgesamt ‚abzuspecken‘. Dies bewirkt automatisch eine Verlangsamung des Studiums.
Es ist wichtig, an dieser Stelle folgendes zu betonen: Das ist völlig in Ordnung so! Denn hier beginnt die Aufgabe der Institutionen, die durch strukturelle Maßnahmen die Teilhabe am Studium trotz der veränderten Lebenssituation der studierenden Mütter und Väter ermöglichen müssen.
In eben dieser Situation fällt bei Paaren mit ähnlichem Lebensalter, die sich in der gleichen Ausbildungsphase befinden, oft die Entscheidung für die oben genannte Retraditionalisierung, um in Hinblick auf die Finanzierung der Familie wenigstens einem der Partner ein ‚normales‘ und damit möglichst schnelles Durchlaufen des Studiums zu ermöglichen. Bei Beziehungen, in denen der Partner bereits Geld verdient, lastet meist weniger Vereinbarkeitsdruck auf der Mutter, die sich wegen der finanziellen Versorgung etwas mehr Zeit lassen darf, ihre Ausbildung erfolgreich abzuschließen.
Bei Paaren mit prekärer finanzieller Situation und noch stärker bei alleinerziehenden Müttern oder Vätern wird die Vereinbarkeitsfrage nicht zur Möglichkeit, sondern zum Muss. Vereinbarkeit zwischen Studium und Kind muss gelingen, weil das Wohl und die Zukunft der Einelternfamilie von dem Erfolg der Mutter oder des Vaters in beiden Lebensbereichen abhängen.
Trotz aller löblichen Auseinandersetzung um gleichberechtigte Partnerschaften und trotz der Idee der Chancengleichheit in Bezug auf die Berufsausbildung sieht die Wirklichkeit in Bezug auf die Vereinbarkeitsfrage nach wie vor meist so aus, dass das Herstellen der Vereinbarkeit immer noch primär auf den Schultern der Mütter lastet. Dieses Buch richtet sich daher zwar an alle Personen, die Familienverantwortung übernommen haben oder übernehmen wollen, fokussiert dabei aber trotzdem stärker auf Mütter als auf Väter.
Beide, Mütter und Väter, unterliegen auch der Notwendigkeit, selbst eine Ausbildung zu absolvieren und sich finanziell unabhängig zu machen von externer Versorgung (etwa durch die eigenen Eltern oder staatliche Hilfen), um damit ihren eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen gerecht zu werden. Aber – und das ist besonders wichtig – den Zeitpunkt, zu dem Sie Ihre Ausbildung, Ihr Studium und damit Ihre berufliche Karriere weiter verfolgen, ist Ihnen überlassen und lässt sich, zumindest in Grenzen, aufschieben. Sie haben also nicht nur die Wahl, was Sie tun wollen, sondern auch, wann Sie dies tun wollen. Inzwischen existieren genügend staatliche Modelle, die Ihnen genau diese Freiheit einräumen. Über die Fragen des ‚Was‘ und des ‚Wann‘ lohnt es sich, gründlich nachzudenken.
Eine besondere Belastungssituation erfahren Eltern, die etwa Mehrlinge erwarten, oder Eltern von Kindern mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen. Diese führen zu einer Vervielfachung der Anstrengungen und für die Mütter oft zum Ausstieg aus Ausbildung und Karriere. Diese Sondersituationen lassen sich schwer im Vorhinein absehen oder kalkulieren. Hier muss die Frage der Machbarkeit intensiv im Einzelfall geklärt werden.
Im Folgenden wird aus Gründen der sprachlichen Vereinfachung meist von ‚dem Kind‘ in der Einzahl gesprochen. Familien mit mehr als einem Kind sind dabei mitgedacht. Zwei, drei oder mehr Kinder stellen eine erhebliche Potenzierung der Vereinbarkeitsproblematik dar. Einerseits wird die Familienarbeit umfangreicher und benötigt mehr Zeit. Andererseits ergeben sich womöglich biografisch noch komplexere Situationen, weil sich die Kinder aufgrund des Altersunterschieds in verschiedenen Lebensphasen befinden.
1.6 Alleinerziehende
Wer sein Kind alleine großzieht, der verdient besonders eines: großen Respekt! Alleinerziehend zu sein, ist sehr anstrengend. Jedes Kind hat das Potenzial, die Eltern bis zur Erschöpfung ‚zu brauchen‘. Alleinerziehende Mütter (und Väter) sind die einzigen Ansprechpartner und Hauptbezugspersonen für das Kind. Die ‚Last‘ der Betreuung und die Zuständigkeit kann nicht (oder nur eingeschränkt) mit einem Partner geteilt werden und Verantwortung nicht abgegeben werden. Alleinerziehende haben daher nie ‚Pause‘, sie haben immer ‚Kinderdienst‘. Das ist sowohl seelisch als auch körperlich ermüdend, weil der alleinerziehende Elternteil der einzige ist, der das Kind den ganzen Tag im Tuch oder auf der Hüfte trägt, in den Kinderwagen oder den Laufstall hinein oder heraus hebt, es (gegen seinen Willen) an- oder auszieht und dabei gleichzeitig kocht, putzt und aufräumt. Spätestens in Krankheitsfällen, wenn zum Beispiel das Kind die ganze Nacht fiebert oder hustet oder nicht schlafen kann, ist die physische Belastung unter dem eigenen Schlafentzug groß.
Auch mental ist die Situation belastend, weil alle Entscheidungsverantwortung für die Gesundheit und die Entwicklung des Kindes bei einer Person liegt. Fragen wie etwa, ob das Kind ernsthaft krank ist und zum Arzt gebracht werden muss oder nur eine Erkältung hat oder ob eine Verhaltensauffälligkeit vielleicht durch einen Betreuungswechsel gelöst werden könnte, muss der oder die Alleinerziehende ganz alleine entscheiden und verantworten.
Die Einelternfamilie birgt oft noch tiefgreifende emotionale Herausforderungen, so etwa die der zu engen Bindung zwischen beiden in Form einer gegenseitigen Fixierung, die zum Beispiel Fremdbetreuung schwierig macht. Auch kann die partielle oder aber auch dauerhafte Überlastungssituation des Elternteils dazu führen, dass er oder sie einen Groll gegen das eigene Kind entwickelt. Besonders aus diesen beiden Gründen brauchen Alleinerziehende regelmäßige Auszeiten und Unterstützung, damit sie in einer guten Weise Verantwortung für ihr Kind übernehmen können ohne zugleich ihr eigenes Leben und ihre Ziele aufgeben zu müssen.
Es gibt jedoch auch Mütter in Paarbeziehungen mit ‚klassischer‘ Rollenverteilung, die – praktisch gesehen – alleinerziehend sind, weil die Väter nicht viel zuhause sind. Sie haben ähnlich viel Arbeit alleine zu bewältigen, aber üblicherweise nicht die Verantwortung für die finanzielle Grundsicherung und zumindest einen Partner, mit dem sie verbal ihre Sorgen teilen können.
Andererseits berichten alleinerziehende Mütter, die eine gute Beziehung zu den Vätern haben, vom Vorteil der gänzlichen Entlastung an den Papatagen, an denen das Kind tagsüber, über Nacht oder ein Wochenende lang nicht zuhause ist. Manchen kommt diese Konstruktion entgegen, andere leiden darunter, besonders wenn die Beziehung zum Vater konfliktbehaftet ist, der Unterhalt nicht regelmäßig gezahlt wird, die Kontakte selten und unregelmäßig erfolgen, die Übergabesituationen schwierig sind und das Kind durcheinander von der Papazeit zurückkehrt.
In dieser Situation ein Studium ins Auge zu fassen oder das bereits begonnene Studium weiterzuverfolgen, ist eine große Herausforderung und verlangt enorm viel Kraft und Disziplin.
2 Studieren mit Kind
2.1 Studieren als Ausbildungsstufe oder Lebensphase?
Das Studium als eine Möglichkeit der Ausbildung unter vielen anderen bietet trotz der Verschulung im Zuge der Bologna-Bildungsreform freiere Strukturen im Vergleich zu klassischen Lehrberufen. Studierende haben nach wie vor das Privileg, sich nicht sofort nach dem ersten qualifizierenden Schulabschluss entscheiden zu müssen, ‚wo sie später einmal arbeiten wollen‘, denn bei vielen Fächern erfolgt eine Festlegung des konkreten Berufszweigs erst nach dem Studium. Obwohl also das Studium eine Qualifikationsphase darstellt, die komplexere fachliche Zusammenhänge vermittelt und auf gesellschaftliche Leitungspositionen vorbereitet, stellt sie zugleich eine Lebensphase der Orientierung dar.
Rechnet man die ideale Ausbildungsdauer von Bachelor (3 Jahre), Master (2 Jahre) oder Staatsexamen, beenden Studierende frühestens nach fünf, mit einer Promotion (3 Jahre) erst nach acht Jahren im Alter von frühestens 27 Jahren ihre Ausbildung. Damit gerät die sehr lange Ausbildungsphase zu einer ausgedehnten Lebensphase der Persönlichkeitsentwicklung. Ein wichtiger Teil des Erwachsenwerdens, nämlich selbstständig zu sein und auf eigenen Füßen zu stehen, wird meist frühestens mit der Phase der (finanzierten) Promotion erreicht, während diese Form der Eigenverantwortung in anderen Ausbildungsgängen sehr viel früher eingefordert und erreicht wird. Erwarten Studierende ein Kind, dann müssen sie entgegen dieses Privilegs des verlangsamten Erwachsenwerdens recht unvermittelt ein höheres Maß an Eigenverantwortung und darüber hinaus sogar Fremdverantwortung übernehmen.
2.2 Studieren und Forschen an der Universität – die einzelnen Phasen
Wollte man die universitären Ausbildungs- und Karrierestufen vollständig absolvieren, sind verschiedene aufeinanderfolgende Qualifikationsphasen zu durchlaufen. In fast allen Fächern werden die ersten drei Jahre bzw. sechs Semester in der Angleichung an internationale Ausbildungsstrukturen der fachlichen Grundausbildung als Bachelor of Arts/Bachelor of Science (B.A./B.Sc.) bezeichnet. In dieser Phase orientiert sich das Studium eng an einem Curriculum. Mit der erfolgreich absolvierten Prüfung erwirbt man die Qualifikation für meist zweijährige Masterprogramme, die größere fachliche Spezialisierungen anbieten. Sowohl nach dem Bachelor als auch nach dem Master ist ein Einstieg in die Berufswelt möglich. Bis zum Ende des Masters gilt die Teilnahme an den Programmen als Studium und damit als Teil der Ausbildung. Die Finanzierung erfolgt in der Regel extern, das heißt, Studierende sind bis zum Ende des Studiums abhängig von ihren Eltern oder staatlichen Förderungsstellen (BAföG) oder Stiftungen (vgl. 2.10). Die Auffassung bzw. die Grundstruktur der Arbeitsweise ändert sich jedoch mit der mindestens dreijährigen Phase der Promotion, dem Verfassen der Dissertation als hochgradig spezialisierter, selbstständiger Forschungsleistung. Inzwischen bieten einige Universitäten hier ebenfalls strukturierte Promotionsprogramme an, die ein gewisses Rahmengerüst bieten, jedoch weitgehende Freiheiten zur eigenen Forschung lassen. Diese Phase wird zurzeit wissenschaftspolitisch stark gefördert. Einige Forschungsverbünde oder Graduiertenzentren bieten Stipendien oder Stellen an, sodass häufig eine Grundfinanzierung gewährleistet ist. Diese Finanzierung ist jedoch kein Selbstläufer: sehr gute Noten aus dem Master oder Diplom, eine vielversprechende Persönlichkeit und ein überzeugendes Forschungsprojekt sind Grundvoraussetzungen zum erfolgreichen Einwerben eines solchen Stipendiums oder einer solchen Stelle. Promovierende sind, obwohl diese Phase immer noch zur Ausbildung zählt (sprachlich findet dies seinen Niederschlag in der passiven Formulierung „promoviert werden“), oft in die universitäre Lehre eingebunden und halten Fachvorträge bei Tagungen, sodass sie mitunter auch schon dem Bereich der Forschung als Beruf zugeordnet werden. Nach der Promotion ist der Übergang in Berufsfelder jenseits der Universität ebenfalls – oft mit sehr guten Chancen – möglich.
Um an der Universität eine berufliche Karriere in Forschung und Lehre weiterverfolgen zu können, muss man nach der Promotion als zweite eigenständige Forschungsleistung (in den Geisteswissenschaften) die Habilitationsschrift oder das sogenannte „zweite Buch“ verfassen. Während dieser meist fünfjährigen Phase sind die Kandidaten als selbstständige Forscherinnen und Forscher idealerweise fest in universitäre Strukturen integriert und in die Lehre eingebunden (sprachlich manifestiert sich dies durch das aktive „man habilitiert sich“). Ist auch diese Phase erfolgreich abgeschlossen, ist eine Bewerbung auf eine Lebenszeitstelle (und nichts anderes bedeutet der Begriff „Professur“, da es Festanstellungen jenseits der Professur kaum noch gibt) an einer bundesweiten Hochschule im eigenen Fach bzw. innerhalb des eigenen Spezialgebiets möglich. Nach der Habilitation gilt man jedoch als ‚überqualifiziert‘ für den allgemeinen Berufsmarkt, als zu alt und zu sehr von den universitären Strukturen geprägt, sodass ein Übertritt in den freien Arbeitsmarkt selten gelingt. Zugleich sind die Lebenszeitstellen sehr rar und der Erfolg nicht planbar. Ist die primäre Funktion des Universitätsbesuchs die Ausbildung oder fachliche Spezialisierung, sollte man spätestens nach der Promotion die Universität verlassen; ist das Erreichen einer Professur das Berufs- und zugleich Lebensziel, dann sollte immer der ‚Plan B‘ im Fall des statistisch wahrscheinlicheren Scheiterns in der Schublade liegen.
Der größte Anteil der Vereinbarkeitsproblematik liegt in der alltäglichen Praxis und gilt für alle Ausbildungs- und Qualifikationsphasen gleichermaßen (vgl. Kap. 10). Über die besonderen Erfordernisse und Hemmnisse informieren die entsprechenden Kapitel.
Jede Qualifikationsphase bringt eigene Anforderungen mit sich, die sich unterschiedlich gut mit einer Familie oder einer geplanten Familiengründung ‚vertragen‘, und die zu unterschiedlich hohen Belastungen für Mütter und Väter führen.