Kitabı oku: «Gesammelte Werke: Novellen + Kurzgeschichten + Dramen», sayfa 14
Tsss! . . .
Iwan Jegorowitsch Krasnuchin, ein Journalist mittleren Ranges, kehrt spät in der Nacht heim, ernst und ungewöhnlich konzentriert. Er sieht aus, als erwarte er eine Haussuchung oder als gehe er mit Selbstmordgedanken um. Nachdem er in seinem Zimmer eine Zeitlang auf und abgegangen, bleibt er stehen, wühlt sein Haar auf und spricht im Tone des Laertes, der seine Schwester rächen will:
»Zerschlagen, müde an Leib und Seele, auf dem Herzen drückender Trübsinn, und mußt Dich dennoch hinsetzen und schreiben! Und das nennt man Leben?! Warum hat noch niemand den qualvollen Zwiespalt beschrieben, der einen Schriftsteller martert, wenn er traurig ist und dennoch die Menge amüsieren muß, oder wenn er lustig ist und auf Bestellung Thränen vergießen muß? Ich muß pikant, gleichgiltig-kühl, geistreich sein, aber stellen Sie sich vor, daß mich der Kummer drückt, oder daß ich, wollen wir sagen, krank bin, daß mein Kind mir stirbt, meine Frau niederkommt!«
Er spricht das alles, indem er die Fäuste ballt und die Augen rollen läßt . . . dann geht er ins Schlafzimmer und weckt seine Frau.
»Nadja«, sagt er, »ich setze mich jetzt an die Arbeit . . . Bitte, daß mich niemand stört. Man kann nicht schreiben, wenn die Kinder heulen und die Köchin schnarcht . . . Sorge auch, bitte, dafür, daß Thee und . . . sagen wir, Beefsteak da ist . . . Du weißt, ich kann ohne Thee nicht schreiben . . . Thee ist das einzige, was mich während der Arbeit aufrecht erhält.«
In sein Zimmer zurückgekehrt, nimmt er Rock, Weste und Stiefel ab. Diese Prozedur wird sehr langsam bewerkstelligt. Darauf verleiht er seinem Gesicht den Ausdruck gekränkter Unschuld und setzt sich an den Schreibtisch.
Auf dem Tisch giebt es nichts Zufälliges, Alltägliches, und jede kleinste Kleinigkeit trägt den Stempel einer reiflichen Überlegung und eines strengen Programms. Kleine Büsten und Photographien berühmter Schriftsteller, ein Haufen Manuskripte, der aufgeschlagene Band eines Musterkritikers, eine Hirnschale, die als Aschenbecher dient, ein Zeitungsblatt, nachlässig zusammengefaltet, aber so, daß man eine mit blauer Bleifeder umrandete Stelle sieht, neben welcher in großen Zügen die Randbemerkung »gemein« prangt. Daneben liegen ein Dutzend frischgespitzter Bleistifte und Federhalter mit neuen Federn, die offenbar der Möglichkeit vorbeugen sollen, daß irgend ein äußerer Einfluß oder Zufall, wie z. B. eine verdorbene Feder, auch nur auf eine Sekunde den freien schöpferischen Flug unterbreche . . .
Krasnuchin wirft sich auf die Lehne des Stuhls zurück und vertieft sich mit geschlossenen Augen in sein Thema. Er kann hören, wie seine Frau mit den Pantoffeln schlurft und die Späne für den Samowar schlägt. Sie ist noch nicht ganz wach, was man daraus schließen kann, daß der Samowardeckel und das Hackmesser ihr immerwährend aus den Händen fallen. Bald läßt sich das Summen des Samowars und das Knistern der Butter beim braten vernehmen. Die Frau hört mit dem Späneschlagen nicht auf und klappert immerfort mit der Ofenthür.
Plötzlich fährt Krasnuchin zusammen, öffnet erschrocken die Augen, und beginnt mit der Nase in der Luft umherzuschnuppern.
»Mein Gott, Ofendunst!« stöhnt er auf, die Stirne leidenvoll runzelnd. »Dunst! Dieses unerträgliche Weib hat sich die Aufgabe gestellt, mich zu vergiften. Nun sagt mir doch einer, wie ich unter solchen Umständen schreiben kann?!«
Er läuft in die Küche und läßt dort einen tragischen Monolog vom Stapel.
Als die Frau ihm nach einiger Zeit, vorsichtig auf den Fußspitzen gehend, ein Glas Thee bringt, sitzt er wie vordem zurückgelehnt, mit geschlossenen Augen, in sein Thema versunken. Er rührt sich nicht, trommelt leise mit zwei Fingern auf der Stirn und thut, als fühle er die Anwesenheit der Frau nicht . . . Sein Gesicht trägt wie vordem den Ausdruck gekränkter Unschuld.
Wie ein junges Mädchen, dem man einen teuren Fächer geschenkt hat, ziert er sich und kokettiert lange mit sich selbst, ehe er sich entschließt, den Titel niederzuschreiben . . . Er drückt sich die Schläfen, krümmt sich und zieht die Beine unterm Stuhl ein, als habe er Schmerzen, oder nimmt eine süß hingegossene Pose an, wie ein Kater auf dem Sofa . . . Endlich streckt er, nicht ohne Schwanken, die Hand nach dem Tintenfaß aus und macht mit einem Gesichtsausdruck, als unterzeichnete er ein Todesurteil, die Überschrift . . .
»Mama, gieb mir Wasser!« hört er die Stimme seines Sohnes.
»Tsss!« macht die Mutter. »Papa schreibt! Tsss . . .«
Papa schreibt schnell, in fliegender Hast, ohne Korrekturen und Pausen, so daß er kaum die Seiten wenden kann. Die Büsten und Portraits der berühmten Schriftsteller sehen auf seine schnell über das Papier laufende Feder herab und scheinen zu denken: ›Hast Du Bruder Dich aber gut eingefuchst!‹
»Tsss!« macht die Feder.
»Tsss!« machen die Schriftsteller, wenn Krasnuchins Knie an den Tisch stößt und sie mit dem Tisch zusammen erzittern.
Plötzlich richtet Krasnuchin sich auf, legt die Feder hin und horcht . . . Er vernimmt ein gleichmäßiges monotones Flüstern . . . Hinter der Wand, in dem Zimmer nebenan, betet sein Mieter Foma Nikolajewitsch.
»Hören Sie!« schreit Krasnuchin. »Können Sie nicht gefälligst etwas leiser beten? Sie stören mich beim Schreiben!«
»Entschuldigen Sie . . .« antwortet schüchtern Foma Nikolajewitsch.
»Tsss!«
Nachdem er fünf Seiten geschrieben, reckt Krasnuchin sich und sieht nach der Uhr.
»Mein Gott, schon drei Uhr!« stöhnt er auf. »Die Menschen schlafen, und ich . . . ich allein muß arbeiten!«
Müde, zerschlagen, das Haupt auf der Seite, geht er in das Schlafzimmer, weckt seine Frau und sagt mit schwacher Stimme:
»Nadja, gieb mir noch Thee! Ich bin . . . erschöpft!«
Er schreibt bis vier Uhr und er würde gerne noch bis sechs schreiben, wenn das Thema nicht versiegt wäre. Das Kokettieren und die Ziererei vor sich selbst und vor den unbelebten Gegenständen, sicher vor jedem indiskreten beobachtenden Auge, der Despotismus und die Tyrannei in einem kleinen Ameisenhaufen, den das Schicksal unter seine Gewalt gestellt hat, bilden das Salz und den Honig seiner Existenz.
Und wie wenig ähnelt dieser Despot hier zu Hause jenem kleinen, demütigen, wortlosen und unbegabten Menschlein, das wir gewohnt sind, in den Redaktionen zu sehen!
»Ich bin so überanstrengt, daß ich kaum einschlafen werde . . .« sagt er, als er sich schlafen legt. »Unsere Arbeit, diese verfluchte, undankbare Zwangsarbeit ermüdet nicht so sehr den Körper, als die Seele . . . Ich müßte Bromkali einnehmen . . . Ja, Gott sieht es, wenn nicht die Familie wäre, würde ich diese Arbeit aufgeben . . . Auf Bestellung schreiben! Das ist fürchterlich!«
Er schläft bis zwölf oder bis ein Uhr mittags, und er schläft fest und gesund . . . O, wie würde er noch ganz anders schlafen, was würde er für Träume sehen, wenn er ein bekannter Schriftsteller, Redakteur oder auch nur Verleger werden könnte!
»Er hat die ganze Nacht durch geschrieben!« flüstert die Frau und macht ein erschrockenes Gesicht, »Tsss!«
Niemand darf weder sprechen, noch gehen, noch irgend ein Geräusch machen. Sein Schlaf ist ein Heiligtum, für dessen Entweihung der Schuldige grausam bestraft würde!
›Tsss!‹ schwirrt es durch die Wohnung.
›Tsss!‹
Ohne Auslagen
Bei dem Zugführer Stitschkin saß an einem seiner dienstfreien Tage Ljubowj Grigorjewna, eine solide, etwas schwammige Dame von etwa vierzig Jahren, die sich mit Heiratsvermittelung und vielen anderen Geschäften befaßte, von denen man nur im Flüstertone zu sprechen pflegt. Stitschkin, etwas verlegen, aber ernst, gemessen und streng wie immer, ging im Zimmer auf und ab, rauchte eine Zigarre und sprach:
»Freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ssemjon Iwanowitsch hatte Sie mir empfohlen, da Sie mir in einer sehr peinlichen und wichtigen Sache, die das Glück meines Lebens betrifft, helfen könnten. Ljubowj Grigorjewna, ich bin jetzt zwei und fünfzig Jahre alt, also in einer Epoche, in welcher sehr viele schon erwachsene Kinder haben. Meine Stellung ist eine solide. Mein Vermögen ist zwar nicht groß, aber ich könnte doch ein geliebtes Wesen und ein paar Kinder gut ernähren. Ich kann Ihnen unter uns sagen, daß ich außer dem Gehalt auch Geld auf der Bank liegen habe, welches ich dank meiner Lebensweise mir ersparen konnte. Ich bin ein solider und nüchterner Mensch, führe einen gesetzten und praktischen Lebenswandel, so daß ich manchem als Beispiel dienen könnte. Nur eins fehlt mir – ein eigener häuslicher Herd und eine Gefährtin. Ich lebe jetzt wie so ein wandernder Zigeuner, schweife von Ort zu Ort, ohne alle Freude, kann mich mit niemandem beraten, und wenn ich krank bin, ist niemand da, der mir Wasser u. s. w. reichen könnte. Außerdem wiegt ein Verheirateter in der Gesellschaft immer mehr, als ein Unverheirateter . . . Ich gehöre zu den gebildeten Klassen, habe Vermögen, aber wenn man mich von dem Standpunkt aus betrachtet, was bin ich? Ein Junggesell, wie so ein katholischer Pfarrer. Und daher möchte ich mich sehr gerne in Hymens Bande begeben, d. h. in den heiligen Stand der Ehe mit irgend einer würdigen Person . . .«
»Das ist recht!« seufzte die Heiratsvermittlerin.
»Ich bin ein einsamer Mensch und kenne in der hiesigen Stadt niemand. Wohin soll ich gehen und an wen mich wenden, wenn für mich hier alle incognito sind? Eben daher riet mir Ssemjon Iwanowitsch, mich an eine Person zu wenden, die in diesem Fach eine Spezialistin ist und das Glück der Menschen als Profession betreibt. Und darum ersuche ich Sie höflichst, Ljubowj Grigorjewna, mein Schicksal unter Ihrer gefälligen Mitwirkung betreiben zu wollen. Sie kennen alle Bräute in der Stadt und können mich leicht anbringen.«
»Ja, das kann man . . .«
»Ich bitte, trinken Sie . . .«
Die Heiratsvermittlerin führte das Glas mit gewohnter Geste an den Mund und leerte es, ohne sich zu räuspern.
»Das kann man«, wiederholte sie. »Und was für eine Braut wünschen Sie sich, Nikolaj Nikolaitsch?«
»Ich? Was das Schicksal mir schickt.«
»Natürlich, das ist ja Schicksalssache, aber es hat doch jeder seinen Geschmack. Der eine liebt blonde, der andere brünette . . .«
»Sehen Sie mal, Ljubowj Grigorjewna . . .« unterbrach sie Stitschkin mit einem soliden Seufzer. »Ich bin ein gesetzter Mann und charaktervoll. Für mich spielt die Schönheit und überhaupt die Äußerlichkeit nur eine zweite Rolle, denn, wie Sie selbst wissen, Schönheit vergeht, und mit einer hübschen Frau kann man viel Kummer haben. Ich hab' es mir so überlegt, daß an einer Frau die Hauptsache nicht das ist, was äußerlich, sondern das, was drinnen ist, d. h. daß sie Seele und überhaupt alle Eigenschaften hat. Trinken Sie, bitte . . . Es ist natürlich angenehm, wenn die Frau eine volle Figur hat, aber notwendig ist es für die beiderseitige Fortuna nicht; die Hauptsache bleibt der Verstand. Eigentlich braucht ja die Frau auch keinen Verstand zu haben, denn durch den Verstand bekommt sie leicht einen hohen Begriff von sich und denkt dann an alle möglichen Ideale. Ohne Bildung geht es freilich heutzutage nicht, aber es giebt doch verschiedene Bildung. Es ist sehr nett, wenn sie Französisch und Deutsch und alles mögliche kann, natürlich sehr angenehm; aber was hat man davon, wenn sie dabei nicht versteht, einem einen Knopf anzunähen? Ich gehöre selbst zu den gebildeten Klassen, spreche mit dem Fürsten Kanitelin z. B., ich darf es wohl sagen, so wie jetzt mit Ihnen, aber ich habe einen schlichten Charakter. Ich brauche ein einfaches Mädchen. Die Hauptsache ist, daß sie mich achtet und fühlt, daß ich sie beglückt habe.«
»Natürlich.«
»Nun, jetzt in Bezug auf das Materielle . . . Eine Reiche brauche ich nicht. Zu einer Gemeinheit, wie eine Geldheirat, bin ich nicht fähig. Ich will nicht das Brot meiner Frau essen, sondern sie soll das meinige essen und wissen, daß sie das meinige ißt. Aber eine Arme will ich auch nicht haben. Ich bin zwar nicht ohne Mittel und heirate nicht aus materiellen Interessen, sondern aus Liebe, aber eine Arme kann ich doch nicht nehmen, denn Sie wissen ja, wie jetzt alles teuer geworden ist, und wenn dann die Kinder kommen . . .«
»Mau kann ja auch eine mit Mitgift finden«, sagte die Heiratsvermittlerin.
»Trinken Sie, bitte . . .«
Sie schwiegen etwa fünf Minuten. Die Heiratsvermittlerin seufzte auf, sah den Zugführer von der Seite an und fragte:
»Nun, wie wäre es denn . . . brauchten Sie nicht vielleicht etwas für die linke Seite? Da hätte ich jetzt gerade gute Ware. Eine Französin, eine andere – eine Griechin. Sehr preiswert.«
Der Zugführer überlegte sich's und sagte:
»Nein, ich danke. Da ich von Ihrer Seite ein solches Wohlwollen sehe, so gestatten Sie mir jetzt die Frage: wieviel würden Sie für Ihre Mühen bezüglich der Braut nehmen?«
»Ich bekomme nicht viel. Wenn Sie mir fünf und zwanzig Rubel geben und etwa Stoff zu einem Kleide, wie es nun einmal üblich ist, so wäre ich zufrieden . . . Für die Mitgift oder Aussteuer natürlich apart, das macht eine besondere Rechnung.«
Stitschkin legte die Hände auf dem Magen zusammen und überlegte schweigend. Nach einigem Nachdenken seufzte er auf und sagte:
»Das ist teuer . . .«
»Aber garnicht teuer, Nikolaj Nikolaitsch! Früher, als es noch viel Hochzeiten gab, that man es ja auch billiger, aber in den jetzigen Zeiten – was haben wir denn für einen Verdienst? Wenn man in einem guten Monat zwei Fünfundzwanzigrubelscheine verdient, kann man noch Gott danken. Und auch so verdient man das meiste nicht an den Ehen, sondern . . .«
Stitschkin sah die Heiratsvermittlerin verblüfft an und zuckte die Achseln.
»Hm! . . Ist denn das wenig, fünfzig Rubel?« fragte er.
»Natürlich wenig! In früheren Zeiten kam es vor, daß man mehr als hundert einnahm.«
»Hm! . . Das hätte ich nicht geglaubt, daß man mit einem solchen Geschäft derartige Summen verdienen kann. Fünfzig Rubel! Nicht jeder Mann erhält soviel! Trinken Sie, bitte . . .«
Die Heiratsvermittlerin trank aus, ohne das Gesicht zu verziehen.
Stitschkin betrachtete sie schweigend vom Kopf bis zu den Füßen und sagte:
»Fünfzig Rubel . . . Das sind also sechshundert Rubel jährlich . . . Wissen Sie, Ljubowj Grigorjewna, mit solchen Dividenden wäre es für Sie nicht schwer, eine gute Partie zu machen . . .«
»Ich?« lachte die Heiratsvermittlerin. »Ich bin doch schon alt . . .«
»Bitte, durchaus nicht . . . Und Ihre Körperformen sind auch so . . . Das Gesicht voll und weiß . . . und auch alles übrige . . .«
Die Heiratsvermittlerin wurde verlegen.
Auch Stitschkin machte ein verlegenes Gesicht und setzte sich neben sie hin.
»Sie könnten noch sehr viel Beifall haben«, sagte er. »Wenn Sie einen soliden, gesetzten und sparsamen Mann bekämen, so könnten Sie ihm bei seinem Gehalt und Ihrem Einkommen sogar sehr gefallen und es könnte geradezu eine ideale Ehe werden . . .«
»Ach, wie können Sie nur so etwas sagen, Nikolaj Nikolaitsch . . .«
»Wieso? Ich . . .«
Es trat Schweigen ein. Stitschkin begann sich laut zu schnauben, während die Heiratsvermittlerin errötete und ihn dann mit einem verschämten Blick fragte:
»Und wieviel bekommen Sie denn, Nikolaj Nikolaitsch?«
»Ich? Fünfundsiebzig Rubel, außer den Gratifikationen . . . Außerdem haben wir auch von den Stearinkerzen und von den Hasen einige Einnahmen.«
»Sie beschäftigen sich also auch mit Jagd?«
»Nein, Hasen heißen bei uns die Passagiere, die keine Fahrkarten haben, blinde Passagiere.«
Es verging eine Minute, während welcher beide schwiegen. Stitschkin stand auf und begann erregt im Zimmer auf und ab zugehen.
»Ich brauche keine junge Gattin«, sagte er. »Ich bin selbst nicht mehr jung, und ich brauche so eine, die . . . in der Art wie Sie . . . gesetzt und solid und so von Ihren Körperformen u. s. w. . . .«
»Sie reden Gott weiß was . . .« kicherte die Heiratsvermittlerin, ihr knallrotes Gesicht in einem Tuch verbergend.
»Was soll man denn da lange fabeln? Sie sind mir nach dem Sinn und Ihren Eigenschaften nach für mich geeignet. Ich bin ein solider, nüchterner Mann, und wenn ich Ihnen gefalle, so . . . worauf sollen wir denn warten? Gestatten Sie also, daß ich Ihnen hiermit einen Heiratsantrag mache!«
Die Heiratsvermittlerin war zu Thränen gerührt. Sie lachte und stieß zum Zeichen ihrer Zustimmung mit Stitschkin an.
»Nun«, sagte der glückliche Zugführer, »jetzt gestatten Sie mir also, daß ich Ihnen erkläre, welche Ideale und Lebensziele ich von Ihnen erwarte . . . Ich bin ein strenger, solider, gesetzter Mann, habe über alles gebildete Anschauungen und wünsche, daß auch meine Frau solid sei und wohl verstehe, daß ich Ihr Wohlthäter und der erste Mensch für sie bin . . .«
Er setzte sich, seufzte tief auf und begann seiner Braut seine Ansichten über die Ehe und über die Pflichten des Weibes auseinanderzusetzen.
Das schwedische Zündholz
Am Morgen des 6. Oktober 1885 erschien in der Kanzlei des Amtshauptmanns des zweiten Distrikts des S–schen Kreises ein anständig gekleideter junger Mann und meldete, daß sein Prinzipal, der dim. Garde-Kornett Mark Iwanowitsch Kljausow ermordet sei. Der junge Mann war blaß und sehr aufgeregt. Seine Hände zitterten, und aus seinen Augen starrte der Schrecken.
»Mit wem habe ich die Ehre zu sprechen?« fragte ihn der Amtshauptmann.
»Psekow, der Gutsinspektor Kljausows. Agronom und Mechaniker.«
Der Amtshauptmann und die zur Hilfsleistung requirierten Leute fanden, als sie mit Psekow am Orte der That anlangten, folgendes vor. Um das Nebengebäude, in welchem Kljausow lebte, drängte sich eine Menge Volk. Die Nachricht von dem Ereignis hatte schnell wie ein Blitz die ganze Umgegend durchflogen, und da der Tag ein Feiertag war, strömte das Volk aus allen umliegenden Dörfern zu dem Hause herbei. Lärm und lautes Gerede erfüllten die Luft. Hier und da sah man ein verweintes Gesicht. Die Thür zu Kljausows Schlafzimmer war verschlossen. Der Schlüssel steckte von innen.
»Offenbar waren die Übelthäter zu ihm durchs Fenster eingedrungen«, bemerkte während der Besichtigung der Thür der zitternde Psekow.
Man begab sich in den Garten, nach welchem hinaus das Fenster des Schlafzimmers lag. Das Fenster sah finster und unheilverkündend aus. Es war geschlossen und mit einer grünen verblichenen Gardine verhängt. Die eine Ecke der Gardine war ein wenig zurückgeschlagen, sodaß man in das Schlafzimmer hineinsehen konnte.
»Hat jemand von Euch schon zum Fenster hineingesehen?« fragte der Amtshauptmann.
»Nein, Ew. Wohlgeboren«, antwortete der Gärtner Jefrem, ein kleiner weißhaariger Alter mit einem Unteroffiziersgesicht. »Wie kann man denn hineinsehen, wenn einem die Kniee vor Schreck schlottern!«
»Ach, Mark Iwanitsch, Mark Iwanitsch!« seufzte der Amtshauptmann, auf das Fenster blickend. »Habe ich Dir nicht gesagt, daß Du schlecht enden wirst! Wolltest auf mich nicht hören . . . Liederlichkeit hat noch nie zum Guten geführt!«
»Ohne Jefrem hätten wir es überhaupt nicht gemerkt,« sagte Psekow. »Er war der erste, der darauf verfiel, daß hier etwas nicht richtig sei. Kommt heute Morgen zu mir und sagt: ›Wie kommt es denn, daß unser gnädiger Herr so lange nicht aufwacht? Die ganze Woche schon ist er aus dem Schlafzimmer nicht hinausgekommen!‹ Wie er mir das sagte, traf's mich gleich wie ein Donnerkeil . . . Gleich ging mir ein Gedanke durch den Kopf . . . Er hat sich seit dem vorigen Sonnabend nicht gezeigt, und heute haben wir Sonntag! Sieben Tage, das ist kein Spaß!«
»Ja, der Arme . . .« seufzte nochmals der Amtshauptmann. »So ein kluger, gebildeter, gutmütiger Kerl. Unter Brüdern, kann man wohl sagen, der erste Mann. Aber liederlich, Gott habe ihn selig! – Stepan«, wandte sich der Amtshauptmann an einen der requirierten Leute, »fahr sofort zu mir hin und schicke Andrjuschka zum Kreishauptmann, daß er es ihm melde! Sage: Mark Iwanitsch ist ermordet! Und siehe auch nach dem Wachtmeister, wo er denn steckt. Er soll gleich herfahren! Und selbst fahre dann möglichst schnell zum Untersuchungsrichter Nikolai Jermolaitsch und sage ihm, daß er herkommen soll! Warte, ich will ihm einen Brief schreiben.«
Der Amtshauptmann stellte um das Haus Wächter auf, schrieb an den Untersuchungsrichter einen Brief und ging zu dem Gutsinspektor Thee trinken. Zehn Minuten später saß er auf einem Taburett, biß vorsichtig kleine Stückchen Zucker ab und schluckte den siedendheißen Thee . . .
»Ja . . .« sprach er zu Psekow. »Ja . . . Ein Edelmann, ein reicher Mensch . . . ein Liebling der Götter, kann man wohl mit Puschkin sagen, – und was ist aus ihm geworden? Nichts! Trank, führte ein lasterhaftes Leben und . . . und ist nun ermordet.«
Nach zwei Stunden kam der Untersuchungsrichter angefahren. Nikolai Jermolaitsch Tschubikow, der Untersuchungsrichter, war ein hoher, stämmiger alter Herr von etwa sechzig Jahren, der seine Thätigkeit schon seit einem Vierteljahrhundert ausübte und im ganzen Kreise als ein ehrlicher, kluger, energischer und seinem Dienst ergebener Beamter bekannt war. Mit ihm war auch sein ständiger Begleiter gekommen, sein Gehilfe und Schriftführer Djukowski, ein schlanker junger Mann von sechsundzwanzig Jahren.
»Ist es möglich, meine Herren?« begann Tschubikow, in Psekows Zimmer tretend und den Anwesenden flüchtig die Hände drückend. »Ist es möglich? Mark Iwanowitsch? Ermordet? Nein, das kann nicht sein! Un–mög–lich!«
»Ja, was wollen Sie . . .« seufzte der Amtshauptmann.
»Herrgott! Ich habe ihn doch am vorigen Freitag auf dem Jahrmarkt in Tarabanjkow gesehen! Ich trank mit ihm dort, mit Verlaub zu sagen, einen Schnaps!«
»Ja, was soll man machen . . .« seufzte nochmals der Amtshauptmann.
Mau seufzte und klagte, trank ein Glas Thee und begab sich nach dem Hause des Ermordeten.
»Aus dem Wege!« schrie der Polizeiwachtmeister das Volk an.
Im Hause angelangt, nahm der Untersuchungsrichter vor allem eine Besichtigung der Thür zu dem Schlafzimmer vor. Es ergab sich, daß die Thür aus Fichtenholz, gelb gestrichen und unbeschädigt war. Irgend welche besondere Merkmale, die irgend einen Hinweis geben könnten, wurden nicht gefunden. Man ging an das Erbrechen der Thür.
»Ich bitte, meine Herren, daß sich die Überflüssigen entfernen!« sagte der Untersuchungsrichter, als die Thür nach langem Klopfen und Krachen dem Beil und dem Stemmeisen wich. »Ich bitte dieses im Interesse der Untersuchung . . . Wachtmeister, niemand einlassen!«
Tschubikow, sein Gehilfe und der Amtshauptmann öffneten die Thür und betraten unschlüssig einer nach dem andern das Schlafzimmer. Ihren Augen zeigte sich folgendes Bild.
An dem einzigen Fenster stand ein großes hölzernes Bett mit einem riesigen Federpfühl. Auf dem zerdrückten Pfühl lag eine verknüllte Decke. Das ebenfalls stark zerknüllte Kopfkissen lag auf der Diele. Auf dem Betttischchen befanden sich eine silberne Uhr, ein silbernes Zwanzigkopekenstück und Schwefelhölzchen. Außer dem Bett, dem Tischchen und einem einzigen Stuhl waren im Zimmer weiter keine Möbel.
Als der Amtshauptmann einen Blick unter das Bett warf, sah er dort etwa zwei Dutzend leerer Flaschen, einen Strohhut und eine große Pulle Schnaps. Unter dem Tischchen fand man einen mit Staub bedeckten Stiefel.
Nachdem der Untersuchungsrichter nochmals einen forschenden Blick über des Zimmer geworfen hatte, wurde er dunkelrot und zog die Augenbrauen zusammen.
»Die Kanaillen!« murmelte er, die Fäuste ballend.
»Und wo ist denn Mark Iwanitsch?« fragte leise Djukowski.
»Ich verbitte mir, daß Sie sich einmischen!« sagte ihm Tschubikow scharf. »Untersuchen Sie gefälligst die Diele! – Das ist der zweite Fall in meiner Praxis, Jewgraf Kusjmitsch,« wandte er sich mit gesenkter Stimme an den Amtsrichter. »Im Jahre 1870 hatte ich einen ebensolchen Fall. Sie entsinnen sich übrigens wohl . . . Die Ermordung des Kaufmanns Portretow. Dort war es auch so. Die Kanaillen hatten ihn ermordet und die Leiche zum Fenster hinausgeschleppt . . .«
Tschubikow trat ans Fenster, zog den Vorhang vorweg und stieß vorsichtig gegen das Fenster. Das Fenster öffnete sich.
»Es öffnet sich, also war es nicht geschlossen . . . Hm . . . Auf dem Fensterbrett sind Spuren. Können Sie sehen? Hier sind die Spuren vom Knie . . . Hier ist also jemand eingestiegen . . . Man wird das Fenster ordentlich untersuchen müssen.«
»Auf der Diele ist nichts besonderes zu entdecken,« sagte Djukowski. »Weder Flecke noch Schrammen. Nur ein abgebranntes schwedisches Zündhölzchen habe ich gefunden. Hier ist es! Soviel ich weiß, hat Mark Iwanitsch nicht geraucht, sonst aber pflegte er immer Schwefelhölzer zu gebrauchen und niemals schwedische Zündhölzchen. Dieses Zündholz wird unter Umständen als Beweis dienen können . . .«
»Ach . . . schweigen Sie doch, bitte!« sagte der Untersuchungsrichter mit einer Handbewegung. »Kommt da mit seinem Zündholz! Ich leide keine Hitzköpfe! Anstatt Zündhölzchen zu suchen, untersuchen Sie lieber das Bett!«
Nach der Besichtigung des Bettes meldete Djukowski:
»Weder Blut, noch sonst irgend welche Flecke . . . Auch keine neuen Risse. An dem Kissen sieht man Spuren von Zähnen. Die Decke ist mit einer Flüssigkeit begossen, die den Geruch von Bier und den nämlichen Geschmack hat . . . Das Gesamtaussehen des Bettes läßt die Annahme zu, daß sich ein Kampf auf demselben abgespielt hat.«
»Ein Kampf, das weiß ich auch ohne Sie! Ich frage Sie nicht nach dem Kampfe. Anstatt nach dem Kampf zu suchen, sollten Sie lieber . . .«
»Der eine Stiefel ist hier, während der andere fehlt.«
»Nun, und was ist denn dabei?«
»Das, daß man ihn erwürgt hat, während er sich die Stiefel auszog. Er hatte nicht Zeit, den anderen Stiefel auszuziehen, als . . .«
»Na, jetzt legt er los . . . Und woher wissen Sie denn, daß er erwürgt worden ist?«
»Die Spuren der Zähne auf dem Kissen. Das Kissen selbst ist stark verknüllt und liegt 2½ Arschin weit vom Bett . . .«
»Geschwätz! Gehen wir lieber in den Garten. Anstatt hier zu stöbern, sollten Sie lieber im Garten nachsehen . . . Hier werde ich auch ohne Sie fertig.«
Im Garten wandte sich die Untersuchung vorerst dem Grase zu. Das Gras unter dem Fenster war zerdrückt. Auch ein Distelstrauch unterm Fenster, ganz nah an der Wand, war zerdrückt. Djukowski gelang es, an demselben einige gebrochene Zweige und ein Stückchen Watte zu entdecken. Auf den oberen Köpfen fand man einige dünne Härchen dunkelblauer Wolle.
»Von welcher Farbe war sein letzter Anzug?« fragte Djukowski Psekow.
»Von gelber Leinwand.«
»Sehr gut. Also hatten sie einen blauen Anzug.«
Einige Distelköpfe wurden abgeschnitten und sorgfältig in Papier gehüllt.
In diesem Augenblick kamen der Kreishauptmann Arzibaschew-Swistakowski und der Arzt Tjutjujew an. Der Kreishauptmann begrüßte die Anwesenden und begann sofort, seine Neugierde zu befriedigen. Der Doktor dagegen, ein langer und außerordentlich hagerer Mann mit eingefallenen Augen, einer langen Nase und spitzem Kinn, begrüßte sich mit niemand und fragte nach nichts, sondern setzte sich auf einen Baumstumpf und sprach mit einem Seufzer:
»Und die Serben sind wieder in Aufruhr! Was sie wollen, verstehe ich nicht! Österreich, Österreich, das werden wohl deine Stückchen sein!«
Die Besichtigung des Fensters von außen ergab absolut nichts; die Besichtigung des Grases und der nächsten Gebüsche dagegen gab der Untersuchung viele wertvolle Winke. Djukowski gelang es zum Beispiel, im Grase einen langen dunklen Streifen zu entdecken, der aus Flecken bestand und sich vom Fenster einige Faden weit in den Garten zog. Der Streifen endete unter einem Fliederbusch mit einem großen dunkelbraunen Fleck. Unter dem nämlichen Busch wurde ein Stiefel gefunden, der mit dem im Schlafzimmer befindlichen ein Paar ergab.
»Das ist altes Blut!« sagte Djukowski, die Flecken betrachtend.
Bei dem Worte ›Blut‹ erhob sich der Doktor und warf faul und oberflächlich einen Blick auf die Flecken.
»Ja, Blut,« murmelte er.
»Also nicht erwürgt, wenn das hier Blut ist!« sagte Tschubikow mit einem ironischen Blick auf Djukowski.
»Im Schlafzimmer wurde er erwürgt, und hier hat man ihm aus Furcht, daß er wieder auflebe, mit irgend etwas Scharfem einen Schlag versetzt. Der Fleck unter dem Strauch zeigt, daß er hier verhältnismäßig lange gelegen hat, während sie nach Mitteln suchten, ihn aus dem Garten hinauszuschleppen.«
»Nun, und der Stiefel?«
»Dieser Stiefel bestätigt nur meine Ansicht, daß sie ihn ermordet haben, während er sich vor dem Schlafengehen die Stiefel auszog. Den einen Stiefel hatte er ausgezogen, und den andern, diesen hier, hatte er noch zur Hälfte an. Der halbausgezogene Stiefel fiel während des Schüttelns und des Falls von selbst vom Fuß ab . . .«
»Kolossal gescheit!« lächelte Tschubikow. »Nur immer drauf los! Wann werden Sie es sich eigentlich abgewöhnen, sich mit ihren Raisonnements aufzudrängen? Anstatt zu raisonnieren, nehmen Sie lieber etwas von dem befleckten Gras!«
Nach der Besichtigung der Gegend und Aufnahme eines Planes derselben begab sich die Gesellschaft zu dem Gutsinspektor, um das Protokoll aufzusetzen und ein Frühstück einzunehmen. Während des Frühstücks wurde ein lebhaftes Gespräch geführt.
»Die Uhr, das Geld u. s. w. . . . alles ist da,« begann Tschubikow. »Es ist so sicher, wie zweimal zwei vier ist, daß hier kein Raubmord vorliegt.«
»Und daß der Mord von einer intelligenten Person vollführt worden ist,« schob Djukowski ein.
»Woraus schließen Sie das?«
»Ich habe zu meiner Unterstützung ein schwedisches Zündholz, wie solche unter den Bauern der hiesigen Gegend völlig unbekannt sind. Derartige Zündhölzchen verwenden hier nur die Gutsbesitzer, und auch die nicht mal alle. Ausgeführt wurde der Mord übrigens nicht von einer, sondern von mindestens drei Personen: zwei hielten ihn, und der dritte würgte. Kljausow war stark, und die Mörder mußten das wissen.«
»Was konnte ihm seine Kraft nützen, wenn er, sagen wir, schlief?«
»Die Mörder überfielen ihn beim Stiefelausziehen. Wenn er sich die Stiefel auszog, konnte er also nicht schlafen.«
»Na, reden Sie keinen Unsinn! Essen Sie lieber!«
»Und nach meinem Verstande, Ew. Wohlgeboren,« sagte der Gärtner Jefrem, den Samowar auf den Tisch setzend, »hat diese Schweinerei niemand anderes als Nikolaschka gemacht.«
»Sehr möglich,« sagte Psekow.
»Wer ist denn dieser Nikolaschka?«
»Der Kammerdiener des gnädigen Herrn, Ew. Wohlgeboren,« antwortete Jefrem. »Wer anders, als er? Ein Räuber ist er, Ew. Wohlgeboren, ein Säufer und Liederjahn, daß Gott bewahre! Er brachte dem gnädigen Herrn immer den Schnaps hin, er legte ihn zu Bett . . . Wer soll es denn sein, wenn nicht er? Und einmal, wenn ich es wagen darf, Ew. Wohlgeboren zu melden, hat er im Kruge renommiert, daß er den gnädigen Herrn totschlagen wird. Wegen Akuljka war das, wegen eines Frauenzimmers . . . Er hatte so ein Soldatenweib . . . Dem gnädigen Herrn hatte sie gefallen, und er hatte sie zu seiner Person emporgehoben; nun und dieser . . . natürlich, war wütend . . . Eben liegt er betrunken in der Küche . . . Weint und lügt, daß der gnädige Herr ihm leid thäte . . .«
