Kitabı oku: «Gesammelte Werke: Novellen + Kurzgeschichten + Dramen», sayfa 19

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Ein bekannter Herr

Die reizende Wanda oder wie sie nach dem Paß hieß, die Bürgerin Nastaßja Kanawkina befand sich bei ihrer Entlassung aus dem Krankenhause in einer Lage, wie sie sich in einer solchen früher noch nie befunden hatte: ohne Unterkunft und ohne einen Kopeken Geld. Was war da zu machen?

Ihr erster Gang war ins Leihhaus, wo sie ihren Türkisring, die einzige »Wertsache«, die sie besaß, versetzte. Für den Ring erhielt sie einen Rubel, aber . . . was kann man sich für einen Rubel kaufen? Für diese Summe bekommt man weder ein modernes kurzes Jackett, noch einen hohen Hut, noch Goldkäferschuhe; ohne diese Sachen aber fühlte sie sich so gut wie nackt. Es schien ihr, daß nicht nur die Menschen, sondern auch die Pferde und Hunde sie ansahen und sich über die Einfachheit ihres Kostüms lustig machten. Sie dachte nur an ihre Toilette, während die Frage, wie sie essen und wo sie schlafen würde, sie nicht im geringsten beunruhigte.

»Wenn ich doch irgend einen bekannten Herrn treffen würde . . .« dachte sie. »Ich würde dann von ihm etwas Geld erbitten . . . Mir wird es keiner abschlagen, denn . . .«

Aber die bekannten Herren begegneten ihr nicht. Es wäre nicht schwer gewesen, sie am Abend in der »Renaissance« zu treffen, aber in die »Renaissance« würde man sie in diesem einfachen Kleide und ohne Hut nicht hineinlassen. Was sollte sie thun?

Nach langem Zaudern, als sie des Gehens, Sitzens und Nachdenkens schon müde geworden war, entschloß sich Wanda, das letzte Mittel zu ergreifen: irgend einen bekannten Herrn direkt in seiner Wohnung aufzusuchen und ihn um Geld zu bitten.

»Zu wem soll' ich nur gehen?« überlegte sie. »Zu Mischa geht es nicht – verheiratet . . . Der rothaarige Alte ist jetzt im Dienst . . .«

Ihr fiel der Zahnarzt Finkel ein, ein getaufter Jude, der ihr vor drei Monaten ein Armband geschenkt, und dem sie einmal bei einem Souper im »Deutschen Club« ein Glas Wein auf den Kopf gegossen hatte. Als ihr der Gedanke an diesen Finkel gekommen war, freute sich Wanda furchtbar.

»Er wird mir bestimmt geben, wenn ich ihn nur zu Hause treffe . . .« dachte sie auf dem Wege zu dem Zahnarzt. »Giebt er aber nichts, so zerkeile ich ihm alle Lampen . . .«

Als sie sich der Thür des Zahnarztes näherte, war ihr Plan schon fertig: sie wird lachend die Treppe hinauslaufen, in das Kabinett des Arztes stürzen und fünf und zwanzig Rubel verlangen . . . Als sie aber nach der Klingel griff, verflüchtigte sich dieser Plan wie von selbst. Wanda bekam plötzlich Furcht und wurde aufgeregt, was ihr früher niemals passiert war. Dreist und frech war sie nur in bezechter Gesellschaft, jetzt aber, in gewöhnlicher Kleidung, in die Rolle einer gewöhnlichen Bittstellerin versetzt, die einfach nicht empfangen werden konnte, fühlte sie sich schüchtern und gedemütigt. Schande und Furcht befielen sie.

»Vielleicht hat er mich schon vergessen . . .« dachte sie, während sie nicht wagte, an der Klingel zu ziehen. »Und wie soll ich zu ihm in einem solchen Kleide? Wie eine Bettlerin oder irgend eine Kleinbürgerin . . .«

Und zögernd klingelte sie.

Hinter der Thür vernahm man Schritte; es war der Portier.

»Ist der Herr Doktor zu Hause?« fragte sie.

Jetzt wäre es ihr angenehmer gewesen, wenn der Portier ›nein‹ gesagt hätte. Aber anstatt einer Antwort ließ er sie einfach ins Vorhaus treten und nahm ihr den Mantel ab.

Die Treppe erschien ihr luxuriös und großartig, aber von all dem Luxus fiel ihr zuerst ein großer Spiegel auf, in welchem sie ein deklassiertes Ding ohne modernes Jackett, ohne hohen Hut und ohne Goldkäferschuhe erblickte. Und Wanda kam es seltsam vor, daß sie jetzt, wo sie arm gekleidet war und wie eine Nähterin oder Wäscherin aussah, wieder Schande empfand, weder Dreistigkeit noch Frechheit mehr besaß und sich selbst in Gedanken schon nicht mehr Wanda, sondern, wie früher, Nastja Kanawkina nannte . . .

»Bitte«, sagte das Zimmermädchen, sie in das Kabinett geleitend. »Der Herr Doktor kommt gleich . . . Nehmen Sie Platz.«

Wanda sank in einen weichen Lehnstuhl.

»Werd' ihm ganz einfach sagen: leihen Sie mir!« dachte sie. »Das ist ganz anständig, denn er ist ja mit mir bekannt. Wenn nur das Zimmermädchen wegginge. In Gegenwart des Zimmermädchens wäre es peinlich . . . Und wozu steht sie überhaupt hier?«

Nach fünf Minuten etwa öffnete sich die Thür, und Finkel, ein großer, schwarzer Jude mit fetten Wangen und Glotzaugen trat ein. Die Wangen, der Bauch, die dicken Hüften – alles war bei ihm so satt und abstoßend. In der »Renaissance« und im »Deutschen Club« war er gewöhnlich angeheitert, gab dort viel für Frauen aus und ertrug geduldig ihre Späße – als ihm Wanda zum Beispiel ein Glas Wein über den Kopf gegossen, hatte er nur gelächelt und ihr mit dem Finger gedroht. Jetzt aber sah er finster und schläfrig aus, schaute wichtig und kalt wie ein Vorgesetzter drein und kaute irgend etwas.

»Was befehlen Sie?« fragte er, ohne Wanda anzusehen.

Wanda warf einen Blick auf das ernste Gesicht des Zimmermädchens, dann auf die satte Figur Finkels, der sie offenbar nicht zu erkennen schien, und – errötete . . .

»Was befehlen Sie?« wiederholte der Zahnarzt schon etwas gereizt.

»Die . . . die Zähne thun mir weh . . .« stammelte Wanda.

»Aha . . . Welche Zähne? Wo?«

Wanda entsann sich, daß sie einen hohlen Zahn hatte.

»Unten rechts . . .« sagte sie.

»Hm! Öffnen Sie den Mund.«

Finkel runzelte die Stirn, hielt den Atem an und begann den kranken Zahn zu untersuchen.

»Schmerzt es?« fragte er, in dem Zahn mit einem spitzen Eisen herumstochernd.

»Ja . . .« log Vanda. »Wenn ich ihn daran erinnern könnte. so würde er mich bestimmt erkennen . . . Aber . . . das Zimmermädchen! Wozu steht es hier?«

Finkel begann plötzlich wie eine Dampfmaschine ihr direkt in den Mund zu keuchen und sagte:

»Ich rate Ihnen nicht, ihn plombieren zu lassen . . . Dieser Zahn würde Ihnen sowieso nichts nützen.«

Nachdem er in dem Zahn noch etwas herumgestochert und Wandas Lippen und Zahnfleisch mit seinen Tabakfingern beschmiert hatte, hielt er wieder den Atem an und langte ihr mit irgend etwas Kaltem in den Mund . . .

Wanda fühlte plötzlich einen furchtbaren Schmerz, schrie auf und packte Finkel am Arm.

»Thut nichts, thut nichts . . .« murmelte er. »Seien Sie nicht so schreckhaft. Von diesem Zahn hätten Sie sowieso nicht viel gehabt. Man muß tapfer sein.«

Und seine mit Blut besudelten Tabakfinger hielten ihr den ausgezogenen Zahn vor die Augen hin, während das Zimmermädchen herantrat und ihr eine Schale reichte.

»Zu Hause spülen Sie den Mund mit kaltem Wasser . . .« sagte Finkel, »dann wird das Bluten schon nachlassen.«

Er stand vor ihr in der Pose eines Menschen, der wartet, bis man endlich geht und ihn in Ruhe läßt.

»Adieu . . .« sagte sie, sich zur Thüre wendend.

»Hm! . . . Und wer wird mir meine Arbeit bezahlen?« fragte Finkel mit heiterer Stimme.

»Ach, ja . . .« erinnerte sich Wanda. Sie errötete und reichte dem Juden den Rubel, den sie für ihren Türkisring erhalten.

Auf die Straße hinausgetreten, empfand sie noch größere Scham als vordem, aber jetzt schämte sie sich nicht mehr ihrer Armut. Sie bemerkte nicht mehr, daß sie keinen hohen Hut und kein modernes Jackett hatte. Sie geht auf der Straße, spuckt Blut, und jeder rote Blutfleck spricht ihr von ihrem Leben, von ihrem schlechten und schweren Leben, und von den Kränkungen, die sie erfahren hat und noch morgen, nach einer Woche, nach einem Jahr – ihr ganzes Leben hindurch bis zum Tode erfahren wird.

»O, wie das schrecklich ist!« flüsterte sie. »Mein Gott, wie schrecklich!«

Übrigens war sie schon am anderen Tage in der »Renaissance« und tanzte dort. Sie war in einem riesigen roten Hut, hatte ein modernes Jackett und Goldkäferschuhe an. Und sie soupierte mit einem jungen, aus Kasanj zugereisten Kaufmann.

Der Repetitor

Der Sekundaner Jegor Siberow reicht Petja Udodow gnädig die Hand. Petja, ein zwölfjähriger Junge in einem grauen Anzug, dick und rotwangig, mit einer niedrigen Stirn und kurzgeschorenem Haar, macht einen Kratzfuß und holt aus dem Schrank die Hefte. Die Stunde beginnt.

Nach der mit dem Vater Udodow getroffenen Vereinbarung ist Siberow verpflichtet, Petja zwei Stunden täglich zu geben, wofür er monatlich sechs Rubel zu erhalten hat. Er bereitet ihn für die Septima des Gymnasiums vor. Im vorigen Jahr bereitete er ihn für die Oktava vor, aber Petja fiel beim Examen durch.

»Nun«, beginnt Siberow, sich eine Cigarette anzündend. »Sie haben die vierte Deklination auf. Deklinieren Sie fructus!«

Petja beginnt zu deklinieren.

»Wieder haben Sie nicht gelernt!« sagt Siberow aufstehend. »Zum sechsten Mal gebe ich Ihnen die vierte Deklination auf, und Sie wissen nicht die Bohne! Wann werden Sie denn eigentlich anfangen, sich zu den Stunden zu präparieren?«

»Wieder nicht gelernt?« ertönt hinter der Thür eine hustende Stimme, und ins Zimmer tritt Petjas Papa, der pensionierte Gouvernements-Sekretär Udodow. »Schon wieder? Warum hast Du denn nicht gelernt? Ach, Du Kerl! Was glauben Sie, Jegor Alexejitsch? Erst gestern hat er seine Tracht gekriegt!«

Und mit einem schweren Seufzer setzt sich Udodow neben seinen Sohn hin und blickt in den zerfetzten Kühner Lateinische Schulgrammatik hinein.

Siberow beginnt, Petja vor dem Vater zu examinieren. Mag der dumme Vater es sehen, wie dumm sein Sohn ist! Der Sekundaner wird allmählich von der Examinatorenwut befallen, haßt und verachtet den kleinen rotwangigen Dummkopf und möchte ihn am liebsten durchprügeln. Er ärgert sich sogar, wenn der Junge es einmal richtig trifft, so widerwärtig ist ihm dieser Petja.

»Sie können ja nicht mal die zweite Deklination! Auch die erste können Sie nicht! So also lernen Sie! Nun, sagen Sie mir, wie der Vokativ von meus filius lautet?«

»Von meus filius? Meus filius hat . . . hat . . .«

Petja blickt lange zur Decke empor, bewegt lange die Lippen, bleibt aber die Antwort schuldig.

»Und wie ist der Dativ pluralis von dea?«

» Deabus . . . filiabus! – schießt Petja wie aus der Kanone heraus.

Der alte Udodow nickt beifällig mit dem Kopf. Der Sekundaner, der eine richtige Antwort nicht erwartet hatte, macht ein verdrossenes Gesicht.

»Und welches Substantiv hat noch im Dativ abus fragt er.

Es erweist sich, daß noch › anima – die Seele‹ im Dativ abus hat, was im Kühner übrigens nicht steht.

»Eine klangvolle Sprache, das Lateinische!« bemerkt Udodow. Alon . . . tron . . . bonus . . . anthropos . . . Ja, was es nicht alles giebt! Und alles das muß man wissen!« sagt er mit einem Seufzer.

›So ein Kameel, stört mich nur . . .‹ denkt Siberow. ›Sitzt hier wie so ein Aufseher. Ich leide keine Kontrolle!‹

»Nun«, wendet er sich an Petja, »zum nächsten Mal nehmen Sie im Lateinischen dasselbe. Jetzt – Arithmetik . . . Nehmen Sie die Tafel. Welches ist die folgende Aufgabe?«

Petja spuckt auf die Tafel und wischt sie mit dem Aermel ab. Der Lehrer nimmt das Buch und diktiert:

»Ein Kaufmann kaufte für fünfhundert und vierzig Rubel hundert und achtunddreißig Arschin schwarzen und blauen Tuches. Es wird gefragt, wieviel Arschin er von diesem und jenem gekauft hat, wenn das blaue Tuch fünf Rubel der Arschin und das schwarze drei Rubel kostete?«

»Wiederholen Sie die Aufgabe.«

Petja wiederholt die Aufgabe und beginnt sofort, ohne ein Wort zu sagen, 540 durch 138 zu dividieren.

»Wozu machen Sie denn das? Warten Sie! Übrigens gut . . . fahren Sie fort. Es bleibt ein Rest? Hier kann kein Rest bleiben. Geben Sie her!«

Siberow beginnt selbst zu dividieren, erhält 3 als Rest und löscht die Division schleunigst aus.

›Komisch . . .‹ denkt er, sich verlegen durch das Haar fahrend. ›Wie wird sie denn gelöst? Hm! . . Das ist ja eine unbestimmte Gleichung und gar keine arithmetische Aufgabe . . .‹

Der Lehrer sieht nach den Lösungen und findet dort 75 und 63.

›Hm! . . sonderbar . . . 5 und 3 addieren, und dann 540 durch 8 dividieren? So vielleicht? Nein.‹

»Nun, rechnen Sie doch!« sagt er zu Petja.

»Na, was denkst Du denn? Die Aufgabe ist doch ein Strunt!‹ sagt Udodow seinem Sohne. »Was Du für ein Schafskopf bist, mein Lieber! Lösen Sie sie ihm schon selbst, Jegor Alexejitsch.«

Jegor Alexejitsch nimmt den Griffel und beginnt zu rechnen. Er stottert und wird bald rot, bald blaß.

»Diese Aufgabe ist eigentlich eine algebraische,« sagt er. »Man kann sie mit dem x und dem y lösen. Übrigens kann man sie auch so lösen. Ich habe also dividiert . . . verstehen Sie? Jetzt muß man also subtrahieren . . . ist es Ihnen klar? Oder, wissen Sie was . . . Machen Sie mir die Aufgabe selbst zu morgen . . . Denken Sie nach . . .«

Petja lächelt diabolisch. Udodow lächelt ebenfalls. Beide verstehen sie die Verlegenheit des Lehrers. Der Sekundaner wird noch verlegener, erhebt sich und beginnt auf und ab zu gehen.

»Das kann man auch ohne Algebra lösen,« sagt Udodow mit einem Seufzer, die Hand nach dem russischen Rechenbrett ausstreckend. »Hier, bitte . . .«

Er läßt die Steinchen hin und her gleiten und erhält 75 und 63, wie es verlangt wurde.

»Hier . . . nach unserer unwissenschaftlichen Art.«

Dem Lehrer wird es unerträglich zu Mute. Mit stockendem Herzen blickt er nach der Uhr und sieht, daß bis zum Schluß noch eine und eine viertel Stunde übrig ist – eine ganze Ewigkeit.

»Jetzt – Diktat.«

Nach dem Diktat kommt Geographie, nach der Geographie Religion, dann Russisch – es giebt Wissenschaften genug in dieser Welt! Aber endlich sind die zwei Stunden um. Siberow nimmt seine Mütze, reicht Petja gnädig die Hand und verabschiedet sich von Udodow.

»Können Sie mir nicht heute etwas Geld geben?« fragt er schüchtern. »Morgen muß ich im Gymnasium bezahlen . . . Sie schulden mir für sechs Monate.«

»Ich? Ach, ja, ja . . .« stammelt Udodow, ohne Siberow anzublicken. »Mit Vergnügen! Aber eben habe ich gerade nichts, ich werde Ihnen nach einer Woche . . . oder nach zwei . . .«

Siberow ist einverstanden, zieht sich seine schweren, schmutzigen Galoschen an und geht zur nächsten Stunde.

Einmal im Jahr

Das kleine, drei Fenster breite Hôtel der Fürstin hat heute ein feierliches Aussehen, als wenn es sich verjüngt hätte. Ringsherum ist alles sauber gefegt, das Thor ist geöffnet und die gitterartigen Jalousien sind von den Fenstern herabgenommen. Die hell gescheuerten Scheiben kokettieren schüchtern mit der Frühlingssonne . . . Im Eingang steht der alte und hinfällige Portier Mark in seiner von Motten zerfressenen Livree. Er ist heute nicht umsonst aus seiner Kammer hervorgekrochen. Heute ist der Namenstag der Fürstin und er muß den Gratulanten die Thüre öffnen und ihre Namen ausrufen. Im Vorzimmer riecht es heute nicht wie gewöhnlich nach Kaffee und Kohlsuppe, sondern nach Parfüm. Die Zimmer sind sorgfältig aufgeräumt. Von den Bildern sind die Gazehüllen herabgenommen und die ausgetretenen Dielen sind frisch gewichst.

Die Fürstin selbst, eine gebeugte und runzelige Greisin, sitzt in einem großen Lehnstuhl und streicht immerfort die Falten ihres weißen Tüllkleides zurecht. Nur die an ihre dürre Brust geheftete Rose erinnert daran, daß es in dieser Welt auch eine Jugend giebt! Die Fürstin erwartet ihre Gratulanten. Es müssen heute kommen: Baron Tramb nebst Sohn, Fürst Halahadze. Kammerherr Burlastow, ihr Kousin General Bittkow und noch viele andere . . an zwanzig Menschen! Sie werden kommen und ihren Salon mit Geplauder erfüllen. Der Fürst Halahadze wird etwas vorsingen und der General Bittkow wird sie zwei Stunden lang um ihre Rose bitten . . . Sie aber weiß recht wohl, wie sie sich in Gegenwart dieser Herrschaften zu halten hat! Vornehmheit, Würde und Erziehung werden aus allen ihren Bewegungen sprechen.

Es werden unter anderem auch die Kaufleute Htulkin und Pereulkow kommen: für diese Herren liegen im Vorzimmer Papier und Feder auf. »Jedes Heimchen soll bei seinem Herde bleiben.« Sie können ihre Namen einzeichnen und dann gehen . . .

Es ist zwölf Uhr. Die Fürstin rückt ihr Kleid und die Rose zurecht. Sie horcht, ob nicht jemand läutet? Ein Wagen kommt lärmend angefahren und hält. Es vergehen fünf Minuten.

»Nicht zu uns!« denkt die Fürstin.

Ja, meine Fürstin, nicht zu Ihnen! Es wiederholt sich die Geschichte der vorigen Jahre. Eine erbarmungslose Geschichte! Um 2 Uhr geht die Fürstin, wie im vorigen Jahre, in ihr Schlafzimmer, greift nach dem Riechfläschchen und fängt an zu weinen.

»Es ist niemand gekommen! O, diese Barbaren!«

Um die Fürstin macht sich der alte Mark zu schaffen. Er ist nicht weniger gekränkt: die Leute sind schlimm geworden. Früher summten sie im Salon wie Fliegen umher, und jetzt . . .

»Niemand ist gekommen!« weint die Fürstin. »Weder der Baron, noch Fürst Halahadze, noch George Buwizkij . . . Sie haben mich alle verlassen. Und doch, wenn ich nicht wäre, was wäre aus ihnen geworden? Mir verdanken sie ihr Glück, ihre Carrière – nur mir! Ohne mich hätten sie es zu nichts gebracht.«

»Zu gar nichts!« bestätigte Mark.

»Ich bitte ja nicht um Dankbarkeit . . . Die brauche ich nicht! Nur Gefühl will ich haben! Mein Gott, wie das kränkend ist! Sogar mein Neffe Jean ist nicht gekommen. Und warum nicht, was habe ich ihm denn Schlechtes gethan? Ich habe alle seine Wechsel bezahlt, habe für seine Schwester Tanja eine gute Partie gefunden. Teuer kommt mir dieser Jean zu stehen! Ich habe das Wort, welches ich meinem Bruder und seinem Vater gegeben, gehalten . . . Ich habe für ihn verausgabt . . . Du weißt es ja selbst . . .«

»Und seinen Eltern waren Ew. Durchlaucht, man kann wirklich sagen, wie eine Mutter.«

»Siehst Du . . . und jetzt die Dankbarkeit! O, diese Menschen!«

Um drei Uhr bekommt die Fürstin, wie auch im vorigen Jahr, einen hysterischen Anfall. Der betrübte Mark setzt seinen Tressenhut auf, feilscht lange mit dem Droschkenkutscher und fährt zum Neffen Jean. Zum Glück sind die Chambres garnies, in denen Fürst Jean haust, nicht zu weit entfernt . . . Mark findet den Fürsten im Bette liegend. Er ist eben erst vom gestrigen Trinkgelage heimgekehrt. Sein verlebtes, feistes Gesicht ist knallrot und die Stirn mit Schweiß bedeckt. In seinem Kopf hämmert es und im Magen tobt eine Revolution. Er möchte gern einschlafen und kann es vor Übelkeit nicht. Seine trüben Augen stieren die Waschschüssel an, die bis oben mit Seifenwasser gefüllt ist.

Mark tritt, nicht ohne Widerwillen, in die verwahrloste Stube ein und nähert sich dem Bette.

»Das ist nicht hübsch, Iwan Michailowitsch!« sagt er vorwurfsvoll.

»Was ist nicht hübsch?«

»Warum haben Sie Ihrem Fräulein Tante heute nicht gratuliert? Ist denn das nett?«

»Pack' Dich zum Teufel!« ruft Jean, ohne den Blick vom Seifenwasser zu wenden.

»Als wenn das die Tante nicht kränken müßte? Wie? Ach, Iwan Michailowitsch, Ew. Durchlaucht! Haben Sie denn gar kein Gefühl? Sagen Sie, wozu wollen Sie sie denn beleidigen?«

»Ich mache keine Visiten . . . Sag' ihr das einfach . . . Diese Sitte ist schon lange veraltet . . . Ich hab' auch keine Zeit. herumzufahren. Fahrt, wenn Ihr nichts zu thun habt, selbst umher und laßt mich in Ruhe . . . Nun mach, daß Du fortkommst! Ich will schlafen . . .«

»Schlafen . . . Und in die Augen können Sie mir nicht vor Schande sehen . . .«

»Na . . . Kusch . . . So ein frecher Kerl! Ein Luder!«

Mark zwinkert heftig mit den Augen. Eine längere Pause.

»Nun, Ew. Durchlaucht, sei'n Sie schon so gut, fahren Sie hin und gratulieren Sie. Die Fürstin weinen und liegen zu Bett . . . Sei'n Sie doch so gut und erweisen Sie ihr die Ehre . . . Fahren Sie nur hin, Ew. Durchlaucht!«

»Nein, fällt mir nicht ein. Es hat keinen Zweck und ich hab' auch zu thun . . . Und was soll ich denn auch bei der alten Jungfer machen? . . .«

»Fahren Sie doch, Ew. Durchlaucht, erweisen Sie uns die Gnade! Ich kann gar nicht sagen, wie Durchlaucht durch Ihre Undankbarkeit, mit Verlaub, und Gefühllosigkeit betrübt sind!«

Mark fährt mit dem Ärmel über die Augen.

»Sei'n Sie doch so gut!«

»Hm . . . Giebt's denn bei Euch Cognak?« fragt Jean.

»Jawohl, Ew. Durchlaucht, jawohl!«

»So, hm, hm . . .«

Der Fürst zwinkert mit dem linken Auge.

»So, so, und auch hundert Rubel?«

»Nein, das ist unmöglich . . . Sie wissen's selbst, daß wir unsere früheren Kapitalien nicht mehr haben . . . daß uns unsere Verwandten zu Grunde gerichtet . . . Wie wir Geld hatten, kamen alle zu uns, und jetzt . . . Es ist wohl Gottes Wille . . .«

»Im vorigen Jahr hab' ich von Euch für die Visite wieviel . . . 200 Rubel genommen, nicht? Und jetzt habt Ihr nicht 'mal hundert? Jawohl, alter Fuchs, Dich kennen wir! Such 'mal bei der Alten nach, 's wird sich schon finden . . . Übrigens kannst Du Dich auch packen, ich möchte nämlich schlafen.«

»Sei'n Sie doch so großmütig, Ew. Durchlaucht! Die Fürstin sind doch alt und schwach . . . haben Sie doch Mitleid mit ihr, Ew. Durchlaucht!«

Jean ist unerbittlich. Mark beginnt mit ihm zu feilschen. Gegen fünf Uhr ergiebt sich Jean, zieht seinen Frack an und fährt zur Fürstin . . .

»Ma tante«, sagt er, seine Lippen auf ihre Hand pressend, und die Augen gehen ihm über . . .

Und sich in den Lehnstuhl werfend, beginnt er dasselbe Gespräch, wie im vorigen Jahr.

»Marie Kriskin, ma tante, hat aus Nizza einen Brief . . . Ihr Mann – wie gefällt Ihnen das? – beschreibt ganz harmlos ein Duell, welches er wegen irgend einer Sängerin mit einem Engländer gehabt hat . . . wegen der Dingsda, den Namen hab' ich vergessen . . .«

»Ach, wirklich!«

Die Fürstin himmelt mit den Augen. schlägt die Hände zusammen und wiederholt mit Staunen und nicht ohne erschrocken zu thun:

»Ach, wirklich?«

»Jawohl . . . Duelliert sich und läuft Sängerinnen nach, während hier seine Frau hinsiecht und zu Grunde geht . . . Ich begreife solche Leute nicht, ma tante!«

Die überglückliche Fürstin setzt sich näher an Jean heran und das Gespräch zieht sich in die Länge . . . Es wird Thee mit Kognak gereicht.

Und während die glückliche Fürstin, ihrem Neffen lauschend, lacht und staunt und erschrickt, sucht der alte Mark in allen seinen Geheimfächern herum und liest die Papierscheine zusammen.

Fürst Jean hat sich unglaublich nachgiebig gezeigt. Man braucht ihm nur fünfzig Rubel zu zahlen. Aber um diese fünfzig Rubel zusammenzubringen, muß der alte Mark mehr als ein Fach durchstöbern!

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
07 ekim 2025
Hacim:
1330 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788026825722
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