Kitabı oku: «Gesammelte Werke: Novellen + Kurzgeschichten + Dramen», sayfa 17
»Wie unglücklich bin ich!« spricht die Apothekerin, ihren Mann, der sich schnell auskleidet, um wieder zu schlafen, voll Wut betrachtend. »O, wie unglücklich ich bin!« wiederholt sie, plötzlich in Thränen ausbrechend. »Und niemand, niemand weiß . . .«
»Ich habe auf dem Ladentisch fünfzehn Kopeken vergessen«, brummt der Apotheker, sich die Decke über den Kopf ziehend. »Thu sie, bitte, in die Kasse . . .«
Und sofort schläft er wieder ein.
Der Orden
Der Lehrer am Militär-Progymnasium, Kollegienregistrator Lew Pustakow, wohnte Thür an Thür neben seinem Freunde, dem Leutnant Ledenzow. Zu ihm lenkte er am Neujahrsmorgen seine Schritt.
»Höre mal, Grischa«, sagte er ihm nach der üblichen Gratulation, »ich würde Dich nicht inkommodieren, wenn es nicht dringend nötig wäre. Leih mir, bitte, für heute Deinen Stanislaus. Ich bin nämlich beim Kaufmann Spitschkin zum Mittag eingeladen, – und Du kennst den Kerl ja, furchtbar erpicht auf Orden . . . hält, glaub' ich, jeden für einen Schuft, der nicht was am Halse oder auf der Brust baumeln hat. Nun, und er hat doch zwei Töchter . . . Du weißt, Nastja und Sina . . . Aber ich wende mich an Dich, als Freund . . . Du verstehst mich doch, mein Lieber . . . thu mir, bitte, den Gefallen.«
Bei dieser Rede errötete Pustakow und blickte ängstlich auf die Thür. Der Lieutenant schimpfte zuerst, gab dann aber nach.
Um zwei Uhr Nachmittags fuhr Pustakow in einer Droschke zu Spitschkins. Er hatte seinen Pelz vorn offen gelassen und auf seiner Brust blitzte in Gold und Emaille der fremde Stanislaus.
»Ist mir doch zu Mute, als wäre ich ein ganz anderer Mensch!« dachte er und räusperte sich mit einem gewissen Selbstbewußtsein. »Ein kleines Ding, kostet vielleicht nicht mehr als fünf Rubel, – und welcher Effekt!«
Vor dem Hause des Herrn Spitschkin schlug er den Pelz zurück und begann langsam den Kutscher zu bezahlen. Als der Kutscher seine Achselstücke, Knöpfe und den Stanislaus erblickte, war er, so schien es wenigstens Pustakow, wie versteinert. Pustakow räusperte sich selbstbewußt und trat in das Haus ein. Den Pelz legte er im Vorzimmer ab und warf einen Blick in den Saal, wo gegen fünfzehn Personen an einem langen gedeckten Tisch saßen und schon zu essen begonnen hatten. Man hörte nur Stimmengewirr und Tellergeklapper.
»Wer hat da geklingelt?« fragte der Hausherr und erhob sich. »Ah, Lew Nikolajewitsch! Bitte schön! Etwas spät, aber das macht nichts . . . Wir haben uns eben erst gesetzt.«
Pustakow streckte seine Brust vor, warf stolz den Kopf zurück und trat, sich die Hände reibend, in den Saal. Aber da sah er etwas Fürchterliches. Am Tisch, neben Fräulein Sina, saß sein Kollege, der Lehrer der französischen Sprache, Tremblant. Wenn der Franzose den Orden sehen würde, würde er unangenehme Fragen stellen und ihn wahrscheinlich für ewig blamieren . . . Sollte er den Orden abreißen oder wieder weglaufen? . . . Aber der Unglücksorden saß fest am Rock und ein Rückzug war nicht mehr möglich. Er preßte schnell die rechte Hand auf den Orden und machte der Gesellschaft eine tiefe Verbeugung. Darauf setzte er sich schwerfällig, ohne jemand die Hand zu reichen, auf den einzigen Stuhl, der frei war, gerade dem französischen Kollegen gegenüber.
»Wahrscheinlich etwas angeduselt!« dachte Spitschkin, der sich Pustakows sonderbares Benehmen nicht anders erklären konnte.
Es wurde ihm ein Teller Suppe gereicht. Er nahm den Löffel mit der linken Hand auf. Da fiel ihm ein, daß man unter wohlerzogenen Leuten doch nicht mit der linken Hand essen könne. Gar nicht essen? Ja! . . . Schließlich sagte er, daß er bereits gegessen habe. »Ich machte einen Besuch bei meinem Onkel, dem Probst Elejew . . . er bat mich . . . aß da zu Mittag . . .«
Pustakows Seele war von Ingrimm erfüllt und er litt Tantalusqualen: die Suppe war gar zu appetitlich . . . Und was für ein verführerischer Duft ging von dem gedämpften Stör aus. Er dachte daran, seine rechte Hand frei zu machen und den Orden mit seiner Linken zu verdecken, aber er wagte es nicht.
»Man wird es bemerken . . . Und auch, wenn man es nicht merkt: wie lange soll ich denn den Arm über die ganze Brust gestreckt halten, als wenn ich singen wollte? Mein Gott, wird denn dieses Mittagessen ewig dauern? Ich werde nachher schnell in ein Restaurant gehen!«
Nach dem dritten Gange warf er mit dem einen Auge einen verstohlenen Blick auf den Franzosen. Es kam ihm vor, als ob Tremblant aus irgend einem Grunde sehr verlegen war, ihn ängstlich ansah und auch nichts aß. Als sie einander eine Weile angesehen hatten, wurden beide noch verlegener und sahen in ihre leeren Teller. »Er hat es bemerkt, der Kerl!« dachte Pustakow. »Ich sehe es ihm an der Fratze an, daß er es bemerkt hat! Dieser Schuft, diese Klatschbase! Morgen wird der Direktor alles wissen!«
Die Gäste kamen zum vierten Gang und dann auch glücklich zum fünften . . .
Ein langer Herr mit einer gebogenen Nase, großen, haarigen Nüstern und verkniffenen Äuglein stand auf, strich sich mit der flachen Hand über den Kopf und sprach:
»Äh . . . äh . . . äh . . . ich erlaube mir, äh, ein Hoch auf das Wohl der anwesenden Damen. äh, auszubringen!«
Geräuschvoll erhoben sich alle und ergriffen die Gläser. Ein lautes Hurrah dröhnte durch das Zimmer. Die Damen lächelten und bogen sich verbindlich hinüber, um anzustoßen. Pustakow erhob sich nun auch; er hielt sein Glas in der linken Hand. »Lew Nikolajewitsch, haben Sie bitte; die Güte, dieses Glas Nastasja Timofejewna hinüber zu reichen. Sie muß es austrinken!« Mit diesen Worten wandte sich ein Herr an ihn und reichte ihm ein volles Glas.
Pustakow mußte zu seiner Verzweiflung die rechte Hand in Aktion setzen. Der Stanislaus mit dem zerdrückten, roten Band wurde sichtbar und erstrahlte im Glanz der Lichter. Der Lehrer wurde totenbleich, ließ den Kopf auf die Brust fallen und blickte scheu nach seinem Gegenüber. Der Franzose sah ihn erstaunt und fragend an, dann verzog sich sein Mund zu einem schalkhaften Lächeln und alle Verlegenheit wich aus seinem Gesicht . . .
»Julius Awgustowitsch!« rief da der Hausherr dem Franzosen zu, »reichen Sie doch, bitte, die Flasche hinüber!«
Tremblant streckte unschlüssig seine rechte Hand nach der Flasche aus, – und, o Wonne: Pustakow erblickte auch auf seinem Rockaufschlag einen Orden. Und das war kein Stanislaus, sondern sogar eine Anna! Also auch er hatte gemogelt! Pustakow lachte innerlich vor Vergnügen und fiel gemütlich auf seinen Stuhl . . . Jetzt brauchte er den Stanislaus nicht mehr zu verstecken! Sie wandelten beide auf demselben verbotenen Wege und keiner brauchte zu befürchten, daß der andere ihn denunzieren oder klatschen würde.
»Ah . . . ah . . . ah . . . so, so . . .«, meinte Spitschkin, als er die Orden auf der Brust beider Lehrer erblickte.
»Ja!« sagte Pustakow, »wie merkwürdig, Julius Awgustowitsch! Wie wenige wurden doch vor den Feiertagen vorgeschlagen! So viele Kollegen, – und wir allein haben etwas bekommen! Wirklich merkwürdig!«
Tremblant nickte vergnügt mit dem Kopfe und strich über den linken Rockaufschlag, auf dem die Anna dritter Klasse saß.
Nach dem Essen ging Pustakow in allen Zimmern umher und erläuterte den Damen die Bedeutung seines Ordens. Sein Herz war leicht und heiter, obgleich er großen Hunger verspürte.
»Hätte ich das gewußt«, dachte er mit einem neidischen Blick auf Tremblant, der sich mit dem Hausherrn – natürlich auch über Ordensangelegenheiten – unterhielt, »dann hätte ich mir ruhig einen Wladimir angehängt. Wirklich ärgerlich!«
Das allein quälte ihn. Im Übrigen war er vollkommen glücklich.
Eine problematische Natur
Koupee erster Klasse.
Auf dem mit rotem Sammet bezogenen Diwan sitzt in halbliegender Stellung eine hübsche junge Dame. Der teure Spitzenfächer knistert in ihrer krampfhaft zusammengepreßten Hand, das Pincenez fällt immerfort von ihrem hübschen Näschen, die Brosche auf ihrer Brust hebt sich und senkt sich wie ein Nachen auf den Wellen. Sie ist erregt . . .
Ihr gegenüber auf dem Diwan sitzt ein Gouverneursattaché, ein junger Schriftsteller, der in der Gouvernementszeitung kleine Erzählungen oder, wie er sie selbst nennt, › short stories‹ aus der vornehmen Welt veröffentlicht . . . Er sieht ihr ins Gesicht und betrachtet sie mit der Miene eines Kenners. Er beobachtet, studiert, erforscht diese exzentrische, problematische Natur, sucht sie zu erfassen, zu verstehen . . . Ihre Seele, ihre ganze Psychologie liegen vor ihm wie auf dem Präsentierteller.
»O, ich verstehe Sie!« sagt der Gouverneursattaché, ihre Hand in der Nähe des Armbandes küssend. »Ihre weiche, zarte Seele sucht einen Ausgang aus dem Labyrinth . . . Ja! Ein furchtbarer, grausiger Kampf, aber . . . verzweifeln Sie nicht! Sie werden Siegerin bleiben! Ja!«
»Beschreiben Sie mich, Woldemar!« sagt die Dame mit einem trüben Lächeln. »Mein Leben ist so reich, so mannigfaltig, so bunt . . . Aber die Hauptsache – ich bin unglücklich! Ich bin eine Märtyrerin im Geschmack Dostojewskis . . . Zeigen Sie der Welt meine Seele, Woldemar, zeigen Sie ihr diese arme Seele! Sie sind ein Psycholog. Es ist noch keine Stunde vergangen, seit wir im Koupee sitzen und uns unterhalten, und schon haben Sie mich ganz, ganz erfaßt!«
»Sprechen Sie! Ich flehe Sie an, sprechen Sie!«
»Hören Sie. Ich wurde in einer armen Beamtenfamilie geboren. Mein Vater war gut und klug, aber . . . der Geist der Zeit, das Milieu . . . vous comprenez, ich verurteile meinen armen Vater nicht. Er trank, spielte Karten . . . ließ sich bestechen . . . Die Mutter . . . Aber was soll ich davon sprechen! Sorgen, der Kampf um das tägliche Brot, das Bewußtsein der Miserabilität . . . Ach, zwingen Sie mich nicht, daran zu denken! Ich mußte mir selbst die Bahn brechen . . . Die verkrüppelte Erziehung im vornehmen Pensionat, die Lektüre blöder Romane, die Fauxpas der Jugend, die erste schüchterne Liebe . . . Und der Kampf mit dem Milieu? Schrecklich! Und die Zweifel? Und die Qualen der aufkeimenden Verzweiflung an sich selbst, am Leben? . . . Ach, Sie sind ein Schriftsteller und kennen uns Frauen. Sie werden mich verstehen . . . Unglücklicherweise bin ich eine groß angelegte Natur . . . Ich erwartete das Glück, und noch was für eines! Mich dürstete, ein Mensch zu sein! Ja! Mensch sein – darin sah ich mein ganzes Glück!
»Schöne!« stammelt der Schriftsteller, ihre Hand in der Nähe des Armbandes küssend. »Wunderbare! Ich küsse nicht Sie, sondern die Leiden der Menschheit! Erinnern Sie sich Raskoljnikows? So küßte auch er.«
»Woldemar! Ich brauchte Ruhm . . . Lärm, Glanz, wie jeder, der mehr – wozu soll ich mich zieren? – der mehr als eine Dutzendnatur ist. Mich dürstete nach irgend etwas Außergewöhnlichem . . . Nichtweiblichem! Und da . . . da . . . versperrte mir ein reicher alter General den Weg . . . Verstehen Sie mich, Woldemar! Das war eine Selbstaufopferung, ein Resignieren . . . verstehen Sie mich? Ich konnte nicht anders handeln. Ich machte dadurch meine Familie wohlhabend, begann Gutes zu thun, zu reisen . . . O, wie habe ich gelitten, wie unerträglich, niedrig und gemein erschienen mir die Liebkosungen dieses Generals, obgleich er ja seinerzeit tapfer gekämpft haben soll. Es gab Augenblicke . . . schreckliche Augenblicke! Mich hielt nur der Gedanke aufrecht, daß der Alte heute oder morgen sterben wird und daß ich dann leben kann, wie ich will, mich einem geliebten Manne hingeben, glücklich sein . . . Und ich kenne einen solchen Mann, Woldemar! Bei Gott, ich kenne einen solchen . . .«
Die Dame fächelt sich hastig zu. Ihr Gesicht nimmt einen weinerlichen Ausdruck an.
»Endlich starb der Alte . . . Er hinterließ mir einiges, ich wurde frei wie ein Vogel. Jetzt hätte ich glücklich werden sollen . . . Nicht wahr, Woldemar? Das Glück klopft bei mir ans Fenster. Ich brauche es nur einzulassen, aber . . . nein! Woldemar, ich beschwöre Sie, hören Sie mich an! Jetzt wäre der Augenblick gekommen, sich einem geliebten Manne hinzugeben, seine Gefährtin, Gehilfin, die Trägerin seiner Ideale zu werden, glücklich zu sein . . . auszuruhen . . . Aber wie niedrig, gemein und dumm ist alles in dieser Welt! Wie ist doch alles so niedrig, Woldemar! Ich bin unglücklich, unglücklich, unglücklich! Mein Weg ist wieder versperrt! Wieder fühle ich, daß mein Glück fern und weit ist! O, wieviel Qualen, wenn Sie wüßten! Wieviel Qualen!«
»Aber was ist es denn? Was versperrt Ihnen den Weg zum Glück? Ich flehe Sie an, sagen Sie es mir! Was ist es?«
»Ein anderer reicher Alter . . .«
Der zerknitterte Fächer verdeckt das schöne Gesichtchen.
Der Schriftsteller stützt sein gedankenschweres Haupt auf die Faust, seufzt auf und verfällt mit der Miene eines Kenners, eines erfahrenen Psychologen in Reflexionen.
Die Lokomotive pfeift und zischt, die Vorhänge an den Fenstern färben sich rot von der untergehenden Sonne . . .
Der teure Hund
Der Leutnant Dubow, ein nicht mehr junger Offizier von der Linie, und der Einjährige Knaps saßen und tranken.
»Ein prachtvoller Hund!« sagte Dubow, dem Einjährigen seinen Hund Milka zeigend. »Ein wunderbarer Hund! Sehen Sie blos die Schnauze! Was ist die allein schon wert! Ein Kenner würde für die Schnauze allein zweihundert Rubel geben! Sie zweifeln daran? Na, dann verstehen Sie eben nichts davon . . .«
»Ich verstehe schon, aber . . .«
»Es ist doch ein Setter, ein englischer Vollblutsetter! Sein Anstand ist großartig, und die Witterung . . . die Schnauze! Mein Gott, was für eine Witterung! Wissen Sie, wieviel ich für Milka zahlte, als sie noch ein Welf war? Hundert Rubel! Ein wunderbarer Hund! Milka! Kanaille! Du–ummchen, Milka! Komm her, komm her, mein Hundchen, mein liebes . . .«
Dubow zog Milka an sich und küßte den Hund zwischen die Ohren. In seine Augen traten Thränen.
»An niemandem gebe ich Dich weg . . . Du mein schönes Tier, Du Kerl. Du liebst mich doch, Milka? Liebst Du mich? . . Na, pack Dich!« rief der Leutnant plötzlich. »Kriechst mit den schmutzigen Pfoten gerade auf die Uniform! Ja, Knaps, hundertundfünfzig Rubel habe ich für den Welf gezahlt! Muß also was an ihm gewesen sein! Eines thut mir nur leid: ich habe keine Zeit zum Jagen! Der Hund verkommt ohne Arbeit, vergräbt sein Talent . . . Darum will ich ihn auch verkaufen. Kaufen Sie ihn, Knaps! Ihr ganzes Leben lang werden Sie mir dankbar sein! Nun, wenn Sie nicht viel Geld haben, gut, ich lasse ihn Ihnen für die Hälfte . . . Nehmen Sie ihn für fünfzig! Nutzen Sie mich aus!«
»Nein, mein Bester . . .« seufzte Knaps. »Wenn Ihre Milka ein Männchen wäre, so hätte ich sie vielleicht noch gekauft, aber so . . .«
»Milka soll kein Männchen sein?« staunte der Leutnant. »Knaps, was fehlt Ihnen? Milka – kein Männchen! Haha! Was ist er denn Ihrer Ansicht nach? Eine Hündin? Haha . . . 'n netter Knabe, kann nicht einmal einen männlichen Hund von einer Hündin unterscheiden!«
»Sie sprechen mit mir, als wäre ich blind oder ein Kind . . .« sagte Knaps beleidigt. »Natürlich ist es eine Hündin!«
»Na hören Sie, da werden Sie vielleicht noch sagen, daß ich eine Dame sei! Ach, Knaps, Knaps! Und sind noch von der Technischen Hochschule! Nein, mein Lieber, das ist ein richtiges Vollblutmännchen, so ein Männchen, wie es kein zweites giebt! Und Sie kommen mir da mit einer Hündin! Haha . . .«
»Verzeihen Sie, Michail Iwanowitsch, aber Sie . . . Sie halten mich wohl für einen Narren . . . Das ist sogar beleidigend . . .«
»Nun gut, ist nicht nötig, hol Sie der Teufel . . . Kaufen Sie nicht . . . Ihnen kann man es nicht klar machen! Sie werden bald sagen, daß dies hier keine Rute, sondern ein Bein ist . . . Ist nicht nötig. Ich wollte Ihnen nur eine Gefälligkeit erweisen. – Wachramejew, Kognak!«
Der Bursche brachte noch Kognak. Die Freunde gossen sich ein Gläschen ein und verfielen in Gedanken. Eine halbe Stunde verging schweigend.
»Und wenn es auch ein Weibchen wäre . . .« brach der Leutnant das Schweigen, die Flasche finster anstarrend. »Komisch! Um so besser für Sie. Würde Ihnen Welfe bringen, und jedes Junge bedeutet so viel wie fünfundzwanzig Rubel . . . Ein jeder würde Ihnen die Welfe gerne abkaufen. Ich weiß nicht, warum Ihnen die Männchen so gefallen. Die Hündinnen sind tausendmal besser. Das weibliche Geschlecht ist auch treuer und anhänglicher . . . Nun, da Sie sich einmal vor dem weiblichen Geschlecht so fürchten, gut, so nehmen Sie den Hund für fünfundzwanzig.«
»Nein, Verehrtester . . . Nicht einen Kopeken gebe ich. Erstens brauche ich den Hund nicht und zweitens habe ich kein Geld.«
Der Bursche brachte eine Pfanne Rührei. Die Freunde machten sich daran und verzehrten schweigend das Gericht.
»Sie sind ein guter, braver Junge, Knaps . . .« sagte der Leutnant, sich den Mund wischend. »Ich möchte Sie so nicht fortlassen, hol's der Teufel! Wissen Sie was? Nehmen Sie den Hund umsonst.«
»Aber, mein Bester, wohin soll ich ihn denn thun?« sagte Knaps mit einem Seufzer. »Und wer wird ihn denn bei mir pflegen?«
»Gut, ist nicht nötig, nicht nötig . . . Hol Sie der Teufel! Wenn Sie es nicht wollen, dann lassen Sie es . . . Wohin wollen Sie denn? Bleiben Sie doch sitzen!«
Knaps reckte sich, stand auf und griff nach der Mütze.
»Es ist schon Zeit. Adieu . . .« sagte er gähnend.
»Warten Sie dann, ich will Sie begleiten.«
Dubow und Knaps zogen sich an und gingen hinaus. Die ersten hundert Schritte gingen sie ohne zu sprechen.
»Kennen Sie nicht jemand, an den ich den Hund weggeben könnte? Haben Sie nicht irgend so einen Bekannten? Der Hund ist, Sie sahen es ja, ein guter Racehund, aber . . . ich kann ihn durchaus nicht brauchen!«
»Ich weiß nicht, mein Bester . . . Was habe ich denn hier für Bekannte?«
Bis zu Knaps Wohnung sprachen die Freunde kein Wort mehr. Erst nachdem Knaps dem Leutnant die Hand gedrückt und seine Thür geöffnet hatte, räusperte Dubow sich und fragte mit einem sonderbaren Zögern:
»Wissen Sie nicht, nehmen die hiesigen Abdecker auch Hunde an, oder nicht?«
»Wahrscheinlich wohl . . . Genau kann ich es Ihnen nicht sagen.«
»Werd' ihn morgen mit Wachramejew hinschicken . . . Hol' ihn der Teufel, mögen sie ihm das Fell über die Ohren ziehen . . . Ein abscheulicher Hund! Ein widerwärtiges Tier! Nicht nur, daß er die Zimmer verunreinigt, nein, gestern hat er noch in der Küche das ganze Fleisch aufgefressen, so'n Luder . . . Und wenn es noch eine gute Race wäre, aber so – weiß der Teufel was, eine Kreuzung von Straßenköter und Sau. Gute Nacht!«
»Adieu!« sagte Knaps.
Die Thür schlug zu und der Leutnant blieb allein.
Plappertasche
Natalja Michajlowna, eine junge Frau, die am Morgen aus Jalta heimgekehrt war, aß zu Mittag und erzählte ihrem Mann, ohne ihr Zünglein auch nur eine Sekunde stillstehen zu lassen, von den Herrlichkeiten der Krim. Der Mann blickte ihr begeistertes Gesicht voll Entzücken und Freude an und stellte nur ab und zu ein paar Fragen . . .
»Aber man sagt, das Leben soll dort furchtbar teuer sein?«
»Ja, wie soll ich Dir sagen, Papachen? Meiner Ansicht nach wird darin stark übertrieben. Der Teufel ist nicht so schlimm, wie man ihn an die Wand malt. Ich, zum Beispiel, hatte mit Julija Petrowna ein sehr bequemes und anständiges Logis für zwanzig Rubel täglich. Alles, mein Schatz, hängt von der Kunst ab, sein Leben einzurichten. Natürlich, wenn man Ausflüge in die Berge macht . . . zum Beispiel aus den Aj-Petri . . . sich ein Pferd, einen Führer nimmt – ja, dann natürlich wird es teuer. Schrecklich teuer! Aber Wassitschka, was sind dort für Be–erge! Stell Dir vor, so hohe, hohe Berge, tausendmal höher als die Kirche . . . Oben ist nur Nebel, Nebel und Nebel . . . Unten riesige Felsen, Felsen und Felsen . . . Und die Pinien . . . Ach, ich mag nicht daran denken!«
»Aber was ich sagen wollte . . . Unter anderem las ich hier in einer Zeitschrift von den dortigen Führern, den Tataren . . . So eine Schweinerei! Ist an ihnen denn wirklich was Besonderes d'ran?«
Natalja Michajlowna rümpfte verächtlich das Näschen und schüttelte mit dem Kopf.
»Gewöhnliche Tataren, nichts Besonderes . . .« sagte sie. »Übrigens habe ich sie nur flüchtig, von weitem gesehen . . . Man zeigte sie mir, aber ich gab nicht acht darauf. Ich habe, Papachen, immer ein Vorurteil gegen alle diese Tscherkessen, Griechen . . . Mauren gehabt! . . .«
»Man sagt, daß sie furchtbare Don Juans sein sollen.«
»Vielleicht! Es giebt ja Frauenzimmer, die . . .«
Natalja Michajlowna sprang plötzlich auf, als wäre ihr etwas Schreckliches eingefallen, blickte eine halbe Minute lang den Mann mit erschrockenen Augen an und sagte, indem sie jedes Wort dehnte.
»Wassitschka, ich will Dir nur sagen, was es für un–mo–ra–lische Frauen giebt! Ach, was für unmoralische! Und nicht etwa, weißt Du, aus den unteren oder mittleren Ständen, nein, Aristokratinnen, diese anfgeblasenen bonton-Damen! Geradezu fürchterlich, ich traute meinen Augen nicht! So lang ich lebe, vergesse ich es nicht! Wie ist es nur möglich, sich so zu vergessen, daß . . . Ach, Wassitschka, ich will davon gar nicht sprechen. Nehmen wir zum Beispiel meine Reisegefährtin, Julija Petrowna . . . So einen guten Mann hat sie, zwei Kinder . . . gehört zur guten Gesellschaft, spielt sich immer als Heilige auf, und plötzlich, kannst Du Dir denken . . .? Aber, Papachen, das bleibt natürlich entre nous. – Giebst Du Dein Ehrenwort, daß Du es niemandem erzählen wirst?«
»Na, so etwas! Natürlich erzähle ich das niemandem.«
»Ehrenwort? Hörst Du! Ich glaube Dir . . .«
Die junge Frau legte die Gabel hin, machte ein geheimnisvolles Gesicht und begann im Flüsterton.
»Stell Dir so etwas vor . . . Einmal reitet diese Julija Petrowna in die Berge . . . Es war ein wundervolles Wetter! Sie ritt mit ihrem Führer voraus, etwas weiter zurück folgte ich. Wir waren vielleicht so drei, vier Werst geritten, als plötzlich, verstehst Du, Wassitschka, Julija aufschreit und sich nach der Brust faßt. Ihr Tatare greift sie um die Taille, sonst wäre sie aus dem Sattel gefallen . . . Ich reite mit meinem Führer zu ihr heran . . . Was ist? Was ist passiert? ›Ach‹, schreit sie, ›ich sterbe! Es wird mir schlecht! Ich kann nicht weiter!‹ Stell Dir meinen Schreck vor! – Dann reiten wir zurück, sage ich. ›Nein‹, sagt sie, ›Natalie, ich kann nicht zurückreiten! Wenn ich noch einen Schritt mache, so sterbe ich vor Schmerzen! Ich habe Krämpfe!‹ Und sie bittet und fleht mich und meinen Sulejman um Gotteswillen an, daß wir in die Stadt zurückreiten und ihr Hoffmann-Tropfen holen, die ihr helfen.«
»Wart 'mal . . . Ich verstehe Dich nicht ganz . . .« murmelte der Mann, sich die Stirn reibend. »Du sagtest doch zuerst, daß Du diese Tataren nur von weitem gesehen hättest, und jetzt erzählst Du mir von irgend einem Sulejman?«
»Du fängst wieder mit Deinen Wortklaubereien an!« sagte die Frau mit einer Grimasse, ohne auch nur im geringsten verlegen zu werden. »Ich kann so ein mißtrauisches Wesen nicht vertragen! Nein, das kann ich nicht leiden.«
»Ich sage ja nichts, aber . . . wozu die Unwahrheit reden? Bist Du mit dem Tataren geritten, so bist Du geritten, und damit basta. Aber . . . wozu solche Ausflüchte?«
»Hm! . . . So komisch zu sein!« empörte sich die junge Frau. »Auf Sulejman eifersüchtig! Ich möchte doch wissen, wie Du ohne Führer in die Berge geritten wärst! Ich kann es mir vorstellen! Wenn Du die dortigen Verhältnisse nicht kennst und das nicht begreifst, so schweig lieber. Sei still und schweig! Ohne Führer kann man dort nicht einen Schritt machen.«
»Natürlich!«
»Bitte dieses dumme Lächeln zu unterlassen. Ich bin nicht etwa irgend eine Julija . . . Ich verteidige sie auch nicht, aber ich . . . hm! Wenn ich mich auch nicht als Heilige aufspiele, so habe ich mich doch noch nicht so weit vergessen. Mein Sulejman durfte die Grenze nicht überschreiten . . . Ne–ein! Julijas Mametkul pflegte bei ihr die ganze Zeit zu sitzen, bei mir aber hieß es, wenn des Abends die Uhr elf schlug, sofort: ›Sulejman, marsch! Gehen Sie!‹ Und mein dummes Tatarchen geht auch. Ich hielt ihn streng, Papachen . . . Sobald er 'mal wegen des Geldes oder wegen sonst irgend was zu knurren begann, kam ich ihm gleich: ›Wie? Wa–as? Wa–a–as?‹ Gleich fiel ihm das Herz in die Hosen . . . Ha–ha–ha . . . Augen hatte er, schwarz, pechschwarz, wie eine Kohle, verstehst Du, Wassitschka, ein tatarisches Fratzchen, so dumm und komisch . . . Ich hielt ihn stramm! So!«
»Ich kann es mir vorstellen . . .« brummte der Gatte, während er Brodkügelchen rollte.
»Dumm, Wassitschka! Ich weiß ja, was Du für Gedanken hast! Ich weiß, was Du denkst . . . Aber ich versichere Dich, daß er bei mir sogar während der Ausflüge die Grenzen nicht überschreiten durfte. Wir reiten zum Beispiel in die Berge oder zum Wasserfall U-tschau-Su, und ich sage ihm stets: ›Sulejman, hinten reiten! Na!‹ Und immer ritt er hinten nach, der Ärmste . . . Sogar während . . . sogar an den allerpathetischsten Stellen pflegte ich ihm zu sagen: ›Und trotzdem darfst Du nicht vergessen, daß Du nur ein Tatar bist, während ich die Frau eines Staatsrats bin!‹ Ha–ha . . .«
Die junge Frau begann zu lachen, sah sich dann schnell um, machte ein erschrockenes Gesicht und fuhr fort zu flüstern:
»Aber Julija! Ach diese Julija! Ich verstehe, Wassitschka, warum soll man nicht etwas Spaß machen, warum soll man sich nicht eine Erholung nach der Leere des gesellschaftlichen Lebens gönnen? Das geht ja alles . . . spaße und erhole Dich, soviel Du willst, niemand wird es verurteilen. Aber so etwas ernst zu nehmen, Scenen zu machen . . . nein, sag' was Du willst, das verstehe ich nicht! Stell Dir vor, sie war eifersüchtig! Na, ist so etwas nicht dumm? Einmal kommt zu ihr der Mametkul, ihre Passion . . . Sie war nicht zu Hause . . . Nun, ich rief ihn zu mir herein . . . wir kamen ins Gespräch, dies und jenes . . . sie sind ja, weißt Du, zu komisch! So verging ganz unvermerkt der Abend . . . Plötzlich stürzt Julija herein . . . überfällt mich und Mametkul . . . macht uns eine Scene . . . Pfui! So etwas verstehe ich nicht, Wassitschka!«
Wassitschka räusperte sich, runzelte die Stirn und begann im Zimmer auf und ab zu gehen.
»Ein lustiges Leben führtet Ihr dort, das muß man sagen!« brummte er mit einem verächtlichen Lächeln.
»Na, wie das du–umm ist!« sagte Natalja Michajlowna gekränkt. »Ich weiß, woran Du denkst! Du hast immer solche schmutzige Gedanken! Nun, dann werde ich Dir eben nichts erzählen. Nein!«
Die junge Frau warf schmollend die Lippen auf und verstummte.
