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Kitabı oku: «Der Sternsteinhof», sayfa 13
Ja, bei den Soldaten lernt man, sich auf Pfiffe verstehen! Wie häufig in der Welt, trägt es auch da die Keckheit über den Verstand davon; das Feinsteingefädelte, wer das aussinnt, verspielt, und das Plumpste, was oft mit Händen zu greifen, gewinnt. Der Toni überließ sich der ungetrübten Freude über den Erfolg seiner »Kriegslist«. Nur etliche Male während der langen Fahrt befühlte er seinen Kopf und seinen linken Arm; wo er gegen die Wand schlug, wird es wohl Beulen geben, und wo sich die Finger des Alten eingekrallt hatten, blaue und braune Flecken.
»Kein D‘randenken wert! heiler hätt‘ ich nit davonkommen können. Eh‘, Füchsin, bleibst im Schritt! Merkst, daß‘s heimzu geht? Kannst ‚n Stall nit erwarten? Ich werd‘ dir, —«
Ganz nahe lag der Sternsteinhof. – In acht Wochen Herr darauf!
16. Kapitel
Was sich im Wirtshause zu Schwenkdorf zugetragen, das kam dort wie zu Zwischenbühel noch am nämlichen Sonntagabende unter die Leute, und einer trug es dem andern als eine »wahrhafte Neuigkeit« zu, daß über acht Wochen der Sternsteinhof er Toni mit des Käsbiermartels Sali Hochzeit halten werde. Wenn es auch allgemein Wunder nahm, wie rasch sich das schickte, und daß der »riegelsame« Alte sich so mit eins entschloß, »in d‘Ruh z‘gehen,« so war doch nichts Auffälliges dabei. Der Bauer wollte eben seinen Willen haben, und der Bub‘ gehorsamte; es waren nur ein paar überfindige Köpfe, die darüber schüttelten und unter sich etwas von »aufgesessen sein« verlauten ließen, aber beileib‘ nicht zu laut; denn sie gehörten zur klugen Brüderschaft, welche die Wahrheit im Sack behält, wohl wissend, daß sie für den Besitzer kein Heckethaler, dem Reichen, dem man sie bietet, meinst ein unliebsames Schaustück und dem Bettler ein abgegriffener Groschen sei, den er nicht einmal geschenkt nimmt.
Am Montage war der Sternsteinhofer noch nicht imstande, über seine Lage nachzudenken, den Schmerz ersparte ihm ein Weh, nämlich Kopfweh; er hatte eines von jenen, wobei dem Menschen vorkommt, das Oberstübchen wäre rein ausgeräumt und es säß‘ ein fleißiger Werkmeister darinnen und bohrte und sägte und hämmerte, einmal mit spitzem Hammer, dann mit stumpfem Schlegel. Bis er Feierabend macht, verelendet man einen Tag wie nichts.
Dienstag ging der Bauer seinen gewohnten Beschäftigungen nach, doch erpreßte es ihm mehrmal den Seufzer: »Ja, ja, mein lieber Hof, hitzt kimmst bald in andere Händ‘!« Mittwochs betrübte ihn der Gedanke: dieselben Hände möchten wohl weder die fleißigsten noch die geschicktesten sein. Am Donnerstage beklagte er das »arme« Anwesen, das ihn, seinen alten Herrn, gewiß schwer vermissen werde, aber er könne leider nicht helfen, Einmengen sei seine Sach‘ nit! Freitags war er zu der Überzeugung gelangt, daß ohne ihn alles hinter sich gehen müsse, und sonnabends beruhigte ihn vollends die Schlußfolgerung: bei der hinterlistigen Weis‘, mit der sich der junge Bauer und die Schnur hier eingedrängt hätten, könne kein Segen sein, die beiden würden ‚s heißer auszubaden haben, als sie gedächten, bis ihnen schließlich der Hof unten durchwischte und sie in‘ Dreck zu sitzen kämen; diese tröstliche Voraussicht, die ihm in viel drastischeren, nicht gut wiederzugebenden Bildern vor‘m geistigen Auge schwebte, versöhnte ihn mit seinem Schicksale, so daß er sonntags zu Schwenkdorf vor der Kirche Käsbiermartels Sali so freundlich und väterlich begrüßte, als er es eben vermochte und wie es von ihm eigentlich gar nicht zu erwarten stand.
Von nun ab nahmen ihn nur noch zwei Dinge in Anspruch, die Vorbereitungen zur Hochzeit und die Errichtung seines Ausgedings; denn eine Hochzeit wollte er »zurüsten«, über welche die Leute von nah‘ Mäuler und Augen aufreißen und die von fernher die Hälse darnach recken sollten, und auf einem Ausgeding‘ wollte er sitzen wie sonst keiner im Land. Der »findige Notarjus«, der den Heiratskontrakt aufzusetzen hatte, mußte auch die Schenkungsurkunde niederschreiben, durch welche der Sternsteinhofer Haus und Hof mit allen Liegenschaften und Gründen und ein gut Stück bar Geld dazu seinem Sohne als eigen übergab; den Rest seines Ersparten jedoch, samt der eisernen Kasse, einige genau bezeichnete Einrichtungsgegenstände und etliche ebenso genau beschriebene Stücke Viehs behielt der Alte für sich, sowie auf der von Zwischenbühel abgekehrten Sonnenseite des Hügels einen Teil des Gartens und daneben etwas Grund; dort wollte er sich anbauen, und wenn das Häuschen nebst den Ställen unter Dach sein wird, mit all‘ seinem Eigen dahin übersiedeln; bis auf die Zeit aber, so war es ausbedungen, sollte die »Eiserne« an Ort und Stelle, sein Vieh in den gemeinsamen Stallungen und er in seinem Kämmerlein unangefochten Verbleib haben; denn er war vorsichtig genug, sich nicht der Gefahr auszusetzen, etwa gelegentlich eines Streites mit allem Um und Auf vor das Haus gesetzt zu werden, und ehe er noch ein solches hatte, einem »armen Abbrandler« gleich, unter Gerümpel und blockendem Vieh ratlos dazustehen.
Am frühen Morgen des Tages, an welchem der Toni zur Trauung nach Schwenkdorf hinüberfuhr, hatte das junge Weib des Holzschnitzers das Haus verlassen, um vor dem Eintreffen des Brautzuges dort in der Kirche sein zu können. Jene nervenaufregende, alle Furcht und Scheu bezwingende Neugierde, welche dem Manne die sträubenden Blicke auf Grauenhaftes, Widerwärtiges, Quälendes lenkt und das Weib die Augen nicht davon abwenden läßt; welche die Menschen nach Richtplätzen, Leichenhöfen und Unglücksstätten drängen macht; jener Trieb, Arges zu schauen, hatte Helene befallen, hatte ihr den weiten Weg unter die Füße gegeben und bannte sie nun in der Kirche am Fuße des Pfeilers fest, an welchem sie mit hochklopfendem Herzen und verhaltenem Atem lehnte, bis alles – vorüber war; dann schlüpfte sie mit im Gedränge hinaus und lief auf schmalen, nur einzeln gangbaren Pfaden über Felder, Halden und Hänge und kehrte auf weitem Umwege durch den Busch, der auf dem Hügel hinter dem Orte oberhalb ihrer Hütte lag, nach Zwischenbühel heim.
Dort brauste, dröhnte und schütterte schon die Luft von dem Gelärme, Musizieren und Schießen auf dem Sternsteinhofe. Wie dadurch befangen und beirrt, verrichtete Helene lässig und nebenher einige Hausarbeit, und als der Abend kam, bei dessen Schweigen das geräuschvolle Treiben auf der Höhe gegenüber bald allein in aller Weite das große Wort führte, da brachte sie das Kind zu Bette, bot dem Manne gute Nacht und trat unter die Türe des Häuschens; dort stand sie, das rechte Bein über das linke geschlagen, die Hände über dem Schoß gefaltet, den Kopf an den Türpfosten gelehnt, und starrte hinauf nach dem Sternsteinhof.
Von dort sang und klang, hallte und schallte es durch die stille Nacht, von Zeit zu Zeit prasselte leuchtend eine Rakete empor; und dieses Getöse und Gebraus wird Stunde für Stunde fortwähren bis zum Frührot und sich erst im hellen Sonnenschein des Tages mählich beruhigen; dann hebt es wohl morgen, vielleicht auch noch übermorgen nach Tischzeit wieder an und verliert sich mit den abziehenden Gästen. Morgen werden die Zurückgebliebenen sich überlärmen, um die Weggegangenen zu ersetzen, und übermorgen werden alle der guten Tage herzlich müde sein.
Ein grelles Jauchzen, das einer aufsteigenden Raketengarbe nachgellte, machte das junge Weib fröstelnd zusammenschrecken, es strich mit der Hand über die Stirne, ermunterte sich, schloß die Türe und suchte sein Lager auf.
Käsbiermartels Sali schien wirklich wie von Holz; wenigstens heut‘ an ihrem Ehrentage, ihrer nunmehrigen Würde als junge Sternsteinhofbäuerin eingedenk, ging, stand, saß und tat sie so hölzern, daß Toni darüber lachen mußte, aber er gestand sich auch, daß sie aus gutem Holze wäre. Er hatte mittlerweile, was die Weiberleut‘ anlangt, zugelernt, – der Soldatenstand soll ja auch in der Beziehung eine gute Schule sein, – und wußte einen Unterschied zu machen zwischen den einen, die schalkischen Krämern gleich, welche Schleuderware feilbieten, ebenso gerne betrügen als sie das »Betrogenwerden« leicht verwinden; und den andern, die, nicht lecker nach Unerlaubtem, sich jeden unlauteren Handel von vornherein verbieten und, die Schlagfertigsten unter ihnen, wohl auch dem zudringlichen Krämer als Abstandsgeld eine Münze verabfolgen, die unter Brüdern fünf Gulden wert, selbst vor Gericht nur Kursschwankungen unterliegt und, seit die Welt steht, noch nie mit falscher Präge vorgekommen ist, trotzdem aber an öffentlichen Kassen nicht an Zahlungs Statt angenommen wird, wogegen sich allerdings vorab die Steuereinnehmer höchlich verwahren würden.
Ob dem Steinsternhofer Toni je unter der Hand einer oder der anderen ehrenfesten Schönen jene einseitige Schamröte aufgestiegen, welche nicht das Resultat eines physiologischen Prozesses, sondern das einer fremden Kraftäußerung ist, davon hat er nichts verlauten lassen, wie denn solchen Vorkommnissen gegenüber selbst die geschwätzigsten Männer sich strengster Diskretion zu befleißigen pflegen; sicher ist, er empfand Genugtuung darüber, daß er nunmehr auch von einer solchen Ehrbaren nur »Liebes« zu gewärtigen habe, und es schmeichelte seinem Stolze, in deren Alleinbesitz und ihr Herr zu sein.
Daß diese seine Bäuerin sich nicht gegen ihn auflehnen werde, dessen war er gewiß; er hatte die acht Wochen über Zeit genug, sie kennenzulernen, und es hätte dazu nicht einmal so vieler Tage bedurft. Die Strenge, die in ihrem etwas scharfgeschnittenen Gesichte lag, deutete auf Selbstbewußtsein und ernste Auffassung eigener und fremder Pflicht, aber galt nur den Leuten, um sich nichts zu vergeben, galt nur dem Gesinde, um es nicht lässig werden zu lassen, dem Manne nicht, dem sprach das dunkle, im bläulichen Glänze schimmernde Auge und nur das; das junge Weib war eines jener Geschöpfe, die mit einem Blicke auf den Mann für ihn durchs Feuer gingen, wenn es sein müßte, ihm aber hinwieder ihr Lebtag kein zärtliches Wort gönnen und das eine so selbstverständlich finden wie das andere.
Es war nach Mitternacht, als die Hochzeitsgäste, deren Orts- und Zahlensinn wohl einigermaßen getrübt sein mochte, mit einmal die Abwesenheit des Bräutigams und der Braut wahrnahmen, eine Entdeckung, die großen Lärm und einen Aufwand bedenklicher, aber keineswegs neuer Witze veranlaßte; alle taumelten auf und wollten den beiden Schwiegervätern zutrinken, aber die Gläser klangen nur mit dem des schmunzelnden Käsbiermartels zusammen. Der Bräutigams-Vater fehlte.
Der alte Sternsteinhofer war kurz nach dem Aufbruche des Paares weggegangen, er fand dasselbe oben in der großen Stube; der junge Bauer hatte seinen Arm um die Hüfte der jungen Bäuerin gelegt, und beide blickten verwundert auf, als sie jemand herankommen hörten.
»Du bist‘s, Vader?« fragte Toni. »Kommst hitzt ung‘leg‘n.«
»Geh‘ gleich wieder,« brummte der Alte, »wollt‘ nur schau‘n, doch nit nach euch.« Er trat vor seine eiserne Kasse und rüttelte an der Schrankklinke, nickte befriedigt mit dem Kopfe; dann griff er in die Westentasche, brachte den Schlüssel zum Vorschein, schloß auf und langte mit der Hand in das Fach, Papiere rauschten unter seinen Fingern, ein Geldsäckchen klirrte gegen ein anderes, er pfiff leise vor sich hin und warf die Türe wieder zu. »Ein‘ guten Rat tät‘ ich euch geb‘n,« sagte er, sich an das Paar wendend, »beileib‘ kein Einmengen in euer Hausen, – das ist euer Sach‘, – dem schau‘ ich zu, und da tu‘ ich euch nix z‘wider, aber auch nix z‘lieb, das sag‘ ich gleich; nur eins mein‘ ich, gar ganz mit mir verderben sollt‘t ‚s euch nit. Es is noch was da!« Er schlug hinter sich mit der flachen Hand gegen den Schrank. »Gute Nacht!«
»Gute Nacht, Vader,« sagte Toni.
»Gut‘ Nacht,« flüsterte Sali.
Die schweren Tritte des alten Bauern verhallten auf der Treppe.
Mit dem Nichteinmengen des alten Sternsteinhofbauers in die Wirtschaft des jungen hatte es bald ein gar eigenes Bewandtnis. Der junge Bauer war nämlich des guten Glaubens, es sei kindleicht, sich als Herrn des großen Anwesens aufzuspielen, denn all‘ die Jahre her war es nicht anders gewesen, als mache sich da alles von selber; er erhielt gleich den andern sein Teil Arbeit aufgetragen, und wenn er irgend sonst mit Hand anlegen wollte oder eine Frage ihm beifiel, so ließ es der Alte weder an Unterweisung, noch Aufklärung fehlen; aber der Toni war nicht sonderlich neugierig, und der Alte, ungefragt und »unangegangen«, gar nicht mitteilsam; der letztere wollte ja noch eine gute Weil‘ »hausen und herren« und dann erst, etwa ein Jahr vor der ihm gelegenen und genehmen Hochzeit des Sohnes, Anlaß nehmen, den Burschen in alles und jedes vom Kleinsten bis in‘s Größte einzuweihen und sich nicht Zeit und Mühe reuen zu lassen, bis derselbe sich tüchtig »eingeschossen«; das hatte sich nun der Bub durch das »hinterlistig‘ ‚n Vadern um‘s Seine narren« gründlich verscherzt. Gar bald trat manches an den jungen Bauern heran, wo dieser nicht Rat wußte; das Gesinde befragen, ging doch nicht an; der Schwiegervater zu Schwenkdorf war denn doch etwas aus der Hand gelegen, und merkte der, wie viel in fremder Wirtschaft auf sein Meinen ankäme, dann konnte sich derselbe mit der Zeit gar unliebsam überheben; so blieb denn schließlich, wenn sich eine Sache recht zweifelhaft anließ, dem Toni nichts über, als den alten Sternsteinhofbauer auszuholen. Er schlich dann immer hinzu und redete so nebenhin und nebenher, tat dabei das Maul kaum auf, aber spitzte desto mehr die Ohren. »Sag‘ mal, was war da alter Brauch? Der neue könnt‘ etwa nit taugen,« oder: »Damit halt‘ ich‘s wohl anders wie du, was meinst d‘ dazu?«
Der Alte streckte sich dann jedesmal, sog die Luft ein, daß sein breiter Brustkasten sich hob, und dröhnte dann heraus: »Was fragst d‘ nach‘m alt‘n Brauch und wie‘s and‘re halten? Tu, wie d‘ glaubst, wird ja recht sein, bist doch der Herr! Zwei Anordner taug‘n nit af ein‘m Anwesen, wie d‘ einmal g‘sagt hast. Liegt dir d‘Arbeit z‘schwer auf, was nimmst denn kein Pfleger, wie d‘ dich in der nämlichen Red‘ hast verlauten lassen? Schau halt um ein‘ ord‘nlichen. So ein Pfleger pflegt freilich vorerst sein‘ Sack, aber versteht er was, so erwirtschaftet er doch mehr, als wie er dir stehlen kann; nur wann er nix versteht, is ‚s g‘fehlt, dann geht er mit der vollen Taschen, und dir bleibt a Loch in der dein‘n.«
Der junge Bauer mochte, wie oft er wollte, in den saueren Apfel beißen, er trug nichts davon als stumpfe Zähne; er begann ernstlich zu sorgen, Schadens wegen, – daß er es für den Spott der Umgegend nicht brauche, das wußte er; – in seiner Not vertraute er sich der Bäuerin an, diese machte zwar große Augen und schüttelte bedenklich den Kopf, aber sie war sofort entschlossen, die Sache in die Hand zu nehmen, um den Alten umzustimmen; seit der dahinter gekommen, daß sie um den Streich, dem man ihm mit der Wette gespielt, nicht vorher gewußt habe, war sie ihm als Schwiegertochter viel leidlicher geworden. Sali lief von der Stelle zu ihm und sprach auf ihn ein, sie klagte die Verlegenheit ihres Mannes, und da müsse sie nur frei gleich heraussagen, daß der schrecklich leichtfertig gehandelt hätte, weil er sich zugedrängt, wo er doch zuvor wissen konnte, daß er nicht aufkäme; aber der Vater möchte bedenken, daß auch sie mitbetroffen würde und doch an allem Geschehenen nicht die geringste Schuld trage, und wie schad‘ es um das schöne Anwesen wär‘, und daß der Toni, wenngleich recht unbesinnt, doch sein Einziger sei, – und so bettelte und schmeichelte sie dem Alten die nötigen Ratschläge und Auskünfte ab.
Was dem alten Sternsteinhofer die Zunge löste, war aber nicht etwa erwachender Gerechtigkeitssinn, der sich dagegen setzt, Unschuldige mit den Schuldigen leiden zu lassen; wer das gedacht hätte, der kannte den Alten schlecht; dessen Inkonsequenz entfloß keiner so lauteren Quelle, sondern – mit Bedauern sei es gesagt – einem weiten, übervollen Becken menschlicher Schwachheit. Wohl widersprach es ganz und gar seinem anfänglichen Vorsatze, hübsch beiseite zu stehen und ruhig zuzusehen, wie die jungen Leute abwirtschafteten, daß er nun dem einen Teile ratend beisprang und dadurch die Fehler des anderen ausglich; aber nach wie vor blieb er gegen Toni unfreundlich, dessen Dank und Annäherung er schroff zurückwies; das hätte dem jungen Bauern allerdings nicht schwer aufgelegen, doch als er sich‘s recht bequem zu machen dachte und die Bäuerin zu direkten Anfragen an den Vater veranlaßte, da sagte der: »Ei, du irrst wohl, das und das weiß der Toni sicher, er hat mir darüber nichts verlauten lassen.« So mußte denn jeder Angelegenheit halber vorab der Bauer seine Not klagen und eingestehen, daß er nicht auswisse, und dann die Bäuerin ihres Mannes »Übernehmen« bedauern und Abhilfe erbitten; das war es, worauf der alte Sternsteinhofer bestand, dieses Demütigen und Betteln schmeichelte seiner Eitelkeit!
Allerdings waren die jungen Sternsteinhoferleut‘ keine gemeinen Rotfüchse, sondern von einer edleren Gattung, etwa blaue, und es kostete sie einige Überwindung, sich zu solchen gefügen und schmiegenden Schlichen zu verstehen; als sie aber merkten, daß der alte Rabe auf andere Weise nicht zu bewegen war, den Schnabel aufzusperren und den Käse fallen zu lassen, ergaben sie sich darein und taten ihm seinen Willen, um den ihren durchzusetzen.
Unter solchen Umständen, alles ihm zukommenden Respektes sicher, eilte es dem Alten gar nicht, seine Ausnahm‘ unter Dach zu bringen; doch als etwa nach einem Jahre auf dem Sternsteinhof ein Kleines zu erwarten stand, da ließ er sich die Beschleunigung des Baues sehr angelegen sein, brachte Stunden auf dem Arbeitsplatze zu und schalt und eiferte mit den Werkleuten; denn sobald das Kind oben einzog, wollte er herunterziehen; »an Kindergeschrei fänd‘ er in sein‘m Alter mehr kein‘ Gefallen,« sagte er.
17. Kapitel
Mit einbrechender Nacht war der Wagen über die Brücke gedonnert und durch das Dorf gerast, man konnte nicht schnell genug den Kopf nach dem Fenster wenden, vorüber war er.
Vor dem Wirtshause hatte der Wirt gestanden, in dem Fuhrmanne einen Knecht vom Sternsteinhofe erkannt und, in mächtigen Sätzen nebenher rennend, ihn angerufen.
»Wohin, Wastl?«
»In d‘ Stadt.«
»Was eilt?«
»Der Bäu‘rin – ‚n Doktor!«
Worauf die Wirtin die Hände zusammengeschlagen. »Uns‘re liebe Frau steh‘ der armen Seel‘ bei!«
Mit frühem Morgen kehrte der Wagen wieder, und als er oben im Gehöfte anhielt, stürzte der junge Bauer stieren Blickes und wirren Haares herbei, den kleinen, vierschrötigen Mann, der abstieg, beim Arme anfassend. »Helft‘s, helft‘s, Herr Doktor, ich kann den Jammer nimmer länger anschau‘n!«
Der Arzt gelangte, mehr hineingedrängt und geschoben, als selbst steigend, die Treppe hinauf.
Drei Viertelstunden später lagen oben in der dunklen Stube, deren verhangene Fenster Licht und Luft ausschlössen, ein gar schwaches, zartes, gelbsüchtiges Kind und ein sieches Weib.
Als der Doktor, sich fleißig mit dem buntseidenen Taschentuche die Stirne trocknend, vom jungen Bauer geleitet, die Stiege herabkam, wollte eine Magd die folgenden Reden erlauscht haben.
»Herr,« sagte der Bauer, »das wär‘ dann, als hätt‘ ich kein Weib.«
»Euch davon zu verständigen,« sagte der Arzt, »war meine Pflicht. Ob ihr sie überhaupt noch lange behalten werdet, weiß ich nicht; wenn ihr sie aber bald los sein wollt, braucht ihr bloß meinen Rat zu überhören.«
Da erblickte der Bauer die Dirne; sie ward von ihm angerufen und mußte eine Flasche Wein, Schinken und Brot für den Doktor nach der Laube schaffen. Die Gefräßigkeit, mit welcher das kleine, runde Männchen darüber herfiel, und dessen schmatzendes Behagen waren für die dermalige Gemütsstimmung Tonis ein so widerspruchsvoller Anblick, daß er sich hastig mit der Andeutung, »oben nachsehen zu müssen«, hinweg begab, was sicher auch dem Doktor sehr gelegen kam, der, allein gelassen, sofort jede beileidige Miene ablegte und unter dem Kauen einem hohen Grade von Wohlbefinden in unartikulierten Lauten Luft machte.
Drei Tage danach war die Taufe. Sie sollte in aller Stille verlaufen, denn die Sternsteinhofbäuerin lag so kraftlos dahin, als ob sie sich Lebens oder Sterbens besonne, und bei jedem aufdringlichen Laut durchrieselte es sie vom Kopfe bis zu den Füßen.
Als der junge Bauer, von nur wenigen Gästen geleitet, mit der Patin, einer der reichsten Bäuerinnen in der Umgegend, und der Hebmutter, welche in einem reichen Taufzeuge ein winziges, mißfarbiges Würmchen trug, die Stufen zur Kirche hinanstieg, lehnte an der Mauerbrüstung dem Portale gegenüber das Weib des Herrgott‘machers mit dem derben, pausbäckigen Buben auf dem Arme.
Er starrte Helenen ins Gesicht, sie sah mit leicht gerunzelten Brauen nach ihm, auch das Kind blickte ihn so großäugig und ernst an; da senkte er den Kopf, und sein Blick glitt an der kräftigen Gestalt des Weibes herunter.
Die Taufzeugen traten in die Kirche, die heilige Handlung begann. Nachdem die reiche Bäuerin namens des Täuflings versprochen, alles zu glauben, was die Kirche zu glauben vorschreibt, und dem Teufel und seinen Werken zu entsagen, erhielt das kleine Geschöpf, es war ein Mädchen, zu Ehren der Patin deren Namen Juliana.
Als der Zug die Kirche verließ, ging der junge Sternsteinhofer vorgeneigt, wie wenn er vor sich auf dem Boden nach etwas suchte; er wußte, daß Helene noch da war, er fühlte es, daß sie ihn beobachtete, er hätte es auch gewußt und gefühlt, ohne die Fußspitze ihres rechten Fußes zu sehen, die spielend kleine Kiesel wegschnellte.
Vier Wochen mochten seit dieser Begegnung vergangen sein, der zweiten in den anderthalb Jahren seit Tonis Heimkehr, da kam eines Abends ziemlich spät die alte Zinshof er noch herübergelaufen und lud Helene mit wichtig tuenden Gesten und heimlichen Augenwinken ein, in die alte Hütte hinüberzukommen.
Der jungen Kleebinderin war solch‘ verstecktes und verhehlendes Gebärden zuwider, sie fuhr die Alte mürrisch an, doch gleich am Ort auszusagen, was es gäbe; aber da diese rasch hinaushuschte, so folgte sie ihr verdrossen nach. Als die beiden drüben eintraten, saß der junge Sternsteinhofer auf der Gewandtruhe, den Rücken an die Wand gelehnt, mit herabhängenden Armen und drehte langsam, wie müde, den Kopf nach der Türe.
Helene blieb an der Schwelle stehen, sie streckte den vollen runden Arm gegen ihn aus und schüttelte mit der Hand. Schon hatte sie mit der Rechten die Klinke erfaßt, um wegeilend die Türe ins Schloß zu drücken, da stemmte sie plötzlich die Linke gegen die Hüfte und fragte in scharfem, grollendem Tone: »Was willst denn du eigentlich da?«
»Nix,« antwortete der junge Bauer, »gar nix. Dein H‘rüberrufen hab‘ ich nit verlangt, und hätt‘s auch nit g‘litten, wenn ich d‘rum g‘wußt hätt‘; das war ein Einfall von deiner Mutter, zu der bin ich g‘kommen, mein‘ Jammer und Elend klag‘n und mich auszureden d‘über, wie anders all‘s hätt‘ werden können. Dös wird mir doch verlaubt sein, und ihr verüble nur nit ihr Mitleid für mich!«
»Dir kommt nur heim, was du an mir gesündigt,« sagte Helene; damit trat sie hinaus, man hörte das Getrappel einiger eilender Schritte und dann das Scharren der Sohlen auf der Steinstufe vor der Türe des Nachbarhauses.
Es war den Leuten einleuchtend, daß es dem jungen Sternsteinhof er hart aufliegen müsse, an Stelle einer rührigen, lebfrischen Bäuerin mit einem Schlag eine nichtsnutze, serbelnde auf dem Anwesen zu haben; und die Klügeren, die nicht jeden nach sich selbst beurteilten, behaupteten auch, sie hätten es vorhersagen können, wie er sein Unglück aufnehmen würde. Gram und Herzleid halten manchen an kurzem Faden fest am Orte, und so einer arbeitet dann oft doppelt soviel wie sonst, um des Leidwesens Herr zu werden, oder das wird der seine; dann sitzt er untätig dahin und verstumpft im fortwährenden Anblicke des Jammers; einen andern jagen sie zum Haus hinaus, daß er wie im Nebel herumläuft, nur vom Heim wegtrachtend, oder gar in allen Wirtsstuben zuspricht und im Trunke Vergessen sucht. Daß der Toni den Sternsteinhof mit dem Rücken ansehen werde, das wollten eben die Klügeren vorausgesehen haben; jene aber, die immer anders täten, als ein anderer getan hat oder tut, die ihm das Überarbeiten und das »Herumknotzen« in der Krankenstube – ein‘s sein Schad‘ und kein‘s der Bäuerin Nutz‘ – übel genommen haben würden, sie fanden es nun gar nicht schön, daß er auslief und das arme Weib vereinsamen lasse; es war in ihren Augen nicht zu entschuldigen, aber doch begreiflich. Nur über eines schüttelten bald die Bedachtsamen wie die Übelnehmerischen die Köpfe, über den häufigen Zuspruch des jungen Bauern bei der alten Zinshofer. Es vergingen wenige Abende, wo man ihn nicht nach der Hütte der Alten gehen oder des Weges von derselben kommen sah.
Quacksalberte vielleicht die Alte, um der Sternsteinhoferin »‘n lieben G‘sund« wiederzugeben? Schon möglich. Vor Zeiten sagte man ihr nach, daß sie sich auf Kräuter und Tränk‘ verstehe.
Aber doch wohl nicht. Denn der Bauer ging immer mit leeren Händen von ihr, und Sympathie wird das doch keine gewesen sein, daß er dann, wenn er sich unbelauscht glaubte, in das Vorgärtel des Herrgottlmachers schlüpfte, geraume Weil‘ vor dem Häuschen stehenblieb und an einer Fensterscheibe fast die Nase platt drückte? Auch ging auf dem Sternsteinhofe die Rede, man wüßte recht gut, welches Weg‘s der Bauer herkäme; denn sei er bei der alten Hexe gewesen, dann gäbe er der Bäuerin kein gutes Wort.
Zweimal kam es sogar zu lärmenden Auftritten. Der Bauer überhäufte die Bäuerin mit kränkenden Vorwürfen über ihr ungesundes Wesen, von dem sie wohl gewußt haben werde, aber es ihm verheimlicht hätte; und als sie mit tränenden Augen auf die Wiege hinwies, kehrte er derselben, das Kind verschimpfierend, den Rücken. Beide Male war er unter Tages im Dorfe unten gewesen; Helene war eben auswärts, und die alte Zinshofer hatte ihr Enkelkind, den kleinen, kraushaarigen Nepomuk, in ihre Hütte herübergeholt.
Helenen war es wohl in etlichen mondhellen Nächten, wo sie länger wachlag, vorgekommen, als ob etwas vor dem Fenster schattete, aber sie hatte es nicht arg noch acht; erst als man im Dorfe von den nächtlichen Gängen des jungen Sternsteinhofers zu sprechen begann und der kleine Muckerl von einem schönen, freundlichen Bauern schwätzte, der ihm viele schöne Sachen verspräch‘, da reimte sie sich das Gerede der Leute und das Geplauder des Kindes zusammen.
Noch am selben Abende, nachdem sie sich darüber klar geworden, saß sie inmitten der Stube und machte einen langen Hals nach dem Fenster, und als außen Toni der Straße entlang kam, erhob sie sich kurz darauf und lief nach der Hütte ihrer Mutter.
Sie riß die Türe hastig auf und warf sie schmetternd hinter sich zu, dann trat sie hart an den Bauern heran, die geballte Faust vor seinem Gesichte rüttelnd. »Du bist ein elendiger Kerl! Is ‚s dir nit g‘nug, einmal an mein‘m Unglück schuld g‘west zu sein? Willst mich hitzt auch noch als Weib in Verruf bringen?«
Die Zinshofer drängte sich zwischen die beiden. »Heb‘ nur kein‘ Streit an in meiner Hütten,« sagte sie, Helenens drohende Rechte am Handgelenke anfassend.
»Meng‘ du dich nit ein,« schrie das junge Weib, sich heftig losreißend. »Du meng‘ dich nit ein, weder so, – ich rat‘ dir gut, – noch in and‘rer Weis‘, wozu d‘ etwa Lust hätt‘st! Was ich mit dem da hab‘, das is allein zwischen uns zwei‘n!«
»Freilich wohl —,« grinste die Alte; eine unmutige Bewegung und ein zorniger Blick des Bauern machte sie verstummen.
Toni schob sie zur Seite. Laß‘ s‘ nur,« sagte er, »laß‘ s‘, Mutter Zinshofer. Sie hat ja recht, wann s‘ mir ‚s Vergangene nachtragt, ich hab‘ schlecht an ihr g‘handelt, und ‚s is mir übel g‘nug aus‘gangen.«
»Sonst beschweret‘s dich nit viel,« höhnte Helene. »Aber Gott is mein Zeug‘,« fuhr er fort, »und auch du kannst mich nit Lugen strafen, von Anfang war mein Abseh‘n a ehrlich‘s —«
»Und ich jung und dumm g‘nug dazu,« unterbrach sie ihn, »af‘s alleine Absehen war z‘geb‘n. Aber du irrst, wann du denkst, ich trag‘ dir deswegen was nach. So ein Betrügen zwischen zwei‘n, wobei allzeit ‚s Betrogene noch mithilft, weil sich‘s selber betrügt, das witzigt ein‘m nur für ein andermal, und damit is ‚s aus und vorbei. Wann du mir aber hitzt über die Weg‘ schleich‘st, mich als Weib für so schlecht halt‘st, wie ich als Dirn unbesinnt war, hitzt, wo‘s af ein Betrüg‘n unter dreien ankam‘, ‚n dritten dir z‘lieb‘, und wo nur von ein‘m unehrlichen Abseh‘n die Red‘ sein könnt‘ und für dich gar nix af‘m Spiel stund und für mich mehr wie all‘s, hitzt is das ein beleidigend Einbilden, und ein schandbar Zumuten!«
Toni schüttelte den Kopf. »Es is weder ein Einbilden noch ein Zumuten dabei. Was die Leut‘ erlauern können, wann ich dir gleichwohl über die Weg‘ schleich‘, das is nur für mich abträglich; nur mir g‘reicht ‚s zur Unehr‘, und nur mich macht‘s zun G‘spött, wann ich dir nachlauf und kein G‘hör find‘.«
»Dös is nit so! Bisher hab‘ ich‘s gleich geacht‘t, ob du am Zaun vorüberstreifst, oder ob sich ein Hund d‘ran reibt, und so lang‘ mer denken mußt‘, ich merk‘ nix davon, könnt‘ mer mir auch nix verübeln, aber hitzt kommt mir zu, daß ich dir verbiet‘, mir über‘n Weg und unter d‘Augen z‘geh‘n, und das wirst d‘ dir auch g‘sagt sein lassen!«
»Nein,« sagte er leise, aber bestimmt.
»Was?« schrie das junge Weib, vor Zorn erglühend. »Mit aller G‘walt brächt‘st mich in Verdacht? Du wollt‘st nit?«
»Ich kann nit.«
»Dann spuck‘ ich dir auf offener Straßen ins Gesicht wie schon einmal und schrei‘ es vor allen Leuten aus, daß du pflichtvergeß‘ner Lump meiner Ehr‘ nachstellen willst, trotz ich dir dafür all‘n Schimpf und Schand angetan!«
»Tu‘ ‚s!«
»Pfui!«
»Hast recht. Ich g‘spür‘ ja selber, daß ich kein‘ Ehr‘ im Leib hab‘, sonst stund ich nit da, wo mer mich nit mag und bettelt‘ um ein‘ Fußtritt, ‚s einzig Männische, was ich noch an mir hab‘, worauf ich acht‘, weil mir ‚s Nichtachten so a schwer Lehrgeld kost‘t, ‚s Worthalten, verbiet‘ mir eben, daß ich dir versprach‘, ich tat‘ nach dein‘m Will‘n. Ein‘ Wochen etwa vermocht‘ ich mich fernz‘halten, in der nächsten schon zwinget ‚s mich wieder da her, in deiner Näh‘ h‘rumz‘lungern und z‘lauern. Jesses und Josef! Ich weiß mich nit aus!«
Die alte Zinshofer drückte die Schürze vor‘s Gesicht und schlich durch die Hintertüre aus der Stube.
