Kitabı oku: «Getriebene»

Yazı tipi:

ARMIN WÜHLE

GETRIEBENE

ROMAN


Inhalt

Erster Teil: Vincent

Zweiter Teil: Cora

Dritter Teil: Milo

Vierter Teil: Die andere Seite

Dank

Mit festem Schritt näherte sich Cora dem Flughafengebäude. Es war früher Nachmittag und ein milchiger Dunst verdeckte die Sonne. Sie überquerte die stark befahrene Straße, schob sich an einem rauchenden Taxi-Fahrer vorbei und betrat das Terminal. Im Gehen blickte Cora auf ihre Armbanduhr. Sie lag gut in der Zeit.

Es herrschte reger Betrieb in der Halle, und vor den Schaltern der Fluggesellschaften bildeten sich lange Schlangen. Auf einer Anzeigetafel suchte Cora nach ihrem Flug. Als sie ihn gefunden hatte, presste sie die Daumenbeugen gegen die Riemen ihres Rucksacks und ging weiter. Den Rucksack trug sie nur zum Schein. Er war leer, abgesehen von ihrem Reisepass und einer Jacke, die den Hohlraum ausbeulen sollte. Cora schloss zu einer losen Traube Reisender auf und verlor sich in der Menge.

Sie hatte auf unauffällige Kleidung geachtet: flache Schuhe, dunkle Stoffhose, eine Bluse, darüber einen schiefergrauen Blazer. Sie trug dezentes Make-up und Ohrstecker, das lange Haar hatte sie zu einem Dutt gebunden. Sie unterschied sich nicht von den Geschäftsfrauen, die ihr im Terminal immer wieder begegneten. Am Morgen hatten sie zu dritt vor ihrem Kleiderschrank gestanden und über die passende Garderobe diskutiert. Eine Dreiviertelstunde hatte es gedauert, bis alle mit dem Ergebnis zufrieden waren. Allein die neuen Schuhe drückten unangenehm. Cora blieb stehen, schob einen Finger hinter die Ferse und versuchte, das Kunstleder zu weiten. Als sie aufsah, kam ihr eine Polizeistreife entgegen. Die Männer trugen olivfarbene Schutzwesten und langläufige Schusswaffen. Wie an einer Felsformation teilte sich der Menschenstrom an ihnen. Die Blicke der Streife trafen Cora und glitten über sie hinweg. Sie strich sich über die Augenbrauen und senkte den Blick. Sie verbarg ein Lächeln.

Die Sicherheitskontrolle verlief reibungslos. Es war ohnehin ausgeschlossen, dass sie etwas an ihr entdeckten. Cora schob ihren leeren Rucksack auf das Fließband. Mit verschränkten Armen wartete sie, bis sie durch den Metalldetektor gerufen wurde. Sie betastete den Dutt, der sich wie ein Geschwür an ihrem Kopf anfühlte. Nahid hatte ihn am Morgen gebunden, mit konzentriertem Blick und den Haarnadeln zwischen den Lippen. Gesprochen hatten sie wenig. Der Kaffee, den Nahid für alle gemacht hatte, stand unberührt in den Tassen. Faiz telefonierte im Nebenraum. Seine Stimme drang dumpf durch die geschlossene Tür. Cora nippte an dem inzwischen kalten Kaffee und blickte zum Hinterhof hinaus, der im Licht der aufgehenden Sonne lag. Sie ignorierte ihre schmerzende Kopfhaut. »Entschuldige«, murmelte Nahid und schob ihr die letzte Nadel ins Haar.

Eine Sicherheitsbeamtin winkte Cora mit ihrer behandschuhten Rechten durch den Metalldetektor. Sie schritt hindurch, nahm auf der anderen Seite ihren Rucksack entgegen und reihte sich in die nächste Schlange vor der Passkontrolle. Cora hatte keine Angst. Selbst das bittere Gefühl, einem ungewissen persönlichen Schicksal entgegenzugehen, schreckte sie nicht. Sie schob ihren Pass durch den Schlitz und der Grenzbeamte nahm ihn wortlos entgegen. Er blätterte ihn mit blinden Augen durch, legte die laminierte Seite auf einen Scanner. Der Beamte schob den Pass zurück und die letzte Schranke öffnete sich.

Im Wartebereich saß Cora einer jungen Mutter gegenüber. Sie trug ein buntgemustertes Kleid, wie es in den Afro-Shops am Stadtrand verkauft wurde. Sie hatte die Beine übereinandergeschlagen, das Kinn aufgestützt, den Blick gedankenverloren auf das Rollfeld gerichtet. In der Hand hielt sie einen leeren Pappbecher. Neben ihr saß ein Mädchen mit abstehenden Zöpfen, dessen Füße nicht auf den Boden reichten. Mit großen Augen sah sich das Mädchen in der Abflughalle um. Cora hoffte, dass es niemanden gab, der die beiden in Khartum erwartete. In dem nachdenklichen Blick der Frau suchte Cora den Beweis zu sehen, dass sie den Flug ohnehin nicht antreten wollte. Cora nahm ihre Tasche und spazierte durch die Duty-Free-Läden, bis ihr Flug aufgerufen wurde.

Eine Stewardess in blauem Kostüm und mit geknotetem Halsband bot den Passagieren eine Schale Lutschpastillen. Cora nahm dankend an und bog in den Rumpf der Kabine. Sie ließ ihren Blick wie beiläufig über die Sitzreihen streifen und entdeckte die Gruppe am anderen Ende des Flugzeugs. Man hatte die beiden Männer getrennt von den anderen Passagieren einsteigen lassen. Die beiden Zivilpolizisten, die sie begleiteten, saßen auf den Gangplätzen und versperrten ihnen den Weg. Cora versuchte, ihre Blicke einzufangen, doch die Rücken der einsteigenden Gäste schoben sich immer wieder dazwischen. Es war ohnehin klüger, nicht erkannt zu werden. Vor der ihr zugewiesenen Sitzreihe blieb sie stehen und rutschte zum Fensterplatz durch. Sie zog das Bordmagazin aus dem Gitternetz und las einen Beitrag über andalusischen Wein.

Die Kabinentüren schlossen sich mit einer Verspätung von zehn Minuten. Das Flugzeug wurde rückwärts aus der Parkposition gezogen, und die Stewardessen gingen durch die Reihen und schlossen die Ablagefächer. Cora dachte daran, wie sie das Ticket vor zwei Tagen an einem Schalter der Fluggesellschaft gekauft hatte. »Ich brauche nur einen Hinflug«, hatte Cora gesagt und sich gefühlt, als habe sie sich dadurch bereits verraten. Doch der Angestellte registrierte ihre Antwort mit einem kaum merklichen Nicken. Schweigend starrte er auf den Bildschirm, bis ein Drucker die Buchungsbestätigung ausgab. Cora bezahlte in bar. Von der Leichtigkeit des Vorgangs etwas betäubt, aber nicht minder entschlossen, radelte sie nach Hause. Jetzt saß sie hier und wartete auf den richtigen Moment. Sie betrachtete das Terminal, das an ihrem Fenster vorbeizog, die Wartungshallen, die Futtermaisfelder. Sie zählte von Zehn rückwärts und öffnete bei Eins den Gurt.

Sie bat ihre Sitznachbarinnen, ihr Platz zu machen und schob sich an den beiden älteren Damen vorbei. Sie musste sich an den Rückenlehnen der vorderen Sitze festhalten, um nicht umzufallen – die Geschwindigkeit, mit der das Flugzeug zur Landebahn rollte, war höher als gedacht. Cora trat auf den Gang und setzte sich auf den Boden. Einige Köpfe drehten sich zu ihr um. Cora umschloss zu beiden Seiten die Metallstreben, an denen die Sitzreihen verankert waren. Sie saß entgegen der Fahrtrichtung, blickte den Gang hinunter wie eine Rodelbahn. Mittlerweile hatte sie die Aufmerksamkeit eines guten Dutzends Passagiere erregt. Eine Stewardess, halb versteckt hinter dem Vorhang zur Bordküche, bemerkte das Geschehen. Sie schnallte sich ab und eilte den Gang hinauf. Vor Cora ging sie in die Hocke.

»Madame, haben Sie ein gesundheitliches Problem?«

»In diesem Flugzeug befinden sich Personen, die nicht transportiert werden möchten, und ich werde mich nicht bewegen, bis diese Personen das Flugzeug verlassen dürfen.«

Die Stewardess wich zurück. Sie kräuselte die Stirn und blickte um sich, als suche sie Zeugen, die ihr bestätigten, was sie soeben gehört hatte.

»Madame, Sie müssen auf Ihren Platz zurück, sonst können wir den Flug nicht fortsetzen.«

Cora wusste nicht, was sie dem Offensichtlichen entgegnen sollte, und schwieg.

»Madame!«, insistierte die Stewardess und zog schwach und ohne Überzeugungskraft an ihren Handgelenken. Einer der Passagiere fragte laut vernehmbar, was los sei, und lenkte damit weiteres Interesse auf die Situation. Die Stewardess stand sichtlich ratlos vor ihr und entschied sich für einen vorläufigen Rückzug. Die ältere Dame, die neben Cora gesessen hatte, berührte sie an der Schulter und fragte, was los sei. Cora begegnete der freundlich gestellten Frage mit derselben Freundlichkeit und erklärte erneut, dass sich in diesem Flugzeug Personen befänden, die nicht transportiert werden wollten, und dass sie sich nicht bewegen würde, bis diese Personen das Flugzeug verlassen durften.

Es dauerte nicht lange, bis die Stewardess in Begleitung eines männlichen Flugbegleiters zurückkam. Sie waren mittlerweile auf dem Rollfeld zum Stehen gekommen. Auch die beiden Männer in der hintersten Reihe hatten von der Aktion erfahren. Sie reckten ihre Hälse und verfolgten das Geschehen, blieben aber ruhig. Es war sicherlich das vernünftigste Verhalten in ihrer Situation. Der junge Flugbegleiter ging vor Cora in die Hocke. Er war offensichtlich gerufen worden, um mehr Eindruck zu schinden als seine weiblichen Kolleginnen. Sein zierlicher Körper strahlte keine Dominanz aus, doch eine gewisse rhetorische Fähigkeit konnte ihm Cora nicht absprechen. Er sprach von den rechtlichen Konsequenzen ihrer Aktion, von Strafverfahren mit hohen Geldbußen, von lebenslangen Flugverboten und Schadensersatzforderungen. Er bekräftigte gleichzeitig die Rechtmäßigkeit ihres politischen Anliegens, doch ihr Aktionismus sei in diesem Fall aussichtslos. »Sie können diesen Menschen nicht helfen. Wenn sie heute nicht fliegen, werden sie in die nächste Maschine gesetzt. Ersparen Sie sich und uns allen den Ärger. Eine junge Frau wie Sie sollte sich nicht die Zukunft verbauen.«

Cora starrte an ihm vorbei. Keine Diskussionen, darüber hatten sie immer wieder gesprochen. Sie schwieg, bis der Flugbegleiter von ihr abließ und sich flüsternd mit seiner Kollegin beratschlagte. Unter den übrigen Passagieren wurden Stimmen laut, die das Geschehen kommentierten. Ein Mann in der Reihe vor ihr beugte sich vor und suchte ihren Augenkontakt. »Ich weiß nicht, was sie dir über unser Land erzählt haben, Mädchen. In den Tod fliegen diese Leute aber nicht. Der Rest von uns sitzt doch freiwillig in diesem Flugzeug. Meinst du, wir würden hier sitzen, wenn es so gefährlich wäre?«

Cora dachte an Faiz, um sich abzulenken. Sie dachte an Faiz und an Nahid, und sie dachte an ihren Bruder, der heute seine Stelle als Assistenzarzt antrat – ein Gedanke an eine gänzlich andere Welt. Die beiden Flugbegleiter verschwanden in Richtung des Cockpits. Ihr Gegenüber setzte gerade zu einer neuen Argumentation an, als sich ein fülliger Geschäftsmann von seinem Platz erhob. Sein grauer Anzug spannte über dem Bauch. Er blickte herausfordernd um sich, als spräche er zu der versammelten Menschenmenge.

»Bringt jetzt endlich jemand die Fotze zur Vernunft?«

Die Luft schien wie eingesogen. Gespräche verstummten und wichen einer abwartenden Stille. Der Zorn saß Cora glühend heiß in der Brust. Sie schnellte hoch, ohne ihren Griff von der Strebe zu lösen.

»Halt’s Maul, Arschloch!«

Der Mann drängte sich an seinem Nachbarn vorbei. Seine schwerfälligen, gleichzeitig energischen Bewegungen versprachen eine Hitzköpfigkeit, die ihr nur entgegenkommen konnte. Er ging auf sie zu, drohend den Finger ausgestreckt. Besser konnte es für Cora nicht laufen. Die Situation eskalierte.

»Du kleine Fotze gehst jetzt auf deinen Platz«, sagte er und packte sie an den Beinen. Cora schrie aus vollen Kräften und versuchte, seine Hände abzustrampeln. Ein Raunen schwoll in der Kabine an. Mehrere Passagiere erhoben sich von ihren Plätzen, unschlüssig, ob sie eingreifen sollten oder nicht. Der Hitzkopf versuchte, sie über den Gang zu schleifen, und Cora musste alle Kraft aufwenden, um sich an den Metallstreben zu halten. Von der Hüfte abwärts hing sie in der Luft. Die Männer in der letzten Reihe protestierten lautstark und konnten von ihren Betreuern nur mühsam in Zaum gehalten werden. Stimmen überlagerten sich, immer mehr Menschen drängten sich auf den Gang. Ein Mann mit kahlgeschorenem Kopf kämpfte sich zu ihnen vor. Er packte den Angreifer an den Schultern und redete in dessen Landessprache auf ihn ein. Die beiden führten ein heftiges Streitgespräch, das den Hitzkopf nicht davon abhielt, weiter an Coras Beinen zu zerren. Ihre Muskeln brannten und begannen schwach zu werden. Sie hörte weitere Schritte auf sich zukommen und hoffte auf Unterstützung, doch die Person, die nun hinter ihr kniete, versuchte ihr die Finger von den Metallstreben zu lösen. Cora beschimpfte die Person lautstark, doch es half nichts. Ein Finger nach dem anderen wurde ihr umgebogen, bis sie den Halt ihrer linken Hand verlor und seitlich einknickte. Der Hitzkopf schleifte sie einige Meter über den Gang, bis ihre Hände erneut eine Metallstrebe fanden. Eine herbeigeeilte Stewardess stand hilflos vor der Szene und presste sich die Hand vor den Mund. Cora strampelte mit einem letzten hysterischen Aufbäumen ihrer Kräfte, bis die Hände ihres Kontrahenten von ihr ließen. Ihr kahlgeschorener Helfer und die Stewardess nutzten den Moment und stellten sich schützend vor sie. Der Hitzkopf schnaufte wie ein Stier, seine Brust hob und senkte sich. Er spuckte vor Cora auf den Boden und murmelte einen Fluch. Die Stewardess forderte mit zitternder Stimme alle Beteiligten auf, zu ihren Plätzen zurückzukehren, als sich das Flugzeug mit einem Ruck in Bewegung setzte. Die Stewardess musste sich an einer Stuhllehne festhalten, um nicht zu stürzen, und alle, die sich erhoben hatten, kehrten schwankend auf ihre Plätze zurück. Cora starrte mit weit aufgerissenen Augen zur Decke und ignorierte die schrillen Beschimpfungen, die ihr entgegengeschleudert wurden. Ihre um die Metallstreben verkrampften Finger lockerten sich. Sie nahm ihr klopfendes Herz wahr, das sie bis in die Schläfen hinein spürte. Sie überhörte darüber fast die Durchsage des Kapitäns, der den Passagieren mitteilte, dass der Flug aus Sicherheitsgründen abgebrochen werde und sie nun zum Flugsteig zurückkehrten. Aus der Ferne hörte sie Flüche und leisen Jubel aufbranden. Cora leerte ihre Gedanken, bis sie der grauen Decke über ihr gehörten und der sanften Vibration unter ihrem Rücken.

Cora leistete keinen Widerstand. Nachdem die beiden Männer das Flugzeug verlassen hatten, nahm sie ihren Rucksack und folgte den Polizisten zum Ausgang. Sie passierte dabei den Piloten, der vor seine Kabine getreten war. Er hielt die Arme verschränkt, musterte Cora von oben bis unten und verabschiedete sie mit einem verächtlichen Schnalzen der Zunge. In der Fluggastbrücke wurden ihr Handschellen umgelegt. Cora blickte durch einen schmalen Spalt zwischen Brücke und Maschinenrumpf nach draußen. Einsatzwagen hatten das Flugzeug umstellt, Blaulicht flackerte über das Rollfeld. Die Polizisten nahmen Cora in einen schmerzenden Griff und brachten sie ins Terminal. Sie wurde einen Flur entlanggeführt, der von den wartenden Passagieren nur durch eine Glaswand getrennt war. Hunderte Augenpaare richteten sich auf sie. Cora suchte sich selbst in den Blicken dieser Menschen zu erkennen. Ein blondes Mädchen im Polizeigriff war nicht das, was sie erwarteten. Sie drehte sich ein letztes Mal nach dem Flugzeug um, bevor sie von den Beamten zurückgerissen und weitergeschleppt wurde. Was auch immer jetzt geschah, der Flug würde ohne die beiden Männer stattfinden. Im schmerzenden Griff der Beamten begann sie zu lächeln.

Erster Teil: Vincent

1

Die Maschine setzte unsanft auf, aber die Passagiere applaudierten trotzdem. Einer pfiff sogar durch die Finger. Er stieß seinem Sitznachbarn den Ellbogen in die Rippen und zeigte ihm, wie man besonders kräftig in die Hände klatschte. Hinter den Fenstern zog sandsteinfarbene Steppe vorbei, mit Stacheldraht von der Landebahn abgegrenzt. Eine Stimme vom Tonband wünschte einen angenehmen Aufenthalt. Vincent konnte es nicht erwarten, das Flugzeug zu verlassen. Er rieb sich die müden Augen und nahm sich vor, in der Wohnung einen Mittagsschlaf zu machen.

Der Flug war um 6:45 Uhr gestartet. Die frühe Uhrzeit hatte manche nicht davon abgehalten, noch vor dem Abflug ihr erstes Bier zu trinken. Vincent hatte zwei Männer beobachtet, die Sombreros trugen und an einem Stehtisch beisammenstanden. Draußen war es noch dunkel gewesen, und die Panoramafenster hatten das hellerleuchtete Terminal gespiegelt. Einer der Männer knabberte Nüsse aus einer Schale, der andere blickte verschlafen vor sich hin. Sein Weißbierglas war noch fast voll.

»Was ist denn mit dir?«, sagte sein Kumpel mit Blick auf das Glas.

»Ist schon bisschen früh, ne …«

»Also Tommi, sag mal.« Er klopfte dem anderen aufmunternd auf die Schulter. »Was muss, das muss. Könnte ja dein letztes sein.«

»Sag so was nicht!«

Tommi bekreuzigte sich und lachte. Er nahm einen demonstrativen Schluck von seinem Bier.

»Wer weiß. Vielleicht hat einer von denen noch ’nen Mörser rumliegen. So lang ist es nicht her. Kriegt ’nen Flashback und schon hast du ’n Loch im Kopf.«

»Bei ’nem Mörser hast du mehr als nur ’n Loch im Kopf.«

»Oder, noch besser, die sehen so ein großes Ding vom Himmel kommen und denken: Oh Scheiße, was kommt da denn runter? Und werfen sich alle zu Boden.«

Er streckte die Hände von sich und bewegte seinen Oberkörper auf und ab, als bete er zu einer Gottheit. Er ließ ein gackerndes Lachen los, das von hartnäckigem Tabakkonsum gezeichnet war, und schob sich den Sombrero zurück auf den Kopf. Vincent saß in der Nähe und notierte die Szene mit.

Ein heißer Wind drückte Vincent ins Gesicht, als er das Flugzeug verließ. Über das Rollfeld liefen sie auf ein heruntergekommenes Gebäude zu. Wirklich neu schien nur der Schriftzug auf dem Dach zu sein: Thikro International Airport. Vincent folgte den übrigen Passagieren ins Innere und stellte sich vor das Gepäckband, das sich ruckend in Bewegung setzte. Von einer letzten Schraube gehalten, hing eine Uhr kopfüber von der Wand. Die Batterie war noch intakt, sodass sich der Sekundenzeiger ungeachtet weiterdrehte. Er griff seinen Rucksack und steuerte auf den Ausgang zu.

Unmittelbar nach der Passkontrolle wurden sie von Soldaten in Empfang genommen. Die Männer trugen Tarnmuster und beigefarbene Schirmmützen. Sie zählten je zwanzig Personen ab, die sie unter Waffenschutz zum Ausgang begleiteten. Einer der Soldaten erklärte das Vorgehen, zuerst in gebrochenem Englisch, dann pantomimisch. Er zog mit seinem Gewehrlauf einen Kreis über ihre Köpfe und machte eine Bewegung, als werfe er eine Angelschnur aus. Ein verständiges Nicken ging durch die Menge. Vincent wurde einer Gruppe zugeteilt, in der sich Abiturienten, Senioren in Sandaletten und ein Mann mit Hakenkreuz-Tattoo befanden. Vincent überlegte, ob er bereits einige O-Töne sammeln sollte, aber er war müde und ließ es bleiben.

Der Soldat, nicht älter als achtzehn, führte sie durch die verwaiste Ankunftshalle. Im Gegensatz zu anderen Flughäfen, in denen sich Großfamilien in die Arme fielen und Taxifahrer lautstark ihre Dienste anboten, empfing sie hier lediglich Stille. Bauschutt lagerte hinter den Schaufenstern der Geschäfte, Stromkabel hingen von der Decke. Vincent hörte ihre Schritte widerhallen.

Vor dem Gebäude stand bereits ein Bus mit laufendem Motor, der ebenfalls von Soldaten mit Maschinengewehren bewacht wurde. Ihre Gesichter waren hinter den großen Sonnenbrillen nicht zu erkennen. Sie bildeten einen Korridor, der vom Gebäude zum Buseingang führte und erzeugten damit das wohlige Gruseln, das sich die Touristen von ihrem Ausflug versprachen. Mit nervöser Eile wurden sie in den Bus getrieben. Ein paar Reihen vor ihm gingen Tommi und sein Freund, sie waren an ihren Sombreros leicht zu erkennen. Vincent fragte sich, ob sie die Hüte während des gesamten Flugs getragen hatten.

Vincent rutschte zu einem Fensterplatz durch. Er hatte Lust auf eine Zigarette und schob sich stattdessen ein Pfefferminz in den Mund. Er beobachtete die Soldaten, die sich wie sonnenbebrillte Sphinxen gegenüberstanden und weiterhin Passagiere in den Bus leiteten. Die Bedrohungslage war größtenteils inszeniert. Die Männer waren nicht mal ausgebildete Sicherheitskräfte, sondern Laien-Schauspieler, die aus den naheliegenden Dörfern eingesammelt wurden – das hatte ihm zumindest sein Dolmetscher in einem Vorgespräch berichtet. Vincent warf einen zweifelnden Blick auf die Gewehre. Womöglich waren sie nicht mal geladen.

Als sich die letzten Plätze gefüllt hatten, stiegen zwei der Schauspieler zu ihnen in den Bus. Sie kontrollierten wahllos Handgepäckstücke, bevor sie sich in die erste Reihe setzten und ihre langläufigen Gewehre zwischen die Beine nahmen. Die Hydraulik schnaufte schwer, als der Busfahrer die Türen schloss, und einige Fahrgäste zuckten erschreckt zusammen. Eine Anspannung lag in der Luft, die manche mit ihren Handykameras einzufangen versuchten. Der Bus ließ das Flughafengelände hinter sich und bog auf eine Ausfallstraße, die in gerader Linie nach Thikro führte.

Vincent hatte im Zuge seiner Recherchen mehrere Stunden Filmmaterial gesichtet – es schien ihm, als kehre er nach Thikro zurück, obwohl er noch nie dort gewesen war. Die Stadt lag in einem Talkessel, eingerahmt von leicht geschwungenen Bergen. Die Häuser waren schmucklos und einfarbig und zogen sich in dichten Reihen die Hänge hinauf. Vor dem Krieg hatten etwa dreißigtausend Menschen hier gelebt. Ein Durchlass zwischen den Bergen verband zwei Täler miteinander, und dieses Nadelöhr hatte aus der Stadt eine strategisch bedeutsame Stellung gemacht. Ihre Belagerung und die damit verbundenen Todesopfer waren nicht zuletzt der eigentümlichen Geographie geschuldet.

Seit sich die Rebellen aus der Stadt zurückgezogen hatten und Thikro der Union zugeschlagen worden war, verlief dort eine internationale Grenze. Der Durchlass zwischen den Bergen wurde mittlerweile von einer Mauer versperrt. Sie schnitt durch die Stadt und zog sich in einem teils waghalsigen Winkel die Hügelgrate hinauf. Was sich jenseits der Mauer befand, wurde in einem nicht enden wollenden Bürgerkrieg zerrieben; ganze Städte lagen dort in Schutt und Asche und wurden allmählich vom Wind abgetragen.

Vincent drückte sein Gesicht gegen die Scheibe. Trostlose Hügel und Felder zogen an ihm vorbei, und er dachte daran, nach einer Nachricht von Nina zu sehen. Beim Gedanken an die gestrige Nacht verkrampften sich seine Eingeweide. Er hatte den halben Flug damit verbracht, sich die passenden Worte zusammenzulegen und hatte doch keine gefunden. Unschlüssig hielt er sein Telefon in der Hand, und seine trüben Gedanken lichteten sich erst, als sie die Stadt erreichten.

Mehrstöckige Betonbauten, an denen zerschossene Werbereklamen hingen, säumten die Straße. Die ersten Passagiere entdeckten die Mauer, die sich als grauer Streifen über die Hügel zog, und deuteten mit den Fingern darauf. Die Anspannung, die in der monotonen Vibration der Busfahrt spürbar nachgelassen hatte, regte sich wieder. Manche standen von ihren Sitzen auf, um durch die Windschutzscheibe einen besseren Blick auf die Mauer zu bekommen. Die falschen Soldaten ließen sie gewähren.

An einem Kreisverkehr im Stadtzentrum kamen sie zum Stehen. Die Ankunft des Busses hatte die Aufmerksamkeit fahrender Händler erregt. Noch bevor sich die Türen öffneten, strömten Menschen zusammen, die den Touristen ihre Dienstleistungen anbieten wollten. Einer der Soldaten stieg aus und trieb sie mit dem Gewehr auseinander. Sie wichen um die Länge des Gewehrlaufs zurück, um sich gleich wieder nach vorne und in die erste Reihe zu drängeln. Sie boten Taxifahrten, Unterkünfte oder geführte Touren durch die Grenzanlagen. Auch ein bettelnder Junge war darunter. Er zupfte an den Ärmeln der aussteigenden Besucher und hielt ihnen die offene Handfläche hin. Der Soldat schlug ihm mit dem Gewehrlauf auf die Finger und schrie ihm einen Fluch hinterher, sodass die Sehnen an seinem Hals zutage traten. Vincent verfolgte die Szene mit Befremden und wollte den Soldaten zurechtweisen, wurde aber abgedrängt und mit den anderen Fahrgästen zu den Schaltern der Reiseleiter gelotst. Er scherte aus und zog sich unter den Schatten einer Platane zurück. Die Mittagshitze lag wie ein Bleigürtel auf seinen Schultern.

Vincent zündete sich eine Zigarette an und besah sich die Umgebung. Der Platz wurde von einem Obelisken überragt, der sich inmitten des dreispurigen Kreisverkehrs befand. Ein unansehnlicher Steinpfeiler, der unter den Touristen kaum Beachtung fand. Es war dieser Obelisk, an dem vor fünf Jahren ein Dutzend Jugendlicher festgebunden und erschossen worden war. Den Bewohnern war nicht erlaubt worden, die Leichen zu bestatten. Vincent erinnerte sich an ein entsprechendes Bild in den Zeitungen. Es zeigte Pendler, die mit ihren Einkaufstüten auf den Bus warteten und versuchten, die in den Seilen hängenden Leichen zu übersehen. Das Bild hatte ein französischer Fotograf geschossen, der später selbst in Gefangenschaft geraten und ermordet worden war.

Vincent recherchierte das Original auf seinem Handy und versuchte, den genauen Standort zu finden, von dem aus der Franzose sein Bild geschossen hatte. Er drückte sich durch die Menschenmenge, die von ihren Reiseleitern mittlerweile auf Kleinbusse verteilt wurde. Als Vincent den Standort gefunden hatte, holte er seine Kamera hervor. Er wartete, bis ihm einige Touristen vor die Linse traten und drückte ab. Das Bild war nicht perfekt, aber es konnte dem Fotografen, der kommende Woche anreiste, eine Orientierung geben. Eine Gegenüberstellung der historischen und aktuellen Aufnahme war sicher ein guter Aufhänger für die Reportage.

Er packte seine Kamera ein und winkte einen Jungen heran, der Wasser aus einem Bauchladen verkaufte. Vincent drückte sich die kalte Flasche gegen die Stirn, bevor er daraus trank. Ein weiterer Bus vom Flughafen fuhr ein. Die fliegenden Händler formierten sich um und lösten sich von der mittlerweile ausgedünnten Touristengruppe. Auch der Junge, der ihm das Wasser verkauft hatte, steckte eilig sein Geld ein und lief zu den Neuankömmlingen.

Vincent hob sich den Rucksack auf den schweißnassen Rücken. Er tastete nach seinem Portemonnaie, um sich zu vergewissern, dass der Junge ihn nicht bestohlen hatte, und ging los.

2

Das Apartment lag in der Altstadt von Thikro. Vincent suchte auf dem Klingelschild nach dem Namen der Haushälterin, konnte aber in dem ihm fremden Alphabet nichts erkennen. Er sah sich nach jemandem um, der ihm weiterhelfen konnte, und war dankbar, als eine Frau auf den Balkon trat und ihm zuschrie, ob er der Ausländer sei. Sie warf ihm einen Schlüssel hinunter und rief, sie würden sich im dritten Stockwerk treffen.

Vincent wurde von einer kleinen Alten und ihrer erwachsenen Tochter durch das Apartment geführt. Die Räume waren nach der Belagerung kernsaniert worden und strahlten die klinische Frische eines Neuwagens aus. Die Tochter erklärte ihm die Bedienung der Klimaanlage, des Flatscreens und des Wasserfiltersystems. Am Ende der Runde zählte sie ihm die Schlüssel in der Handfläche ab. Bei Problemen solle er sich an die Mutter wenden, sie wohne im Erdgeschoss und könne den Google Übersetzer bedienen, Kleidung wasche und bügle sie gegen Gebühr. Sie verabschiedeten sich, und Vincent schloss hinter ihnen die Tür. Sie hatten kein einziges Mal danach gefragt, was er die beiden Monate über in Thikro mache. Womöglich konnte man darauf keine ehrbare Antwort erwarten.

Vincent ging ins Badezimmer und ließ das Waschbecken volllaufen. Er wusch sich im Gesicht und unter den Armen und zog sich ein frisches Hemd an. Er setzte sich auf sein Bett, öffnete die schallisolierten Fenster und ließ den Lärm der Straße eindringen. Die Vorhänge bewegten sich leicht im Wind. Zum ersten Mal, seit er frühmorgens ins Taxi gestiegen war, kam er zur Ruhe. Er hätte nun einen Mittagsschlaf machen können, aber die Neugier drängte ihn an die Mauer. Der Gedanke, dass nur wenige Gehminuten entfernt die zivilisierte Welt endete, faszinierte ihn. Er dachte an mittelalterliche Darstellungen der Erdscheibe, an deren Rändern Schiffe in den Abgrund stürzten und im Schlund eines Ungeheuers verschwanden. Neben einer nahezu rührenden Naivität zeugten diese Stiche gleichermaßen von Abenteuerlust. Sie erzählten von den Grenzen dessen, was dem Menschen bekannt und erfahrbar war, und nichts anderes wurde den Touristen in Thikro verkauft. Die Mauer war eine Weltenscheide, die Frieden und Krieg voneinander trennte. Ein geordnetes Staatswesen traf auf die rivalisierenden Machtansprüche verfeindeter Milizen, die sich gegenseitig unter Dauerbeschuss hielten und in Folterkellern jeder Menschlichkeit beraubten. Vincent wusste, dass es eine Aussichtsplattform gab, die den Blick auf die andere Seite der Mauer bot. Er griff sich die Schlüssel und verließ die Wohnung.

Die Gassen der Altstadt gingen steil bergauf, und Vincent musste sich nach vorn beugen, um die Steigung auszugleichen. Schwitzende Leiber drückten sich aneinander vorbei oder begutachteten die Auslagen der Geschäfte. Eine Reisegruppe zog sich wie ein Bandwurm durch die Gasse, angeführt von einer Frau, die einen Regenschirm in die Höhe reckte, um in der Menge erkannt zu werden. In der Luft hing der Geruch von gebratenem Fleisch, das die Straßenköche in Brot drückten und mit tonlosen, allein durch den Zungenschlag variierten Schreien bewarben.

In den engen Häuserschluchten neigten sich die Wände einander zu, Stromleitungen und Balkone schienen sich wahllos zu kreuzen. Neben ihm gingen zwei Rucksacktouristen, offenbar auf der Suche nach ihrer Unterkunft. »Es ist nicht mehr weit«, raunte der Mann seiner Freundin zu, deren Dreads ihr schweißnass ins Gesicht hingen. Vincent horchte das Paar unauffällig aus, stieß jedoch nicht auf verwertbares Material. Er ließ die beiden zurück, als sie einem Jungen auf der Straße Hasch abkauften.

Es dauerte nicht lange, bis sich die Steigung abflachte und die Mauer in Sicht kam. Vincents Pulsschlag beschleunigte sich. Die Gasse mündete in der neuen Hauptschlagader der Stadt, die parallel zu den Grenzanlagen verlief und Boulevard genannt wurde. Mit sichtlichem finanziellem Aufwand war hier eine Amüsiermeile errichtet worden, die aus Bars, Restaurants, Diskotheken und Stripclubs bestand. Die Häuser besaßen nur eine schmale Straßenseite und erstreckten sich schlauchartig nach hinten. Dicht gedrängt, wie mit hochgezogenen Schultern, reihten sie sich aneinander. Gegenüber verlief die Mauer, sechs Meter hoch und gekrönt mit Stacheldraht. Einige Gebäude waren aufgestockt worden, um einen Blick über die Mauer zu ermöglichen. Von den Dachterrassen bot sich freie Sicht ins Kriegsgebiet.

Vincent presste den Rücken gegen eine Hauswand und legte staunend den Kopf in den Nacken. Die Mauer bestand aus unverputztem Beton. Etwa alle zweihundert Meter erhob sich ein Wachturm, der von Stacheldraht und Überwachungskameras umgeben war. Ein schmaler Geländestreifen trennte den Boulevard von der Mauer. Zwei Spurrillen zeigten an, wo sich die Geländewägen der Grenzpatrouillen ihre Bahn schlugen. Gegenüber saßen die Menschen in Sonnenstühlen, ihre Stühle zur Mauer ausgerichtet, als betrachteten sie das Meer.

Vincent spazierte den Boulevard entlang, ohne den Blick von der Mauer zu nehmen. Innerhalb kürzester Zeit wurden ihm Gras, Hasch, Ketamin und MDMA angeboten sowie weitere Drogen, deren Codewörter er nicht kannte. Die jungen Dealer lehnten an Häuserwänden oder begleiteten ihre Zielgruppe ein Stück des Weges. Manche hielten eingeschweißte blauen Pillen zwischen den Fingern. Love-Love zischten sie, rieben das Plastik aneinander und sahen mit ihren eingefallenen Gesichtern und dem ruhelosen Blick nach allem anderen als Love aus.

Trotz der Popmusik, die von den Terrassen der Restaurants zu ihm drang, verlor die Mauer nichts von ihrer unerbittlichen Gewalt. Selfie-Sticks wurden aus der Menge gereckt, um den Grenzverlauf durch die Stadt und über die Berge einzufangen. Vincent verfolgte einige Gespräche, die sich zur Existenz der Mauer meist lobend, seltener kritisch, aber allesamt ehrfürchtig äußerten. Unauffällig notierte er sich O-Töne und ging weiter. Er ignorierte die Versuche der Kellner, ihn an einen Tisch zu lotsen, bis sich ihm einer in den Weg stellte. Der Mann deutete auf überbelichtete Fotos von Würstchen mit gebratenen Tomaten und erklärte, dass das Frühstück im Pork House noch bis sechzehn Uhr serviert werde. Vincent lehnte ab, doch der Mann versperrte ihm abermals den Weg. Er sprach wie zu einem Freund, um dessen Wohlbefinden er sich sorgte. Ob er lieber ein Bier trinken wolle? In der Bar werde Bier in Gallonen ausgeschenkt. Vincent verzichtete auf eine Antwort und schob sich an ihm vorbei.

Er begann, seinen Spaziergang mit der Handykamera aufzuzeichnen, und sprach seine Eindrücke für seine Follower auf. Zwischen den gastronomischen Angeboten befanden sich Läden, in denen billige Handyschalen, Gürtel, Jeans und Fußballtrikots verkauft wurden. Für wenig Geld konnte man sich Tattoos stechen oder Henna auftragen lassen. An den Büros der Tourismusagenturen hingen Bilder von Tagesausflügen, auch Paintball-Gelände und Schießstände wurden beworben. Vincent nahm einen Flyer entgegen und wurde von einem Agenten in ein Gespräch verwickelt. Der Mann hielt ihm einen Ordner hin und zeigte Fotos von Sturmgewehren und Handfeuerwaffen, die sich auf einem nahegelegenen Schießstand abfeuern ließen. Vorschriften gebe es keine, nur volljährig müsse man sein und zum Zeitpunkt des Besuchs nicht alkoholisiert. Vincent ließ sich die Kontaktdaten des Agenten auf den Flyer schreiben und verabschiedete sich. Mit dem guten Gefühl, einen ersten Ansatz für seine Recherchen gefunden zu haben, setzte er seinen Spaziergang fort.

Die Stadt entsprach recht genau den Vorstellungen, die er von ihr gehabt hatte. Allein die Besucherschichten waren heterogener als angenommen – Partyvolk war hier ebenso vertreten wie urbanes Bildungsbürgertum, was es schwieriger machen würde, seine Kritik eindeutig zu adressieren. Auch Söldner entdeckte Vincent immer wieder unten den Passanten. Sie trugen ihre Uniformen selbst in der Freizeit und präsentierten sich mit kaum verhohlenem Stolz. Die Männer gehörten nicht den Streitkräften der Union an, sondern einer paramilitärischen Einheit, die den Grenzverlauf in und um Thikro kontrollierte. Die Solidarische Union – kurz SU genannt – war weltweit in Krisengebieten aktiv. Die Finanzierung der Miliz war undurchsichtig und führte in rechtsradikale Milieus. Vincent beobachtete eine Gruppe Söldner und beschloss, ihnen eine Weile zu folgen. Regelmäßig bildeten sich Trauben um die Männer. Passanten klopften ihnen auf die Schulter oder wollten ihnen die Hand schütteln, viele baten um ein Foto. Es schien nicht wenige zu geben, die sich ihretwegen auf den Weg nach Thikro gemacht hatten. Die Präsenz der Miliz in den sozialen Netzwerken war vorbildlich. Sie versorgte eine wachsende Zahl an Followern mit Bildern und Videos ihrer Einsätze. Ihre Beiträge waren patriotisch, mitunter witzig, und strotzten vor heroischen Posen. Die Söldner stammten aus allen Ländern der Welt und rekrutierten sich vornehmend aus Soldaten, die vorzeitig aus dem Militär geschieden waren. Manche der dreihundert Mann starken Truppe waren zu Internetberühmtheiten avanciert, darunter Frédéric Llosa, der sich nicht selten mit nacktem Oberkörper und seiner M60 fotografierte. Seinen privaten Accounts allein folgten beinahe so viele User wie der gesamten Truppe. Es kursierte ein Kartenspiel, das neben Llosa einunddreißig weitere Milizionäre abbildete, ein kurzlebiger Internethype, ausgelöst von einem Fan, dem die Verbreitung nach einem Rechtsstreit untersagt worden war.

Die Söldnergruppe nahm in einer Bar Platz, und Vincent verlor das Interesse an ihnen. Er war mittlerweile vor der Aussichtsplattform angelangt. Eine Treppe führte vom Boulevard zu einem der Wachtürme hinauf. Stege bogen links und rechts am Turm vorbei und mündeten in einer Plattform, die in das Kriegsgebiet hineinragte. Vor dem Kassenhäuschen verdichtete sich die Menge, ein Bildschirm wies den nächsten freien Slot in einer Stunde aus. Vincent zupfte an seinem Hemd, das durchgeschwitzt an seiner Brust klebte. Er hatte keine Lust, so lange zu warten. Der Boulevard hatte ihn ausgelaugt und die Sinne müde gemacht. Er beschloss, sich nach einem Taxi umzusehen, und sein suchender Blick blieb nicht unbemerkt. Er wimmelte einen Mann ab, der ihm einen früheren Slot für den Plattformbesuch verkaufen wollte, und einen anderen, der ihm Sugar anbot, was auch immer das sein mochte. Vincent schob sich durch die Menge und ließ den überfüllten Boulevard hinter sich. Zwischen den Hotelanlagen, die am Rande der Flaniermeile in die Höhe schossen, wurde es ruhiger. Er spürte, wie der Lärm in ihm nachhallte und die schmucklosen Zweckbauten der Stadt seine Augen entspannten. In einer Seitenstraße fand er einen Taxi-Fahrer und ließ sich in sein Apartment bringen.

3

Vincent lag im Bett und platzierte sein Smartphone auf Stirn und Nasenspitze. Er starrte auf das dunkle Display, spürte dessen sanften Druck auf seinem Gesicht und wartete auf einen Anruf von Nina, den er wohl nicht mehr empfangen würde. Es war bereits kurz vor Mitternacht, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie jetzt noch zurückrufen würde, sank mit jeder Minute. Er nahm das Telefon vom Gesicht und schrieb ihr bei WhatsApp, dass er gut angekommen war. Er schickte einige Fotos vom Boulevard und von den Grenzanlagen hinterher und wünschte ihr eine gute Nacht. Er legte das Smartphone zurück auf die Stirn und wartete auf eine Antwort. Er sehnte sich nach einem vertrauten Menschen, dem er von seinen Eindrücken erzählen konnte und dessen Worte seine fiebrigen Wangen streicheln würden. Bislang war Nina dieser Mensch gewesen, doch die vergangene Nacht hatte die Risse in ihrem Verhältnis offenbart.

Eine eingehende Nachricht ließ sein Smartphone vibrieren, und Vincent erschreckte sich derart, dass ihm das Telefon von der Nase glitt und auf den Boden fiel. Ninas Antwort bestand aus zwei Emojis: Daumen hoch, Smiley. Sie war direkt nach dem Versenden offline gegangen. Vincent warf das Smartphone seufzend beiseite und zog die Bettdecke über den Kopf.

Niemand kannte ihn und seine beruflichen Ambitionen besser als Nina. Bis zu ihrer Trennung hatte sie all seine Selbstzweifel, seine Rückschläge und Erfolge begleitet. Ihr verdankte Vincent auch sein erstes großes Thema: Geldtransfers von Migranten in ihre Heimatländer, Summen in Milliardenhöhe, die in manchen Ländern ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts ausmachten. Nina hatte eine Podiumsdiskussion zu dem Thema organisiert und ihn mit den Rednern in Kontakt gebracht, darunter eine Vertreterin der Weltbank. Schon nach den ersten Gesprächen hinter der Bühne hatte Vincent gewusst, dass das Thema brannte. Er wollte nicht nur den Geschäftspraktiken von Western Union und Moneygram nachgehen, die bei jeder Überweisung bis zu zehn Prozent der Überweisungssumme einbehielten, sondern wollte auch jenen Gesicht und Stimme geben, die am anderen Ende der Überweisung standen. Er legte eine Reiseroute fest und bewarb sich mit der Idee um ein Recherchestipendium. Vincent wartete schon lange auf eine Gelegenheit, seine Festanstellung bei einer Lokalredaktion zu kündigen. Er wollte die Entscheidung vom Erhalt des Stipendiums abhängig machen, und als sein Antrag abgelehnt wurde, kündigte er trotzdem.

Er flog auf eigene Kosten nach Abuja und mietete sich zwei Wochen in einem Hotelzimmer ein. Er nahm sich keine freien Tage, recherchierte tagsüber und schrieb nachts. In den Slums entdeckte er Werbeplakate, die ein Anbieter von Geldtransfers geschaltet hatte, um die Bewohner wenig subtil zur Flucht zu motivieren. Wir glauben an Menschen, die in Bewegung bleiben, um ihre Träume zu verwirklichen, man wollte kotzen, wenn man das las, wenn man selbst mit Männern gesprochen hatte, die in ihre Heimatdörfer zurückgekehrt waren, ohne einen Fuß nach Europa zu setzen; die den direkten Augenkontakt mieden, immer zu Boden starrten und nur die Hälfte dessen erzählten, was sie erlebt hatten, von Schmugglern und Polizei misshandelt, vergewaltigt, in der Wüste ausgesetzt, verschuldet. Vincent schrieb mit Wut im Bauch, und seine Reportagen gelangen ihm gut. Er brachte sie in verschiedenen Medien unter, noch während er in Abuja war. In den wenigen freien Stunden saß er in einem Internetcafé und berichtete Nina von seinem Tag. Sie las seine Texte gegen und fand die richtigen Worte, wenn er an ihnen zweifelte. Als er zurückkam, holte sie ihn vom Flughafen ab, mit einem breiten Lächeln und einer Ausgabe der Tageszeitung, in der eine seiner Reportagen erschienen war.

Thikro würde seine zweite große Recherchereise werden, und er hatte im vergangenen Jahr genügend Beziehungsarbeit gepflegt, um seine Texte auch in größeren Blättern unterzubringen. Der Volxmund zahlte ihm gar einen Spesenzuschuss, was selten genug vorkam. Vincent spürte dieselbe Aufregung wie damals, dieselbe Gewissheit, dass das Thema einschlagen würde. Da sein Zwischenmieter bereits die Wohnung bezogen hatte, fragte er Nina, ob er in der Nacht vor dem Abflug bei ihr unterkommen konnte. Seine Ex-Freundin um einen Schlafplatz zu bitten, war ihm selbstverständlich vorgekommen. Immerhin hatte er seinen Abschied zu feiern, den hoffentlich nächsten großen Sprung auf der Karriereleiter, und mit wem sollte er das feiern, wenn nicht mit ihr.

»Gern«, schrieb sie zurück, einen Tag, nachdem die Häkchen blau geworden waren.

Sie hatte gekocht, sehr aufwendig. In ihrer neuen Küche staute sich der Dampf, alle Herdplatten waren belegt. Die Zucchini hatte sie in dünne Streifen gehobelt, sodass man sie zusammen mit den Tagliatelle auf die Gabel drehen konnte. Sie demonstrierte es ihm auf einem leeren Teller. Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihr Gesicht, bevor sie sich wieder den dampfenden Töpfen zuwandte. Vincent begann, sich unwohl zu fühlen. Er musste an Sartres Schmutzige Hände denken, an Olga und ihren ehemaligen Verlobten, der überraschend aus dem Krieg zurückkehrt. Die beiden stehen betreten voreinander, und Olga fragt, ob sie ihm ein Essen richten soll. Ach, antwortet der verprellte Verlobte, es ist so bequem, wenn man etwas geben kann; damit hält man sich die Leute vom Leibe.

Vincent wurde es kalt, als er an die Zeile dachte. Er hatte Nina selbst in der Rolle der Olga gesehen, eingerahmt von einem kubischen Bühnenbild, das fortwährend über die Bühne geschoben wurde und den Verfall strukturalistischer Weltbilder symbolisierte, wie sie sagte. Wunderschön war sie gewesen, talentiert. Er betrachtete ihre hektischen Bewegungen vor den Herdplatten und fragte sich, ob er sich zum Rauchen auf den Balkon entschuldigen sollte, aber da servierte Nina bereits das Essen. Auch der Wein war sehr teuer, was es nur schlimmer machte – er schmeckte ausgezeichnet.

Vincent erzählte von den kommenden Wochen in Thikro und hörte sich selbst nicht richtig zu. Er blickte sich in der Wohnung um, die er zum ersten Mal sah, seit er ihr beim Umzug geholfen hatte. Die beiden verband weiterhin eine Freundschaft, zumindest tagsüber und an neutralen Orten. Mit einem Mal kam ihm seine Anwesenheit wie ein fürchterlicher Fehler vor. Er hätte seine Selbsteinladung gerne ungeschehen gemacht, aber nun saß er schon hier.

»An was denkst du?«, fragte Nina, ihre geschminkten Lippen am Weinglas. Sie blickte ihn fast schon herausfordernd an, als überließe sie ihm die Entscheidung, ob sie offen miteinander reden sollten oder nicht. Vincent brachte sich zu einem Lächeln.

»Ich denke an Sizilien«, sagte er. Es war ein durchschaubarer Trick, aber sie wollten beide, dass er funktionierte. Mit Anekdoten aus ihrer Vergangenheit brachten sie einander zum Lachen, und als sie mit dem Wein auf den Balkon wechselten, hatten sie gar ein paar Stunden miteinander, in denen alles war wie früher. Sie tauchten unter die Oberflächlichkeit des Smalltalks, erzählten von Freunden und Familienmitgliedern, die der jeweils andere seit der Trennung nicht mehr gesehen hatte, teilten ihre Gedanken der letzten Wochen und stritten über Politik. Es war schön. Sie saßen länger beisammen, als es sein frühmorgendlicher Flug eigentlich erlaubt hätte. Vincent stellte sich gar die Frage, ob Nina noch immer die Pille nahm, bis sie die Weingläser in die Spüle stellten und über seinen Schlafplatz diskutierten. Er hatte bis dahin keinen Gedanken daran verschwendet. Vincent legte sich auf die Couch und stellte fest, dass sie um die entscheidenden Zentimeter zu kurz war. Nina bot an, selbst die Couch zu nehmen – sie sei klein genug, um sich dort ausstrecken zu können. Es war ihm jedoch unangenehm, sie aus ihrem Bett zu vertreiben, also richtete sich Vincent einen Schlafplatz auf dem Boden. Er breitete eine dicke Wolldecke als Unterlage aus und wusste, dass er mit Rückenschmerzen aufwachen würde. Er hatte wohl einen Moment zu lange auf den Boden gestarrt, jedenfalls bat Nina ihn, zu ihr ins Bett zu kommen. Die Diskussion um seinen Schlafplatz hatte bereits mehr Raum eingenommen, als es angenehm war, also warf er sein Bettzeug neben sie und löschte das Licht. Sie hatte ein schweres Kissen neben sich aufgebaut, das oberhalb der Hüfte jeglichen Körperkontakt verhinderte. Vincent wusste selbst nicht, was er sich von dem Abend erwartet hatte – das Kissen war es jedenfalls nicht gewesen.

Vincent lag lange wach und achtete auf Ninas Atemzüge. Sie schlief nicht. Es machte ihn nervös, dass sie nebeneinander lagen und nicht schliefen, aber auch nicht miteinander redeten. Er starrte zur dunklen Decke hinauf, bis er nicht mehr wusste, ob er die Augen geöffnet oder geschlossen hatte. Erst, als er ihre tiefen und regelmäßigen Atemzüge hörte, glitt er in einen leichten Schlaf.

Als sein Wecker um halb fünf klingelte, wachte Vincent mit Rückenschmerzen auf, eingezwängt zwischen Kissen und Bettkante. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Er hatte darauf bestanden, dass Nina liegen bleiben solle, und das tat sie auch. Er putzte sich die Zähne, nahm seinen Rucksack und schloss hinter sich die Tür.

4

Vincent verbrachte den ersten Morgen in Thikro damit, sich ohne einen Plan durch die Nachbarschaft treiben zu lassen. Er gefiel sich als Flaneur, der sich seine Umgebung und damit den Gegenstand seiner journalistischen Arbeit mit einer gewissen Distanz erschloss. Die Möglichkeiten der Recherche waren begrenzt und die besten Geschichten fanden sich immer noch durch Zufall. Er hielt sich vom Boulevard fern und stellte fest, dass Thikro abseits dessen eine normale Stadt war. Er blickte in fremde Hinterhöfe und wechselte ein paar Worte mit Kindern, die kichernd ihr Schulenglisch an ihm erprobten. In den Straßen wurden die Rollläden hochgezogen und der Duft von frisch gebackenem Brot hing in der Luft. Vincent suchte nach einem Café, in dem er frühstücken konnte, als sein Telefon klingelte. Es war Héctor, sein Fotograf. Vincent zog sich in eine Häuserschlucht zurück und presste den Finger gegen sein linkes Ohr.

»Du lebst noch!«

»Gerade so«, sagte Héctor und lachte. »Entschuldige, dass ich mich so spät melde. Ich war bis gestern in irgendwelchen Tälern ohne Internetempfang.«

»Wo bist du jetzt?«

»In einem Hotelzimmer in Jammu, und ich habe nicht vor, es so schnell zu verlassen. Ich blättere gerade durch die Flyer der Lieferdienste. Wusstest du, dass es hier Domino’s gibt?

»Die gibt’s doch überall.«

»Gelobt sei der freie Markt, die ganze Welt kommt in den Genuss von Chicken BBQ Pizza. Bist du schon in Thikro?«

»Seit gestern.«

»Dein erster Eindruck?«

»Durchgeknallt«, sagte er und fühlte dem Wort nach, das er gewählt hatte. Er gab sich damit zufrieden. »Ja, durchgeknallt. Vor der Mauer reiht sich eine Bar an die andere, und ein paar Kilometer weiter schlagen Granaten ein. Amgar, die Rebellenhochburg, hast du davon gehört? Du kannst sie von hier aus sehen, es gibt eine Aussichtsplattform dafür. Es ist absurd, aber das Konzept geht auf. Dieses dekorative Elend, ein bisschen Exotik, ein bisschen Gefahr. Aber mit den Annehmlichkeiten eines All-Inclusive-Urlaubs … wann kommst du denn in Thikro an? Ich kann dich von der Busstation abholen.«

»Deswegen rufe ich an«, sagte Héctor in einem unguten Tonfall.

»Sag nicht –«

»Mir täte eine Auszeit gut. Das waren ein paar harte Wochen. Wenig Schlaf, immer auf Hochspannung.« Er setzte kurz ab. »Ich möchte nicht in die Details gehen, aber, naja … ich habe viel Blut gesehen.«

Sie schwiegen eine Weile. Vincent blinzelte zum Himmel hinauf, der sich als schmaler Streifen zwischen den Häuserwänden abzeichnete.

»Brauchst du ausgerechnet mich?«, fragte Héctor. »Der Volxmund hat doch selbst gute Leute. Was ist mit Christina?«

Christina war zu anständig – das war der erste Gedanke, der Vincent in den Sinn kam, und diese Tatsache schockierte ihn selbst ein wenig.

»Kannst du dir Christina auf Streife mit den Söldnern vorstellen? Oder bei Recherchen in einer Drogenküche?«

»Klar. Sie ist ein Profi.«

»Christina geht keine Risiken ein.«

»Und ich schon?«

»Du wägst Risiken ab und entscheidest dich dafür oder dagegen, das ist der Unterschied.«

»Was ist mit Liam?«

»Der ist doch ein Depp.«

Vincent lehnte die Stirn an die kalte Wand und schloss die Augen. Er sah bereits seine gesamte Reportage in sich zusammenstürzen.

»Bist du schon an was dran?«, fragte Héctor, um das Thema zu wechseln.

»Nicht wirklich. Ich komme erst mal an, sehe was sich ergibt. Kommende Woche habe ich ein Interview mit Chris Varga, dem Mann, der das ganze Geld in die Stadt pumpt. Aber du weißt ja, wie das ist. Am Ende fliegst du mit völlig anderen Geschichten zurück als erwartet.«

Auf der Straße ratterte ein Obstkarren übers Pflaster, die Warnrufe des Fahrers eilten ihm voraus. Passanten sprangen zur Seite und drückten sich zu Vincent in die Häuserspalte. Es handelte sich um die entscheidenden Minuten ihres Gesprächs, und die Störung erfüllte ihn mit einem kurzen, irrationalen Hass. Er drehte ihnen den Rücken zu und suchte nach den richtigen Worten.

»Héctor, die Bedingungen sind wirklich ideal. Du musst kein Geld für eine Unterkunft ausgeben, du schläfst in meinem Gästezimmer und kannst solange bleiben, wie du möchtest. Und der Volxmund zahlt gut, das weißt du. Ich nehme dir ein Video für meine Kanäle ab, und wenn es mit dem Intruder klappt, kriegst du auch dort noch Bilder unter. Um die Verwertung musst du dir also keine Gedanken machen. Das sind echte Traumbedingungen.«

Héctor sagte nichts.

»Nimm dir ein paar Tage Auszeit in Thikro. Du musst nicht sofort anfangen, es gibt auch keine Deadline. Ich muss sowieso noch einiges an Recherche erledigen. Du kannst dich in der Zwischenzeit ausruhen und die Sonne genießen, oder ein bisschen Party machen, oder beides. Wenn du soweit bist, starten wir.«

Er spürte der Stille in der Leitung nach. Héctor schien zu überlegen.

»Du bist der beste Fotograf, den ich kenne«, fügte er hinzu, weil er wusste, dass es ihn überzeugen würde, und weil es stimmte. »Komm schon, Héctor, bist du dabei?«

Die Altstadt war ein System an Kapillaren. Es war zu feingliedrig, um den Wegen einen Namen zu geben, und es genügte eine geringe Anzahl an Menschen, um es zu verstopfen. Nur selten traten die Berge zwischen den Häusern hervor und gaben ein wenig Orientierung. Vincent hatte sich verlaufen, aber das war nicht weiter schlimm. In Hochstimmung über die gerettete Reportage lief er einfach weiter, bis er auf eine Straße stieß, die er wiedererkannte. Er deckte sich mit Lebensmitteln ein und traf auf dem Rückweg die Haushälterin bei der Gartenarbeit. Er tippte ihr eine Nachricht in den Google Übersetzer. Ich bekomme einen Gast. Er reist Mittwoch an. Die Frau wischte ihre Finger an der Schürze ab und nahm das Telefon entgegen. Sie tippte eine Antwort ein. Ich beziehe das Bett am Nachmittag.

Vincent hievte die Einkaufstüten in den dritten Stock, stellte die Klimaanlage auf höchste Stufe und setzte Kaffee auf. Er würde den Tag damit verbringen, alte Texte zu redigieren, Rechnungen zu schreiben und bei Redaktionen nachzuhaken, die ihm eine Veröffentlichung oder zumindest ein Ausfallhonorar schuldeten. Er konnte nun die Rückstände der letzten Wochen abarbeiten, ohne in Zeitdruck zu geraten. Sein Aufenthalt in Thikro war großzügig berechnet. Für die Recherchen hatte er drei Wochen veranschlagt und er hatte einen Monat dran gehangen, als er von den billigen Mieten in der Stadt erfuhr. Das Devisengefälle drückte die Preise zusätzlich. Seine Wohnung hatte er überteuert zur Zwischenmiete ausgeschrieben und tatsächlich jemanden gefunden, der ihm den hohen Preis zahlte. Zu dem Zeitpunkt, als Vincent ins Flugzeug stieg, hatte er bereits mehr Geld verdient als mit dem Schreiben einer Reportage.

Er setzte sich an den Schreibtisch und begann zu arbeiten. Regelmäßig wanderte sein Blick auf sein Smartphone, ob er eine Nachricht von Nina erhalten hatte. Genau das hatte er vermeiden wollen. Er wollte sich nicht durch emotionalen Ballast von seiner Arbeit ablenken lassen, und doch fand er keinen Frieden damit, der Böse in dieser Geschichte zu sein, der kräftig Staub aufwirbelte und dann einfach verschwand. Er durchforstete Ninas Social-Media-Kanäle nach einem Anzeichen für ihre Stimmung und fand heraus, dass sie sein erstes Video von der Grenze retweetet hatte. Vincent nahm es als Beweis dafür, dass es um ihr Verhältnis so schlecht nicht stehen konnte, und wandte sich wieder seinen Texten zu.

Am Nachmittag hatte er den Großteil seiner Arbeit erledigt. Die Haushälterin klopfte, um das Gästebett für Héctor zu beziehen, und Vincent machte eine Pause auf dem Flachdach. Er hob den Aschenbecher auf, der dort auf dem Boden lag, und spazierte über die ungenutzte Fläche. Die Sonne reflektierte unangenehm von den hellen Fliesen. Er stellte sich ans Geländer und schirmte seine Augen mit der Hand ab. Unter dem Halbrund seiner Finger ging der Blick kilometerweit. Er zündete sich eine Zigarette an und wartete vergeblich auf einen erfrischenden Windstoß. Vincent erinnerte sich an einen Sommertag, den er mit Nina verbracht hatte. Sie waren durch einen entlegenen Teil des Stadtparks spaziert, der von Teichen und hüfthohen Gräsern durchzogen war. Sie hatten sich eine Bahn durch das Gras geschlagen und mit ihrem Handtuch eine Liegefläche plattgedrückt. Über ihnen der Himmel, begrenzt von einer Korona aus Schilfrohr. Nina hatte ihm einen geblasen, aber er hatte keine wirkliche Freude daran gehabt. Die Luft hatte sich im Gras gesammelt und auf ihnen gelegen wie eine kratzige Wolldecke.

Er drückte die Zigarette nach der Hälfte aus und ging in die Wohnung zurück. Die Haushälterin war bereits verschwunden. Es war kurz nach sechzehn Uhr, der Tag halb angefangen und nicht zu Ende gebracht. Er nahm die Milch aus dem Kühlschrank und trank direkt aus der Flasche, bevor er sie in eine Schüssel goss. Er setzte sich in Unterhosen auf die Ledercouch, die unangenehm an seiner Haut klebte, aß Cornflakes und verfolgte die Nachrichten auf CNN.

Am Abend gestand er sich ein, dass er sich langweilte. Das Wissen, dass sich in der ganzen Stadt Menschen für den Freitagabend verabredeten, machte ihn unruhig. Er fühlte sich in die Pubertät zurückversetzt, als wartete er auf die Einladung zu einer Party, die er gar nicht besuchen wollte. Er saß am Fenster und blickte auf die Stadt, deren Berge einen rosafarbenen Glanz annahmen. In den dunkelnden Straßen leuchteten Reklamen auf. Er betrachtete einen Berghang, der jenseits der Grenze aufragte. Ein verlorenes Stück Erde, dachte er.

Vincent verließ das Apartment und ließ sich durch die Straßen treiben. Menschen, Gespräche und hellerleuchtete Geschäfte zogen an ihm vorbei. Ihm wurden Armbanduhren und einzelne Taschentuchpackungen angeboten, ein Straßenmetzger köpfte vor den Augen schaulustiger Touristen ein Huhn. Im Gedränge vor einer Straßenkreuzung hörte er ein eilig gezischtes Hasch. Er nickte dem Mann zu, der es ausgesprochen hatte, und der Mann deutete an, ihm zu folgen. Vincent wurde aus dem Getümmel der Altstadt zu einem nahegelegenen Mietshaus geführt. Die beiden sprachen kein Wort miteinander. Der Mann schob ein Eisentor auf, das den Zugang zum Innenhof versperrte, und führte ihn an einen Tisch. Leselampen waren auf die Tischplatte gerichtet, um das Sortiment in der Dunkelheit erkennen zu können. Er gab dem Verkäufer ein Zeichen und kehrte wieder um.

»Guten Abend, mein Freund, wie geht es dir?«, sagte der Verkäufer und aschte selbstvergessen in einen Marlboro-Aschenbecher. Vincent murmelte eine Antwort und trat näher. Gras- und Haschsorten lagen in aufgekrempelten Plastiktüten bereit. In einer Schüssel häuften sich kleine Tüten mit bunten Tabletten, daneben wurden Poppers, Viagra und verschieden befüllte Ampullen geboten. Vincent war nicht der einzige Kunde. Neben ihm stand eine Männergruppe in Sommersakkos, die ihren heutigen Rausch beratschlagten. Einer hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und beugte sich über den Tisch wie über eine Käseplatte. Der Verkäufer scherzte mit ihnen und erklärte die Unterschiede zwischen den Sorten. Er strahlte den Stolz eines Sammlers aus, der seine besten Stücke präsentierte.

Vincent betrachtete das Mietshaus, das sich von allen vier Seiten um den Innenhof schloss. Die Flure waren dem Hof zugewandt, Wäsche hing über den Geländern zum Trocknen. Hinter den Fenstern ging das Leben ungerührt weiter. Aus der Dunkelheit löste sich die Gestalt einer alten Frau, die Tee brachte. Sie stemmte sich das Tablett gegen den Bauch, als sie das leere Teeglas des Verkäufers gegen ein volles tauschte. Sie bot auch Vincent ein Glas, und er griff aus Höflichkeit zu. Der Verkäufer verabschiedete derweil die Männergruppe. Er winkte ihr hinterher, nahm seine Zigarette auf und wandte sich Vincent zu.

»Mein Freund, was kann ich für dich tun?«

Vincent begnügte sich mit zwei Grassorten in geringen Mengen. Der Verkäufer, der sich als Sam vorstellte, beschrieb ihm die Nuancen ihrer Wirkung und schüttelte die Pollen auf eine Grammwaage. Vincent klemmte ihm die Geldscheine unter die Keramikschüssel. Er hätte gleich gehen wollen, aber der Tee zwang ihn, noch eine Weile zu bleiben. Er war zu heiß, um ihn in einem Schluck hinunterzustürzen.

»Bist du alleine unterwegs, mein Freund?«

Vincent nickte.

»Du bist für die Mädchen hier«, sagte er und grinste Vincent zu, in einer Geste der Verbrüderung. »Ich würd’s sofort mit zehn Verschiedenen treiben, aber ich darf nicht.« Er hielt ihm seinen Ehering vors Gesicht. Er drückte die Tütchen mit dem Gras zu und schob sie über den Tisch.

»Wo kommst du her?«

Vincent nannte ihm seine Heimatstadt. Sam machte eine Bewegung, als würde er vor Kälte zittern und lachte. Er war in Plauderlaune und Vincent schimpfte sich selbst, dass er das nicht früher genutzt hatte. Er machte sich locker und warf einen zweiten Blick über den Tisch. Er tat, als wolle er etwas Neues ausprobieren, und ließ sich den Inhalt der Ampullen erklären. Er machte Sam ein Kompliment für sein großes Angebot.

»Du hast wirklich alles, oder?«

»Nicht alles, nein, aber ich kann alles besorgen.«

»Du machst die Leute glücklich, so einen Job hätte ich auch gerne.«

Sam lachte. Er war dicklich, sein Gesicht rund und bärtig. Mit seinem College-Pullover sah er aus wie der Kumpel von nebenan. Vincent nahm einen Schluck von seinem Tee. »Baust du selbst an?«

»Wir haben mehrere Fußballfelder, meine Jungs und ich.«

Sam löste sein Smartphone von dem Ladekabel, das an einer Mehrfachsteckdose unter dem Tisch hing, und tippte etwas ein. Er reckte Vincent das Display hin und wischte mit dem Finger durch eine Galerie. Die Bilder zeigten eine Marihuana-Plantage in den Bergen. Inmitten der Plantage stand Sam, die Pflanzen reichten ihm bis zur Brust. Er feixte in die Kamera und hielt die Arme ausgestreckt, als wolle er sagen: Alles meins.

»Wir sind ein Familienbetrieb. Wenn wir im Herbst ernten, steht die ganze Familie im Feld, vom Neffen bis zur Großmutter. Wir halten zusammen.«

Er scrollte weiter durch die Bildergalerie, die in leichter Variation dasselbe Motiv zeigte: Cannabispflanzen, dicht gedrängt, meterhoch.

»Ist das hier, in Thikro?«

»In den Bergen, nicht weit von hier.«

Er kam zu einem Bild, auf dem ein schwarzer Land Rover zu sehen war. Sam stand mit Arbeitshandschuhen auf der Ladefläche und nahm geerntete Marihuana-Stauden entgegen. Sie waren mit Schnüren zusammengebunden und erinnerten Vincent an Weihnachtsbäume.

»Der Land Rover ist nur für die Arbeit. Ich habe noch einen zweiten Pick-Up, einen Mercedes.«

Er zeigte ihm noch den Mercedes, dann steckte Sam das Handy zurück an das Ladekabel.Vincent deutete auf die Schüssel mit den Tabletten. »Und was ist damit? Da braucht es doch Maschinen und Labore und so was.«

»Dafür haben wir Leute«, sagte Sam kurz angebunden und Vincent verstand, wo dessen Grenzen lagen. Er überspielte den kurzen Einbruch, indem er Sam mit gefälligen Fragen fütterte, und sie kamen auch auf die Polizei zu sprechen. Sam antwortete bereitwillig und ließ Vincent einen zweiten Tee bringen. Die Polizisten seien wie Brüder und verdarben einem nicht das Geschäft, solange man diskret blieb. Man kenne sich in der Stadt und wisse, womit die Leute ihr Geld verdienten. Eine Krähe hacke der anderen nicht das Auge aus, nicht nach dem Unglück, das über die Stadt hereingebrochen war, nicht nach dem, was sie alle durchgemacht hatten. Die Welt habe im Livestream zugesehen, wie die Rebellen sie als lebende Schutzschilde missbrauchten, jede Familie habe Tote zu beklagen, aber das sei für die Geschichtsbücher. Ihre Zeit sei gekommen, ein bisschen was vom Glück abzuhaben, die Stadt blicke nun in die Zukunft.

»Ich gebe dir noch was mit. Ein Geschenk, zum Ausprobieren.«

Er streckte ihm ein Tütchen hin mit einer einzigen blassgelben Tablette.

»Wenn du mal Party machen möchtest. Hält dich wach, macht dich stark und euphorisch. Wie Hulk. Auch untenrum ist mehr los. Keine Sorge, du läufst nicht automatisch mit einem Ständer rum, aber wenn du’s treibst, kannst du länger und öfter.«

Vincent dankte und steckte das Teilchen ein. Sie gaben sich die Hand und Sam hielt den Handschlag aufrecht. Er blickte Vincent in die Augen, als spreche er zu seinem zukünftigen Schwiegersohn. »Wenn du etwas willst, das ich nicht habe, sagst du es mir, ja? Dann besorge ich es.« Vincent nickte. »Klopf das nächste Mal am Tor und frag nach Sam, dann macht dir jemand auf. Mach’s gut, mein Freund.«

Sam zog die Hand zurück und legte sie sich auf die Brust. Vincent tat es ihm gleich und verließ den Innenhof.

Die Straßen waren voller geworden. Er wich einem Junggesellenabschied aus, bei dem man den Bräutigam in ein pinkes Tutu gesteckt hatte, und bog auf den Boulevard. Vincent schob die Hände in die Taschen und spazierte die Mauer entlang, die in orangefarbenes Scheinwerferlicht getaucht war. Das Gefühl, ein Ausgestoßener zu sein, verschwand nicht. Die anderen waren ihm fremd, aber ihre Geschlossenheit machte ihn eifersüchtig. Vincent fragte sich, was er mit dem Abend anfangen sollte, und ließ sich zu einer Bar navigieren, die er online entdeckt hatte. The Garden erhielt in den Reiseforen wenige, aber durchweg positive Bewertungen. Die Bar hatte schon vor dem Krieg existiert. Ein User beschrieb sie als Oase in der Stadt der Idioten, und Vincent war ihr verfallen, ohne sie betreten zu haben.

Die Bar lag am anderen Ende der Stadt, wo die Straßen breiter und die Grundstücke großzügiger wurden. Wie von einem Asthma befreit schien die Stadt erstmals zu atmen. The Garden lag in einem Hinterhof, in dem der Geruch von Marihuana wie eine Dunstglocke zwischen den Bäumen hing. Sessel und Sofas gruppierten sich um niedrige, aus Paletten gezimmerte Tische. Vincent ließ sich nieder und notierte sich Details aus dem Gespräch mit Sam, bevor er sie vergaß.

Er packte sein Gras aus und drehte es in Ermangelung eines langen Zigarettenpapiers in ein kurzes. Die Bar war angenehm voll, aber nicht überfüllt. Katzen strichen um die Füße der Gäste und bettelten um Essensreste. Er beobachtete ein Pärchen, das zu zweit in einer Hängematte lag und regelmäßig einen Arm herausstreckte, um sich vom Boden abzustoßen. Er war in die Stadt gegangen, um sich weniger einsam zu fühlen und hatte das genaue Gegenteil erreicht. Um ihn herum saßen hippe Mittzwanziger, die sich in Fremdsprachen unterhielten und regelmäßig in Gelächter ausbrachen. Vincent war der einzige, der alleine an einem Tisch saß. Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass Héctor in wenigen Tagen kam. Gemeinsam würden sie all den Spaß haben, den seine Mitmenschen gerade hatten.

Er nahm den fertig gerollten Joint auf, gab sich Feuer und ließ langsam den Rauch aus seinem Mund steigen. Das Gras war stark und gut. Er lehnte sich zurück und beobachtete zwei junge Frauen, die am Nachbartisch saßen. Er schätzte sie auf neunzehn oder zwanzig. Unter einem Vorwand sprach Vincent die beiden an und setzte sich zu ihnen. Die eine trug Federschmuck im Haar, die andere fiel durch ihre anorektischen Handgelenke und eine senkrechte Körperhaltung auf, die auf frühe Ballettstunden hindeuteten. Ihre Namen hatte Vincent bereits vergessen, als er ihre Hände losließ. Sicherlich belächelten sie die untersetzten und sonnenverbrannten Touristen, die Fotos mit den Söldnern schossen, und kamen sich selbst ganz anders vor. Er bot ihnen den Joint, den sie dankend annahmen.

Die beiden waren am Vortag in Thikro gelandet. Sie erzählten ihm von einer Partyreihe, die in wechselnden Bauruinen der Stadt veranstaltet wurde. Nebelmaschinen und Laser setzten die Ruinen aufwendig in Szene. Vincent reichte das Handy zurück, auf dem sie ihm entsprechende Bilder gezeigt hatten. Er fragte sie, ob es nicht ein merkwürdiges Gefühl sei, an solchen Orten feiern zu gehen, zumal wenige Kilometer weiter noch immer ein Krieg tobte. Die Balletttänzerin schüttelte den Kopf. Die Leute würden sich durchaus Gedanken zu diesen Fragen machen, genau deswegen seien sie ja hier. Sie hätten auch nach Barcelona oder Ibiza fliegen können, aber wem wäre damit geholfen? Die Leute hier konnten das Geld gut gebrauchen. Wer in Thikro einen Abend feiern gehe, habe für diese Region mehr geleistet als alle, die jetzt betroffen zu Hause säßen. Diese Antwort schien Vincent gar nicht so dumm, zumindest reflektierter, als er erwartet hätte. Er nahm den Joint auf, der zu ihm zurückgewandert war.

»Bist du alleine hier?«, fragte die mit dem Federschmuck.

»Ich bin zum Arbeiten in Thikro. Ich bin Journalist.«

In jahrelanger Praxis hatte sich Vincent die Worte zurechtgelegt, mit denen er von seiner Arbeit erzählte. Er glaubte, selbst nicht sonderlich interessant zu sein, aber sein Beruf war es zweifellos. Er erzählte von seiner Recherchereise nach Abuja und die beiden schienen durchaus beeindruckt.

»Wie ist denn die Lage in Abuja?«, fragte die Balletttänzerin und lieferte ihm damit eine Steilvorlage. Vincent griff wie beiläufig nach seiner Bierflasche und fällte eine differenzierte, aber durchweg düstere Prognose über die Entwicklung der Region. Er gab sich betont abgeklärt, denn abgeklärt konnte nur sein, wer viel gesehen hatte. Er wählte einfache Beispiele, die im Kleinen die großen Zusammenhänge erklärten, und unterstrich sie mit Details, die nur Ortskundigen bekannt sein konnten. Vincents Wissen wurde selten von seinen Gesprächspartnern geprüft, da kaum jemand über diesen Teil der Welt nachdachte, und so stand sein Urteil stellvertretend für die Realität. Er ging noch auf ein oder zwei Nachfragen ein, bevor er sich in seinen Stuhl zurücklehnte und das Thema wechselte. Er hatte Ahnung von Dramaturgie und wusste, wann die Klimax einer Geschichte erreicht war. Er ließ die Aura des Exotischen über sich leuchten und stellte zufrieden fest, dass die Musik aufgedreht wurde. Gespräche verstummten oder wurden in doppelter Lautstärke geführt. Vincent nutzte die Gelegenheit, um näher an die Balletttänzerin zu rücken und beim Sprechen sanft ihre Schulter zu berühren. Sie warf ihrer Freundin einen Blick zu, den diese fast unmerklich abnickte, und klatschte sich auf den Oberschenkel.

»Wir müssen jetzt weiter«, sagte sie und nahm ihren Longdrink in die Hand. »Schönen Abend noch.«

Vincent hob einen Finger zum Abschied und sah den beiden hinterher. Sie waren schneller verschwunden, als sich sein ohnehin ramponiertes Ego eingestehen mochte. Er blieb noch eine Weile sitzen, als genieße er es, alleine unter den vielen Menschen zu sein, und beglich dann seine Rechnung.

5

Es war acht Uhr am Morgen und die Flaniermeile ausgestorben. Einige junge Leute, die die Nacht durchgemacht hatten, torkelten über die Straße oder saßen in den Frühstücksbars, redeten und lachten zu laut und tilgten ihren Heißhunger. Daneben saßen Rentnergruppen in kurzen Hosen, die ihre Glatzen mit Cappies bedeckt hatten. Vincent lief an ihnen vorbei und suchte nach einem ruhigen Plätzchen, an dem er arbeiten konnte. Er hatte in der Nacht kaum geschlafen. Wirre, schuldbeladene Träume hatten ihn gequält und seit dem Morgengrauen wach gehalten. Wenigstens, so dachte er, blieb ihm jetzt mehr Zeit zum Arbeiten.

Vincent ließ sich in einem der Cafés nieder und bat den Kellner um das Passwort fürs Internet. Mit der Mauer im Hintergrund schoss er ein Selfie, das er in seine sozialen Netzwerke speiste. Er wartete ab, bis die ersten Daumen gereckt wurden, dann steckte er sein Handy weg. Er zupfte ein Stück von seinem Croissant und blickte über den Boulevard. Die Bauarbeiten schienen nachlässig und mit großer Eile vonstattengegangen zu sein. Der Asphalt war nicht abgesenkt, und wer den Seitenstraßen folgte, die von der Mauer weg und hinunter in die Altstadt führten, geriet leicht ins Stolpern. Vincent beobachtete einen alten Gemüsehändler, der seinen Holzkarren heranrollte. Der Mann musste den Verkäufer eines Souvenirgeschäfts bitten, seinen Wagen über die steinerne Wulst zu heben. Es war dem Verkäufer anzusehen, dass er Besseres zu tun hatte, aber er schien sich dem Alter verpflichtet. Vielleicht schwang auch Mitleid für den alten Mann mit, der seine eigenen Geschäfte nicht gefährdete. Der Verkäufer rief ins Innere seines Ladens, und ein Junge kam heraus. Gemeinsam hoben sie den Karren an und zogen das Vorderrad über die Schwelle. Der alte Mann stand unbeholfen daneben. Der Verkäufer wechselte an die Rückseite, umklammerte die Griffe und schob den Karren zur Gänze hinauf. Er nahm die Hand des Alten, küsste den Handrücken und drückte ihn sich an die Stirn. Bereits im Umdrehen schrie er den wenigen Passanten wieder seine Preise entgegen und zog sich in seinen Laden zurück, in dem er neben Wasserpfeifen, Tabak und Alkohol auch Kriegs-Memorabilien verkaufte: Medaillen, Wimpel, Karten mit Frontverläufen, leere Patronenhülsen und Postkarten, auf denen halbnackte Frauen ihre Beine um eine Granate schlangen. Einem seiner Nachbarn hätte er nicht geholfen – Männer mit ebenso wuchtigen Armbanduhren, die ähnliche Läden betrieben und sich vor den Touristen gegenseitig schlechtredeten.

Der Gemüsehändler schob indes seinen Wagen an den Straßenrand und richtete die Auslage. Ein über den Karren gespanntes Tuch, das in den Jahren seine Farbe verloren hatte, schützte Obst und Gemüse vor der Sonne. Aus einem der Büsche, die vor der Mauer wuchsen, zog der Mann einen Plastikstuhl. Er klopfte ihn vom Sand frei und setzte sich damit hinter den Karren.

Vincent klappte seinen Laptop auf. Er bereitete das Gespräch mit Chris Varga vor, das er in wenigen Tagen führen würde. Die meisten Bilder, die von dem Geschäftsmann existierten, zeigten ihn bei Spatenstichen in Thikro. Vincent näherte sich dem Bildschirm, bis sich Vargas glatzköpfiges Gesicht in einzelne Pixel auflöste. Der Gönner, hatte ein britisches Magazin getitelt und sich über sein arrogantes Gehabe ausgelassen, seine Investments jedoch als konkrete Hilfestellung für das kriegsgeschundene Thikro gelobt. Sein Vermögen beruhte auf Immobiliengeschäften sowie einer Leichtmetallfabrik, die er als junger Mann gegründet hatte. Die Details seines Reichtums blieben ebenso im Dunkeln wie seine Zeit im britischen Exil. Varga schien es erst zu geben, seit er als sechsundfünfzigjähriger, millionenschwerer Geschäftsmann in seine zerstörte Heimatstadt zurückgekehrt war, um sie wiederaufzubauen. Das war zumindest die Geschichte, die über ihn erzählt wurde, und die Leerstelle dahinter war das, was Vincent interessierte.

Er kämmte das Internet nach dieser Lücke durch und ergänzte seine Unterlagen. Bis zum Nachmittag saß er in dem Café und bestellte in höflichem Rhythmus Kaffee. Immer wieder blickte er zu dem Gemüsehändler hinüber. Der Mann wanderte mit dem Lauf der Sonne und rückte seinen Stuhl in den Schatten des Tuches. Ob er begriff, wie sich die Welt um ihn herum verändert hatte? Nur wenige Passanten hielten an, um etwas zu kaufen. Eine Gruppe speckiger Kerle kaufte ihm eine Melone ab. Daraus ließ sich Wodka-Melone machen.

Der Dolmetscher hatte für das Treffen ein Café am Stadtrand vorgeschlagen. Eine halbe Stunde vor der verabredeten Zeit stand Vincent davor und atmete die Abgase ein, die ihm von der vielbefahrenen Straße entgegenwehten. Regelmäßig fuhren Taxis im Schritttempo an ihm vorbei und hupten, Vincent schickte sie mit einer Handbewegung weiter. Nur wenige Touristen verirrten sich in diesen Teil der Stadt. Die Schaufenster der Geschäfte waren verbarrikadiert. Ihre Fassaden wiesen Einschusslöcher auf, von denen nur wenige gespachtelt worden waren. Der graue Putz hing wie Wunden an den Häusern.

Vincent setzte sich auf den Bordstein und beobachtete das Treiben, bis er Milo, seinen Dolmetscher, entdeckte. Er war auffallend klein und trug trotz der Hitze eine gefütterte Weste. Er kam von der anderen Straßenseite hinübergerannt und begrüßte Vincent mit festem Händedruck.

»Wartest du schon lange?«

»Nein, alles gut. Gibt es einen Grund, warum wir uns hier treffen?«

»Damit du etwas anderes siehst als den Boulevard. Es ist schrecklich da oben.«

Hier ist es nicht viel besser, dachte Vincent, sagte aber nichts. Ihm fiel auf, dass Milo deutlich jünger war, als es am Bildschirm den Eindruck gemacht hatte. Den Vollbart ließ er sich wohl stehen, um sein jugendliches Aussehen zu kaschieren.

»Wollen wir rein?«, fragte Milo und ging bereits voraus. Das Café war größer, als es von außen den Anschein hatte, und schlecht ausgeleuchtet. Nur Einheimische saßen an den Tischen. Milo begrüßte den Kellner mit Handschlag und Küssen auf die Wange und wechselte einige Worte mit ihm. Der Kellner warf Vincent mehrere kurze Blicke zu.

»Ich habe ihm erzählt, dass du Journalist bist und einige Wochen in der Stadt bleibst«, erklärte Milo. Der Kellner streckte nun auch ihm die Hand hin, aber die Skepsis war ihm ins Gesicht geschrieben. Milo führte Vincent in eine Zwischenetage hinauf, wo sie ungestört reden konnten. Vincent hatte sich noch nicht daran gewöhnt, Aschenbecher auf den Tischen vorzufinden, aber nahm das Angebot gerne an.

»Du bist vor zwei Tagen angekommen?«, fragte Milo.

»Genau. Ich habe nicht viel gemacht, außer mich umzusehen und an die Hitze zu gewöhnen. Ich habe einen Anruf von meinem Fotografen bekommen, es war nicht sicher, ob er’s schafft, aber jetzt reist er Mittwoch an. Die Dinge kommen ins Rollen.«

Der Kellner brachte eine Teekanne und verteilte die Gläser. Er schenkte zuerst Milo ein, dann hob er die Kanne in die Höhe und ließ kunstvoll einen dünnen Strahl in Vincents Teeglas schießen, ohne dass ein Spritzer verlorenging. Durch die Fallhöhe schäumte der Tee auf. Vincent dankte und folgte ihm mit Blicken die Treppe hinunter.

»Macht er das, weil ich Ausländer bin oder weil ich Journalist bin?«

»Beides. Mit einem Hauch von Ironie, falls es dir entgangen ist.«

Es war ihm nicht entgangen. Vincent nahm einen Schluck vom Tee.

»Bist du schon mit Leuten ins Gespräch gekommen?«, fragte Milo.

Er zögerte, ihm von Sam zu erzählen. Sein eigentlich privater Besuch dort kam ihm unprofessionell vor, doch sein Interesse an Milos Meinung überwog.

»Gestern Abend bin ich einem Ticker gefolgt. Ich weiß, wie leicht man in Thikro an Drogen kommt, die Stadt ist bekannt dafür, gerade unter den Touristen. Also bin ich einem der Männer gefolgt und er hat mich in den Hinterhof einer Wohnanlage gebracht. Da war ein großer Tisch aufgebaut und der Ticker, Sam, hat seelenruhig sein Zeug verkauft. Er meinte, es gebe in der Stadt einen Ehrenkodex, sich nicht gegenseitig ans Messer zu liefern. Sogar die Polizei würde sich daran halten. Eine Schicksalsgemeinschaft, die sich ein wenig Gerechtigkeit zurückholt.«

Milo lächelte. »Das ist Sozialromantik, nichts weiter. Vor der Polizei muss er tatsächlich keine Angst haben, aber das hat andere Gründe. Die Stadt ist auf den Drogenhandel angewiesen. Noch nie ist so viel Kapital in diese Gegend geflossen, nicht in all den Jahren vor dem Krieg. Behörden und Lokalpolitik haben kein Interesse, dem ein Ende zu setzen. Und selbst wenn, hätten beide nicht halb so viel Macht wie die SU-Miliz.«

»Und die Miliz steckt mit drin im Handel?«

»Deren Geschäftsmodell basiert auf Drogen. Das ist ein offenes Geheimnis.«

Vincent hob die Augenbrauen. »Interessantes Geschäftsmodell für eine Organisation, die den Grenzschutz der Union koordiniert.«

»Die Union ist weit weg, Vincent. Die interessiert sich nur dafür, dass es niemand über die Grenze schafft.«

»Vielleicht sollte ich Sam um ein Interview bitten. Weißt du, was mich am meisten überrascht hat? Wie bereitwillig er von seiner Arbeit erzählt hat. Er hat mir das Gespräch regelrecht aufgedrückt. Er hat mir auch Bilder gezeigt, von den dicken Autos, die er fährt, und von seinen Plantagen.«

»Diese Leute sind stolz auf ihren Erfolg. Die haben eine Ölquelle gefunden, die so schnell nicht versiegt. Sie müssen nichts verbergen, im Gegenteil: Sie protzen mit ihrem Geld und ihren Kontakten zu wichtigen Männern. Und dann kommt irgendein Ausländer dahergelaufen – no offense, Vincent – und natürlich erzählen sie dir alles, weil sie das Gefühl haben, endlich auf Augenhöhe mit dir zu sein. Wir laufen alle mit Minderwertigkeitskomplexen herum, weil wir in euren Geschichten nur als Kameltreiber und Teeschänke und Opfer eines Krieges vorkommen. Schade nur, dass dir ein Typ vor die Füße läuft, der seine Drogendeals für sozialen Aufstieg hält.«

Milo richtete einen Finger auf den Mann hinter dem Tresen.

»Unser Kellner hier, der hat einen Abschluss als Bauingenieur. Die Leute hier sind gut ausgebildet, aber sie finden keine Jobs. Alle kämpfen um die wenigen gut bezahlten Stellen, aber die bekommst du nur, wenn du Kontakte hast oder in der richtigen Partei bist. Also gehst du weg, ins Kernland der Union oder nach Europa, wo du zwar einen Job findest, für den du drei Mal mehr Lohn bekommst als hier, aber immer der Ausländer bleiben wirst. Das sind deine Optionen. Bleibst du in Thikro, landest du im Tourismus, weil es dort Stellen gibt und weil dort das Geld liegt. Bewirbst dich mit einem Master of Science auf eine Kellnerstelle. Und bist froh, den Leuten für ein gutes Trinkgeld den Mundwinkel abzuwischen.«

Milo starrte vor sich ins Leere, dann musste er plötzlich lachen und hob den Blick. »Entschuldige, Vincent. Das war ein bisschen viel für den Anfang.«

»Schon gut, deine Wut ist ja gerechtfertigt. Du könntest locker drei Billboards aufstellen.«

»Ein großartiger Film!« Milo balancierte sein Teeglas zwischen den Fingern. »Braindrain ist der Anfang dieser Misere und der Grund, warum es eine bleibt. Das Thema verfolgt mich. Ich habe schon mehrere Artikel dazu geschrieben.«

»Du schreibst selbst?«

»Hin und wieder, wenn mich ein Thema interessiert. Es bringt nicht viel ein, aber ich mach’s gerne … Wäre traurig, immer nur der Steigbügelhalter für andere zu sein. Am Ende steht euer Name drauf und ihr behaltet den Löwenanteil des Honorars.«

»Beim Volxmund nennen wir immer die Namen der Fixer.«

»Danke, aber das ist das Mindeste. Ohne Leute wie mich wärt ihr aufgeschmissen.«

»Du hast ja recht … du kriegst ein viertes Billboard.«

Milo zog einen Mundwinkel nach oben. Vincent mochte ihn auf Anhieb.

»Also Vincent, lass uns konkret werden. Was hast du vor und wie kann ich dir helfen?«

Vincent nickte und zog eine Mappe mit Recherchematerial aus seiner Tasche. Er öffnete sie jedoch nicht, verschränkte nur die Hände darüber und begann zu erzählen.

»Wir haben ja einiges per Skype besprochen, bitte unterbrich mich, falls ich mich unnötig wiederhole. Ich arbeite als fester Freier für den Volxmund, das ist eine linke Tageszeitung mit großem Online-Magazin. Mit denen habe ich eine ausführliche Reportage vereinbart, tausend Wörter, im Stil einer kritischen Reisereportage. Ich begleite Touristen durch die Grenzanlagen, an den Schießstand und in die Clubs. Versuche herauszufinden, mit welcher Motivation die Menschen nach Thikro kommen. Sie könnten ja überall Urlaub machen, aber warum entscheiden sie sich für eine zerstörte Stadt am Rande des Kriegs? Das ist die eine Perspektive, die andere ist die der Einheimischen. Was macht dieser neue Tourismus mit ihnen und der Stadt? Wie stark hat sich ihr Leben verändert, und wie gehen sie damit um, aus der eigenen Leidensgeschichte Profit zu schlagen?«

Vincent ließ Raum für Kommentare, aber Milo nickte bloß und deutete ihm an, weiterzuerzählen.

»Ich brauche dich im nächsten Monat vor allem als Kontaktmann, natürlich auch als Dolmetscher. Als Nächstes steht der Ausflug an den Schießstand an, da hätte ich dich gerne dabei.«

Milo zog einen Kalender aus seiner Weste und sie vereinbarten Termine für die kommende Woche. »Ich kann dich einer Freundin von mir vorstellen, Cora. Sie hat die letzten Jahre als Entwicklungshelferin in Thikro gearbeitet. Falls du etwas Kontext brauchst.«

»Kann nicht schaden«, murmelte Vincent und notierte sich ihren Namen. Als sie das Café verließen, sank bereits die Sonne hinter den zerschossenen Fassaden. Nach Stunden in einem stark klimatisierten Raum fühlte sich die Stadt wie ein Backofen an. Vincent betrachtete die Grillhähnchen, die sich in einem nahegelegenen Imbiss am Spieß drehten. Das Fett tropfte von der knusprigen Haut und verdampfte, sobald es auf die heiße Platte traf. Er wollte schnell unter die Dusche.

Milo hob seinen Autoschlüssel in die Höhe. »Ich bring’ dich nach Hause.«

»Ich hab’s nicht weit, eine Viertelstunde zu Fuß.«

Milo grinste. »Einen Ausländer erkennt man daran, dass er zu Fuß geht. Wir machen hier alles mit dem Auto. Selbst die ärmeren Familien haben ein Auto oder zwei.«

»Varga hat euch doch so schöne Gehwege spendiert!«

»Keine Widerrede«, sagte Milo und klopfte ihm auf die Schulter. Sie stiegen in seinen Wagen und kurbelten die Fenster hinunter, damit die angestaute Hitze entweichen konnte. Um den Rückspiegel war eine Gebetskette geschlungen, die beim Ausparken hin und her schwang.

Milo fädelte sich in den stauenden Feierabendverkehr. Es dauerte nicht lange, bis ein Junge im Grundschulalter an ihre Fensterscheibe klopfte. Rote Pusteln überzogen Hals und Gesicht. Er bot ihnen Taschentücher zum Verkauf. Milo reagierte nicht auf ihn, auch nicht, als er ein drittes und viertes Mal klopfte und seine schorfigen Hände zu einer bittenden Geste zusammenlegte. Als er begriff, dass er keinen Erfolg haben würde, ging er weiter die Wagenreihen ab. Vincent sah dem Jungen hinterher.

»Varga lässt hier ganze Stadtteile und Industrien entstehen, aber wenn ich mir diesen Jungen ansehe, habe ich meine Zweifel, ob das bei den Menschen ankommt.«

»Versteh mich nicht falsch, meine Abscheu gegenüber Varga ist grenzenlos. Aber ohne ihn stünden wir schlimmer da. Der Krieg hat ihm lukrative Geschäfte ermöglicht, aber dabei fallen genügend Krumen für den Rest ab. Auf einmal gibt es einen Flughafen, es werden Häuser und Straßen gebaut, Strom und Internet sind stabiler als zuvor. Ausländer lassen ihr Geld in den Geschäften und bezahlen dich dafür, dein zerbombtes Haus zu fotografieren.« Milo scherte auf eine freie Spur aus und schaltete hoch – Vincent streckte gierig den Kopf in die Zugluft. »Deshalb gibt es einen großen Rückhalt hier, was Varga und die Miliz betrifft. Das hier war eine sterbende Stadt. Zelte zwischen Trümmern, so hat das hier ausgesehen, und das ist nicht lange her. Die meisten profitieren von den Veränderungen – auch Leute wie Sam, der übrigens Samir heißt, ich bin mit ihm zur Schule gegangen. Der Mensch versucht, den größtmöglichen Vorteil aus seiner Situation zu schlagen, das war nie anders. Der Krieg hat niemanden von uns besser gemacht.«

Milo fuhr sie in einem Zickzackkurs, der sich nur Einheimischen erschließen konnte, durch die Gassen der Altstadt. Er trieb Passanten und Mofafahrer vor sich her und hob immer wieder grüßend die Hand, wenn er einen von ihnen kannte.

»Hast du eigentlich eine Freundin?«, fragte Milo, scheinbar zusammenhangslos.

Vincent lachte. »Wieso?«

»Ich habe häufig mit Journalisten und Auslandskorrespondenten zu tun. Viele haben gescheiterte Ehen hinter sich.«

»Tja, das ist wohl Berufskrankheit. Wenn du wirklich erfolgreich sein willst, muss sich dein Privatleben unterordnen«, sagte Vincent und dachte dabei an Nina. Er ging nicht weiter auf das Thema ein, und Milo schien seine eigenen Schlüsse daraus zu ziehen. Vor Vincents Apartment kamen sie zum Stehen.

»Also Donnerstag, neun Uhr dreißig.«

»Der Veranstalter heißt Thikro Travel & Ammo, wir treffen uns an deren Schalter.«

»Wenn du Fragen hast, ruf mich an oder schreib mir bei WhatsApp.«

Sie gaben sich die Hand, und Vincent verließ den Wagen mit der plötzlichen, warm pulsierenden Zuversicht, dass er in Milo seinen Sherpa gefunden hatte.

6

Wie die Ausläufer einer Welle, die tiefer ins Land züngeln als die Übrigen, schwappte der Krieg nach Thikro. Lange erschien die Stadt zu klein, zu randständig für die Umwälzungen der Zeit. Aus Gefechten, die sich Splittergruppen mit einem schwachen Staatsapparat lieferten, entstand jedoch ein Flächenbrand, der sich weit über dessen Ausgangspunkt erstreckte. Demonstranten versammelten sich in den Straßen der Hauptstadt, Teile des Militärs liefen zu den freien Armeen über. Unterschiedlichste politische, ethnische und religiöse Lager erhoben ihre Ansprüche und bildeten Streitkräfte, die wechselnde Zweckbündnisse miteinander eingingen. Stück für Stück glitt der Staat in die Bedeutungslosigkeit ab, und die Waffen, die die Aufständischen gegen den gemeinsamen Feind erhoben hatten, richteten sich bald gegeneinander. Aus dem Land wurde ein Flickenteppich schraffierter Flächen, die sich wöchentlich verschoben. Die Kämpfe um die neue Vorherrschaft erreichten eine neue Stufe der Grausamkeit – und noch immer blieb Thikro weitgehend davon verschont.

Der Konflikt währte bereits zwei Jahre, als sich eine Rebellengruppe in den Bergen um Thikro verschanzte. Im Städtchen Amgar fanden sie eine ausreichende Zahl an Unterstützern, um deren Übernahme zu sichern, und innerhalb weniger Tage wehten dort die Flaggen der Rebellen. Kämpfer mit ihren Familien, die aus anderen Regionen vertrieben worden waren, wurden mit Bussen nach Amgar gebracht, und die Stadt entwickelte sich schnell zu ihrem größten Stützpunkt. Erstmals rückte der Krieg in die Nähe einer zwanzigminütigen Autofahrt.

Indes hatte die benachbarte Union ein Auge auf Thikro geworfen. Die Union war durch finanzielle und militärische Unterstützung einzelner Gruppen selbst zur Kriegspartei geworden. Im Zuge der sich rapide verschiebenden Grenzen gelang es der Union, ihren Einflussbereich zu erweitern. Mit diplomatischem Geschick (und etwas Korruption) brachten sie die kommunalen Vertreter Thikros dazu, die Aufnahme in ihren Staatenbund zu beantragen. Ein eilig abgehaltener Volksentscheid, der mit nordkoreanischer Deutlichkeit zu einem Ergebnis kam, gab dem Ganzen einen demokratischen Anstrich. Obwohl die Meinungen in der Bevölkerung durchaus differenzierter waren, als das Wahlergebnis vermuten ließ, musste man den Wählern nicht sonderlich auf die Sprünge helfen. Viele versprachen sich von der Eingliederung in die Union einen wirtschaftlichen Aufschwung sowie militärische Stabilität angesichts eines Krisenherdes, der vor ihrer Haustür loderte.

Die Wahl wurde als großes Fest inszeniert. Wimpel in den Farben der Union schmückten die Straßen, schon bevor das Wahlergebnis feststand. Musikgruppen spielten, Essensbuden und Fahrgeschäfte für Kinder wurden aufgebaut. Dass die Union Gruppen unterstützte, die zu den größten Feinden der Amgar-Rebellen zählten, bereitete nicht Wenigen Sorge, aber das Rad der Geschichte drehte sich bereits und war nicht mehr aufzuhalten. Das Fest dauerte bis in die frühen Morgenstunden. Thikro wurde zum Territorium der Union erklärt und zwei Tage später von den Rebellen angegriffen.

Die ersten Toten waren Bauern, die ihre Felder vor den anrückenden Geländewagen verteidigten. Rebellen zogen in die Stadt, errichteten Barrikaden an allen Ausfallstraßen und verteidigten sie gegen die Union. Zeitgleich kontrollierten die Rebellen wahllos Passanten und befragten sie nach ihrer Wahlentscheidung. Je nachdem, wie plausibel sie ihre Ablehnung gegenüber der Union ausdrückten, wurden sie am Leben gelassen oder erschossen. Einige der Rebellen trugen Aktenordner bei sich. Darin hatten sie Bildmaterial gesammelt, das Fernsehbeiträgen entnommen war und Bürger zeigte, die sich am Wahltag positiv über die Union geäußert hatten. Diejenigen, die sie am Leben ließen, wurden nach den Adressen der abgebildeten Personen befragt. In einer Stadt wie Thikro, in der jeder jeden kannte, war dies ein klarer Beweis der soeben behaupteten Loyalität. Die ersten Lokalpolitiker, die für die Wahl verantwortlich gewesen waren, wurden auf die Straße getrieben. Man kappte die Wimpelketten, die noch zwischen den Häusern hingen, und strangulierte sie damit. Die Ermordungen und Verhaftungen dauerten bis in den späten Abend. Über siebzig Personen wurden in eine Turnhalle gebracht, in der die Rebellen ihre Gefangenen festsetzten. Vincent hatte in der Times den Bericht des einzigen Überlebenden gelesen. Er beschrieb die verbrauchte und säuerliche Luft in der Halle; die geflüsterten Gebete; den panischen Blick gefangenen Schlachtviehs. Gegen Mitternacht schlossen zwei Rebellen die Türen auf und traten ein. Sie schossen die Magazine ihrer Maschinengewehre leer, bevor sie Handgranaten ins Innere warfen und die Halle zum Einsturz brachten.

Mit dem Überfall aus Amgar hatte die Union nicht gerechnet. Sie hatte die Rebellen für zu schwach und zu beschäftigt mit dem Aufbau ihrer Strukturen gehalten, um einen Angriff derartiger Größenordnung durchzuführen. Am Tag des Überfalls waren nur wenige Unionssoldaten in der Stadt stationiert, und der Nachschub traf erst ein, als das Stadtgebiet Thikros schon eingenommen war. Die Union errichtete einen Belagerungsring, um ein weiteres Vordringen der Rebellen in ihr Territorium zu unterbinden. Ein schmales Zeitfenster, das zwischen der Einnahme und der Belagerung lag und nur wenige Stunden andauerte, reichte ein paar hundert Bewohnern zur Flucht. Der Rest blieb für die nächsten vierzehn Monate eingesperrt, Gefangene von innen wie von außen.

Auf Tage der Schockstarre, die die Bewohner Thikros in ihren Wohnungen verbrachten und nur für das Lebensnotwendige verließen, kehrte der Alltag zurück. Schulen und Geschäfte wurden geöffnet, der Busverkehr nahm seinen Betrieb auf. Nach der ersten Gewaltspirale wurden die Rebellen zu kalkulierbaren Gefängniswärtern, die den Bewohnern Thikros innerhalb eng gesteckter Grenzen – und unter der Voraussetzung absoluter Loyalität – ihren Freiraum ließen. Auf Tage der vermeintlichen Ruhe folgten regelmäßige Schusswechsel mit der Union. Diese gab sich nicht damit zufrieden, die Stadt den Rebellen zu überlassen. Sie hatte Thikro von allen Seiten eingekesselt, bis auf den schmalen Durchlass zwischen den Bergen, der ihren Feinden jederzeit den Rückzug ins Rebellengebiet garantierte. Die Union verfolgte eine Strategie der ausdauernden Zermürbung, die im gleichen Maße Besatzer wie Zivilisten traf. Durch den Belagerungsring kontrollierte sie den Warenverkehr und steigerte langsam den Druck, indem sie Wasser, Strom, Heizöl und Lebensmittel rationierte oder kappte. Die Versorgung über Amgar war ungleich komplizierter und kaum billiger als Schmugglerware. Die Einwohner Thikros, die weder der Union noch den Rebellen sonderlich zugetan waren, wurden zwischen den Fronten zerrieben.

Der Union lag vornehmlich an der strategischen Bedeutung der Stadt, weshalb sie Kollateralschäden in Kauf nahm. Während sie öffentlichkeitswirksam Hilfspakete in die belagerte Stadt schickte, sandte sie wenige Tage später Schützenfeuer hinterher. Rebellen und Union beschuldigten sich gegenseitig, für die wachsende Zahl an Toten verantwortlich zu sein. Der Beschuss eines Wochenmarktes, bei dem dreiunddreißig Zivilisten starben, sorgte für weltweites Aufsehen. Die Belagerung dauerte da bereits sieben Monate an. Die Rebellen machten die Union für den Beschuss des offensichtlich zivilen Ziels verantwortlich. Die Union warf den Rebellen eine False-Flag-Aktion vor. Einer unabhängigen Untersuchungskommission wurde seitens der Union der Zutritt verwehrt, mit Verweis auf die Sicherheitslage. Die Rebellen sahen dies als Beweis, dass die Union ihre eigene Verantwortung vertuschen wollte und versprachen den internationalen Beobachtern Geleitschutz. Beide Seiten hielten Pressekonferenzen ab, in denen sie Beweise für ihre Sicht der Dinge präsentierten: verwackelte Handyaufnahmen, Satellitenbilder, Zeugenaussagen und Patronenhülsen. Die Kommission nahm nie ihre Arbeit auf, und die Frage, wer für den Beschuss des Wochenmarkts verantwortlich war, geriet zur Fußnote inmitten eines Flächenbrands, in dem Thikro nur das jüngst brennende Scheit war.

Die Belagerung endete schließlich so abrupt, wie sie begonnen hatte. Gerüchte über einen Abzug der Rebellen gab es seit Monaten, bewahrheitet hatten sie sich nie. Erst wenige Tage zuvor waren Aufstände der Bewohner blutig niedergestreckt worden, mit einer Entschlossenheit, die keinen Zweifel daran ließ, dass die Rebellen die Stadt bis zuletzt halten wollten. Selbst einige Kollaborateure hatten von dem Abzug nichts gewusst und wurden von den Truppen der Union, die im Morgengrauen die Stadt übernahmen, festgenommen. Der sterbenden Stadt, in der ein geschmuggeltes Stück Brot zuletzt einen halben Monatslohn kostete, wurde der Abzug der Rebellen über Lautsprecher mitgeteilt. Die SU-Miliz, die bereits in anderen Gefahrengebieten für die Union arbeitete, wurde mit dem Mauerbau an der Demarkationslinie beauftragt. Das Flüchtlingshilfswerk und verschiedene NGOs nahmen ihre Arbeit auf und der Lichtkegel medialer Aufmerksamkeit wandte sich ab. Über zweitausendsechshundert Menschen waren durch Schusswechsel, Bombardements, an Mangelernährung oder unzureichender medizinischer Versorgung gestorben. Die verbliebenen Bewohner, gelockt vom aufklarenden Himmel, traten vor die Tür und fanden eine zerstörte Stadt vor.

Das war die Geschichte Thikros, und Vincent kannte sie gut. Er hatte sie damals live verfolgt, in den Nachrichtensendungen und Feeds seiner abonnierten Kanäle, und er hatte seinen Kenntnisstand vor der Reise mit einer vierstündigen BBC-Dokumentation aufgefrischt. Vincent kannte sich aus und war gerade deswegen so gespannt, wie das Kriegsmuseum der SU-Miliz die Geschichte darstellen würde. Wer die Aussichtsplattform besuchen wollte, musste sich zuvor an den zahlreichen Schautafeln vorbeiführen lassen. Einem Teil der zwanzigköpfigen Gruppe, der Vincent zugeteilt worden war, war anzusehen, dass sie in ihrem Urlaub – und auch sonst – keinen Wert darauf legten, ein Museum zu besuchen. Sie ließen die Kopfhörer ihres Audio-Guides um die Finger kreisen und warteten nur darauf, endlich einen Blick auf die andere Seite werfen zu können. Der weitaus größere Teil der Gruppe zeigte sich jedoch interessiert. Sie stellten dem Söldner, der sie im Kampfanzug durch das Museum führte, dutzende Fragen und hingen an seinen Lippen, wenn er von den Kämpfen der Unionstruppen erzählte, als sei er selbst dabei gewesen. Vor Beginn der Führung hatte sich Vincent bei ihm vorgestellt.

»Ist lange her, dass ich einem Journalisten begegnet bin«, hatte der Söldner gesagt und ihm die Hand geschüttelt. Er hatte Vincent dabei in die Augen gesehen und gelächelt. Wir sind auf Augenhöhe, sollte dieser Blick sagen – keine Geheimnisse zwischen uns, Buddy.

»Wann kam denn der letzte?«, fragte Vincent.

Der Söldner zuckte mit den Schultern. »Vor einem halben Jahr?«

Sein Lächeln war angenehm und gutmütig, ohne Vorbehalt. Er strahlte eine souveräne Offenheit aus, die antrainiert war wie seine Muskeln. Eine aufgenähte Flagge über der Brust wies ihn als SU-Offizier Iversen aus. Buddy Iversen nannte Vincent ihn in Gedanken und später in der Reportage.

Er führte die Gruppe durch die abgedunkelten Museumsgänge, die den Märtyrern von Thikro oder den Helden der Befreiung gewidmet waren. Eine schmucklose Wellblechbaracke von außen, war das Museum innen aufwendig gestaltet. Buddy Iversen führte sie durch ein multimediales Ausstellungskonzept, vorbei an Exponaten, Videosequenzen und Schaubildern, die mit dezenten Spotlights unterstrichen wurden. Der Angriff auf den Wochenmarkt wurde, wenig überraschend, den Rebellen zugeschrieben, und die vermeintlichen Beweise dafür unter Plexiglas ausgestellt. Mit dem Bau der Grenzanlagen und dem unerschrockenen Einsatz der SU-Miliz für die Union endete die Ausstellung. Eine Tafel listete die Namen der Spender auf, mit deren Mitteln das Museum errichtet worden war. Vincent fotografierte sie für seine Recherchen ab.

Durch einen hellerleuchteten Ausgang traten sie ins Freie. Vincents Augen mussten sich erst wieder an die Helligkeit gewöhnen; halb benommen vom Tageslicht stieg er eine Gittertreppe hinauf, bis sie die Höhe der Mauer erreicht hatten. Sie passierten einen mit Stacheldraht bewehrten Wachturm und betraten die Aussichtsplattform, die mehrere Meter ins Kriegsgebiet hineinragte.

Viel zu sehen gab es nicht. Vor ihnen lag ein unbewohntes Tal, vom selben Sandstein geprägt wie die andere Seite. Münzfernrohre standen in einer Reihe, um das Gebiet auszukundschaften. Der Blick ging mehrere Kilometer weit, bis er auf die reflektierenden Scheiben einer Stadt traf; dort lagen die Schachtelhäuser der Rebellenhochburg Amgar.

Ein gespanntes, fast schon ehrfürchtiges Schweigen hatte die Gruppe erfasst. Der Wind zog über die Plattform, heulend und trostlos. Wie auf ein stilles Signal, als erinnerten sich die Besucher daran, dass sie selbst in Sicherheit waren, setzten die Gespräche wieder ein. Kameras wurden hervorgeholt, und ein agil auftretender Rentner, den Vincent einer Studiosus-Reisegruppe zurechnete, bat seine Frau um ein Weitwinkelobjektiv. Er wollte das absurde Bild einfangen, das sich auf der Mauer bot: rechts das engbebaute, sich überstapelnde Thikro, links die weite Steppe.

Vincent trat ans Geländer. Er besah sich die mehrstufige Grenzanlage, die zu überwinden seit Jahren keinem Menschen gelungen war.

»Im Frühjahr haben wir mit den Bauarbeiten für einen Wassergraben begonnen«, erzählte ihm Buddy Iversen, den er um eine Erläuterung der Abwehrsysteme gebeten hatte. Dabei hielt er den sonnenbebrillten Blick in die Höhe gereckt, als spreche er nicht zu Vincent, sondern zum Himmel; in seiner Stimme schwang unverkennbar Stolz. Mehrere Besucher traten in Hörweite. »Der Wassergraben wird entlang der zwei Kilometer breiten Talöffnung gezogen. Ende des Jahres wird er fertiggestellt werden und die erste Hürde für potentielle Angreifer bilden. Die Bauarbeiten werden von einem Hochsicherheitsteam überwacht.«

Buddy Iversen wies in eine Richtung, und die Köpfe der Anwesenden folgten ihm. Sie sahen einen aufgerissenen Streifen Erde, aus dem der Arm eines Schaufelbaggers ragte. Vier schwer gepanzerte Wagen flankierten die Baustelle und die Bauarbeiter. »Auf den zukünftigen Wassergraben folgt ein drei Meter fünfzig hoher Drahtgitterzaun, der mit Rasierklingen besetzt ist und bei Bedarf unter Strom gesetzt werden kann. Danach sehen Sie eine Schotterpiste, die wir für unsere Kontrollfahrten nutzen, und letztlich die Stahlbetonmauer, auf der wir gerade stehen – sechs Meter hoch, einsfünfundzwanzig im Durchmesser, mit Stacheldrahtbewehrung und Wachtürmen im Abstand von zweihundert bis achthundert Metern. Nachts werden unsere Männer von Wärmebildkameras und Bewegungsmeldern unterstützt. Es sind aber meist nur wilde Tiere, die den Alarm auslösen.«

»Dürfen Sie auch schießen?«, fragte einer der Besucher.

»Nur in einer Bedrohungssituation. Aber in diesem Fall hat das Gegenüber nichts zu lachen, glauben Sie mir. Unser Waffenarsenal ist immens, und unsere Männer werden in Trainingslagern regelmäßig auf verschiedene Szenarien vorbereitet. Wenn ich offen sprechen darf: Wer so dumm ist, sich mit uns anzulegen, ist selbst schuld. Den meisten ist die Mauer aber Abschreckung genug.«

»Was ist mit Menschen, die flüchten? Sind die auch eine Bedrohung?« Vincent war überrascht, eine halbwegs kritische Frage zu hören. Er sah einige Gesichter einen nachdenklichen, betroffenen Ausdruck annehmen. Andere verschränkten die Arme oder traten peinlich berührt von einem Fuß auf den anderen. Der Fragesteller, ein Rotschopf im mittleren Alter, registrierte den Stimmungswechsel und fühlte sich gezwungen, seine Aussagen zu kommentieren. »Also, da drüben herrscht ja Krieg, natürlich versuchen die, hier durchzukommen, auf die sichere Seite. Das ist zwar nicht erlaubt, aber es ist ja menschlich nachvollziehbar.«

Buddy Iversen antwortete mit einem entwaffnenden Lächeln. »Dafür gibt es Gesetze und Asylverfahren. Wer auf diese Mauer zusteuert, hat nichts Gutes im Sinn.«

Damit war das Thema erledigt. Er fuhr mit der Beschreibung der Grenzanlagen fort, und Vincent ließ ihn inmitten seiner Ausführungen zurück. Er schloss die Hände ums Geländer und blickte ins Tal hinab. Auch Vincent konnte sich des Grusels nicht erwehren, den der Anblick in ihm auslöste. Scheinbar friedlich lag das Tal vor ihm, und doch war er nur einen Steinwurf entfernt von der Hölle des Kriegs. Vincent musste an ein Ungeheuer denken, dessen Fesseln gerade so weit reichten, dass man seinen schlechten Atem riechen konnte, und das man doch auf sicherem Abstand wusste. Er übernahm eines der Fernrohre und streifte durch die zerstörten Straßen Amgars, bis ihm eine der schwarzen Rebellen-Flaggen vor die Linse kam. Aus einem Land mit jahrtausendealter Geschichte, mit vibrierenden Großstädten und Kulturszenen waren weiße Flecken geworden, die in den letzten Jahren kaum ein Ausländer zu Gesicht bekommen hatte. Trotzdem blieben die dort stattfindenden Gräueltaten in aller Munde, aufbereitet von Nachrichtensendungen, Reportagen und Spendenaufrufen. In der gesamten Welt wuchsen Generationen heran, die das Gebiet mit nichts anderem verbanden als mit Tod und Verderben – und die ihre Heimatländer dafür lieben sollten, ihnen den Frieden geschenkt zu haben.

Mit einem Sonnenbrand im Nacken und fünf vollgekritzelten Notizbuchseiten, auf denen er Gespräche mit Touristen und Buddy Iversen festgehalten hatte, kehrte Vincent in sein Apartment zurück. Er überlegte, einen Abstecher ins Garden zu machen, und mischte sich stattdessen ein großes Glas Rum-Cola in der Küche. Er streckte seine müden Glieder unter den Tisch und blätterte in seinen Notizen, auf der Suche nach einer Szene, die er in 280 Zeichen über den Äther jagen konnte. Er blätterte vor und zurück, doch die Sätze verschwammen vor seinen Augen. Er seufzte auf und bettete seinen müden Kopf auf die Tischplatte. An solchen Abenden fragte er sich, warum er sich selbst so unter Druck setzte; warum er sich zum Getriebenen seiner eigenen Geltungssucht machte. Sich als freier Journalist zu etablieren, mehr noch, damit erfolgreich zu sein, kostete unsäglich viel Kraft. Er fragte sich, ob eine Karriere das alles rechtfertigte: ständig dem nächsten großen Thema hinterherzuhecheln, der nächsten gelungenen Schlagzeile, der nächsten fein justierten Provokation, die den Artikel kontrovers machte und in den Feeds nach oben pushte. Letztlich blieben diese Gedankenspiele aber ohne Konsequenz. Sie waren ein bloßes Tribut an seinen selbstkritischen Geist – er würde auch am nächsten Tag aufstehen und seine Steine den Berg hinaufrollen.

Vincent schusterte einen Post zusammen und bestellte Pizza bei Domino’s. Er verbrachte den restlichen Abend damit, sich einheimische Filme anzusehen, in denen sich Angehörige der Oberschicht unglücklich in ihre Bediensteten verliebten. Er klebte mit der Backe an der Ledercouch und blickte katatonisch auf den Bildschirm. Auch ohne den Text zu verstehen konnte er der Handlung leicht folgen. Das übertriebene Mienenspiel erinnerte ihn an die Laien-Theatergruppe, in der Nina spielte. Er hatte sich immer am Dilettantismus ihrer Gruppe gestört, und noch mehr störte ihn, dass sich Nina damit zufrieden gab. Sie war mit Abstand die beste Schauspielerin, die einzige mit professioneller Ausbildung. Sie hatte aus vernünftigen Gründen den Theaterbetrieb verlassen, aber anstatt sich ein freies Kollektiv zu suchen, hatte sie einen Bürojob angenommen und sich damit begnügt, in ihrer Freizeit zu spielen. Sie sei zufrieden mit diesem zwanglosen Spiel, sagte Nina, zufrieden mit einem Ensemble, von denen manche Mitglieder zu Freunden geworden waren. Vincent glaubte ihr und versuchte, es dabei zu belassen. Wenigstens musste er jetzt nicht mehr in Gemeindesälen sitzen und tiefer in den Sitz rutschen, wenn einer ihrer Kollegen ein Solo hatte.

Er quälte sich vom Sofa und stieg zum Flachdach hinauf, um eine zu rauchen. In der schwülen Nachtluft begann er sofort zu schwitzen. Er blickte über die Lichter der Stadt, ohne etwas dabei zu empfinden, und trank seinen letzten Schluck Rum-Cola.

Er kehrte in die Wohnung zurück und sah sich weiter den Film an. Immer wieder schlief er dabei ein, bis ein Stromausfall alles zum Erliegen brachte. Licht und Fernseher gingen aus, und auch der Rotor des Deckenventilators erlahmte. Vincent sah sich in der plötzlichen Dunkelheit um, ohne etwas zu erkennen. Es musste Mitternacht sein. Milo hatte ihm erzählt, dass um diese Uhrzeit der Strom gekappt wurde – fünf Sekunden würde es dauern, bis das Notstromaggregat einsprang, das Varga der Stadt spendiert hatte. Tatsächlich ging das Licht nach wenigen Sekunden wieder an. Küchengeräte gaben einen kurzen Power-Sound von sich, und die hellhäutig geschminkte Frau, die ihrem Geliebten eine Affäre vorwarf, kehrte in Großaufnahme auf den Bildschirm zurück. Vincent schaltete alles aus und schleppte sich ins Bett.

7

Auf dem Weg zum Busbahnhof, der bergab durch die engen Straßen der Altstadt führte und den Vincent im Laufschritt hinter sich brachte, weil er fürchtete, zu spät dran zu sein, erhielt er eine Nachricht von Héctor. Sein Flug war mit Verspätung gelandet, er stand gerade erst am Gepäckband. Vincent legte den Rest der Strecke gehend zurück und kam sich ein wenig bescheuert vor.

Er kaufte sich ein Cola-Wassereis und beobachtete die Straßenhändler, die sich um einen einfahrenden Flughafenbus scharten. Neben ihm stand eine alte Frau im Schatten einer Platane. Sie hielt einen Zettel in der Hand, der in Klarsichtfolie geschlagen war und Zimmer für 9 Dollar die Nacht bot. Sie hielt sich von dem Gedränge fern und blickte hoffnungsvoll zu den Touristen, von denen sie weitgehend unbeachtet blieb. Die Frau schien unfähig oder nicht willens, an dem aggressiven Kampf um Aufmerksamkeit teilzunehmen. Sie war sicher neu in dem Gewerbe. Vincent empfand ein unvermittelt starkes Mitleid mit ihr. Er wollte ihr Geld geben, wusste aber, dass er sie ohne Gegenleistung beschämen würde. Er spazierte einmal um den Kreisel und schmiss das zur warmen Cola-Soße zerlaufene Eis in den Abfall. Die Stadt machte es einem schwer, guter Laune zu sein.

Mit dem Erscheinen des nächsten Flughafenbusses wich seine Schwermut jedoch der leisen Vorfreude, nicht mehr alleine zu sein. Er sah Héctors Lockenkopf aus dem Bus steigen und sich nach einem bekannten Gesicht umsehen. Sie trafen sich auf halbem Wege und fielen sich in die Arme.

»Das sind ja richtige Showeinlagen«, sagte Héctor, als er sich von ihm löste. Er deutete auf die falschen Soldaten mit ihren ungeladenen Gewehren. »Wie ein düsteres Disneyland für Erwachsene.«

»Warte ab, ich bringe dich später auf den Boulevard zur Wachablösung der SU-Miliz. Soll ein großes Spektakel sein.«

Sie folgten dem erstbesten Taxi-Fahrer, der seine Dienste anbot, und ließen sich zum Apartment bringen. Vincent stellte die schwere Kameraausrüstung im Flur ab und öffnete hastig die Fenster, um den Alkoholdunst zu vertreiben. Er zeigte Héctor das Gästezimmer, das nicht viel größer war als das geblümte King-Size-Bett, das sich darin befand. Die Klimaanlage, die an der Außenwand des Gebäudes angebracht war, verdeckte einen Großteil des Fensters.

»Hübsch«, sagte Héctor.

»Es kostet dich immerhin nichts.«

»Die letzten Wochen habe ich auf Lehmböden geschlafen, ich beschwer mich nicht«, sagte Héctor und verabschiedete sich ins Badezimmer. Vincent setzte Nudelwasser auf und spürte, wie die Schwere der vergangenen Tage von ihm abfiel. Er musste an seine Studienzeit denken, als er mit Héctor einige Monate zusammengelebt hatte. Er hatte sich immer mit Menschen umgeben, die interessanter waren als er, oder zumindest zügelloser, was auf dasselbe hinauslief. Selbst heute, mit Anfang dreißig, war das nicht anders. Vincent wusste, dass er die Veranlagung zu einer ausgewachsenen Midlife Crisis in sich trug. Sie konnte schon in den nächsten Jahren ausbrechen, sollte seine Arbeit weiterhin nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die er sich wünschte.

Er schob kleingeschnittenes Gemüse in eine Pfanne, als Héctor aus dem Badezimmer kam. Er war nur mit einer Boxershorts bekleidet. Auf dem Kopf trug er einen Turban, den er sich mit einem Frotteehandtuch gebunden hatte. Vincent musste lachen, und einen anderen Zweck schien Héctor auch nicht verfolgt zu haben. Er verschwand in seinem Zimmer, kam angekleidet und bestens gelaunt zurück und aß mit Vincent zu Mittag.

Héctors Aufmerksamkeit waberte beständig an der Oberfläche seines ohne Zweifel scharfen Verstandes. Er hatte das Talent, die Gesprächsfäden seines Gegenübers formal aufzugreifen, nur um sie dann aus ihren Kontexten zu lösen und als Grundlage für die eigenen Gedanken zu nutzen. Wer nicht genau aufpasste, konnte Héctor deshalb für einen aufmerksamen Gesprächspartner halten. Gewöhnlich ließ sich Vincent darauf ein. Die Gespräche glichen dann einem Pingpong-Spiel: schnell, kunstvoll, durchaus amüsant und mit einem hohlen Geräusch beim Aufprall. In der sengenden Hitze konnte er diesem Spiel allerdings wenig abgewinnen. Sie saßen auf der Dachterrasse des Sparta und tranken kaltes Importbier.

Wassernebel stob zwischen die vollbesetzen Tischreihen, um sie zu kühlen. Vincent hatte diese Form der Klimatisierung nie verstanden – man fühlte sich kaum erfrischt und hinterher nur klebriger. Héctor band seine schweißverklebten Locken nach hinten und blickte sich nach Motiven um. Mit der Canon, seiner Reservekamera, die er ständig bei sich trug, machte er Aufnahmen von den Nachbartischen. Hinter dem gläsernen Windschutz lagen die Grenzanlagen und das Kriegsgebiet.

»Eins noch«, sagte Vincent, der ihm die Information nicht weiter vorenthalten wollte. »Morgen kann ich eine Reisegruppe an den Schießstand begleiten. Mit dem Veranstalter ist schon alles abgesprochen, die sind richtig glücklich, dass jemand über sie berichtet. Die haben ein großes Stück Land und ein Arsenal halbautomatischer Waffen, auf das sie die Leute loslassen. Schießstände, Hürdenläufe, Schützengräben, wie bei Full Metal Jacket. Das wären wirklich großartige Motive …«

»Morgen?« Héctors Stirn legte sich in Falten. Er legte die Kamera ab.

»Ich weiß, das ist viel verlangt, du bist gerade erst angekommen …«

»Du hast mir ein paar freie Tage versprochen. Sonst hätte ich auch in Indien bleiben können, ein paar Tage Goa, da hätte ich nichts dagegen gehabt.«

Vincent hob beschwichtigend die Hände. »Nach dem Schießstand hast du deine Ruhe, versprochen. Ich schaufle dir ein paar Tage frei, eine ganze Woche, wenn du möchtest. Das mit dem Schießstand ging wirklich nur morgen, der Veranstalter konnte mir keinen anderen Termin anbieten.« Zumindest nicht mehr in dieser Woche, aber das war nahe genug an der Wahrheit, dass er sich selbst von der Unausweichlichkeit seiner Forderung überzeugen konnte.

»Das finde ich nicht cool, Vincent.«

»Ist auch nicht cool. Ich stehe knietief in deiner Schuld. Ich bin wertlos vor deinem Antlitz. Ich bin Gewürm unter deinen Schuhen.«

Damit brachte er Héctor zum Lachen.

»Es ist nur ein halber Tag, um fünfzehn Uhr sind wir zurück.«

»In Ordnung.«

»Außerdem schmeckt indisches Bier nach Mist. Trinken die noch immer dieses Kingfisher?«

»Dünnes Argument, Vincent.«

In den nächtlichen Gassen der Stadt hätte er das Haus beinahe nicht wiedergefunden. Zwei Mal musste er umkehren, bis er plötzlich davor stand. Vincent klopfte am Tor und lehnte sein Ohr daran. Er hörte das Scharren eines Stuhls, ansonsten blieb es still.

»Ich will zu Sam«, sagte er.

Das Tor schwang auf, und der Junge, der ihnen geöffnet hatte, führte sie in den Innenhof. Sam erkannte ihn sofort wieder. Er prostete Vincent mit der Red-Bull-Dose zu, die er in der Hand hielt und wünschte ihnen einen schönen Abend.

»Hast du deinen Wingman mitgebracht?«

Vincent antwortete ihm lustlos. Sie wollten sich nicht lange aufhalten; beide waren müde und hatten morgen einen langen Tag. Héctor trug ein dickes Bündel Scheine bei sich, das er gerade aus einem Bankautomaten gezogen hatte und gleich wieder loswerden wollte. Er deckte sich mit ein paar Gramm Koks, Gras und größeren Mengen Pep ein. Vincent stand in höflicher Distanz und hielt die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Er beobachtete ein paar Kinder, die auf Bobbycars saßen und Wettrennen durch den Innenhof fuhren.

»Für dich nichts, mein Freund?«, fragte Sam, und Vincent winkte ab. Er nahm eine Sprachnachricht für Milo auf, mit dem er mittlerweile auch privaten Kontakt hielt. Er teilte ihm letzte Instruktionen für den morgigen Tag mit und Milo reagierte prompt mit dem bissigen Sarkasmus, den Vincent so sehr an ihm schätzte. Grinsend schob er sein Handy zurück, während Sam den Einkauf über den Tisch reichte.

»Kommt bald wieder vorbei, meine Freunde!«, sagte er und brachte sie zum Tor. Sie teilten sich einen Joint auf dem Nachhauseweg und ignorierten die Straßenköche, die ihre Gasgrills bereits ausgeschaltet hatten und ihre letzten gefüllten Fladenbrote zu Geld machen wollten, bevor sie mit den übrigen Abfällen im Straßengraben landeten.

8

Das Rattern der Maschinengewehre durchbrach die Stille. Er nahm den Finger vom Abzug, wartete einige Sekunden und betätigte ihn erneut. Selbst durch die Ohrenschützer drang das Stakkato des Dauerfeuers. Vincent kauerte auf dem Boden und blickte durch das Visier seiner MG34. Hinter dem Fadenkreuz lag eine Strohpuppe, weiß und gesichtslos. Auch links und rechts von ihm wurde geschossen, das Stakkato schwoll an und hielt sich auf hohem Niveau. Er spielte Szenen aus Actionfilmen in seinem Kopf ab, Filme, die er nie sonderlich gemocht hatte, bis er selbst eine MG34 in den Händen hielt. Er leckte sich über die trockenen Lippen und setzte weitere Schüsse ab. Als er wieder die Augen vom Visier nahm, lag der Schutzwall hinter der Puppe in Wolken – all die Fehlschüsse, die dort eingingen, ließen Staubsäulen in die Luft steigen. Vincent versuchte, sich an die Anweisungen des selbsternannten Sergeants zu erinnern, der in wirschem Tonfall und nachlässigem Englisch zu ihnen gesprochen hatte, doch er erinnerte sich allein an die Mahnung, Pausen zwischen den Feuerstößen zu lassen.

»Du darfst nicht zu lange schießen, sonst –« Mangels Vokabular hatte er abgesetzt und mit den Händen einen Gewehrlauf geformt, der sich verbog. »Sonst wird zu heiß und kaputt.«

Vincent blinzelte sich den Schweiß aus den Augen und setzte von Neuem an. Er nahm seine Puppe ins Visier, deren Kopf bereits in Fetzen hing und massiv Stroh verlor. Er durchlöcherte den Rumpf, bis die Puppe in Einzelteilen da hing. Als seine Finger den Abzug gedrückt hielten, ohne dass etwas passierte, war der Spaß vorbei.

Er stand auf, klopfte sich den Staub von der Hose und sah sich nach Héctor um. Dieser fotografierte gerade ein junges Paar, das bereits mit der Übung fertig war. Sie hatten je eine Hand um die Hüfte ihres Partners gelegt, in der anderen hielten sie ihr Maschinengewehr. Vincent hoffte, dass die Waffen gesichert waren.

Der Sergeant rief indes die Gruppe zusammen. Die Teilnehmer bildeten einen Halbkreis um die Maschinengewehre, die auf Dreibeinen standen und eine lange Reihe bildeten. Milo, der noch nichts zu übersetzen gehabt hatte und deshalb mit verschränkten Armen an der Seite stand, trat neben ihn.

»Und, gefällt’s dir?«, flüsterte Vincent.

»Ihr spielt hier Krieg. Man müsste euch eure Privilegien in den Hals stopfen, damit ihr daran erstickt.«

Vincent riss die Augen auf.

»Ich übertreibe«, sagte Milo. »Ein wenig.«

»Héctor und ich sind aus rein journalistischen Gründen hier. Teilnehmende Beobachtung und so.«

»Euch beide nehme ich raus, da bin ich großzügig.«

Der Sergeant demonstrierte indes sein Können, indem er eines der Maschinengewehre nahm, das Dreibein löste und stehend die Puppe eines Teilnehmers ins Visier nahm, die weitgehend unversehrt geblieben war. Mit gezielten Feuerstößen zerstörte er zuerst den Kopf, das Herz und zuletzt den Schritt. Seine fleischigen Wangen zuckten unter dem Lächeln, mit dem er sich wieder der Gruppe zuwandte. Er legte das Gewehr zurück und führte die Teilnehmer zur nächsten Station.

Auf dem weitläufigen Gelände verteilten sich Scheunen und Schießstände, über denen die Luft flimmerte. Einige Teilnehmer tauchten Tücher unter das Wasser einer Pumpquelle, bevor sie sich den nassen Stoff um den Kopf banden. Nach den Maschinen- und Sturmgewehren sollten sie nun die Möglichkeit bekommen, Handfeuerwaffen zu testen. Der Sergeant geleitete sie zu einem überdachten Schießstand, und Vincent nutzte die Zeit, um mit den Teilnehmern ins Gespräch zu kommen. Zwölf Personen befanden sich in ihrer Gruppe, sieben Männer und fünf Frauen. Er steuerte auf ein Ehepaar mittleren Alters zu, das ihn bereits bei der Vorstellungsrunde neugierig und mitteilungsbedürftig angesehen hatte. Der Mann war Schulpsychologe, seine Frau arbeitete für eine Werbeagentur.

»Wir wollten etwas Aufregendes erleben, etwas Einmaliges«, sprach der Mann in Vincents Diktiergerät. »Am Strand rumzuliegen ist nicht unser Ding. Dann haben wir das Angebot für das Schieß- und Überlebenstraining entdeckt.«

»Sie sind explizit für das Training angereist?«

»Genau, wir haben auch Privatstunden hinzugebucht. Ein halber Tag reicht ja nicht, um wirklich was zu lernen.«

»Gefällt es Ihnen?«

»Definitiv. Es ist wirklich beeindruckend, was der Sergeant alles erlebt hat. Auf der Homepage steht seine ganze Geschichte, wie er den Aufstand gegen die Rebellen angezettelt hat, wie er später in der SU gedient hat. Dass uns so jemand an der Waffe ausbildet, das ist schon eine Ehre.«

Dann drängte sich seine Frau vors Mikrofon. »Wir kommen selbst aus der Union, da finde ich es gut, unser Geld bei unseren neuen Brüdern und Schwestern zu lassen. Das ist ja auch eine Form von Entwicklungshilfe. Unser Taxifahrer hat mir erzählt, dass die Stadt richtig aufblüht, seit die Touristen kommen, das freut mich, da bin ich gerne ein Teil davon.«

»Werden Sie neben dem Schießtraining noch etwas unternehmen?«

»Natürlich sehen wir uns die Grenze an und klopfen unseren Jungs dort auf die Schulter. Aber dann geht’s nach Hause, am Montag müssen wir wieder arbeiten.«

Vincent dankte den beiden und beendete die Aufnahme. Er sah sich nach seinem nächsten potenziellen Interviewpartner um und bemerkte, wie die Blicke der übrigen Teilnehmer zu Boden wanderten. Als Journalist löste er häufig diese Reaktion aus. Dabei warteten die meisten Menschen insgeheim darauf, ihre Geschichte erzählen zu dürfen – man musste sie nur richtig anpacken. Er sprach einen jungen Mann mit Kinnbart an, den er eher in einem Hipster-Café als auf einem Schießstand erwartete hätte und der allein deshalb eine Geschichte versprach.

»Ich studiere Politikwissenschaften und Geschichte und beschäftige mich seit Langem mit der Region. Ich bin so froh, endlich vor Ort zu sein und alles mit eigenen Augen zu sehen, nachdem ich Tausende Seiten darüber gelesen habe.«

»Wie lange bleibst du in Thikro?«

»Zwei Wochen. Es sind gerade Semesterferien, und das Leben hier ist ja wirklich billig.«

»Warum bist du heute an den Schießstand gekommen?«

»Wir betrachten Konflikte immer aus einem sehr akademischen Blickwinkel, immer vom Schreibtisch aus. Das verfälscht die Realität. Ich wollte die Gelegenheit nutzen, das zu ändern.«

»Was meinst du damit?«

»Ich wollte wissen, wie sich eine Waffe in der Hand anfühlt. Wie es ist, auf den Feind loszurennen. Den Tod vor Augen zu haben. Und dabei wirklich meinen Schweiß zu spüren, meine Angst, meine Erschöpfung, meine schmerzenden Muskeln. Das muss ich doch mal erlebt haben, wenn ich über den Krieg schreibe, ich muss doch wissen, wovon ich spreche.«

Vincent fragte sich, wie authentisch es war, mit einem Gewehr auf eine Strohpuppe zu schießen, die keinerlei Gegenangriff erwarten ließ. Er wagte gar nicht erst, zu Milo hinüberzusehen, der neben ihm herging und das Gespräch mitanhören musste.

»Also gefällt es dir?«

»Sehr. Die Leute hier machen eine wichtige Arbeit.«

Im überdachten Schießstand bekamen sie eine P30 von Heckler & Koch in die Hand gedrückt. Die Waffe war schwerer, als Vincent gedacht hatte. Sie standen in voneinander abgetrennten Bahnen und wurden von Mitarbeitern eingewiesen, die ihre Körperhaltung korrigierten und die Waffentechnik erklärten. Bei Vincents erstem Schuss war der Rückstoß so stark, dass seine rechte Schulter zurückgerissen wurde. Er erschrak, und der Sergeant, der zufällig in der Nähe stand, lachte trocken auf. Er packte Vincent an den Schultern, drückte ihm die Faust in den Rücken und korrigierte seine Haltung, dann forderte er ihn auf, nochmal zu schießen. Vincent brauchte einige Anläufe, doch dann traf er die inneren Ringe der Scheibe. Das Gefühl, eine todbringende Waffe abgefeuert und das Ziel getroffen zu haben, war überraschend berauschend. Gerade nach dem Wortwechsel mit Milo schämte er sich, so zu denken, aber es war nicht zu leugnen. Auch die Übung mit dem Maschinengewehr hatte ihm Spaß gemacht. Der Sergeant ließ die Zielscheibe mit einem Knopfdruck zu sich fahren und überreichte sie ihm feierlich.

»Die darfst du behalten.«

Er zwängte eine neue Pappe in die Halterung und ließ sie in größerer Entfernung zurückfahren. Seine Schüsse gingen nun allesamt daneben. Vielleicht war das auch besser so, dachte Vincent.

Bei der nächsten Pause bat er den Sergeant um ein Interview. Der Mann entsprach mit seinem aufgepumpten Oberkörper und den kurz geschorenen Haaren jeglichen Militärklischees. Er führte sie aus dem Schießstand und in den Schatten einer nahegelegenen Zeder, wo sie auf Kühlboxen Platz nahmen. Milo übersetzte die Worte des Sergeants in der ersten Person, noch bevor Vincent ihn darum gebeten hatte.

»Die Leute sollen ihren Spaß haben. Das ist das wichtigste, die sind ja in ihrem Urlaub … Aber wir bringen ihnen auch etwas bei. Jeder Mensch sollte mal eine Waffe in den Händen gehabt haben und wissen, wie man damit umgeht … Die Leute werden ja immer weicher, gerade die Männer. Von denen weiß ja kaum einer mehr, wie man schießt … Die lehnen sich zurück und denken, denen passiert schon nichts, jemand anderes wird es schon richten. Aber das kann gefährlich sein und mitunter tödlich … Der Terrorismus lauert überall, das ist bei euch nicht anders als hier. Es geht hier um Selbstverteidigung, nicht um Angriff … Wenn da ein Irrer kommt und deine Frau vergewaltigt und deine Kinder vergewaltigt, vor deinen Augen, oder wenn er eine Bombe zündet, dann stehst du nicht daneben und sagst: Bitte nicht… Ich war selbst während der Belagerung in der Stadt, habe von innen heraus die Truppen der Union unterstützt, ich weiß, wovon ich spreche … Ja, den Schießstand habe ich selbst aufgebaut, und die Nachfrage ist wirklich immens … Wir machen auch Seminare, die gehen ein oder zwei Wochen lang, da ist die Gangart schon härter … Schießtraining, Nahkampf, Selbstverteidigung, Überlebenstraining in der Natur, auch Grundlagen asiatischer Kampfsportarten … Dafür kommen Gruppen aus allen Teilen der Welt, die wissen, dass wir hier Expertise haben … Aber das hier, diese Tagesseminare für Touristen, da steht wirklich der Spaß und das Ausprobieren im Vordergrund …«

Nach einer halben Stunde beendete Vincent das Gespräch. Er hatte einige großartige O-Töne aufgenommen, die er im Kopf bereits zu Teasern formte. Er dankte Milo für die Übersetzung und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Während des Interviews war die Gruppe zur nächsten Station weitergezogen, und der Sergeant brachte sie in einem Golfwägelchen dorthin.

Die Teilnehmer waren in Teams aufgeteilt worden und probten eine Gefechtssituation. Zwei verwinkelte Rohbauten dienten ihnen als Parcours. Sie jagten sich über das Geländer und schossen mit Farbpatronen aufeinander. Wer getroffen wurde, musste auf dem Boden liegen bleiben und tot spielen.

Milo und Vincent stiegen aus dem Wagen und traten neben Héctor, der die Szene aus der Ferne verfolgte. Sie sahen den Teilnehmern dabei zu, wie sie ihre Paintball-Gewehre schulterten und sich aus dem zweiten Stock des Gebäudes abseilten. Die Mitarbeiter des Schießstands brüllten ihnen Anweisungen zu, während andere direkt aus dem Fenster sprangen und auf Schaumstoffmatten das Abrollen probten. Héctor trommelte mit den Fingern auf seine Kamera und sah zu den beiden hinüber.

»Ich glaube, wir sind hier fertig.«

Vor dem Eingang zum Schießstand warteten sie darauf, dass die Teilnehmer ihr Programm beendeten und der Bus sie zurück nach Thikro brachte. Vincent und Héctor saßen auf dem Bordstein und schirmten das Kameradisplay vor der Sonne ab. Sie gingen die Aufnahmen durch und trafen eine erste Vorauswahl. Beide waren müde, aufgekratzt und glücklich. Sie teilten sich eine Zigarette und spürten das Adrenalin langsam abflauen.

»Habt ihr Zeit für einen kleinen Ausflug?«, fragte Milo, der sich vor ihnen aufgebaut hatte. Die beiden blickten zu ihm auf.

»Wohin soll es denn gehen?«

»Das ist eine Überraschung.« Er hielt die Hände in den Hosentaschen vergraben und grinste. »Journalisten fahren in fremde Länder, um das Schlechte zu finden. Ich zeige euch etwas Schönes, einverstanden?«

Vincent warf einen Blick zu Héctor, dem er eine frühe Heimkehr versprochen hatte, doch Héctor zuckte nur mit den Schultern und nickte. Milo verschwand in den Straßen des Dorfes, das an den Schießstand grenzte, und kam eine Viertelstunde später in einem alten Peugeot Viersitzer zurück. Er saß auf dem Beifahrersitz und kurbelte das Fenster hinunter.

»Ist das ein Taxi?«, fragte Vincent.

»Nein, das ist Josua.«

Der Mann hinter dem Steuer trug einen staubigen Anzug und hob grüßend die Hand. Milo nannte ihnen den Preis, den er ausgehandelt hatte, und Vincent reichte ihm die entsprechenden Scheine weiter. Josua steckte sie in seine Jackentasche, räumte einen Kindersitz und Plastikflaschen von der Rückbank, und sie stiegen ein.

Sie waren erst wenige Minuten gefahren, als Josua den Blinker setzte und am Straßenrand hielt. Milo kurbelte das Fenster hinunter und eine alte Frau streckte ihren Kopf ins Wageninnere. Sie hatte ein fadenscheiniges, weißes Tuch um die Haare gebunden. Nach einem kurzen Wortwechsel löste Milo seinen Gurt. Er kletterte zwischen den Sitzen hindurch und pferchte sich zwischen Vincent und Héctor auf die Rückbank.

»Wir nehmen sie ins nächste Dorf mit. Sie steht schon eine Weile an der Straße.«

»Warum fährt sie denn per Anhalter?«

»Das macht ihr nichts aus. Es ist nicht gefährlich, sagt sie. Schon als junges Mädchen ist sie die Strecke getrampt.«

Vincent drückte seine Beine zur Seite, damit sich Milo anschnallen konnte, und stellte fest, dass das nicht möglich war. »Du hast ja gar keinen Gurt, Milo.«

»Schon okay, solange die beiden Ausländer angeschnallt sind. Ich kann nicht zulassen, dass einer von euch stirbt. Das gibt schlechte Publicity für die Stadt.«

»Wir können tauschen!«, sagte Héctor, der sich noch nicht an Milos Humor gewöhnt hatte, und Milo gab sich keine Mühe, darauf zu antworten. Die alte Frau hatte indes auf dem Beifahrersitz Platz genommen und drehte sich zu ihnen um. Sie hatte kein Gebiss mehr, Ober- und Unterlippe waren eingefallen. Sie streckte jedem einzelnen die Hand entgegen und murmelte einen Dank, den Milo nicht zu übersetzen brauchte. Ihre Hände waren so dünn und leicht wie Hühnerknochen.

Während der Fahrt wurden Vincent und Héctor zu Zaungästen eines Gesprächs, das die Einheimischen untereinander führten. Auch wenn es die zitternde Stimme der Alten nicht vermuten ließ, gab sie anscheinend ein Bonmot nach dem anderen zum Besten. Milo und Josua brachen regelmäßig in Gelächter aus.

»Was erzählt sie denn?«, flüsterte Vincent.

»Sie flirtet mit uns«, sagte Milo. »Sie sagt, sie ist froh, mit vier so hübschen jungen Männern zu reisen, die anderen Großmütter würden sicher eifersüchtig. Daraufhin Josua: ›Muttchen, ich mache mir Sorgen um deine Augen, ich bin doch hässlich wie die Nacht.‹ Daraufhin sie: ›Lass dir nichts einreden, so riesig ist dein Zinken nicht, wie alle immer sagen, und ein Auto hast du auch noch‹ …«

Durch die Flüsterübersetzung erneut auf die Ausländer aufmerksam geworden, drehte sich die Alte zu ihnen um. Ihre Augen waren glasklar und blau wie der Himmel. Sie sagte etwas und blickte Milo in Erwartung einer Übersetzung an.

»Sie möchte wissen, woher ihr kommt«, sagte Milo und übernahm es selbst, die beiden Männer vorzustellen. Héctor zog sich an der Nackenstütze nach vorne und suchte Milos Blick.

»Frag sie mal, wen sie hübscher findet, mich oder Vincent.«

Vincent senkte beschämt die Augen und lachte. »Tu das nicht, Milo.«

»Doch, frag sie mal!«, beharrte Héctor und stieß ihm den Ellbogen in die Rippen. Milo stellte die Frage und die Alte hörte aufmerksam zu. Ihre Antwort brachte die Einheimischen wieder zum Lachen. Milo übersetzte: »Wenn du so fragst, den anderen.«

Als sie das Haus der Alten erreicht hatten, küsste Josua ihren Handrücken und drückte ihn an die Stirn. Alle im Wagen taten es ihm gleich. Sie bogen zurück auf die Straße, die sich immer steiler die Berge hinaufwand, und waren schon bald von dichten Wäldern umgeben. Auf einer gekiesten Fläche mitten im Nirgendwo kamen sie zum Stehen. Über zwanzig Wagen parkten dort bereits.

»Wir haben eine Stunde, dann bringt er uns zurück nach Thikro.«

Es duftete schwer nach Piniennadeln, als sie aus dem Wagen stiegen, und Milo führte sie auf einen Trampelpfad. Durch die Höhenlage und die schattenspendenden Bäume war das Klima angenehmer als unten im Tal. Nach dem Rattern der Maschinengewehre waren die Vogelsänge eine wahre Entspannung, und sie sprachen kaum ein Wort miteinander. Mit einer letzten Kletterpartie, bei der heraustretendes Wurzelwerk als Stufen diente, erreichten sie einen kreisrunden See. Ein dünner Wasserfall ergoss sich darin. In dem Becken, nicht größer als zehn mal zehn Meter, tummelten sich dutzende Menschen. Es war so voll, dass die Badenden ihre Arme nicht hätten ausstrecken können, ohne einander zu berühren. Sie schwammen nicht, sondern tauchten nur unter oder schöpften Wasser mit ihren Händen, das sie sich über die Köpfe gossen. Vincent war von der Schönheit des Ortes berührt und empfand die Menschenmassen gleichermaßen als surreal – es sah aus, als stünden sie in einem Kochtopf. Héctor schien ähnliche Assoziationen zu haben, jedenfalls holte er seine Kamera hervor und entfernte sich wortlos.

»Hast du Hunger?«, fragte Milo und führte ihn zu einem Bretterschlag zwischen den Bäumen. Dort saß eine Frau vor gewölbten Stahlschalen, unter denen ein Feuer brannte und auf deren Oberflächen sie dünne Fladenbrote buk. Während Milo bestellte, wandte sich Vincent wieder dem Becken zu. Das menschliche Suppengrün bewegte sich in konzentrischen Kreisen, als würde es langsam gerührt. Bisweilen verließ eines den Kreis und stakste tropfend das Ufer hinauf.

Milo drückte ihm drei Dosen Fanta in die Hand, und sie setzten sich auf einen flachen Stein ans Wasser. Sie entdeckten Héctor auf der anderen Seite, halb verborgen zwischen Bäumen und Familien, die dort auf Picknickdecken saßen. Héctor und er waren die einzigen Ausländer.

Milo faltete das ölige Papier auseinander und riss die Fladenbrote in dampfende Stücke. Er leckte seine Fingerkuppen ab und nahm einen Anruf entgegen, der sich vibrierend in seiner Westentasche bemerkbar gemacht hatte. Mit dem wachsenden Respekt, den Vincent ihm gegenüber empfand, lauschte er den fremdartigen Klängen von Milos Muttersprache. Dieser beendete das Gespräch und schob das Handy in seine Westentasche zurück.

»Wie kommt es, dass du so gut Englisch sprichst?«, fragte Vincent.

»Filme und Bücher, und ein gewisses Sprachtalent, nehme ich an.«

»Keine Auslandsaufenthalte?«

»Ich habe mein ganzes Leben in Thikro verbracht.«

Ob darin Stolz oder Bedauern mitschwang, konnte Vincent schwer sagen. Milo stupste ihn mit der Schulter an.

»Na, bist du zufrieden mit deinen Interviews?«, fragte er.

»Sehr zufrieden. Ich dachte, auf den Schießständen wären nur Proleten unterwegs, stattdessen habe ich mit klugen, reflektierten Menschen gesprochen. Moralisch fragwürdig, aber nicht dumm. Es ist immer gut, von den eigenen Recherchen überrascht zu werden.«

Milo lachte. »Wenn wir von unseren Recherchen nicht überrascht werden, sollten wir den Job wechseln. Sonst machen wir ja keinen Journalismus mehr, sondern schreiben entlang unserer Vorurteile.«

»Machen wir das nicht alle ein Stück weit?«

»Umso stärker müssen wir dagegen ankämpfen.«

Vincent fand das ein wenig naiv, und er erinnerte sich daran, wie jung Milo noch war. Er hatte kein Interesse, seinen Idealismus auseinanderzunehmen und schob sich stattdessen eines der Brotstücke in den Mund. Sie waren mit Schafskäse und Spinat gefüllt und schmeckten ausgezeichnet.

»Ich gehe morgen auf die Party einer Amerikanerin, für die ich arbeite«, sagte Milo. »Die gesamte Expat-Gemeinde der Stadt wird versammelt sein, Entwicklungshelfer, Menschenrechtler, Wissenschaftler … falls du noch Kontakte brauchst.«

»Sehr gerne«, sagte Vincent und notierte sich den Termin in seinem Kalender. »Diese Freundin, von der du erzählt hast, Cora. Ist sie auch dabei?«

»Ich kann sie fragen.«

Héctor setzte sich zu ihnen und präsentierte seine Aufnahmen. Vincent gab ihm das Lob, das er hören wollte, und tat sich nicht schwer damit – es waren wirklich großartige Bilder. Sie tauchten die Füße ins Wasser und streckten ihre Gesichter der Sonne entgegen. Der Krieg, die hechelnde Gier der Stadt waren weit weg. Sie saßen beisammen, bis einige Meter entfernt Josua ans Ufer trat. Sie zogen sich die Strümpfe über die nassen Füße und folgten ihm zurück zum Parkplatz.

9

Die Adresse in seinem Notizbuch führte ihn zu einem unauffälligen Bürogebäude. Der Vorgarten war von einem Zaun eingefasst, dessen metallene Spitzen keinen Zweifel daran ließen, wie mit ungebetenem Besuch verfahren wurde. Vincent klingelte und gab der Gegensprechanlage durch, dass er einen Termin mit Mister Varga habe. Er drückte das surrende Tor auf und strich den Kragen seines Hemds glatt, das er heute Morgen aus der Reinigung geholt hatte.

Eine Empfangsdame glich den Namen mit einer bestehenden Liste ab, dann löste sie die Sicherheitskette und bat ihn herein. Er wurde in einen Wartebereich geführt, dessen Boden mit Marmor ausgelegt und dessen Wände mit abstrakter Kunst behangen waren. Vincent setzte sich und spürte eine leichte Nervosität aufsteigen. Er blätterte seine Notizen durch, bis sich eine Tür öffnete und Varga auf den Flur trat. Er trug einen maßgeschneiderten Anzug und mehrere Ringe an den Fingern. Das schüttere Kopfhaar hatte er zurückgekämmt. Er entsprach überraschend genau den Aufnahmen, die im Internet von ihm kursierten. Ein Geruch von Rosenwasser und Pomade ging von ihm aus.

»Schön, Sie zu treffen, Mister Varga.«

»Gleichfalls. Ich hoffe, Sie sind in einem meiner Hotels untergekommen?«

Vincent verneinte. Er stellte sich und seine Redaktion vor und verlor ein paar positive Worte über das aufstrebende Thikro, die Varga schmeicheln sollten. Dieser folgte Vincents Ausführungen mit sichtbarem Desinteresse. Immer wieder schielte er auf eine Tür hinter dem Empfang, bis ein junger Mann im Nadelstreifenanzug dort herauskam und zu ihnen trat. Es war Vargas Pressesprecher. Obwohl Varga passables Englisch sprach, verwies er auf den jungen Mann, der der besseren Kommunikation halber das Gespräch führen würde. Vincent hatte etwas Derartiges befürchtet. Er protestierte, wurde jedoch von Varga mit dem Versprechen vertröstet, dass er am Ende noch für Fragen zur Verfügung stünde. Daraufhin streckte ihm der Pressesprecher die Hand entgegen. Er sprach mit einem bemüht zur Schau getragenen britischen Akzent und stellte sich als Perry vor. Vincent tippte auf ein Studium im Ausland. Dort hatte er sich bestimmt auch den Namen zugelegt.

»Wir sind froh, dass sich Journalisten für unsere Arbeit interessieren. Immerhin tragen wir mit unseren Hotels und Event-locations ganz wesentlich zum wirtschaftlichen Wiederaufbau der Stadt und der Region bei. Wir allein beschäftigen Hunderte Angestellte, ganz zu schweigen von den sekundär und tertiär Beschäftigten.«

Vincent nickte und löste den Handschlag, den Perry während seiner kleinen Rede aufrechterhalten hatte. Perry wies durch eine geöffnete Tür, und Vincent und Varga folgten ihm. Sie betraten einen abgedunkelten Besprechungsraum, und Vincent nahm vor einem barocken Schreibtisch Platz.

»Darf ich ein Diktiergerät verwenden?«, fragte er und hielt es fragend in die Höhe.

»Sicher doch«, antwortete Perry. Er wandte sich einem Silbertablett zu, das mit einer Flasche Whiskey, einer Karaffe Wasser und Gläsern bestückt war. Perry schenkte ihnen Whiskey ein, aber Vincent wehrte ab.

»Wasser, bitte.«

Perry füllte ihm ein zweites Glas mit Wasser und stellte ihm beide hin. Varga hatte sein Whiskeyglas bereits vom Silbertablett genommen und sich etwas abseits in einen Ledersessel gesetzt. Vincent positionierte das Mikrofon auf dem Schreibtisch. Bevor er zu seiner ersten Frage kommen konnte, unterbrach ihn Perry mit einem erhobenen Zeigefinger.

»Entschuldigen Sie – bevor wir Ihre Fragen beantworten, würde ich gerne die Gelegenheit nutzen, unser Unternehmen kurz vorzustellen. Dabei werden sich bestimmt viele Fragen klären.«

Vincent zog unwillkürlich einen Mundwinkel nach unten, nickte aber. Perry griff sich eine Fernbedienung und richtete sie an die Decke. Ein Projektor sprang an und warf das Varga-Logo an die Wand.

»Wie ich eingangs erwähnte, liegt uns die Entwicklung von Thikro sehr am Herzen. Mister Varga hat seine Kindheit und Jugend hier verbracht und hat auch während seiner Zeit im Ausland nie den Kontakt zu seiner Heimatstadt verloren. Sein Bemühen um das Allgemeinwohl zeigt sich in zahlreichen Infrastrukturmaßnahmen, die er privat finanziert hat. Mehrere Straßen, die nach der Belagerung unbefahrbar waren, wurden instand gesetzt. Damit ist Thikro wieder an den Nah- und Fernverkehr angebunden, eine Grundbedingung für den wirtschaftlichen Wiederaufbau der Stadt. Auch ein städtisches Notstrom-Aggregat geht auf unsere Kosten. Thikro ist vierundzwanzig Stunden am Tag an Strom angeschlossen, solche Bedingungen suchen Sie im weiteren Umkreis vergeblich. Ich habe Ihnen entsprechende Berichterstattung in die Pressemappe gelegt.«

Perry holte einen Hefter aus der Schreibtischschublade und reichte ihn Vincent, der ihn ungesehen in seiner Tasche verstaute. Die erfolgreichsten Despoten, so dachte Vincent, gaben ihrem Volk asphaltierte Straßen.

»Thikro ist ein wirklich außergewöhnlicher Ort. Hunderte tapfere Männer haben diesen Ort vor der Barbarei verteidigt, viele haben diesen Kampf mit ihrem Leben bezahlt. Es ist dem Widerstandswillen der hiesigen Bevölkerung zu verdanken, dass Thikro heute fest an der Seite der Union steht. Von diesem Erbe können sich Besucher hautnah überzeugen, etwa bei geführten Touren durch die historischen Kriegsschauplätze oder durch das neu errichtete Museum. Aber auch die Möglichkeit, das Leben in vollen Zügen und mit allen Freiheiten zu genießen, ist Teil dieser Erfahrung. Unsere Gäste feiern hier ein Fest der Demokratie. Sie feiern den Sieg der Menschenrechte.«

Perry wandte sich der Projektion zu und nahm die Fernbedienung zur Hand. Das Varga-Logo wich einer in Zeitlupe ablaufenden Drohnenaufnahme, die Thikro im Sonnenaufgang zeigte.

»Bei einer durchschnittlichen Tagestemperatur von 28 Grad Celsius und einer Sonnenscheingarantie von April bis Oktober kommen unsere Besucher voll auf ihre Kosten. Wir betreiben mittlerweile drei Hotels, in denen wir weitestgehend Vollbelegung verzeichnen können. Unser Angebot reicht von der einfachen Unterkunft bis ins Luxussegment. Als lukratives Geschäftsmodell hat sich unsere Kooperation mit SmartFly erwiesen: Unser Wochenend-Paket beinhaltet Hin- und Rückflug von verschiedenen europäischen Flughäfen, drei Nächte im Mittelklassehotel mit All-Inclusive-Verpflegung, pro Person für unter 200 Euro.«

Perry schob ihm einige Prospekte hin, ohne weiter darauf einzugehen.

»Der Schwerpunkt des Varga-Unternehmens liegt jedoch im Eventbereich. Die wöchentlichen Schaumpartys im Sunrise@ Eden sind legendär und haben in diversen Reiseforen hervorragende Bewertungen erhalten. Das Cactüs ist etwas kleiner und kann sich mit den Clubs der großen Metropolen messen. Hier wird Goa, Industrial und House aufgelegt. Die Größen der Szene sind bereits unserer Einladung gefolgt, wir legen Wert auf ein internationales DJ-Set. Im Übrigen sind Sie herzlich eingeladen, alle unsere Locations selbst zu besuchen. Ich habe der Pressemappe Eintrittskarten beigelegt, zusammen mit einer Auswahl an Getränke- und Essensgutscheinen.«

Varga hatte mittlerweile sein leeres Whiskeyglas auf dem Boden abgestellt. Er saß etwas verdreht in seinem Ledersessel, das Gesicht formal der Projektion zugewandt. Er blickte ausdruckslos in die Leere. Perry wechselte indes die Aufnahme. Sie zeigte schwerbewaffnete Männer in Uniform, deren Blicke an der Kamera vorbei in die Ferne gerichtet waren.

»Sicherheit wird bei uns groß geschrieben. Wir unterstützen den Einsatz der Solidarischen Union ausdrücklich. Dank ihrer Arbeit können wir unseren Gästen einen sorgenfreien Aufenthalt garantieren. Die Reisewarnungen, die manche Botschaften aufrechterhalten, haben mit der Gegenwart nichts mehr zu tun. Das ist ein großes Ärgernis. Viele Menschen haben Angst, nach Thikro zu kommen, aber das brauchen sie nicht. Wir haben in den vergangenen Jahren weder illegale Grenzübertritte noch schwere Kriminalität oder Angriffe erlebt.«

Perry wechselte erneut die Aufnahme.

»Unsere neueste Eventlocation ist das Grip. Dort werden wir unserer stetig wachsenden homosexuellen Kundschaft gerecht, mit einem eigens auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Programm. Wir sind stolz darauf, den einzigen Gay-Club im Umkreis von vierhundertfünfzig Kilometern zu betreiben. In einer Region wie dieser ist das keine Selbstverständlichkeit.«

Vincent blickte zu Varga hinüber. Oberhalb seines geöffneten Hemdsknopfs quoll Brusthaar hervor, die goldberingten Hände hatte er im Schoß verschränkt. Er wirkte wie jemand, der seinem Sohn die Zähne einschlagen würde, sollte dieser mit einem Mann nach Hause kommen. Perry zog indes einen Stapel Magazine aus der Schreibtischschublade und breitete sie vor Vincent aus. Auf den Hochglanzcovern räkelten sich halbnackte Männer mit glänzenden Oberkörpern.

»Es haben bereits verschiedene Medien über das Grip berichtet, sehr wohlwollend allesamt. Von einer dänischen Zeitschrift wurden wir als Location des Jahres ausgezeichnet. Ich habe Ihnen Kopien davon in die Pressemappe gelegt.«

Vincent blätterte aus Höflichkeit eines der Magazine durch, bevor er es zurücklegte. Perry verstaute sie wieder in der Schublade.

»Haben Sie jetzt noch Fragen? Ich beantworte sie Ihnen gerne.«

Vincent verließ das Gebäude und zündete sich im Gehen eine Zigarette an. Ohne klares Ziel lief er die Straße hinab. Keine Minute länger wollte er auf Vargas Grundstück verbringen. Die Antwort auf jede kritische Frage war in Perrys Übersetzung weichgelutscht und auf Unternehmenslinie getrimmt worden. Er ärgerte sich, nicht auf Milo als seinen Dolmetscher bestanden zu haben, und ahnte gleichwohl, dass das Gespräch dann gar nicht zustande gekommen wäre. Vincent blickte über die flimmernden Dächer der Stadt und zog sein Telefon aus der Tasche. Milo hob nach dem ersten Klingeln ab.

»Milo? Ich komme gerade aus dem Gespräch mit Varga. Die haben mir nur Scheiße erzählt. Können wir uns treffen?«

Vincent wartete mit verschränkten Armen vor dem Restaurant, in das Milo ihn delegiert hatte. Das Viertel, in dem es sich befand, schien weitgehend verlassen. Ein kleiner Junge rannte über die Felder zwischen den Häusergerippen. Er zog einen Drachen hinter sich her, der sich nur sporadisch und müde in die Luft erhob. Vincent fing das hoffnungslose Spiel mit seiner Kamera ein, als Milo in seinem Wagen vorfuhr.

Der Wirt spielte auf seinem Handy, als sie eintraten. Sie waren die einzigen Gäste im Restaurant. Vincent belächelte die dorischen Plastiksäulen, die dem Garten ein spätantikes Flair verschaffen sollten. Nur auf einem Drittel der Tische war Besteck aufgetragen.

»Hier wurden früher Hochzeiten gefeiert«, sagte Milo, nachdem sie sich gesetzt hatten. Vincent legte seine Tasche ab und streckte den Rücken durch.

»Jetzt nicht mehr?«

»Die Leute haben kein Geld für große Feiern.«

Vincent schob den Aschenbecher heran und zündete sich eine Zigarette an.

»Das Interview war beschissen.«

»Sagtest du bereits.«

»Ich kann nichts davon gebrauchen. Außer die Eintrittsgutscheine, die sparen mir einiges an Geld.«

»Was hast du denn von Varga erwartet?«

»Zumindest einen Kratzer in der Oberfläche. Aber keine Chance. Mit der Show seines Pressesprechers Perry – «, er zog dabei Anführungszeichen in die Luft, »kann ich ein paar Sätze füllen, aber keinen Artikel.«

Der Wirt kam an ihren Tisch, und Vincent bestellte ein Bier.

»Wir haben kein Bier«, sagte der Wirt in gebrochenem Englisch und deutete auf die dorischen Säulen, als würde dies alles erklären. »Weinlokal.«

Vincent bestellte daraufhin ein Glas weißen Hausweins, wurde aber erneut unterbrochen.

»Nur ganze Flasche.«

Vincent stutzte. Er begann mit dem Wirt zu diskutieren, und auch Milo schaltete sich ein. Er sprach mit ihm in dessen Muttersprache, erhielt aber, wie Vincent schien, die mit denselben Handbewegungen unterstrichenen Ausflüchte. Vincent bestellte schließlich eine ganze Flasche, und der Wirt zog zufrieden ab.

»Der hat mich gerade verarscht, oder?«

»Ja, das hat er.«

»Immerhin hast du versucht, mir zu helfen.«

»Nur halbherzig.«

Vincent lachte.

»Die Menschen waren früher anders«, sagte Milo. »Wir hatten nicht viele Besucher in der Stadt. Es gab ein Hotel und eine Jugendherberge, und die wurden meist für Familienfeiern benutzt. Aber wenn wir richtige Besucher in der Stadt hatten, wurden sie umgarnt. In den Geschäften hat man ihnen eine Kleinigkeit geschenkt, selbst wenn sie nichts gekauft haben. Einmal saßen wildfremde Franzosen in unserem Wohnzimmer, da war ich ein kleiner Junge. Meine Tante hatte sie auf der Straße aufgegabelt. Einer der beiden war schwarz und das hat ihr gefallen, sie kannte Schwarze nur aus dem Fernsehen. Ich wurde geschickt, um meine Schwägerin zu holen, sie hatte ein Gästezimmer, und die Franzosen sollten dort übernachten. Als Fremder wurdest du mindestens auf einen Kaffee eingeladen, jetzt stellen sie dir die Luft zum Atmen in Rechnung.«

»Nun ja, was bleibt ihnen übrig? Sieh dir den Laden an. Wie viele Hochzeiten gab es wohl im letzten Jahr? Wie viele wurden ausschweifend gefeiert? Es ist nie schön, über den Tisch gezogen zu werden, aber die Leute versuchen über die Runden zu kommen, und ich bin der reiche Ausländer.«

»Mach es uns nicht zu leicht. Wir sind nicht nur Opfer eines Krieges, sondern Menschen mit guten und schlechten Eigenschaften. Es gibt immer eine Wahl.«

Der Wirt kam mit der Flasche Wein und zwei Bechern zurück. Vincent wollte ihnen einschenken, doch Milo wehrte ab.

»Du musst mir damit helfen«, sagte Vincent.

»Ich trinke keinen Alkohol.«

»Generell nicht?«

Milo zog eine Kette hervor, die er um den Hals trug. Auf dem Stein war eine arabische Kalligrafie eingraviert.

»Ich bin Muslim.«

»Gehen wir heute Abend nicht auf eine Party?«

»Na und?«

Vincent schenkte sich selbst den zweiten Becher ein. »Wenn ich schon vor der Party betrunken bin, bist du dafür verantwortlich.«

»Ich bin für gar nichts verantwortlich. Warum hast du auch eine ganze Flasche bestellt?«

Vincent holte grinsend sein Notizbuch hervor. »Milo, hilf mir mal kurz beim Denken. Dieses Interview hat mich kalt erwischt. Ich wusste, dass Varga mauern würde, aber ich habe zumindest auf einen Ansatz für meine Recherchen gehofft, einen Geruch in der Luft, nach dem ich die Nase strecken kann. Für die Reisereportage habe ich genug, da grase ich noch ein paar Clubs ab, mache etwas Vox Pop und dann ist gut. Aber das soll nicht der einzige Text bleiben. Ich habe seit Kurzem Kontakte zum Intruder. Du kennst den Intruder?«

»Natürlich.«

»Ich dachte, diese Varga-Geschichte könnte etwas für den Intruder sein, aber im Moment stehe ich zu schwach da. Ich brauche einen besseren Einblick in den Filz zwischen Varga, den Drogenclans und der SU. Das ist eine große Kriegsverwertungsmaschine, bei der sich alle gegenseitig in die Hände spielen.«

»Jedem, der sich ein wenig mit Thikro beschäftigt, ist das klar.«

»Aber ich möchte die Details. Welche Absprachen gibt es untereinander? Wer finanziert wen? Wer verdient woran und wie viel?«

»Kein Mensch wird dir davon erzählen. Vincent, was erwartest du?«

»Sam wird plappern, allein schon aus Geltungssucht. Ich brauche keine geheimen Protokolle, keine Nummern von Offshore-Konten. Da komme ich nicht ran, schon klar. Ich brauche nur einen Insider, der mir das grobe System bestätigt. Den ich zitieren kann. Einen Söldner der SU vielleicht.«

»Diese Leute sind verschwiegen. Sehr loyal gegenüber ihrem Arbeitgeber. Außerdem ist denen die linke Presse verhasst. Wie willst du unter diesen Umständen jemanden finden?«

»Dafür habe ich ja dich. Kannst du mir helfen?«

Milo blickte ihn argwöhnisch an, aber er dachte nach.

»Es müssen keine hohen Tiere sein«, warf Vincent ein. »Niederes Fußvolk geht auch. Jemand, der genug Einblick hat, um mir ein paar Krumen zuzuwerfen. Den Rest deute ich an.«

»Ich sehe, was sich machen lässt.«

»Danke.«

Vincent packte sein Notizbuch beiseite und schenkte sich großzügig nach. Er lehnte sich zurück und ließ den Blick auf dem Monopteros ruhen, der die Mitte des Gartens zierte. Dort zu sitzen stand sicherlich dem Brautpaar zu. Spatzen hüpften auf dem Tisch herum.

»Wann gehen wir eigentlich auf diese Party?«

Milo zuckte die Achseln. »Neun, halb zehn?«

Vincent hatte keine Lust, die letzten Stunden vor der Party in seiner Wohnung zu verbringen. Er fragte Milo, ob sie bis dahin etwas unternehmen wollten, und Milo lud ihn zu sich nach Hause ein. Vincent steckte die halbvolle Weinflasche in seine Tasche und beglich beim Hinausgehen die Rechnung.

10

Milo führte ihn durch seine Wohnung, die er mit lakonischem Gestus präsentierte: Schlafzimmer, Badezimmer, Einbauküche, Wohnzimmer. Es war die Hälfte einer einstmals großen Wohnung, deren Verbindungsstück zugemauert worden war. Die kahlen Backsteine wurden von einem Wandtuch verdeckt. Man konnte dahinter eine Tür vermuten, die dort tatsächlich einmal gewesen war, und manchmal, sagte Milo, würde er sich den Scherz erlauben und Gäste auf der Suche nach dem Badezimmer hinter das Tuch schicken.

»Warum hast du das nicht mit mir gemacht?«

»Weil ich noch mein Honorar möchte.«

Vincent lachte. Er ließ sich auf dem Sofa nieder, während Milo Tee aufsetzte. Die Wohnung hatte ihm seine Tante nach der Belagerung überschrieben. Er habe eine Wand ziehen sowie eine Eingangstür und ein Bad für die neu entstandene Wohnung bauen lassen. Das Geld für die Bauarbeiten habe er von seiner Tante erhalten, die nach dem Krieg ins Ausland gegangen war. Von den Mieteinnahmen und den Dolmetschereinsätzen könne er in einer Stadt wie Thikro gut leben.

»Wie alt bist du noch mal?«, fragte Vincent.

»Vierundzwanzig.«

Vincent nickte anerkennend. »Für dein Alter bist du ziemlich geschäftstüchtig.«

»Mir blieb nichts anderes übrig.«

»Du warst achtzehn, als sie Thikro eingenommen haben?«

»Ich hatte mich gerade auf meinen Schulabschluss vorbereitet. Sie kamen kurz vor den ersten Prüfungen.«

Vincent setzte ein ernstes Gesicht auf. Ihm lagen Fragen auf der Zunge, die er vorerst zurückhielt. Er streifte durch die Wohnung und entdeckte ein Regal, das vollgestopft war mit Büchern. Sie waren in unterschiedlichen Sprachen verfasst und stapelten sich bis unter die nächst höheren Regalbretter. Vincent zog ein paar Bücher heraus, deren Autoren er wiedererkannte. Khalil Gibran, Arundhati Roy, Harper Lee. Die meisten waren von häufiger Lektüre zerfleddert.

»Liest du?«, fragte Milo, der gerade den Gaskocher ausdrehte.

»Nicht viel«, sagte Vincent. Er stellte die Bücher wieder zurück an ihren Platz. »Die meisten deiner Bücher kenne ich nicht.«

»Ich lese kaum westliche Literatur.«

»Warum nicht?«

»Es ist alles sehr düster. Ihr schreibt nicht mehr über die Liebe, außer sie ist destruktiv. Eure Literatur verliert das Schöne aus den Augen, das Unbeschwerte, das Verspielte. Eure Poesie liegt in der möglichst plastischen Beschreibung eines Scheißhaufens.«

Milo schabte die Unterseite des kleinen Teekessels am großen Teekessel ab, um das Dunstwasser aufzufangen. Er goss den Sud in die Gläser und füllte sie mit heißem Wasser.

»Allerdings ist es schwer geworden, in Thikro an neue Bücher zu kommen. Was ich hier habe, ist aus der Zeit vor dem Krieg.«

»Warum bestellst du nicht übers Internet?«

Milo zuckte mit den Achseln. »Ja, das ist natürlich möglich.«

Er stellte den Tee mit Zuckerwürfeln und Löffeln auf ein Tablett. Er brachte es nicht an den Tisch, sondern blieb damit vor der Haustür stehen.

»Machst du mir auf?«, fragte Milo.

»Wohin gehen wir?«

»Aufs Dach. Ich möchte dir etwas zeigen.«

Milo erklomm die Steintreppe, die an der Außenwand des Gebäudes zu den höheren Stockwerken führte. Sie passierten die Nachbarwohnungen, in denen Familien vor ihren Fernsehgeräten saßen und zu Abend aßen. Das Ende der Treppe wurde durch ein Gittertor versperrt. Milo setzte das Tablett ab, um das Schloss zu öffnen und ließ Vincent den Vortritt.

Auf dem Flachdach befand sich ein Taubenschlag. In einer langen Reihe standen Käfige, deren Türen offen standen. Die Tauben saßen auf dem Dachsims oder zogen spiralförmige Bahnen durch die Luft. Milo stellte den Tee vor einer Sitzbank ab und verschwand in einem hölzernen Schuppen. Er kam mit einer Schüssel zurück, senkte seine Hand hinein und streute Getreidekörner über den Boden. Die Tauben, die sich zuvor über das gesamte Dach verteilt hatten, hüpften auf die Körner zu oder flogen die kurze Strecke. Ihr Gefieder war schneeweiß, rostbraun oder überzogen von gefleckten Grautönen.

»Sie fliegen hunderte Kilometer weit.«

»Woher weißt du das?«

»GPS.«

»Meinst du das ernst?«

Milo grinste ihn an, mit der ruhigen Überlegenheit eines Fachmanns. »Manchmal tauchen fremde Vögel bei mir auf, mit einem Ring am Fuß. Darauf ist eine Nummer, die kann ich im Internet zurückverfolgen. Eine war über tausend Kilometer von ihrem Schlag entfernt.«

»Hast du sie behalten?«

»Ich wollte keinen Ärger. Manche Züchter können ihre Tiere für Tausende Dollar verkaufen. Es werden immer wieder Tauben gestohlen, deswegen hängt bei mir ein großes Schloss vor dem Eingang. Der Handel ist eigentlich verboten, aber der Schwarzmarkt ist groß.«

»Wie trainiert man die Tauben dazu, zurückzukommen?«

»Wenn sie noch sehr jung sind, trennt man ihnen die Hälfte der Flügel ab. Dadurch bleiben sie länger auf dem Dach und gewöhnen sich an ihre Umgebung. Wenn die Flügel nachwachsen und sie zu fliegen beginnen, zieht es sie immer an diesen Ort zurück.«

Vincent hob die Augenbrauen.

»So machen es zumindest manche«, sagte Milo, »ich aber nicht. Wenn sie frisch geschlüpft sind und ihre ersten Flüge machen, bringe ich sie vors Haus. Mit der Zeit vergrößere ich die Abstände, bis sie die Strecke kennen.«

Milo senkte seine Hand ein letztes Mal ins Getreide, dann brachte er die Schlüssel zurück. Er nahm den abgeschnittenen Joghurtbehälter, der den Vögeln als Tränke diente, und kippte das alte Wasser über den Sims. Dann füllte er ihn an einem Wasserhahn auf.

»Bitte, nimm Platz«, sagte Milo und wies auf die gepolsterte Bank. Vincent setzte sich. Er trank von seinem Tee und beobachtete Milo, der seine Handgriffe mit der Geschmeidigkeit jahrelanger Wiederholung tätigte. Nachdem er seine Vögel versorgt hatte, setzte sich Milo zu Vincent auf die Bank. Die Dämmerung setzte ein und hell erleuchtete Gassen zogen sich wie Äderchen zwischen den Häusern. Es war alles sehr friedlich, und zum ersten Mal bekam Vincent das Gefühl, dass man diese Stadt mögen konnte. Sie tranken ihren Tee und unterhielten sich, ohne einander im Dämmerlicht recht zu erkennen. Sie sprachen sehr offen miteinander, teilten Erlebnisse aus ihrer Kindheit und lachten viel. Als Milo sein Glas geleert und abgestellt hatte, schob er sich näher heran. Wie zufällig berührten sich ihre Knie. Vincent dachte sich nichts dabei, doch stellte er fest, dass Milo den Körperkontakt aufrecht hielt. Es wurde merkwürdig still zwischen den beiden, und Milo atmete flacher, als schärfe er die Sinne für jegliche Reaktion, die von Vincent ausging.

Mit einem Mal war Vincent hellwach. Er begriff, was gerade vor sich ging, und fragte sich, wie er das Missverständnis auflösen konnte. Milo linste derweil zu ihm hinüber und sah wieder weg. Von dem selbstsicheren, forschen Mann war nichts übrig geblieben – ein unsicherer Junge saß neben ihm. Milo schien sein Schweigen als Zustimmung zu deuten und schob eine Hand auf sein Knie. Vincent räusperte sich und Milo zog die Hand schnell zurück. Peinlich berührt drehte Vincent sein Teeglas zwischen den Fingern und suchte nach Worten. Als er keine fand, stand er auf und spazierte über das Flachdach. Aufgeschreckt von der plötzlichen Bewegung, stieben die Vögel auseinander, und ihr Flügelschlag durchbrach die Stille. Vincent beobachtete, wie sich ihre Umrisse vor der Nacht abzeichneten, ein Schwarm gespenstischer Kreaturen. Die Tauben ließen sich nieder und rotteten sich an anderer Stelle zusammen.

»Wollen wir jetzt zur Party gehen?«, fragte Milo.

»Gerne«, sagte Vincent und wandte sich bereits der Treppe zu.

Sie zählten zu den ersten Gästen. Die Wohnung lag im zweiten Stock eines Apartmentblocks und gehörte einer Frau aus den Vereinigten Staaten. Sie besaß Universitätsabschlüsse in Psychologie und Geschichte und betrieb eine akademische Zeitschrift für Konfliktforschung. Ihr Name war Barbara. Sie führte die beiden in die Küche, damit Vincent das mitgebrachte Bier abstellen konnte, und er stopfte die Flaschen zu den übrigen in den Kühlschrank.

»Woher kennt ihr beiden euch?«, fragte Vincent die Gastgeberin, nicht zuletzt, um jemand Drittes in ihr Schweigen einzubeziehen.

»Milo? Er hat mir gedolmetscht. Der Junge hat für die halbe Stadt gedolmetscht. Er ist Gold wert, sei froh, dass du ihn hast.«

»Ich stehe neben euch«, sagte Milo.

»Das sollst du ruhig hören, denn es ist wahr.«

Barbara führte sie durch die anderen Räume. Die Wände waren kahl, teilweise sogar unverputzt, und sie sagte entschuldigend, dass sie erst vor wenigen Wochen eingezogen sei. Man könne den heutigen Abend eine Housewarming Party nennen, auch wenn ihr an einer wärmeren Wohnung sicher nicht gelegen war; die Klimaanlage funktioniere nicht, und sie habe wenig Vertrauen in die Handwerker.

»Cheers«, sagte Barbara und prostete ihnen zu. Auf dem Teppichboden im Wohnzimmer saßen Gäste mit Papptellern auf dem Schoß. Einige kamen auf Milo zu, um ihn zu begrüßen, und Milo nutzte die Gelegenheit, um sich von Vincent abzusetzen. Vincent ging in die Küche zurück. Er dachte an die Abfuhren, die er selbst eingefahren hatte und empfand Mitleid für den Jungen. Er wollte ihm die Scham nehmen, aber er wusste nicht wie. Bei dem Gedanken, mit Milo darüber reden zu müssen, durchfuhr ihn ein kalter Schauer.

Der Küchentisch war mit Oliven, Bulgur, Weinblättern, verschiedenen Käsesorten und Blätterteigrollen gefüllt. Vincent häufte sich davon ordentlich auf einen Pappteller und setzte sich ins Wohnzimmer. Er war auf einer typischen Expat-Party gelandet. Die Gäste waren weiß und wohlsituiert. Gespräche kamen unweigerlich auf die politische und soziale Lage im Gastland zurück, das sich aus der teilnehmenden Beobachtung ausländischer Geisteswissenschaftler, Entwicklungshelfer und Wirtschaftsingenieure zusammensetzte. Sah man von der unvermeidlichen Selbstinszenierung ab, waren die Gespräche in der Regel klug und interessant. E-Mail-Adressen und Buchempfehlungen wurden auf kariertes Papier gekritzelt, dazu trank man Bier einer lokalen Marke.

Vincent hatte schon einige dieser Partys besucht. An ihrem Ende stand oft ein heftiger Absturz, der der Kurzlebigkeit der Beziehungen geschuldet war. Manche verbrachten nur wenige Monate in der jeweiligen Stadt. Die Fluktuation der Sexualpartner war immens und kompensierte insbesondere in abgelegenen Gegenden den Mangel an synthetischen Drogen. Die fehlende soziale Kontrolle in der Fremde enthemmte zusätzlich. Vincent musste an einen Mann denken, der ihm kürzlich auf dem Boulevard begegnet war. Der Mann, halb besinnungslos vom Alkohol, wurde von seinen Freunden gestützt und trug ein Shirt mit der Aufschrift Auswärts sind wir asozial. Die Menschen waren nicht so verschieden, manche wussten nur das Ausleben ihrer Triebe besser zu verpacken.

Im Nachbarzimmer wurde Musik aufgedreht, und der Zirkel, in dem sich Vincent unterhalten hatte, zerstreute sich. Er tastete nach seinen Zigaretten und blickte zu Milo hinüber, der in ein Gespräch mit zwei seiner Landsleute vertieft war. Vincent beobachtete seine Gesten, seine Art zu sprechen. Er nahm für sich genug Lebenserfahrung in Anspruch, um einen schwulen Mann als solchen zu erkennen, aber in Milo hatte er sich getäuscht. Er fragte sich, ob andere auf der Party davon wussten oder ob Milo es geheim hielt. Womöglich ließ sich aus seinen Erfahrungen eine Geschichte machen. Vincent konnte sie von der Reisereportage loslösen und unabhängig verkaufen. Diskriminierte sexuelle Minderheiten im Ausland liefen immer gut. Er ging im Kopf einige Redaktionen durch, denen er die Geschichte anbieten konnte und mahnte sich gleichzeitig, nichts zu überstürzen. Der Junge war Gold wert, damit hatte Barbara schon recht. Vincent notierte sich einige Stichpunkte in seinem Notizbuch und wechselte ans Fenster.

Die Gastgeberin hatte die Wohnung – untypisch für das Land – zu einer rauchfreien Zone erklärt, sodass er den Kopf aus dem Fenster und in die warme Nachtluft strecken musste. Er beobachtete die streunenden Hunde, die im gemächlichen Laufschritt durch die Straße zogen. Kabelstränge durchkreuzten das engbebaute Viertel, eine einzelne Straßenlaterne spendete Licht. Immer mehr Hunde kamen zusammen, steckten ihre Schnauzen in Müllsäcke oder jagten einander in dunkle Seitenstraßen.

Er erinnerte sich an das Rudel, das ihm einst im Viertel seiner Großmutter begegnet war. Sein Bruder und er hatten die Sommerferien dort verbracht. Containerschiffe kreuzten das Meer jenseits der betonierten Uferlinie. Sie verbrachten ihre Tage auf einer Halde mit Metallschrott, auf der sie stundenlang spielten und kleine Roboter bauten. Auf dem Rückweg machten sie Witze über die Großmutter, die immer wieder vor den Hunden in der Hafengegend gewarnt hatte. Noch über die Großmutter lachend, bogen sie um eine Ecke und standen einem Rudel gegenüber. Vincent erinnerte sich an ihre drahtigen Körper, die nur aus einem einzigen aufgerissenen Maul zu bestehen schienen; an ihr Bellen, das in die Knochen drang und die Beine weich werden ließ. Sie retteten sich auf einen Strommast und verharrten dort in Todesangst, bis eine Polizeistreife die Hunde vertrieb und die beiden zum Haus der Großmutter brachte.

Vincent drückte die Zigarette an der Außenwand aus und schnippte sie auf die Straße. Die Hunde vor den Müllsäcken waren verschwunden.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺998,95
Yaş sınırı:
0+
Hacim:
411 s. 3 illüstrasyon
ISBN:
9783843806695
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar