Kitabı oku: «Sterbewache»
ARNOLD ILLHARDTSterbewache
ARNOLD ILLHARDT
Sterbewache
AM TOTENBETT
MEINES VATERS

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in
der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de› abrufbar.
© 2013 Echter Verlag GmbH, Würzburg
www.echter-verlag.de
Umschlag: Peter Hellmund (Foto: Thinkstock)
Satz: Hain-Team, Bad Zwischenahn (www.hain-team.de) Druck und Bindung: fgb · freiburger graphische betriebe
ISBN
978-3-429-03629-4 (Print)
978-3-429-04714-6 (PDF)
978-3-429-06128-9 (ePub)
Für meine Frau Marion
Vorwort
Im Jahr 2000 starb mein Vater in einem kleinen Krankenhaus im Münsterland. Sein Tod war abzusehen; er starb portionsweise, nachdem ihn seine Alzheimer-Erkrankung mehr und mehr dahinsiechen ließ. Ich verbrachte mit ihm seine letzte Nacht auf dieser Welt an seinem Bett und hielt Sterbewache.
In meinem früheren Beruf als Krankenpfleger habe ich auf professionelle Weise unzählige Menschen in diesen letzten Momenten, aber auch die trauernden Angehörigen begleitet. In meiner späteren Tätigkeit als Psychologe wurde die Trauer um den Tod einer nahestehenden Person und der vielfach unbewältigte seelische Schmerz so manches Mal Thema in den Therapiesitzungen.
Bei dem Tod meines Vaters spielte meine eigene Professionalität keine Rolle mehr. Hier galten andere Maßstäbe. Die Sterbenacht wurde zu einem unvergesslichen Ereignis, das viel in mir bewegte und mein Denken über das Leben und den Tod gewaltig durcheinanderbrachte, letztendlich aber positiv prägte. An diesen Gedanken und Gefühlen möchte ich den Leser in großer Offenheit teilnehmen lassen.
Was zunächst als Tagebuchaufzeichnung gedacht war, wurde mehr und mehr zu einer Art Essay über die letzten Dinge im menschlichen Sein. Mich begann das Thema so sehr zu faszinieren, dass ich mich an die Arbeit machte, in unterschiedlichsten literarischen Quellen zu forschen. Dazu zählten sowohl Blogs und Seiten im Internet als auch viele Bücher beispielsweise aus den Bereichen Theologie, Philosophie, medizinische Ethik, Psychologie sowie der Belletristik. Ich begann mit den Zitaten zu spielen und arbeitete sie in die tatsächlichen und fiktiven Passagen meines Skripts ein. So kommen wie in einem literarischen Crossover verschiedene Stile zusammen. Die Quellen der jeweiligen Anleihen werden im Anhang aufgeführt, sind allerdings für das Verständnis des Textes nicht dringend erforderlich.
Mit meinem kleinen Buch „Sterbewache“ möchte ich abseits von Ratgebern oder spirituellen Abhandlungen Leser ermutigen, sich diesem Thema zu stellen. Die Reaktionen der Menschen auf den Tod einer geliebten Person sind sehr unterschiedlich.
In jedem Fall bedeutet der Abschied von den Sterbenden, das Erleben ihres Todes, eine tiefe Erschütterung. Sie zu ertragen, ihr nicht auszuweichen, dazu gehören Kraft und Mut. Aber noch nie habe ich gehört, jemand habe später bedauert, dabei gewesen zu sein.1
Gerade Männer drücken ihre Trauer oftmals nicht direkt aus, sondern flüchten sich in Verdrängungsprozesse, die ihr Verhalten für ihre Umwelt oftmals nicht nachvollziehbar macht. In einem Interview mit dem Rockmusiker Max Cavalera beschreibt dieser den Hintergrund für die recht extrem und aggressiv ausfallende Musik folgendermaßen: „Ich habe eine aggressive Seite, die daher rührt, dass ich den Tod meines Vaters nie wirklich verarbeitet habe. Da ist ständig die Wut in mir …“2
Ich war bis zu diesem Buch – außer im beruflichen Kontext – selbst ein wahrhafter und geschickter Verdränger von Themen wie Trauer und Tod. Sie waren nicht Gegenstand meiner Lebensphilosophie, die eher von lust-, freud- oder genussvollen Inhalten geprägt war. Die Aufzeichnungen, aber auch viele Gespräche mit Männern und Frauen haben mein Bild maßgeblich beeinflusst.
Wer darüber redet, beginnt, den Tod als Teil des Lebens zu begreifen.3
Genau dies ist meine Absicht.
Telgte, im Juli 2013
Ich beginne zu sprechen vom Tod.
Viele Irrglauben sind verbreitet
Aber wenn man den Wunsch von der Furcht abscheidet kommt uns die erste Ahnung von dem, was uns droht.4
Verachte nicht den Tod, sondern befreunde dich mit ihm, da auch er eines von den Dingen ist, die die Natur will.5
Die Stimme am anderen Ende des Telefons ist energisch, hat etwas von dieser Dringlichkeit, die keinen Aufschub erlaubt und die mich einen Moment erfrieren lässt, erwischt sie mich doch eiskalt mitten in meiner Alltäglichkeit:
Sie sollten sofort kommen. Ihrem Vater geht es sehr schlecht.
Man hatte meinen Vater, der zusammen mit meiner Mutter in einem Seniorenheim lebte, in eine Klinik gebracht. „Ihrem Vater geht es sehr schlecht!“ Ist das nicht gleichbedeutend mit: Es könnte sein, dass er jeden Moment stirbt? Viele Male schon hatte sich dieser Moment in meinem Kopf abgespielt, nicht minder bedrohlich und ernst. Nur weniger wahrhaftig. Denken ist etwas anderes als Erleben! Ich war schweißgebadet aus Träumen erwacht, in denen es um Sterben und Tod ging. Ich sah den Tod meiner Eltern, meiner Frau, guter Freunde. Sah in Gesichter, die vom nahen Tod gezeichnet waren. Ich sah meinen eigenen Tod. Ja, ich sah diese schrecklichen Dinge, allerdings hatte ich eine nähere Auseinandersetzung damit aufgeschoben. Für ein Später, an das ich zu jenem Zeitpunkt nicht denken mochte. Reichte es nicht, daran zu denken, wenn es so weit war?
Nein, ich wollte nicht in den schönsten Phasen meines Lebens über den Tod nachdenken – nicht über meinen und nicht über den irgendeines mir nahestehenden Menschen. Nur dann und wann ein Schatten, der kurz mein Dasein verfinsterte. Sterben fand eh nur jenseits meines Alters statt. Mit Ausnahmen vielleicht, aber weit weg. Ich mied Sterbeanzeigen in der Tageszeitung, machten sie mir doch bewusst, dass der Tod keine Gnade kennt, dass ihm Alter und Geschlecht egal sind.
Aber plötzlich taucht aus dem Schattendasein Realität auf. Träume, Gedanken, all das ließ sich bisher mit dem Erwachen vertreiben oder als Ausgedachtes enttarnen. Doch nun versetzt es mich in einen Zustand, aus dem ich mich am liebsten davonschleichen möchte. Hunderte Male habe ich als Kind zur Nacht gebetet: Lieber Gott, lass meine Eltern lange leben. Nun beginnt die Wirkung dieser kindlichen Stoßgebete zu verblassen. In Ewigkeit. Amen. Es gibt keine Unendlichkeit, sie kam mir immer nur so vor. Ich hatte das Zeitliche mit dem Ewigen vertauscht! Und verzweifelt der Mensch nicht in dem Moment, wo er glaubt, das Ewige und sich selbst verloren zu haben?
Doch die Verzweiflung sollte später kommen. In solchen Momenten muss die Verzweiflung hintanstehen. Eher führt die Verwirrung Regie, das Nicht-wahrhaben-Wollen. Ich taumele, körperlich wie gedanklich. Vielleicht war es nur ein kurzer Traum, der der Wirklichkeit gefährlich nahkam. So etwas gibt es doch. Bewusstseinszustände, die komplett aus jeglicher Realität herausgelöst sind.
Ich sitze wie versteinert an meinem Bürotisch, unfähig zu handeln oder zu entscheiden. Ich starre auf den Bildschirm, ohne auch nur irgendetwas zu erkennen: Schneegestöber. Bildstörung. Soll ich meine angefangene Arbeit erst beenden? … Ich kann doch nicht mittendrin … müsste erst noch den und den verständigen … kann doch nicht einfach wegfahren … Meine Gedanken rasen, hasten hierhin und dorthin auf der Suche nach Erklärungen und Lösungen. Wer gibt mir bitte eine Betriebsanleitung mit den richtigen Schrittvorgaben? Erstens bis letztens! Lange nicht mehr – schon gar nicht als erwachsener Mann – habe ich mir jemanden gewünscht, der mich an die Hand nimmt und mir den richtigen Weg weist. Mir sagt, was ich zu tun habe. Meine Schritte lenkt.
Es gibt kein Wort für den erwachsenen Sohn, die volljährige Tochter; wir bleiben Kinder im Verhältnis zu den Eltern, selbst im Greisenalter noch.6
Ich schalte den Computer aus, stopfe alle Sachen in meine Tasche … lösche das Licht und begebe mich zu meinem Wagen. Eiligen Schrittes, überstürzt oder panisch? Bin ich überhaupt Herr meiner Sinne? Mitten im Leben trifft mich die Nachricht wie ein Pfeil. Ins Herz! Und ganz in der Ferne gibt es eine leise, fürsorgliche Stimme, die mir rät, auf mich zu achten und nicht in Hektik zu verfallen. Ist das deine Stimme, Vater?
Während der Fahrt merke ich, dass ich langsamer fahre als sonst. Ich muss jetzt die Ruhe bewahren, darf nichts überstürzen. Ich denke an die motivationspsychologische Theorie der Vektoren – mein Gott: in dieser Situation! –, an diese unsichtbaren Kräfte, die einen anziehen und fernhalten, wovon auch immer. Natürlich will ich ihm in dem verletzlichsten Moment seines Lebens beistehen, bei ihm sein, wenn er sterben sollte. Eine Selbstverständlichkeit!
Sterben? Der Arzt am Telefon hatte nur von Es geht ihm schlecht gesprochen.
Ist es tatsächlich immer eine Selbstverständlichkeit? In meiner früheren Tätigkeit als Krankenpfleger habe ich viele Söhne und Töchter erlebt, die diese letzte Handlung ihren sterbenden Eltern gegenüber verweigerten. Vielleicht war die Beziehung zerrüttet, vielleicht handelten sie so aus Angst oder aus Gleichgültigkeit. Ich habe es nie verstanden. Bei mir geschieht es aus Liebe. Ich habe meinen Vater geliebt – eine herzliche Vater-Sohn-Beziehung, wenn auch nicht immer ganz einfach. Doch ist sie tatsächlich stärker als meine Angst vor diesem gewaltigen Moment? Manche Lebensmomente haben eine solche Intensität, dass sie das Bewusstsein lähmen, dass sie Menschen in eine Art Trance katapultieren, dass sie unser Tun in einen alle Sinne betäubenden Kokon einhüllen. Ein surrealer Stummfilm. Ein apokalyptisches Szenario, wie von Alfred Kubin gemalt. Es heißt, die Angst vor dem Sterben sei größer als die vor dem Tod. Gilt das für das eigene Sterben oder auch für das Sterben anderer?
Noch immer ist der Tod der blinde Fleck eines Lebens im Betriebssystem der allgemeinen Optimierung, noch immer bleibt er die größte narzisstische Kränkung des auf seine Autonomie pochenden Individuums.7
Dieser Gedanke, verbunden mit Not und Angst, steht plötzlich im Widerspruch zu dem, was man mich zu glauben gelehrt hat: dass mein Glaube mir die Angst vor dem Sterben und dem Tod nimmt. Vielleicht gut gemeint, doch nun spüre ich etwas anderes. Oder hat mein Glaube vielleicht diverse Schwachstellen, die sich jetzt bitter rächen?
Aber wenn man alleine ist, und es ist Nacht und so dunkel und still, dass man nichts hört und nicht sieht als die Gedanken, welche Lebensjahre addieren und subtrahieren, als die lange Reihe jener unangenehmen Tatsachen, welche erbarmungslos beweisen, wie weit der Zeiger der Uhr vorgerückt ist, als das langsame und unaufhaltsame Näherkommen jener schwarzen Wand, welche alles, was ich liebe, wünsche, besitze, hoffe und erstrebe, endgültig verschlingen wird, dann verkriechen sich alle Lebensweisheiten in ein unauffindbares Versteck, und Angst fällt auf den Schlaflosen wie eine erstickende Decke.8
Doch woran soll ich in diesem Moment glauben? Vater unser im Himmel … Heilige Maria, Mutter Gottes … alte Gebete schwirren mir durch den Kopf, ohne auch nur annähernd etwas von ihrem Sinn preiszugeben. Mantras in einer alten Sprache. Ich muss daran denken, wie ich als Kind den Kirchenliedern lauschte, obschon ich ihre Bedeutung nicht erfasste. Und ich höre dich, Vater, mitschmettern. Du hast nicht immer den richtigen Ton getroffen, aber es war ein Singen voller Inbrunst und Leidenschaft. Und immer hatten diese Texte und Melodien etwas Beruhigendes. Noch heute! Also bete ich innerlich. Ich bete … ja warum … um mich zu beruhigen? Oder um darum zu beten = bitten, mit dem Sterben zu warten, bis ich angekommen bin? Automatismen, die mir schon als kleiner Junge geholfen haben, in schlaflosen Nächten zur Ruhe zu kommen. Etwas Bekanntes, das mir nun hilft, meinen Wagen in eine unbekannte Welt zu lenken, für die es keinen Navigator oder Straßenatlas gibt.
Kann vielleicht jemand – ausnahmsweise – den Zeiger der Weltuhr anhalten?
Die Landschaft gleitet an mir vorüber, als sei es eine Szene aus einem Film von David Lynch. Eine Schwarz-Weiß-Version mit pointierten Farbschattierungen. Noch nie habe ich bei meiner täglichen Fahrt von der Arbeit nach Hause wirklich auf das geachtet, was rechts und links des Weges liegt. Natürlich weiß ich, jetzt kommt das Haus mit dem eingefallenen Dach, jetzt der Wald mit der Holzhütte, jetzt der Bahnübergang … Heute sind all diese Anblicke vertraute Wegbegleiter, die Kulisse meines eigenen Films in meinem Kopf. Sie sind da und dennoch so weit entfernt. Es ist, als schauten sie mir dabei zu, wie ich an ihnen vorbei zu meinem sterbenden Vater fahre. Ich, sein jüngster Sohn. Und vielleicht ist es – gerade heute – gut, dass meine Weggefährten: das Haus, der Wald, der Bahnübergang, mich kennen. Ich sie kenne. Überraschungen würden mich aus meinem Drehbuch werfen, denn es gibt darin keinen Eintrag für Überraschungen.
Und mittendrin in diesem Konglomerat von Bildern, Gedanken und Gefühlen spüre ich mich ganz klein. Wie ein winziges Teilchen in einer Spielzeugeisenbahnwelt. Es ist alles nur nachgestellt, nicht wirklich. Und vielleicht beugt sich jeden Moment ein kleiner blonder Junge über mich und die Spielzeugeisenbahnwelt und nimmt mich heraus, um mich woanders zu positionieren. Der kleine Junge hatte eine andere Verwendung für mich, als zum Sterbeort meines Vaters zu fahren. Er wird mich vielleicht zu der anderen Menschengruppe stellen, dem Mann mit der Zeitung, der jungen Frau im sommerleichten Kleid und den anderen, die am Spielzeugbahnhof warten. Ich würde mich gerne zu ihnen gesellen, mit ihnen in den nächsten Zug steigen, wegfahren, egal wohin, und sei es nur auf dem verlässlichen Parcours der Geleise. Immer im Kreis. Sie schienen immer so unbekümmert zu sein. Oder der kleine Junge verstellt die Weichen und gibt meinem Weg eine andere Richtung ….
Doch es erscheint niemand, der mich erlöst und mir die Bürde dieser Fahrt abnimmt. Auch Spielzeugeisenbahnwelten haben keine Verwendung für Söhne auf ihrem Weg zu ihren sterbenden Vätern. Es ist, als vertreibe mich plötzlich jemand aus einem Paradies, aus dem menschlichen Eden der Geborgenheit.
Ich fahre mechanisch. Es gibt einen Zielort. Und es gibt ein Bild von dir in mir. Ein liebevolles Bild. Du lächelst mich an und machst eine Geste, die du so oft gemacht hast:
Es ist alles nicht so schlimm.
Oder vielleicht willst du auch sagen:
Lass dir Zeit. Ich warte.
Geredet hast du schon lange nicht mehr. Deine Krankheit hat dich vor zwei Jahren verstummen lassen. Beinah voll und ganz. Nur manchmal sagtest du etwas Unzusammenhängendes, dagegen überraschtest du mich an anderen Tagen mit einem klaren Satz. Und hin und wieder schautest du durch mich hindurch, als wäre ich aus Glas, als würdest du etwas weit in der Ferne erkennen. Etwas, das hinter mir lag. An deinem Leben hast du mich, hast du uns zum Schluss nicht mehr teilnehmen lassen. Deine Bilder in deinem immer wirrer werdenden Kopf blieben vor unseren Einblicken verborgen. Deine Verwirrtheit war eine Art Sterben in Zeitlupe, ein Leben im kläglichen Noch.
Dann einmal – zu einer Zeit, als du schon sehr durcheinander warst – gab ich dir ein Blatt Papier und einen Stift. Und tatsächlich begannst du zu schreiben. So wie du es immer getan hast: viel zu fest aufdrückend, als müsstest du wie früher auf Durchschlagpapier schreiben. So bildeten manche Buchstaben Löcher auf der Seite. An jenem Tag konnte man nichts erkennen. Es waren unleserliche, krakelige Zeichen, Hieroglyphen aus einer anderen Welt. Lediglich ein Wort, das erste, ergab einen Sinn: „Kartoffel!“ Deine Lieblingsspeise! Nichts ging ohne Kartoffeln. Vielleicht sollte ich dir eines Tages eine Kartoffelpflanze auf dein Grab pflanzen!
Eines Tages?
Gibt es überhaupt einen Moment im Leben, in dem man auf die Nachricht vom Tod eines geliebten Menschen vorbereitet ist? Trifft sie einen nicht immer wie ein Blitzschlag?
Eine unserer Hauptmethoden der Todesleugnung ist der Glaube an eine persönliche Besonderheit, die Überzeugung, dass wir von biologischen Notwendigkeiten ausgenommen sind und das Leben uns nicht ebenso hart mitspielen wird wie allen anderen.9
Plötzlich wird einem mitten im Spielfluss des Daseins die rote oder besser: schwarze Karte gezeigt, und was das Schlimmste ist: Es gibt kein automatisch abspulbares Programm für Sterbebegleitung. Keine Notfalltaste! Die Seite zeigt: Not found … an. Dabei sollte es so etwas geben, ein Vorbereitetsein auf diese letzten Momente, schließlich sind bisher alle Menschen irgendwann und irgendwie gestorben. Dies ist eine unwiderrufliche Tatsache. Für alles gibt es Konzepte und Rezepte. Doch weder Schule noch sonst eine Einrichtung lehrt dich, was du am Ende eines oder deines Lebens zu tun hast. Und keine Lifestyle-Seite gibt Tipps; es gibt keine neuzeitliche Ars moriendi. Kann man lernen, sich mit Gelassenheit dem Ende des Lebens, eines Lebens, zuzuwenden? Wo sind die akzeptablen Bilder von Tod und Sterben, die Lehre vom guten Sterben?
Unter allen Lebewesen könnten wir Menschen als einzige auch vernünftige Sterbewesen sein.10
Doch stattdessen ergreifen mich Fluchtgedanken. Panik. Was weiß ich schon vom Sterben? Man begräbt Ideale („lustiges“ Wortspiel), verbuddelt Kanarienvögel und Mäuse und nimmt im Vorbei-Lesen Anteil am Tod irgendwelcher Berühmtheiten und Nicht-Berühmtheiten. Das Schweigen der Toten, die Chemie des Todes, der schlafende Tod, die Dramaturgie des Todes, lauter spannende Krimis, in denen auf amüsant-unterhaltsame Weise gestorben wird, doch was haben sie mit realem Sterben zu tun? Ein entfernter Onkel gestorben: Ja, war vielleicht gut so, er war schon alt! Die schwarze Traube hinter einem Beerdigungszug in einer fremden Stadt, die sich bedächtig dem Friedhof entgegenbewegt und den Autoverkehr aufhält: ein kurzes Durchatmen. Trauriger Anblick, aber was gehen mich fremde Menschen an? Und beim Telefonat: Hast du schon gehört, Farrah Fawcett ist gestorben. Sagt mir nichts! Auf der letzten Seite der Tageszeitung: Todesanzeigen. „Plötzlich und unerwartet nahm Gott unseren lieben Vater zu sich!“ Schnell weiterblättern. Ich hasse Todesanzeigen.
Doch diese kleinen Tode in unserem Leben sind eine Art Vorgeschmack auf das unvermeidliche Ende. Eine lose, aber lebendige Verbindung mit dem Tod.
Wenn du das Leben aushalten willst,
richte dich auf den Tod ein.11
Unsere Leben sind Flüsse,
die zum Tode führen,
der Leben bedeutet …12
Außerdem:
Unser ganzes Dasein ist flüchtig
wie Wolken im Herbst;
Geburt und Tod der Wesen
erscheinen wie Bewegungen im Tanz.
Ein Leben gleicht dem Blitz am Himmel,
es rauscht vorbei
wie ein Sturzbach den Berg hinab.13
Deine Einstellung zu diesen letzten Dingen, Vater, war eine fast schon humorvolle. Dennoch mochte ich sie nicht. Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Das war dein Spruch, als Papst Paul VI., Heinz Rühmann oder der Nachbar starben. Für mich hatte diese Herangehensweise etwas Lebensabwertendes, wenig Lebensbejahendes. So, als sei es dir egal, wann es mit wem und wann zu Ende geht. Es ist halt nun mal so mit der Endlichkeit. So oder so! Hast du nie am Leben gehangen, so wie ich? War es vielleicht letztlich sogar deine eigene Angst vor dem Sterben, die dich zu solchen Sprüchen verleitet hat? Warst du das Leben vielleicht leid? Wie ist es überhaupt, wenn man sich vom Alter her einem möglichen Todeszeitpunkt nähert?
Nein, ich will, dass das Leben weitergeht. Mit dem Lebensende ist doch alles endgültig vorbei. Ich gönne dem Tod seinen Triumph nicht, ich hasse sein Gehabe als apokalyptischer Reiter, heimtückischer Bogenschütze, verbitte mir seinen makabren Totentanz, sein Verbreiten von Weltuntergangsstimmung, sein dummes Gefidele auf seiner albernen Geige. Sein ranziger Gestank nach Fäulnis ist mir zuwider. Der Tod und all seine unzertrennlichen Begleiter, diese Reminiszenzen an das Sterbenmüssen, und diese impertinenten Vorboten zerstören meine Illusion, ich und mein Körper seien für immer eins.
Überall wird gestorben, doch nur selten denken wir über unsere eigene Sterblichkeit nach. Wir verdrängen diese dunklen Randgebiete unseres Denkens. Finden merkwürdige Begriffe wie:
In die Grube fahren
Wegtreten
Ins Gras beißen
Den Löffel abgeben
Abkratzen
Krepieren
Das Leben aushauchen
Lebwohl sagen
Der Sand im Glase ist abgelaufen
Einen Satz in die Kiste machen
Abkaspern
Über den Jordan gehen
Den großen Abgang machen
In die ewigen Jagdgründe wandern
Abnippeln
Harfe und Flügel fassen
Füße strecken
Die Radieschen von unten anschauen
Der rollende Stein ist in Ruhelage gekommen
Einmal Friedhof einfach!
Oder etwas philosophischer:
die Unmöglichkeit weiterer Möglichkeiten.
Der freie Mensch denkt über nichts weniger nach als über den Tod. Seine Weisheit ist nicht ein Nachsinnen über den Tod, sondern über das Leben.14
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.