Kitabı oku: «Die Welt unter Strom», sayfa 4
„Nach dem ersten und zweiten Experiment“, schrieb Wilson, „beklagte er sich über seine depressive Stimmung, und dass er sich ein wenig unwohl fühlte. Beim vierten Experiment wurde ihm sehr warm und die Venen in seinen Händen und seinem Gesicht schwollen stark an. Der Puls schlug schneller als gewöhnlich und er klagte über einen heftigen Druck auf seinem Herzen (wie er es nannte), was zusammen mit den anderen Symptomen fast vier Stunden andauerte. Als er seine Brust entblößte, schien sie stark entzündet zu sein. Er sagte, dass sein Kopf heftig schmerzte und dass er einen stechenden Schmerz in seinen Augen und seinem Herzen spürte; außerdem schmerzten all seine Gelenke. Als die Venen anschwollen, klagte er über ein Gefühl, das er mit dem des Erwürgens oder einer zu engen Krawatte um den Hals verglich. Die meisten dieser Beschwerden ließen sechs Stunden nach Durchführung der Experimente nach. Die Schmerzen in seinen Gelenken hielten bis zum nächsten Tag an. Zu diesem Zeitpunkt klagte er über Schwäche und war bedacht, sich nicht zu erkälten. Am dritten Tag war er dann fast ganz genesen.
„Die Stromschläge, die er erhielt, waren unbedeutend“, fügte Wilson hinzu, „im Vergleich zu denen, die die meisten Menschen normalerweise bekommen, wenn sie sich an den Händen halten, um aus Neugier den Schaltkreis zu vervollständigen.“19
Auch Morin, der vor 1748 damit aufgehört hatte, sich der Elektrizität auszusetzen, hob die negativen Auswirkungen ausführlich hervor. „Personen, die auf einem Harzkuchen oder auf einem Wollkissen elektrifiziert werden, verhalten sich oft wie Asthmatiker“, stellte er fest. Er berichtete über den Fall eines jungen 30-jährigen Mannes, der nach seiner Elektrifizierung 36 Stunden lang an Fieber und acht Tage lang an Kopfschmerzen litt. Er prangerte die medizinische Elektrizität an und schloss aus seinen eigenen Experimenten mit an Rheuma und Gicht erkrankten Menschen, dass „alle viel mehr als zuvor leiden mussten“. „Die Elektrizität ruft Symptome hervor, denen sich auszusetzen nicht ratsam ist“, sagte er, „weil es nicht immer einfach ist, den Schaden zu reparieren.“ Er missbilligte besonders die medizinische Verwendung der Leidener Flasche. Er erzählte die Geschichte eines Mannes mit einem Ekzem an der Hand, der einen Stromschlag von einer kleinen Flasche mit nur zwei Unzen Wasser erhielt. Zu allem Übel kam daraufhin auch noch ein Schmerz in der Hand dazu, der länger als einen Monat anhielt. „Danach war er nicht mehr so eifrig bestrebt“, sagte Morin, „der Prügelknabe für die elektrischen Phänomene zu sein.“20
Ob die Elektrizität mehr Nutzen als Schaden hatte, war für die Menschen, die zu dieser Zeit lebten, keine unbedeutende Frage.
Morin, der elektrisch empfindlich war, und Nollet, der es nicht war, gerieten zu Beginn des elektrischen Zeitalters in einen Konflikt über die Zukunft unserer Welt. Ihre Debatte trugen die beiden öffentlich in zeitgenössischen Büchern und Zeitschriften aus. Die Elektrizität wurde ja in erster Linie als eine Kraft angesehen, die allen Lebewesen innewohnte, und sie wurde dementsprechend als lebensnotwendig erachtet. In diesem Fahrwasser befand sich Morin. Er betrachtete die Elektrizität als eine Art Atmosphäre, eine Ausströmung, die materielle Körper – einschließlich lebender Körper – umgab und sich anderen in der näheren Umgebung mitteilte.
Er war erschrocken über Nollets Vorstellung, dass Elektrizität stattdessen eine Substanz sein sollte, die in eine Richtung von einem Ort zum anderen fließt. Die, um herauszufließen, von irgendwo anders hereinfließen muss. Eine Substanz, die die Menschheit jetzt eingefangen hatte und die sie nach Belieben überallhin in der Welt senden konnte. Diese Debatte begann im Jahr 1748, nur zwei Jahre nach der Erfindung der Leidener Flasche.
„Es wäre einfach“, prophezeite Nollet mit erstaunlicher Genauigkeit, „eine große Anzahl von Körpern gleichzeitig die Auswirkungen von Elektrizität spüren zu lassen, ohne sie zu bewegen, ohne sie zu stören, selbst wenn sie weit voneinander entfernt sind. Wir wissen nämlich, dass sich diese Kraft durch Ketten oder andere zusammenhängende Körper ganz leicht über die Distanz übertragen lässt. Durch ein paar Metallrohre, einige über große Entfernung gespannte Eisendrähte … tausend andere noch einfachere Mittel, die die gängige Industrie erfinden könnte, würde es gelingen, diese Effekte für die ganze Welt zugänglich zu machen. Und damit auch ihre Verwendung so weit wie gewünscht auszudehnen.“21
Morin war geschockt. Was würde aus denen werden, die in der Nähe einer solchen Stromübertragung wären, dachte er sofort?
„Die lebenden Organismen, die Zuschauer, würden schnell den Geist des Lebens, das Prinzip des Lichts und des Feuers, das sie belebt, verlieren … Das gesamte Universum oder zumindest eine Sphäre von immenser Größe ins Spiel zu bringen, in Aktion zu setzen, in Bewegung zu bringen, nur um einen kleinen elektrischen Funken knistern zu hören oder einen zwölf bis 15 Zentimeter langen strahlenden Heiligenschein am Ende einer Eisenstange zu erzeugen? Das würde wirklich bedeuten, wegen nichts für große Aufregung zu sorgen. Das elektrische Material in das Innere der dichtesten Metalle eindringen zu lassen und es dann ohne einen ersichtlichen Grund ausstrahlen zu lassen? Vielleicht wird sich das letztendlich als etwas Gutes herausstellen, aber die ganze Welt wird dem nicht unbedingt zustimmen.“22
Nollet antwortete mit Sarkasmus: „Wirklich, ich weiß nicht, ob das ganze Universum unbedingt die Experimente fühlen muss, die ich in einer kleinen Ecke der Welt durchführe. Dieses fließende Material beispielsweise, das ich hier aus der Nähe zu meinem Fleckchen auf der Erde führe – wie sollte man denn davon etwas in China spüren? Hey, das wäre allerdings tatsächlich von entscheidender Tragweite! Was würde dann – wie Herr Morin so schön bemerkt – aus den lebenden Organismen, aus den Zuschauern werden!“23 Wie andere Schwarzseher, die vor neuen Technologien warnten, anstatt mit dem Strom mitzuschwimmen, war Morin nicht gerade der beliebteste Wissenschaftler seiner Zeit. Ich habe sogar gelesen, dass ein moderner Historiker ihn als „pompösen Kritiker“ verurteilte, als einen „Gladiator“, der sich gegen den elektrischen Visionär Nollet „erhob“.24 Aber die Unterschiede zwischen den beiden Forschern lagen in ihren Theorien und Schlussfolgerungen, nicht in den Tatsachen, die ihnen als Ausgangsbasis dienten. Die Nebenwirkungen von Elektrizität waren jedem bekannt – das änderte sich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
George Beard und Alphonso Rockwells maßgebliches Lehrbuch Medical and Surgical Electricity über medizinische und chirurgische Elektrizität aus dem Jahr 1881 widmete diesen Phänomenen zehn Seiten. Die Begriffe, die sie verwendeten, waren „Elektroempfänglichkeit“, bezogen auf diejenigen, die leicht durch Elektrizität verletzt werden konnten, und „Elektrosensibilität“ für diejenigen, die Elektrizität in einem ungewöhnlich starken Ausmaß wahrnahmen. 130 Jahre nach Morins ersten Warnungen sagten diese Ärzte: „Es gibt Personen, die durch Elektrizität immer verletzt werden. Der einzige Unterschied in der Auswirkung zwischen einer schwächeren und einer stärkeren Anwendung besteht darin, dass die Erstere weniger verletzend ist als die Letztere. Es gibt Patienten, bei denen jegliche elektrotherapeutischen Fähigkeiten und Erfahrungen erfolglos sind. Ihre Temperamente sind unvereinbar mit Elektrizität, sie stehen einfach nicht im Einklang mit ihr. Es spielt keine Rolle, welche spezielle Krankheit oder Symptome einer Krankheit sie haben – Lähmungen oder Neuralgien oder Neurasthenien oder Hysterie oder Erkrankungen bestimmter Organe – die unmittelbaren und dauerhaften Auswirkungen einer Galvanisierung oder Faradisierung, ob allgemein oder lokalisiert, sind schlimm – und zwar uneingeschränkt schlimm.“ Die Symptome, auf die man achten sollte, waren die gleichen wie im vorigen Jahrhundert: Kopf- und Rückenschmerzen; Reizbarkeit und Schlaflosigkeit; allgemeines Unwohlsein; Erregung oder Verschlimmerung von Schmerzen; gefährliche Erhöhung des Pulses; Frösteln wie zu Beginn einer Erkältung; Schmerzen, Steifheit und dumpfer Schmerz; starke Schweißausbrüche; Taubheit; Muskelkrämpfe; Licht- oder Geräuschempfindlichkeit; metallischer Geschmack und Ohrengeräusche.
Die Elektroanfälligkeit komme verstärkt in Familien vor, sagten Beard und Rockwell, und sie machten die gleichen Beobachtungen hinsichtlich Geschlecht und Alter, die die ersten Elektropraktiker gemacht hatten: Frauen waren im Durchschnitt etwas empfänglicher für Elektrizität als Männer und aktive Erwachsene zwischen zwanzig und fünfzig Jahren kamen mit der Elektrizität schlechter zurecht als andere Altersgruppen.
Wie bereits Humboldt waren auch sie über die Menschen erstaunt, die gegenüber elektrischer Energie unempfindlich waren. „Es sollte hinzugefügt werden“, sagten sie, „dass manche Menschen von Elektrizität unberührt bleiben – sie können sehr häufig und für lange Anwendungen fast jede Stromstärke aushalten, ohne dass dadurch weder eine gute noch eine schlimme Reaktion ausgelöst wird. Sie können der Elektrizität in unbegrenztem Maße ausgesetzt werden. Sie können förmlich damit durchtränkt werden, ohne dass es ihnen nach den Anwendungen in irgendeiner Weise besser oder schlechter geht. Sie waren frustriert darüber, dass es keine Möglichkeit gab, vorherzusagen, ob eine Person mit Elektrizität im Einklang stand oder nicht. „Einige Frauen“, stellten sie fest, „selbst diejenigen, die außerordentlich feingliedrig sind, können enorme Mengen an Elektrizität ertragen, während einige Männer, die sehr robust sind, überhaupt keine ertragen können.“25
Offensichtlich ist Elektrizität kein gewöhnlicher Stressfaktor, obgleich viele moderne Ärzte – sofern sie überhaupt anerkennen, dass die Elektrizität unsere Gesundheit beeinträchtigt – dies glauben. Wir würden einen Fehler machen, wenn wir von der Anfälligkeit für Elektrizität auf den Gesundheitszustand einer Person schließen würden.
Beard und Rockwell gaben noch keine Schätzungen über die Anzahl der Menschen ab, die nicht im Einklang mit Elektrizität stehen. Im Jahr 1892 berichtete der Ohrenarzt Auguste Morel jedoch, dass bei zwölf Prozent der gesunden Probanden die Wahrnehmungsschwelle zumindest für den hörbaren Effekt von Elektrizität sehr niedrig wäre. Mit anderen Worten: Zwölf Prozent der Bevölkerung waren und sind vermutlich immer noch in der Lage, ungewöhnlich niedrige elektrische Ströme zu hören.
Wetterempfindlichkeit
Im Gegensatz zur elektrischen Empfindlichkeit an sich, hat die Erforschung der menschlichen Sensitivität gegenüber dem Wetter eine lange und ehrwürdige Tradition. Sie reicht 5.000 Jahre zurück und begann in Mesopotamien sowie vor möglicherweise genauso langer Zeit in China und Ägypten. In seiner Abhandlung Über Luft, Wasser und Orte, die um 400 v. Chr. geschrieben wurde, sagte Hippokrates, dass das menschliche Befinden weitgehend vom Klima des Ortes, an dem man lebt, und seinen Nuancen bestimmt wird. Dieser Fachbereich – obgleich ignoriert und unterfinanziert – hat sich fest etabliert. Allerdings verbirgt der Name dieser Wissenschaft, „Biometeorologie“, ein offenes Geheimnis: Etwa 30 Prozent jeder Bevölkerung, unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft, sind wetterempfindlich. In einigen Lehrbüchern dieses Faches werden sie deshalb als elektrisch empfindlich eingestuft.26
Die Internationale Gesellschaft für Biometeorologie wurde im Jahr 1956 vom niederländischen Geophysiker Solco Tromp mit Sitz in Leiden gegründet. Wie passend! Die Stadt also, die vor über zwei Jahrhunderten das elektrische Zeitalter einleitete. Und für die nächsten 40 Jahre – bis die Mobilfunkunternehmen Druck auf Forscher ausübten, einer gesamten, längst etablierten wissenschaftlichen Disziplin den Rücken zuzukehren27 – waren Bioelektrizität und Biomagnetismus Gegenstand intensiver Forschung. Beide Disziplinen standen im Mittelpunkt von einer der zehn ständigen Forschungsgruppen der Gesellschaft. Im Jahr 1972 fand in den Niederlanden ein internationales Symposium über die „biologischen Auswirkungen natürlicher elektrischer, magnetischer und elektromagnetischer Felder“ statt. Im Jahr 1985 widmete sich die Herbstausgabe des International Journal of Biometeorology ausschließlich den Auswirkungen von Luftionen und atmosphärischer Elektrizität.
„Wir tun den elektrosensitiven Patienten eine große Ungerechtigkeit an“, schrieb Felix Gad Sulman, „wenn wir sie als psychiatrische Patienten behandeln.“ Sulman war Arzt am Hadassah University Medical Center in Jerusalem und Vorsitzender der Abteilung für Bioklimatologie der Medizinischen Fakultät. Im Jahr 1980 veröffentlichte er eine 400-seitige Monografie über die Auswirkungen von Luftionisation, elektrischen Feldern, atmosphärischen Störungen und anderen elektrischen Phänomenen auf Mensch und Tier (The Effects of Air Ionization, Electric Fields, Atmospherics and Other Electric Phenomena on Man and Animal). Sulman hatte zusammen mit 15 Kollegen aus anderen medizinischen und technischen Bereichen über einen Zeitraum von 15 Jahren 935 wetterempfindliche Patienten untersucht. Eine ihrer faszinierendsten Erkenntnisse war, dass 80 Prozent dieser Patienten Wetteränderungen zwölf bis 48 Stunden vor ihrem Eintritt vorhersagen konnten. „Die ‚prophetischen, Patienten waren alle empfindlich gegenüber den elektrischen Veränderungen, die dem Eintreffen eines Wetterwechsels vorangehen“, schrieb Sulman. „Sie reagierten durch Serotoninfreisetzung auf Ione und atmosphärische Störungen, die von Natur aus mit der Geschwindigkeit von Elektrizität ankommen, und zwar vor dem schleppenden Tempo von Wetterwinden.“28
Jetzt versteckte sich die Wetterempfindlichkeit nicht mehr hinter der jahrhundertealten Mauer, die aus nebulösem medizinischem Hörensagen gebaut worden war. Sie wurde nunmehr dem Licht strenger Laboranalysen ausgesetzt. Dies brachte das Gebiet der Biometeorologie jedoch auf einen Kollisionskurs mit dem aufkommenden technologischen Fortschritt. Wenn ein Drittel der Weltbevölkerung so empfindlich auf den sanften Ionenfluss und die subtilen elektromagnetischen Launen der Atmosphäre reagiert – was müssen uns dann erst die unaufhörlichen Ionenflüsse unserer Computerbildschirme und die turbulenten Emissionsstürme von unseren Handys, Funktürmen und Stromleitungen antun? Wir weigern uns, den Zusammenhang zu sehen. Der 19. Internationale Kongress für Biometeorologie fand im September 2008 in Tokio statt. Hier teilte Hans Richner, Professor für Physik an der Schweizer Eidgenössischen Technischen Hochschule, seinen Kollegen tatsächlich mit, dass – weil Mobiltelefone nicht gefährlich seien und ihre elektromagnetischen Felder so viel stärker wären als die aus der Atmosphäre – die jahrzehntelange Forschung falsch läge. Biometeorologen sollten die menschlichen Wechselwirkungen mit elektrischen Feldern nicht weiterverfolgen.29 Mit anderen Worten: Da wir alle Mobiltelefone verwenden, müssen wir davon ausgehen, dass sie sicher sind. Ergo konnten alle Wirkungen auf Menschen, Pflanzen und Tiere aus rein atmosphärischen Feldern, über die in Hunderten von Labors berichtet wurde, schlichtweg gar nicht passiert sein! Es ist kein Wunder, dass der langjährige biometeorologische Forscher Michael Persinger, Professor an der Laurentian University in Ontario, sagt, dass man sich offensichtlich von der wissenschaftlichen Methode abgewandt hat.30
Aber im 18. Jahrhundert stellten Elektropraktiker diesen Zusammenhang durchaus her. Die Reaktionen ihrer Patienten auf die Reibungsmaschine werfen ein neues Licht auf ein uraltes Rätsel. Das Problem wurde von Mauduyt formuliert. „Menschen und Tiere“, erklärte er, „fühlen sich an stürmischen Tagen schwächer und träger. Diese Niedergeschlagenheit erreicht ihren Höhepunkt direkt vor dem Sturm und nimmt kurz nach seinem Ausbruch wieder ab, insbesondere, wenn dabei eine bestimmte Menge Regen gefallen ist; sie löst sich auf und geht damit zu Ende. Diese Tatsache ist bekannt, absolut wichtig und hat Ärzte lange Zeit beschäftigt, ohne dass sie eine ausreichende Erklärung dafür finden konnten.“31
Die Antwort, sagte Bertholon, lag jetzt auf der Hand: „Atmosphärische Elektrizität und künstliche Elektrizität hängen von ein und demselben Fluidum ab, das verschiedene Auswirkungen auf die Tierwirtschaft hat. Eine durch das Bad isolierte und elektrisierte Person ist wie jemand, der auf der Erde steht, wenn diese übermäßig elektrifiziert ist. Beide sind bis an ihre Grenze mit dem elektrischen Fluidum gefüllt. Es sammelt sich auf gleiche Weise um sie herum an.“32 Der von einer Maschine erzeugte Stromkreis war ein Mikrokosmos des von Himmel und der Erde geschaffenen großen Stromkreises.
Der italienische Physiker Giambatista Beccaria beschrieb den globalen Stromkreis in überraschend moderner Ausdrucksweise (siehe KAPITEL 9). „Vor dem Regen“, schrieb er, „entweicht eine Menge elektrischer Materie an einer Stelle aus der Erde, an dem es eine Redundanz davon gab. Dann steigt sie in die höheren Regionen der Luft auf … Die Regen bringenden Wolken entleeren sich über jene Teile der Erde, die mit dem elektrischen Feuer überfüllt sind, hin zu jenen Teilen, die davon erschöpft sind. Indem sie ihren Regen fallen lassen, stellen sie das Gleichgewicht zwischen ihnen wieder her.“33
Wissenschaftler des 18. Jahrhunderts waren nicht die ersten, die dies entdeckten. Das chinesische Modell, das im Klassiker des Gelben Kaisers zur Inneren Medizin aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. formuliert wurde, ist ganz ähnlich. Hierzu muss man sich nur vor Augen halten, dass „Qi“ die Elektrizität bedeutet und dass „Yin“ und „Yang“ negativ und positiv meinen – schon ist die Sprache fast identisch: „Das reine Yang bildet den Himmel und das trübe Yin bildet die Erde. Das Qi der Erde steigt auf und verwandelt sich in Wolken, während das Qi des Himmels herabsteigt und sich in Regen verwandelt.“34
Zu den berühmten wetterempfindlichen – und daher elektrisch empfindlichen Personen – gehörten Lord Byron, Christoph Kolumbus, Dante, Charles Darwin, Benjamin Franklin, Goethe, Victor Hugo, Leonardo da Vinci, Martin Luther, Michelangelo, Mozart, Napoleon, Rousseau und Voltaire.35
KAPITEL 4
Die falsche Abzweigung
Die europäische Wissenschaft sah sich während der 1790er-Jahre mit einer Identitätskrise konfrontiert. Seit Jahrhunderten spekulierten Philosophen über die Natur von vier mysteriösen Substanzen, die die Welt belebten: Licht, Elektrizität, Magnetismus und Wärme. Es wurde allgemein angenommen, dass die vier Fluida irgendwie miteinander in Bezug standen, aber es war die Elektrizität, die am offensichtlichsten mit dem Leben verbunden war. Nur die Elektrizität brachte Bewegung in Nerven und Muskeln und ließ das Herz pulsieren. Die Elektrizität donnerte vom Himmel und sorgte dafür, dass Winde wirbelten, Wolken sich auftürmten und Regen auf die Erde prasselte. Das Leben an sich war Bewegung und die Elektrizität setzte alles in Gang.
Die Elektrizität war „ein elektrischer und dehnbarer Geist“, durch den „alle Empfindungen erregt werden. Die animalischen Körperglieder bewegen sich nämlich auf Befehl des Willens durch die Schwingungen dieses Geistes. Diese Schwingungen lösen sich gegenseitig entlang der festen Neurofilamente aus und verteilen sich von den äußeren Sinnesorganen zum Gehirn und vom Gehirn in die Muskeln.“1 So Isaac Newton im Jahr 1713. Und im nächsten Jahrhundert waren nur wenige anderer Meinung.
Die Elektrizität war
„ein Element, das für uns inniger ist als die Luft, die wir atmen.“
Abbé Nollet, 1746 2
„das Prinzip der animalischen Funktionen, das Instrument des Willens und das Vehikel der Empfindungen.“
Marcelin Ducarla-Bonifas, französischer Physiker, 17793
„das Feuer, das alle Körper brauchen und das ihnen Leben gibt … das sowohl an bekannte Materie gebunden als auch von ihr getrennt ist.“
Voltaire, 17724
„eines der Prinzipien der Vegetation; sie befruchtet unsere Felder, unsere Reben, unsere Obstgärten und bringt Fruchtbarkeit in die Tiefen der Gewässer.“
Dr. Jean-Paul Marat, 17825
„die Seele des Universums“, die „das Leben in der ganzen Natur erzeugt und erhält, sowohl bei Tieren als auch bei Pflanzen.“
John Wesley, Gründer der Methodistenkirche, 17606
Dann kam Luigi Galvanis atemberaubende Bekanntmachung, dass das bloße Berühren eines Eisendrahtes mit einem Messinghaken dazu führte, dass sich das Bein eines Frosches zusammenzog. Galvani, ein bis dahin eher unauffälliger Professor für Geburtshilfe am Institut der Wissenschaften von Bologna, war der Meinung, dass sich hier ein interessantes physiologisches Phänomen zeigte: Jede Muskelfaser musste wohl selbst so etwas wie eine organische Leidener Flasche sein und Elektrizität besitzen. Der in seinen Experimenten erzeugte metallische Stromkreislauf, so argumentierte er, setzte diese „animalische Elektrizität“, die vom Gehirn erzeugt und in den Muskeln gespeichert wurde, nur noch frei. Die Funktion der Nerven bestand folglich darin, diese gespeicherte Elektrizität zu entladen. Die unterschiedlichen Metalle, die in direktem Kontakt mit dem Muskel standen, ahmten dabei auf irgendeine Weise die natürliche Funktion der eigenen Nerven des Tieres nach.
Aber Galvanis Landsmann Alessandro Volta vertrat eine entgegengesetzte und zu dieser Zeit ketzerische Meinung. Der elektrische Strom ging seiner Meinung nach nicht vom Tier aus, sondern von den unterschiedlichen Metallen selbst. Die Zuckungen waren laut Volta ausschließlich auf den äußeren Reiz zurückzuführen. Darüber hinaus, verkündete er, existiere die „animalische Elektrizität“ nicht einmal. Den Beweis hierfür erbrachte er mit seiner bedeutsamen Demonstration, dass der elektrische Strom durch den Kontakt verschiedener Metalle allein erzeugt werden konnte – ohne das Mitwirken eines Tieres.
Die beiden Kontrahenten repräsentierten offensichtlich zwei verschiedene Weltanschauungen: Der als Arzt ausgebildete Galvani verankerte seine Erklärungen in der Biologie. Seiner Meinung nach waren die Metalle mit einem lebenden Organismus verbunden. Volta, der autodidaktische Physiker, sah genau das Gegenteil: Der Frosch war lediglich eine Erweiterung des unbelebten metallischen Stromkreislaufs. Für Volta war der Kontakt eines Leiters mit einem anderen ausschlaggebend, und zwar sogar für die Elektrizität, die sich im Tier zeigte: Muskeln und Nerven waren praktisch nur feuchte Leiter und somit lediglich eine andere Art elektrischer Batterie.
Ihr Streit war nicht nur ein Beispiel für einen Konflikt zwischen Wissenschaftlern oder zwischen Theorien. Hier prallten die Jahrhunderte aufeinander, der Mechanismus auf der einen Seite und der menschliche Geist auf der anderen Seite gerieten in Konflikt miteinander – ein existenzieller Kampf, der Ende der 1790er-Jahre das Grundgerüst der westlichen Zivilisation ins Wanken brachte. Kurz darauf sollten sich Handweber gegen mechanische Webstühle auflehnen, aber ihr Aufstand war zum Scheitern verurteilt. In der Wissenschaft wie im Alltag verdrängten und verschleierten materielle Interessen immer mehr die realen Lebensbedingungen der Menschen.
Natürlich gewann Volta den Kampf. Seine Erfindung der elektrischen Batterie gab der industriellen Revolution einen enormen Auftrieb. Sein Beharren darauf, dass Elektrizität nichts mit einem belebten Körper an sich zu tun hatte, trug auch dazu bei, dass Elektrizität fortan in eine andere Richtung gelenkt wurde. Diese Fehlentscheidung ermöglichte es der Gesellschaft, Elektrizität auf industrieller Ebene zu nutzen – die Welt zu verdrahten, wie Nollet es sich vorgestellt hatte –, ohne sich über die Auswirkungen eines solchen Unterfangens auf Biologie und Leben, Gedanken zu machen. Und das war auch der Freifahrtschein, um das gesammelte Wissen der Elektropraktiker des 18. Jahrhunderts zu ignorieren.
Schließlich erschienen die italienischen Physiker Leopoldo Nobili und Carlo Matteucci und auch ein deutscher Physiologe namens Emil du Bois-Reymond auf der Bildfläche. Wenn wir dem, was wir in den Lehrbüchern lesen, Vertrauen schenken können, dann haben diese drei bewiesen, dass die Elektrizität doch etwas mit dem Leben zu tun hatte und dass Nerven und Muskeln nicht nur feuchte Leiter waren. Aber das mechanistische Dogma war bereits fest verankert und widerstand allen Versuchen, die Verbindung zwischen Leben und Elektrizität wieder gebührend herzustellen. Der Vitalismus wurde dauerhaft in den Bereich der Religion, in das Reich des Unwesentlichen, verbannt und für immer von der Domäne der ernsthaften, aufklärenden Wissenschaft ausgeschlossen. Experimentell nachweisen ließ sich die Kraft, die hinter allem Leben steckt, jedenfalls nicht – sofern es sie überhaupt gab. Keineswegs konnte es sich dabei um dieselbe Substanz handeln, die Elektromotoren drehte, Glühbirnen erleuchten ließ und Tausende von Kilometern auf Kupferdrähten zurücklegte. Ja, man hatte endlich die Elektrizität in den Nerven und Muskeln entdeckt. Aber ihre Aktion war nur ein Signal des transmembranen Transports der Natrium- und Kaliumionen und der Neurotransmitter über den synaptischen Spalt. Die Chemie stand jetzt hoch im Kurs – sie war der fruchtbare, scheinbar endlose wissenschaftliche Boden, der die gesamte Biologie, die gesamte Physiologie nährte. Dass es Kräfte geben könnte, die aus der Ferne auf das Leben einwirkten, dies wurde dabei völlig beiseitegeschoben.
Eine andere, noch bedeutendere Veränderung, geschah nach 1800: Nach und nach vergaßen die Menschen sogar, sich über die eigentliche Natur der Elektrizität Gedanken zu machen. Man begann nunmehr mit der Errichtung eines permanenten elektrischen Bauwerks, dessen Einflüsse überall schleichend Fuß fassten, ohne dass man die Konsequenzen bemerkte oder darüber nachdachte. Anders ausgedrückt: Obwohl diese Konsequenzen bis ins kleinste Detail aufgezeichnet wurden, fehlte das Verständnis für das, was da eigentlich gebaut wurde.